Nr. 291 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag, 14. Dezember 1957
Betriebsappelle ?um Berufswettkampf aller Schaffenden.
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Beim Appell bei Heyligenstaedt. — (Aufnahme: Neuner.)
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deutschen Menschen wieder kostbarstes Volksgut geworden ist und wie dieser Arbeitswille zusammen mit der richtigen Berufserziehung zu einer ungeheuren Wertsteigerung unserer materiellen Güter ongesetzt werde. Jeder Volksgenosse und jede Volksgenossin müßten durch den vollen Einsaß der eigenen beruflichen Leistung ihre Verbundenheit mit dem Volksganzen beweisen. Ausdruck dieses Willens und dieser Leistungssteigerung sei auch die Teil- nahkne am Berufswettkampf aller schaffenden Deut-
Veterinärmedizinische Abteilung der Oberhefsischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.
Mittwoch, 15. Dezember, 20 Uhr, im Hörsaal des Veterinärmedizinischen Instituts, Frankfurter Straße 94, Sitzung. Es sprechen Prosektor Dr. A. Schummer: „lieber ein neues Verfahren zur Herstellung anatomischer Korrosionspräparate" und Professor Dr. C. Krause: „Heber die reaktiven Organoeränderungen bei Serumpferden und ihre Bedeutung für die Diagnose der infektiösen Anämie". Anschließend Aussprache.
Kundgebung der DAF. und der HZ.
Deutsche Arbeitsfront, Kreiswaltung
ter au, und die Hitler-Jugend, Bann 116, führen am Donnerstag, 16. Dezember, um 20.30 Uhr, im Cafä Leib, Gießen, eine gemeinsame Groß-Kundgebung durch, an der sich alle Schaffenden aus Gießen und näherer Umgebung beteiligen. Diese Groß-Kund- gebung ist der Auftakt zum Berufswettkampf aller Schaffenden. Er sprechen der Kreisobmann der DAF., Pg. Wagner, und der Bannführer Pg. Becker, Wiesbaden.
schen. Der Redner wies weiter darauf hin, daß sich jeder Deutsche, auch der sogenannte ungelernte und der angelernte Arbeiter, am Berufswettkampf beteiligen kann. Schließlich sprach Pg. Beckmann noch über die Möglichkeiten der Begabtenförderung im Dritten Reich. Mit einem Wort Dr. Leys: „Aeußern Sie Ihren Willen, der beste Arbeiter in der Welt zu sein, und leisten Sie damit Ihrer Volksgemeinschaft, der Sie Ihre Anlagen und Fähigkeiten verdanken, einen großen und ehrenvollen Dienst" schloß der Redner seine Ausführungen.
Das dreifache Sieg-Heil auf den Führer schloß den Betriebsappell.
Die Kreiswaltung Wet- terau der Deutschen Arbeitsfront veranstaltete gestern in Gemeinschaft mit den Betriebsführungen in einer Reihe von Betrieben des Kreisgebietes Kundgebungen aus Anlaß des Berufswettkampfes aller Schaffenden. Die Appelle wurden u. a. in folgenden Betrieben abg^halten: Hefrag in Wölfersheim, Samesreu- ther in Butzbach, Bännin- ger in Gießen, Schieferstein in Lich, Poppe & Co. in Gießen, Butzbacher Werke in Butzbach, Rinn & Cloos in Heuchelheim, Rumpf & Sohn in Butzbach, Heyligenstaedt in Gießen und Reichspost in Gießen. Redner der Kreiswaltung Wetterau waren die Pg. Wagner, Reitz, Schmidt, Stein II., Bie
nengräber, Jung, Pipper, Ungelenk, Beckmann: sie wiesen in grundsätzlichen Ausführungen auf die Bedeutung des Berufswettkampfes aller Schaffenden hin.
Wir hatten Gelegenheit, in der Werkzeugmafchi- nenfabrif von Heyligenstaedt in Gießen dem Betriebsappell beizuwohnen. Gegen 13 Uhr legten die zahlreichen Gefolgschaftsmitglieder des Betriebes für eine halbe Stunde die Werkzeuge aus der Hand, und die Maschinen ruhten. Im Ärbeitskleid fanden sich die Arbeitskameraden in der großen Maschinenhalle ein und sammelten sich im engen Kreis, nahmen auf Werkbänken und Maschinen Platz und folgten gespannt den Ausführungen des Appells.
Betriebsführer C h r i st e l hieß den Vertreter der Arbeitsfront willkommen und wies auf den äußeren Anlaß des Appells hin.
Sodann sprach Pg. Beckmann als Vertreter der deutschen Arbeitsfront. Er wies zunächst auf die Erweiterung des Reichsberufswettkampfes hin, der nicht mehr nur die Jugend, sondern nun alle Schaffenden erfassen soll. Die Notwendigkeit hierfür liege in der Erkenntnis, daß das deutsche Volk eine größere Leistung zu seiner Sicherung und Erhaltung vollbringen müsse. In seinen weiteren Ausführungen wies der Redner auf die deutsche Rohstofflage und auf die Notwendigkeit höchster Qualität unserer Ausfuhrware hin, ebenso auch auf die Notwendigkeit, durch erhöhten Arbeitseinsatz den Verlust an materiellen Gütern auszugleichen, der uns nach dem Kriege zugefügt worden ist. Der Redner sprach bann davon, wie der Arbeitswille des
Aus der Stadt Gießen.
Schneelandschast.
Die Landschaft liegt im Schneekleid. Wenn die Glocken läuten, kommen die Töne nur weich und wie murmelnd zu uns. Es ist so, als ob der Schnee die Laute verschluckt. Die Kinder haben ihren Schlitten geholt. Mit Jubel geht es die Dorfgasse hinab. Unten steht auch schon ein kleiner Schneemann. Was macht den Kleinen die Kälte aus! Mit roten Gesichtern und glänzenden Augen fahren sie dahin. So muß der Winter sein. Der Schnee muß knirschen und bald so glatt und fest werden wie das Eis. Das gibt eine feine Schlittenbahn.
Und wir wandern hinaus in die winterklare Schönheit. Wir stehen auf Bergeshöhe und beschauen das herrliche Landschaftbild. Ringsum ist die Natur mit ihrem weißen Brautkleid angetan. Wenn die Sonne heroorlugt, erscheinen silberne Streifen auf dem Schnee. Da funkelt und glitzert es, als ob Tausende von Sternen ausgestreut worden wären. Ungeahnte Schönheit tut sich vor unserm Auge auf.
Der Dunstkreis der Stadt verschwindet. Helle, klare Luft umgibt uns. Feld und Wald schlummern unter der weißen Decke. Man sieht keinen Grenzstein, keine Furche, keinen Feldweg. Eine weite, weiße Fläche! Selbst der Wald hat das weiße Gewand angezogen. Wohl schauen noch die dunklen Aeste und Zweige darunter hervor, aber alle haben ein Schneekäppchen auf. Die Tannenbäume stehen gebeugt unter der Schneelast, die glatten Buchenstämme wirken in ihrem Grau wie hohe Säulen. Das Moos ist überdeckt mit einem weißen Polster. Hier und da sehen wir Spuren des Wildes.
Ein leichter Windstoß erschüttert die Zweige. Ein Schneefall rieselt herab. Wie Staub zerrinnt der körnige Schnee in der Luft. Ein Meischen zirpt, ein Eichhörnchen steigt auf der Tanne empor. Der Wald ist nicht tot. Er schläft nur.
Wir atmen die köstliche, frische Winterluft. Es wird uns so leicht zumute, ganz ferne zerflattern die Sorgen des Alltags in diesem wunderbaren Waldesschweigen. Sachte, aber fühlbar gleitet die Ruhe der Natur auch in dein Herz.
Doch auch jetzt sind die Tage noch kurz. Bald breiten sich blaue Schatten auf der Schneedecke aus. Der Abend kommt. Ein Abschiedsblick noch über die weißen, schneebehangenen Berge, dann wanderst du gestärkt und erfrischt deinem Heim zu.
Vornoiizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr „Martha". — Gloria-Palast: 16 und 20.30 Uhr Weltstadt-Varietö. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Meine Freundin Barbara". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 19 Uhr Weihnachts-Kunstausstellung im Turmhaus am Brandplatz. — Weihnachtsmesse auf Oswalds- garten.
Sladlthealer Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die Erstaufführung von „Martha", romantisch-komische Oper in vier Auszügen von Friedrich von Flotow, statt. Friedrich Freiherr von Flotow gehört zu den Hauptoertretern der in Deutschland seltenen Spielopern. Zahlreiche Werke von ihm sind mit großem Erfolg auf den deutschen Bühnen und auch im Ausland zur Aufführung gebracht worden. Im wahrsten Sinne volkstümlich ist aber seine Oper „Martha" geworden. Die musikalische Leitung der Oper hat Kapell- meister Paul Walter, Spielleitung Wolfgang
Kühne. Die Leitung und Einstudierung der Chöre Heinz Markwardt. Bühnenbilder Karl Löff- l e r. Die in eigener Werkstatt hergestellten Kostüme sind entworfen von Sophie Buchner, ausgeführt von Willy Endrich. Die Vorstellung beginnt um 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr, und findet als 12. Vorstellung der Dienstag-Miete statt.
Amt für Bolkswoblfahrt,
Ortsgruppe Gießen-Osl.
Vetr.: WHW.-Pfunbspenbe.
Die Sammlung wird Dienstag, 14., bis einschließlich Donnerstag, 16. d. M., von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Alle Volksgenossen, die in der Lage sind, das WHW. zu unterstützen, werden dringend gebeten, sich nicht auszuschließen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben. Es sind in erster Linie zu spenden: Mehl, Hülsenfrüchte, Graupen, Nudeln, Makkaroni, Zucker, Grieß, Wurstwaren und Konserven.
Amt für Volkswohlfahrt/
Ortsgruppe Gießen-Vlitte.
Vetr.: Pfundsammlung.
Am Mittwoch, 15. Dezember, werden die Pfundspenden durch die NS.-Frauenschaft eingesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen. Die Pfundsammlung erstreckt sich während der Dauer des WHW. auf alle Volksgenossen.
HI., Dann und Zungbann 116.
Theaterring der Hitler-Zugend.
Als 4. Vorstellung des Theaterringes findet am Montag, 20. Dezember, das Lustspiel „Die kluge Närrin" von Lope de Vega statt. Die Karten sind am Mittwoch, 15.12., zwischen 17 und 18 Uhr, auf der Verwaltungsstelle des Bannes und Jungbannes 116 gegen Barzahlung des Betrages ober Vorzeigen des Bank- ober Postscheckabschnittes abzuholen. Auch können für Nichtmitglieber bes Theaterringes Karten zum Preise von —,80 RM. abgegeben werben.
Nikolausfeier
ht der Frauenschast Gießen-Mitte.
Die Nikolausfeier ber Frauenschaft Gießen-Mitts fanb im „Hinbenburg" statt. Fleißige Hänbe hatten bie Tische festlich geschmückt, unb mit reicher Phantasie waren allerlei nette Ueberraschungen ausgebacht worben. Die frohe Stimmung erreichte mit bem Erscheinen bes Nikolaus ihren Höhepunkt. Nicht nur kleine Geschenke, fonbern auch Ermahnungen unb nützliche Lehren brachte Knecht Ruprecht aus feinem Sack zum Vorschein. Musikalische Vorträge gestalteten ben Abenb festlich. Die Leiterin, Frau Wem per, sprach zum Schluß ihren Dank allen aus, bie am Gelingen bes Abenbs Anteil hatten. F. K.
Chorführer- und Chorleiterversammlung in Gießen.
Die Chorführer unb Chorleiter ber evangelischen Kirchenchöre hielten im „Hinbenburg" eine Versammlung ab. Pfarrer Weisel (Heuchelheim) als Vertrauensmann ber Kirchenchöre bes Dekanats Gießen leitete bie Besprechung über bas im letzten Jahr abgehaltene Dekanatskirchengefangver-
Gießener Stadttheater.
Gastspiel Panl Wegener: „Totentanz" von August Strindberg.
Im „Totentanz" hat (Strinbberg ein Bilb der Ehe gegeben, wie er sie glaubte sehen zu müssen: nicht seiner eigenen Ehe-Erfahrungen schlechthin — obwohl gewiß vieles in biefem unheimlichen Stück mehr ist als ausbünbige Phantasie —, sondern als bie rabikale Zusammenfassung seiner Anschauungen vom Verhältnis zwischen Mann unb Frau überhaupt. Dieser grunbpessimistische, am Leben leibenbe unb von seinem eigenen Leben gequälte unb verfolgte Grübler vermochte sich, vom rücksichtslosen Ehrlichkeitswahn unb Bekenntnisfanatismus besessen, bas Zusammensein von Mann unb Frau in seinen letzten Konsequenzen nicht anbers vorzustellen unb auszumalen, als er es hier getan hat.
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Wenn feit unbenklichen Zeiten bie Liebe als die dufbauende, gemrinschaftbildenbe, zusammenfüh- renbe unb bewahrenbe Gefühlskraft gegolten hatte, auf ber bas gemeinsame Leben ber Menschen unb das Beieinanber von Mann unb Frau in ber Ehe sich grünbete, so glaubte (Strinbberg, in brei Ehen enttäuscht, zermürbt, verbittert unb verzweifelt, enb- lich bie große Gegenkraft entbeckt zu haben, bie ihm bas Verhältnis ber Geschlechter, zwar mit umgekehrtem Vorzeichen und furchtbar entgegengesetzter Wirkung, aber mit nicht geringerer Kraft zu bestimmen schien: ben Haß^
Man hat ben „Totentanz", ber ursprünglich „Der Vampyr" heißen sollte, bas Drama ber Haß-Liebe genannt, aber es ist, so wie es heute unb eigentlich von jeher auf uns gewirkt hat, nur bas qualvoll eridiütternbe Schauspiel bes Geschlechterhasses, ... obwohl (Strinbberg selbst die Akzente ber Bewertung anbers setzte: „Der Totentanz", schrieb er an seinen beutschen Uebersetzer Schering, „enthält psychologische Entdeckungen ohne sogenannten Frauenhaß". Man braucht sich bei bem „sogenannten" nicht länger aufzuhalten, als bis man eingesehen hat, baß ber Männerhaß bem Frauenhaß in biefem Stück bie Waage hält, daß bie gegen- einanber roirfenben seelischen unb bialektischen Kräfte burchaus im Gleichgewicht sinb. Der „Totentanz", sagt Strinbberg ferner, fei „fest in ber Form, überlegen in ber Resignation unb groß im Verzeihen": vielleicht wirb man von hier aus, immer bas trübe Gesamtbilb von (Strinbbergs irbischem Wanbel vor Augen, am ehesten einen Zugang zum tieferen Sinn bes Dramas finbem
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„Fest in ber Form" — bas ist so unbestritten wie' bie „psychologischen Entdeckungen", deren unbarmherzige Messerschärfe man ebenso bestaunen muß wie die Phantasie, die schon im Schauplatz, -em Festungsturm auf einsamer Insel, das furcht
bare Symbol fanb: bie Ehe als Gefängnis, in bem zwei Menschen unentrinnbar unb ausweglos aneinanber gefettet sinb, um sich in gemeinsamer Haft ein Vierteljahrhunbert lang gegenseitig bas Leben zur Hölle zu machen. Das Leben auf bie- fer Insel, in biefem Turm zu zweien allein, bas für einen anberen Dramatiker vielleicht zum Jbyll ober Parabies hätte werben können, konnte von
Wegener als Ebgar. — (Ausn.: Clausen.) Strinbbergs Blickfeld aus nur einen Namen tragen: Inferno.
Hier herrscht schon dieselbe beklemmende, atem- versetzende unb lähmenbe Atmosphäre im Raum, welche bie späteren Kammerspiele vom „Wetterleuchten" bis zur „Gespenstersonate" beherrscht, eine gleichsam mit Bakterien geschwängerte, mit Zünbstoff gemischte Luft, ein Klima, bas sich selbst ben leblosen Dingen mitzuteilen scheint, von ihnen ausstrahlt, unheimlich, gespenstisch, nach Entlobung brängenb unb auf ben Zuschauer übergreifenb, ber sich solchen untergrünbig - elementarischen Ausbrüchen menschlicher Gefühlsverwirrung fassungslos gegenüber findet und erst allmählich begreift, baß hier jebe anbere, äußere, gut gemeinte, bürgerlich-rechtliche Lösung versagen mußte, weil für Strinbberg bas in sein abgründiges Gegenteil verkehrte Gefühl diese beiden Menschen seit 25 langen Jahren genau so aneinander fesselt wie sonst die Liebe. Für Strinbberg, dessen Leben unb Denken
in völlig außergewöhnlichen Bahnen lief, gab es aber kein „Sonst", unb seiner Logik, bie keiner Beschönigung und keinem Kompromiß zugänglich war, blieb also hier keine anbere Lösung — man kann das Wort im eigentlichen wie im übertragenen Sinne nehmen — als ber Tob. —
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Wir haben ben Eindruck, daß bieses Stück, das an ber Jahrhunbertwenbe entstauben ist — was man nicht vergessen bars —, heute von ber Bühne herab nur noch in ber Gestaltung burch ein überragendes Schauspielertum erlebt' werben kann, die es seiner zeitlichen und persönlichen Bindungen und Beziehungen entrückt und entfleibet: was ba- mals als Problem bisfutiert werben konnte, kann heute kein Problem mehr sein. Wohl aber kann sich, in seltenen Fällen, an biesen vier Akten eine darstellerische Kunst entzünben, bie burch alle Ab- grünbe seelischer Entwurzelung hinburch an bas Uebermenschliche rührt, an bas körperhaft gewordene Dämonische, bas im „Totentanz" flackernd, Zuckend und enblich erlöschend sein Wesen treibt.
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Einer bieser seltenen Fälle verbindet sich mit bem Namen bes Staatsschauspielers Paul Wegener: wir wissen niemanben, ber ihm biesen Ebgar, Hauptmann bei ber bänischen Festungsartillerie, nachzuspielen vermöchte. Die Gestalt gehört .zu ben berühmtesten Leistungen seines Rollenrepertoires: er spielt sie seit vielen Jahren, und es ist klar, daß sie sich mit ihm entwickelt und gewandelt hat. Entwicklung und Wandlung kann, wenn es sich um eine so messerscharf präzisierte und artikulierte Erscheinung im dramatischen Raume handelt, freilich nur in leisen Nuancen begriffen werden: wir glauben aber, daß dieser Hauptmann in Wegeners Händen heute gedämpfter wirkt als in früheren Jahren, betonter im. Altersunterschied zu der Frau, näher heranqerückt an bie schmale Schwelle, wo Leben unb Tob ineinander übergehen.
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Damit kann nicht gemeint sein, baß bie Erscheinung an Wirkung verloren hätte: vielleicht wirb bas Unmenschliche ober Uebermenschliche bieses Mannes bem Gespensterhaften, bem Dämonischen um so stärker angenähert, je beutlicher man ben nicht nur seelischen, fonbern auch leiblichen Verfall gewahr wird, bem er ausgeliefert ist. Vielleicht wirkt bie geballte Energie, ber Wille zum Bösen, bie Kraft bes Hassens in biefem einsamen unb hochmütigen Hauptmann unb Ehemann um so unfaßlicher, je klarer man seine Schwäche, seine Krankheit, seine Grabesnähe empfindet. Er ist ein menschliches Wrack, ein alter, verbrauchter Mann, ein hoffnungsloser Todeskandidat: immer wieder sinkt er in sich zusammen, als ob schon das Leben aus ihm gewichen fei, immer wieder fängt er zu schwanken an unb muß gestützt werben, — aber immer wieder rafft er sich zusammen unter einem unheimlich-brutalen Willensantrieb, stößt bie helfen- ben Hände weg und wankt, tappt und tastet mit steifen Schritten durch ben Raum, eine riesige Ma
rionette, säbelklirrend, in Parabeuniform mit breiter, goldener Verschnürung ...
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In ein paar Augenblicken sammelt sich alle Intensität schauspielerischen Ausbrucks — einer sehr bewußten, jeder kleinsten Bewegung sicheren Gestaltung übrigens; man muß bedenken, baß Wegener bie Rolle seit Jahren und in biesen Wochen ber Gastspielreise burch Deutschland Abend für Abenb spielt—: in ben schrill abbrechenden Tanz- Takten ber „Einzuges ber Bojaren"; nach ber Rückkehr vom Ausbruch in die Stadt, wenn er wie ein uniformiertes Götzenbild auf dem Stuhle sitzt und seine letzten, verzweifelten, erlogenen Trümpfe aus- fpielt („Das ist diese Sache —") unb endlich zuletzt, wenn er mit bem Kätzchen im Arm burch bas oer- öbete Turmgemach geht, auf ber Flucht, auf bem Wege ins graue Nichts, ein alter, armer, elender Mensch, jeglicher Dämonie für ein paar Minuten entrückt.
„Wegener führt auch selbst Regie ... mit ber nämlichen, intensiven Bewußtheit und geistigen Uebersicht, mit der er die Rolle anlegt. Man ist fast überrascht, wie ruhig unb verhalten der Dialog einsetzt: es gibt zu Anfang Momente, in benen man sich in bie etwas gallige Komödie eines alternden Ehepaares versetzt glauben könnte, bem kurz vor ber silbernen Hochzeit bie Misere feines Alltags bewußt wirb; — aber bann wirb es schnell bitterernst, bann kann es feinen Komöbienton, keinen Zweifel unb kein Mißverständnis mehr geben: bie Atmosphäre ber Festung, bes Gefängnisses, ber Galeere wirb penetrant; in ben kurzen Mittelakten liegen bie an die äußersten theatralischen Grenzen getriebenen Steigerungen; ber letzte mündet langsam, ab= ebbenb gleichsam, in Stimmung unb Tonlage bes ersten zurück, bis Mann unb Frau — hier merkt man bie naturalistische Kunstweise am beutlichsten — wieder in ber gleichen Haltung in ihren Stühlen sitzen wie zu Beginn. Und jetzt erst, wir wissen nicht, ob bies jedermann gegenwärtig war, kann ber zweite Teil bes „Totentanzes" beginnen.
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Maria Schanba spielt bie Alice, unb man begreift halb, warum Wegener sich diese Partnerin im Duett gewählt hat: schmal, blaß, zermürbt, hoffnungslos — immer in Angst, immer auf dem Sprung, immer auf ber Lauer liegend. Sie scheint bazu gemacht, barzustellen, wieviel ein Mensch ertragen kann; noch aus ben schrecklichsten Zusammenbrüchen erhebt sie sich mit einer rätselhaft febernben Kraft unb stellt sich zu neuem Kamps, bis zuletzt bereit, von vom anzufangen, sich zu verwanbeln unb — auf eine wahrhaft gespenstige Weise — zu putzen unb zu verjüngen. — Zwischen ben beiden: Kay Möller, als Quarantänemeister Kurt, ruhig und besonnen, hilfsbereit und zur Hilflosigkeit verurteilt. —
Wegener wurde mit ben Seinen vom stark besetzten Hause lebhaft gefeiert Hans Thyriot


