Nr.38 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, 15. Zebruar (937
Vie Einkommensteuererklärung. i
In diesen Tagen ist einer Gruppe von Einkom- ■ mensteuerpslichtigen von den Finanzämtern das - amtliche Formular zugestellt worden, das bis Ende Februar vollständig ausgefüllt zurückzureichen ist. Das Formular ist das Ergebnis nicht nur eingehender Überlegungen, sondern auch j oieljähriger praktischer Erfahrungen. Jedes Wort । des Formulars ist überlegt. Veranlagt werden nur ! diejenigen Einkommensbezieher, deren Einkommen ( nicht bei der Lohnsteuer in voller Höhe steuerlich j erfaßt wird. Veranlagt werden also nur die Ve- - zieher von Einkommen aus selbständiger Tätigkeit } aus Vermietung, Verpachtung, Kapitalertrag usw. < Zu den Veranlagten gehören also alle Geschäfts- j leute und die Angehörigen freier Berufe. Die letzte ( große Aenderung der Einkommensteuer geschah im ( Dezember 1934. Da dieser Termin nur wenige Wo- j chen vor der Einreichung der nächsten Steuerver- , anlagung war, entschloß sich das Reichsfinanzmini- , sterium, den Inhalt der neuen Gesetze in „Richt- > linien" niederzulegen. Diese Einrichtung hat sich , so bewährt, daß sie Anfang 1936 wiederholt wurde ] und auch Anfang 1937 ihre Fortsetzung fand. , Soeben hat das Reichsfinanzministerium „Richt- ! linien für die Veranlagung der Einkommensteuer und Körperschaftssteuer" herausgegeben, die nicht . nur die neuen Erfahrungen des letzten Steuerjahres I und die seit Erlaß der vorigen Richtlinien ergangenen Finanzurteile berücksichtigen, sondern überhaupt das gesamte Gebiet der Einkommen- und Körperschaftssteuer erläutern.
Die Richtlinien sind, da sie vollständiger geworden sind, zu einem stattlichen Oktavheft von 150 Seiten angewachsen. Dabei sind ganze Abschnitte, die früher erklärt wurden, ausgelassen, nämlich insbesondere die Erläuterung der sogenannten Steuertabellen, in denen für jede Einkommensgruppe und für jeden Familienstand die im Jahre zu entrichtende Einkommensteuer abgelesen werden kann. Ein besonderer Vorzug der Richtlinien ist es, daß sie gemeinverständlich gehalten sind, und nicht zu ihrem Verständnis und zu ihrer Anwendung nicht eines Steuergelehrten bedürfen. Es ist nicht leicht, die Vielgestaltigkeit des Lebens, wie es sich auch im Einkommen ausdrückt, in Paragraphen zu fassen. In einer großen Zahl von Fällen mußte es dem Ermessen der Finanzämter überlassen bleiben, wie sie zu entscheiden haben. Der oberste Grundsatz des nationalsozialistischen Steuerrechts ist die Steuergerechtigkeit. Sie gilt nicht für den Steuerpflichtigen, sondern auch für alle Volksgenossen. Es wird als Schädigung der Gesamtheit und jedes Einzelnen anerkannt, wenn ein Steuerpflichtiger sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen oder auch unter falscher Auslegung vorhandener Bestimmungen auch nur zum Teil den Verpflichtungen entzieht, die ihm vom Gesetzgeber auferlegt wurden. Auf der anderen Seite würde es der neuen Auffassung von der Rolle des Einzelnen im Staat und von 'der Bedeutung der Familie, der Selbsthilfe und der Unterstützungspflicht widersprechen, wenn keine Möglichkeit gegeben wäre, besondere Verhältnisse zu berücksichtigen.
Die neuen Richtlinien enthalten auf diesem Gebiet im wesentlichen die Bestimmungen der früheren Richtlinien, klären nur im einzelnen einige Zweifel auf. So sollen Einkommensteile, die der Bezieher auch ohne gesetzliche Verpflichtung a n bedürftige Angehörige zahlt, anrechnungs- fähig sein, wenn sie einen gewissen Prozentsatz seines Einkommens übersteigen, mithin also als „außergewöhnliche Belastung" gelten müssen. Selbstverständlich ist Vorsorge getroffen, daß auf diese Weise nicht größere Einkommensteile der Besteuerung entzogen werden können. Wer beispielsweise einem verarmten Verwandten die Hälfte seines ziemlich hohen Einkommens als „Unterstützung" zahlt, und wer die sichere Aussicht hat, die dahin gezahlten Beträge zum großen Teil später auf dem Wege der Erbschaft zurückzuerhalten, wird beim Finanzamt mit einem entsprechenden Antrag nicht durchdringen. Wer jedoch monatelang an schwerer Krankheit darniedergelegen hat und in sei-1
Oberhessischer Kunstverein.
Forscher als Künstler.
Die am Sonntagvormittag eröffnete neue Ausstellung des Kunstoereins nimmt unter dem Stichwort „Forscher als Künstler" in chrer Zusammensetzung und ihrem Charakter eine Sonderstellung ein und unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was gemeinhin in diesen Räumen gezeigt wird. Die neue Kollektion gliedert sich in zwei voneinander unabhängige Gruppen und umfaßt erstens: hundert Originalzeichnungen und Aquarelle Sven H e - dins, Stockholm, von seinen zahlreichen Reisen durch Asien bis zum Jahre 1927; zweitens: 38 Originale von Forschungsreisen aus dem Besitz des Deutschen Museums für Länderkunde in Leipzig.
Es handelt sich demnach hier nicht um reine Malerei, mcht um eine künstlerische Produktion „an sich" oder um ihrer selbst willen, die ja ihrer innersten Natur nach zwecklos ist, keinem irgendwie gearteten Ziele dienend, sondern in sich selbst begründet und legitimiert; es handelt sich vielmehr, besonders was die zweite Gruppe angeht, um eine in gewissem Sinne angewandte Kunst, das heißt um eine mehr oder minder künstlerisch empfundene Bildnerei im Dienste der Wissenschaft: als deren Helferin, Begleiterin, Illustratorin.
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Das Thema spiegelt sich am einfachsten und sinnfälligsten in der an zweiter Stelle genannten Gruppe von Originalen aus verschiedener Hand, die den bildhaften Niederschlag mehrerer Forschungsreisen darstellen, kaum ästhetisch zu werten, vielmehr als Ansichten, kolorierte Kartenausschnitte, farbig-plastische Wegemarken länderkundlicher Forschungsreisen. Es kommt offenbar weniger auf künstlerische Eigenwerte als auf wissenschaftliche Anschaulichkeit und Genauigkeit an, wenn wir hier etwa die langgestreckten, peinlich exakt auf alle Einzelheiten der Landschaft bedachten Ansichten der Vulkanberge von Chile oder Bolivien betrachten, die Gletscher von Antisana, die ecuadorianische Küste, den Chimborasso-Gipfel, eine altindianische Grabstätte in Peru oder eine Kaffeepflanzung in Venezuela.
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Diel lebendiger und persönlicher ist naturgemäß der Eindruck, der von dem zuerst genannten, interessantesten Teil der Kollektion ausgeht, von den Zeichnungen und Aquarellen Sven Hedi ns. Wahrscheinlich wird nicht wenigen Besuchern schon der Tatbestand an sich überraschend sein: viele wer-
nem Einkommen empfindlich geschädigt worden ist, darf bei der Steuererklärung des nächsten Jahres mit Aussicht auf Erfolg den Antrag stellen, daß ihm die durch die Krankheit entstandenen Unkosten für ärztliche Behandlung, Medikamente und Pflege vom steuerpflichtigen Einkommen abgezogen werden.
Ein Staat wie Deutschland, der durch eine schwere politische und wirtschaftliche Krise hindurchgegangen ist und sich mühsam den Weg zum Aufstieg bahnt, kann nicht ohne weiteres auf erhebliche Teile seiner öffentlichen Einkünfte verzichten — selbst wenn sich gegen einzelne Steuer- und Abgabenarten erhebliche sachliche Bedenken gellend machen lassen. Dies ist beispielsweise für den Satz von 6V2 v. H. bei der Arbeitslosenversicherung geltend gemacht. Im neuen Deutschland, das die Arbeitslosigkeit fast völlig überwunden hat, werden aus denjenigen Summen, welche die Arbeitslosenrente übersteigen, große öffentliche W i r ts ch a f t s v 0 r h a - oen finanziert. Auch eine Ermäßigung der Einkommensteuer ist in absehbarer Zeit nicht möglich. Ebensowenig hat sich bisher ein besonders dringender Wunsch, der im Reichsfinanzministerium herrscht, erfüllen lassen, nämlich die Einarbeitung der Bürger st euer in den Einkommensteuertarif. Die Büraersteuer kommt den Gemeinden zugute und steht damit außerhalb des Verteilungssystems, das für die Einkommen-, die Körperschafts- und Umsatzsteuer gilt — eines Verteilungssystems, das neben dem Reich auch die Länder und Gemeinden berücksichtigt.
In den neuen Richtlinien heißt es an verschiedenen Stellen, daß bei der Anwendung der Schutzbestimmungen für den Steuerzahler nicht kleinlich verfahren werden darf. Die Grenzen, innerhalb deren besondere Verhältnisse berücksichtigt werden können, sind daher für die Finanzämter nicht unbedingt bindend, sondern nur Richtlinien, die sie ihren aus freiem Ermessen zu treffenden Entscheidungen zugrunde zu legen haben. Der Erfolg der alljährlich wiederkehrenden „Richtlinien" hat das Reichsfinanzministerium in der Erwartung bestärkt, daß sich durch vollständige und gemeinverständliche Erläuterungen die allgemeine Steuermoral heben läßt.
Kleine politische Nachrichten.
Das Hauptamt für Volkswohlfahrt der NSDAP, teilt mit, daß das vorläufige Ergebnis der 4. E i n - topfsammlung des Winterhilfswerkes 1936/37 5 450 676,05 RM. beträgt.
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Der Führer und Reichskanzler hat den bisherigen deutschen Geschäftsträger, General a. D. F a u p e l, zum deutschen Botschafter bei der spanischen Nationalregierung ernannt. General Faupel ist durch den Reichsmmister des Auswärtigen, Freiherrn von Neurath, vereidigt worden.
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Am Samstagabend hat der langjährige schwedische Gesandte in Berlin, Exzellenz a f W i r s e n , der nach Rom berufen wurde, die Reichshauptstadt verlassen. Zum Abschied hatten sich die Botschafter Italiens, Frankreichs, der Türkei, der Sowjetunion und Chiles, ferner der stellvertretende Staatssekretär D i e ck h 0 s f und der Chef des Protokolls eingefunden.
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In Köln traf Exzellenz Tullio Gianetti, der Präsident der Confederazione Fascista Lavoratori dell'Jndustria, ein. Der verdiente italienische Arbeiterführer, der Mitglied des Großen Faschistischen Rates ist, .wird sich als Gast der D A F. eine Woche in Deutschland aufhalten und in Begleitung von Dr. Ley die wichtigsten Einrichtungen dieser Organisation studieren. Exzellenz Cianetti nahm im Hotel „Exzelsion", vor dem mein Doppelposten der SS. aufgezogen war, Wohnung.
Gegen eine Mitgliederversammlung der D e u t- schen Vereinigung in Grudn 0 b e i Neu- 1 komische! (ehemalige Prov. Posen) wurde ein iSprengstoffanschlag verübt. Sämtliche
den nicht gewußt haben, daß sich der weltberühmte schwedische Asienforscher und Deutschenfreund in solchem Umfang und — wie man hinzufügen darf — mit einer so undilettantischen Sicherheit und Selbstverständlichkeit, gleichsam nebenbei, auch noch als Zeichner und Aquarellist betätigt. Auch hier ist die bildnerische Arbeit naturgemäß einem höheren Zweck untergeordnet, ist illustrativ, erzählend, beschreibend, textbegleitend gedacht. Aber die überwiegende Mehrzahl dieser Blätter zeigt dabei ein durchaus eigenes Gesicht, persönlichen Stil, künstlerische Haltung; das war gewiß gerade in einer solchen Bildersammlung nicht von vornherein zu erwarten. Sven H e d i n gibt auf diesen hundert teils farbig angelegten, teils schwarzweißen Blättern ein reizvolles Panorama, eine Art von selbstgemachtem Bilderbuch zu seinen großen Reisen, worüber er in berühmt gewordenen Werken be- : richtet hat. Auf allen Blättern besticht die den genialen Forscher kennzeichnende Genauigkeit und ; Schärfe der Beobachtung, die Gabe, das Wesentliche und Charakteristische eines Modells herauszuarbeiten, — daneben aber auch die Leichtigkeit und ' Sicherheit der linearen Haltung, der Pinselführung und der Farbgebung, was alles durchaus nichts . Aengftliches, Unfertiges oder Problematisches an [ sich hat. * *
Der Schauplatz, der hier vorgeführt wird, ist groß
und weit; die Szenerie ist fernstes, feindliches, in- : nerstes Asien. Ueberraschender und lebendiger 1 noch als solche Augenblickseindrücke von den geo- - graphischen Stationen seiner Reisen wirkt das un- ' gemein vielgestaltige, ethnographische Bild, das sich ' in der Sammlung Hedins vor unseren Blicken ent- ' faltet: Kommandant von Pamir; armenischer = Junge; Bettel-Lama; Tibetaner mit Gebetsmühle; f Jüdin aus Afghanistan; mohammedanischer Neger; = Araber aus Bagdad; afrikanischer Scheik; kurdische f Tänzerin; tibetanische Kinder; kirgisische Frau; " rumänisches Schulmädchen — und so fort: eine r überaus reizvolle und aufschlußreiche Porträtgale- - rie, die künstlerisch und volkskundlich gleicherweise ? fesselnd und anregend auf den Beschauer einwirkt. 1 Mit Lächeln und Rührung wird man zwischen all diesen Zeugnissen eines großartigen und vielfach grundlegenden wissenschaftlichen Lebenswerkes . die beiden ungelenken Kinderzeichnungen des be- rühmten Mannes aus dem Jahre 1872 betrachten; \ man sieht darauf, daß sich seine Phantasie schon 1 damals mit Reisen, mit Ausfahrt und Wiederkehr 2 beschäftigt hat. Hans Thynot.
Fensterscheiben des Versammlungsraumes gingen in Trümmer. Der Versammlungsteilnehmer bemächtigte sich eine Panik. Die polnische Polizei fahndet nach den Tätern, von denen bisher jede Spur fehlt.
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Zusammenstöße zwischen der Gewerkschaft der Autoarbeiter und Gewerkschaftsgegnern haben den Gouverneur des amerikanischen Bundesstaates Indiana bewogen, tausend Nationalgardisten nach Anderson zu entsenden und den Ausnahme- z u st a n d zu verhängen. Die Nationalgarde hielt eine Autokolonnen mit 300 Gewerkschaftsanhängern aus Michigan an und führte im Hauptquartier der Gewerkschaft in Alexandria eine Razzia durch, wobei Gewehre und Patronenkisten in ihre Hände fielen.
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Zum erstenmal besuchten König Georg VI. und d i e Königin die östlichen Viertel von London, in denen die ärmere Bevölkerung wohnt. Der König folgte damit einer Tradition, die von seinem Vater begonnen und von seinem Bruder fortgesetzt worden war. Die Bevölkerung bereitete dem Königspaar einen herzlichen Empfang.
Am Sonntag reifte der Generalstabschef der Roten Armee, Marschall Jegorow, nach K 0 w n 0 , der Hauptstadt Litauens, ab. Von dort wird er Riga und Reval aufsuchen.
Kunst und Wissenschast.
Gemeinsame Musikerziehung von HI. und „Kraft durch Freude".
NSG. Die Vereinbarung zwischen der Hitler- Jugend Hessen-Nassaus und der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" über die kulturelle Zusammenarbeit zeigt jetzt ihren ersten Erfolg. In der Woche vom 14. bis 21. Februar findet in der Jugendherberge zu Rüdesheim ein Musikschu
lungslager statt, das die Musikreferenten der HI. und des Jungvolks, die Musikreferentinnen des BDM. und die Singwarte der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude^ zu gemeinsamer kultureller Arbeit zusammensührt. Das Lager, das unter Leitung des Musikreferenten der Gebietsführung, Scharführer Dr. Hans K n a b, steht, wird den etwa 60 Teilnehmern Aufklärung bringen über die Gestaltung der Musikarbeit des Jahres, der Rundfunkarbeit, der Volksgemeinschaftsabende und Feierstunden und wird die technische Voraussetzung für das Singen, Musizieren, Sprechen und das Laienspiel schaffen. Professor Müller-Blatt au spricht über das Thema „Alte Musik und wir", während Professor Roedemeyer Sprecherziehung lehrt. Die Referate des Hauptreferenten für Fest- und Freizeitgestaltung in der Reichsjugendführung, Unterbannführer Raeck, über das Laienspiel und des Kulturabteilungsleiters, Bannführer S t ll n k e, über die Kulturarbeit vermitteln das für die gemeinsame Arbeit notwendige Rüstzeug. In gemeinsamer Aussprache werden Theaterfragen erörtert, während sich in den Heimabenden die Theorien des Tages gleich praktisch bewähren können. Besondere Beachtung verdient der für die Blockflötenspieler eingerichtete Kursus und die gemeinsame Ausarbeitung einiger Kantaten.
Geistiges Rüstzeug für das werktätige Volk.
Werbung für das Fachbuch ist Arbeit am geistigen Rüstzeug des werktätigen Botkes. Möge daher jeder schaffende Volksgenosse einsehen, daß es seine Zache ist, um die es geht, und daß er der Volksgemeinschaft und sich selber hilft, wenn er in diesen Tagen den an ihn ergehenden Huf nicht überhört.
Dr. Goebbels.
Acht Jahre Gasthausesser...!
Für und gegen Zisch.
Großer Könner, kleine Neste.—Zwei Millionen Berufstätige essen in Kantinen.
Der Zeitungsdienst des Reichsnährstandes hat einen Sonderberichterstatter in Berliner Gaststätten entsandt, um die Mitwirkung der Gasthausküchen an der Verbrauchslenkung und die Verkürzung der Speisenkarte, die feit dem 1. Januar vorgenommen worden ist, in ihrer Wirkung auf die Gasthausbesucher festzustellen. In der nachfolgenden Reportage ist das Ergebnis dieser Untersuchungen niedergelegt.
Am „Alex".
Mittags 1 Uhr am Alexanderplatz in Berlin. Eisenbahnzüge donnern über die weitgespannten Brücken, Straßenbahnen und Autos überqueren in ununterbrochener Folge diesen weiträumigen Verkehrsmittelpunkt, dem nicht zuletzt große und kleine Gaststätten das Gepräge geben. In ihnen treffen sich zur Mittagsstunde Tausende berufstätiger Menschen, um ihre Mahlzeiten einzunehmen. Wer das betriebsame Berlin beobachten will, kann sich keinen besseren Platz aussuchen, als diesen Brennpunkt des großstädtischen Verkehrs. Aber auch wer einmal feststellen will, inwieweit die Berliner Gasthausküche sich in den Dienst der Verbrauchslenkung gestellt hat und wie der Gasthausbesucher auf die Verkürzung der Speisenkarte reagiert, muß in eines der großen Eßlokale gehen, die hier seit Jahr und Tag ihren Sitz haben.
2500 bis 3000 Mittagsportionen teilt das Lokal täglich aus, das wir zunächst aufsuchen. In den weitläufigen, behaglich eingerichteten Räumen ist jeder Tisch um die Mittagsstunde besetzt. Schon am Eingang und an den Wänden der verschiedenen Säle fallen uns große Plakate ins Auge, auf denen preiswerte Saisongerichte besonders an-
Erika und die Schreibmaschine.
Von Erich Grisar.
Papa, ich will auf dein' Schoß.
Papa hat keine Zeit.
Was machst du denn?
Papa arbeitet.
Was arbeitest du denn?
Papa schreibt eine Geschichte.
Was für eine Geschichte? Von Rotkäppchen?
Nein.
Von Wolf und die sieben Geißlein?
Auch nicht.
Schreib doch mal von Wolf, Papa. Ich hab das doch so gerne.
Papa muß was anderes schreiben.
Was denn? — Nun könnte das gleiche Frage- und Antwortspiel wieder von vorn beginnen, aber inzwischen hat Klein-Erika sich besonnen und sie rüst:
Papa, ich will Tipp-tipp machen.
Papa hat keine Zeit.
Och komm doch, so wie gestern.
Gestern hat sie auf meinem Schoß gesessen, ich habe einen Brief dabei geschrieben, der war voller Tippfehler. Nie wieder, hab ich mir vorgenommen. Aber ich habe es mir ja nur vorgenommen. Schon sitzt sie wieder auf meinem Schoß. Papa, zeig mir doch wieder I und O. Ich habe ihr gestern I, O, A und E auf der Maschine gezeigt. E und A hat sie vergessen, aber I und O weiß sie noch. Immer wieder plappert sie, daß ist ein I und das ist ein O. Das ist ein I und das ist ein O. Und sie vertut sich nicht ein einziges Mal.
Ich bin richtig stolz darauf, und rechne in Gedanken schon nach, wie lange es dauernd wird, bis sie das Alphabet kann, wenn sie jeden Tag zwei Buchstaben lernt. Inzwischen ist Klein-Erika aufs neue auf die Entdeckungsreise gegangen. Guck da, Pappa, eine Windmühle, sagt sie plötzlich. Ganz erstaunt blicke ich hin und richtig, sie tippt auf das große X, und das sieht wie eine Windmühle aus. Und hier ist ein Hut, sagt sie, damit meint sie das D. Hier ist eine Mütze, das ist das große P. Planmäßig gehen wir jetzt die Buchstaben durch und nun muß ich hören, daß das O für sie ein Ball ist; weil ich ihr aber auch wieder gesagt habe, daß es ein O ist, ist alles was rund ist, ein O. Das Q und das G und das C. Das U wieder ist ein Hufeisen. Das A eine Leiter, das J ein Stock und Y ein Trichter und das F ist eine Fahne. Und weil ich inzwischen auf die Idee gekommen bin, ein Feuilleton daraus zu machen und fleißig auf
gepriesen werden. Mehrere Fischgerichte in verschiedener Zubereitung. Hasenbraten mit Rotkohl herrschen heute vor, und wie ein Blick auf die essenden Gäste zeigt, haben die Werbeplakate an den Wänden ihre Wirkung nicht verfehlt. Wir bestellen uns selbst, nachdem wir an einem bereits besetzten Tisch noch Platz gefunden haben, eine Portion Fischbratklops, der lecker und appetitlich aussieht und ausgezeichnet schmeckt. Der typische Fischgeruch fehlt vollkommen, so daß man beim Servieren kaum weiß, ob man ein Fisch- oder Fleischgericht vor sich hat. Bei dieser Art der Zubereitung ist es kein Wunder, wenn dieses Haus, wie uns später der Küchenmeister erzählt, seinen Fischumsatz in letzter Zeit um das Doppelte steigern konnte. Zubereitung und wirksame Werbung gehen hier mit angemessener Preisgestaltung Hand in Hand und sorgen dafür, daß auch die Gasthausbesucher immer mehr ein Fischessen aus der Speisekarte wählen, der man die Lurchgeführte Verkürzung noch gar nicht anmerkt.
Unser goldgelber Fischbratklops mit ebenso appetitlich aussehender Beigabe erregt bald die Aufmerksamkeit unserer netten Tischnachbarin, die sich an einer riesigen Hasenkeule mit Rotkohl gütlich tut. Schnell kommen wir in ein Gespräch mit ihr und erfahren zu unserer Verwunderung, daß sie als berufstätige Frau seit a ch t Jahren in Gaststätten zu Mittag ißt und noch niemals ein Fischgericht gewählt hat. „Fisch riecht so sehr! Fisch hält nicht vor", und was dergleichen Ausflüchte mehr sind, bekommen wir von ihr zu hören. Sie hat es mehr mit einem handfesten Stück Fleisch gehalten, weil sie bei einer Wirtin wohnt, die in der Woche dreimal Fisch
schreibe, was sie mir erzählt, dreht sie den Spieß um, und als ich wieder frage, was ist das? sagt sie keck, das weiß ich doch nicht, sag mir lieber, was das ist. Und nun muß ich ihr zeigen, was ich da geschrieben habe. Papa schreibt alles auf, was du gesagt hast, sage ich zu ihr. Hast du auch die Windmühle ausgeschrieben? Da ist sie doch. Richtig, da ist sie. Und das ist der Stock. Laß mich auch mal tipp-tipp machen. Auf einmal fällt ihr das wieder ein. Nun, wo ich mitten in meinem Artikel bin. Na, meinetwegen, schon wegen dem guten Tip, den du mir gegeben hast.
Und ich erfülle ihr den liebsten Wunsch, sie darf tippen ajeirnadhsq ..., mnshuriehraget. So, jetzt ist es genug. Laß mal sehen. Lauter kleine Buchstaben. Na, was weiß so ein Kind vom Umschalten. Nicht so voreilig, lieber Vater. Papa, das ist ja ganz anders, als hier drauf steht, sagt sie plötzlich. Das ist ja gar keine Leiter und kein Hut. Doch mein Kind, siehst'du: A, das ist die Leiter. Und hier ist der Hut D. O ja, Papa. Jetzt ich. Na, meinetwegen, aber nur einmal. Ich schalte um und richtig, sie tippt ein großes A. Eine Leiter.
So, nun mußt du aber bei Mutti gehen. Die hat schon darauf gewartet und kommt zu Vatern in die Stube.
Na, was macht ihr da?
Tipp, tipp, Mutti.
So?
Papa schreibt alles auf, was ich gesagt hab. Guck hier. Dies ist eine Mütze, dies ist ein Hut und dies eine Windmühle, und sie findet die Buchstaben tatsächlich in meinem Artikel wieder. Au, das wird aber fein, sagt die Mutti. Wird es auch, sagt die Kleine, und sie geht zur Mutti.
Gleich komm ich wieder, Papa, sagt sie dann zu mir. Woll! Dann mache ich wieder tipp tipp. Woll!
Bleib bloß da, denke ich mit treusorgendem Vaterblick, aber ich sage es nicht, sonst habe ich zu meinem Tippunterricht auch noch ein Heulkonzert entgegenzunehmen. Als Honorar sozusagen. Denn meine Tochter ist wie der Vater. Ohne Honorar tut sie nichts, und es ist selbstverständlich, daß sie am Ertrag dieser Arbeit mindestens mit einer Tafel Schokolade beteiligt ist.
Hochschulnachnchten.
Professor Dr. Georg Wetzel, Direktor des Instituts für Entwicklungsmechanik in Greifswald und gleichzeitig Ordinarius in dir Medizinischen Fakultät in Halle, ist wegen Erreichens der Altersgrenze von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.


