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Nr. 13 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Zamrtag, Ib.Zanuar 1931

Das neue Landschulheim Keffelbach.

Das Landschulheim. Die völkische Erziehungs- und Charakterschule.

der Charakterbildung die Kräfte des Ein« zelnen stärke, jene Kräfte, mit denen er dereinst der Volksgemeinschaft dienen werde. Er forderte zu tat« kräftiger Mitarbeit in der Sache des Landschul­heimes auf.

Lchulrat Nebeling

In Anwesenheit aller Schulvorstände aus dem Kreise Gießen wurde gestern das Landschulheim Kesselbach seiner Bestimmung übergeben. Dieses Landschulheim wurde vom Kreisschulamt Gießen aus eigener Initiative geschaffen. Die Schaffung des Heimes in Kesselbach wurde dadurch möglich, daß in diesem Orte eine Lehrerstelle gestrichen wer­den konnte, ein Schulsaal, sowie auch eine geräu­mige Lehrerwohnung frei wurde, Räume also, die für das Landschulheim zur Verfügung gestellt wer­den konnten. Das Heim, das den Kindern der Volksschulen des Kreises gewidmet sein soll, liegt

landschaftlich überaus bevorzugt. Das Schulhaus liegt über dem Dorfe auf einem Höhenrücken und von allen Fenstern aus ist ein herrlicher Ausblick über die hügelige Umgebung möglich.

Die Einrichtungen des Landschulheimes gestatten die Unterbringung von 60 Kindern. In der ehemaligen Lehrerwohnung wurden die Schlaf­räume eingerichtet, auch im Dachgeschoß konnten Betten untergebracht werden. Der große Tagesraum liegt zu ebener Erde. Die Waschräume und die Küche liegen im Keller.

Amtstagung der Schulvorstände.

Mit der Uebergabe des Landschulheimes in Kes­selbach an seine Zweckbestimmung war gleichzeitig eine Amtstagung der Schulvorstände des Kreises Gießen verbunden. Diese Tagung stand ganz unter dem Landschulheim-Gedanken. Schulrat Nebe­ling gab einleitend Mitteilungen bekannt. Er sprach zunächst über die beschränkten Möglichkeiten einer Versetzung; von den Lehrern werde erwartet, daß sie der Sache des Luftschutzes alle Aufmerk­samkeit zuwenden, und es wurde ferner darauf hin- geroiefen, daß sich in Zukunft auch die technischen Lehrerinnen stärker in den Dienst der Volksge­meinschaft stellen sollen. Sehr erwünscht sei die Schaffung von Schulgärten. Schulrat Nebeling machte ferner Ausführungen über die Berücksichtigung der Schule in den Haushaltsplä­nen der Gemeinden. Hingewiesen wurde außerdem darauf, daß sich die Lehrerschaft dafür einsetzen möge, daß schöne alte und mit der Ortsgeschichte verbundene Wege-, Platz- und Straßennamen er­halten bleiben.

Nach einer kurzen Pause wandte sich die Ver­sammlung dem eigentlichen Thema des Tages, dem Landschulheim-Gedanken, zu.

Schulrat Nebeling

erörterte zunächst die psychologischen Gesichtspunkte, die die Partei veranlaßten, dem deutschen Volke eine neue Lebensordnung zu geben. Klar sei die Erkenntnis, daß zwischen dem einzelnen und der Gemeinschaft des Volkes eine schicksalhafte Wechselbeziehung bestehe. Deshalb müsse der Mensch zum Gemeinschaftswillen erzogen werden. In der Schule könne man wohl von einer Gemein­schaft sprechen, aber sie sei noch nicht als voll­kommen zu erachten. Das gelte hauptsächlich für die Schule in der Stadt. In jüngster Zeit seien ober auch hier erfreuliche Fortschritte gemacht worden. Das Schullandheim solle nun zur Vertiefung der Schulgemeinschaft führen. Deshalb habe im Kreis Gießen ein eigenes Schul­landheim geschaffen werden müssen. Mit dem Landschulheim Kesselbach seien günstige Voraus­setzungen gegeben. Ideal seien die landschaftlichen Verhältnisse, zwei Minuten Weg nur fei der Wald entfernt, nahe sei ein Schwimmbad anzutreffen, ein Turnplatz sei auch vorhanden. Wichtig sei, daß für kaum eine Schule unseres Kreises bedeutende Un­kosten für Fahrgeld erwachsen könnten, da das Heim von vielen Orten aus in einem Tagesausflug zu erreichen sei. Nach diesen einleitenden Be- imerkungen sprach

Lehrer Stoll, Wieseck

rüber die schulische Vorbereitung eines Äandschulaufenthaltes, durch die erreicht werden solle, daß die Erlebnisse auch zu Erkenntnissen tat­sächlicher Art werden und nicht nur romantischer Eindruck bleiben. Den Kindern solle die Landschaft,

die Bevölkerung, Sitte und Gebrauch, wirtschaftliche Bindung usw. nahe gebracht werden. Die Kinder sollten Anhaltspunkte eines Wissens bereits mit­bringen, um dann an Ort und Stelle die Er­scheinungen besstr verstehen zu können. Heber die praktische Vorbereitung sprach

Lehrer Gandenberger, Holzheim.

Er gab zunächst eine Gegenüberstellung des Schulausfluges von einst und heute. Er wies dar­auf hin, daß ein Schulausflug, und mehr noch ein Schullandheim-Aufenthalt, auf das sorgfältigste vor­bereitet sein müsse. Seine praktischen Anregungen bezogen sich insbesondere auf die Ausrüstung der Kinder, die Vorsorge für Verpflegung und Schla­fen, die Reise mit der Bahn oder zu Fuß, die Or­ganisation der Ausflüge und die gesundheitliche Be­treuung der Kinder. Im dritten Referat sprach

Rektor Kirab, Heuchelheim

über feine bisherigen Erfahrungen aus Landschulheim-Aufenthalten. Er schil­derte den Ablauf eines Aufenthaltes mit seinen Schulkindern in Rüdesheim und die vielen anregen­den Ereignisse, die dieser Aufenthalt den Kindern vermittelte. Er schilderte, wie die Kinder bei langen Gesprächen und Führungen mit dem Winzer, dem Fischer, dem Schiffer usw. bekannt wurden und damit das eigene Wissen erweiterten. Der Redner schloß seinen Bericht mit dem Hinweis, daß ein Landschulheim-Aufenthalt nur unter der Voraus­setzung der Disziplin und der herzlichen Bereitschaft des Lehrers zur schönen Sache möglich sei.

Lehrer Henkel, Daubringen

sprach kurz über die praktische Durchfüh­rung eines Landschulheim-Aufenthaltes. Er kenn­zeichnete' die Systematik des äußeren Tagesablaufes und schloß seine Betrachtungen mit dem Hinweis auf die Stärkung der Heimatliebe und der Vater­landsliebe durch den Aufenthalt in anderer schöner deutscher Landschaft.

Abschließend referierte

Rektor Siegfried, Großen-Linden

über einige grundsätzliche Erkenntnisse ausder Schullandheim - Bewegung und deren Auswirkung für die Zukunft. Er ging dabei von einem Worte 3)ans Schemms aus, der den Schullandheim-Aufenthalt als ein wahrhaft völkisches Erziehungsmittel bezeichnete. Der Schullandheim - Aufenthalt stelle eine Er­ziehungs- und Charakterschule dar. Das gesamte Schulleben werde durch diese neue Einrichtung neu durchpulst. Schule und Schullandheim treten in rege Wechselbeziehung von Geben und Nehmen. Das Schullandheim werde zum pädagogischen Bekennt­nis. Es vermittle körperliche Bewegung, Stärkung

der Widerstandskräfte, Naturoerbundenheit, Lebens­nähe, Selbständigkeit und Gemeinfinn, es fördere das Interesse an anderen Kulturkreisen, schaffe Volksverbundenheit von Jugend auf, und führe zu inniger Kenntnis von Land und Leuten. Die Ju­gend werde kämpferischer, einsatzbereiter und richte sich in nationalem Sinne aus. Die Stadtjugend er­lebe den Bauern und lerne seine Arbeit schätzen, das Stadtkind gewinne Sinn für Natur und Volks­tum.

Rektor Siegfried sprach noch kurz über die Gestaltung des Unterrichtes im Land­heim und schloß seine Ausführungen mit dem Hin­weis, daß das Schullandheim als eine Hochschule

wies zum Abschluß der Vorträge darauf hin, daß recht viele Schulen Gelegenheit finden möchten, Landschulheim-Aufenthalte durchzuführen und sich dabei die bisher gemachten Erfahrungen zunutze zu machen. Insbesondere gab er noch einige Aufklärung über die praktische Durchführung eines Aufenthal­tes, wie er im Landschulheim Kesselbach möglich ist.

Schließlich gelangte zum Abschluß der Tagung ein Film zur Vorführung, der die Erlebnisse der Schulkinder von Großen-Linden bei einem Aufent­halt an der Bergstraße schilderte. Mit einem drei­fachenSieg-Heil!" auf den Führer Adolf Hitler schloß Schulrat Nebeling die außerordentlich an­regende Tagung.

Das Schullandheim Kes­selbach, das unter der Initiative des Kreisschul­amtes Gießen geschaffen wurde, um den Kindern der Volksschulen des Krei­ses die Möglichkeit zu achttägigen Aufenthalten in schöner Lagerkamerad­schaft zu geben. Das Heim wurde gestern sei­ner Bestimmung über­geben.

(Ausnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

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Aus der Provinzialhauptstadt.

Kinderspiele auf der Straße.

Zu jeder Jahreszeit spielen die Kinder auf der Straße. Es gibt trotz des Verkehrs immer noch Nebengassen und Plätze, gleichsam Inseln genug, wo sie bis zu einem gewissen Grade ungestört sind. Viele Spiele fallen uns im Vorübergehen gar nicht als solche auf: Wir sehen und hören nur Lachen, schreiende anfeuernde Zurufe, glühende Gesichter, tolles Dahinjagen und keuchendes Einanderhetzen und Fangen. Es sind die uralten, einer plötzlichen Eingebung und Laune zu verdankendenNachlauf- und Versteckspiele",Drittenabschlagen" undPlätze­wechseln" von Baum zu Baum oder quer über die Straße von Steig zu Steig. Die freien und meist nur kurz währenden, im Verlangen nach Abwechse­lung einander ablösenden Spiele behaupten sich, unabhängig vvm Kalenderablauf, das ganze Jahr hindurch.

Die anderen, auffallenden Straßenspiele, die von einem Spielzeug abhängen und die Kinder mehr einzeln beschäftigen, haben dagegen ganz bestimmte Spielmonate: Solange man kalte Hände bekommt, werden keine Kreisel über den Asphalt gepeitscht, und keine bunten Gummibälle fliegen zwischen ge­schickt auffangenden Mädchenhänden her und hin. Dagegen ist in den ersten Frühlingswochen das Reifenschlagen beliebt, das rasch erwärmt und in späteren Monaten keine fröhliche Angelegenheit

mehr wäre, sondern eher schon eine schweißkostende Anstrengung. Aber wenn die Knaben ihre Hosen­taschen mit Marmeln füllen und mit kleinen Eisen- und Achatkugeln einen Teil oder das Ganze eines gemeinschaftlichen Einsatzes aus einem kleinen Kreis als Gewinn herausschietzen, muß es schon Juni und der Boden sonnenwarm geworden sein.

Am meisten zeitgebunden aber sind die winter­lichen Spiele, die teils mit, teils ohne Spielgeräte ergötzen. Der Himmel muß Schnee und Frost schen­ken, sollen die kleinen Schlitten vergnügt durch die Straßen bimmeln. Und wie wäre eine lustige Schneeballenschlacht der Knaben möglich ohne das himmlische Flockengewimmel! Es muß schon tüchtig schneien und dazu gefrieren, soll sich der Schnee zu Kugeln ballen oder gar zu mächtigen Blöcken zu­sammenwälzen lassen, aus denen riesige Schnee­männer gefügt und geformt werden.

Um die Jahreswende sah es diesmal schlecht aus

Melmann hat einen freien Tag.

Von Lldo Wolter.

Nickelmann, Schupowachtmeister in Stettin, sieht durch das lange, hohe Kasernenfenster auf den Hof . hinab, hinüber zu dem Tor, durch das gerade zwei Stubenkameraden der Stadt zu verschwinden. Er . trommelt ein wenig unentschlossen gegen die Fen- ' sterscheiben. Ihm ist, was selten genug bei ihm öorfommt, ein wenig trübselig zumute. Der Teufel mag wissen, woher es kommt. Vielleicht das Wet­ter, dieser tröpfelnde Regen, vielleicht auch das Wis­sen, daß die beiden da vorne jetzt ihre Mädels ab­holen, irgend etwas ist nicht in Ordnung.

Nickelmann, dessen Vater draußen in der Vor- 1 ? ptabt ein geruhiges Käptendasein in Pension führt, wendet steuerbord und haut sich in einen Stuhl. Tat­sächlich, er ist allein im Zimmer. Die zwei sind ge­gangen, einer schiebt Wache, die anderen ... Er guckt mißmutig die Achseln. Jedenfalls hat jeder etroas vor, nur er nicht. Wird am besten sein, wenn er die Eltern draußen aufsucht.

Nickelmann rückt ein wenig herum und starrt tauf die leeren Betten. Kaserne? Gut und schön, er iroar mit Eifer dabei diese ganzen Jahre, es hat «hm Spaß gemacht und alles war goldrichtig, er j hat sich nie den Kopf zerbrechen brauchen über das swas Pflicht ist und was nicht, weil es einfach selbstverständlich war. Aber jetzt jetzt muckt er nuf. Ohne Drückebergerei vor sich selbst. Er hat Sie Kaserne über, er will seine eigenen Wände um isich haben, so allein mit... na ja. Ein Anrecht hat er ja jetzt bereits darauf, nach den langen Dienst- gahren. Aber was nützt die schönste Bude ohne Frau! Siehst du, da sind wir wieder beim An­fang

Nickelmann langt sich eine Zigarette aus dem Spind. Wird Zeit, daß man endlich geht, sich fertig­macht, anstatt hier herumzuhocken. Mit einem 's kurzen Ruck, so als ob er draußen auf dem Sport- j platz zum Kugelstoß ansetzen wollte, erhebt er sich, tritt vor den schmalen Schrank. Uniform? Zivil? Q£r überlegt einen Augenblick. Uniform natürlich, i Wozu hat er die Extra? *

I Das Wetter draußen ist wirklich zum Junge­hundekriegen. Tare zur Vorstadt runter? Ist heute schon spät geworden, sonst ist man erst abends bei ben Alten draußen. Wozu auch sparen, wenn man richt weiß, für wen... Nickelmann winkt einer Taxe. Fährt verdammt langsam der Kerl, wahr- icheinlich auf Greifen, aber immer noch schnell genug, daß man ihm nichts nachweisen kann. Soll

ihm heute übrigens egal fein, steht ja nicht im Dienst. Verdutzt starrt Nickelmann auf den Fahrer, der gerade dabei ist, die Papiere herauszuholen. Weiß der Teufel, warum ihn das ärgert in diesem Augenblick, irgend etwas paßt ihm plötzlich nicht dabei. Hastig steigt er ein, schmeißt den Schlag hinter sich zu, bis der andere begriffen hat und grinsend mit ihm loszuckelt...

Sie rutschen die Altstadt mit ihren verwinkelten Straßen hinunter. Der Kerl legt ein Tempo vor, ein geradezu unvorschriftsmäßiges Tempo sozu­sagen. Muß doch wissen, daß er hinten im Fond ... Natürlich hat er keinen Dienst und der andere glaubt vielleicht, daß er es eilig hat, weil irgendwo jemand auf ihn wartet. Und dann diese verfluchte Kurvenschneiderei, über die er sich jedesmal ärgern muß, wenn er im Dienst auf Streife ist. Wenn auch Sonntag ist und die Straßen leer. Aber einmal kann es doch...

Nickelmann denkt nicht weiter. Er duckt sich nur ein wenig, er handelt instinktiv so, wie er es ein­mal gelernt hat bei einer Jnstruktionsstunde irgend­wo . Er hört es scheppern und flirren vor sich, spürt wie der Wagen hm und her haut, verzeich­net so nebenbei das ekelhafte Quietschen der Brem­sen, das Fluchen des Fahrers und richtet sich wie­der auf, um den Schaden zu betrachten. Scheint schön wüst auszusehen da draußen! Nickelmann drückt und rüttelt an der Tür, die mit einem Male klemmt, stemmt noch einmal energisch und steht dann im Sprühregen dicht vor einem Schaufenster und neben der Taxe, aus der sich soeben fluchend der Fahrer freimacht.

Nickelmann tritt vor. Erst mal Tatbestand, Scheinwerfer hin, Stoßstange verbeult, Kotflügel wie durch die Wurstmaschine gedreht. Bei dem an­deren da drüben ähnlich ... Schade um den neuen Wagen. Nickelmann beobachtet, wie sich der Fahrer des anderen Autos langsam aus dem Sitz erhebt. Scheint ein wenig behämmert zu sein, der Junge, hat noch immer Haube und Brille auf und weiß anscheinend noch nicht, was los ist. Nickelmann sieht kurz zu dem Menschenschwarm hinüber, der sich im mer dichter um die Unglücksstätte zwängt. Das liebliche natürlich. Und kein Kamerad in der Nähe. Wenn er wenigstens Zivil ...

Egal. Jetzt erst nochmals Tatbestand. Schuld liegt auf beiden Seiten. Beide Kurve geschnitten und sich nicht gesehen bei der winkligen Straßenkreuzung. Nickelmann geht langsam um die Taxe herum, drängt ein paar Neugierige zurück und betrachtet einen Augenblick stumm seinen Fahrer, der bereits vor dem anderen Wagen steht und auf den Fahrer einflucht wie acht Mann zusammen. Eine Schnauze hat der Kerl ... Na ja, gehört ja wohl dazu ...

Nickelmann starrt auf die Hände des anderen, der jetzt endlich Kappe und Brille vom Kopf würgt. Verdimmich, das ist doch ... Sieht beinahe wie ein Junge aus, wie so ein junger Kerl, unter der Haube ... Aber tatsächlich, es ist ein Mädchen, ganz nette Puppe, aber ganz bleich im Gesicht, nachdem sie soeben noch ganz geschwollen vor Röte war.

Nickelmann starrt noch immer. Richtig, er muß jetzt wohl im Dienst sein, trotz seines freien Tages, kann auch wirklich nur ihm passieren. Er sieht schon den Tränenstrom, sowas ist ihm immer peinlich, er wird ein wenig barsch.Na, nun erst mal hoch, Freäulein! Raus aus dem Sitz. Scheint ein bißchen länger zu dauern, als wie Sie um die Ecke gekom­men sind ..."

Teufel! Das hätte er nicht sagen sollen. Heulen so leicht, diese Mädchen. Nickelmann schickt seinen wildgewordenen Fahrer fort, um einen Kollegen vom Dienst heranzubringen. Während der andere brummend abschiebt, bekümmert er sich erst einmal um die Menschenmenge. Weitergehen und so ... Der alte Schmus ... Als ob man damit auch nur einen Mann vom Fleck bekommt. Na, soll erst der Kollege da sein.

Eine klägliche Stimme ruft ihn heran. Vor ihm in der Menge kichern einige. Nickelmann wirft einen amtlichen Blick in die Gegend und geht zu der Fahrerin hinüber. Irgendwo fühlt er ein menschliches Rühren. So'n junges Ding. Aber das mit der Heulerei, das muß ein Ende haben. Kann er nicht leiden ...

Herr Wachtmeister!"

Kennt man schon, bloß kein Geschmuse! Nickel­mann fühlt sich irgendwie ein wenig verlegen vor diesem Flehen.

Anfassen", raunzt er.Erst mal die Wagen aus­einanderbringen und runter damit vom Bürger­steig". Er schiebt die Fahrerin nach hinten an den Wagen, nur damit sie einen Platz hat, sieht in die Zuschauer.Ein paar Mann ran. Bißchen dalli. Sonntagshandschuhe ab und los." Und damit stemmt er sich auch bereits gegen den Wagen und das Fräulein tut, als ob sie schiebt, und ein paar Kavaliere machen sich frei von der kichernden Be­gleitung und fassen wirklich mit an. Und wie Nickelmann aufsieht, entdeckt er in der Ferne auch schon einen Kollegen und den Fahrer, der heran­gewetzt kommt, um natürlich als erster Aussage machen zu können und dazwischenzumeckern ...

*

Es geht so langsam in die Dämmerung, als alles in Ordnung ist. Der Stau hat sich verlaufen, die Taxe ich abgehauen, der Kollege gegangen. Hätte eigentlich auch schon gehen können, aber das

Möbel ... Nickelmann läuft nun auch schon zum dritten Mal um den Wagen herum, um an di* andere Motorseite zu gelangen. Hat natürlich feil» Ahnung, das Mädel. Ausgerechnet er muß helfen. Hat ihn so angesehen, ja, wie zu Anfang, und da hc^ er sich herangemacht an den Motor. Sieht schö» aus, die Extra-Uniform. Ist ja nun egal. Tut ihr» leid, das Mädel, ist gar feineFeine", sonder» Tochter von einem Bäckermeister, der sich den Wa» gen erst vor einer Woche für Geschäftslieferungen zugelegt hat und gerade mit der Frau irgendwo ift der Stadt auf Stippvisite ist. Nickelmann weiß das alles aus dem Protofoll des Kollegen. Und da hat nun dieses Mädel mit dem neugebackenen Führer­schein heimlich den Wagen aus der Garage ... Das Hinterteil müßte man ihr vergerben, müßte man ... Nickelmann sieht den betreffenden Körper­teil, so wie er dasteht, über den Motor gebeugt, dicht vor sich, richtet sich ein wenig hoch.

Wird schöne Augen machen", sagt er,ber Chef ..." Er will noch etwas meckern über Repa­ratur unb so, aber sie macht schon wieder solche Augen. Stumm rutscht er in den Sitz, brückt ben Starter, gibt Gas. Der Motor läuft.

Sie steht dicht bei ihm.Ich fahre nicht heim. Wenn sie fahren wollen, Herr Wachtmeister, ich kann jetzt nicht ans Steuer" Sie stockt.Sie müs­sen sagen, daß ich bloß die Hälfte Schuld, müssen Vater ..."

Vater?" knurrt Nickelmann. Aber irgendwie hat er plötzlich vergessen, daß er eigentlich im Dienst ist. Gefällt ihm immer mehr, die Kleine, und wie sie ihn immer ansieht ...

Und wenn Sie eine Tasse Kaffee mit uns trin­ken wollen, ich meine, daß man dann alles leich­ter ... und daß ..." Und dann ist es wieder still, und Nickelmann läßt den Motor zum zweiten Male anlaufen, und dann setzt sie sich wirklich neben ihn.

Herr Wachtmeister ..."

Sagen Sie nicht immer Wachtmeister", sagt Nickelmann und achtet auf die Straße. Er wird sich nachher vorstellen beim Aussteigen, wird die Tasse Kaifee nicht ausschlagen. Er fühlt sich plötzlich ver­sucht, zu pfeifen, ihm ist ungeheuer froh und zu­frieden zumute. Man wird sich wiedersehen, natür­lich wird man sich wiedersehen, sie siebt ihn ja immer noch von der Seite an. Er blickt zu ihr hin­über unb wagt zum ersten Male ein kurzes Grin­sen. Plötzlich unb jäh erinnert er sich, baß ja heute fein freier Tag ist, fährt ben Wagen in elegantem Bogen vor bem bezeichneten Hause vor.

Wirklich, Ihr freier Tag?" sagt bas Mädchen.

Soll einer noch sagen, daß die Polizei nicht hilfsbereit sei", brummt Nickelmann und streckt jäh den Arm aus, um ihr aus dem Wagen zu helfen.