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Nr. ?92 Zweites Blatt

Kleßener Anzeiger (Aeneral-Anzeiger für Gberhesfen)

Mittwoch, 15. Dezember 1957

Gene TuNney wünschte Gchmeling Glück

Oer frühere große amerikanische Boxer Gene Tunney, der unbesiegt aus dem Boxerring hatte Max S ch m e l i n g noch in seinem Trainingslager in Summst (New Jersey) besucht und ihm zu seinem Kampf mit Thomas Glück gewünscht. (Scherl-Bilderdienst-M.)

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Handelssefiung Kalkutta.

Bntiscbe Selfmademen. - Oie Allmacht der Klubs. - ,/Lebende Aschbecher.

23on unterem nu-Mstaibeiler.

Kalkutta, im Novenzber.

Was weiß Europa von diesem Hafen von Kal­kutta! Wer denkt daran, daß jeder Stein, jede Niete, jeder Kran dort zu Europa gehört, von Europa geplant, erbaut, instand gehalten wird. Man nimmt es für selbstverständlich, daß der Hafen von Kalkutta funktioniert, und doch hängt der ganze Welthandel von solchen Dingen ab. Man kann über die Ansprüche der farbigen Völker denken, wie man will, niemand verschenkt, was er in anderthalb Jahrhunderten mühselig aufgebaut hat. Ohne die Engländer wäre Kalkutta niemals zum Welthafen geworden, kein Schiff würde sich ohne einen eng­lischen Lotsen auf dem Hoogly 120 Meilen land­einwärts wagen.

Er steht auf der Brücke, blutjung, keine 25 Jahre, und büch hat er eine Ausbildung hinter sich, um die ihn viele alte Seeleute beneiden. Nächst der indischen Ziviloerwaltung ist der Lotsendienst auf dem Hoogly einer der hoch st bezahlten Dien st e auf der Welt. Die jungen Leute fangen mit 400 Rupien (400 Mark) an und kom­men im Laufe der Jahre auf 2800 Rupien im Monat. Je länger sie dienen, desto größer die Schiffe, die man ihnen anoertraut. Länge und tief­gehende Frachter bekommen nur Seniorlotsen.

Kalkutta ist die e n g l i s ch st e Stadt in Indien. Einer der größten Bankiers der Stadt, an den ich empfohlen bin, gibt mir ein kleines Diner. Es sind nur wenige geladen, aber es sind die größten Geschäftsleute der Stadt, Schiffsreeder, Makler, ein Exporteur. In ihren weißgestärkten Leinensmokings, die Pfeife im Mundwinkel, vor sich einen Whisky, sind sie viele Millionen wert. Aus zwinkernden schottischen Augen blicken sie un­

bekümmert in die Welt. Nichts kann sie rühren. Gerade vorher ging durch die Presse die Rede eines indischen Politikers, in der er das Zentralparlament beschwor, sich für den Aufbau einer nationalen indischen Küstenschiffahrt zu interessieren. Es war eine bewegte Debatte. Ich schneide diese Frage an, Schiffseigner und Makler halten sich die Bäuche vor Lachen.Alles Blödsinn", meinen sie wie aus einem Munde. Klassisch, aber in Kürze und Präg­nanz ist ihre Entgegnung, als ich fragte:Was werden Sie tun, wenn wieder eine indische Küsten­linie gegründet wird?"Fight them! (Kampf!) lautet die Antwort.

Diese englischen Geschäftsleute von Kalkutta sind ihre drei bis vier Jahrzehnte im Land und mögen in mancher Hinsicht tiefere Kenntnis besitzen als viele Regierungsbeamte. Sie machen ihr Geld und sie machen es mit Indern und durch Inder. So ist es natürlich, daß sie sich in bezug auf indische Mentalität ein Urteil zutrauen. In Kalkutta leben sie seit 30 Jahren unter der ständigen Drohung, von den Terroristen ermordet zu werden. Das rührt sie nicht im geringsten. Sie glauben nicht daran, daß Indien ohne die Engländer mit sich fertig wird. Sie arbeiten hart. Wenn auf der Welt geschuftet wird, so in Kalkutta. In den Jutefabriken stehen viele der Unternehmer von morgens bis abends unter den Arbeitern und sehen zu, daß die Sache läuft. In diesem Klima heißt das einiges an Zähig­keit. Und wenn sie sich zurückziehen nach einem Arbeitsleben, dann haben sie zu Hause ihr gutes Auskommen, mehr auch nicht. Und sicher waren sie ihr halbes Leben von Frau und Kindern getrennt. In einem Büro in Kalkutta zu sitzen ist eben doch etwas anderes als in London oder' in Hamburg.

In Kalkutta hat auch der Nachwuchs noch die gleiche Qualität. Dafür sorgen schon die Klubs. Die Macht der Klubs in Kalkutta ist kaum zu be­schreiben. Sie sind die Allee, durch die jeder Spieß­ruten laufen muß. der sich niederlassen will. Jemand, der einem Klub beitreten möchte, muß vorher acht- bis zehnmal dort erscheinen. Jedesmal wird er von einem Vorstandsmitglied examiniert, bis ins Letzte ausgefragt. Er bekommt einen Frage­bogen, auf dem er Herkunft, Erziehung, Stand der Eltern, der Geschwister, die letzte Einzelheit angeben muß. Und dann vergeht ein halbes Jahr. Selbst Diplomaten werden davon nicht ausgenommen. Eines Abends sitze ich mit einem Engländer meines Alters in einem Ballokal. Ein bildschönes Mädchen tanzt, ihr Partner ist ein Freund meines Freundes, sie nicken sich zu. Wir kommen auf Heiraten zu sprechen, und ich meine ganz nebenhin, ob er bei­spielsweise dieses Mädchen dort heiraten würde. Er sieht mich entsetzt an. Sein Grund ist, daß der Saturday-Klub ihn sofort ausschließen würde. Das junge Mädchen ist rein englisches Blut, aber sie hat den Makel, in Indien geboren zu sein, ohne zu Hause, d. h. in England, eine Erziehung genossen zu haben. Sie istC. B.,country-born. Das ist so ein Stück Kalkutta. Hätten die Eltern sie für drei Jahre in ein englisches Pensionat, ein College ge­schickt, wäre alles gut, dann gilt sie alshome resident und in Indien nurdomiciled. So wird sie Ladenmädchen werden, bestenfalls Sekretärin, einen Engländer heiraten kann sie nie.

Als die Regierung im Jahre 1911 von Kalkutta nach Delhi übersiedelte, wollten darin viele eine Schwäche sehen, eine Konzession an die Terroristen.

Die Weihnachtstage belehrten jedermann eines anderen. In Gegenwart von Dutzenden mit Edel­steinen geschmückten indischen Fürsten hält der Vize­könig in aller Oeffentlichkeit Hof. Die Zahl der Diener geht in die Hunderte. Viele von ihnen sind nichts als wandelnde Aschenbecher für den Fall, daß ein Mitglied des Haushaltes eine Ziga­rette ablegen will. Die Verantwortung für die Polizei von Kalkutta ist wohl nur mit der zu ver-

Griype, Erkaltung verschwinden durch Klosterfrau-Melissengeist meist rasch, wenn inan gleich die ersten Smnvtome, wie F-rösteln, "uften, Kovischmerzen, energisch bekämpft Vor dem Schlafengehen rübre man >e einen Eßlöffel Zucker und Klosterfrau-Melissengeist in einer Taffe gut um, gieße lochendes Wnffer hinzu und trinke möglichst heiß zwei dieser Portionen (Kinder ent­sprechend weniger). Zur Nachkur nehme man noch einige Tage die halbe Menge Verlangen Sie Klosterfrau-Melissengeist bei Ihrem Avothekei oder Drogisten in der blauen Packung mit den drei Nonnen Maschen zu NM. 2.80, 1.65 und 0 90; niemals lose (Dieses Rezept bitte ausschneiden.)

gleichen, die die zaristische vor dem Kriege in Ruß­land hatte, wenn der Kaiser kam. Die Scheinwerfer des vizeköniglichen Wagens sind so stark, daß kein Mensch in sie hineinsehen kann, ohne geblendet zu werden. Noch der leere Wagen hat, wie der des Gouverneurs von Bengalen, der an grünen Lich­tern kenntlich ist, durch die ganze Stadt Vorfahrt­recht. Hunderte von besetzten Fahrzeugen müssen halten, wenn er sich nähert... Li.

ISZahre Vorschuß-Verein in Grünberg.

4- Grünberg, 13. Dez. Zu einer würdigen Jubiläumsfeier aus Anlaß des 75jähri- gen Bestehens des Vorschußvereins Grünberg hatten sich am Sonntagnachmittag eine große Zahl Mitglieder mit geladenen Gästen in der Turnhalle vereinigt. Die Bühne zeigte rei­chen Schmuck mit Blumen und Ziersträuchern die das Bild des Führer umrahmten, außerdem die Büste von Dr. Schulze-Delitzsch, des Vaters der Ge­nossenschaften, und in großen Ziffern die Zahl75".

Der derzeitige erste Bankvorstand Wilh. Müller entbot den Willkommgruß und gab einen anschau­lichen Ueberblick über

die^ründunaundEntwickluncrderKaffe

Am 20. Dezember 1937 werden es 75 Jahre, daß der Vorschuß-Verein zu Grünberg e. G. m. b. H. besteht. Im November 1862 fände sich zahlreiche Bürger von Grünberg zu einer Versammlung unter Leitung des Apothekers Georg Stammler in dem ehemaligen Flickschen Saale (jetztRappen") ein, zwecks Gründung eines Vorschuß-Vereins nach Schulze-Delitzschen Grundsätzen, zur Behebung der Kreditnot in Kreisen des Handwerks, Gewerbes, Handels und der Landwirtschaft. Hier bildete man einen engeren Ausschuß, dem Apotheker Georg Stammler, Karl Haberkorn, Stadtrechner Johannes Schäfer, Assessor E ck st e i n , Christian Pracht II., Georg Kasper Kreuder und Johan­nes G i l l e r angehörten. In der kurz darauf fol­genden zweiten Versammlung, am 20. Dezember 1862, legte dieser Ausschuß die Statuten vor, und die Genossenschaft wurde gegründet. Von den an­wesenden Personen erkannten 60 sofort die Sta­tuten an. Der Ausschuß wählte dann den ersten Vorstand. Dieser setzte sich aus Apotheker Georg Stammler als Präsident, Stadtrechner Johannes Schäfer als Kassierer und Karl Haberkorn als Kontrolleuer zusammen.

Mit Beginn des -neuen Jahres wurde der Ge­schäftsbetrieb ausgenommen. Am Ende des ersten Geschäftsjahres 1863 zählte die Genossenschaft schon 118 Mitglieder. Der Höchstständ wurde im Jahre 1877 mit 1200 Mitgliedern erreicht. Die Bilanz­

summe des Jahres 1863 schloß ab mit 11 992 fl. (Gulden), während ein Umsatz von 43 962 fl. (Gul­den) erzielt werden konnte.

Schon ein Jahr nach der Gründung (1863) schloß sich der Vorschuß-Verein dem Verbände der Vor­schußvereine für Oberhessen (Sitz Gießen) an, der später in den Verband hessischer Vorschuß- und Kre­ditvereine (Sitz Kassel) überging und als Unter­verband dem Deutschen Genossenschaftsverband (Schulze-Delitzsch) angehörte. Im Mai 1880 fand ein Verbandstag des Unterverbandes in Grünberg in Anwesenheit von Dr. Schulze-Delitzsch statt. Dieser Verband wurde im Jahre 1930 mit den in Darm­stadt und Wiesbaden bestehenden Genossenschaftsoer­bänden zu dem jetzigen Genossenschaftsoerband Hes­sen-Mittelrhein e. V. verschmolzen, der seinen Sitz in Wiesbaden hat.

Die Geschäftsräume befanden sich bis 1892 im Hause des Kassierers und Stadtrechners Johannes Schäfer auf dem Winterplatz. Durch die Erwerbung des sog. Marstalles in der Rosengasse, aus dem Stammlerschen Besitztum, konnte die Geschästsver- legung im Jahre 1893 vorgenommen werden. Die Geschäftsräume erfuhren in 1911 infolge der wei­teren Ausdehnung einen Umbau.

Der Hauptgeschäftszweig seit der Gründung der Genossenschaft war die Hereinnahme von Spar­geldern, welche als Darlehen gegen Sicherheiten der Bevölkerung von Grünberg und Umgebung zu- flossen. Auch das Kaufschilling-Geschäft war als recht gut anzusprechen. Um die Jahrhundertwende (1895) ging man allmählich dazu über, das Ge­schäft bankmäßiger zu gestalten. Das Wechsel- Diskontgeschäft, das Konto-Korrentgeschäft sowie der Scheck- und Ueberwersungsverkehr wurden einge- führt. Dadurch waren alle Voraussetzungen gegeben und alle in das Bankfach einschlagenden Geschäfts­arten vorhanden, was bis zum Ausbruch des Welt­krieges eine ganz bedeutende Entwicklung brachte. Als Kennzeichen hierfür seien folgende Zahlen aus dem Geschäftsjahr 1913 genannt: Mitgliederstand 855, Umsatz 8 341 280 Mark, Bilanzsumme 1 859 661 Mark, Ausleihungen und verzinslich angelegte Gelder 1 718 273 Mark, Einlagen 1 463 419 Mark,

Gießener Gtaöttheaier.

Friedrich von Flotow:Martha".

Friedrich von Flotows romantisch-komische OperMartha" war einst einer Folge von Gene­rationen bestimmendes Theatererlebnis gewesen und hat bis heute, 90 Jahre nach der Uraufführung, noch nicht an Frische eingebüßt. Wohl sind aus den Reihen namhafter Musiker (Richard Wagner, von Bülow) nicht immer zustimmende Worte gefallen. Dieses Werk mit den Maßstäben der großen Oper oder gar des Musikdramas zu werten, hieße aber an seinem Wesenskern Vorbeigehen. Die Oper Martha" ist eben aus dem Stil der französischen komischen Oper hervorgegangen und will mehr der angeregten Unterhaltung mit stellenweise allerdings sehr geistreicher Konversation dienen, als um hohe Probleme ringen. Dazu bindet sich durch das Ro­manhafte der Handlung ein Zug zum Gefühlvollen, der aber durch Flotow eine Wendung zum Gemüt­vollen erfährt, nicht zuletzt durch die Aufnahme der VolksweiseLetzte Rose". Die Oper ist ein Abbild des Entwicklungsganges des Komponisten.

Mögen für den Sohn des mecklenburgischen Gutsbesitzers die ersten Anregungen von einem musikalisch sich betätigenden Elternpaar ausgegan­gen sein, die grundlegende Ausbildung empfing er in Paris vornehmlich durch Anton Reicha, der einst mit Joseph Haydn und Beethoven befreundet war. Ebenso stark aber sind die Eindrücke zu werten, die das Pariser Milieu mit seinen gesellschaftlichen Verbindungen und seiner Entwicklung auf dem Ge­biete der komischen Oper auf ihn ausubten. Denn das Opernfchaffen war für ihn entscheidend.

Waren seine ersten dramatischen Versuche zu­nächst nur in den Liebhabertheatern der adligen Kreise zur Aufführung gelangt, so erschloß sich ihm allmählich zunächst als Mitarbeiter bei anderen Autoren, die Oeffentlichkeit. Als er von feiten der Großen Oper" den Auftrag erhielt, den ersten Akt eines großen Balletts mit Musik zu versehen (die zwei weiteren Akte waren anderen Komponisten übertragen) lernte er in dieser Ballettdichtung Lady Harriette ou la servante de Greenwich den Urstoff für seine künftige OperMartha" kennen. Ein günstiger Zufall bringt ihn mit dein damals in Paris weilenden Schriftsteller Friedrich Wilhelm Riefe zusammen. Dieser lieferte ihm den Text zu einer deutschen OperAlessandro Stradella , deren Erfolg ihm aus Wien den Auftrag für eine neue Oper'einbrachte.

Diese OperMartha" wurde sein volkstümlich­stes Werk. In engster Zusammenarbeit mit 5r,.e£: rjch Wilhelm Riese (Pseudonym W. Friedrich)

entstand unter Anlehnung an die Grundidee des Balletts mit eingreifenden Abänderungen der Hand­lung' das Textbuch, das in feiner Charakterisierung der einzelnen Personen und seiner reichen Fülle an musikalisch ergiebigen Situationen Flotows Ruf als Opernkomponift festigte. Es ist auffällig, daß die beiden Werke, zu denen W. Friedrich das Libretto bearbeitete, die lebensfähigsten bis heute geblieben sind.

Am 25. November 1847 erlebteMartha" am K. K. Hofoperntheater in Wien die Uraufführung und eroberte von dort aus nicht nur die deutsche Bühne, sondern auch das Ausland. Noch kurz vor seinem Tode konnte der Komponist in Wien im Jahre 1882 der 500. Wiederholung derMartha" beiwohnen.

Die hiesige Aufführung Spielleitung: Wolfgang Kühne ließ alle die Werte, , die dieses anmutige Werk zu einem Liebling des deutschen Opernpublikums werden ließen, in Frische und Unverbrauchtheit sich auswirken. Sie ent­wickelte eine sprühende Lebendigkeit in der Markt­szene wie im Schlußbild mit ihrem quicken, kecken Treiben, in der Buntheit der Bewegung, in der Ausprägung der einzelnen Typen und dem fei­nen, mitschwingenden Humor. Anderseits waren die intimen Szenen mit der ihr eigenen Gefühlsgebun­denheit durchftrömt, ohne sich dabei in Sentimenta­lität zu verflachen. Dazu verhalf die herzhafte Art, die vom Orchester aus das Bühnenbild mit den unvergänglichen Gemütswerten füllte. In feiner rhythmischen Pointierung und trefflichen Ausarbei­tung der melodischen Gliederung wurde schon die Ouvertüre zum verheißungsvollen Eingangstor des Ganzen: das weich getragene Hornsolo muß beson­ders bedacht werben. Straffheit durchzuckte die klangreichen überaus frischen und geruhbeten Chöre (H. Markwardt), vom Dirigentenpult aus (Paul Walter); jeder Einzelszene wurde ihr Recht, schwungvoll die Zusammenfassung des Ganzen.

Dem Ensemble gewährt die Oper reichen Raum, da der Dialog fehlt, (den übrigens Flotow als erster in der komischen Oper fallen ließ). Um so klarer muß Spiel und Mimik das gelungene Wort unterstützen. Die einzelnen Ensembles waren nach jeder Richtung hin ausgefeilt und wohl abgewogen im Klanglichen, wie auch durch die Gruppierung der für und wider einander Spielenden. Besonders der zweite Akt ließ manche Schönheit aufleuchten.

Die beiden Paare Lady Harriet (Elfriede Grell) Nancy (Hildegard I a ch n o w), Lyonel (Ernst Aug. Waltz). Plumkett (Wilhelm Greif), kontrastier­ten in sich ergänzender Weise: die Lady mehr zu­rückhaltend, innerlich. Nancy mit einem wohl leicht

I schalkhaft, aber nicht burschikos aufdringlich, stets ; mit einen] feinen Sinn für das Zukommende. El ; friede Grell zeigte sich zum ersten Male in der Oper, mit ihren sympathischen Stimmitteln konnte sie für sich gewinnen und überraschte durch Töne in der Höhe. Sehr eindrucksvoll war im ersten Bild im Duett mit Hildegard Iachnow das Gegen­einander-Ausspielen der Koloraturen. Hildegard I a ch n o w bestätigte aufs neue ihr nie versagen­des Können, ihre feine Musikalität und den Sinn für charakterisierende pointierte Klanglichkeit. Im Verein mit Elfriede Grell erhob sich Ernst August W all tz im dritten Auszug zu dramatischer Ge­spanntheit, hier brach sein Temperament machtvoll heraus und ließ ihn mit feiner ArieAch so fromm" sehr starken Beifall gewinnen: ebenso zeugte der Schlußgesang dieses Aktes von seinen gesanglichen Qualitäten. Wie immer wußte Wilhelm Greif auch dem Pächter Plumkett treffende Einzelzütze zu geben und ihn so über den üblichen Operntypus zur Individualität zu erheben: in den Ensembles und in dem Schlußduett charakterisierte er plastisch, und der Lobpreis der Porterbieres setzte feinen Baß in Helles Licht. Dem Lord Tristan gab Alfons Forstner wohl bedachte Durchbildung bei An­passungsfähigkeit im musikalischen Zusammenspiel. Dem Richter verlieh Schneider-Oe st die ihm zukommende musikalische und darstellerische Gestal­tung. Die Eingangsszene wie auch die beiden Marktbilder (Karl Löffler) gaben der musika­lisch-spielerischen Entwicklung den Hintergrund und die Möglichkeit der einheitlichen Ausstimmung.

Das voll besetzte Haus folgte sichtlich angeregt dem heiteren Spiel und dankte mit Recht allen, die sich voll um das Gelingen bemüht hatten.

Dr. Hermann Hering

holländische Kochkünste

Die. Holländer sind bekannt als starke Esser, und sie haben daher stets auf die Zubereitung ihrer Speisen große Sorgfalt verwendet. Die holländische Küche ist die klassische Küche der guten Hausmanns­kost, aber sie hat auch ihre Besonderheiten. Zu den Spezialitäten", die man nirgends wo anders in ähnlicher Güte genießen kann, gehört der Hering pnd besonders der junge Hering, der Ende Mai seine höchsten Geschmacksreize entfaltet. Man nennt diesenneuen holländischen Hering", von dem all­jährlich eine Probe der Königin Wilhelmina durch eine Abordnung Scheveninger Fischer überreicht wird, im ganzen Lande dasSeekonsekt" Nachdem dieser Leckerbissen beretts auf See ausgeweidet worden ist, wird dem Fisch vor den Augen des

Käufers die Haut abgezogen, und wenn er dann mit etwas Zwiebel oder auch Gurke zurecht ge­macht ist, dann packt ihn der Käufer beim Schwanz, wirft den Kopf zurück und läßt sich die Delikatesse in den Mund gleiten. Solche Heringsesser kann man allenthalben an holländischen Straßenecken beobachten.

Auch Pfahlmuscheln werden auf der Straße ver­kauft und gern im Rohzustand verzehrt. Leute mit feinerem Gaumen bevorzugen freilich die Auster, die ja ebenfalls zu denheimischen Erzeugnissen" gehört. Neben dem Hering liebt man einen anderen wohlfeilen Fisch, denBokking", der in der Zuider- see gefangen wird. Die Holländer haben es mit viel Geduld und Mühe auch dahin gebracht, den sonst so wenig beliebten Stockfisch zu einem vor­trefflichen Mahl zu bereiten, wozu allerdings wegen der Zähigkeit des Fleisches viel Zeit und Kunst gehört.

Der Holländer ist besonders ein Freund von ge­diegenen nahrhaften Gerichten, unter denen ihm der sogenannteStamppot" obenan steht: er besteht in einem Gemengsel von Kartoffeln, allerlei Ge­müsen und Fleisch, die im gleichen Topf miteinander gekocht werden. Die beliebteste Mischung ist die von Kartoffeln mit Aepfeln, weißen Bohnen und Speck. Neben diesem Hauptgericht findet man auf den Speisezetteln aller Gasthöfe dieErwtenfoep", eine dicke seimige Brühe aus zerquetschten grünen ober gelben Erbsen, mit Wurststücken, Speck ober Schweinsohren darin, die nötigenfalls an die Stelle einer ganzen Mahlzeit treten kann.

Ein weiteres holländisches Nationalgericht ist Rolpens met Appelmoes"; es besteht aus Blut­wurst, die vom Fleischer in einen Schweinschwarten" magen genäht und zum Sauerwerden in Essig ge­legt wird: der Koch schneidet dann diese Wurst in Scheiben, brät sie mit Apfelstückchen in der Pfanne, und das Gericht wird dann mit Bratkartoffeln und Apfelmus aufgetragen. Berühmt find die holländi­schen Käse, so der kugelrunde Edamer, dessen Rinde zur Abdichtung gegen das Verderben mit einer Stearinschicht überzogen wird, der Limburger, der Leidener, der mit Kümmel gewürzt ist, und der Goudaer, ein leichter Weißkäse. Außer dem Käse liefern die Molkereien noch ein anderes höchst nahr­haftes und gesundes Erzeugnis, dieKarnemelk" ober Buttermilch, bie man kalt ober gewärmt trinkt ober auch mit irgendeiner Grütze vermengt. Neben dem zarten Weißbrot, dem kräftigen Schrotbrot und Pumpernickel darf auf keinem holländischen Frühstückstisch der Honigkuchen fehlen, der mit Rosinen oder auch mit Ingwer untermischt ist und mit einem Ausstrich von Butter, Marmelade ober Käse gegessen wirb. C. K.