Donnerstag, 16. Dezember 1937
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 293 Drittes Blatt
Aus der Stadt Gießen.
Weihnachtsmarkt in der Kinderstube.
Ich ahnte schon nichts Gutes, als Brigitte uns, die Eltern, mit feierlichem Gesicht und wohlgesetzten Worten einlud, ihren Weihnachtsmarkt zu besuchen. Aha, nun kam das dicke Ende schon nach: wir sollten auch einen gefüllten Geldbeutel mitbringen! Nun, gefüllt war meiner gerade nicht, desto mehr hatte sich ein gewisser Schrank mit Paketchen gefüllt; das ist nun mal so vor Weihnachten!
Wir betraten also mit düsteren Ahnungen das Kinderzimmer, und ich konnte nicht verhindern, daß meinen Lippen ein Entsetzensschrei entschlüpfte. Wie sah es aus! Vorausahnend hörte ich schon die heftigen Auseinandersetzungen, die das Aufräumenmüssen mit sich bringen würde. Aber ich wurde durch Brigitte abgelenkt, die mit ernster Miene ein Eintrittsgeld von 10 Pfennigen forderte. Pro Person natürlich! Das Geld verschwand klappernd in einem Schüsselchen. Nun wurden wir zu dem ersten Stand geführt, wo dressierte wilde Tiere zu sehen waren. Wirklich war es großartig, wie der Elefant sich hinlegte und aufstand, wie er über drei Bausteine stieg
Helft der Zugend helfen!
| Die HZ. sammelt vom 17. bis 19. Dezember für das WhD.r
und anderes mehr vollbrachte. Löwen, Tiger und eine Kuh hausten friedlich beieinander, es war erstaunlich, und wir bezahlten gern die weiteren zehn Pfennige, die für diese „Sonderschau" gefordert wurden. In dem nächsten Stand war eine Merkwürdigkeit zu sehen: eine Frau mit einem Bein, die aber besser turnte als mancher Olympiateilnehmer. Sie sprang nämlich auf ihren Stuhl, ja sogar darüber, und während andere Menschen ein Sofa zum Ausruhen benutzten, nahm sie es zum Anlaß, um darüber hinwegzusetzen. Und jeder Sprung gestanden! Mit einem Bein!! Trotz unserer Bewunderung zahlten wir aber nur murrend die 5 Pfennige, die uns wieder abgefordert wurden.
Nun erreichten wir das Wirtszelt, in dem uns zur Stärkung Plätzchen und Schokolade angeboten wurden. Die Plätzchen kamen mir allerdings bekannt vor. Wie kamen sie nur aus meiner Speisekammer hierher? Ich-wollte immer fragen, aber Brigitte warf mir flehende Blicke zu, und so schwieg ich. Sie schmeckten wenigstens sehr gut, ich mußte sie mir aber Stück für Stück für 2 Pfennige zurück- taufen, während der Vater des mausenden Kindes an der Nikolausschokolade gütlich tat. Nachdem wir ausgeruht und gestärkt waren, wurden wir zu dem nächsten Stand geführt. Hier gab es Lose zu kaufen, in allen Farben, und man konnte unwahrscheinlich schöne und brauchbare Dinge gewinnen, wie angemalte Postkarten, Kerzenhalter aus Garnrollen, alte Griffelspitzer und dergleichen. Ich wollte diesmal vorübergehen, aber Männer sind ja immer großartiger in Geldsachen als Frauen, es wurden also einige Lose erstanden, und siehe da, wir wurden belohnt; es gab keine Nieten! In der nächsten Bude sahen wir dann eine Tänzerin, eine schöne Tänzerin, die, in kurzem rosa Kleidchen, zu der süß perlenden Weise einer Spieluhr, die ein Teddybär geschickt drehte, einen lebhaften Walzer tanzte. Wir überschütteten sie mit Beifall und begaben uns zu der Wahrsagerin, die ein Kopftuch um und eine Kaffeetasse und ein Kartenspiel vor sich hatte. Sie sagte uns aus den Handlinien die angenehmsten Dinge: wir würden sehr glücklich sein und sehr viel zu Weihnachten bekommen, es gäbe bald Schnee, und die Großeltern würden uns zum Fest besuchen. Sehr erfreut bezahlten wir denn auch hier unfern Groschen und machten uns dann — müde — auf den „Heimweg".
Brigitte aber machte Kasse! Und mit strahlendem Gesicht rief sie: „Jetzt kann ich aber sein Weihnachtsgeschenke für euch kaufen!" E. L. St.
Aus den Gießener Gerichtssälen.
Schöffengericht Gießen.
Der P. I. aus Lützellinden hatte sich vor dem Schöffengericht zu verantworten. Die Anklage legte ihm zur Last, in der Nähe der Straße nach Lech- gestern öffentliches Aergernis erregt zu haben. In der Hauptoerhandlung, die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfand, kam das Gericht zu dem Ergebnis, daß es an dem Begriffsmerkmal der Oeffentlichkeit fehle, so daß nur eine Verurteilung wegen fortgesetzter Beleidigung erfolgen konnte. Das Urteil lautete auf drei Wochen Gefängnis.
Der I. R. aus Vilbel stand unter der Anklage der schweren Urkundenfälschung. Der Angeklagte hatte am 22. April 1937 ein Akzept über 120 Mark mit dem Namen eines Bekannten gefälscht und einem Lieferanten als Kundenwechsel in Zahlung gegeben. Da der Wechsel am Fälligkeitstage natürlich nicht eingelöst wurde und zu Protest ging, übergab der angeblich Bezogene die Sache der Polizei, die alsbald den Angeklagten als Täter ermittelte. In der Hauptverhandlun^ war der Angeklagte in vollem Umfange geständig. Zu seiner Entschuldigung gab er an, er habe zur Fertigstellung einer dringenden Arbeit einen Posten Ware gebraucht, den ihm seine Lieferfirma nur gegen bar oder einen guten Kundenwechsel habe aushändigen wollen. Da er selbst damals größere Außenstände gehabt habe, hätte er gehofft, den Wechsel am Fälligkeitstage einlösen zu können, ohne daß der andere überhaupt etwas davon zu merken brauchte. Die Außenstände seien jedoch sehr schleppend eingegangen, so daß er den Wechsel erst zwei Tage nach Protest habe abdecken können. Da somit effektiv kein Schaden entstanden sei und er sich in einer gewissen Notlage befunden habe, bat der Angeklagte das Gericht um eine milde Bestrafung. Mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte zahlreiche, allerdings kleinere Vorstrafen wegen Dermögensdelikten erhalten hatte, ging das Gericht erheblich über die Mindeststrafe hinaus und erkannte wegen schwerer Urkundenfälschung in Tateinheit mit Betrug auf drei Monate Gefängnis.
Die nächste Anklage richtete sich gegen den F. M. Dieser hatte am 1. Juli dieses Jahres mit seinem Wagen eine Fahrt nach Bad-Nauheim unternommen. Dort besuchte er mit zwei Begleiterinnen verschiedene Lokale, worauf man gegen 24 Uhr gemeinschaftlich die Heimfahrt antrat. Noch in Bad- Nauheim kam es zwischen dem Angeklagten und einer neben ihm sitzenden Begleiterin zu einem Wortwechsel, in dessen Verlauf er mit der einen Hand das Steuer losließ und über die Zeugin hinweg nach dem Türdrücker faßte, um ihr begreiflich zu machen, daß er sie bei nächstbester Gelegenheit absetzen wolle. Dadurch kam der Wagen von der Fahrbahn ab, geriet auf den Bürgersteia, durchschlug ein Geländer und stürzte in die Ilja. Bei diesem Unfall wurden alle drei Insassen mehr oder weniger schwer verletzt. Der Angeklagte war in vollem Umfange geständig, er behauptete lediglich, er habe sich in der Oertlichkeit geirrt, er habe nämlich gedacht, er befände sich schon auf der Hauptstraße nach Gießen, so daß er es schon einmal habe riskieren können, mit einer Hand zu steuern. Mit Rücksicht auf sein Geständnis erkannte das Gericht wegen Uebertretung der Reichsstraßenverkehrsord- nung auf fünf Wochen Haft.
Amtsgericht Gießen.
Der H. K. aus Gießen hatte wegen Uebertretung der Reichsstrahenverkehrsordnung einen Strafbefehl über 30 RM. erhalten. Auf feinen Einspruch hin kam die Sache zur Hauptverhandlung. Der Angeklagte war im Sommer d. I. mit einem Lastkraftwagen auf der Fahrt von Rodheim nach Gießen begriffen. In der Nähe der Bahnunterführung prallte er auf einen aus der Hammstraße kommen
den Personenwagen auf, wobei zum Glück nur Sachschaden entstand. Zur Begründung seines Einspruches behauptete der Angeklagte, der Fahrer des Personenwagens habe durch zu schnelles Tempo den Unfall verschuldet. Die Beweisaufnahme ergab jedoch einwandfrei die Schuld des Angeklagten. Mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte das Gericht durch Unwahrheiten irrezufuhren versuchte, wurde die Strafe von 30 RM. a u f 40 R M. e r - höht.
Dollen Erfolg hatte der F. N. aus Gießen nut feinem Einspruch, den er gegen einen Strafbefehl von über 40 RM. wegen fahrlässiger Körperverletzung und Uebertretung der Reichsstraßenverkehrsordnung einlegte. Der Angeklagte fuhr im Sommer d. I. mit seinem Personenkraftwagen die Ludwigstraße hinunter und schickte sich gerade an, nach links in sein Grundstück einzubiegen, als ein hinter ihm herkommender Motorradfahrer auf seinen Wagen auffuhr und sich teilweise erheblich an den Beinen verletzte. In der Hauptverhandlung behauptete der Angeklagte, er habe schon in einer Entfernung von 30 bis 40 Meter vorschriftsmäßig den Winker herausgestreckt und sei auch langsam gefahren. Diese Behauptung wurde durch eine Reihe von Zeugen, im Gegnsatz zu den Darstellungen des Verletzten, glaubwürdig bestätigt. Unter diesen Umständen mußte F r e i s p r u ch erfolgen.
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Der O. R. auf Dorf-Gill hatte wegen Uebertretung der Reichsstraßenverkehrsordnung eine Strafe von 10 Mark erhalten, gegen die er Einspruch einlegte. Der Angeklagte fuhr im Sommer frühmorgens mit einem Kleinkraftrad von Dorf-Gill zu seiner Arbeitsstätte in Gießen. Als er von der Schlesischen Straße nach links in die Licher Straße einbog, fuhr er nicht den in der Reichsstraßenverkehrsordnung vorgeschriebenen großen Rechtsbogen, sondern schnitt die Kurve mit dem Ergebnis, daß er mit einem Radler zusammenstieß. Dabei trug der Angeklagte selbst eine geringfügige Handverletzung davon. Im übrigen entstand nur geringer Sachschaden. In der gestrigen Hauptoerhandlung begründete der Angeklagte seinen Einspruch folgendermaßen: Er habe die Kurve nicht rechts nehmen können, da an der fraglichen Ecke sich damals eine Baustelle befand und die Straße noch von Baumaterialien bedeckt gewesen sei. Die Beweisaufnahme ergab jedoch eindeutig die Schuld des Angeklagten, so daß es bei der im Strafbefehl verhängten Geldstrafe von 10 Mark verblieb.
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Der G. B. aus Oberappenfeld (Kreis Fritzlar) hatte wegen Diebstahls einen Strafbefehl über 40.— RM. erhalten, gegen den er Einspruch einlegte. Dem Angeklagten wurde zur Last gelegt, am 25.8.1937 bei seiner Vermieterin in Bersrod, wo er damals beschäftigt war, in einem unbewachten Augenblick von einem in der Wohnung hängenden Anzug eine Uhrkette entwendet zu haben. In der gestrigen Hauptverhandlung bestritt der Angeklagte, die Uhrkette gestohlen zu haben, sondern er gab an, er habe diese auf dem Hofe kurz vor der Haustreppe gefunden. Obwohl diese Einlassung nicht sehr glaubwürdig klang, war sie dem Angeklagten nicht zu widerlegen. Trotzdem hat sich der Angeklagte nach seiner eignen Einlassung eines anderen Deliktes, nämlich der Fundunterschlagung, schuldig gemacht, so daß die Verurteilung nur aus diesem Gesichtspunkte erfolgen konnte. Mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte das Vertrauen feiner Wirtsleute in schnöder Weife mißbraucht hat, kam das Gericht zur Erhöhung der Geldstrafe auf 5 0.— R M.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Deutsche Arbeitsfront, Kreiswaltung Wetterau, und Hitler-Jugend, Bann 116: 20.30 Uhr Großkundgebung im Cafö Leib. — Dolksbund für das Deutsch
tum im Ausland, Ortsgruppe Gießen, in Verbindung mit dem Hilfsbund der Deutsch-Oesterreicher, Orts-, gruppe Gießen: 20.15 Uhr im Großen Hörsaal der Universität, Vortrag Dr. Gelinek „Gesamtdeutsche Volkswirtschaft". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Petermann ist dagegen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Hahn im Korb". — Oberhessischer schichtsoerein: 20.15 Uhr, Aula des Gymnasiums« Vortrag Dr. Math. $)ain „Die Schützer Tracht im nachbarlichen Kulturkreis". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 19 Uhr Weihnachts-Kunstausstellung im Turmhaus am Brand. — Weihnachtsmesse auf Oswaldsgarten. ,
Nun sammelt die Hitler-Jugend!
NSG. Di>e Parole „Ein Volk hilft sich selbst" ruft Mitte Dezember auch die Jugend wieder auf zum Kampf gegen Hunger und Kälte. In einer Front setzen sich Hitlersnngen und Pimpfe, BDM. und Jungmädel vom 17. bis 19. Dezember für das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes ein. Wie sie Jahr für Jahr beispielgebend ihren Nationalsozialismus praktisch bewiesen haben, werden sie auch während der diesjährigen Sammeltage dem deutschen Volke das Bild einmütiger Geschlossenheit bei der Bewäl-
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Schon abends die Haut gut vorbereiten. Gesicht u. Hände mit Nivea-Creme pflegen, da» macht die Haut widerstandsfähig gegen Wind und Wetter.
tigung der großen Aufgabe zeigen. Ihr opferfreudiger Einsatz heischt Opferfreude auf der anderen Seite. Die Jugend ruft zur Mithilfe auf. Wer wollte sich ihr entziehen?
138 538 Mark konnte die HI. unseres Gaues im vergangenen Jahre dem WHW. als herrlichen Erfolg ihrer unermüdlichen Hilfsbereitschaft zur Verfügung stellen. Noch mehr muß es in diesem Jahr werden. Noch mehr, weil wiederum Tausende in Arbeit und Brot gekommen sind, die jene nicht vergessen werden, die noch einer Hilfe bedürfen. Noch mehr, weil im Herzen der Erwachsenen aus einer Parole ein Lebensgesetz geworden ist, das innere Gesetz der wahren' Volksgemeinschaft. Noch mehr, weil keiner die Jugend bei der Ausübung ihrer freiwilligen Pflicht dem Volksganzen gegenüber beschämen will.
So schwingt die HI. ihre Sammelbüchse, läßt Groschen zu Groschen wandern im Dienst für Deutschland!
Berufswettkampf aller Schaffenden.
Heute abend erscheinen alle Schaffenden aus Gießen und näherer Umgebung
um 20.30 Uhr im Lafe Leib in Gießen zur Kundgebung der Deutschen Arbeitsfront und der Hitler-Jugend.
Es sprechen der Kreisobmann der DAF., Pg. Wagner, und der Bannführer, Pg. Becker (Wiesbaden). ,
WHW., Ortsgruppe Gießen-Nord.
Am Donnerstag, 16., und Freitag, 17. Dezember« wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord die Pfundsammlung durchgeführt. Die Hausfrauen roer« den gebeten, die Pfundpäckchen bereitzuhalten. ,
WHW. Ortsgruppe Gießen-Süd.
Am Mittwoch, 15., Donnerstag, 16., und Freitag, 17. Dezember, findet im Bereiche der Ortsgruppe Gießen-Süd die Pfundsammlung durch die NS.-Frauenschaft statt. Es wird während der Dauer des WHW. 1937/38 nicht nur bei den Mitgliedern des Lebensmittel-Opferringes, sondern bei allen Volksgenossen die Pfundsammlung durchgeführt. Als Spenden find vorwiegend Mehl, Hülsenfrüchte«
Max OReger wird mit ^2 Jahren Organist.
Von Erna Brand.
Im Dezemberheft der Zeitschrift „D a s Innere R sü ch" finden wir einen aus liebevoller Kenntnis geschriebenen Aufsatz „Aus Max Regers Kindheit und Jugendzeit" von Erna Brand, dem wir mit Erlaubnis der Schriftleitung den folgenden Absatz entnehmen.
Im Jahre 1885 nahm Vater Reger die alte ausrangierte Orgel der Präparandenschule zu sich, da die Schule eine neue Steinmeyer-Uebungsorgel bekommen hatte. Da arbeitete er nun emsig, mit nimmermüder Geduld und Ausdauer, bis er eine regelrechte kleine Zimmerorgel, die ausgezeichnet spielbar war, aufgebaut hatte. Max ging ihm bei all dieser Arbeit mit regem Verständnis zur Hand und lernte auf diese Weise spielend das königliche Instrument von Grund auf kennen und bald auch meistern. Auch die große alte Kirchenorgel der Stadtpfarrkirche lernte er zuerst rein handwerklich kennen, indem er auch da seinem Vater Handlangerdienste leisten mußte, als er verschiedene Mängel in Ordnung zu bringen hatte.
So ergab es sich wieder ganz von selbst, daß Max von seinem Vater im Orgelspiel unterwiesen wurde, und das machte dem Vater auch mehr Vergnügen als der Klavierunterricht, man kam dabei ganz naturnotwendig auf allgemein musiktheoretisches Arbeiten, Vater und Sohn merkten es selber kaum, wie Max in kürzester Zeit alle grundlegenden Harmonielehrekenntnisse in sich ausgenommen hatte. Das polyphone Hören, das das Orgelspiel fordert und das Vater Reger so schätzte — er sagte seinen Präparandenschülern oft, aller Klavierunterricht müßte vom Bach-Studium ausgehen und als erstes bestes Uebungswerk das Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach gespielt werden — war dem Max vollkommen gegeben, war ihm das Natürliche. So kam es, daß Max Reger schon mit zwölf Jahren im sonntäglichen Festgottesdienst von Erbendorf unter der Leitung feines Onkels Oberlehrer Roll die Orgel spielte.
In seiner Mutter Heimat — Grötfchenreuth ist ja nur eine halbe Stunde von Erbendorf entfernt — hat Max Reger wohl zum erstenmal als jugendlicher Meister der Orgel andächtig Lauschende er- baut. Der als hervorragender Musiker und Kirchenchorregent im ganzen Regensburger Kreis bekannte Onkel Roll fühlte sich nicht wenig stolz, als er den ößu dLmOrZeWel ganz ergriMruKirchenhestlHem
und den hocherstaunten Kirchenchorsängern auf ihre Fragen antworten tonnte: „Das war mein zwölfjähriger Neffe, der so schön gespielt hat". Ihm selber waren die Auaen feucht geworden, als der Junge am Schluß alle Register zog zum jubelnd feierlichen Ausklang.
Ein nur ein Jayr älterer Junge als Max, der später in Weiden sein lieber Kamerad werden sollte, Josef Kammerer, ging nach der Kirche stolz mit dem Herrn Oberlehrer und dem „wunderbaren Knaben" heim, er durfte die Musikalien zurücktragen ins Schulhaus. Er konnte sich gar nicht genug schauen an ihm, und noch heute erinnert er sich an den tiefen Eindruck, den der leuchtend vergeistigte Blick des Gleichaltrigen in ihm wachrief. Dabei war der „wunderbare Knabe" so einfach und natürlich, wie ein anderer Junge auch und versicherte dem Onkel strahlend, wie er sich nun auf die Erbendorfer Knackwürste freue, die feiner Ansicht nach ein Gedicht wären.
So schlicht und natürlich war und blieb der Maxl immer seinen Kameraden gegenüber, er sprach ihnen nie von seiner Musik ober gar von den geheimnisvoll großen Dingen, die ihm Geist und Seele bewegten. Daß er etwas konnte und mehr als sie alle zusammen, das ahnten die Jungens schon und achteten es auch unbewußt, indem sie ihm besonders herzlich anhingen. Jeder Schulkamerad riß sich in späteren Jahren darum, mit Max spazieren gehen zu dürfen, und es gab ja auch nichts, was der Max nicht wußte.
Daß Max fast alle Instrumente spielen konnte, war auch nicht übel. Und es kam ihm ein ganz herrlicher Einfall zu einem Streich, als er eines Tages auf Wunsch seines Vaters Trompete blasen lernte. Wie immer hatte er es sehr bald heraus, und als erstes Probestück brachte er sich draußen im Wald den Feueralarm bei, und da er ihn natürlich bald glänzend blasen konnte, wurde eben die Feuerwehr alarmiert. Das gab einen Spaß für den eingeweihten Geheimbund der Insulaner, und weil der Spaß so fein war, wurde er nach einiger Zeit mit glücklichem Erfolg wiederholt. Als der Aufruhr darüber im Städtchen groß war, saß in einem versponnenen Winkel des Fischerbergwaldes ein langer blonder Junge im Moos und blies ganz zart auf feiner Trompete: „Ich weiß nicht was soll es bedeuten", setzte ab und lachte sich eins und blies noch einmal hauchzart „Ich weiß nicht was soll es bedeuten..." aber da ging ihm der Atem aus vor innerem Lachen.
Als Maxl, der Trompeter und Feueralarmbläser, zwiefacher Ehrendoktor, Professor, Hosrat und Generalmusikdirektor war, schilderte er diesen Jungenstreich seinem geliebten Herzog von Meinin- Lell in Mein köstlichen West ——
Neben diesem streichelustigen Sinn wuchs in Max Reger aber mit jedem Jahr auch sein schaffender Genius. Adalbert Lindner, der Lehrer, ist es, der mit ehrfürchtiger Aufgeschlossenheit dieses wundersame Naturwalten an dem Jungen erahnt, verfolgt und oft auch unmerklich leitend beeinflußt. Er- areifenö berichtet er darüber, wie er im zweiten Jahr des Klavierunterrichts an Max ihn zum freien Phantasieren aufmuntert und mit welch reichem Aufblühen die schöpferische Phantasie des Knaben darauf antwortete. Aus feinem immer feinhörigen Wissen heraus, was den Werdegang seines aelieb- ten Schülers am besten fördern könnte, entschloß er sich, seinen Platz an der großen Orgel der Stadtpfarrkirche bei den sonn- und feiertäglichen Gottesdiensten dem Max zu überlassen. Vom Herbst 1886 an war dann Max Reger Organist seiner Heimatkirche und blieb es bis 1898.
Gloria-Palast:
„petermann ist dagegen."
Ursprünglich hieß diese Geschichte „Petermann fährt nach Madeira" und erlebte viele Ausführungen als Lustspiel von August Hinrichs, dem wir den krähenden Hahn und das Schwein Jolanthe verdanken. Otto Bernhard Wendler und der Regisseur Frank W y s b a r haben in freier Bearbeitung des Theaterstückes das Drehbuch für einen Film der Terra geschrieben, der sich im Grundgedanken an die Vorlage anlehnt: Bekehrung und Wandlung eines Zeitgenossen zum Volksgenossen. Der Zeitgenosse heißt Petermann, ist Oberbuchhalter bei der Firma August Hartmann und der Schrecken des ganzen Betriebes: verbiestert, verknöchert, „mit dem Hauptbuch verheiratet" und allgemein unbeliebt. Auf einem Betriebsausflug, von dem er sich zu feinem Aerger nicht ausschließen kann, gewinnt er ausgerechnet einen Haupttreffer, eine Kraft-durch-Freude-Seereise nach Norwegen; den zweiten Haupttreffer zieht Hanne Krüger, Leiterin der Betriebskantine, prachtvolles Mädchen, mit der Petermann kurz zuvor den übelsten Krach gehabt hat. Auf dem Schiff geht es eine Weile in der anfänglichen Tonart weiter, aber ganz allmählich begreift selbst Petermann den Sinn der Reise und die Forderungen der Volksgemeinschaft. Durch einen halb komischen Zufall — Petermann springt bei einer Rettungsübung einer ins Wasser geworfenen Puppe nach, die er für einen Menschen gehalten hat — wird der Außenseiter Mittelpunkt und Hauptperson des ganzen Schiffs, und es stellt sich heraus, daß ein guter Kern in dem Mann steckt. Der unvermutete Zwischenfall gibt den Anstoß zur inneren Wandlung: Petermann streift — zu Hannes Freuds « dell alten Adam qhi lyird kill nich
tiges Glied der Volksgemeinschaft und ein brauch» barer Mensch, der sogar am Ende der Seereise sein Herz entdeckt und sich mit Hanne verlobt, die von Anfang an gewittert hat, was eigentlich von Petermann zu halten ist. Die Melodie „Freut euch des Lebens" gibt den Grundton der Inszenierung von W y s b a r, dessen Begabung ja schon einigen großen, früher gedrehten Filmen ihr eigentümliches Gesicht gab; hier zeigt er malerische Landschaftsbilder und die ungezwungen fröhliche Schiffsgemeinschaft der Urlauber in gelungenen Aufnahmen. Den Petermann spielt Ernst W a l d o w in überzeugenden, besonders gegen Ende hin vorsichtigen Uebergängen; in seiner Wandlung vom Patentekel zum guten Kameraden liegt der erzieherische Wert des Lustspiels. Fita B e n k h o f f ist ein frisches, munteres Mädel mit Herz und Mundwerk auf dem rechten Fleck. Ein paar ergötzliche Urlaubertypen stellen Beppo B r e m und Hugo Fischer-Köpp e. — Musik dazu von Wolfgang Zeller.
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Im Beiprogramm gibt es eine vielseitige Wochen* schau, ferner einen sehr interessanten Kulturfilm aus der Geschichte des Luftschiffbaus (mit seltenen Vor- kriegsaufnahmen), endlich einen Vorspann zum „Zerbrochenen Krug" mit Hannings.
Hans Thyriot.
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Hochschulnacknchten.
Der Führer und Reichskanzler hat den nicht- beamteten außerordentlichen Professor Dr. Ratje M ü g g e in der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt unter Berufung in das Beamtenverhältnis zum Observator am Frankfurter Meteorologischen Institut ernannt.
Der Führer und Reichskanzler hat den Dozenten Dr. Reinhold H e n z l e r zum planmäßigen außerordentlichen Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Frankfurt ernannt.
Professor Dr. Wolfgang Krause, Ordinarius für indogermanische Sprachwissenschaft an der Universität Königsberg, wurde in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Göttingen berufen.
Professor Dr. Franz Specht, Ordinarius für vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Halle, wurde in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Breslau berufen.
Professor Dr. Josef Sauer, Ordinarius füt Patrologie (Kctth. Theol. Fakultät) an der Universität Freiburg i. B., ist wegen Erreichung der Altersgrenze von den amtlichen !ß e r ■ p f lichtungen entbunden lyorden^


