SJl.-^port
Trockenskikurse des Sk.klubs beginnen jetzt!
Am kommenden Freitag beginnen wieder in der Reithalle (Brandplatz) die Trockenskikurse des Skiklubs Gießen. Diese Kurse sind sowohl für Mitglieder als auch für Nichtmitglieder kostenlos zu besuchen.
Nach den sehr guten Erfolgen in den letzten Jahren ist auch in diesem Winter wieder mit guter Teilnahme zu rechnen, zumal die praktischen Uebungen unter Leitung geprüfter Skilehrer, durch Lichtbilder und Filmvorführungen ergänzt werden.
Für die Anfänger sind diese Trockenkurse von § rohem Nutzen, da sie an diesen Abenden in die lnsänge der weißen Kunst eingeführt werden und dadurch stundenlange Erklärungen im Schnee erspart werden. Für die Fortgeschrittenen sind die Trockenskikurse nicht weniger wertvoll, da durch entsprechende Skigymnastik die beim Skilauf betätigten Muskelpartien sehr gut vorbereitet werden, und sich die fortgeschrittenen Läufer auf den heutigen modernen Skilauf umstellen können.
Die Vortragsreihe „Der Skilauf" wird am 24. No
vember im Kunstwissenschaftlichen Institut, Ludwig- straße 34, mit zwei Borträgen „Die Entwicklung der Skilauftechnik" und „Skiunfälle und ihre Vermeidung" mit Lichtbilder- und Filmvorführung fortgeführt.
Schachturnier in Alsfeld.
Gießener Schachspieler erfolgreich.
Der Kampf, der von Alsfeld, Fulda, Gersfeld und Gießen zum Gedächtnis des deutschen Meisters Fritz um einen wertvollen Preis, ein außerordentlich kunstfertig aus Elfenbein geschnitztes Schachspiel, bestritten wurde, wurde zum Schluß dadurch sehr erregend, daß Alsfeld sehr bald einen schwer einzuholenden Vorsprung von 6 Punkten gewann. Nach und nach holte aber Gießen auf und es kam zu einem ganz knappen Sieg der Gießener Schachspieler.
Leider mußten zwei Partien abgeschätzt werden. Für Gießen kämpften gegen Alsfeld: Schäffer, van Stockum und Urning, gegen Fulda: Wagner, Mayer und Dr. Gerhard und gegen Hersfeld: Ministerialdirektor Urstadt, Kur und Braun.
Jorgen: Fußball im Dienste des MW.
Stadtmannschast Gießen-Marburg.
Ebenso wie im Reiche wird auch im Kreise Gießen der Buß- und Bettag im Zeichen der Winterhilfsspiele des Fachamtes Fußball stehen. Im vergangenen Jahre konnte der Sportkreis Gießen die Höchstsumme der Kreise im ganzen Gau an das WHW. abführen. Auch in diesem Jahre ist ein Programm zusammengestellt worden, das an Zahl und an Reiz der Begegnungen der gepaarten Mannschaften gegenüber dem Vorjahre nicht zurücksteht. Als wichtigstes Spiel trägt die Stadtmannschaft ein Rückspiel in Marburg gegen eine dortige Stadtmannschaft aus. Da in den vergangenen zwei Jahren die Gießener Mannschaften selten Gelegenheit hatten, gegen Marburger Mannschaften zu spielen, so ist man um so mehr auf das Abschneiden der Gießener Mannschaft gespannt, als der Gießener Fußball offensichtlich eine Aufwärtsentwicklung zeigt. Leider können die Gießener Lippert nicht in die Mannschaft stellen, da er in Stuttgart für den Gau Hessen spielt. Im übrigen hat man die stärkste Mannschaft gestellt. Sie hat folgendes Aussehen: Gottschalk (VfB.); Pankok (1900), Kramer (VfB.); Krämer (VfB.), Thron (VfB.), Lehrmund (1900); Krämer (1900). Heilmann (SA.), Bach (VfB.), Heß (VfB.), Szponick (VfB.). Ersatz: Heuser, Erhard und Schellhaas (1900), God- glück (VfB.).
Die Aufstellung der Mannschaft verdient Vertrauen. Es wird nur darauf ankommen, wie sich die Mannschaftsteile finden werden. Man hofft, daß die Mannschaft den Gießener Fußball gut vertreten wird.
Begegnungen im Kreis Gießen.
Der Kreis Gießen selbst bringt folgende Begegnungen:
V f B. - R. Gießen 1. und 2. Mannschaft komü. gegen 1 9 0 0 Gießen 1. und 2. Mannschaft komb.
Wenn auch beide Vereine Spieler für die Stadtmannschaft abgeben müssen, so sind doch die Reservemannschaften beider Vereine zur Zeit derart spielstark, daß sie wohl kaum als „Ersatz" für die 1. Mannschaft anzusprechen sind.
Großen-Linden I — Steinberg I. Steinberg spielt gegen die gefürchtete Heimmannschaft Großen-Linden. Für die Steinberger sollte dieses Spiel selbst bei Würdigung ihrer Spielstarke kein Spaziergang werden. Die Großen-Lindener sollten Gelegenheit haben, in diesem Spiel zu lernen.
Garbenteich - Steinbach komb. — L i ch- Leihgestern komb. Die vier Vereine verfügen über genügendes Spielermaterial, um zwei Mannschaften ins Feld zu stellen, die an Spielstärke sich
gleichwertig sein sollten. Vielleicht gibt der Platzvorteil für die Garbenteich-Steinbacher Kombination den Ausschlag.
Alten-Buseck-Wieseck komb. — Grotz e n - B u s e ck I. In diesem Spiel erwartet man die Kombination als Sieger.
Roüheim I — Heuchelheim I. Dieses Spiel bedeutet eine Neuauflage des kürzlich statt- gefundenen Derbandsspieles, in dem die Heuchelheimer sich knapp durchsetzten. Vielleicht gelingt es diesesmal den Platzbesitzern, das bessere Ende für sich zu behaupten.
Geilshausen I — Rüddingshausen I. Auch hier hat man zwei Mannschaften gegenüber* gestellt, die schon immer sich spannende Kämpfe geliefert haben.
Wißmar-Launsbach komb. — Lollar!. Die Lollar er Mannschaft sollte diese Gelegenheit wahrnehmen, um ein Propagandaspiel durchzuführen. Der Klassenunterschied der beiden Mannschaften sollte es zulassen, daß die Lollarer ihr technisches Können voll zur Geltung bringen.
Flensungen-Lehnheim kombiniert gegen Grünberg-Göbelnrod ko mb. Gleichwertige Mannschaften werden hier um den Sieg kämpfen.
Daubringen I — Staufenberg-Treis komb. Auch hier ist ein spannendes Spiel zu erwarten.
Fußball der Jugend.
Für den morgigen Mittwoch sind nur einige Spiele angesetzt.
VfB.-Reichsbahn — Spielvereinigung 1900
Großen-Linden — Watzenborn-Steinverg/Leih- gestern komb.
Heuchelheim — Klein-Linden.
Rodheim — Krofdorf.
In Gießen treffen sich vor dem Spiel der beiden ersten Mannschaften der Lokalgegner die Jugendmannschaften. Die Platzbesitzer werden wohl den Sieger stellen. Der Tabellenführer der Gruppe II Großen-Linden hat das schwerste Spiel. In Heuchelheim treffen sich zwei Mannschaften, die lange nicht mehr gegeneinander gespielt haben. Klein-Linden wird alles daransetzen müssen, um ehrenvoll zu bestehen. In Rodheim treffen sich zwei gleichwertige Mannschaften.
Fußball-Ergebnisse der Kreisklassen.
1. Preisklasse.
VfB.-R. Gießen I — SA.-Kampfgemeinschast Gießen I 5:1: x)as Spiel wurde allzu hart durchgeführt.
Großen-Buseck — Rodheim 6:2: Die Großen-Busecker waren in großer Fahrt und schlugen die Rodheimer eindeutig.
Heuchelheim — Rüddingshausen 5:1: Bei diesem Spiel waren die Heuchelheimer in großer Form, die Rüddingshäuser haben an Kampfkraft nachgelassen.
Wieseck — Klein-Linden 3:1. Der Sieg ist den Wieseckern zu gönnen und war verdient.
1900 Gießen II — Steinbach I 3:2. Hier siegte die technisch bessere Mannschaft.
DfB.-R. Gießen II — Steinberg II 4:1. Die VfB.-Mannfchaft steht bis jetzt ungeschlagen an der Spitze, im Kamps selbst zeigten die VfB.er ein einheitliches Zusammenspiel.
Großen-Linden — L i ch 3:2: In diesem Spiel war Großen-Linden in der Halbzeit hoch überlegen, dann trat eine Schwächeperiode ein, und in dieser Zeit holten die Licher zwei Tore auf.
2. Kreisklasse.
Grünberg — Lehnheim 0:0: Zwei gleichwertige Gegner, die sich die wertvollen Punkte teilten.
Oppenrod — Muschenheim 2:2: Auch bei diesem Spiel konnte nur ein Unentschieden herausgeholt werden, trotzdem man den Muschenheimern den Sieg zugetraut hätte.
Treis — Geilshausen 3:0: Die Treiser zeigten eine große Ueberlegenheit, und bei Geilshausen langte es noch nicht einmal zu einem Ehrentreffer.
SA.-Kampfgemeinschast Gießen II — Wißmar I 1:3: Die Wißmarer werden von Spiel zu Spiel besser.
Grüningen — Staufenberg 2:2: Die beiden Gegner lieferten sich ein faires Spiel u*’* teilten sich die Punkte.
Handball-lleberraschungen des Sonntags.
Das Programm der Bezirksklasie war am Sonntag nur gering. In den Kreisklassen gehen die Spiele gut vorwärts. Es gab am Sonntag wieder einige Ueberrafchungen. Gegen alle Erwartung verlor der Spitzenreiter MSV. III. AR. 9 (Barbara) gegen Lang-Göns.
Bezirksklasse.
Mtv. Gießen — Tv. Heuchelheim 9:5.
Tv. Roth — Tv. Lützellinden 3:6.
Der Mtv. gewann fein Spiel erwartungsgemäß. — Schwerer fiel es dem Tv. Lützellinden, der erst in den letzten fünf Minuten den Sieg sicherstellen konnte.
1. Kreisklasse.
Tv. Hausen — Tv. Holzheim 14:9.
To. Lang-Göns — MSD. Barbara Gießen 5:4.
To. Dutenhofen — Tv. Katzenfurt 11:7.
Tv. Dornholzhausen — Tv. Garbenheim 2:8.
Das Ergebnis des Spieles in Haufen entspricht nicht dem Verlauf. Beide Mannschaften waren sich vollkommen gleichwertig. Allerdings hatten die Gäste eine schlechte Hintermannschaft. — Mit einer ganz vorzüglichen Leistung wartete die junge Mannschaft des Tv. Lang-Göns auf, der es gelang, in einem sehr schönen Spiel den Spitzenreiter der Staffel 1 MSV. Barbara knapp zu schlagen. — Dutenhofen konnte sich für die im Vorspiel erlittene Niederlage glänzend revanchieren. — Sicher und verdient gewann auch Garbenheim in Dornholzhausen.
2. krelsklasse.
In der zweiten Kreisklasse mußte eine ganze Reihe von Spielen noch in letzter Minute abgesagt werden, weil es verschiedenen Vereinen an Spielern mangelte. Die Punkte sind allerdings hin. So kamen kampflos zu Spielgewinnen: Tv. Allendorf (Lahn), Tv. Lich und Tv. Nauborn.
Tv. Wißmar — SA. 1/116 9:4.
Tv. Ruttershausen — Tv. Londorf 2:4.
Wißmar dürfte nach dem neuerlichen Sieg der Staffelsieg nicht mehr zu nehmen sein. Die Mannschaft spielte auch gestern wieder ausgezeichnet zusammen und ließ der Mannschaft 1/116 keine Siegeschance. — In Ruttershausen kam nur ein Freundschaftsspiel zum Austrag.
Meister des D l'ards im SHtfampf.
Weltmeister Hagenlocher im LafL Amend.
Arn Sonntag weilte der Billardweltmeister H a - genlocher in Gießen, um hier im Billardsaal des Cafö Amend seine unerreichte Kunst zu zeigen. Der stellvertretende Vorsitzende des Gießener Billardklubs, Herr Balken, hieß die zahlreichen Besucher willkommen und gab seiner Freude Ausdruck, daß das Gastspiel des Weltmeisters so reges Interesse gefunden hat. Er begrüßte den Weltmeister aufs herzlichste, dem es gelungen sei, in Amerika den Weltmeistertitel zu erringen und auch erfolgreich zu verteidigen.
Nach einigen erklärenden Worten über die beiden Wettspiele begann der Kampf zwischen Weltmeister Hagenlocher und Meister Sommer über 300 Punkte Dreiball Cadre-Spiel, welches der Weltmeister in 11 Aufnahmen bei einem Generaldurchschnitt von 27,27 und einer Höchstserie von 130 Bällen mit ins
gesamt 300 Bällen gegen Meister Sommer mit 52 Bällen (durchschnittlich 4,72, Höchstserie 17 Bälle) gewann.
Das nachfolgende Dreibandenspiel konnte der Weltmeister ebenfalls für sich entscheiden. Meister Sommer unterlag ehrenvoll mit 7 Punkten in 19 Aufnahmen (Durchschnitt: 0,36, Höchstserie zwei Punkte) gegen den Weltmeister mit 20 Punkten bei einem Durchschnitt von 1,05 und einer Höchstserie von 17 Bällen.
Es herrschte eine eigenartige Stimmung um ein solches Billardwettspiel. Rund um den grünen Tisch sitzen und stehen die Zuschauer, die laullos den Kampf verfolgen. Man hört nur das Knickern der Bälle. Nur ab und zu ertönt ein Beifallsruf. Meister Sommer hatte es schwer, gegen den großen Gegner anzukommen, der mit bewunderswerter Ruhe spielte. Er spielte nicht darauf los, sondern nahm auch den leichtesten Ball ernst. Rechts wie links spielt er gleichmäßig gut und traf die Bälle so, daß sie die Stellung einnehmen, die er haben wollte.
Und dann kam das große Zaubern auf dem grünen Tuch. Man kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zieher zweimal durch die gleiche Ecke, eine Schlangenlinie um den Hut, prächtige Preßbälle und Dreibander auf engstem Raum wechselten mit Scherzstößen aller Art, so daß man glaubte, es mit einem Zauberkünstler zu tun zu haben. Die zahlreichen Gäste dankten mit starkem Beifall.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
Obst in O. 1. Arbeiten, welche ohne Ihren Auftrag an Ihren Obstanlagen durch Dritte vorgenom- men werden, brauchen von Ihnen grundsätzlich nicht bezahlt zu werden. 2. Die Gemeinde ist berechtigt, zur Schädlingsbekämpfung das Spritzen von Obstanlagen zu verlangen; sie muß den Eigentümer der Bäume unter Fristsetzung entsprechend auffordern und kann für den Fall fruchtlosen Fristablaufs die Vornahme der erforderlichen Arbeiten auf Ihre Kosten durch einen Dritten, insbesondere den Obstbaumverein, bewerkstelligen lassen. 3. Die Schädlingsbekämpfung ist gesetzlich geregelt.
ORunhfunfprogramm
Mittwoch, 17. November.
6 Uhr: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Orgelkonzert. 9: Christtiche Morgenfeier. 9.45: Erwachen zum Glauben. 10: Dichter starben für Deutschland. 10.30: Chorgesang. 11.15: „Ritter, Tod und Teufel", eine Funkfolge. 12: M t- tagskonzert. 14: Für unsere Kinder. 14.30: O holde Frau Musika! 15.30: „Kämpfer in der Stille". 16: Unser singendes, klingendes Frankfurt. 18: Kuz» necov, Hörspiel. 18.30: „Alte Orgel in Amorbach". 19: Nachrichten. 19.10: Mar Reger. 19.45: Sport- spiegel des Tages. 20: „Fidelio". 22.15 bis 21.35: Nachrichten. 22.45: Sportbericht. 23: „Es klang ein Lied ...", Unterhaltungskonzert. 24 bis 1: Musik unserer Nachbarn (1).
Oer Grssel.
Eine Geschichie von peier Mattheus.
Das einzige anständige Möbelstück in Rolfs Atelier war ein alter rindslederner Klubsessel, der einmal bessere Tage gesehen hatte. Das Leder war schon etwas abgeschabt, die Polsterung lückenhaft und einige Gurte waren geplatzt.
In diesem Sessel saß Herr Direktor Ling und betrachtete versunken ein Bild, das Rolf vor ihn hin auf die Staffelei gestellt hatte. Er betrachtete es mit sichtlichem Wohlgefallen.
Es war eine Landschaft — ein blühende Wiese mit einem Stück blauen Himmel darüber.
„Ja", sagte Herr Direktor Ling, während er seine Brieftasche hervorzog, „ja — ich habe selten ein Bild gesehen, das mir so gefallen hat. Ich denke, ich werde es kaufen. Zweihundert, sagten Sie, nicht wahr?"
Rolf nickte stumm. Sprechen konnte er nicht. Er segnete im stillen diesen Tag, an dem Direktor Ling in einer Kunsthandlung «in Bild von ihm gesehen hatte, und zu ihm in das Atelier gekommen war.
Plötzlich jedoch zögerte der Direktor. Er fingerte unentschlossen an der Brieftasche herum.
„Hm", machte er nachdenklich, „eigentlich müßte ich wohl doch erst meine Tochter fragen. Sie führt mir das Haus, feit meine Frau tot ist, wissen Sie. Das Bild soll in unserem Musikzimmer hängen. Es wäre nicht recht, sie nicht vorher um ihr Urteil zu bitten."
Hier hätte Rolf sprechen können. Er hätte sagen können, daß er lange schon nicht mehr ein noch aus wisse, daß er seit Monaten kaum das Aller- notwendigste zum Leben habe, und daß diese zwei- hundert Mark die Rettung für ihn bedeuteten...
Er schwieg. Man entschließt sich schwer zu solchen Geständnissen.
Der Direktor schob die Brieftasche in den Rock zurück und stand auf.
„Ich komme wieder", sagte er.
Die Tür klappte hinter ihm zu.
Rolf sank vernichtet in den Sessel, den der Besuch eben verlassen hatte. Die Enttäuschung war zu groß. Kam dieser Mann wie vom Himmel gesandt zu ihm ins Atelier, um ein Bild zu kaufen — seit langem der erste Mensch, der ein Bild kaufen wollte. Und er fand auch eins, das ihm gefiel — alles sah rosig aus — und dann kaufte er doch nicht!
Warum? Hatte es ihm zum Schluß nicht mehr gefallen? War er wankend geworden in feinem
Urteil? Den Wunsch, erst noch die Tochter zu befragen, hielt Rolf für eine glatte Ausrede. Er hatte einige Erfahrung auf diesem Gebiet.
Rolf stieß einen Seufzer aus und stand auf. Das heißt: er wollte aufstehen. Zu diesem Zweck stemmte er die Arme aus den eingesunkenen Sitz, um sich einen Schwung zu geben. Dabei glitt sein einer Arm ab und fuhr tief in die Falte zwischen Polsterung und Seitenwand. Als er den Arm wieder hervorzog, hielt er eine Brieftasche in der Hand — die Brieftasche, die er eben in den Händen feines Besuchers gesehen hatte. Es gab nur eine Erklärung: sie mußte neben der Rocktasche unter dem Rock hindurch in die Falte gerutscht fein.
Rolf war so verblüfft, daß er sie mechanisch öffnete. Ein Fach war angefüllt mit Banknoten. Ohne recht zu wissen, was er tat, zog er die Scheine heraus und zählte.
Siebenhundert Mark!
Du lieber Himmel — was konnte man für diese Summe alles kaufen! Was bedeutete es, siebenhundert Mark zu besitzen? Rolfs Blicke wanderten in dem kahlen Atelier hin und her. Es bedeutete viel — sehr viel. Es bedeutete Miete bezahlen, essen und sorglos schlafen. Es bedeutete Leinwand und Farben und ruhige gesicherte Arbeit durch viel« Wochen...
Plötzlich fuhr er zusammen und stopfte die Brieftasche schnell in den Spalt zurück. Kamen da nicht Schritte die Treppe herauf?
Er sprang auf und wandte sich mit bebenden Lippen zur Tür.
„Eine Brieftasche?" murmelte er heiser. „Hier ist keine Brieftasche. Sehen Sie doch selbst. Sie müssen sie auf der Treppe verloren haben."
Alles blieb still. Es kamen keine Schritte die Treppe herauf, und die Tür blieb geschlossen.
Rolf wandte sich ab und sank in den Sessel zurück. Dabei fiel sein Blick auf das Bild, das noch immer auf der Staffelei stand — auf die blühend« Wiese mit dem blauen Himmel. Er starrte den Namen unten in der Ecke an. Seinen Namen. Bis jetzt haftete kein Makel daran. Dieser Nam« sollte einmal Klang haben. Bilder mit diesem Namen sollten einmal in den Galerien hängen. Und er wollte...
Rolf fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn und sprang auf. Er riß die Brieftasche hervor, stürzte hinaus auf den kleinen Balkon vor dem Atelier und beugte sich weit über die Brüstung.
Tief unten auf der Straße sah er Herrn Direktor Ling in sein Auto steigen. Er rief, so laut er konnte, und schwenkte die Brieftasche hin und her. Der Direktor unten sah auf und griff hastig in die Rock
tasche. Dann wandte er sich wieder der Haustür zu, legt« die Hände an den Mund und rief: „Ich komme!"
Kurze Zeit daraus stand Herr Direktor Ling vor dem Sessel und ließ sich von Rolf erklären, wo er die Brieftasche gefunden hatte, und wie sie in den Spalt gelangt fein mußt«. Er musterte verstohlen das bleiche Gesicht des Malers. Ein wenig verstand er sich auf Menschen. Er ahnte etwas von dem Kampf, der sich hier abgespielt hatte.
„Sie haben recht", sagt« er schließlich, „ich muß die Tasche danebengesteckt haben, anders ist es gar nicht möglich. Und ich hatte den Verlust noch nicht einmal bemerkt. Hm —", er lächelte leise und deutete auf die Staffelei, „da ich nun schon wieder hier bin, möchte ich das Bild dort doch gleich mitnehmen. Sind Sie einverstanden?"
Rolf konnte nur nicken. Zweihundert Mark lagen vor ihm auf dem Tisch. Zweihundert ehrlich «r- worbene Mark.
Des Direktors Blick schweifte durch das Atelier und hafteten an einem Selbstbildnis Rolfs, das an der Wand hing.
„Ich sehe, Sie malen auch Porträts", fuhr er fort. „Ich hatte immer schon den Wunsch, ein gutes Bild von meiner Tochter zu besitzen. Hätten Sie Lust, den Auftrag zu übernehmen? lieber das Honorar werden mir uns schon einigen."
Rolf stammelte ein paar undeutliche Worte, die völlig unverständlich blieben.
„Ich begreife", sagte Herr Direktor Ling und lächelt« abermals.
„Sie können sich nicht entschließen, ohne das Modell gesehen zu haben. Bitte...!"
Er öffnete die Brieftasche und reichte Rolf eine Photographie, die ein sehr junges schönes Mädchen darstellte — mit klaren Zügen, lachenden Augen und einem kleinen, zart geformten Mund.
Rolf starrte das Bild lange schweigend an.
„Nun —?* fragte der Direktor endlich.
„Ich... ich übernehme den Auftrag", stteß Rolf hervor.
Der Direktor lächelte befriedigt. ♦
Wer heut den Maler Rolf besucht, sieht an der Hauptwand seines Ateliers das Bild eines sehr jungen schönen Mädchens hängen. Herrlich gemalt. Mitunter kommt seine Frau herein und sieht ihm bei der Arbeit zu. Sie hat genau die gleichen klaren Züge, die lachenden Augen und den kleinen, zart geformten Mund des Mädchens auf dem Bild. Sie heißt mit ihrem Mädchennamen Ling.
1 Wenn sie ein Weilchen im Atelier gewesen ist,
meldet sich meist nebenan eine Kinderstimme. Dann läuft sie eilig hinaus.
Rolf schmunzelt dann vergnügt. Vier Bilder von ihm hängen bereits in öffentlichen Galerien, und sein Name wird oft in den Künstlettschriften genannt.
In einer Ecke seines Ateliers, auf einem bevorzugten Platz, steht ein alter rindslederner Klubsessel, der eigentümlich von der fonftigen Einrichtung des Raumes absticht. Das Leder ist brüchig, die Polsterung lückenhaft, und ein paar Gurte find geplatzt.
Um keinen Preis der Welt würde sich Rolf von diesem Sessel trennen.
Erstaunliche Altersleistungen.
In England hat sich ein Klub der über Vierzigjährigen gebildet, dieser Klub läßt es sich angelegen sein, Beispiele von Leuten zu sammeln, Die in hohem Alter noch ihren Posten ausfüllen ober erstaunliche Leistungen vollbrachten. Da wird zum Beispiel der Pater William Kent genannt, der vor einiger Zeit im Alter von 77 Jahren gestorben ist. Er war in London geboren und hat sein ganzes Leben in London verbracht. Er beherrschte 54 Sprachen, von denen er zwei nach Vollendung seines 70. Lebensjahres lernte. Als W Grellier, ein Inspektor des Londoner Grafschaftsrats, sich mit 80 zur Ruhe setzen wollte, wurde er wegen seiner besonderen Leistungsfähigkeit ausdrücklich gebeten, das nicht zu tun. Dabei hatte er durchaus feinen Posten, der ihm erlaubt hätte, feine Tage ruhig am Schreibtisch zu verbringen. Es ist auch nicht immer nur geistige Arbeit, in der alte Leute sich auszeichnen können. Ein gewisser Sidney Talbvt tat mit 98 Jahren noch volle Arbeit als Maschinist. In diesem Alter erkrankte er zum erstenmal in seinem Leben, erholte sich jedoch bald wieder. In Frankreich meldete sich bei Ausbruch des Weltkrieges ein 76jähriger Veteran des Krieges von 1870 als Kriegsfreiwilliger. Er wurde zuerst in Der Etappe beschäftigt, setzte es aber bald durch, an die Front zu kommen. Auch von Künstlern ist es bekannt, daß sie oft in hohem Alter noch die erstaunlichsten Leistungen vollbringen, ost sogar in fortgeschrittenen Jahren erst anfangen, sich aus einem neuen Gebiet zu beschäftigen. Es roirfo auf William de Morgan verwiesen, der mit 67 Jahren sein erstes Buch „Joseph Dance" schrieb, oder auf den Maler James. Sant, der mit 94 noch in Der Akademie ausstellte. Solche Beispiele könnte man sicher beliebig vermehren. Man braucht nur an Tizian zu denken, der mit 99 Jahren noch malte.


