ponzel aegen »errebrssünber.
Die Polizei schritt in der Zeit vom 26. November bis 9. Dezember ein:
gegen Kraftfahrzeugführer mit 21 Anzeigen und 70 Verwarnungen und Belehrungen:
gegen sonstige Fahrzeugführer mit 4 Anzeigen und 19 Verwarnungen und Belehrungen:
gegen Radfahrer mit 5 Anzeigen und 139 Verwarnungen und Belehrungen:
gegen Fußgänger mit 1 Anzeige und 34 Verwarnungen und Belehrungen.
Wichtig für Bogelbalter!
Zum Schutze unserer einheimischen Singvogelwelt hat das Reichsnaturschutzgesetz den Vogelfang und die Dogelhaltung so geregelt, daß eine Ueber- wachung möglich ist und Schädigung der Vogelwelt durch allzu Geschäftstüchtige zum Schaden der Allgemeinheit vermieden wird. Dazu gehört auch die Maßnahme, daß gemäß § 19 Abs. 1 der Naturschutzverordnung vom 18. März 1936 olle geschützten nichtjagdbaren Vögel, die in Privatbesitz sind, bis zum 1. Januar 1938 mit einem der amtlich vorgeschriebenen Fußringe zu versehen sind.
Nichtgeschützt sind folgende Arten: 1. Nebelkrähe, 2. Rabenkrähe, 3. Saatkrähe, 4. Eichelhäher, 5. Elster, 6. Feldsverling, 7. Haussperling. Alle anderen einheimischen Vögel müssen beringt werden. D:e Anordnung bezieht sich also nicht auf Kanarienvögel, Wellensittiche und alle möglichen anderen Ausländer, dagegen z. B. auf Dompfaffen, Hänflinge, Kreuzschnäbel usw.
Die Besitzer derartiger Vögel werden durch das Kreisamt Gießen als untere Naturschutzbehörde ouf- gefordert, die in ihrem Besitz befindlichen Vögel nach Art und Zahl bis zum 20. Dezember dem Kreisamt schriftlich zu melden. Von dort werden die notwendigen Ringe auf Grund der Meldung beschafft werden.
Wegen der Durchführung der Beringung geht den Besitzern unmittelbar Nachricht zu. Es wird besonders darauf verwiesen, daß der Besitz unberingter Vögel nach dem 1. Januar 1938 mit Geldstrafe bis zu 150 RM. bedroht ist und daß Einziehung der Tiere erfolgen kann.
Fünfziger 1888 — 1938.
Es ist alte Tradition in Gießen, daß sich die Alterskameraden in dem Jahre, in dem sie ihr fünfzigstes Lebensjahr vollenden, ohne Unterschied, ob arm oder reich, Stand und Rang, zusammenschlie- ßcn, um insbesondere die Vollendung des fünfzigsten Lebensjahres gemeinsam und festlich zu begehen.
Der Jahrgang 1888 wollte und konnte mit dieser Tradition nicht brechen. Daher hatten einige Alterskameraden zu einer ersten Zusammenkunft eingeladen, die am vergangenen Samstag im „Burghof" stattfand. Den Alterskameraden Türk und Stroh, die die Vorarbeiten geleistet hatten und eine vollständige Liste aller in Gießen wohnenden Alterskameraden vorlegten, wurde allseitiger Dank ausgesprochen. Die Älterskameraden Türk und Hirsch wurden beauftragt, für Anfang Januar 1938 eine konstituierende Versammlung einzuberufen.
** D i e Haushaltungsnachweise für den Fettbezug im Jahre 1938 unterliegen einer neuen Regelung. Der Oberbürgermeister gibt heute für den Bereich der Stadt Gießen die entsprechenden Anordnungen bekannt.
Der VrrvfSNMaWfiyzs im Kreis Weilera».
Durchführung, Teilnahme und Aufgaben.
Es sind insbesondere zwei Fragen, die in den letzten Tagen immer wieder an die Ortsobmänner und die Betriebsobmänner der Deutschen Arbeitsfront gestellt werden, und die wir hier öffentlich beantworten, um vielen Unklarheiten zu begegnen.
Einmal werden die Amtswalter gefragt: ich bin das und das von Beruf — kann ich auch am Berufswettkampf teilnehmen, und dann werden sie gefragt: welche Aufgaben muß ich denn da lösen und wie geht denn das Ganze vor sich?
Die erste Frage wird bereits durch den Namen „Berufswettkampf aller schaffenden Deutschen" beantwortet! An diesem Wettkampf kann jeder schaffende Deutsche, ob gelernt, angelernt oder ungelernt, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, ganz gleich auf welchem Arbeitsplatz der einzelne steht, teilnehmen. Wer teilnehmen will, muß ein Anmeldeformular auf den Dienststellen der DAF. ausfüllen, oder muß sich beim Betriebsobmann in die Anmeldeliste eintragen! Die Anmeldung darf aber nur einmal vorgenommen werden. (Wir machen insbesondere die Lehrlinge auf diese Bestimmung aufmerksam, da diese meistens bereits eine Anmeldung in der Berufsschule abgegeben haben.) .
Wer ein Anmeldeformular ausfüllt, oder sich m der Anmdeldeliste einträgt, wird feststellen, daß jeder Teilnehmer seinen Beruf und feine Beschäftigung, seine Lehr- oder Anlernzeit, seine Berufsjahre und sein Alter angeben muß. Es ist dadurch möglich, jeden in die richtige Wettkampfgruppe und in die richtige Leistungsklasse einzustufen!
Es ist selbstverständlich, daß bei den vorzunehmenden Einstufungen durch die zuständigen Wettkampfausschüsse, die in der nächsten Zeit bereits zur ersten Tagung zusammentreten, bei gleichen Arbeiten verschiedene Berufe oder Leistungsklassen zusammengesetzt werden können, aber ebenso selbstverständlich ist es, daß bei verschiedenen Arbeiten die verschiedenen Berufe und die verschiedenen Leistungsklassen getrennt sind! Es ist also so, daß jeder Teilnehmer seinem Be
ruf und seiner Beschäftigung nach entsprechend in die Wettkampfgruppe und Leistungsstufe eingeordnet wird!
Wichtig ist noch, daß, außer den bereits veröffentlichten noch weitere Wettkampforte eingerichtet werden, wenn sich eine Notwendigkeit ergeben sollte! Es braucht also kein Teilnehmer Angst vor weiten Anmarschwegen usw. zu haben! Wie die technische Durchführung im einzelnen vorgenommen wird, steht noch nicht fest, da ja die Anzahl der Anmeldungen bei dieser Festlegung von durchschlagender Bedeutung sein wird!
Heber die zu lösenden Aufgaben können wir selbstverständlich auch nur Allgemeines verraten. Der Wettkampf schließt eine praktische, eine theoretische und eine weltanschauliche Arbeit ein, außerdem eine sportliche Prüfung mit einer Altersbegrenzung für Männer 35 Jahre und für Frauen 25 Jahre. Für weibliche Teilnehmer kommt außerdem eine hauswirtschaftliche Aufgabe hinzu.
Die Ergebnisse des Berufswettkampfes dienen der Steuerung und Förderung der Berufserziehung und Leistungssteigerung. An jeden schaffenden Deutschen ergeht der Appell, fick an diesem Berufswettkampf zu beteiligen, der in sportlichem Geiste durchgeführt wird. Bck.
An die Schaffenden
in Gießen und Umgebung.
Die Deutsche Arbeitsfront und die Hitler-Jugend führen morgen um 2 0.30 Uhr im Cafe Leib eine Großkundgebung anläßlich des Berufswettkampfes aller Schaffenden durch.
Es sprechen: der Kreisobmann o-er DAF. Pg. Wagner und der Bannführer Pg. Becker (Wiesbaden).
Der Musikzug der Hitler-Jugend Bann 116 spielt. Die Veranstalter fordern alle Schaffenden aus Gießen und näherer Umgebung auf, zu dieser Kundgebung zu erscheinen.
DasErbgesundheiisgeseßundseineAuswirkungen
Im Hörsaal der Frauenklinik fand eine Dor- tragsveranstaltung der Ortsgruppe Gießen-Süd der NSDAP, statt, in der Professor Dr. vo n Jaschke über das Thema „Das Erbgesundheitsgefetz, feine Grundlagen, seine Durchführung und seine Auswirkungen" sprach. An der Veranstaltung nahmen sämtliche Politischen Leiter, die Walter der NSV., die Warte der Deutschen Arbeitsfront und die Walterinnen der NS.-Frauenschaft teil. Dem Vortrag sei folgendes entnommen:
Das am 1. Januar 1934 in Kraft getretene Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 setzt die vom Führer bereits in seinem Werk „Mein Kampf" klar erhobene Forderung, daß, wer mit schlechten Erbanlagen belastet ist, zeugungsunfähig erklärt werden müsse, und daß dies auch mit allen Machtmitteln des Staates durchzusetzen sei, in die Praxis um. Ungeachtet der Tatsache, daß die Erbwissenschaft trotz einer ungeheuren Fülle von Einzelerkenntnissen beim Menschen immer noch
vor vielen Rätseln steht, wissen wir doch sicher, daß eine ganze Reihe von Krankheiten unter bestimmten Gesetzen vererbbar ist. Das genannte Gesetz erfaßt von diesen Erbkrankheiten nur diejenigen, deren Träger infolge ihrer angeborenen und oererbbaren Minderwertigkeit die Allgemeinheit aufs schwerste belasten. Will man im Sinne der Rassehygiene oder Eugenik erreichen, daß die gesamte Erbmasse des Volkes immer besser wird, dann erfordert diese Aufgabe einmal, daß die stete Wei- terverbreitung schlechter Erbströme verhindert wird — und dazu dient in erster Linie das Erbgesund- heitsgesetz — weiterhin aber fordert die Rasse- Hygiene, daß alle Einzelpersonen und Familien, die Träger besonders wertvoller Erbanlagen sind, in ihrer Fortpflanzung möglichst gefördert werden.
Unter den vom Gesetz erfaßten Erbkrankheiten spielt der angeborene Schwachsinn praktisch die weitaus größte Rolle, weil diese Menschen sich hemmungslos vermehren und zu 90 Prozent wieder
schwachsinnige Nachkommen Haden. NAchstdem spsekeü Schizophrenie, eine eigenartige Spaltung im SeB» lenleben und manisch-depressives Irresein vor allem deshalb eine Rolle, weil diese Menschen größtenteils gesellschaftsunfähig sind und die Allgemeinheit durch die notwendige dauernde Anstaltspflege besonders schwer belasten. Angeborene Fallsucht, angeborener Veitstanz, erbliche Taubstummheit und Blindheit treten demgegenüber zahlenmäßig stark zurück.
Im Interesse der zu Sterilisierenden und um jeden Fehlgriff zu vermeiden, schreibt das Gesetz ein sehr strenges Verfahren, strengste Auswahl der Operateure vor. Es werden die Unterschiede zwischen Sterilisierung und Kastration und die verschiedenen Operationsoerfahren zur Durchführung der Sterilisierung an Hand von Präparaten und Zeichnungen allgemeinverständlich erläutert. In Gießen ist bisher kein einziger Todesfall bei ober nach der Durchführung der Sterilisierung vorgekommen.
Die Auswirkungen des Erbgesundheitsgefehes werden voll erst in der nächsten und übernächsten Generation in Erscheinung treten. Allein durch das fast völlige Verschwinden der anstaltsbedürftigen Träger von Erbkrankheiten werden jährlich 300 bis 500 Millionen Mark erspart werden, während der gesamte materielle Gewinn, der durch die Unterbindung der Fortpflanzung Erbkranker zu erwarten ist, auf etwa l1/« Milliarden Mark jährlich geschätzt werden kann. Diese gewaltige Summe wird dann frei für die positiven Aufgaben der Rasse- hygiene, d. h. für die Aufgabe, die Vermehrung erbbiologisch gesunder oder besonders wertvoller Einzelpersonen und Familien möglichst zu fördern.
Der Vortrag wurde von den Zuhörern mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Dem Redner dankte lebhafter Beifall. Ortsgruppenamtsleiter Gräf sprach dem Vortragenden noch insbesondere den Dank der Zuhörerschaft aus.
Einbrecher an der Arbeit.
Wertgegenstände und Schmuckfachen gestohlen.
Wie die Kriminalpolizei Gießen mitteilt, wurden in der Nacht zum 15. Dezember im Horst-Wesfel-Wall und in der Braugasse in Privatwohnungen Einbruchsdiebstähle verübt. Dem oder den Tätern fielen folgende Wertgegenstände und Schmuckfachen in die Hände: Eine Adler-Schreib- mafchine, Modell 25, Fabriknummer 330 296, ein goldenes dünnes Halskettchen mit ovalem Anhänger und drei kleinen und einem großen Brillanten besetzt, eine Tula-Damenarmbanduhr, ein Amethyst, blau und erbsengroß, drei silberne Teelöffel mit dem Monogramm E. C., ein silbernes Kuchenmes- fer, eine Kravattennadel mit einer unechten Perle, ein goldener Armreif, eine silberne Halskette mit Perlen, ein Paar goldene Ohrringe, ein Paar Manschettenknöpfe und eine silberne Herren-Armbanduhr (viereckiges längliches Uhrengehäuse). Ferner wurden ein grau gemusterter Herren-Winterulster, ein hellgrau gestreifter Anzug und ein alter brauner Handkoffer gestohlen.
Ferner wurde — Ende November 1937 — an einem Neubau an der Fröbelstraße ein zweirädriger Drückkarren gestohlen. (Beschreibung: graublau, Höhe 1 Meter, niedrige Aufsetzbretter.) Sachdienliche Mitteilungen erbittet die Kriminalpolizei Gießen.
Diamalckn-Komödie'
Vornan von Horst Biertisch.
6. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Sie werden sich betrinken, Humphrey!" warnte Carola ängstlich, denn er sah nicht sehr gut aus. Aber Humphrey winkte mit einer großen Geste, die ihn fast vom Stuhl warf, diesen Verdacht ab.
„Aha, mein Junge,, dieses Mal haben wir dich überführt!" sagte er nach einer Weile angestrengten Jnsichhineinhorchens mit etwas blödsinnig wirkendem Frohlocken. „Merken Sie's, Carola? Ich schlafe ein, mein Kind! Es war was drin im Whisky ... Ich schwöre drauf, daß der Schurke Sie erst hat betäuben und dann entführen wollen. Jawohl: An den Harem des Sultans von Marokko wollte der Schuft dich verkaufen, Carola ..." Dabei sank ihm der Kopf nach unten, und er stieß bedenklich mit der Zunge an.
„Sie vergessen die sieben Whiskys, die Sie vorher getrunken haben!"
Humphrey kam mit einem mächtigen Ruck wieder hoch. „Siem Whisky? Ha!" brachte er mit vielen Sprachfehlern und ebensoviel Würde heraus. „Ich lache! Hat Dom Pete nich selbs gejagt, ich könnte acht bis neun galt — galt — glatt innich 'neingießen? Wie, bittä?"
„Kommen Sie, Humphrey!" bat Carola besorgt.
„Es war ein wunderhübscher Abend ... Ader Dom Pete wird jetzt so freundlich sein, zwei Droschken zu besorgen. Und ich werde morgen, so weh Ihnen das auch tun wird, um sechs Uhr in der Frühe anläuten, damit Sie mit Ihrem Blumensträußchen nicht zu spät zum Hafen kommen!"
♦
Neben den schwimmenden Palast „General Smuts" gestellt, hätte die „Catharina" etwa den Eindruck einer zwar zuverlässig gebauten, aber nicht allzu bequemen Villa aus den neunziger Jahren gemacht. Der Speisesaal im aufgedonnerten Prunk von vergoldetem Gipsstuck, erblindeten Spiegeln und Kübelpflanzen aus Preßpappe hatte den einen Vorzug, daß er sofort eine einheitliche Stimmung der Fahrgäste hervorrief: Alle fanden ihn scheußlich. Die Kabinen waren klein und ähnelten in ihrer Einrichtung jenen Zimmerchen, deren wurm
stichige und unpraktische Möbelstücke alte Damen überreichlich mit Handarbeiten schmücken, um sie dann als „gemütlich eingerichtete Räume" „soliden Dauermietern" zu empfehlen. Aber die Fahrgäste, wenn sie nicht gerade aus Billigkeitsrücksichten die „Catharina" wählten, wußten schon, warum sie das taten. Es waren zumeist Leute, denen man es an- sah, daß sie aus ähnlichen Gründen für einen Pfingstausflug einen Kremser statt des schnelleren Autobus genommen hätten ...
Carola Hollerthau hatte von ihrem Vater den eisernen Grundsatz übernommen, bei Vorortzügen eine Viertel- und bei Fernzügen eine halbe Stunde vor Abgang auf dem Bahnsteig zu erscheinen. Bei dieser Reise um den halben Erdball fand sie sich, da sie ihrem auf dem Quadrat der Entfernung aufgebauten Grundsatz treu blieb, also bereits anderthalb Stunden vor Abfahrt des Dampfers auf dem Kai ein.
Humphrey hatte sich's nicht nehmen lassen, sie pünktlich mit seinem Wagen vom Hotel abzuholen. Begreiflicherweise litt er an einem schmerzhaften Rheumatismus der Haarwurzeln, war zerknirscht und auch ein wenig heiser, weil er gestern auf dem Heimweg ganz unvermutet in sich einen neuen Caruso entdeckt hatte. „Jetzt halten Sie mich noch zu böser Letzt für einen Quartalstrinker!" sagte er niedergeschlagen und schob sich heimlich eine Pfefferminztablette in den Mund.
Carola versuchte ihn zu trösten, aber er blieb ihrem Trost unzugänglich.
„Das mußte mir widerfahren! Am letzten Abend!" stöhnte er in bitterstem Selbstvorwurf. Sie schlenderten am Kaiufer entlang. Humphrey hatte feinem Chauffeur Carolas Koffer abgenommen und sie eigenhändig zur Kabine gebracht: er hatte diese Kabine außerdem in einen botanischen Garten verwandelt. Hundert Schritt auf und hundert Schritt ab spazierten sie nun längs der grauen Betonmauer. Humphrey sehr niedergedrückt, sozusagen in vorschriftsmäßiger Abschiedsstimmung: Carola ebenfalls nicht besonders luftig. Der Wind blies frisch. Das Wasser gurgelte gegen den Kai, und die Masten der Jachten auf der Seglerreede schwankten Humphrey schrecklich vor den Augen.
Allmählich fanden sich auch die Fahrgäste der „Catharina" ein.
Kapitän Zanten winkte Humphrey einen Gruß zu. Er kannte den jungen Mann von klein auf und verkehrte bei den Timperlys als Gast. Er konnte sich's auch erlauben, mit den Augen zu zwin
kern und Humphrey den Vorschlag zu machen: Wenn der Abschied gar zu schwer würde, dann wäre im Frachtraum noch immer Platz genug für einen „blinden Passagier" ...
Vom „General Smuts" her trug der Wind Klarinettenklänge herüber. Die Bordkapelle spielte dort schon zum Abschied auf, und die Schlepper ließen ihre Sirenen heulen. Nicht lange darauf löste der Riefendampfer feine Vertäuung. Schwarze Rußwolken wirbelten aus feinen mächtigen Schloten über den Hafen.
„Nun freuen Sie sich darauf, heimzukommen.. " Carola nickte zwar, aber in ihrem Gesicht waren Spuren dieser Freude nicht zu erkennen. „Ach, Humphrey", sagte sie nach einer Weile sehr leise, „ich weiß nicht einmal, ob ich mich freue." Es war unzweifelhaft, daß in ihrer Stimme auch noch andere Enttäuschungen mitschwangen als allein jene ihrer beruflichen Erwartungen.
Nun gibt es bekanntlich Hähne, die sich fraglos einbilden, die Sonne gehe deshalb jeden Morgen so schön auf, weil sie krähen: diese gleiche Einstellung zur Umwelt besaß Humphrey Timperly, dem das Leben bisher sehr wenige Wünsche versagt hatte in hohem Grade. „Ich habe es gar nicht mehr zu hoffen gewagt, Carola!" stammelte er beglückt, und eine Blutwelle lief über fein Gesicht bis unter den blonden, widerspenstigen Scheitel. Er holte tief Luft. „Im letzten Augenblick!" stieß er ganz benommen heraus. „Wahrhaftig — in der letzten Sekunde!" Und er traf alle Anstalten, Carola in seine Arme zu ziehen.
Sie war zu erschrocken, um Worte zu finden, aber sie vereitelte fein Vorhaben, indem sie sport- gewandt aus dem Stand zwei Schritte zurückhüpfte, so daß Humphrey, der feine Maßnahmen mit der gefunden Kraft seiner sechsundzwanzig Jahre zu treffen willens gewesen war, in die Luft griff und sich selbst heftig umarmte.
Zwei Chauffeure als Augenzeugen dieses gewiß seltsam anzusehenden Vorgangs waren unzart genug, sich in die Rippen zu stoßen und genußhaft zu grinsen.
„Sind Sie verrückt, Humphrey?" rief Carola verblüfft und zornig: sie hatte den Zusammenhang zwischen ihrer Schwermut und seinen jäh erwachten Hoffnungen nicht begriffen.
Er schwankte zwischen verwirrten Entschuldigungen und dem Wunsch, die beiden Chauffeure zu verprügeln, brauchte aber schließlich weder das eine noch das andere tun, denn ein Zeitungsjunge
stürmte mit einem Stoß von Extrablättern heran und brüllte mit heftigstem Stimmaufwand: „lieber« fall auf Diamantentransport der Minerva-Mine! Detektive durch Schüsse verletzt! Zwei Neger verhaftet! Vier andere und ein Weißer entkommen ..."
„Bitte, nehmen Sie dem Jungen ein Blatt ab!" bat Carola und schnitt damit alle weiteren peinlichen Auseinandersetzungen ab. Ihre Augen flogen über die rot unterstrichenen, fettgedruckten Schlagzeilen.
„Wie wir soeben erfahren, wurde heute in den frühen Morgenstunden auf einen Panzerwagen der Minerva-Mine, der mit einem Siamantentransport zum »General Smuts* unterwegs war, wenige Kilometer vor Kapstadt ein frecher Raubüberfall verübt. Sechs Neger unter Führung eines Weißen versperrten dem in schnellem Tempo daherkommen, den Wagen durch eine Barrikade von Steinen den Weg und eröffneten, als das Auto seine Geschwindigkeit verlangsamte, aus Maschinenpistolen ein Schnellfeuer auf die Bereifung und den Lenker. Nur dem Umstand, daß ein Privatwagen bereits aus großer Entfernung den Ueberfall wahrnahm, wendete und, ehe er gleichfalls zusammengeschossen werden konnte, zurückfuhr, um die Polizei zu be- nachrichtigen, war es zu verdanken, daß die Besatzung des Minerva-Wagens mit dem Leben davonkam. Leider erschien die Polizei zu spät, um den Raub zu verhindern. Sie konnte zwar zwei der Banditen verhaften, jedoch gelang es den übrigen und ihrem weißen Anführer, im letzten Augenblick zu entkommen. Wie wir vernehmen, hat die Polizei, trotz sofort aufgenommener Verfolgung, der Bande bis jetzt noch nicht habhaft werden können. Den Kraftwagen, den die Räuber zur Flucht benutzten, fand man in einer leerstehenden Garage am Löwen- hügel, ebenso die ihres Inhalts beraubten Koffer, in denen die Juwelen transportiert worden waren. Die Minerva-Mine, mit der wir uns alsbald in Verbindung setzten, verweigert unverständlicherweise jede Auskunft über den Inhalt der Koffer. Ebenso haben die Begleitdetektive Schwarz und Kröger, die mit mehreren, aber unbedeutenden Schußverletzungen im Polizeikrankenhaus Aufnahme fanden, unsere Berichterstatter nicht vorgelassen. Die Polizei teilt uns mit, daß sie in dem Anführer der Bande einen ihr bereits seit langem bekannten Berufsverbrecher zu erkennen glaubte, einen berüchtigten Siamantengauner; man rechnet noch im Laufe des Vormittags mit mehreren Verhaftungen."
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