Nervösen aus seiner Welt der Beschwerden heraus- zwingt. Die Grenze ist für die schweren Neurastheniker und Hysteriker gezogen, die einer individuellen ärztlichen Behandlung bedürfen.
2Reifeti>infe.
Personenschiffahrt aus der Mosel.
Neben einer Rheinfahrt schenkt eine Moselreise mit den Schiffen der Rhein-Mosel-Lahn- Personenschiffahrt eine Fülle unvergeßlicher Erlebnisse und reiche Eindrücke vom weingesegneten und mit Burgen geschmückten windungsreichen Lauf der „lieblichen Tochter des Vater Rheins". Wenn man das Koblenz um 8.30 Uhr verlassende Schiff benutzt, ist man nach genußreicher Fahrt am Abend in Traben-Trarbach. Das Schiff, das mittags von Koblenz abfährt, kommt abends in Kochern an. Zur Fahrt moselabwärts verläßt ein Schiff vormittags Bernkastel und erreicht abends die Stadt am Deutschen Eck. Das am Vormittag Kochem verlassende iLchiff ist um die Mittagszeit in Koblenz. Samstags fährt außerdem vormittags ein Schiff von Bernkastel aus bis Trier durch. Wenn man Sonntags die Stadt der Porta Nigra um 8 Uhr mit dem Moselschiff verläßt, erlebt man an einem Tage die ganze Mosel bis zur Mündung in den Rhein in Koblenz. Alle Schönheiten des rebenbekränzten heiteren Tales entfalten sich dem schauenden Blick. Eine solche Moselreise zu Wasser ist ein beglückender Festtag.
Baden-Badener Große Woche.
RDD. Wie erstmals im Olympiajahr 1936 werden auch in diesem Sommer die berühmten Pferderennen der Baden-Badener Großen Woche von internationalen Veranstaltungen der „nichtolympischen" Sportarten umrahmt sein. Den Auftakt bildet ein Golfturnier vom 17. bis 22. August, den Abschluß ein Tennisturnier vom 2. bis 5. September. Dazwischen liegen dann die vier großen Tage der schönen Iffezheimer Bahn: das Fürstenberg-Rennen am 22. August, das Zukunstsrennen am 24., der Große Preis am 27. und der Preis der Stadt Baden-Baden am 29. August. Wie stets werden diese Sporttage durch glanzvolle künstlerische und gesellschaftliche Darbietungen ergänzt, von denen das Internationale Herbst-Tanzturnier und das Internationale Bridge-Turnier besonders hervorge- hoben seien, die beide am 4. und 5. September stattfinden.
Kraftpostlinie durch die Fränkische Schweiz.
Ab 1. August wurde die Kraftpostlinie durch die Fränkische Schweiz bis Auerbach verlängert. Der Fahrplan für die gesamte Strecke Gößweinstein—Behringersmühle—Pottenstein—Pegnitz —Auerbach, die täglich dreimal befahren wird, gilt sowohl für Werktags als auch für Sonntags sowie das ganze Jahr über. Rückfahrkarten find um 20 v. Sy, Sonntagsrückfahrkarten um 33V, v. H. ermäßigt. Außerdem wurde eine Kraftpostverbindung von Pottenstein durch die nordöstliche Fränkische Schweiz und den Hummelgau nach Bayreuth eingerichtet. Auch auf diesem Kurs verkehren täglich in jeder Richtung drei Wagen. Diese zwei Autobuslinien sowie die Stichbahn Forchheim—Streitberg— Müggendorf—Behringersmühle erschließen die schönsten Teile der Fränkischen Schweiz.
Wie die Eberbacher „Kuckucksfresser" wurden.
RDD. Dom 4. bis 6. September feiert das Neckarstädtchen Eberbach wieder seinen Kuk- kucksmarkt, der in diesem Jahre mit einer bis zum 12. September dauernden Ausstellung „Der Neckar als Kultur- und Wirtschaftsfaktor" verbunden ist. Dieser Kuckucksmarkt ist ein fröhliches Volksfest. Sein Ursprung geht zurück auf einen Schabernack, der sich vor mehr als drei Jahrhunderten zutrug. Ein gebratener Vogel, den ein Eberbacher Bürger zu Pfingsten des Jahres 1604 in einem Wirtshaus verzehrte, gab den Anlaß dazu. Um ihn entspann sich ein aktenmäßig belegter Be- leidigungsprozeß, weil dem Mann eingeredet wurde, er hätte einen gebratenen Kuckuck gegessen. Der Ausgang des Prozesses ist zwar nicht mehr zu er
mitteln. Ueberliefert aber ist das vom Volke besprochene Urteil, das den Eberbachern den Spitznamen „Kuckucksfresser" einbrachte. Sie tragen ihn mit Humor und gedenken alljährlich des komischen Streites mit ihrem fröhlichen Kuckucksmarkt.
Luifenburg bei Wunsiedel — die meistbesuchte Freilichtbühne.
Deutschlands meistbesuchte Freilichtaufführungen, die Festspiele auf der Luifenburg bei Wunsiedel (Fichtelgebirge), haben auch heuer wieder einen Rekordbesuch aufzuweisen. Die schon von Goethe begeistert beschriebene Luisenburg, das gewaltigste Felslabyrinth Europas, bildet die natürliche Umrahmung zu den Freilichtspielen, die auch im August an jedem Samstag, Sonntag und Mittwoch stattfinden. Zur Aufführung gelangen: von Sophokles: ,König Oedipus", von Goethe: „Faust 1. Teil", von Henrik Ibsen: „Nordische Heerfahrt", von Shakespeare: „Die lustigen Weiber von Windsor", von
August Hinrichs. ,Krach um Jolanthe", von I. M. Lutz: „Der Zwischenfall".
Bamberg schützt seine Barockhäuser.
Im Garten der „Concordia", einem aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts stammenden herrlichen Barockpalast, werden zur Zeit die Steinstufen erneuert, ferner werden die prunkvollen alten Steinoasen, die auf den Gesimsen des Gartens stehen, in der Werkstatt eines Bamberger Bildhauers wieder hergestellt. Weiter hat die Bamberger Stadtverwaltung das prächtige Böttinger-Haus, eines der schönsten deutschen Barockhäuser aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, käuflich erworben Die Stadt Bamberg wird zu Ehren des Berliner Kunstmalers Paul Barthel, der viel zur Erhaltung dieses wundervollen Baudenkmals beigetragen hat, in dem Haus ein Darthel-Gedächtniszimmer einrichten. In diesem Ehrenraum werden mehrere bedeutende Gemälde Barthels aufgestellt werden.
Beim Meister der „Kurzen".
Penzberg liefert ein halbes Tausend „Krachlederne" im Jahr.
„Wenn noch vor einigen Jahren eine krachlederne Kurze (in Berlin) öffentliches Aufsehen erregte mit entsprechenden Bemerkungen über das „ulkije Huhn", das da mit der „Sepplhose" auftrat, fo sieht man jetzt mehr und mehr Kurzlederne die Berliner Straßen und vor allem den Ausflugsverkehr beleben, ohne daß noch groß Notiz davon genommen würde". Also meldete kürzlich eine bayerische Zeitung ihren Lesern in einem Bericht über die Auswirkung der Tropenhitze in der Reichshauptstadt.
Wir sind der Sache nachgegangen, haben d i e Geburtsstätte der Krachledernen aufgesucht und haben dabei zwei bemerkenswerte Tatsachen fest-gestellt: Nicht nur haben die kurzen Lederhosen in den letzten Jahren längst die bayerische Weißwurstgrenze überschritten und ihren Siegeszug durch ganz Deutschland angetreten, sie sind auch im Begriff, sich die Welt zu erobern. Ein englischer Prinz hat kürzlich ein paar Penzberger Lederhosen bezogen, und erst vor wenigen Tagen hat eine ganze Ladung bayerischer „Sepplhosen^ ihren Weg über den großen Teich nach Amerika angetreten. Und noch eine andere Feststellung mußten wir machen, die sicher auch eingefleischte Urbajuwaren Überraschen dürfte; die kurze, gestickte Lederhose ist gar nicht so bodenständig und alt, wie sie immer hingestellt wird. Ihr Erdendasein ist vielmehr noch verhältnismäßig jung und beträgt genau ein halbes Jahrhundert. Davor reichte sie ausnahmlos bis unter die Knie, war schwarz und ohne Verzierungen und wurde zudem nur in Verbindung mit langen, bis zu den Knien reichenden Röcken, weißen Strümpfen und „Stöpselhüten" getragei, wie man die spitzen, zylinderartigen Hüte damals nannte.
Wir waren jetzt in dem oberbayerischen Kohlenbergwerksort Penzberg, der so idyllisch zu Füßen von Benediktenwand und Herzogstand liegt, und besuchten den größten und bedeutendsten „S ä ck le r e i b e t r i e b", den es in Deutschland gibt. Wenn naturgemäß auch die bayerischen Lederhosen mit zunehmendem Bedarf maschinell als Massenartikel hergestellt werden, so können die schön gestickten und herrlich verzierten Trachtenhosen auch heute noch nur mit der Hand hergestellt werden. Der Meister, der uns durch seinen stattlichen Betrieb führte, hat vom Aufkommen der „Kurzen" vor ungefähr fünfzig Jahren feinen Hosen zum Siegeszug verholfen, und mehrere seiner Gesellen, Brüder und Söhne haben heute ähnliche Werkstätten im bayerischen Alpengebiet.
Wer nun glaubt, es gebe keinen Unterschied zwischen Lederhosen und Lederhosen, der sieht sich gründlich getäuscht. Nahezu jede Landschaft hat eine andere Form, mit anderen Stickereien, anderen Verzierungen, anderem Zubehör. Da gibt es Allgäuer, Werdenfelser, Oberländer, Chiemgauer, Jnntaler, Loisachtaler Trachten, da ist das weiche schwarze Leder bald mit gelbgrüner, grasgrüner, moosgrüner ober dunkelgrüner Seide bestickt, da
sieht man als Verzierungen Geranke von Rebenlaub, Efeu und Eichenlaub, und dazwischen stehen und springen Hirsche, Gams, Rehe, leuchten rote Alpenrosen und schimmern die Silbersterne des Edelweiß. Die Stickereien und Verzierungen werden fast ausnahmslos in Heimarbeit geschaffen.
Zu einer echt bayerischen Tracht gehört aber neben der Krachledernen noch eine ganze Reihe besondere Trachtenartikel, die Gürtel, auf denen man sinnige Sprüche wie „Geh her, wennst a Schneid hast", „Gsund san mä", „Grüaß die Gott", „Treu dem alten Brauch" stehen; die von Penzberger Bergmannsfrauen in Heimarbeit handgestrickten Wadenstrümpfe; die T r a ch t e n j o p p e n, die gleichfalls wieder je nach der Gegend verschieden sind; die Jäger- und Schützenwesten; die Trachtenhüte mit ihren Hutgestecken, wie Gamsbart, Adlerflaum, Spielhahnstoß, Spielhahn- haken, Schlanaenreiher, Auerhahngesteck, Hirschbart usw., dann Krawatten, Hutzeichen, Flaum und Barthalter, Westenkette, Uhranhänger und eine reiche Auswahl von Hirschhornschmuck.
Wenn man dann erfährt, daß in Penzberg von einem Söcklermeister mit zwölf Gesellen allein 5 0 0 bis 600 Lederhosen im Jahr hergestellt werden und dazu noch den ganzen Schwung Zube- hör einrechnet, der meist in den benachbarten Dörfern und Städtchen: Tölz, Miesbach, Wörrishofen, Mittenwald, Berchtesgaden, Garmisch-Partenkirchen u. a. gefertigt wird, so ermißt man, welche Arbeit dazu gehört, eine originalbayerifche Tracht herzustellen.
Ein eigenartig durchdringender Geruch weichen Leders liegt über der Säcklerei. In der Sonne liegen die rohen Felle von Gemsen, Hirschen, von Elchen und Ziegenböcken; noch sind die Haare und Borsten daran. Auf einem Tisch im Freien wird ein großer Stapel neugegerbter Felle auf Herz und Nieren geprüft, bevor sie zugeschnitten und verarbeitet werden. In mehreren Räumen sitzen die Gesellen und Lehrlinge, die Sticker und Stickerinnen. Erstaunlich, wie schnell sie das altsämisch gegerbte Wildleder zuschneiden und nähen, wie Die seinen Stickereien und Verzierungen erst als Muster mit Kreide aufgevreßt, dann eingestickt und nochmals gepreßt werben. Denn so eine echte Lederhose soll Generationen halten und wird erst stilgerecht sein, wenn sie eine richtige Patina ständigen Gebrauchs angesetzt hat, wenn sie glänzt und so steif ist, daß man sie frei hinstellen kann. In einem anderen Raum werden Ledergürtel und Hosenträger hergestellt, in schönen, bunten Farben, mit fröhlichen Mustern. Es ist eigentlich der beste Beweis für die Güte der „Penzberger Lederhofen", daß sie von einem Reservat oberbayerischer Dörfer zu einem Kleidungsstück wurden, das in ganz Deutschland in zunehmendem Maße getragen wird und sich sogar anschickt, auch die Neue Welt zu erobern.
Lunge Ehen!
Von 3an Eyßen.
Die Maßnahmen des Dritten Reiches, die von der inneren Staatspolitik aus die Geburtenzahl zu beeinflussen suchen, haben sich zweifellos bewährt, werden auch international vielfach als vorbildlich angesehen, aber sie können nicht in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder gut machen, was vorher vernachlässigt worden ist. Es kommt eben nicht nur auf die Zahl der Eheschließungen an, sondern auf die Zahl der Geburten, wobei fest- gestellt werden muß, daß der Ehewille in Deutschland auch vor dem Kriege nicht übermäßig groß gewesen ist. Das wirkt wie eine Ueberraschung; aber Tatsache ist, daß um die Jahrhundertwende die Zahl der Eheschließungen zwischen 432 000 im Jahre 1896 und 503 000, im Jahre 1907 lag, so daß also ein Jahresdurchschnitt von etwa 450 000 herauskommt. Was aber entscheidend ist: die Fruchtbarkeit der Ehen um die Jahrhundertwende war erheblich höher als unmittelbar nach dem Kriege. Kamen im Jahre 1900 auf 1006 Einwohner 8,5 Eheschließungen, so betrug die Zahl der Geburten auf 1000 Einwohner 35,6. Wie stark die Geburtenzahl in der Nachkriegszeit abgesunken ist, wie verhängnisvoll diese Senkung für Volk und Staat hätte werden können, geht daraus hervor, das 1932 die Zahl der Eheschließungen zwar 516 793 betrug, die Zahl der Geburten aber nur noch 15,1 auf 1000 Einwohner. Das war noch nicht der Tiefstand, denn 1933 sank die Zahl der Geburten bis 14,7 auf 1000 Einwohner, war also geringer als selbst in Frankreich, das 1933 auf 1000 Einwohner 16,1 Geburten zählte!
Bevölkerungspolitisch gesehen war Deutschland unmittelbar vor der Machtergreifung gegenüber England und Frankreich erheblich im Rückstand, denn in beiden Ländern waren die Ehen verhältnismäßig fruchtbarer als in Deutschland. Nun ist weder in Frankreich noch in England der Ehewille besonders groß, was sowohl für die Vorkriegszeit, als auch für die Nachkriegszeit gilt; selbst unmittelbar nach Kriegsende ging weder in Frankreich noch in England die Zahl der Eheschließungen und der Geburten ungewöhnlich in die Höhe, wenn auch Frankreich hier einen kleinen Vorsprung vor England erzielte. In England betrug die Zahl der Eheschließungen 1914 nur 294 401, um 1920 auf 320 000 zu steigen. Dann begann wieder der Abstieg, so daß 1924 nur noch 296 000 Eheschließungen gezählt wurden. Allerdings war die Geburtenzahl trotz des geringen Ehewillens in den ersten Nachkriegsjahren erheblich höher, erreichte mit 849 000 im Jahre 1921 einen gewissen Rekord, um dann wieder abzusinken. England hat zwar inzwischen auch Maßnahmen ergriffen, um den Ehewillen zu stärken, aber es stieg nur die Zahl der Eheschließungen, nicht aber im Verhältnis dazu die Zahl der Geburten, jedenfalls hatte England im Jahre 1914 noch 879 000 Geburten; aber 1934 betrug die Zahl der Eheschließungen 349 000, die Zahl der Geburten war im Vergleich dazu mit 599 000 bet^ckcht- lich geringer als 1914, in welchem Jahr die Zahl der Eheschließungen nur 294 401 erreichte. Auf 1000 Einwohner kommen heute in Großbritannien, also mit Schottland und Nord-Irland 8,4 Eheschließungen , gegen 9,7 in Deutschland und 6,8 in Frankreich. Die Zahl der Geburten beträgt auf 1000 Einwohner für das Jahr 1935 in Deutschland 18,9, in Großbritannien 15,2 und in Frankreich 16,2. Frankreich hatte 1935 trotz des Zuwachses von Elsaß-Lothringen nur noch 294 000 Eheschließungen, was selbst gegen die Vorkriegszeit einen Rückgang bedeutet. Denn 1913 wurden in Frankreich allein 312 000 Ehen geschlossen; auch die Zahl der Geburten war in Frankreich vor dem Kriege höher als heute. So wurden 1913 rund 790 000 Geburten gezählt, gegen 639 000 im Jahre
Urquell
John Galsworthy.
3u feinem 70 Geburtstage am 14. August.
John Galsworthy, der bei seinem Tode vor vier Jahren einer der berühmtesten Männer Englands war, hat lange auf diesen Ruhm, warten müssen. Fast ein Jahrzehnt lang war er schriftstellerisch tätig, eine Reihe Bücher aus seiner Feder lagen vor, bis das englische Publikum sich im Jahre 1906 plötzlich darüber klar wurde, daß der Roman „The Man of Property" das glänzendste Buch des Jahres sei. Fast gleichzeitig errang Galsworthy mit seinem Stück „The Silver Box den ersten großen dramatischen Erfolg. Seitdem war fein Ruhm in feiner Heimat in stetigem Wachsen und drang bald auch über England hinaus.
Zu uns kamen die ersten Uebersetzungen der Gals- worthy-Bücher einige Jahre vor dem Kriege, wirklicher Besitz wurde der Dichter uns aber erst nach dem Kriege. Und vielleicht durch keinen anderen ist uns englisches Wesen so nahe gekommen wie durch ihn. Das wohlhabende Bürgertum einer zu Ende gehenden Epoche, das Galsworthy schildert, ist ja eine europäische Erscheinung, wenn auch in jedem Lande von besonderer nationaler Prägung. Diel Verwandtes schwingt in uns mit, wenn wir Galsworthy lesen, ein gutes Stück unseres eigenen Wesens sehen wir durch ihn enthüllt und bejahen ihn daher aus demselben Trieb zur Selbsterkenntnis, der ihm in seinem Vaterland den ungeheuren Erfolg verschaffte, zugleich fesselt uns aber auch das Fremde, das typisch Englische, das aus den geschilderten Verhältnissen zu uns spricht wie aus der gepflegten Schilderung des Dichters selbst. Denn das ist das Eigenartige an Galsworthy: er war selber das, was er schildert und kritisiert. Er entstammte jenem wohlsituierten, gefestigten, sorgenfreien Bürgertum, dessen Abgründe und Untiefen er uns erschließt, er kannte es bis in seine letzten Wurzeln und Verästelungen, und zugleich war es ihm möglich, sich so weit davon zu distanzieren, daß er zu seinem schonungslosen Kritiker werden konnte.
Doch seine Kritik ist niemals zerstörerisch wie beispielsweise die eines Shaw. Im Gegenteil, Galsworthy liebt, was er kritisiert, ja, man darf sagen, er kritisiert, weil er liebt. Das bewahrt ihn vor jeder Verzerrung und Uebertreibung, das gibt seiner Darstellung die zurückhaltende Sachlichkeit, die nur von verhaltener leidenschaftlicher Anteilnahme glüht. Als echter Engländer ist Galsworthy Realist, kein Weltverbesserer, der die Dinge durch die Brille seiner Meinungen und Wünsche sieht und sie anders
zu machen wünscht, als sie sind. Sondern mit welt- offenen Augen läßt er sein, was ist und gelten, was gilt. Aber mitten in die Wende zweier Zeitalter gestellt, spürt er alle brüchigen Stellen an der Fassade, alle heimlichen Risse und Stockflecke, die dem oberflächlichen Betrachter entgehen, und mit rückhaltloser Offenheit stellt er sie ins Licht.
„The Island Pharisees", die Jnselpharisäer, lautet der Titel einer seiner ersten Romane, mit dem er den Weg bezeichnete, den er eknschlug. und auf dem er es in seinen späteren Werken, zumal in den acht Bänden der „F o r s y t e Saga" zu vollendeter Meisterschaft bringen sollte. Dieses eine Kette von Generationen umfassende Epos einer englischen Familie, die aus Bauern- und Handwerkertum heraufkommt, zu Besitz und bürgerlicher Macht gelangt und darin verstockt, steht ebenbürtig neben den großen verwandten Meisterwerken der Weltliteratur, neben Gustav Freytags „Ahnen" oder Zolas „Rougon-Macquart". Doch es ist nicht wie bei Zola das große dramatische Geschehen, vielmehr sind es die inneren Spannungen, die geheimen seelischen Erschütterungen, Zusammenbrüche und Aufschwünge unter der glatten Oberfläche, die Galsworthys eigentliche Anteilnahme erregen. Die Welt der For- sytes ist eine Welt der harten und nüchternen Realität, in der alles errechenbar, alles käuflich ist, in der für Werte, die sich nicht in Tatsachen und Zahlen ausdrücken lassen, einfach kein Raum ist. Doch diese anderen Werte, die nicht meßbaren und wägbaren, lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Auch sie sind Wirklichkeit, wenn auch Wirklichkeit einer anderen Gattung. Verkörpert in einzelnen Personen betreten diese Werte immer wieder die Bühne der Forsyte-Welt, auf der sie um die Luft nach Atem ringen müssen, sie leiden und machen leiden, bringen Verwirrung und Auflösung und knüpfen neue Anfänge. Unter der Berührung ihres unsichtbaren Zaubers wandeln sich aber auch die Menschen selbst. Eine der ergreifendsten Gestalten des ganzen Zyklus ist der alte Jolyon, in seinen Anfängen ein echter For- syte, der durch feine rücksichtslose Erobererkraft erst die ganze Grundlage von Reichtum geschaffen hat, auf der die Söhne und Enkel sich entfalten können, und dessen Lebensabend doch verklärt ist von den Strahlen der „anderen" Welt.
Die gleiche unbestechliche Kritik und enthüllende Sachlichkeit, mit der Galsworthy in der „Forsyte- Saga" Grundlagen und Entwicklung des englischen Bürgertums durchleuchtet, waltet auch in feinen Romanen „Das Herrenhaus", „Der Patrizier", „Die dunkle Blume" und anderen. Noch unmittelbarer behandelt er soziologische Probleme in seinen zahlreichen Dramen, wie „Gesellschaft", „Sensation",
„Fenster", „Urwald". Während der letzten zwanzig Jahre seines Lebens war jedes neue Stück von ihm in England ein Ereignis, und doch war der tiefste Grund feiner Bühnenerfolge etwas, was auf lange Sicht eher als Mangel angesehen werden muß: die Aktualität. Im eigenen Lande und im Licht der Tageserfolge mochte Galsworthy vielleicht gleichbedeutend als Dramatiker wie als Romanschriftsteller erscheinen, doch kann fein Zweifel darüber fein, daß feine wahre dichterische Kraft in feiner Prosa liegt, und er als Der große Epiker seiner Epoche einen bleibenden Platz in der Literaturgeschichte bewahren wird. Seine Dramen werden vergehen mit Den Problemen, die sie behandeln, eine Szene aber wie der Tod Des greisen Jolyon in Der „Forsyte-Saga" leuchtet in unvergänglichem dichterischem Wert. A. v. P.
Gommerbilder.
Von Anion Schnack.
Der Sommer ist ein einziges Versteck für die Liebenden. Der gütige und lächelnde Gott Der Herzen verbirgt sie hinter taufenD Büschen unD Hecken. Er schenkt ihnen Das hohe Blumenland am Rain und die alte Gartenpforte unterm Dickicht Der Kletterrosen. Er führt sie Durch Die FelDeinsamkeit, wo nichts anDeres ist als Das Wetzen Der Grille, Das Vorüberfegeln einer Sommerwolke, Das scheue Auffliegen einer Haubenlerche und Die flirrenDe, un- endliche Woge des reifenden Korns. Er führt sie an die versteckte Bank unter dem summenden Lindenwipfel, Der sich mit Kühle unD Baumstille über sie niederhängt. Er führt sie an Das verwilDerte Grasufer Des abseits gelegenen Teiches, Der nur Dem lautlosen Fisch, Dem uralten Frosch, Der schwir- renDen Libelle unD Dem zitternDen Spiegelbild gehört. Nun sind die Liebenden allein, selig, zwei Schweigende. Nun können sie vom Glück eines ganzen Lebens träumen ober auch nur vom Gnadengeschenk eines langen Sommers. Innige Zweisamkeit, die nur Zärtlichkeiten zu geben yat, Die nur Worte Der Liebe und Der Demut flüstert, Die vor Seligkeit zu schweigen weiß und sich von der Gegenwart des anderen beschenkt fühlt. Ihr, die ihr sie seht, laßt sie allein und stört sie nicht!
O herzberuhigendes Dahintteiben! Ist es Wirk- lichkeit, ist es Traum? Tief unten glimmen und funkeln vielleicht verzauberte Dinge, Wesen aus dem Märchenreich, die fischleibige Nixe und der betörende Nöck, Die Königskrvne aus alter Zeit, der güldene Ring einer unglücklich Liebenden, das
Schwert eines Reiters, der nicht mehr heimkehrte» der Froschkönig, Der auf elfenbeinernem Throne sitzt. Wer weiß es? Wer weiß, über welchem seltsamen Wasserreich der gläserne, blaue, heitere Sonnentag sich spiegelt. Sttlle Wasserfahrt: Dann unD wann ein Silbertropfen, Die Augen weißer Wasserrosen, Der Metallblitz eines fpringenDen Fisches, Das Schilfnest quäfenDer Wasserhühner, Das Geschwätz eines Teichrohrsängers, Dann unD wann ein Wellengekräusel, Das Der MittagswinD hinzittert, eine Schaumblüte, Die entsteht unD wieder vergeht: Sinnbild des Lebens. Ich liebe solche Wasserfahrten. Schön sind sie auf Deutschen Flüssen. Wenn Dein Boot auf Der Mosel gleitet, riechst du Wein, hörst Gelächter und ländliche Kneipenmusik. Wenn Dein Boot auf Der Saale treibt, rauscht Dir Wald zu, schwermütig und sagenreich von Ruinenhügeln herunter, Die mit toten Fensteraugen in Den blauen Himmel sehen. Vom Mainufer her wirD Dir eine Mädchenhand winken, eine Marienstatue segnet Dich unsichtbar und ein Glockenton geht summend mit deinem Boot. Der Neckar fließt ganz still, langsam und von holden Bergen umsäumt. Lande! Labe Dich! Beseligt hat Dich Deine Wasserfahrt!
Zeitschriften.
— In Der Augustnummer Der „Berliner M o- n a t s t) e f t e" (Berlin W 15, QuaDeroerlag August Bach) setzt sich Der Leipziger Historiker Geheimrat BranDenburg in einer größeren StuDie einge- henb mit Dem Werk Des englischen Historikers Treue l y a n über LorD Grey auseinanDer. Das Werk Trevelyans hat in EnglanD zu Dergleichen Der Damaligen mit Der heutigen britischen Außenpolitik geführt. Professor BranDenburg weist Darauf hin, in wie starkem Ausmaße Professor Trevelyan auch heute noch Die unzweifelhaften Irrtümer in Der Politik Greys wieDerholt, als ob sie zweifellose Tatsachen seien. In Diesem Festhalten an einem Durch Die Forschung längst miDerlegten Zerrbild der deutschen Dorkriegspolitik sieht Brandenburg „eine große Erschwerung für alle diejenigen, die bestrebt sind, ein besseres Verständnis Der beiDen großen germanischen Nationen für einanDer herbeizuführen unD in Dem Gelingen Dieses Strebens Die Voraussetzung für eine frieDliche Entwicklung Europas in Der Zukunft sehen." Dr .Kurt Lothar Tank gibt ein aufschlußreiches Porträt Des französischen Staatsmannes Georges Clemenceau. Aus Dem weiteren Inhalt erwähnen wir eine Arbeit von Professor Dr. RicharD F e ft e r, über „Die Friedensoffensiven Czernins", sowie einen Nachruf auf den langjährigen Leiter der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes Dr. Johannes Kriege.


