Hr. 215 Drittes Malt
Kleßener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen) Mittwoch, 15. September 1957
Das Ringen um die Gder-Llebergänge im Manöver der 9. Division
Nächtlicher Siraßenkampf in Krankenberg. — In andauerndem Regen Kämpfe an der Eder. Blau gewinnt auf breiter Krönt alle Llebergänge.
(Von unserem im Manövergelände weilenden Schriftleiter.)
Frankenberg, 14. Sept. 1937, 5 Uhr früh.
Die verflossene Nacht hat dem sonst so ruhigen Städtchen Frankenberg einen Betrieb gebracht, an den die Bevölkerung noch lange zurückdenken wird. Bon den Anwohnern der Hauptverkehrsstraße und der Zugangsstraßen aus den Nachbarorten dürften wohl nur ganz wenige Schlaf gefunden haben Denn die ganze Nacht hindurch ist viel los. Zunächst gibt es kurz vor Mitternacht auf der Hauptstraße vorm Stadteingang von Bottendorf her, bis in die Stadtmitte hinein, lebhaften Gefechtslärm. Blau hat einen starken Stoßtrupp auf mehreren Fahrzeugen in die Stadt vorgeworfen, um dort mit Rot „reinen
ihren Fahrzeugen durch die Straßen. Kolonnen marschieren. Die Motoren der Kraftfahrzeuge machen einen Heidenlärm. Kurz und gut: es tritt deutlich in Erscheinung, daß umfangreiche Vorbereitungen für Die Gefechte am folgenden Morgen und den kommenden Vormittag im Gange sind. Gegen 3% Uhr früh recht sich in der Hauptstraße Frankenbergs, in Süd.- Nord-Richtung, eine Fahrzeugkolonne an die andere. Eine schmale Strecke auf der anderen Straßenseite ist für den Fährverkehr freigelassen. Unaufhörlich ist das Hin und Her im Gange. Dann kommt auch Bewegung in die Fahrzeugkolonnen, sie rücken in nordwärtiger Richtung weiter vor. Aber andere
Jnfanterie-Regi-
Nordwärts Frankenberg a.d.Eder, 14. Sept., 12 Uhr.
Indessen kann von einer eigentlichen Ruhe im Städtchen nicht gesprochen werden. Andauernd rasseln motorisierte oder bespannte Truppenteile mit
folgen in unaufhörlichem Strom in gleicher Richtung. Zwischendurch müssen sich die motorisierten Meldefahrer ihren Weg mit aller Fahrkunst suchen. Kraftwagen haben auch alle Mühe, sich durchzuschlängeln. Hinzu kommt, daß die Fahrzeuge mit abgeblendeten Lichtern fahren. Straßenbeleuchtung ist so gut wie nicht vorhanden. Der alte Feldsoldat wird bei der Beobachtung dieses Betriebes an Vormarsch-Erlebnisse des großen Krieges erinnert. Zu seiner Freude kann er auch hier die Wahrnehmung machen, daß der ganze militärische Apparat vortrefflich funktioniert und alle Soldaten trotz der starken Strapazen während der letzten 24 Stunden mit
Generalleutnant O ß w a l d (rechts) mit General S ch n i e w i n d t (als Schiedsrichter weißes Band an der Mütze) am Kartentisch.
Um 5 Uhr verlassen wir im Kraftwagen Frankenberg zur Fahrt in nordwärtiger Richtung nach V i e r m ü n d e n zu. Der Regen geht unaufhörlich hernieder. Dazu pfeift ein empfindlich kühler Morgenwind. Und unter diesen wenig günstigen Umständen haben die Kampftruppen beider Parteien die ganze Nacht hindurch in ihren Stellungen in Wald oder Feld zubringen müssen, da der Kampf auch nachts im Gange blieb.
Bald hären wir beiderseits der Eder MG.-Feuer. Halbwegs nach Viermünden zu sieht man vereinzelt Schützentrupps durch die Wiesen an der Eder springen. Nicht weit davon entfernt ist ein Laufsteg über die Eder gebaut, der aus einigen schmalen Stangen zwischen Floßsäcken besteht. Wir passieren auf dem Laufsteg die Eder und finden am jenseitigen Ufer, dicht an die Böschung der Bahn in Richtung Korbach angeschmiegt, Teile des II. Bataillons unseres Gießener
allem Schwung und in . • ' prächtigem, soldatischem
Geist dabei sind. Wenig erfreulich ist es aber, daß gegen 4 Uhr leichter Regen einsetzt, der bald stärker wird. Ein Blick vom Stadtrand hinaus ins Gelände zeigt alles in rabenschwarzer und regenschwerer Finsternis.
Tisch" zu machen. An den Ost-Eingängen der Stadt sitzt nämlich Blau. In der Stadtmitte hat Rot noch allerlei Postierungen, um die Zugangswege zur Eder zu sichern. Die llebergänge über die Eder selbst befinden sich gleichfalls noch in der Hand von Rot. Der Stoßtrupp von Blau wird beim Eintritt in die Stadt von Rot angeschossen. Wie der Blitz sind die Männer von Blau von ihren Fahrzeugen herunter. Lebhaftes Schützenfeuer wird im Handumdrehen von dem rasenden Knattern der MG.s übertönt. In schneidigem Anlauf stürmt Blau die nächtlich dunkle Hauptstraße hinauf, dabei ständig in starkem Feuerkampf. Die Gegenwehr von Rot ist nach kurzer Zeit niedergekämpft. Der Stoßtrupp Blau geht an den östlichen Stadteingang zurück. Die Posti'erungen von Rot sind verschwunden. Wenige Minuten später durchschreiten stärkere Kräfte von Blau, die Infanterie mit aufgepflanztem Seitengewehr, das Städtchen Frankenberg, das sie bis zum Bahnhof hin und bis in die Nähe der Eder-Uebergänge in Besitz nehmen. Die Schießerei zwischen Rot und Blau über die Eder hinweg geht aber noch eine ganze Weile weiter. Erst lange nach Mitternacht tritt so etwas wie „Ruhe" ein.
m ents 11 6, die hier bereits über die Eder gekommen sind. MG.-Feuer von dieser Truppe, die zu Blau gehört, ist hinauf nach der steilen Höhe des Waldes gerichtet, die sich noch im Besitz von Rot befindet. Don oben schießt Rot mit lebhafter Feuerkraft seiner MG.s den Berghang hinab gegen den Feind. Die Mannschaften haben zum Schutz vor dem Regen ihre Zeltbahnen umgehängt, durch die sie in dem Gelände gut getarnt sind. Aber von unten her ist alles nur eine Nässe. Wir gehen über den Laufsteg über die Eder zurück zum O st u f e r u. treffen bald darauf an dem steilen Wald ab hang ostwärts der Eder, unmittelbar an der
Die von den Hanauer Pionieren gebaute Bockbrücke über die Eder.
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Floßsackbrücke für leichtere Kolonnen im Bau auf der Eder.
Landstraße nach Viermünden, die Pioniere a u s H a n a u , die dort in höchster Gefechtsbereitschaft liegen. Es dauert nicht lange, so geht denn auch hier der Kriegstanz los. Mittlerweile ziehen aber gegen 6 Uhr einige Flieger über ben mutmaßlichen Stellungen von Rot ihre Kreise, schwach von MG.-Feuer befuntt. Ob die Flieger bei dem anhaltend niedergehenden Regen viel gesehen haben werden, dürfte wohl fraglich sein.
Die Hanauer Pioniere haben im Straßengraben an der Landstraße in kurzen Abständen mehrere leichte MG.s in Stellung gebracht. Diese Waffen werden verstärkt durch überhöht in Stellung befind»
Hrfje schwere MG.s. Mächtige Floßsäcke liegen zum Uebersetzen über die Eder einstweilen in dem dichten Niederholz gut verborgen bereit. Zwischen den MG.s von Rot und Blau, hier vertreten durch die Hanauer Pioniere, geht wiederholt der Kampf los, der aber auf beiden Seiten mehr der- Verschleierung dient. Punkt 6.30 Uhr bricht der Angriff der Hanauer Pioniere als Stoßtruppe von Blau los, um den Uebergang über die Eder zu erzwingen. Die schweren und die leichten MG.s der Pioniere geben starkes Dauerfeuer, das von Rot zunächst nur ganz schwach erwidert wird, um dann überhaupt keine Gegenwehr mehr zu finden. Unter dem Schutze des starken MG.-Feuers preschen die Hanauer Pioniere mit ihren großen, schweren Floßsäcken vor zur Eder. Im Nu schwimmen diese Ungetüme von Fahrzeugen auf dem Was- fer. In wenigen Sekunden sind die Fährmannschaften
der Pioniere übergesetzt. Nun stürmen auch schon in kleinen Gruppen die Infanteristen, 116er aus Gießen, heran. Das Uebersetzen der unaufhörlich nachfolgenden Jnfanteriegruppen geht mit fast un- glaublicher Schnelligkeit vor sich. Die Pioniere voll- bringen die prächtige Leistung, innerhalb von zehn Minuten auf mehreren Floßsackfähren eine ganze Kompanie Infanterie und einen Zug schwerer MG s uberzusetzen. Nach kurzem Sammeln stößt die Infanterie gegen den hohen Berg vor, auf dessen Spitze noch kurz vorher Rot gesessen hat. Aber Rot hat, wie sich bald zeigt, inzwischen seine Stellung geräumt. Die Infanterie von Blau klettert den sehr steilen und sehr hohen Berg unter großen Mühen, aber in unaufhörlichem Vorwärtsdringen hinan, wahrend tief unten im Tale die Pioniere immer neue Kräfte der Infanterie übersetzen.
Idyll an einer Feldküche der Gießener Artilleristen.
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Nächtliche Patrouille von Rot läßt sich in Frankenberg von Einwohnern einen Fingerzeig gebens
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Gießener Artillerie in Feuerstellung bei Römershausen.
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21m Scherenfernrohr der Artillerie von Rot vor Frankenbera. (Aufnahmen 17j; Pfaff. Butzbach.)
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Wir fahren zurück über Frankenberg in Rich- tung Schreufa und weiter zum Jungfer-Hü- gel bei Viermunden, dem Gefechtsstand der Lei- tung. Der Regen hat mittlerweile noch zugenommen. Aber das Gefecht wird selbstverständlich ununterbrochen fortgeführt. Unterwegs treffen wir wiederholt Generalleutnant O ß w a l d bei Besichtigungen im Gelände, da er als Leitender sich un- mittelbar von den einzelnen Gefechtsbildern durch persönlichen Augenschein unterrichten will. Von der Hohe des Jungfer-Hügels aus sehen wir die beider» fettige Infanterie in lebhafter Gefechts- handlung. Lautes Hurra verkündet, daß in Richtung Schreufa em Sturmangriff durchgeführt wird. Dann wieder andauerndes MG.- und Schützen» euer. Bald darauf begegnen wir auf der Weiter. fahrt nach Viermünden zu erheblichen Teilen der Infanterie von Rot im Rückzug von der E d e r her. Unten im Edertal, unmittelbar vor Viermunden, find Pioniere dabei, Laufstege über Die ®ber zu bauen, während die Fahrzeuge durch einige Furten das Wasser passieren und Infanterie den rasch fertiggestellten Laufsteg überschreitet. Die esten Brücken der Straßen gelten sämtlich als ge- prengt so daß sich die Truppen-Bewegungen nur durch Überschreiten der Eder auf dem Wege des Durchfahrens oder durch Uebersetzen vollziehen können
Von Viermünden fahren wir ederaufwärts in Richtung Frankenberg. Halbwegs treffen wir die Hanauer Pioniere beim Brückenbau über d i e Eder. Eine außerordentlich spannende militärische Leistung! Zwei Brücken werden gebaut, und zwar eine feste (sog. Bockbrücke) und eine leichtere (Balken- und Bohlenbelag auf Floß- sacken); die feste Brücke ist für den Uebergang der ganz schweren Fahrzeuge vorgesehen, die leichtere Brücke soll von den leichten Kolonnen benutzt wer» den. Die feste Bockbrücke, 25 Meter lang mit Spannweite von 6V2 Meter von Bock zu Bock, wird von 50 Pionieren in einer reinen Bauzeit von 1'/- Stun- den gebrauchsfertig für den Truppenoerkehr er- richtet. Bei andauerndem Regen sind die Pioniere überaus eifrig an der Arbeit. Beim Bau der B 0 ckb r u cf e müssen sie schwere eiserne Träger, mächtige Balken und sehr gewichtige Bohlen heranschleppen und haargenau in den Bau einfügen. Starke Eisenpseiler mit kräftigen Verspannungen und Verstrebungen sichern das Baugerüst für die schwere Last des Baues und der erwarteten Fahr- zeuge. Viele Manner der Pioniere müssen bei der Sauarbeit im Regen bis über die Knie, teilweise logar bis an den Leib in das Wasser der Eder hineinsteigen, um die Arbeiten am Brückenbau von dieser Seite aus zu leisten. Etwas weiter abwärts ist auf mehreren großen Floßsäcken der Bau der leichteren Brücke ebenfalls flott im Gange. Auch hier wird schwer geschafft. Einige Pioniere in einem Floß sack find in der Nähe der Baustellen


