Ur. 162 Zweites Blatt
Donnerstag, 15. Zuli 1937
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
„gewissen anderen Staaten" abgeschlossenen Bündnisverträge zu torpedieren verbuchten. Der Sinn dieser Auskünfte ist zu handgreiflich, um mißverstanden zu werden: Beruhigt euch. Tuchatschewski hat nichts von den Informationen, die ihr ihm hier in Paris über eure militärischen Geheimnisse, gegeben habt, an Dritte verraten, und mit ihm und seinen Genossen sind nicht Freunde der Bündnisse mit Frankreich, sondern Gegner vom Leben zum Tode gebracht worden.
Solche Beruhigungspillen über die Zuverlässigkeit der russischen militärischen Schlagkraft haben aber keine rechte Wirkung. Das Mißtrauen ist da. Auch die Reden, die beim Empfang des neuen Sowjetbotschafters, der sein Beglaubigungsschreiben dem Präsidenten der Republik überreichte, gewechselt wurden, werden nur mit Achselzucken gelesen. Man weiß im französischen Generalstab — die Hinweise darauf vor dem Abschluß des Bündnisses waren deutlich — daß von allen technischen Einrichtungen in Rußland das Eisenbahnwesen am unzu- verlässigstei, weil stark heruntergewirtschaftet, ist. Darüber können auch die Modelle moderner Riesenbahnhöfe, die auf der Ausstellung aufgebaut sind, nicht Hinwegtäuschen. Die Russen prahlen ja auch ganz offen damit, die Eisenbahnen würden in einem Kriege kaum eine Rolle spielen. Es käme nicht mehr auf die sichere Bewältigung großer Truppentransporte an, sondern die Flugzeuge würden entscheiden, und deren besitze die Sowjetunion mehr als jede andere Macht. Als Illustration dazu dient der russische Junge, der sich mit strahlendem Gesicht am Modell die Begeisterung für das Sowjetflugwesen einpflanzen läßt. Alle Bilder, und ebenso der große Relief-Fries, der um die äußere Basis der Dorhalle läuft, zeigen die schönsten, gut gekleideten Gestalten, und allen Gesichtern sind Freude und Hingebung an das Dasein im Sowjetparadies auf-
Ohrfeige. Ohne ein Wort zu sagen, machte er kehrt und ging davon.
Zadrazil rieb sich entgeistert die Backe und blickte dem Dicken nach, bis er verschwunden war. Dann zuckte er die Achselch sammelte — noch immer leicht erstaunt — sein Werkzeug auf und ging, den vereinbarten Lohn für die Ausschachtung eines Brunnens zu beheben.
Der Satz, daß das Bauerntum der Lebensquell unseres Volkes ist, stellt nicht nur Erfahrung und Tatsache fest, sondern deutet auch auf' eine wichtige Aufgabe hin, die dem Reichsnährstand gestellt ist: den Bauern zu blütsmäßigem Denken zu erziehen, seinen Sippensinn zu vertiefen und Klarheit darüber zu gewinnen, welche biologischen Kräfte in unserem Bauerntum ruhen. Weiter gilt es, dem einzelnen Bauern klarzumachen, welche Folgerungen er für sich persönlich aus den Ergebnissen der Sippenforschung und aus der Sippenpflege zu ziehen hat. Denn mit unserer sippengeschichtlichen Arbeit verfolgen wir das Ziel, aus der Vergangenheit der Geschlechter Lehren für die Zukunft zu ziehen.
Die Schwierigkeiten tauchen mit dem Augenblick auf, in dem der Jungbauer mit der Frage kommt: „Welche blutsmäßigen Werte besitzt mein väterliches und mein mütterliches Geschlecht?" Diese Frage wird in Zukunft noch mehr erhoben werden als bisher, wenn ein Bauernsohn und eine Bauerntochter zur E h e schreiten und jeder Klarheit haben will über den blutsmäßigen Wert des Ehegatten. Als das beste Anschauungs- und Erfahrungmaterial stehen uns zwei Hilfsmittel zur Verfügung: einmal die Ahnentafel, die durch Forschung in die Tiefe die Vorfahren des Bauerngeschlechtes feststellt und seine Leistungen ermittelt. Zweitens, durch Forschung in die Breite, die S i p p s ch a f t s t a f e l, welche anzeigt, wie sich das Blut der Sippe im Leben äußert.
Die Anfertigung der Ahnen- und Sippschaftstafeln ist ein wichtiges Mittel, den Blutsgedanken im Bauerntum zu beleben. Denn jede Behandlung des Blutsgedankens setzt voraus, daß der einzelne vor allem Kenntnis von seinem eigenen Blute hat. Bei der Gattenwahl wird die Kenntms eines bestimmten Blutkreises am notwendigsten, da beide Ehepartner die ganze Sippe, mit deren Glied sie sich verbinden, kennen müssen. Es kann deswegen
als Erfolg bezeichnet werden, wenn es dem Reichsnährstand gelungen ist, sowohl an den landwirtschaftlichen Schulen wie besonders an den Bauernschulen den Blutsgedanken durch die Aufstellung von Ahnen- und Sippentafeln oorwärtszutreiben.
Bei dem Beginnen, durch Einzelforschungen von den Bauern und den Jungbauern die Ahnen- und Sippschaftstafel aufstellen zu lassen, ergab sich bald die Feststellung, daß bei Einzelforschung und Einzelarbeit, auf das Reichsgebiet übertragen, allein beim Bauerntum fast 200 Millionen Einzelangaben zu machen gewesen wären. Die bisher bei der sippen- kundlichen Arbeit gewonnenen Erfahrungen lehrten andererseits, daß es wirtschaftlicher ist und daß auch vollständigere und zuverlässigere Ergebnisse gewonnen werden, wenn zunächst einmal der gesamte Inhalt der wichtigsten sippenkundlichen Quellen, der pfarramtlichen und standesamtlichen R e g i st e r planmäßig aufgearbeitet und übersichtlich dargestellt wird.
Als zuverlässigstes und wirtschaftlichstes Verfahren zur Aufarbeitung des sippenkundlichen Inhalts der Kirchenbücher hat sich das Familienblattverfahren erwiesen, das in einer bereits in mehreren Auflagen vorliegenden Schrift: „Der Weg zur Volksgenealogie" dargestellt wird und nach dem der Reichsnährstand die Bearbeitung der pfarramtlichen und standesamtlichen Register durchführen läßt. Danach besteht die fertige Arbeit aus dem sogenannten Familien- oder Sippenbuch, das sind aus alphabetisch geordneten Familienblättern zusammensetzt. Jedes dieser Familienblätter enthält alle wichtigen«Angaben, die in dem bearbeiteten Kirchbuch über je ein Elternpaar und dessen sämtliche Kinder gefunden werden.
Das Verfahren der Verzettelung der Kirchenbücher nach dem Familienblattvordruck hat sich für die besonders nach biologischen und erbbiologischen Gesichtspunkten erfolgende bäuerliche Sippenforschung außerordentlich gut bewährt. Denn
Vom Kirchenbuch zum Familienbuch
Sippenbewußtsein und Vlutsgedanke im deutschen Bauerntum.
Der alte Meister und der junge Dachs.
Es ist immer so gewesen und muß wohl so sein, daß die jungen Künstler sich in einem starken Gegensatz zu denen befinden, die ein Menschenalter vor ihnen Erfolge und Ruhm geerntet haben. Die Jugend pflegt mit wesentlich anderen Augen zu sehen als das Alter, und in diesem Unterschied der Betrachtung beruht nicht nur bas, was man gemeinhin Fortschritt nennt, sondern eine immer wieder segensreiche Rückkehr zu den Anfängen künstlerischen Schaffens, die selbst auf einer hohen Stufe der Entwicklung nicht außer acht gelassen werden dürfen. Selbstverständlich kommt es oft genug vor, daß die Jungen ungerecht werden und die Meister, die ihnen im Wege stehen, verachten. Um so lustiger ist es, wenn sie wider Willen gezwungen werden, anzuerkennen, daß auch die vor ihnen Vieles gekonnt haben und manches, was ihnen selber schwerfällt. Ein hübsches Beispiel erzählt der rheinische Dichter Otto B r ü e s, der im Juliheft von Velhagen & Klasings Mona t s h« ft e n einen farbig bebilderten Aulsatz über den Düsseldorfer Maler Fritz Reusing schreibt. Vor etwa zehn Jahren saß Brües bei dem Düsseldorfer Wilhelm Schreuer, der mit einer ganz eigenen Wischtechnik alles, was er vor sich sah, auf die Fläche brachte. In jenem Gespräch drehte der kauzige Schreuer den Spieß um und schimpfte auf die jungen Künstler so heftig, daß er darüber sogar vergaß, sein Weinchen zu trinken. Es klopfte an der Tür, herein trat ein bekannter Maler, damals Wortführer der Opposition gegen den „Malkasten" und alles, was ein wenig vor ihm das Licht der Welt erblickt hatte, und sprach: „Meister, wenn das Rad von einem Karren schräg von einer Wurzel, auf die es gerollt ist, auf der Schräge eines Straßengrabens liegt — ich brauche das für em Bild — wie sieht sich's dann an?" Schreuer nahm ein Stück Kohle, zeichnete drei, vier Minuten und antwortete: „So!" Dann drückte er dem jungen Kameraden das Blatt in die Hand, ihn so verabschiedend, und brummte, nor sich hin: „Sonst kommen die Burschen nicht!"
Skizzen aus Frankreich
Don Dr. Paul Rohrbach.
eine ganze Wand der Grube und stürzte mit lautem Getöse zusammen. — Staub! Dichter Staub!
Als sich die Wolke verzogen hatte, zeigte es sich, baß die Grube wieder ziemlich- ausgefullt war Zadrazil stand eine Weile völlig erstarrt. Dann riß er jäh die Mütze vom Kopf, schleuderte sie mit einem Kraftwort der eingestürzten Wand nach und machte kehrt. Er statte wütend davon und verschwand — ohne sich noch einmal umzudrehen — hinter der Tür des nächsten Gasthauses.
Bald nachdem Zadrazil verschwunden war, bog ein großer dicker Mann um die Ecke und schlenderte quer über den Platz. Plötzlich blieb er i^hen und riß die Augen auf. Er sah eine frisch ausgeschachtete Grube, die zur Hälfte einaestürzt war. Mitten aus den Sandmassen ragte einsam der Stiel eines Spatens hervor. Daneben lag eine Mütze.
Der dicke Mann riß die Augen noch weiter auf und stöhnte. Ängstlich blickte er sich um -- nirgends war eine Menschenseele zu sehen. In der nächsten Sekunde sprang er mit einem gewaltigen Plumps in die Grube, ergriff den Spaten und zerrte ihn mit aller Straft aus der Erde Dann fing er an zu graben. Er grub mit Feuereifer.
Rund um den dicken Mann herum häuften sich Berge von Sand, Lehm und Geröll. Allmählich verschwand er vollkommen in der Erde. Mit einemmal hielt er inne und bückte sich Da zwl chen dem Scknd war etwas, das sich wie Leinen anfuhlte. Er packte den Stoffzipfel mit beiden Fausten imd zog. Er keuchte und zog immer starker Plötzlich gab tue Geschichte nach - der Dicke landete mit einem heftigen Ruck auf seinem Hinterteil. Was er in der Hand hielt, war zweifellos eine Jacke.
{Simmel — jetzt hab ich ihm den Kittel abge- zogen^chzte er verstört und schleuderte sie fort. Dann stürzte er sich von neuem auf den Spaten und grub mit verdoppelter Geschwindigkeit.
Einige Zeit später tauchte Zadrazil am Rande der Grube auf und starrte fassungslos hinunter Der Dicke unten starrte ebenso fassungslos hinauf. Er hielt den Spaten in der Hand und stand bis zu den Knöcheln im Grundwasser.
Keiner von beiden redete ein Wort
Endlich warf der Dicke die Schaufel hm und kle - terte schnaufend aus der Grube. „Ist das Ihr Kittel?" fragte er und deutete auf die ßemenjatfe.
Zadrazil nickte.
Also waren Sie gar nicht verschüttet, wie? fragte der Dicke gepreßt
Zadrazil schüttelte verständnislos den Kopf
Der Dicke guckte ihn eine Weile stumm an. Dann holte er plötzlich aus und gab ihm eine schallende
Zwei attrömische Villen in England.
In Suffolk wurde eine der größten römischen Dillen, die bisher in diesem Gebiet gefunden wurde, ausgegraben, und man nimmt an, daß es sich um die Villa Faustinae handelt, die in römischen Reisebeschreibungen erwähnt wird. Es wurden eine Reihe von Gebäuden, die um einen Mittelhof gruppiert sind, ausgegraben. Besonders bemerkenswert ist ein Badehaus, das ausgezeichnet erhalten ist; die Pfeiler des Heizraums sind noch in ihrer ursprünglichen Stellung, ebenso der Zementboden des kalten Brausebades mit dem Bleirohr. 40 Münzen aus der Zeit von 141—393 n. Ehr. und reich verzierte Töpferwaren wurden gleichfalls gefunden. Die Wände der Gebäude find in den verschiedensten Farben gestrichen. Eine zweite Villa in Dorchester stammt aus dem 3. Jahrhundert und ist augenscheinlich das Haus eines der reichsten Bürger gewesen. Man sand auch hier Münzen und Schmuckstücke für Frauen, vor allem aber ein hervorragendes Mosaikpflaster, das zu den schönsten bisher in England gefundenen gehört. Auch in dieser Villa stellte man ein Heizungssystem fest. ck-
sens, über die Fliegerei, über Kinderpflege, Filme, Theater usw. bewiesen. An wirklichen Erzeugnissen dieses so großartigen Schaffens ist aber sehr wenig zu sehen. Die ganze Tendenz geht dahin, zu zeigen, wie trostlos leistungsunfähig das alte zarische Rußland gewesen sei, und welche Fortschritte die Sowjetisierung gebracht habe. Dem steht aber die eine, alle prahlerische Propaganda erschlagende Tatsache gegenüber, daß unter dem Zarenregiment der russische Bauer schlecht und recht satt wurde, und daß reichlich Getreide exportiert werden konnte, während der Bauer jetzt hungert und die Getreideausfuhr viel geringer ist als früher.
Auf der Ausstellung bekommt man eine fabelhafte Statistik über die Produktion von Traktoren und Mähdreschern — die Russen sagen dafür Kvm- baynen — für die Landwirtschaft, und es stehen auch ein paar solche Maschinen leibhaftig da. Was man aber nicht erfährt, ist, daß die meisten Traktoren nicht arbeiten, weil sie dauernd in Reparatur sind, und daß die Bauern die Kombaynen absichtlich unbrauchbar machen. Sie sind ihnen verhaßt, weil sie das gemähte Korn auch gleich ausdreschen und so den Sowjetkontrolleuren die Möglichkeit geben, der betreffenden Bauernschaft die „Staatsoerpflichtung" an Getreide sofort wegzunehmen. Vom Anteil der Bauern an der Ernte, der ohnehin mager genug ist, bleibt dann manchmal so gut wie nichts übrig. Also tut der Bauer alles, um unter der Hand die Teufelsmaschine unbrauchbar zu machen. Traktoren und Kombaynen sind mit dem Moment außer Gefecht gesetzt, wo irgendein Stück ihres Mechanismus fehlt. Sie stehen für gewöhnlich in besonderen Stationen für jeden Getreiderayon und werden zur Feldbestellung und zur Ernte in die bäuerlichen Kollektivwirtschaften, die sogenannten Kolchosen, geschickt. Es mangelt aber dauernd an bereitliegenden Ersatzteilen, so daß sie nicht repariert werden können, wenn der Mechanismus stockt. Dann hagelt es Anklagen gegen die „trotzkistisch-bucharinschen Banditen und Spione", die an allem Schuld sein sollen, nur der Bauer freut sich, daß er heimlich einen etwas größeren Anteil an dem von ihm gebauten Getreide in Sicherheit bringen kann.
Die Propaganda im Sowjetpavillon arbeitet besonders mit Riesengemälden und farbigen Wandkarten. Auf einer solchen Karte von Rußland sind die Städte durch große farbige Edelsteine markiert, von denen man wohl annehmen kann, daß sie aus dem einstigen Zarenschatz oder aus den Tresors ermordeter Aristokraten stammen. Lenin und Stalin sehen — der letztere allein dreiund- s e ch z i g M a l — in Stein, Erz, Gips und bemalter Leinwand den Besucher an. Vor einem Kolossalbild, das Stalin im Kreise hoher Sowjetoffiziere darstellt, fühlt man sich an ein bekanntes Bild in einer Moskauer Galerie erninnert: Iwan der Schreckliche inmitten seiner Leibwächter und Bojaren. Es ist leibhaftig d e r r o t e Z a r, der da fitzt und über Köpfen, Hängen und Erschießen brütet.
Vor einem anderen Gemälde, das den Marschall Woroschilow zu Pferde in kühner Feldherrn- haltung darstellt, hört man ein Gemurmel, hier müsse die Unterschrift stehen: Aus Urlaub vom Peloton! (So wird das mit der Erschießung beauftragte Kommando genannt.) In Paris wird erzählt, Stalin habe eine Denkschrift hergeschickt, um die französischen Befürchtungen zu zerstreuen, die Sowjetarmee könne durch Massenerschießung von Generalen an militärischem Wert eingebüßt haben; das sei nicht der Fall, durch die Reinigung sei nur ihre Schlagkraft erhöht und die Kampflust der Truppen nicht beeinträchtigt. In der Denkschrift soll weiter stehen, Tuchatschewski und die anderen Generale hätten keine militärischen Geheimnisse verraten, sondern sie seien erschossen worden, weil sie die i n n e r r u s s i s ch e n Verhältnisse kritisierten, der Beteiligung Rußlands am Völkerbund widersprachen und die zwischen Rußland und
geprägt. Wer hie Wirklichkeit kennt, weiß es anders. Ein Hauptstück im Hintergrund des Ausstellungsraumes ist ein Modell des — angeblich im Bau befindlichen — Sowjetpalastes in Moskau. Er soll in einen 350 Meter hohen Turm auslaufen, und dieser soll noch durch eine 100 Meter hohe Statue Lenins, mit ausgerecktem Arm und geballter Faust, gekrönt werden: das höchste und kolossalste Gebäude der Welt. Rur ist es bisher erst eine Maquette, ein Modell.
Durch diesen ganzen Propagandaaufbau schiebt sich fortdauernd eine dichte Menge von Besuchern, denen man ansieht, daß sie größtenteils zum Arbeiterstand gehören. Sie würde mehr Eindruck machen, wenn man nicht vermuten müßte, daß sehr viele davon von kommunistischer Seite kommandiert sind, um auf diese Weise zu imponieren. Sobald man näher hinhört, merkt man auch, daß es gegenüber diesem ganzen Aufbau von viel Schein und wenig Wirklichkeit nicht an Kritik fehlt. Man hatte mir erzählt, die russische Ausstellungsleitung habe ein Buch aufgelegt, um Lobsprüche der Besucher darin zu sammeln. Ich fragte eine der offiziellen Führerinnen auf russisch, wo dies Buch läge und merkte sofort, daß ich mit der russischen Anrede das höchste Mißtrauen erweckte. Das Buch läge da und da, hieß es. An der angegebenen Stelle aber war es nicht zu finden. Eine Eintragung darin sollte lauten: Fabelhafte Zahlenaufbauten, babylonische Türme, aber keine Zahl richtig! Vielleicht sind noch mehr solche Zeugnisse dorthin gekommen, und man hat das Buch lieber entfernt. Als ich den Russenbau verlassen hatte und zu den beiden Figuren hinaufsah, die ihn krönen und die Weltrevolution verkörpern sollen, wiederholte ich mir im Stillen die Worte: Sürete sans joie! Sicherlich ohne Freude!
III.
Frankreichs „freudlose Sicherheit".
Im Gespräch mit einer französischen Persönlichkeit von Stand und Rang lenkte sich die Rede von dem Deutschen Haus auf der Ausstellung und seinem bevorzugten Platz auch auf das allgemeine Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. Es ist eine ständige französische Vorstellung, daß Deutschland eine undurchschaubare unberechenbare Größe sei, daß von Deutschland her irgend welche dunklen Gefahren drohen, und daß es daher die Pflicht Frankreichs sei, immerfort an seine Sicherheit gegenüber Deutschland zu denken.
Wir gingen miteinander durch die russische Ausstellung, und das Thema von der Bundesge- nossenschaft zwischen Frankreich und Sowjetrußland lag nahe. Ich fragte: „Was würde Stalin dazu sagen, wenn Deutschland und Frankreich sich eines Tages von Grund auf verständigten? Eine nicht mißzuverstehende Gebärde war die Antwort, aber sie fand ihre Fortsetzung in den Worten: „Wie die Dinge nun einmal liegen, ist das russische Bündnis für uns ein Sich.er- heitsfaktor, den wir nicht entbehren können — mais c’est une sürete sanr joie!“
Freudlose Sicherheit! Ist das nicht ein Wort, das zu denken gibt. Ich glaube, es gibt außerhalb der radikalkommunistischen Richtung nur wenige Franzosen, denen bei dem Bündnis mit Moskau von Herzen wohl ist. Man kann noch weiter gehen und sagen, daß heute über ganz Frankreich eine gewisse Atmosphäre von Freudlosigkeit liegt, und daß diese im Grunde von nichts anderem herrührt, als von der Intimität und damit auch Abhängigkeit, in dis man sich Moskau gegenüber begeben hat. Die entscheidende Schuld liegt bei dem Rein, das der französische Außenminister B a r 11) o u 1934 den deutschen Pakt- und Abrüstungsvorschlägen entgegensetzte. Ob es aus dem unüberwindlichen französischen Mißtrauen heraus geschah oder um auf jeden Fall Frankreichs militärische Superiorität in Europa zu behaupten, bleibe dahingestellt. Jedenfalls wandte sich der Kurs der französischen Politik dem Sowjetbündnis zu. Nachdem durch die Kammerwahlen von 1936 Die sozialistischen und kommunistischen Stimmen für die Mehrheitsbildung ausschlaggebend geworden waren, ergoß sich die Flut der Volksfrontgesetze über Frankreich, die mit dem einen Wort charakterisiert werden können, daß sie Wechsel ohne Dek - k u n g waren. Jetzt werden sie zur Einlösung vorgelegt, und die dazu erforderlichen Mittel zeigen sich als nicht vorhanden. Geht man aber der Frage auf den Grund, woher eigentlich die Linksmehrheit in der Kammer zustande gekommen ist, so ist die Antwort: Weil Moskau der französischen kommunistischen Partei die Weisung gab, sich in ihren Wahlaufrufen vaterlandsfreundlich und militärfreundlich zu tarnen. Damit hat Moskau das Spiel in die Hand bekommen, und damit hat sich zunehmend über Frankreich jene Stimmung gelagert, die man nicht besser kennzeichnen kann, als durch jene beiden Worte: sans joie.
„Sürete sans joie" ist eine Devise, der man noch mit besonderer Skepsis begegnet, wenn man sich die Ausstellung im russischen „Pavil- I o n" angesehen hat. Sie ist von Anfang bis zu Ende nichts als Propaganda, die aber gerade durch ihre Ueberfteigerung ihre Unwahrhaftigkeit enthüllt. Es ist eine ständige Moskauer Redensart, Sowjetrußlands Aufstieg unter dem großen Stalin sei märchenhaft — märchenhaft in Technik, Wirtschaft und Kultur. Das sollen große überall angebrachte Diagramme über die Erfolge der Industrialisierung, über den Aufschwung des Schulwe-
Wer andern eine Grude gräbt...
Von peter Mattheus.
Es war ein fürchterlich heißer Tag.
Zadrazil — der kleine schmächtige Zadrazil — kam mit Hacke und Spaten auf der Schulter um die Ecke und machte auf dem freien Platz hinter dem Hause halt. Die Stelle, wo er den Brunnen graben sollte, war schon abgesteckt — genau em Meter im Geviert. Zwei Meter tief mußte man mindestens graben, um auf Grundwasser $u kommen. Zwei Meter —? Vielleicht auch drei! Zadrazil konnte sich nicht enthalten, bei dem Gedanken zu seufzen. Mißbilligend blickte er zur Sonne empor.
Er warf sein Werkzeug auf den Boden und trocknete sich zunächst einmal die Stirn. Dann spuckte er — mit einem zweiten bekümmerten Seufzer m die Hände und fing an zu graben. Zuerst kam eine Schicht harter, verkrusteter,Erde — ausgedorrt und backig von der Hitze. Dann kam eine Schicht Sans, Dann Lehm, dann wieder Sand. Diesmal semkor- niger, lockerer Sand, der bei jedem Spatenstich in Massen nachrieselte.
Nach einer Weile stieß Zadrazil den Spaten mit einer kräftigen Verwünschung in den Boden, streifte seine dünne Leinenjacke ab und beförderte sie mit Schwung zuoberst auf den Erdhaufen, der sich neben der Grube erhob. Er seufzte tief auf und arbeitete verdrossen weiter. Eine Schaufel Sand nach der anderen warf er aus der Grube heraus, beharrlich wie eine Baggermaschine. Er war schon fast einen Meter tief gekommen.
Je länger er grub, desto deutlicher stieg eine Vi- fion Dor ihm auf - eine Vision, die sich immer mehr oerLeie und fch-iesilich die Gestalt eines schaumgekronten Glases Bier annahm. Wohin er auch blickte -L- überall sah er dieses verlockend gefüllte Glas vor sich. Bier! Kühles Bier! Die Vorstellung war geradezu qualvoll. Seme Zunge war wie trockenes Leder.
Er schüttelte brummend den Kopf und» budd>elte verbissen weiter. Dann aber wurde Die Vision übermächtig Plötzlich schleuderte er den Spaten von sich und kletterte in überstürzter Hast aus der Grube.
Er hatte es so ungeheuer eilig, daß er je gliche Vorsicht vergaß. In dem Augenblick, als er sich über den Rand der Grube schwang, spurte er, wie Das Erdreich unter ihm nachgab. Mit einem Satz rett er sich auf festen Boden und fuhr herum. Hinter ihm polterte es dumpsi Er sah gerade noch, w> seine Jacke in einem Strom von Sand und irro . brocken in der Tiefe verschwand. Dann loste sich die
Reisefieber in Amerika.
Nach einer vorläufigen Schätzung, die von dem amerikanischen Kraftfahrerverband aufgestellt wird, werden die amerikanischen Reisenden in diesem Jahre etwa 4500 Millionen Dollar ausgeben, eine Summe, die bisher auch nicht annähernd erreicht worden ist. Man schätzt, daß etwa 500 Millionen Bürger der Vereinigten Staaten sich auf die Reise begeben und wenigstens je hundert Dollar ausgeben werden. Dabei werden alle denkbaren Verkehrsmittel in Bewegung gesetzt, vom Kraftwagen mit angehängtem Wohnwagen bis zu dem bescheidenen -Zweirad, und alle Autostraßen des Landes sind überfüllt. In allen Bundesstaaten sind etwa 12 500 Touristenlager verstreut. Besonders schnell haben sich solche Lager gebildet durch die mit allen modernen Bequemlichkeiten ausgestatteten Wohnwagen, in denen es an fließendem Wasser und elektrischem Licht nicht fehlen darf. In Kalifornien, das von jeher das beliebteste Reiseziel der Amerikaner war, gibt es 1440 solcher Lager, in Texas 971, während Colorado trotz feiner prachtvollen Berglandschaften in den Rocky Mountains nur 413 aufweist. Minnesota, das Land der zehntausend Seen, steht an vierter Stelle mit 408 Lagern.


