Nr. 292 Drittes Mali
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, 15. Dezember 1957
Aus der Stadt Gießen.
Märchen werden lebendig.
In diesen Wochen geschieht es mehr als einmal, daß wir Erwachsene uns dabei ertappen, wie wir, in den Anblick eines weihnachtlich geschmückten Schaufensters versunsen, stehen geblieben find und uns in die Märchenwelt unserer Kinderzeit zurückgeträumt haben.
Sollen wir uns deshalb schämen? Es hat allerdings eine Zeit gegeben, die noch gar nicht so lange zurückliegt, in der wir uns unserer Märchenerinnerungen schämen und den Vorwurf „einstecken mußten, zu den Unmodernen und „Alten" zu gehören, die an einem „Märchenkomplex" litten. In unferm Innern aber und heimlich haben wir trotzdem an die vielen Märchengestalten gedacht, die uns lieb und vertraut waren.
Da war zum Beispiel Aschenbrödel, der unser herzliches Mitgefühl galt, wenn sie von allen Freuden des Daseins hartherzig und hochmütig zurückgestoßen wurde. Und da war Rotkäppchen, das vom bösen Wolf gefressen wurde. Und da war--ja, was war da nur noch? Weiß der
Kuckuck! Man bekommt die vielen, wunderschönen Märchengestalten doch wahrhaftig gar nicht mehr alle zusammen! Selbst heute will es nicht recht glücken. Etwas mißmutig wenden wir uns aufs neue unseren Tagesgeschäften und Gegenwartsaufaufgaben zu und haben dann, dank einer schnell hastenden Zeit, auch glücklich bald jeden Wissensdurst wieder verloren.
Wenn aber Weihnachten immer näher rückt, oder wenn Frau Holle ihre Federkissen gar zu toll aus- schüttet, dann kommen wir abermals ins Grübeln und möchten doch gern erfahren, welche Märchengestalten es noch gegeben hat, als wir jung waren.
In diesem Jahre nun wird es mit dem Grübeln keine Not haben! Wenige Tage noch, und sie kommen alle auf uns zu: das Aschenbrödel und das Rotkäppchen: das Dornröschen und das Ganse- liesel: aber auch der „Hans im Glück" und der Rattenfänger von Hameln und zuletzt gar der kleine Däumling! Alle kommen sie auf uns zuspaziert, weil sie uns nämlich von deutschen Jungen und Mädeln als Weihnachtsabzeichen des deutschen Winterhilfswerks angeboten werden. Drei Tage, Freitag, 17., Samstag, 18., und Sonntag, 19. Dezember, währt die Weihnachtsstraßensammlung der Hitlerjugend, des Jungvolks und des Bundes deutscher Mädel. Und diese drei Tage müssen wir gut ousnützen, wenn wir die allerliebsten, bunten und goldenen Märchenfigürchen erwischen wollen. Wir werden dann nicht nur von den alten Märchengestalten träumen, nicht nur von ihnen sprechen, sondern sie an unfern Mantel heften und uns in fröhlicher Volksgemeinschaft zulächeln, wenn wir uns einander mit Rotkäppchen oder Däumling im Knopfloch auf der Straße begegnen. Fröhlich deshalb, weil die Märchen wieder in uns lebendig wurden, aber auch deshalb, weil sie uns helfen, den bedürftigen Volksgenossen unter uns ein fröhliches Weihnachten zu bescheren.
Und wenn überhaupt noch von einem „Märchenkomplex" die Rede fein kann, dann, von dem „Komplex", möglichst alle sieben Märchenfiguren erstehen zu wollen, weil die Hilfe dann noch nachhaltiger ist und diese Figürchen in ihrer goldenen Buntheit auch ein echter und rechter Weihnachtsbaumschmuck sind.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
NSLB. Kreis Wetterau: 15.30 Uhr Goetheschule, Tagung. — Stadttheater: 15 bis 17.30 Uhr „Schneewittchen": 19.30 bis 22 Uhr „Die kluge Närrin".— Gloria-Palast (Seltersweg): „Petermann ist dagegen". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Meine Freundin Barbara". — Veterinär-medizinische Gesellschaft in Gießen: 20 Uhr Sitzung im Hörfaal des Veterinäranatomischen Instituts, Frankfurter Straße 94. — Oberhessischer Kunstoerein: 17 bis 19 Uhr Weihnachts-Kunstausstellung im Turmhaus am Brand. — Weihnachtsmesse auf Oswaldsgarten.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute nachmittag findet eine Wiederholung des Weihnachtsmärchens „Schneewittchen" nach Grimm von Trude Wehe statt. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim. Musikalische Leitung Heinz Markwardt. Tänze Irmgard Zenner. Bühnenbild Karl Löffler. Das Märchen ist bereits ausverkauft. Die Vorstellung beginnt punkt 15 Uhr, Ende 17.30 Uhr. — Am Abend zum letzten Mal „Die kluge Närrin", Lustspiel von Lope de Vega, zum ersten Mal aus dem Spanischen übersetzt in deutscher Nachdichtung von Hans Schlegel. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim. Die Vorstellung findet als 12. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt und beginnt um 19.30 Uhr, Ende 22 Uhr.
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Das Zahresvrogrammhefl der Urlaubsfahrten 1938 ist erschienen. 8318V
Das Iahresprograrnrnheft der Urlaubsfahrten 1938 ist erschienen und bringt eine Fülle von Fahrten in bie schönsten deutschen Landschaften im Jahre 1938. Das reich bebilderte Heft mit ausführlichem Text über jede Fahrt ist ab 20. Dezember bei allen Dienststellen und Kartenverkaufsstellen der NSG. „Kraft durch Freude" zum Preis von 20 Pf. erhältlich.
Winter-Sonnenwendfeier der SA. in Gießen.
Am nächsten Mittwoch, 22. Dezember, um 21 Uhr, findet auf dem vorderen Trieb vor der Volkshalle die Winter-Sonnwendfeier der SA., einschließlich des NSKK. und der Werkscharen der Deutschen Arbeitsfront statt. Die Einheiten marschieren mit ihren Fahnen im Schweigemarsch zum Trieb, wo bis 21 Uhr der Aufmarsch beendet sein muß und die Meldung an den Brigadeführer erfolgt. Die Feier wird mit einem Fahnenspruch eingeleitet, dem das gemeinsame Lied „Führer, wir rufen die Fahne" folgen wird. Sodann hält Brigadeführer Schwarz die Feuerrede. Anschließend folgt das Einwerfen der Opferkränze in den mittlerweile angezündeten großen Holzstoß. Nach dem letzten Opferkranz werden die Fackeln angezündet. Dann spricht Brigadeführer Schwarz das Schlußwort, das mit dem Gruß an den Führer und mit den beiden Nationalliedern abschließt. Damit wird die Feier auf dem Trieb beendet. Es folgt hierauf der geschloffene Abmarsch der Einheiten durch die Kaiserallee, Ludwigsplatz, Ludwigstraße,, Bleichstraße, Hindenburgwall, Sel- tersweg, Sonnenstraße, Kanzleiberg zum Brandplatz,
wo die Fackeln zusammengeworfen werden. Dann rücken die Stürme zu ihren Standortplätzen ab.
jff und HZ.
feiern auf dem Schiffenberg.
Die ^-Standarte 83 Gießen hält ihre Wintersonnwendfeier am Dienstag, 21. Dezember, in der nach einem Abkommen mit dem Reichsfugendführer bestimmten Gemeinsamkeit mit der Hitler-Jugend ab. Die Feier findet auf dem Schiffenberg statt. Die Weiheansprache wird Untersturmführer Dr. W i l h e l m i halten.
WHW. Ortsgruppe Sießen-Güd.
Am Mittwoch, 15., Donnerstag, 16., und Freitag, 17. Dezember, findet im Bereiche der Ortsgruppe Gießen-Süd die Pfundsammlung durch die NS.-Frauenschaft statt. Es wird während der Dauer des WHW. 1937/38 nicht nur bei den Mitgliedern des Lebensmittel-Opferringes, sondern bei allen Volksgenossen die Pfundsammlung durchgeführt. Als Spenden sind vorwiegend Mehl, Hülsenfrüchte, Graupen, Nudeln, Zucker, Grieß, Wurstwaren, Konserven erwünscht. Selbstverständlich werden auch
alle anderen Pfundspenden entgegengenommen. Dis Einwohnerschaft wird gebeten, die Spenden bereitzuhalten.
WHW., Ortsgruppe Gießen-Aord.
Am Donnerstag, 16., und Freitag, 17. Dezember, wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord dis Psundsammlung durchgeführt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfundpäckchen bereitzuhalten.
Amt für Dolkswohifahrt,
Ortsgruppe Giehen-Ost.
Betr.: WHW.-pfundfpende.
Die Sammlung wird Dienstag, 14., bis einschließlich Donnerstag, 16. d. M., von der NS.-Frauen- schaft durchgeführt. Alle Volksgenossen, die in der Lage sind, das WHW. zu unterstützen, werden dringend gebeten, sich nicht auszuschließen Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben. Es sind in erster Linie zu spenden: Mehl, Hülsenfrüchte, Graupen, Nudeln, Makkaroni, Zucker, Grieß, Wurstwaren und Konserven.
Einweihung des Heimatmuseums der Stadt Schotten.
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Ein schöner Treppenaufgang gibt dem Hause patrizischen Charakter. — Schöne Ofenecke im Dr.-Weber-Gedächtniszimmer. — (Aufn.: Neuner, Gieß. Anz.)
£ Schotten, 15. Dez. Mit Stolz kann die Stadt Schotten auf ihr Heimatmuseum blicken, das am heutigen Mittwochmittag eingeweiht und der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Inmitten der Hauptverkehrsstraße, der Adolf-Hitler- Straße, befindet sich ein sehr geräumiges Patrizierhaus, das früher Fräulein Anna Pröscher zu Eigentum gehörte und das durch die „W e b e r - Pröfcher-Stiftung" seiner nunmehrigen Zweckbestimmung, dem Heimatmuseum, zugeführt worden ist.
Schon lange Jahre war der Wunsch in der Stadt laut nach Errichtung eines eignen Museums. Mit dem Heimgang von Frl. Pröscher im vergangenen Jahre wurde die „Weber-Pröscher-Stiftung", ein hochherziges Werk, das vor allem auf die Idee und den Willen unseres unvergeßlichen Landforstmeisters Staatsrat Dr. Karl Weber zurückzuführen ist, in Wirksamkeit gesetzt. Dr. W.eber hat auch unvergängliche Verdienste um Oberhessen: das Jnheider Wasserwerk, das Lißberger Elektrizitätswerk, die Hillerstalsperre u a m. sind seiner Initiative zu verdanken. In der Stiftung ist angeordnet, daß das Wohnhaus der Familien Weber- Pröscher in ein Heimatmuseum umgewandelt wird. Alle im Familienbesitz Weber-Pröscher befindlichen zahlreichen, wertvollen Altertums- und Heimatstücke verbleiben in dem Museum und bilden einen ansehnlichen, kostbaren Grundstock des Museums. Im schönsten Raum des Obergeschosses soll, nach Anordnung der Stiftung, ein Gedächtniszimmer zu Ehren der Stifter und ihrer Familie eingerichtet werden. Tragisch ist das Geschick dieser Familie.
Zwei prächtige Söhne des Staatsrats Dr. Weder fielen als Offiziere im Weltkrieg, der Sohn Ferdinand im Infanterie-Regiment Nr. 117 Mainz, der Sohn August im Feldartillerie-Regiment 11. Die' Familie besaß keine weiteren näheren Verwandten. So entschlossen sich Staatsrat Weber, seine Frau und deren Schwester Frl. Pröscher zur Errichtung der Stiftung. Aus dem ansehnlichen Vermögen dieser Stiftung wird das Museum unterhalten: der Stadt Schotten, dem Krankenhaus, der Kirche u. a. fällt alljährlich für wohltätige Zwecks eine ansehnliche Summe zur Verteilung zu.
Das Museumsgedäude wird zur Zeit noch von der Stadtschwester und der früheren Haushälterin der Stifter teilweise bewohnt, mit der Zeit wird das gesamte Haus für Museumszwecke eingerichtet. Ausreichende Räume sind vorhanden. Auch die Unterbringung des wertvollen Kirchen- und Stadtarchivs in diesem Hause ist vorgesehen. Zunächst sind der mittlere Stock, etwa sechs große Räume, und der schöne Flur und Treppenaufgang für das Museum eingerichtet worden. Hier hängen alte Waffen und Uniformen, von Verwandten der Stifter in den Freiheitskriegen getragen. Alte Urnen, Messing- und Kupfergeräte, Kruge, alte Bilder u. dgl. m. sind aufgestellt. Ein wundervoller, alter, eingelegter, großer Schrank fällt besonders in die Augen. Die Vogelsberger Bauernstube mit dem hohen Himmelbett, der Wiege, Truhe, Uhr u. a., erregt besonderes Interesse. In den übrigen Zimmern sind Vitrinen, die wertvolle Museumsstücke enthalten, aufgestellt. Ein schönes Modell der Stadt- kttche, ein prächtiger alter Tisch, Bauernschrank usw.
finden sich vor. Alte Handarbeiten zeugen von dem Geschmack und Kunstsinn unserer Vorfahren. Eine Bauernküche wird noch eingerichtet, viele Küchengeräte und Möbel find dafür schon vorhanden. In einem anderen Raume ist ein alter Webstuhl aufgestellt, hier wird die Flachszubereitung und die Wolleverarbeitung illustriert. Eine Menge alter Hausgeräte, Zinnsachen, Gebrauchsgegenstande für Haus und Hof find da. Auch Funde aus vorgeschichtlicher Zeit birgt das Museum. In dem Gedächtniszimmer, das zu Ehren der Stifter eingerichtet ist, hängen die Bilder der Familie und viele Erinnerungsstücke an das Leben und Wirken des Staatsrats Weber. Uniformstücke halten das Gedächtnis an die gefallenen Söhne wach.
Alles in allem ist das Schottener Heimatmuseum eine Sehenswürdigkeit der Stadt und em verheißungsvoller Anfang und Antrieb zur weiteren Ausgestaltung des Museums. Es hat sich in der Stadt eine heimatgeschichtliche Vereinigung unter Leitung von Lehrer Sauer gebildet, die sich die Pflege der Heimatgeschichte und den Ausbau des Museums zum Ziel gesetzt hat. Auch Sonderausstellungen im Museum sind vorgesehen, z. B. alte Handarbeiten, Perlstickereien u. dgl., alte Schriftstücke, alte Vereinsakten, kurz alles, was von Interesse für die Heimatgeschichte ist, wird hierher zusammengetragen, aufbewahrt und z. T. in Abhandlungen und Artikeln der Oeffentlichkeit nähergebracht. So harren große, vielseitige Zukunftsaufgaben ihrer Lösung und Bearbeitung. Möge dem Museum und der Arbeit der heimatgeschicht- lichen Vereinigung reicher Segen beschieden jein.
Ein reich-profilierter Schrank auf der Diele des 1. Stockes.
Eine Stube birgt schöne alte oberhessische Bauernmöbel.
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