Nr. 703 Zweites Matt
Kießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag. 16. Dezember |Q37
Bücher unter dem Weihnachtsbaum.
Geschichte.
— Philipp Rüssel: Benjamin Franklin. (2Ius dem Amerikanischen übersetzt von Fr. Lindemann.) Preis in Ganzleinen geb. 5,80 Mark. Verlag Quelle 6- Meyer, Leipzig. — (421) — Nordamerika erscheint uns in seiner unendlichen Weite und seinen grellen Kontrasten noch immer wie ein Rätsel. Die Verschmelzung eines beispiellosen Völker- und Rassengemischs und seine Staatwerdung in hartem Kampf mit der Natur, mit Ureinwohnern und Nachbarn und schließlich mit dem britischen Mutterlande, das sind Vorgänge, die in ihrer Rückwirkung aus die Alte Welt auch für uns wichtig genug geworden sind. Trotzdem machen die meisten von uns von den Jndianerbüchern unserer Jugend einen gewaltigen Sprung zum Welkrieg, der uns die gewaltigen Energien dieses jungen Volkes, aber auch die politischen Ideale und realen Kräfte, die in ihm wirken, vor Augen geführt hat. So begrüßen wir jeden Versuch, diese Lücke auszufüllen und namentlich die für den Prozeß der Volkwerdung und für das Erwachen des Staatsbewußtseins der Amerikaner bestimmende Epoche des Unabhängigkeitskrieges uns nahezubringen. Walter Bloem hat hier mit seinem mehrbändigen Washington-Roman — wenn wir von wissenschaftlichen Werken wie Schönemanns großer Monographie absehen — gute Arbeit geleistet. Große Männer machten auch in den Patent-Demokratien des Westens von jeher Geschichte. Deshalb tritt mit Recht neben Washington sein Zeitgenosse und Mitkämpfer im Ringen um Nordamerikas Unabhängigkeit Benjamin Franklin, von dem die meisten von uns eher wissen, daß er den Blitzableiter erfunden hat, als daß er in schwierigsten diplomatischen Missionen in London und Paris seinem Lande unschätzbare Dienste geleistet hat, einmal während des französisch-britischen Kolonialkrieges, der dem Siebenjährigen Kriege Friedrichs des Großen parallel lief, und dann während des Unabhängigkeitskrieges, den er selbst durch Unterzeichnung des Friedens von Versailles beendet hat. Eine ungeheuer wechselvolle Lebensbahn hat Franklin mit den meisten seiner amerikanischen Zeitgenossen gemein, aber die erstaunliche Vielseitigkeit entspringt doch zu einem guten Teil dem Ideenreichtum seiner Persönlichkeit, mochte es auch der Zug der Zeit sein, sich mit allen möglichen Dingen der in ihre große Epoche der experimentellen Forschung eintretenden Naturwissenschaften zu befassen. Aber auch als Kriegsmann, Generalpostmeister und Journalist hat Franklin seinen Mann gestanden und vor allem war er eine kraftstrotzende, für alles Schöne empfängliche Natur, die das Leben liebte, wo es interessant war. Rüssels Franklin-Buch ist eine bunte, oft von Humor gewürzte packende Schilderung dieses merkwürdigen und erfolgreichen Lebens eines der Größten der amerikanischen Geschichte.
Df. Fr. W. Lange.
— Juri Semjonow: Die Eroberung Sibiriens, Roman eines Landes, mit 40 Bildseiten, 6 Kartenskizzen und einer Karte, Preis in Leinen geb, 8,50 Mark. Verlag Ullstein, Berlin (Deutscher Verlag). — (372) — Die wirtschaftliche Bedeutung Sibiriens als industrielle Rüstkammer der Sowjetunion und seine politische Bedeutung als tief ins Innere Asiens und an die pazifische Küste vorgeschobenes Glacis des Bolschewismus ist erst in den letzten Jahren dem Westen deutlich geworden. Obwohl die Geschichte der Kolonisation dieses Landes, das an Ausdehnung kaum seinesgleichen auf dem Erdball hat, schon weit zurückreicht bis in das erste Jahrtausend, wo mit den Machtkämpfen zwischen den Großfürsten von Moskau und den Handelsherren von Nowgorod auch das Interesse für Sibirien mit seinen unermeßlichen Schätzen an Pelzen erwacht, hat Sibirien durch die Jahrhunderte hin seine Abstempelung als Verbannungsort für die politischen Sträflinge des Zaren- r-egimes behalten. Aber die Geschichte Sibiriens, die Semjonow in eindrucksvoll bunten Schilderungen einzelner interessanter Phasen hier vor uns aufrollt, spricht von machtgierigen Zaren, beutelüsternen Abenteurern, wagemutigen Kaufleuten, kühnen Forschern und zähen Ackerbauern. Sie alle zieht dies seltsam mystische Land mit seinen endlos nach Osten sich dehnenden Wäldern und Tundren und den in und unter ihnen verborgenen ungeheuren Natur- und Bodenschätzen in seinen Bann, sie alle verfallen seinem Zauber von der Familie Stro- ganoff, die seit dem 15. Jahrhundert über den Ural vordringt und es zu einem wahren Herrscher- tum in den weiten neuentdeckten Gefilden bringt, bis zu jenem großen Generalgouverneur des Zaren Nikolaus I., dem Grafen Murawjew, dessen Amur-Expeditionen dies Buch ebenso fesselnd zu schildern weiß wie die kühnen Fahrten Berings zur Entdeckung der nordöstlichen Durchfahrt, den Kamtschadalenaufstand des polnischen Abenteurers Benjowski und Schelechows und Baranows Erschließung Alaskas. So erhalten wir aus der wechselvollen Kolonisationsgeschichte Sibiriens einen imponierenden Eindruck von der Rolle, die dieses reiche Land einmal in der Zukunft zu spielen berufen sein wird. Dr. Fr. W. Lange.
— Alexander von Andreevsky: Russisches Rokoko. Die Prunkzeit der Zarinnen. Verlag Reimar Hobbing G. m. b. H., Berlin. Preis in Ganzleinen, Lexikonformat, m-.i Bildtafeln, 8,40 Mark. — (590) — Die übermächtige Vitalität des Russentums äußert sich in keiner Epoche so farbenreich, so dramatisch wie im 18. Jahrhundert. In einem Zeitalter, in dem das Zarentum auf dem Schauplatz der europäischen Politik erschien, erstrahlten Pracht und unvermeßlicher Reichtum der Hauptstadt in einem zauberhaften Glanze. An- dreevsky schildert jene Epoche seltsamen und grandiosen Lebens. Wir erfahren vom grauenvollen Pestaufruhr in Moskau und lesen die Geschichte der Leibeigenen Parascha, die später die Gattin des Grafen Scheremetiew wurde. Der Tatarensultan Jussuff, Ahnherr jenes Jussupoff, der 1917 Rasputin erschoß, steht neben Rasumowski, dessen Reichtum so groß ist, daß er die Zahl seiner Güter nicht angeben kann, und neben Potemkin, dem Günstling der großen Katharina. Alles gipfelt in der absoluten Herrschaft der Zarinnen. Seltsam und ohne Uedergang, wie sie begann, so mußte diese Epoche zu Ende gehen. Der Brand Moskau 1812 wurde das Fanal einer neuen Zeit.
— Otto Kiefer: Kaiser und Kaiserinnen von Byzanz. Verlag Reimar Hob-1
bing G. m. b. H., Berlin. Preis in Ganzleinen, Lexikonformat, 8,40 Mark. — (589) — Otto Kiefer zeigt uns ein Byzanz, wie es wirklich war. Die machtvollen Gestalten eines Justinian und feiner sagenumwobenen Gattin Theodora, die großen Siege über Vandalen und Ostgoten, die Zeiten des Bildstreiters werden in packenden Erzählungen geschildert. Fesselnde Zeitbilder aus dem Jahrhundert eines Nikephoros Photos, jenes Soldatenkönigs, der noch einmal den Islam bis weit geg^.. Palästina zurückdrängte, werden entrollt. Wir lesen vom ruhmvollen Untergang des letzten Kaisers jener Zeit. Verlockende, gefährliche Frauen, politische und gelehrte, galante und fromme, begegnen uns, Frauen, die wie durch ein Wunder aus der Nacht eines dunklen Vorlebens ins strahlende Licht des Kaiserthrones emporstiegen. Einblicke in Kunst, Kultur und Wissenschaft zeugen von den hohen Werten dieses Reiches. Im Gegensatz zum blendenden Glanz dieses Lebens am Bosporus steht die strenge Askese eines Christentums, orientalisch
fremdartig in seinen dogmatischen Kämpfen. Eine versunkene Welt wird lebendig, die einmal das Zentrum einer wunderbaren Kultur und die Erzieherin des slawischen und asiatischen Ostens gewesen ist.
— Briefe des R e i ch s f r e i h e r r n vom Stein. Ausgewählt und eingeleitet von Erich Botzenhart. Verlag Albert Langen-Georg Müller. Preis 0,80 Mark. — (460) — Diese Zusammenstellung vermittelt ein treffendes Bild des geistigen und politischen Kampfes, den. der große Staatsmann und Reformator der Nation um die Freiheit und Einheit Deutschlands geführt hat. Die heroischen Kräfte seines Wesens, die als Erbe germanischdeutscher Vergangenheit zu den Grundkräften der deutschen Erhebung wurden, treten hier klar zutage. In ihm lebte die Idee des Reiches fort als Aufgabe und Verpflichtung. Was er schuf und erstrebte, spiegeln diese Briefe wider: sie sind ein Zeugnis seiner deutschen Sendung.
Meisterwerke der Malerei.
— Meisterwerke deutscher Malerei aus sieben Jahrhunderten. Achtzehn farbige und sechs einfarbige Wiedergaben nach Gemälden und Zeichnungen, mit einer Einleitung von Fritz Nemitz. Die silbernen Bücher, Große Reihe, Band II. 7,80 Mk. Waldemar Klein Verlag, Berlin. — (584) — Die „Meisterwerke deutscher Malerei" schließen sich den als erster Band der „Großen Reihe" erschienenen „Meisterwerken französischer Impressionisten" würdig an. Die Einleitung von Nemitz stellt sich als ein Beitrag zur Geschichte der Farbe und des Kolorismus in der deutschen Malerei dar; sie betont ausdrücklich die erzieherische-Tendenz des Buches: „Es möchte dazu beitragen, den Farbensinn zu beleben und zu steigern. Die Farbe ist das stärkste Mittel, auf die Empfindung zu wirken ..." Abgesehen von diesem ausgezeichnet formulierten Grundprinzip — die auf diesem Gebiete zu leistende pädagogische Arbeit ist so dankbar wie notwendig — darf der Band als kleiner Hausschatz und Grundstock einer kunstgeschichtlichen Bücherei gewertet werden; er führt den Betrachter an Meisterwerke aus dem unvergänglichen Reichtum der deutschen Kunst heran. Zu jeder der Tafeln gibt es eine kurz, sachkundig und verständnisvoll geschriebene Interpretation; eine Reihe der namhaftesten deutschen Kunsthistoriker — wir nennen für den vorliegenden Band nur etwa Brinckmann, Waetzold und Waldmann — hat sich dankenswerter Weise für diese Aufgabe zur Verfügung gestellt. Wir können den Inhalt nicht vollständig aufzählen; die Abbildungen im Text führen von Lochner und Grünewald bis zu Kobell und C. D. Friedrich; von den Tafelbildern seien hervorgehoben der köstliche und wahrhaft überraschende „Liebeszauber" eines unbekannten Kölner Meisters um 1470, Dürers schöne Kalchreuth-Landschaft, Altdorfers wundervolles Weihnachtsbild, fetner je ein Holbein und ein Cranach, Elsheimer („Der Ueberfall"), Blechen, Menzel („Das Balkonzimmer"), Thoma („Flucht nach Aegypten") und Leibi. Als einziges zeitgenössisches Gemälde bilden die in altmeisterlicher Klarheit gemalten „Orchideen" von Werner Peiner (1925) den Abschluß. Nicht zu vergessen das Titelbild: ein verblüffend modern wirkendes Stilleben (Ausschnitt aus der Stuppacher Madonna) von
Grünewald. Die Wiedergabe ist, den Originalvorlagen entsprechend, unterschiedlich, bei einzelnen Werken vorzüglich. Der gut aufgemachte stattliche Band darf als ein Weihnachtsgeschenk von bleibendem Wert empfohlen werden. Hans Thyriot.
— Meisterwerke französischer I m - p r e s s i o n i st e n. Neun farbige Tafeln und 18 Abbildungen nach Gemälden, Zeichnungen, Holzschnitten und Lithographien. Einleitung von Karl Scheffler. Preis 5,60 RM. Die silbernen Bücher. Woldemar Klein, Berlin. — (583) — Zu diesem ersten Bande der „großen Reihe" der sil- bernen Bücher schrieb Karl Scheffler als einer der genauesten Kenner der Materie eine knappe und vorzüglich orientierende allgemeine Einführung in das Wesen der impressionistischen Malerei. In ebenso kurz gefaßten, jeweils das eigentümlich Charakteristische herausarbeitenden Kapiteln stellt er dann die großen Meister vor, welche die Bewegung trugen und dem impressionistischen Stil europäische Bedeutung verliehen: Courbet, Manet, Monet, Pissarro, Sisley, Renoir, Degas, Toulouse Lautrec, Cezanne und Gauguin; weniger einflußreiche Erscheinungen wie Seurat, Signac, Bazille werden im gehörigen Zusammenhang erwähnt. Den Hauptteil des stattlichen, gut ausgestatteten Bandes bilden die großen farbigen Tafeln; sie bringen von Degas die „Tänzerinnen in Blau", von Courbet die „Frau in der Hängematte", von Manet „Im Treibhaus" (Nationalgalerie Berlin), von Monet die „Ansicht von Vetheuil an der Seine" (Nationalgalerie Berlin), von Pissarro „Landschaft bei Pontoise" (Provinzialmuseum Hannover) von Sisley die „Regatta bei Henley", von -Renoir die „Mädchen im Gespräch", von Cezanne „Blumen und Früchte" (Nationalgalerie) und von Gauguin die „Strandszene von Tahiti". Die Reproduktion wird gerade in der Wiedergabe der großen Impressionisten immer nur Annäherungswerte vermitteln können; auch im vorliegenden Bande wird es ihre vornehmste Aufgabe sein, einen Gesamteindruck anzudeuten, den Text zu bestätigen und zu erhellen, vor allem aber den Betrachter an das Original heranzuführen, soweit es ihm heute erreichbar ist. Hans Thyriot.
Leben und Werk der Kaiserin Galla placidia.
— Henry Benrath: Die Kaiserin Galla Placidia. 514 Seiten. Mit einem Anhang und einer zweifarbigen Stammtafel. In Leinen 8,50 RM. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin. — (356) — In der Mitte dieses groß- angelegten, zugleich historischen und politischen, spannenden und stellenweise erregenden Buches steht die geniale Persönlichkeit der Galla Placidia (392 bis 450), Tochter des Kaisers Theodosius I., Stiefschwester des Kaisers Honorius, mit Eucherius, dem Sohne des Generalissimus Stilicho, verlobt, später Gefangene der Westgoten und westgotische Königin als Gemahlin Athaulfs, nach dessen Tode in zweiter Ehe vermählt mit dem Generalissimus Conftantius, wenig später wiederum verwitwet und in byzantinischer Verbannung, endlich abermals weströmische Kaiserin und Regentin für ihren Sohn Vatentinian III. Schon aus diesen sparsamen Le- bensöaten mag man das wahrhaft außerordentliche Leben und Wirken dieser Frau und Fürstin ablesen. Benrath hat nach jahrelangen Vorarbeiten und eindringenden Quellenstudien den unerhört vielschichtigen und schwierigen, figuren- und ereignisreichen Stoff übersehen, zusammengeschaut und gegliedert: in drei großen Abschnitten baut sich das schicksalhafte und an Erschütterungen reiche Leben der Galla Placidia vor uns auf: die römische Prinzessin, die gotische Königin, die römische Kaiserin. Was dieses Leben, über das persönliche und charakterliche Bild einer ungewöhnlichen Frau und Regentin hinaus, interessant, menschlich anziehend und bedeutend macht, ist der Umstand, daß Benrath es in den großen, geschichtlichen und weltpolitischen Zusammenhängen seiner Zeit sieht und begreift; er erkennt in Galla die letzte große Römerin von wahrhaft männlicher Kraft und kaiserlicher Haltung, die Überragende Verkörperung des imperialen Gedankens, der römischen Weltreich- Idee, eine Regentin, die sich ihrerseits hellsichtig der Schicksals- und Zeitwende bewußt ist, in die sie und mit ihr zugleich ihr Volk und Staat gestellt sind: in diesem fünften Jahrhundert beginnt das späte, überreif gewordene antike Imperium mit dem Zentrum seines mittelmeerischen Kraftfeldes in den Grundfesten bedroht und erschüttert zu werden; eine neue Zeit bricht mächtig an, und neue junge Völker, Goten, Vandalen und Hunnen branden landhungrig und eroberungslustig gegen die unendlichen Grenzen eines schon im innersten Kern gespaltenen und gefährdeten Reiches. Galla Placidia erkennt vorausahnend jede der dem Imperium drohenden Gefahren, weiß jeder zu begegnen, ist nicht nur Kaiserin dem Namen und Titel nach, sondern Herrscherin von Persönlichkeit und Geburt, bei der alle Fäden zusammenlaufen, in der alle lebendigen Mächte des Reiches sich sammeln; sie ist es, die mit.
Gewalt, mit Diplomatie, mit überlegener Staatskunst wirklich regiert, die weiß und gleichsam wittert, wie sehr das Reich der aufstrebenden und unverbrauchten Kraft des westgotischen Volkes bedarf, um seinen Bestand zu sichern und zu erhalten. Der Gedanke des Imperiums ist in ihr so selbstverständlich lebendig, daß sie in jedem Augenblick ihres Lebens auch ihre eigene Persönlichkeit, ihr Schicksal und Glück als Frau diesem Gedanken ein- und unterordnet, in dem sie Sinn und Aufgabe ihres Daseins begreift Den meisten Lesern wird das Jahrhundert, in welchem sich die Ereignisse des Werkes zusammendrängen, von der Schule her nur noch in flüchtigen Umrissen und nebelhaft gegenwärtig sein; und' die meisten werden mit Staunen und Bewunderung ein überraschend modernes, gegenwärtiges, ja aktuell anmutendes Bild einer sehr fernen und nur oberflächlich gekannten Zeit finden, deren Entscheidungen doch noch bis heute nachwirken. Es mag auf den ersten Blick überraschend und — nach Benraths eigenen Worten — gewagt erscheinen, daß hier, wie in der „Kaiserin Konstanze", auf jegliche historisierende Einkleidung verzichtet und die Sprache unserer Zeit auf die Darstellung des geschichtlichen Bildes angewendet wurde: man denke etwa an die große Senatsrede des Stilicho, mit der das Buch imposant einsetzt; aber es ist unbestreitbar, daß diese Darstellungsform gewaltige zeitliche Abstände überbrückt und Menschen, Ereignisse, Handlungen und Zusammenhänge dem Leser naherückt, ihm gleichsam selbstverständlich begreifbar und durchsichtig macht. „Der Dichter darf verzichten" — sagte Benrath in einer Nachbemerkung — „worauf der Wissenschaftler bestehen muß. Denn für den Dichter entscheiden: die seelische Eindringlichkeit der Darstellung, die Spürbarkeit der Atmosphäre, in der sich die Ereignisse vollziehen, und die Einheit des Stiles". Mit diesen Worten ist der Standort des Werkes, sind Sinn und Aufgabe unmißverständlich umschrieben. Wer sich der Darstellung überläßt, die mit einer erstaunlichen Sicherheit des Ueberblicks einen riesigen Stoff meistert, wird bestätigen, daß das Buch, vom ersten bis zum letzten Kapitel, allen Forderungen entspricht, die Benrath selbst an die Gestaltung des Stoffes gestellt hat. Auf die Wiedergabe von zeitgenössischen Bildern hat er bewußt verzichtet, dagegen war die Beigabe eines (sehr genau gearbeiteten und ungewöhnlich aufschlußreichen) Stammbaumes schlechterdings unentbehrlich. Vielleicht wäre auch für eine spätere Auflage die vom Verfasser für überflüssig erachtete Beifügung einer Karte zu erwägen, die dem Leser, wie wir glauben, doch manche wertvolle Hilfe geben und den Einblick in die weltgeschichtliche Zusammenhänge erleichtern würde. Hans Thyriot
Deutsche EEler.
— Friedrich Griese: Bäume im Wind. Roman. Preis in Leinen gebunden 5,80 RM. Verlag Albert Langen - Georg Müller, München. — (506) — Friedrich Griese ist der Dichter des niederdeutschen Dorfes, der kleinen Ackerbürgerstadt im alten Kolonialland, dessen schwerer Boden mit seinen weiten Feldern zwischen Wiese, Wald und Wasser sich von der Elbe zur Ostsee zieht. Ihm entstammt Griese selbst und ihm bleibt er verhaftet, auch wenn einmal die kantigen, wortkargen und in sich hinein spintisierenden Menschen seiner Dichtung aus dem Bannkreis ihrer Heimatscholle heraustreten. Darin hat er etwas mit Knut Hamsun, dem großen Norweger, gemein. Und wie dieser, macht es auch Griese seinen Lesern nicht leicht, durch ein Gestrüpp alltäglicher Nichtigkeiten des Lebens in Dorf und Kleinstadt zum Kern der Dichtung durchzudringen, wie auch eine Fülle anschaulich gezeichneter Gestalten, in Charakter und Schicksal durchaus individualisiert, ein buntes Mosaik menschlichen Daseins ergeben, im Einzelnen gar oft schwer zu überschauen, aber als Ausschnitt der Gemeinschaft von bleibendem Eindruck. Wie der Wind die , Bäume im Werden und Vergehen sich unterwirft, so sind die Menschen in Kommen und Gehen einem höheren Lebensgesetz untertan. Das ist das Motto der Dichtung, die aus dem bunten Rankwerk
Bilderbücher für die Kleinen
Jugendschriften 8350D
Unterhaltungs-Literatur
empfiehlt in reicher Auswahl die
Buchhandlung der Pilgermission
Blockstraße 4 GIESSEN Fernruf 4066
menschlicher Schicksale einer ländlichen Kleinstadt den Lebensweg eines rechtlichen, strebsamen, aber verschlossenen und in sich gekehrten Mannes heraus-; hebt, der als armer Holzfällerssohn vom Dorf in die Stadt kommt, es hier zu Ansehen und Wohlstand bringt, aber an dem Treubruch feiner Frau innerlich zerbricht. Der Sohn löst sich aus dem „Raum des Schweigens", der den Vater erdrückt hat, zieht wieder hinaus aufs Land zu neuem Lebensanfang. Die kleine Stadt, neugierig und geschwätzig, nüchtern und real, geht über die Tragödie eines der ihren bald zur Tagesordnung über. „Sie hat", wie der Dichter sagt, „ihr einmal fest- gelegtes Bild, dem lebt sie nach. Es kann wohl einmal etwas geschehen, was ihr für längere Zeit den Atem versetzt, aber sie findet sich wieder, sie lebt nicht von den großen Ereignissen, denen fügt sie sich und wendet alle Mühe auf, das eine vor dem anderen zu vergessen." Doch dieser Ton der Resignation herrscht in der Dichtung Grieses nicht vor, bei aller humorgeschürzten Beschaulichkeit reißt eine starke Spannung den Leser voran und läßt dies Buch niederdeutscher Landschaft und niederdeutscher Menschen uns sobald nicht vergessen.
Fr. W. Lange.
— Karl Heinrich Waggerl: Kalendergeschichten. 71 Seiten. Im Insel-Verlag zu Leipzig. — (470) — Das in der Insel-Bücherei (Nr. 522) erschienene, in einer feinen neuen, aber altertümlich wirkenden Fraktur gedruckte Bändchen ist eine liebenswürdige Gabe für die Freunde des Dichters und alle, die es werden wollen. Es enthält neben drei Legenden — von den drei Pfändern der Liebe, vom Tod und vom vergrabenen Herzen — aus dem früher erschienenen Roman „Brot" die kleinen Erzählungen „Räubergeschichte", „Die Schöpfung" und „Gang zur Geliebten". Alle diese Geschichten sind in der einfachen und anschaulich-lebendigen Sprache des Märchens und des alten Volksbuches geschrieben, aber ganz ungekünstelt und-überall so, daß Waggerls eigene Weise immer hindurch^ flingj, auch sein stiller, nie aufdringlicher Humor... vor allem in der entzückenden Bekehrung der wilden Räuber ober in dem paradiesischen Idyll von den ersten Menschen. Wir wünschen das Bändchen als Geschenk auf viele weihnachtliche Gabentische.
Hans Thyriot
Von aHerld Tieren.
— Svend Fleuron: Meister Lampe. Eine Hasengeschichte. Preis in Seinen geb. 2,80 Mk. Verlag Eugen Diederichs in Jena. — (322) — Diese reizende Hasengeschichte des bekannten dänischen Tierdichters hat der Verlag jetzt dankens- werter Weife in geschmackvoller Ausführung als Volksausgabe zu verbilligtem Preis herausgebracht Der kleine Seppel, von dem diese Geschichte handelt, ist der lustigste in der großen Hasenfamilie Lepidus, eine Persönlichkeit im Hasenfell, die alle Widerwärtigkeiten des Lebens mit stoischem Gleichmut aufnimmt unh allen Gefahren in unzerstörbarer Lebensfreude ein Schnippchen schlügt. Die luftige Geschichte dieses pfiffigen Bürschleins wird allen Freunden der beseelten Natur sehr viel Vergnügen bereiten. L.
— Johannes Heinrich Braach: Qui- lepp und Quito. Ein Reiher-Roman. Verlag Rütten & ßoening, Potsdam. Mit 12 Bildtafeln. Preis in Leinen gebunden 3,80 Mark. — (576) — „Quilepp und Quila" ist die Geschichte eines Reiherpärchens, das in einem Naturschutzgebiet des Altrheins feinen Horst gebaut hat und einen Sommer lang alle Freude und alles Leid erfährt, die die Natur ihren Lebewesen bestimmt hat. Es wird erzählt von der glücklichen Zeit der ersten Gemeinschaft und der Bewährung in Kampf und Not und endlich von dem letzten großen Zug nach Süden, auf dem die Liebe zwischen Quilepp und Quila ihr tragisches Ende findet.
— Hayna Focken: Schlüpfer, der unverbesserliche Ur-Dackel. Verlag I. Enget- Horns Nachf., Stuttgart W, Preis kart. 2.— RM. — (388.) — Der Dackel ist sicher das Hundevieh von ausgeprägtester Eigenart und daher von jeher besonderer Liebling aller Maler und Poeten, die im Dackel sicher so manches Mal ein Teil ihres eigenen Jchs aufspüren und porträtieren. Hier hat sich zu den lustigen Dackelreimereien von Hayno Focken der kongeniale Zeichenstift Fritz Koch-Gothas gesellt und so köstlich heitere Szenen geschaffen, daß man nicht einmal ein Hundenarr zu rein braucht, um an dem hübschen Büchlein feine helle Freude zu haben.


