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Nr. 112 Zweites Blatt

Gießen« Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, (8.Mai 1937

gewünscht. Knaben

Aus der Stadt Gießen

Wie

P. B.

Gäste". Glück um

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag. Stadttheater: 20 bis 22.30 UhrStille

a 15 Mädchen zur Adoption gemeldet werden. Wer daher ein Mädchen annehmen will, muß mit einer längeren Wartezeit rechnen. Hinsichtlich des Wunsches nach einer Vollwaisen wird von der Reichsadoptionsstelle der NSV. immer wieder dar­aus hingewiesen werden, daß in diesen, übrigens seltenen Fällen, am wenigsten Gewähr besteht, daß das Kind völlig gesund ist und nicht durch die häu­fig an einer Infektionskrankheit verstorbenen Q^ern infiziert worden ist.

Besonders gelagert sind die Adoptionen un­ehelicher Kinder. Voraus ist zu sagen: Un­eheliche Geburt, aus der dem Adoptivkinds später keine^Nachteile erwachsen, und sogenannte einfache Herkunft dürfen nicht von der Annahme eines Kin­des zurückhalten. Die Hauptsache ist auch hier wiederum, daß die Eltern erbgesund und anständi­gen Charakters sind. Lange Erfahrungen haben ge­zeigt, daß Kinder, die aus gesunden, wenn auch

bis diese den Zeitpunkt für gekommen erachten, chm von der Tatsache der Adoption Mitteilung zu machen. t

Ginster und Goldregen.

lo-dernde Freudenfeuer brennen überall an

Die meisten, die ein Kind adoptieren wollen, wün­schen sich ein Mädchen im Alter von zwei bis drei Jahren. Am liebsten wird eine Vollwaise Die Praxis hat aber ergeben, daß mehr

Gloria-Palast, Seltersweg:Krach und Künnemann". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Der Mann, von dem man spricht".

Zladtlheater Gießen.

Heute abend findet die letzte Wiederholung der KomödieStille Gäste" von Richard Dillinger statt.

und Sonnenkraft, künden weithin leuchtebd die strahlende Lebensfreude des Mai.

Waldrändern und Hängen, auf rauhen Halden, wie auf unfruchtbarem Sandboden die Ginsterbüsche. Mit der Gewalt von Stichflammen scheinen sie aus den geborstenen Adern der Erde emporgeschlagen zu sein. Man sieht mit einem Blick die Kraft des Auftriebs, die sich durch nichts zurückdämmen ließ. Die fünfkantia geschliffenen Zweige, wie Dolche zum Durchstoß geschaffen, sind nach allen Seiten aezückt und erobern sich mit wachsender Angriffslust von Tag zu Tag mehr Lebensraum. Und die zu Dornen umgewandelten Kurztriebe steigern noch den Aus­druck des kämpferischen Willens und der zähen Selbstbehauptung. Hoch recken sich die Blütenschäfte mit den traubig gehäuften Goldflammen. Wie bren­nende Fackeln bei einer Siegesfeier. Der härteste Boden wurde bezwungen, die steinigste Erdkruste durchlöchert. Gesammelte Kraft wohnt in jedem Feuerbusch, die man um so staunender gewahr wird, je näher man sich mit ihm befaßt. Da er dem trockenen Boden wenig Feuchtigkeit entziehen kann, darf er nur sparsam Wasser verdunsten und bildet darum winzige Blätter. Bei der Bestäubung durch Bienen und Hummeln wirkt jede Blüte tätig mit. Sie ist nicht von vornherein so eingerichtet, daß das einkriechende Insekt die Staubpollen streift, und überläßt es auch nicht dem Zufall, daß der Honig­näscher die Zeche mit dem kleinen Liebesdienst be­zahlt, sondern jedem Gast schnellen mit einer über­raschenden Federwirkung Staubblätter und Stempel entgegen und beschütten ihn durch ein explosions­artiges Platzen der Pollen von unten her mit Blüten- staub. Danach schließt sich die Blüte nicht mehr. Der gleiche Vorgang vollzieht sich, wenn man die Blüte täuscht und mit dem Finger Flügel und Schiffchen der Schmetterlingsform niederdrückt. Aber auch damit gibt sich die Lebensenergie des Ginsters noch nicht zufrieden. Noch immer denkt er weiter daran, sich und seine Art zu behaupten und stark zu machen. Wenn sich die Hülsen zur Zeit der Reife bräunen, rollen sie sich schraubenartig zusammen, so

Wer Einblick in das freudlose Dasein jener Kin­der genommen hat, denen das Schicksal ein Eltern­haus versagte, wird verstehen, daß die N a t i o - nalsozialistische Volkswohlfahrt sich die Betreuung gerade dieser Kinder besonders an­gelegen sein läßt und dafür sorgt, ihnen auf dem Wege der Adoption ein Elternhaus zu verschaf­fen. Dieser Fürsorge um die Kinder ohne Eltern­haus kommt der Wunsch vieler Ehepaare entgegen, die, weil ohne eigene Nachkommen, sicjf nach einem Kinde sehnen.

In vergangenen Zeiten hatte dieses Verlangen kinderloser Ehepaare oft zuwilden" Adoptions­oermittlungen, bei denen der Verdienst höher stand als die Sorge um die Kinder, geführt. Auch die frühere Adoptionsstelle der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge, die späterhin vom Roten Kreuz übernommen wurde, hatte den gewerbsmäßigen Adoptionsvermittlern nicht Einhalt gebieten können.

Erst mit der Schaffung der Reichsadop­tion s st e l l e der NSV. ist für die Annahme an Kindes Statt eine Organisation ins Leben gerufen worden, die sowohl den elternlosen Kindern wie den kinderlosen Ehepaaren selbstlos dient, die aber auch die Belange des völkischen Staates wahrt. Denn auch bei der Adoption müssen alle Maßnahmen er­griffen wevden, um dem deutschen Volke einen erb- gesunden Nachwuchs zu sichern. So ist ober­ster Grundsatz, daß in eine gesunde deutsche Fa­milie selbstverständlich nur ein erbgesundes Kind als künftiger Träger des Familiennamens verpflanzt werden darf, und ebenso umgekehrt kein ebbgesundes Kind in eine ungesunde Umgebung versetzt wird.

Wer darf ein Kind adoptieren? Nur solche ver­heirateten aber auch unverheirateten Frauen und Männer, die keine leiblichen, lebenden Kinder be­sitzen und aller Voraussicht nach auch keine mehr zu erwarten haben. Notwendig ist der Nachweis arischer Abstammung und Erbgesundheit. Nun kennt die Erbgesundheitswissenschaft aber auch Men­schen, die, ohne selbst krank zu sein, Träger einer Erbkrankheit sind. Wie steht es mit diesen Män­nern und Frauen? Auch sie dürfen Kinder adoptie­ren, vorausgesetzt, daß ihre Erziehungsfähigkeit nicht beeinträchtigt ist.

Da überhaupt nur charakterlich ein­wandfreie Menschen erziehungsbefähigt sind, so werden von der Reichsadoptionsstelle der NSV. gewissenhafte Erkundigungen hinsichtlich der Lebens­führung, der Familiengeschichte, der politischen Zu­verlässigkeit und der wirtschaftlichen Lage der künf­tigen Adoptiveltern eingezogen, damit das Kind in einer geordneten, freundlichen' und gesundheitlich günstigen Umgebung aufwachsen kann.

Das gleiche gilt sinngemäß auch für das Kind, das adoptiert werden soll. Denn auch die Adoptiv­eltern haben den Wunsch, ein gesundes Kind mit guten geistigen und seelischen Anlagen zu ihrem Erben und Träger ihres Namens zu machen. So werden denn auch über die Persönlichkeit der (leib­lichen) Kindeseltern eingehende Erhebungen durch- aefuhrt. Hierbei steht das Amt für Volksge­sundheit und die Reichs stelle für Sip­penforschung helfend zur Seite. Der Adop- tionsvertrag wird nicht eher abgeschlossen, als bis das Kind laufen und sprechen kann, also erst dann, wenn die wichtigsten Merkmale seiner körperlichen und geistigen Anlagen genügend beurteilt werden können. Jeder Adoption geht ein P r ob e h a l b - fahr voraus, während dem sich die Adoptiveltern darüber klar werden können, ob sie das ihnen über­gebene Pflegekind auch als eigen annehmen wollen. Ist das Kind adoptiert, so soll es in dem Glauben aufwachsen, das leibliche Kind seiner Eltern zu sein.

daß die Schalen platzen und die Samen weit fort­geschleudert werden. Ginsterblüten sind flammende Erd kraft.

Der Goldregen dagegen ist, obschon die Blüten nach Farbe und Form die gleichen sind, das, was sein Name sagt: ein goldner Regen. Die Blüten- traube der großen Sträucher oder kleinen Bäume sprüht nicht von unten nach oben wie züngelndes Feuer, sondern sie perlt in anmutigem Fall hand­lang über die Zweige. Als sei das niederrieselnde Sonnenlicht da und dort von dem grünen Geblätter abgesprungen und habe sich an bestimmten Stellen zu diesen zierlichen Goldkaskaden gesammelt. Die einzelnen Tropfen sind so zart und leicht, daß man nicht hört, wenn einer von ihnen sich löst und an die Erde prallt. Goldregen ist Sonnenfeuer. In den Kuppeln seines Laubs hat es der Strauch aufge­fangen und läßt es spielerisch von den Zweigenden niedergleiten. Aber er scheint nur ein verschwende­risch Schenkender, einer, der im Rausch des Blüten­glücks vergeudet und nicht an das Morgen denkt. In Wirklichkeit ist auch er von heißem Lebens­willen erfüllt. Aber da er nicht das jugendliche Tem­perament des Ginsters besitzt, der seine Samen kraftvoll in die Winde streut, senkt er schon die Blüte mit sanfter Geste erdwärts, wohin die reifen Hülsen sich einmal entleeren sollen. Und damit seine zarte Pracht vor Zerstörung sicher sei, hält er sich durch Gift in Laub, Blüten und Samen seine' Feinde fern.

Ginster und Goldregen, Sinnbilder der Erdkraft

Kinder ohne Elternhaus.

Aus der Praxis der Reichsadoptionsstelle der NSV.

einfachen Verhältnissen stammen, sich durchweg über alles Erwarten gut entwickelt haben. Wenn Adop­tivkinder nicht guteingeschlagen" sind, so haben die jetzt nachträglich unternommenen Nachforschungen ergeben, daß bei den Kindeseltern stets bedenkliche Veranlagungen vorlagen, die sich also vererbten, oder daß der Vater nicht festzustellen war, demnach Nachforschungen nach ihm und seiner vermutlichen Minderveranlagung nicht möglich waren.

Auch heute ist der Vater unehelicher Kinder nicht immer festzustellen. Solche Kinder, deren Entwick­lung also zweifelhaft ist, werden zunächst nur in unentgeltliche Dauerpfleye" gegeben, wobei ein Pflegekindschaftsvertrag abge­schlossen wird. Erst wenn bis zur Pubertätszeit, in der erfahrungsgemäß meist ein klares Bild über Art und Wesen der jungen Menschen hervortritt, die Entwicklung befriedigend verlaufen ist, kann die Adoption erfolgen.

Das Amtsgericht, das die Adoption durchführt, arbeitet in enger Fühlung mit der Reichsadoptions­stelle der NSV., um unerwünschte Adoptionen zu verhindern. Vollends unerwünscht sind jeneN a - m e n s a d o p t i o n e n", die einstmals sehrim Schwung" waren. Der Reichsadoptionsstelle der NSV. kommt es nicht darauf an, künstlicheBa­rone" undGrasen" zu züchten, sondern nur dar­auf, mitzuhelfen, daß den vom Schicksal benachteilig­ten Kindern ohne Elternhaus das Glück zuteil wird, im Schoße einer befriedeten Familie zu einem nütz­lichen Volksgenossen heranzuwachsen. Dr. F. B.

Anekdote um Ernst Wiechert.

Von Willi Fehse.

Der Dichter Ernst W i e ch e r t begeht am 18. Mai seinen 50. Geburtstag.

Als Ernst Wiechert noch in seiner ostpreußischen Heimat lebte, wurde er eines Tages im Walde von einer Zigeunerin angesprochen.

Sein Name war damals erst wenigen vertraut. Obgleich der Dichter schon aus der Höhe seines Le­bens stand und viele Bücher von ihm Vorlagen, hatte sich ihm nämlich der Erfolg noch immer hart­näckig versagt. Das hatte ihm zwar die Freude an seiner Arbeit nicht zu trüben vermocht. Er geizte nicht nach Ruhm, und es wäre ihm in seiner Demut nie eingefallen, mit dem Schicksal zu hadern. Doch wußte er allzugut, daß es die Bestimmung jeder Dichtung ist, das Leben, aus dem sie wie eine Flamme emporschlägt, schließlich selber zu entzün­den, zu läutern und umzuschmelzen. So fragte er sich denn oft vergeblich, wie sein Werk jemals zu seiner Bestimmung gelangen sollte, wenn doch jedes Wort in den Wind gesät wäre.

Diese Frage nagte an seiner Schaffenskraft und zeichnete ihm von Jahr zu Jahr mehr Schärfen und Schatten in das sonst so weich gebildete Antlitz mit der klaren, durcharbeiteten Stirn.

Da er aber feinen stillen Harm vor jedermann zu verbergen pflegte, begegnete er auch jetzt der Zigeunerin mit freundlichen Worten. Er reichte ihr ein Geldstück und gedachte seinen Weg fortzusetzen.

Plötzlich erhob sich aber die Alte von dem Baum­strunk, auf dem sie gesessen hatte, und griff nach seiner Hand. Unter lächelndem Widerstreben mußte es der Dichter geschehen lassen, daß sich die Zigeu­nerin mit dem Goldgeglitzer in den Ohren einen Augenblick prüfend über die Handfläche beugte.

Sie werden in Ihrer Arbeit viel Erfolg haben", sagte sie und deutete auf eine Linie, die sich am Ende zu einem zarten Netzwerk von Linien ver­zweigte.Aus Ruhm und Reichtum macht sich der Herr wenig; aber in drei, vier ... warten Sie ... in fünf Jahren, von 1932 an, werden Sie viel Ein­fluß auf die Menschenherzen bekommen ..."

Wiechert schüttelte ungläubig den Kopf zu den Worten der Alten und entzog ihr mit sanfter Ge­walt seine Hand. Dann nickte er noch einmal lä­chelnd zurück und ging seines Weges tiefer in den Wald hinein.

So oft der Dichter aber später auch die Kunst der Zigeunerin als Gaukelei schelten mochte, konnte er es doch nicht hindern, daß seine Gedanken unter dem geheimnisvollen Hang zur Märchen- und Wun­dergläubigkeit, der sich in irgendeinem Winkel jedes menschlichen Herzens versteckt hält, immer wieder um dieses Erlebnis zu kreisen begannen. Je mehr er es bedachte, je öfter nahm er vor sich und ande­

ren die spielerische und spöttische Gewohnheit an, daraus einen kleinen Trost zu schöpfen. Und so fragwürdig dieser Trost auch war, versüßte er ihm in den nächsten Jahren doch manche Trübsal und Enttäuschung und ließ kleine Erfolge, wie sie ihm dann beschieden wurden, heller aufleuchten.

Als Wiecherts Werk 1932 tatsächlich mit zwei berühmten Dichterpreisen gefrönt wurde und sein Wort dadurch als lebendige Saat schnell in viele Herzen drang, erinnerte er sich sogleich der Zigeu­nerin. Da es aber nicht wohl fein konnte, daß ihm damals vor fünf Jahren eine unirdische Botin des Schicksals in armseliger Magdsgestalt genaht war, um ihn mit ihrer Verheißung gegen alle Anfech­tungen von Müdigkeit und Harm zu feien, glaubte er nun erkannt zu haben, daß sich das Schicksal meistens in Verhüllungen zu offenbaren pflegt.

Eine verborgene Macht, so liebte er seitdem zu sagen, legt den Toren und Verachteten oftmals die heimlichste und tiefste Erkenntnis in den Mund; und wenn es ihr gefällt, kann eine leere Gaukelei auch nachttäglich noch mit einem tiefen Sinn er­füllt werden.

llm ein Haar.

Von Pief Hein.

Die stille Nacht ging zur Neige, und lichte Strah­len dämmerten kaum merkbar am Horizont.

Der gefährliche Riefenflußpferdbulle, den die Schwarzen denSoba" nannten, äste noch auf dem festen Lande auf der anderen Seite der La­gune, gerade gegenüber der Muhundula-Schlucht, die dünnen saftigen Rispengräser, die dort wuch­sen. Die waren feine Lieblings-Aesung.

Wie ein großer, grauer Felsblock stand der Bulle im Halbdunkel.

Nur die Hälfte des Kopfes war über dem Waffer zu sehen. Wohlig umspülte ihn sein nasses Element, und unbändige Lust am Leben durchdrang ihn. Er spannte feine mächtigen Muskelschwülste und rollte sich über die Seite um feine eigene Achse, daß für einen Moment die vier kurzen, dicken Säulen aus dem Wasser ragten. Und sein rosafarbener Bauch erschien. Dann reckte er wieder sein gewaltiges Haupt hoch empor und schickte sein letztesUuu ha ha!" dröhnend hinaus ins Morgengrauen.

Und der Riesenleib schob sich in langsamer Fahrt weiter.

Dort drüben war seine Burg. Schnaubend nahm er Witterung. Doch schlecht stand der Wind. Kaum spürbar wehte er zur Schlucht hinüber.

So machte denn der mißtrauische Bulle einen wei­ten Bogen nach links. Er lief auf dem Boden der weiten Lagune entlang. Und nur eine schwache BlasenspM ließ seinen Weg erkennen. Ab und zu

tauchte er sichernd auf und zeigte den Kopf kaum handhoch über dem Wasser.

Der portugiesische Jäger Albuquerque hatte schon vor dem Morgengrauen sein schmales Jagdkanu be­stiegen. Zwei herkulische Neger vom Stamme der Menja-Selle einer vorn, der andere am Heck staakten den schnittigen leichten Einbaum ge­räuschlos über die große Casanga-Lagune.

Der Jäger hatte von dem bösen Riesenflußpferd gehört und durch seinen kundigen Späher feftgefteUt, daß der Bulle stets um das erste Grauen des Morgens den Platz der nächtlichen Aesung verließ, um wieder zum Muhundula-Tal hinüberzuschwim­men.

Albuquerque hatte sich vorgenommen, den Bullen vor dem dichten Schilf des schmalen Lagunenarmes abzufangen.

Behutsam und ganz geräuschlos glitt der Ein­baum am hohen Schilfrand entlang. Der Jäger hatte sich in der Mitte des schmalen Kanus hinge- fauert. Es war noch kein Büchsenlicht. Was sollte er machen? Der Wind war günstig für ihn. An­gestrengt versuchten die Augen der jagdgeübten Schwarzen das Halbdunkel zu durchdringen. Aber auch nicht das Geringste war zu sehen. Nur die große dunkle, hier und da geheimnisvoll glitzernde Wasserfläche. Kein Anzeichen von einem Flußpferd. Keine Witterung. Nichts.--

Da scholl von links der gewaltige Flußpferdruf durch die Morgenstille:

Uuu ha ha; Uh ha!"

Wie ein elektrischer Funke wirkte das.

Albuquerque legte die Büchse an die Dicke. Blickte auf den Lauf. Gerade genügte das Licht, um das Korn so eben in der Kimme zu sehen. In einigen Minuten mußte volles Büchsenlicht sein. Ein kurzer Wink. Das leichte Fahrzeug schoß auf die Stelle zu, wo eine dunkle Papyrusinsel stand.

Da tauchte drüben für einen Moment der Kopf des Bullen empor. Er blickte nach einer anderen Richtung und seinen Feind nicht. Prusten und Miesen. Schon war die Stelle leer.

Wieder ein Wink. Die Schwarzen staakten das leichte Kimballa auf die Stelle zu, wo soeben der Bulle war.

Mit äußerster Vorsicht gebrauchten die beiden Neger die Varas *, um kein Geräusch zu machen.

Da sah Misua, der vorne stand, die Spur des über den Lagunenboden laufenden Bullen. Sie setzte im Bogen ab. Die flache Hand des Jägers deutete nach rechts. Und wie ein Jagdhund flog das Kanu auf der Sehne des Bogens dahin, um Weg abzuschneiden.

Es mußte glücken, denn der Soba war noch ah­nungslos.

Da lag der Einbaum still, von den langen Daras der Schwarzen gehalten.

* Staakstange.

Spielleitung Wolfgang Kühne. Letztes Auftteten von Charlotte Krause in der Rolle der Hedwig Bachstelzer. Die Vorstellung findet als 31. Borstel- lung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

Gießener Hochschulgesellschask.

In der diesjährigen Festsitzung der Gesellschaft nm Samstag, 22. Mai, im großen Hörsaal der Universität wird Pros. Dr. W e r k m e i st e r von der Staatsuniversität in Nebraska (USA.) über Die Prinzipien, die der Rooseveltschen Politik zu­grunde liegen" sprechen. Prof. Werkmeister ist zur Zeit amerikanischer Austauschprofessor an der Berliner Universität und auch an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin verpflichtet. Sein Fach ist Philosophie, lieber das genannte Thema hat er nicht nur in Berlin, sondern auch an ande­ren Universitäten gesprochen. Der Vortrag dürfte auch in unserem Bezirk lebhaftem Interesse begegnen.

Die pfingstfeiertage

Von schönem Frühlingsrvetter begünstigt, nahmen die beiden Pfingstfeiertage in Gießen einen nach jeder Richtung hin befriedigenden Verlauf. Zwar brachte der erste Feiertag bei teilweise schwülem Wetter mehrmals Regenfalle, die zum Teil als Gewitterregen unter Blitz und Donner nieder­gingen, zum Glück aber nicht lange anhielten und bald wieder einer Aufheiterung des Wetters Platz machten. Dennoch war der Ausflugs- und Spazier- gängeroerkehr am ersten Feiertag nach der näheren Umgegend und auch nach weiter entfernten Aus­flugszielen rege im Gange. Der zweite Feiertag begann frühmorgens bei bedecktem Himmel mit reichlich frischer Temperatur, besserte sich im Wetter aber immer mehr und hatte etwa von der Mittags­stunde bis zum Abend ausgesprochen schönes Wetter, das wiederum eifrig zum Spazierengehen und zu Ausflugswanderungen benutzt wurde. In den Abendstunden des zweiten Feiertages machte sich der Kraftwagen- und Radfahrerverkehr außerordent­lich stark bemerkbar. Zeitweise fuhren auf der Frankfurter Straße von Klein-Linden her die Autos, Motorräder und Radfahrer in ununter­brochener Folge, ein Fahrzeug hinter dem anderen, stadteinwärts, während gleichzeitig aus der Stadt heraus in Richtung Klein-Linden der Fährverkehr in ebenso starkem Umfange im Fluß war. Er­freulicherweise wickelte sich der Verkehr, wie auch der Ausflugsbetrieb ohne Unfälle ab, denn die Sanitätswache des Deutschen Roten Kreuzes in Gießen hatte an beiden Feiertagen Ruhe auf der ganzen Linie zu verzeichnen, ferner wurde auch die Polizei zu Amtshandlungen im Bereiche unserer Stadt nicht in Anspruch genommen. Die Ausflugs­gaststätten hatten, während in Gießen die Straßen abgesehen von dem Durchgangsverkehr der Fahr­zeuge hinsichtlich des Verkehrs ein ziemlich totes Bild zeigten, lebhaften Geschäftsbetrieb, der den Inhabern dieser Gaststätten im Hinblick auf das bisherige flaue Geschäft nur zu gönnen ist.

90 Sonderzüge passieren den Gießener Bahnhof.

Der Pfingstverkehr auf der Reichsbahn ließ sich anfänglich nicht in dem erwarteten Ausmaß an. Noch bis zum Dienstag und Mittwoch war er als normal anzusehen und unterschied sich in keiner Weise von dem des vergangenen Jahres. Erst mit dem Einsetzen der Urlauberzüge der Soldaten kam auch eine stärkere Tendenz in den Personenverkehr. Es mußten eine ganze Anzahl von doppelten, sog. Vorzügen eingelegt werden, die eine durchschnitt­lich hundertprozentige Besetzung aufwiesen. Am Freitag und Samstag setzte dann der Nahverkehr mit großer Stärke ein, der ganz erhebliche Anfor­derungen an das Dienstpersonal stellte. Durchschnitt­lich -20 Sonderzüge passierten den Gießener Bahn­hof, die abgesehen von dem Ausmaß des Nahver­kehrs, der sich auch im Gießener Bahnhof stark be-

Albuquerque war aufgestanden. Die leichte Büchse hatte er fertig im Arm. Und drei scharfe, jagd- geübte Augenpaare sicherten zu der ungefähren "Stell hin, wo der Bulle aller Voraussicht nach bald wieder auftauchen würde.

Die Spitze der Blafenspur bewegte sich langsam im Bogen weiter. Dann stand sie still.

Albuquerque stand wieder aufrecht. Die Büchse an der Backe fertig zum Schuß. Da kam die Blasenspur wieder. Langsam, ganz langsam bewegte sie sich dem Schilfrand zu. Einen Augenblick zeigte sich unter der Oberfläche des Wassers eine große, dunkle Masse ab. Dann tauchten die riesigen Hin­terhauptwölbungen des Bullen auf. Die kleinen Stechohren waren nach vorne gelegt.

Er war dem Kanu abgewandt und sicherte der Stelle zu, an der er vorhin den Schuß gehört hatte.

Die Büchse schwang nach rechts. Der Portugiese war ein sicherer Schütze. Peitschend brach der Schuß!

Im Knall riß der mächtige Soba das Haupt herum und weg war er! Große Blasen stiegen auf. Dann kam die Spur mit bedrohlicher Eile auf das Kanu zu.

Knacks! Eine Vara brach in b$r Hand von Misua. Dann wurde der leichte Einbaum von ele­mentarer Gewalt gehoben. Für einen Moment sahen die Jäger den Riesen unter sich. Dann rauschte das harte Schilf. Das Kimballa stürzte um.

Der Soba hatte feine Festung erreicht! Was wollte er mehr. Die Jäger richteten den Einbaum aus leichtem Jmbondeira-Holz wieder auf und schöpften ihn halb leer. Sie kletterten hinein. Zit­ternd vor Furcht.

Zum Glück kam der Soba nicht wieder. Bald war das Kanu ganz leer geschöpft. Misua nahm die an-' dere Vara und staakte über die Lagune hin zum festen Ufer.

Was war erreicht? Nichts!

Die gute Springfieldbüchse lag auf dem Grund der Lagune. Unwiederbringlich.

Der Mut war gesunken und die Achtung und Furcht vor dem sagenhaften Bullen gestiegen.

Doch auch ein anderer noch hatte eine neue Lehre aus der Begegnung gezogen. Es war der Soba.

Er lag nun im seichten Wasser seiner Festung. Fürchterlich schmerzte ihn sein Kopf.

Doch was machte das winzige Spitzgeschoß selbst einer Kaliber 30 Springfield, wenn es einem sol­chen Riesenbullen auf den mächtigen Panzer der Hinterhauptwölbung aufgesetzt wird? Es gibt zwar einen starken Schock und reißt eine schmerzhafte Wunde.

Das heilt bald.

Und die heutige Erfahrung hatte dem Soba wie­der gezeigt, daß er nur einen Feind auf der Welt hatte. Das war der Zweibeiner mit feinem langen, eisernen Donnerarm.