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Kr.58 Drittes Blaff Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, 15.§ebruar 1957

Aus Der provinzialhauptstadt

Stunde im Zwielicht.

In der Ferne, wo an trüben Tagen Dunst und Nebel den Gesichtskreis abschließen und bei Hellem Wetter der Himmel wie ein riesiges Zeltdach an die Erde angeoflockt zu sein scheint, säumt eine blau- schwarze Wolkenschicht wie eine mächtig aufragende Gebirgswand die Landschaft, lieber dieser dunklen Mauer glüht ein wundersamer Farbenreichtum, als sei das schmale Band eines Regenbogens in die Breite auseinandergespannt. Eine wasserhelle Klar­heit ist der besondere Reiz dieser Farben, die zwischen einem satten Pfirsichrot und einem zarten Blaßgrün sich zu immer helleren Tönen so zauberisch ver­wischen und ineinanderfließen, daß nirgends eine abgegrenzte Stufe ins Hellere hinauf entsteht. Ober­halb dieses leuchtenden Aquarells trägt der Himmel, fast schon im Zenith, schwere blauschwarze Wolken­gürtel. Licht und Dunkel scheinen wie bei einer Waage im Gleichgewicht noch einander gewachsen zu fein.

Da und dort blühen in den blaugrauen Tiefen des Horizonts, die von Minute zu Minute nachdunkeln, die gelben Lichter einzelner Laternen auf wie gol­dene Vögel, die, vom Boden aufgeflattert, rasch auf- gebaumt sind. Die tosende Brandung der Verkehrsflut scheint in die Ebbe einer Stille hinüberzuwechseln. Der verworrene Lärm von der Straße her setzt aus und läßt die Einzelgeräusche um so stärker her­vortreten. Dieser lange schwere Schritt verrät einen Mann, dem die Müdigkeit in den Gliedern sitzt. Die Richtung der Halle gibt an, daß das rasche Getrappel eines pfeifenden Jungen ihm entgegenkommt. Das helle Geklapper kleiner Schritte, das von winzigen hohen Holzabsätzen herrührt, läßt mit Sicherheit auf ein Mädchen oder eine Frau schließen. Jetzt ist ein Brief in den Briefkasten geworfen worden: seine Klappe hat geklirrt. Das Ohr genügt, um das Leben der Straße zu erfassen. Es ist ein Zeichen, daß das Dunkel langsam das Uebergewicht bekommt, wenn auch das lichte Farbenfeld am Himmel noch so sieg­haft tut. Man denkt an eine herabgebrannte Kerze, deren Docht vor dem Hinsinken ins Verlöschen noch einmal krampfhaft aufflammt.

Das bißchen Helle in meinem Zimmer verrieselt und verflüchtet sich, als würde es von den Wänden und Möbeln aufgefogen Die blühende Clivie in meiner Nähe wirkt allmählich qefpenfterbaft. Sie ähnelt mit ihren langen gespreizten Blättern, die bereits ihre Farbe verloren haben und schwarz wurden, einer riesigen vielbeinigen Spinne. Grell huscht der Lichtschein eines drunten vorüberfahren­den Autos an den Wänden und der Decke entlang und bringt mir zum Bewußtsein, wie tief die Däm­merung schon eingehrocben ist. In der Nachbarschaft knarren überall die Fensterläden, und Jalousien rat­fern herab Die Laternen bekommen einen größeren Lichtkreis Die blauschwamen Gürtel am wimmel gleiten langsam über die Ränder des verblassenden Farbenfeldes. Sie werden wie ein dicht geraffter Vorhang auseinandergezerrf und machen dem Spiel des Taaes endgültig ein Ende.

An einer Stelle, durch das Oebrlicht meines Fen­sters sichtbar, schimmert im Riß des iäh geborstenen Dorhangdunkels die erste, rötlich strahlende Himmels­lampe: der Abendstern. P. B.

Dornotizen.

Tageskalender für Hlonfag.

Stadtheater: 15 UhrCharleys Tante" (NSG. Kratt durch Freude")-, 20 bis 22 Uhr Tanzabend des Günther-Balletts München. Gloria-Palast Seltersweg:Blinde Passagiere". Lichtspielhaus. Bahnhofstraße:Mutterschaft". Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr AusstellungForscher als Künstler"

Oeffentlicher Eintopf in Gießen.

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Oben: Starker Besuch am Mittagstisch. Unten: Blick auf die Ausgabe des Essens. (Aufnahmen [2|: Pfaff, Gießen.)

Nunmehr hat auch die Bevölkerung von Gießen am gestrigen Sonntag das erste öffentliche Ein­topfessen erlebt, nachdem andere Städte unserer Provinz auf diesem Wege schon vor einigen Wochen vorangegangen waren. Diese Neuerung des Ein­topfessens fand guten Zu­spruch. In den drei Speiselokalen, dem Stu­dentenhaus, dem Klub und im Caf6 Leib, herrschte reger Betrieb von Volksgenossen aus allen Schichten und Beru­fen, die gemeinsam das Eintopfessen aus den Feldküchen einnahmen. Es gab ein vortrefflich gekochtes Pichelfteiner mit Fleisch, dessen Zuberei­tung der Kunst der Feld- küchen-Köche alle Ehre machte. Die Portionen waren so reichlich bemes­sen, daß sie von manchen Speisenden nicht bewäl­tigt werden konnten. Die Mädels vorn BDM. sorg­ten durch flottes Aufträ­gen der Speisen dafür, daß die Mittagsgäste bis zum Auftauchen des Sup­pentopfes auf den Tischen keine Wartezeit zu beste­hen hatten; diese flotte, freundliche und sehr auf­

merksame Tischbedienung durch die Mädels vom BDM. verdient alle Anerkennung, die den eifrigen Helferinnen die Gewißheit geben darf, daß sie an dem vollen Erfolg des ersten öffentlichen Eintopf­essens in Gießens einen wesentlichen Anteil haben. Das Musikkorps unseres Jnf.-Regts. Nr. 116 und der Musikzug der SA.-Marinestandarte 34 hatten sich in anerkennenswerter Bereitwilligkeit der guten Sache zur Verfügung gestellt und bereiteten den vielen Tischgästen durch flotte und gute Tafelmusik eine ausgezeichnete musikalische' Unterhaltung. An allen Tischen konnte man frohe Gesichter, vortreff­lichen Appetit und beste Stimmung beobachten, gleichzeitig auch die erfreuliche Feststellung machen,

daß der Gedanke der Volksgemeinschaft und der en­gen Verbundenheit auch mit den wirtschaftlich hilfs­bedürftigen deutschen Brüdern und Schwestern das starke Band ist, das die deutschen Menschen im Geiste des Führers und seines Werkes umschließt. Zur weiteren Festigung und Vertiefung dieses gro­ßen Gewinnes unserer Zeit war auch das gestrige gemeinschaftliche öffentliche Eintopfessen ein bedeut­samer Beitrag. Die Kreisführung des WHW. Gie­ßen kann das gestrige öffentliche Eintopfessen, bei dem aus elf Feldküchen rund 3200 Portionen Essen abgegeben wurden, als einen vollen Erfolg ver­buchen, der zu berechtigtem Stolz allen Anlaß gibt.

Einmaliges Gastspiel des Günther - Balletts, München.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet derGroße Tanzabend des Günther-Balletts, München" mit dem eigenen mo­dernen Tanz-Orchester, statt. Das Günther - Ballett wurde auf der Internationalen Tanz-Olympiade Berlin 1936 mit der höchsten Anerkennung ausge­zeichnet. Ihre künstlerischen Leiter waren am Eröff- nungsfefkspiel der XI. Olympiade Berlin 1936 in hervorragendem Maße beteiligt. Die Gruppe hat eine eigene Musik und ein eigenes, nur von Grup­penmitgliedern gespieltes Orchester. Dieses Gastspiel findet außer Miete statt und beginnt um 20 Uhr, Ende 22 Uhr. Die Intendanz macht darauf auf­merksam, daß das Gastspiel zu den üblichen Schau­spielpreisen stattfindet.

Wunschkonzert der Wehrmacht am 10 März.

NSG. Zugunsten des Winterhilfswerkes veran­staltet die Wehrmacht am 10. März in Verbindung mit dem Reichssender Frankfurt ein Wunschkonzert in Kassel. Die Schirmherrschaft haben übernommen Gauleiter Staatsrat Weinrich und der Kom­mandierende General des IX. AK., General der Artillerie D o l l m a n n.

Durch die Übertragung des Reichssenders Frank­furt ist weiten Kreisen der Bevölkerung Gelegen­heit gegeben, an dem künstlerischen Ereignis teil- zunehm'en und an der Gestaltung der Musikfolge durch Aeußerung von Wünschen mitzuwirken.

Wünsche sind schriftlich unter dem Kennwort: Wunschkonzert" an das Generalkommando IX. AK., Abt. I c, Kassel, Friedrichsplatz 17, einzusenden

unter gleichzeitiger Angabe, daß eine Spende, deren Höhe der Opferfreudigkeit des einzelnen überlassen wird, auf das Postscheckkonto Frankfurt a. M., Nr. 4820 des Gen.-Kdo. IX. AK., Abt. I c, eingezahlt wurde.

Erinnerung an Zerd Adolf Kehrer.

Am 16. Februar jährt sich zum 100. Male der Geburtstag des einstmaligen Direktors der Univer­sitäts-Frauenkliniken Gießen, dann Heidelberg, Ge­heimer Rat Professor Dr. Ferdinand Adolf Kehrer, der von 1861 an an der hiesigen Uni­versität und von 1872 als Direktor der Frauen­klinik wirkte. Er war 1837 in Guntersblum (Rhein­hessen) als Sohn eines praktischen Arztes, der spä­ter hier Kreisarzt und Medizinalrat mar, geboren, besuchte hier das Gymnasium und die Universität, war praktischer Arzt, zugleich Assistent und Prv- sektor am hiesigen anatomischen und physiologischen Institut unter Professor Eckard. Nach Ablehnung von Berufungen nach Zürich und Erlangen folgte er einem Ruf an die Heidelberger Universität. Mit dem Namen Ferdinand Adolf Kehrer sind zwei Großtaten in der Frauenheilkunde verbunden: die Reformierung des Kaiserschnitts durch eine von ihm erdachte, zum erstenmal am 25. September 1881 im Dorfe Meckesheim bei Heidelberg bei einer Zwergin ausgeführte Operation, die noch heute all­gemein im Gebrauch ist und seitdem Hunderttau­senden von Müttern und Kindern das Leben ge-

Rödgens ältester Einwohner feiert Geburtstag.

* Rödgen, 15. Febr. Am heutigen Montag, 15. Februar, kann der älteste Einwoyner unserer Gemeinde, L. Spuck, in geistiger und körperlicher Frische seinen 9 2. Geburtstag feiern. Der hoch-

betagte Mann war lange Zeit bei der Reichsbahn als Rottenführer tätig. Er war mit dabei, wie das zweite Gleis der Main-Weserbahn gelegt wurde und auch beim Bau der Strecke GießenFulda. Der Greis war im Laufe feines arbeitsreichen Le­bens verschiedentlich ausgezeichnet worden, und zwar besonders für feine Treue im Dienst der Reichsbahn. (Aufnahme: Neuner, Gieß. Anz.)

Das Mädchen mit dem Giiberhaar.

Roman von Anny von panhuys.

4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Er tanzte mit ihr seitlich ab durch einen Gang, als müsse das so sein, stand gleich darauf mit ihr vor einer Tür, die er öffnete. Er sah schwach er­leuchtet eine Treppe, sah eine Aufschrift, die mel­dete, es ging hier zur Galerie.

Er überlegte: Vielleicht waren Zuschauer oben, vielleicht war man oben allein.

Er sagte einladend:Wollen wir uns das Durch­einander einmal von der Galerie aus betrachten?"

Sie nickte nur. Warum nicht? Es mochte ganz amüsant fein, das Zuschauen von oben.

Auf der Galerie brannte nur eine träge Glüh­birne, und niemand befand sich hier, niemand. Des­halb wollte Franziska Karsten umkehren.

Aber er legte ihr fest den rechten Arm um die Schultern, bat:Kommt, schöne Dame, wir wollen doch zuschauen."

Sie ließ sich, wenn auch etwas zögernd, fort- ziehen. Es ging von dem Fremden eine Macht aus, gegen die sie sich nicht wehren konnte, nicht wehren wollte.

Er schob ihr einen Stuhl zurecht, sich einen ande­ren an ihre Seite, flüsterte leise:Wir sind jetzt zwei Einsame abseits von den vielen Menschen, zwei, die sich wvhler fühlen allein."

Franziska antwortete nicht. Sie dachte, das ist ja alles nicht recht, was ich tue, ich dürfte mich nicht mit dem Fremden absondern, aber sie blieb sitzen, und er sprach auf sie ein, erzählte ihr phan­tastisches Zeug, sprach von der großen Welt, in der er mit ihr leben möchte, sprach von weiten Reisen und nannte pe immer zärtlicher: Schöne Dame!

Sie lauschte lächelnd, dachte: Die paar Stunden heute nacht sind der Roman meines Lebens! und als er ihre Rechte nahm und sie küßte, empfand sie ein Glücksgefühl, das sie noch niemals vordem empfunden.

Er sann belustigt: Das Komteßlein schien ihm nicht zu zürnen, auch wenn er dreister wurde, und der junge, frische Mund reizte ihn.

Er zog sie plötzlich vom Stuhle, zog sie in die Nähe der kleinen Glühbirne, und ehe sie noch be­griff, was er tun wollte, hatte er ihr schon blitz- geschwind die Maske abgerissen.

Er sah in ein schönes, weiches Gesicht mit feinen, geraden und großen grauen Augen von schmalen dunklen Brauen überstrichelt

Ein reizvolles Gesicht, ein bezauberndes Gesicht. Die Stimmung riß ihn hin. Schon lag Der

schlanke Körper in feinen Armen, schon preßten sich eine Lippen fest und zwingend auf ihren Mund.

Franziska wollte sich wehren, aber auch jetzt konnte sie es nicht. Die Musik, der Sekt betäubten ie, der Mann gefiel ihr zu sehr, sie war machtlos und ließ sich willig küssen.

Das Diadem hatte sich dabei gelockert, jetzt fiel es zu Boden, aber keiner von beiden merkte es.

Plötzlich erklang von der Treppe her eine Stimme: Bist du auf der Galerie, Fränze?"

Das Mädchen riß sich aus den Armen des Man­nes, antwortete leise:Ja, Eva, ich bin hier, wir wollten uns das Fest von oben aus betrachten."

Rotkäppchen erstieg die letzten Stufen, eilte auf Franziska zu, umfaßte die Blonde, und Günther Grevenstein verstand von dem, was sie sagte, nur die Worte: Nähkathrin, Großmutter schwer krank!

Die Blonde schien zu erschrecken. Sie reichte ihm die Hand.

Gute Nacht, Domino, ich muß jetzt fort, meine Großmutter ist schwer erkrankt."

Er glaubte nicht an die kranke Großmutter. Es war sicher zwischen den beiden verabredet worden, sich durch irgendeinen bestimmten Satz zu verstän­digen, daß es Zeit für sie war, das Fest zu ver­lassen. Der allgemeinen Demaskierung wollte das abenteuerlustige Komteßlein, das sich so willig hatte küssen lassen, natürlich aus dem Wege gehen.

Er reichte ihr die Maske.

Zur Verhütung, schöne Dame! Jammerschade, daß wir uns schon trennen müssen."

Eva Zoll fragte:Wo ist das Diadem?" Franziska strich über ihr Haar.

Ich muß es verloren haben, aber mit Suchen dürfen wir uns jetzt nicht aufhalten. Ich lasse mor­gen nachfragen, ob es gefunden wurde, schließlich ist's doch etwas ganz Nebensächliches."

Sie hastete schon die Treppe hinunter, hatte an­scheinend bereits vergessen, daß sie noch eben in den Armen des Mannes geruht, der ihr nachsah, aber keinen Versuch machte sie zurückzuhalten.

Er dachte flüchtig, vielleicht war es doch wahr, das mit der kranken Großmutter, und schließlich morgen früh reifte er weiter, er durfte sich nicht mehr allzu lange im Lande aufhalten.

Wenn der Vater von Tilli Bergschlag erst da­hinter kam, daß er ihn um zwanzigtausend Mark erleichtert, ohne an die Gründung einer Musikschule und an die Verheiratung mit seiner Tochter zu denken, konnte er sich möglicherweise auf allerlei ernstliche Unannehmlichkeiten gefaßt machen. In­nerhalb Deutschlands durfte er vorläufig an keine Verlobung denken. Sonst wäre es vielleicht sogar möglich gewesen, bei einem reichen Komteßlein sein Glück zu versuchen.

Sein Fuß stteß gegen einen Gegenstand, der da­bei ein wenig flirrte. Er zog sein Feuerzeug aus der Tasche, sah das Diadem auf den schmutzigen Dielen. Die Schone mit dem herrlichen silberblon­den Haar hatte gar keinen Wert auf das Suchen

nach dem Schmuckstück gelegt, was bewies, daß es nicht echt war. Zum Maskenball gehörte falscher Schmuck, dann brauche man beim Verlieren keine besondere Wichtigkeit davon zu machen. Er wollte das hübsche, so echt funkelnde Diadem zum An­denken an den heutigen Abend behalten, und wenn es ihm später gelegentlich ab und zu in die Hände geriet, an die Küsse denken, die er auf den jungen frischen Mund gedrückt.

Er stieg langsam die Treppe hinunter, verließ durch einen Seitenausgang den Saal. Der Masken­ball kam ihm töricht und gewöhnlich vor, seit die schlanke Gestalt im schweren, silberdurchwirkten, blauen Seidenkleid gegangen war

Er gab den Domino zurück und suchte sein Zim­mer auf. Er fühlte sich jetzt sehr müde. Er hatte zu viel getrunken, seine Gedanken taumelten durch­einander.

Er stellte seinen kleinen Reisewecker und legte sich dann bequem im Bette zurecht. Die Musik aus dem Theatersaal, die bis in sein Zimmer drang, störte ihn nicht im geringsten.

Er schlief ein, und seine Lippen flüsterten noch leise: Schöne Dame aus verschollener Zeit

3.

Als Franziska Karsten, in ihren Mantel gehüllt, einen Schal über dem Haar, ins Freie trat, stand die Nähkathrin da und empfing sie mit den Wor­ten:Deine Großmutter ist sehr krank, Fränze, sonst hätte ich dich nicht geholt."

Franziska war es, als fiele hier draußen in der kalten Februarnacht etwas von ihr ab, das einer ihr bisher unbekannten süßen Betäubung glich. War sie es denn wirklich gewesen, die sich eben noch von einem Manne hatte küssen lassen, den sie zum erstenmal in ihrem Leben gesehen?

Nähkathrin wagte sich etwas weiter vor in der Vorbereitung Franziskas auf das Geschehene.

Diesmal hat es deine Großmutter gleich ordent­lich gepackt, der Doktor sagt"

Franziska erfaßte trotz aller Besorgnis um die Großmutter eigentlich erst jetzt ganz richtig, um was es ging. Es mußte wirklich sehr schlimm um ihr Großchen stehen, daß sie zugegeben, sie zu holen.

Sie fragte, von jäher Anast geschüttelt:Was sagt der Doktor? Ist es gefährlich? Großmutter klagt nie, aber ich merke, sie leidet oft."

Der Doktor sagt", setzte Kathrin Höker wie­der an, aber sie brachte die fromme Lüge, die dem jungen Mädchen noch für kurze Zeit die Wahrheit verbergen sollte, nicht über die Lippen. Sie duckte sich förmlich ein in den dicken alten Flauschmantel, und murmelte:Sie ist tot, Fränze. Es ging schnell, sagt der Doktor, sie hätte einen leichten Tod gehabt."

Franziska Karsten schrie nicht auf, sie bgann auch nicht zu meinen, sie war ganz erstarrt vor Schreck und Grauen. Großmutter war gestorben, während

sie zum Maskenball gegangen! Sie hatte ihr kein liebes Work mehr sagen können, und kein Ab­schiedsblick war ihr mehr zuteil geworden.

Sie fragte fröstelnd und abgerissen:Wann starb sie?"

Sie lauschte dem Klang ihrer eigenen Stimme nach, so fremd schien sie ihr.

Nähkathrin brachte ihre Lüge vor, wie sie ver­gebens an die Tür geklopft und wie der Hauswirt mit seinen Schlosserinstrumenten die Tür gewaltsam geöffnet. Der Arzt sagte, es müsse gegen zehn ge­wesen sein, als sie starb, berichtete sie und dachte dabei an die vielen Hundermarkscheine, die sie gut versteckt hatte, dachte an das gestohlene Geld, das ihr die Angst vor einem sorgenvollen Alter nehmen sollte.

Sie bereute nicht, was sie getan, sie fühlte sich nur unsicher.

Franziska aber grübelte gequält, sie hatte getanzt, hatte Sekt getrunken, hatte sich küssen lassen, und keine Ahnung hatte sie heimgerufen.

Ihr war zumute, als trüge sie eine entsetzlich schwere Bürde auf den Schultern, als läge eine harte Hand auf ihrem Herzen.

Stumm schritt sie neben der kleinen Verwach­senen her, in ihr war Schmerz, der sie förmlich be­täubte, aber keine Träne stieg in ihre Augen. Sie begriff sich selbst nicht, sie sehnte sich doch nach Tränen.

Endlich war das Haus erreicht, schon auf dem Flur standen Nachbarn, und vorwurfsvolle Blicke kamen der Armen entgegen. Sie horte sagen: So was läuft auf Maskenbällen herum und derweil stirbt die arme alte Frau mutterseelenallein!

Sie ging auf die Sprecherin zu.

Es war der erste und einzige Maskenball mei­nes Lebens, und Großmutter hatte mir zugeredet!" Sie lief die Treppe hinauf, stürzte ins Zimmer.

Der Doktor war noch da er reichte ihr die Hand.

Mein herzlichstes Beileid, Fräulein Franziska!"

Sie gab ihm mechanisch die Hand, aber ihre Augen ruhten auf dem stillen Gesicht der alten Frau, die immer gut zu ihr gewesen, und die sie nun doch ohne Abschied verlassen hatte.

Jetzt kamen ihr plötzlich die Tränen, drängten sich übermächtig unter den langen Wimpern hervor. Wild aufschluchzend sank Franziska vor dem La­ger der Toten zu Boden.

Die Nähkathrin bemühte sich sehr um sie. Sie hatte ja keine Reue, aber ein bißchen gutmachen wollte sie doch.

Sie blieb die ganze Nacht bei der Verzweifelten, tröstete sie, so gut sie konnte.

Am nächsten Morgen ging Franziska an den Schreibtisch. Sie sagte zu Kathrin Hofer:Das Be­gräbnis wird viel Geld kosten, Großmutter hatte dreitausend Mark, davon muß ich nehmen Sie soll schön beerdigt werden."

(Fortsetzung folgt!)