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logle und den Vorstellungen vomunteilbaren Frieden" wesentlich unterscheiden.

Nicht mit Unrecht ist diese Entwicklung des ame­rikanischen Kontinents als eine Verneinung der führenden Stellung Europas im internationa­len Leben gedeutet worden. Das Nachkriegseuropa hat es nicht verstanden, die Welt zu organisieren und den Frieden zu sichern. So haben die Völker der neuen Welt nach der Führung gegriffen Zu­nächst indem sie diese Aufgabe für sich selbst, für ihren eigenen Kontinent zu lösen versuchten. Da­neben aber lag in diesem Vorgehen auch der Wunsch, beispielgebend zu wirken und Europa eine Lehre und ein Vorbild zu geben. Gerade m diesem Zu­sammenhang fällt auch ein interessantes Schlaglicht auf die Aktion Hulls. Wenn er es als erfreulich be­zeichnet hat, daßin diesen unruhigen Zeiten die Außenpolitik Amerikas bei so vielen Regierungen günstige Beachtung finde", so liegt auch darin etwas von dem ideologischen Führungsan­spruch der Neuen Welt gegenüber einem un­steten und zu keiner klaren Lösung kommenden Europa. Dies ist ein zeitgeschichtlich interessanter Vorgang. Auch wenn er noch keine praktischen Auswirkungen gezeitigt und wenn auch die fern­östliche Spannung den unmittelbaren Anlaß für die Bekanntgabe der 14 Punkte gebildet hat. Die Ausweitung dieser Aktion und die offenbare Be­friedigung über die von 40 Nationen eingegange­nen positiven Antworten beleuchten jedenfalls die Stellung, die die Vereinigten Staaten sich heute im internationalen Leben beimessen. Es ist heute nicht mehr das uninteressierte Abseitsstehen, sondern der Versuch, die Führung in der Welt, zumindest auf ideologischem Gebiet, an sich reißen zu wollen, die diese neue Stellung charakterisiert.

Dabei soll gar nicht geleugnet werden, daß die Vereinigten Staaten sowohl im Umkreis der pan­amerikanischen Bestrebungen, als auch mit ihrer Neutralitätspolitik fortschrittliche Gedanken ent­wickelt haben. Aber hier wie dort kann man trotz­dem nicht von reinen und wirklich vorbildlichen Friedensaktionen sprechen. Heber denErdenrest", der der Neutralittäspolitik anhaftet, ist schon ge­sprochen worden. Die stets betonte Zuneigung zu dengroßen europäischen Demokratien" und die Vorliebe für recht fragwürdige Belehrungen an die Adresse derautoritären" Staaten erleichtern die Anerkennung einer Führerrolle der Vereinigten Staaten ebenfalls nicht. Und schließlich hat sich eben jetzt die Vermietung von sechs Zerstö­rern an Brasilien unter Begleitumständen abgespielt, die schlecht zu den guten Absichten pas­sen, denen jenseits des Ozeans in schulmeisterlicher Art so gern das Wort geredet wird. Das Inter­esse für den Schutz und die Sicherheit Brasiliens in allen Ehren. Von irgendwelchen Bedrohungen die­ses Landes ist aber noch nirgends etwas zu hören gewesen, und so waren jene amerikanischen Stim­men, die die ganze Transaktion unter ein deutsch- seindliches Vorzeichen zu stellen versuchten, wohl mehr als überflüssig. Vielleicht sollte damit in Bra­silien Stimmung für ein Mietgeschäft gemacht wer­den, das zur Ausfüllung eines dje Brasilianer nicht ganz befriedigenden Handelsvertrages erfunden wor­den ist. Schön sind solche Methoden, die natürlich von der französischen Presse sofort ausgeschlachtet wurden, jedenfalls nicht.

Daneben ergibt sich aber auch ein Widerspruch mit den Bindungen der Vereinigten Staaten aus dem Londoner Flottenoertrag. Dieser Vertrag ent- hält, wie übrigens die meisten Flottenabkommen der Nachkriegszeit, die Bestimmung, daß der Ver­kauf oder die Uebertragung von Kriegsschiffen an fremde Staaten nicht statthaft ist. Es handelt sich hier um die sog.G o e b e n - K l a u s e l" Be­kanntlich hat während des Krieges der Durchbruch der deutschen KreuzerSoeben" undBreslau" durch die Meerenge bei Messina, ihr Erscheinen in Konstantinopel und ihre Uebernahme in türkische Dienste seinerzeit eine grundlegende politische Be­deutung gehabt und den Verlauf des Kriegsgesche­hens im Schwarzen Meer und im Meerengen­gebiet der Dardanellen erheblich beeinflußt. Daher rührte das Interesse der ehemaligen Siegermächte, ähnliche Vorgänge für die Zukunft zu verhindern, und dies ist auch der Grund, weshalb besonders auch von englischer Seite auf den Einbau der Goeben-Klaujel" in die Flottenoerträge der Nach­kriegszeit großer Wert gelegt worden ist. Weil die eigenen Interessen es so wollen, scheint man

Die internationale Filmschau in Venedig.

Großer Erfolg des deutschen Ufa-FilmsPatrioten".

Der auf der Internationalen Filmschau in Ve­nedig gezeigte FilmW i n t e r s e t" der RKO. Ra­dio Pictures-Gesellschaft, der ein Elendsviertel von Neuyork zum Schauplatz hat, behandelt Ereignisse, die sich an einen Justizmord anknüpfen. Mit über­zeugender Deutlichkeit heben sich die Typen von einem Hintergrund ab, der in düsteren Tönen Bil­der aus der Verbrecherwelt zeigt. Die Zahl der Menschen, die im Laufe der Handlung den Kugeln der Gangster zum Opfer fallen, ist recht erheblich, fast zu groß, als daß man den Film ernst nehmen könnte. Nur matter und mit Widerspruch gemischter Beifall begleitete das Ende des Films. Recht gut gelungen ist die Schilderung des Milieus und die Herausarbeitung der einzelnen Charaktertypen. Burgeß Meredith, die Schauspielerin M a r g o und Eduardo C i a n n e l l i/.zeigen sehr gute schau­spielerische Leistungen. Der Film der österreichi­schen Selenophon-GefellschaftW i e n e r Mode" dient in hübscher und origineller Aufmachung der Werbung für österreichische Erzeugnisse. Abzuleh­nen ist die Unwahrhaftigkeit, mit welcher der Film durchsetzt ist, denn er zeigt eine gewaltsam herbei­gezogene exklusive Welt, in der Modepuppen in den Rahmen der Natur gestellt sind. Der Film wird so zum Trugbild eines tatsächlich nicht vorhandenen Märchenlandes, in dem die Wirklichkeit unter einem Wust von Beiwerk verschwindet. Man merkt zu sehr die Absicht, so daß die beabsichtigte Werbe- wirkung verloren geht. Ausgezeichnet ist die musi­kalische Untermalung des Films mit Werken öster­reichischer Tondichter. Die amerikanische War- ner-Brothers-Gesellschaft zeigt mit Kid Galahad (Regie M. Curtiz) einen Film, dem man zwar starke dramatische Momente nicht absprechen kann, der aber wegen seiner alles eher als moralischen Handlung keineswegs als Kunstwerk bezeichnet wer­den kann. Um eine Reihe von Boxkämpfen rankt

sich ein Uebermaß von Brutalitäten, die nur bei einem sensationslüsternen Publikum Gefallen fin- den können. Im Hintergrund dieser Filmhandlung stehen eine Reihe von Gangstertypen. Obwohl in dem Film die Szenen im Ring einen breiten Raum einnehmen, kann dieser Film nicht einmal vom sportlichen Standpunkt gutgeheißen werden. Nicht der Wettkampf, sondern rohe Gewalt ist Las herr­schende Motiv. Hauptdarsteller sind Edward G. Robinson und Bette Davis. Mit dem Film Parade der Standbilder" schuf die eng­lische Strand-Filmgesellschaft einen photographisch sehr wirkungsvollen Kulturfilm über die Denkmäler Londons.

Der unter der Leitung von Karl Ritter ge­drehte UfafilmP a t r i o t e n", der als erster deut­scher Spielfilm gezeigt wurde, errang einen über­aus st a r k e n Erfolg. Die Handlung, die wäh­rend der Kriegszeit hinter den französischen Linien spielt, entwickelt sich über eine ununterbrochene Reihe von spannenden und ergreifenden Geschehnis­sen zu einem dramatischen Höhepunkt von stärkster Wirkung, lieber dem harten Kriegsgeschehen steht mit einfacher, erhebender Klarheit als höchstes Ge­setz die Achtung der Ehre des Gegners. Darin liegt der ethische Wert dieses Films. Matthias Wie­mann und Lyda Baarova in den Hauptrollen erreichen in der Kunst der Darstellung eine außer­ordentliche Höhe. So entstand durch den Zusam­menklang von vornehmster Geisteshaltung, schau­spielerischen Höchstleistungen und technischer Voll­kommenheit ein neues Meisterwerk deut­scher Filmkunst. Trotz eines gegen Schluß der Vor­führung einsetzenden Gewitterregens harrte das Publikum in größter Spannung bis zum Ende des Films aus und spendete einen so starken Beifall, wie ihn bis jetzt noch kein Film auf der diesjähri­gen Filmtunstschau erzielen konnte.

jetzt in Washington reicklich großzügig mit der Auslegung dieser Klausel zu verfahren. Um so gespannter wird man sein dürfen, ob nun England im Sinne derHeiligkeit der Verträge" etwas un­ternehmen wird.

HauslicherStreil inRot-Svamen

Anarchisten und Kommunisten in blutigen Kämpfen.

Paris, 13. Aug. (DNB.) DerSour" und an­dere Blätter berichten von einer erneuten Ver­schärfung der Gegensätze in Sowjet- j p a n i e n In Barcelona, Barbastro, Gerona und Lerida hätten die Extremisten in den letzten 24 Stunden starken Auftrieb erhalten. In Valencia habe eine Anarchistengruppe versucht, in den von dem bolschewistischen Oberhäuptling Aza na bewohnten Palast einzudringen, um gewaltsam gegen diesen wegen der Verhaftung einer Reihe von Anarchisten vorzugehen. Bei dem Kampf mit Azana-Anhängern seien zahlreiche Anar­chisten getötet ober verwundet worden. An­schließend seien neue Verhaftungen in anarchistischen und syndikalistischen Kreisen erfolgt. In Barbastro und Caspe seienPolizei"-Abteilun- gen aus Barcelona eingetroffen mit dem Befehl, den Kommunisten und Sozialoemokraten gegen die Anarchisten Hilfe zu keiften Der sog.Präsident" des Rates van Aragon, der zu den Anarcho- Syndikalisten übergegangen war, fei vom Va­lencia-Ausschuß seines Amtes enthoben worden, was wiederum in Barcelona scharfen Pro­test ausgelöst habe. Trotz strenger Absperrung sei es den Demonstranten gelungen, in die Innenstadt einzudringen. Erst nach blutigen Kämpfen seien sie von derPolizei" in die Vororte zurückgedrängt worden. Der Hauptsitz der Anarchisten und Syndi­kalisten sei die Vorstadt von Barcelona, Mont- j u i ch , wo sie Waffen- und Munitionslager angelegt hätten.

Die Sommermanöver auf Sizilien.

Rom, 13. Aug. (DNB.) Die großen italienischen Sommermanöver auf Sizilien haben mit der Landung des angreifenden Armee­

korps begonnen Bei der Ueberlegenheit der Luft­waffe und der Flottenftreitkräste wurde sie ohne größere Kampfhandlungen, wenn auch unter leb­haftem Widerstand ber* Küstenverteibigung, erfolg­reich burchgeführt. Unter dem Schutz einer Flotten­division und von zwei aus Libyen kommenden Flug- zeuggefchwadern wurde zwischen Marsala und Maz- zara die Landung von größeren Truppenverbänden durchgeführt Die Operation war, wie es in der amtlichen Darstellung heißt, in jeder Beziehung für die Zusammenarbeit aller Wehrmachtsteile inter­essant und hat wichtige praktische Ergebnisse zum weiteren Studium des Problems der Landung einer größeren Vorhut an offener, vom Feind be­setzter Küste geliefert. Der König und Kaiser sowie der Kronprinz haben den Operationen beigewohnt.

Japans Ingendsührer

als Gast Baldur von Schirachs.

Berlin, 13. Aug. (DNB.) Am Freitag trifft Graf Posinori F u t a a r a, Mitglied des japanischen Herrenhauses und Oberdirektor desA l l j a p a n i- jchenJugendverbandes" in Begleitung von zehn japanischen Jugendführern in Deutschland ein als Gäste des Reichsjugenbführers. Eine Möglich­keit, sich mit den Jugendeinrichtungen Deutschlands vertraut zu machen, bietet sich den Gästen bei dem in Bremen ftattfinbenben Gebietssport- f e st. lieber 100 000 Hitlerjungen werben vor dem Reichsjugenbführer unb ben japanischen Gästen vor- beimarschieren. Der 16. unb 17. August ist für Be­sichtigungen in Hamburg vorgesehen; am 18. August begeben sich die japanischen Jugendführer nach Düsseldorf. Der persönliche Kontakt zwi­schen dem Grasen Hutara und dem Jugendführer des Deutschen Reiches wird für die Zusammenar­beit der HI. mit dem Alljapanischen Jugendverband von richtunggebender Bedeutung fein. Bei dem ehrlichen Wunsch der japanischen Jugend zum gegen­seitigen Verständnis zwischen allen Ländern der Welt und bei dem freundschaftlichen Verhältnis zwischen Deutschland und der fernöstlichen Groß­macht, ist eine fruchtbare Zusammenarbeit ihrer Jugendverbände leicht vorauszusehen.

Vom Goldrausch zum Goldschrecken.

Von Otto Corbach

Vor sechs, sieben Jahren führte eine allgemeine Absatzkrise für Nahrungsmittel und industrielle Rohstoffe in den Erzeugerländern zu merkwürdigen Formen der Selbsthilfe. In Argentinien wurden Baumwvllballen an den Stapelplätzen verbrannt, reife Weizenfelder einfach umgepflügt, Vorräte, die. in den Seehäfen lagerten, ins Meer versenkt. In Brasilien wurden Kaffeesträucher vernichtet unb große Vorräte an Kaffee verbrannt. Die Hollätisch- Ostitische Kompagnie ließ Tausenbe Zentner Ge­würz vernichten. USA. unb Aegypten verbrannten Baumwolle. In Oklahoma, USA., brachte bie Erd­ölgewinnung nicht mehr genügend Gewinn. Der Gouverneur ließ daraufhin einige taufend Bohr­türme versiegeln, damit das Del wieder teurer werde. Sie wurden von 800 Soldaten besetzt, die die Durchführung der Betriebseinstellung über» wachten.

Von alledem ist seit einigen Jahren nicht mehr die Rede. Die Nachfrage nach den wichtigsten Lebensmitteln, Rohstoffen und Jndustrieerzeugniss. n nahm sprunghaft zu und an vielem herrscht in den meisten Ländern wieder empfindlicher Mangel. Hat deswegen der vernünftige Massenverbrauch im all­gemeinen entsprechend zugenommen? Keineswegs. Die neue Weltkonjunktur wurde in großem Um­fange hervorgerufen durch ein neues Welt-Wett­rüsten, d. h. mit dem Vorbehalt, daß über kurz ober lang ein neuer Krieg bafür sorgen werbe, daß xum mindesten die Mehrerzeugung durch eine maf- senhafte Zerstörung von Gütern wettgemacht werbe.

Es gibt nun aber gewiß seltene Güter, beren Dauerhaftigkeit aller zerstörenben Natur- unb Men­schenkräfte spottet. Dazu gehört vor allem bas Gold. Gold rostet nicht wie Eisen, fault nicht wie Kartoffel, veraltet nicht wie Zeitungen, explodiert nicht wie Dynamit, widersteht dem Feuer und ätzen­den Säuren, wird nicht von Motten zerfressen, noch vom Zahn der Zeit zernagt. Gold, das vor Jahr­tausenden zutage geschasst wurde, kann noch m dem gegenwärtigen Goldvorrat der Welt enthalten sein. Auch die zerstörenden Gewalten des Krieges kön­nen der unverwüstlichen Natur des Goldes nichts anhaben.

Die Jahresausbeute neu zutage geförderten Gol­des stieg im Gewicht von 19 673 000 Unzen im Jahre 1929 auf 35 254 000 im Jahre 1936, während aber die Ausbeute von 1929 mit 80 Millionen Pfund Sterling bewertet wurde, stellte die Aus­beute von 1936 einen Wert von 250 Millionen Pfund Sterling dar. Die starke Preissteige­rung des Goldes ist zurückzuführen auf eine Ab­wertung von etwa 40 v. H. im Ausdruck von Dol­lar, Pfund Sterling und anderen Währungen. Eine Unze Gold hat heute 166,66 v. H. des Wertes von 1929 in Pfund Sterling, d. h. sie kostet 140 Schilling statt 84 f. IIV2 d.; in Dollar ausgedrückt hat sie gegenwärtig 169 v. H. des Wertes von 1929. Der Gesamtwert für Geldzwecke verfügbaren (monetären) Goldes betrug 1932 11 512 000 000 Dollar, 1937 hin- gegen 22 697 000 000 Dollar. Die angehäuften Vor­räte monetären Goldes find teils durch Währungs­abwertungen, teils infolge wachsender jährlicher Ausbeute an neuem Golde, heute doppelt soviel wert wie vor 5 Jahren. Die nordamerikanische Union allein verfügt über 12 Milliarden Dollar monetären Goldes, eine Summe, die dem Werte des gesamten Goldvorrates der Welt im Jahre 1932 entspricht.

Die gewaltige Wertsteigerung des Goldes bei starker Zunahme der Goloförderung beweist schla­gend, daß die moderne Kulturmenschheit trotz aller Fortschritte bargeldlosen Verkehrs in immer grö­ßere Abhängigkeit vom Golde geriet, statt daß sie dessen uraltes Joch abschütteln lernte. Wenn goldarme Länder aus der Not der Tugend machen und in ihrem Geldwesen schlecht unb recht ohne ausreichenbe Golbdeckung auskommen lernen, so änbert das im ganzen an den Weltwährungs- verhältnisien nichts, solange die Wertschätzung des Goldes im Weltmaßstäbe zunimmt. Erft ein metall­freies Währungsfystem, dem eine welterobernde

Das Gesicht einer Stadt.

Von Walter Schwerdtteger.

Von ber Höhe bes Funkturms sehen wir hinaus über Berlin. Im silbrigen Dunst verschwimmen weit braußen Dächer und Kuppeln, Brücken unb Essen. Unablässig entstehen neue Linien im Gesicht biefer Stabt, löschen die Vergangenheit aus, unb man kann sie nur noch erkennen, wenn man das Neue sorgsam entfernt wie die Uebermalungen auf einem alten Bilde.

Aus dem Gesicht ber Stabt verschwinben zunächst die Bauten des neuen Reiches: der Er­weiterungsbau ber Reichsbank, für ben das Haus Benjamin Raules, Generalbirektors ber branben- burgischen Marine zur Zeit bes Großen Kurfürsten, unter ber Spitzhacke fiel; die Bauten für bie neue Reichskanzlei; ber monumentale Block bes Luft­fahrtministeriums; bie gläserne Galerie auf bem Ausstellungsgelände. Das Amphitheater des Olym­pia-Stadions versandet im Grünewald. Die breiten Asphaltbänder der Avus zerschmelzen zwischen Gras unb Baumwurzeln. Pferbehufe klappern in ben Straßen, aus benen bie Bürohochhäuser unb bie großen, lichtüberfluteten Kinos verschwunben finb. Zuweilen sieht man eins jener hohen Kutschautomo­bile, bie Daimler unb Benz bauten, zwischen ben schwanketen Pferbeomnibussen, auf deren Bock bieKonbukteure" mit fpiegelnbem Zyliter sitzen.

Gras überwuchert bie Temp e l h 0 f e r Ge­markung, die riesige Inschrift BERLIN vor dem Rollfeld des Flughafens. Wenn nicht ber Kai­ser hier Parabe abhält, kann man strickende Schä- jer mit ihren Herden antreffen. Eben erst macht Lilienthal in einem Gestell mit seltsamen Fleder- mausflügeln die ersten Gleitflüge vom Lichterfel­der Berg, au dem man mit ber neuen, vielbestaun­ten elektrischen Straßenbahn hinausfahren kann. Weggewischt von magischer Hanb sind die Rand» siedlungen der Stadt. Verlassen träumen die Havel- feen, ohne Faltboote unb Zeltstäbte an ben Ufern bes Wannsees, dessen Strandbad heute zuweilen 80 000 Besucher hat, liegen ein paar Männer unb Frauen in gebauschten, sackartigen Streifenkostümen unb geben Acht, ob irgenbroo ber Pickelhelm eines Schutzmanns auftaucht: denn Baben ist streng ver­boten. Das ist Berlin unter Wilhelm II.

Unaufhaltsam schrumpft ber steinerne Polyp zu­sammen. Roggen- unb Kartoffelfelber wachsen über bie eleganten Viertel des Westen s. Der Kur-

fürftenbamm ist eine Allee, die zwischen Wiesen nach Halensee hinausführt. Der Zoologische Gar­ten ist ein Ausflugsziel, zu dem man Sonntags mit Kremsern fährt. Die Bauten ber wilhelmini­schen Aera, in ber sich alle Architekturstile ber Ver­gangenheit trafen, finb weggeräumt: bie romanische Gebächtniskirche, Ihnes Barock, W a 11 0 t s Reichstagsgebäube. Fortgerisfen finb die Spekula- tionsbauten ber Grünberjahre, bumpfe, lichtlose Mietskasernen ohne Gesicht. Die Schächte ber Un­tergrundbahnen schließen sich. Die eisernen Hallen ber Bahnhöfe löjen sich nacheinander in Luft auf. Die glitzerten Gespinste ber Bahngeleise, bie bie Spree umschlingen, zerflattern wie Altweibersom­mer. Nur vom Potsbamer Bahnhof schnaubt noch eine kleine Lokomotive mit einem Schornstein, ungeheuer wie bie Biebermeierhütte ber Reisenden, durch bie Felder nach demVergnügungsaufenthalt Steglitz". Borsig baute sie in seinen Werkstätten norm Oranienburger Tor, wo bie junge Maschinen­industrie sich angesiedelt hat.

Langsam verliert die Stadt ben gewerblichen Charakter. Die Fabriken finb von Gärten aufge- faugt. Die Spree wird breiter und idyllischer. Last- kühne, Hafenanlagen, Kühlhäuser unb Getreide­speicher machen flachen, Kiefer bestandenen Ufern Platz. Auf ber Terrasse ber Konbitorei von Kranz- ler Unter den Linden sitzen die Stutzer mit langen Zigaretten unb löffeln gefrorenes Tutti Frutti. Am (Benbarmenmartt, wo Schinkel grabe nach bem Brand das neue Schauspielhaus errichtet, stellt ber Küfer im Keller der Weinstuben von Lutter unb Wegener immer neue Flaschen Rotwein vor den Herrn Kammergerichtsrat E. Th. A. Hoffmann, der hier mit seinen Freunden zecht.

Nun versinkt auch bas Berlin ber Romantik. Das Wahrzeichen Berlins, bas Branbenburger Tor mit bem Viergespann ber Siegesgöttin, ist fort; nur die Häuschen der Torschreiber stehen ne­ben bem Holzgitter in ber Stabtmauer, unb wenn der Kupferstecher Chobowiecki von einer Pro­menade vor bem Leipziger Platz zurückkehrt, muß er am Tor Akzese zahlen. Auf bem Forum Friebe- ricianum, an besten Eingang heute bas berühmte Reiterbenkmal Friebrichs bes Großen von Rauch steht, hat Knobelsdorfs, der Erbauer oon Sanssouci, bie Oper errichtet. Gegenüber ist bas Palais bes Prinzen Heinrich, bas heute die Uni­versität beherbergt. Die Türme, die G 0 n t a r d an die beiden Kirchen auf dem Gendarmenmarkt ge­klebt hat, löjen sich ab. Aus der Wilhelmstraße ver­schwinden die Regierungsgebäube, die unter bem

Einfluß holländischer unb französischer Baukunst ber für ben Anfang bes 18. Iahrhunberts bezeichnet ist, bort errichtet waren. Schloß Monbijou ver­sinkt wie ein Rokokotraum. Wo bie Häuser aus ber Zeit bes Soldatenkönigs standen, für bie ber bau- wütige König Gelänbe unb Nutzholz oft verschenkt hatte, niebrig, schnurgerabe ausgerichtet wie bie Grenabiere, mit Hohen, spitzen Giebelbach-Mützen, ist nur noch abgestecktes Baugelänbe. Das reael- mäßige Straßennetz ber Friedrichstadt, in Der viele ber von dem Großen Kurfürsten aufgenom­menen Rsfugiss wohnten, lockert sich auf unb ver­wirrt sich. Die astronomischen Einwohnerzahlen Berlins sinken rasch ab, wir nähern uns der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Der barocke Schloßhof Andreas Schlüters versinkt, das Zeughaus mit ben erschütterten Mas­ken ber fterbenben Krieger. Wo sich ber Lustgarten mit Laubengängen unb Wasserkünsten ausbehnte, ist nur eine Pferdeschwemme geblieben. Ein unregel­mäßiger Ring von Mauern und Bastionen zieht sich um die Stadt zusammen. Vor ben Toren drängt sich der Tiergarten, der wilbreiche sumpfige Forst der Kurfürsten, an die Stadt. Die schönste Straße, die Lindenallee zum Schloß, ist zurPlantage" ein­geschrumpft, unb bie Schweine ber Bürger wühlen im Morast, obwohl es ber Ratburchaus nicht lei­den mag". Am alten Schloß lösen sich bie Erwei­terungsbauten Lynars unb Kaspar T h e y ß' in Dunst auf; bann verschwinbet auch ber letzte Rest des Ziegelbaus mit bemGrünen Hui".

Die Duabern ber Zwingfeste, bie ber Kurfürst Friedrich Eise^zahn errichtete, als er sich in bie un­botmäßige Stadt verbissen hatte, versinkt in Schlamm. Mittelalterliche Gassen scharen sich vor bem großen Brand von 1380 um ben frühgotifchen Backsteinbau ber Nicolaikirche. Die Ziehbrücke und die hölzernen Pfahlbrücken, die die Schwester» städte Berlin und Cölln verbinden, vermorschen. Ihr gemeinsames Rathaus auf derLangen Brücke" versinkt im Zpriawa-Fluß. Eine kleine ostdeutsche Siedlung bleibt in der Talmulde, wo die alte Bern­steinstraße den Fluß überquert. Was war vorher? Eine slawische Niederlassung? Nur wenige Funde und die Namen der Städte scheinen darauf hinzu- weisen. Sicher ist, daß um die Zeitwende dichte Dorfgemeinschaften der germanischen Semnonen hier waren. Viertausend Jahre alte urgermanische Bronzewaffen hat man hier gefunden. Wo ist ein Anfang? Der Anfang einer Stadt verliert sich im Dunkel wie der Ursprung alles lebendigen Seins.

Arbeiten auf lange Sicht.

Dor nahezu hundert Jahren haben die Brüder Grimm das ,Deutsche Wörterbuch" begonnen, und es ist zur Zeit bis zum 18. Bande gediehen. Während der letzten Jahrzehnte ist, wie im August­heft der »Deutschen Rundschau" ausgeführt wird, vom Deutschen Wörterbuch meistens nur gesprochen worden, wenn über die ewigeUnvollendete", daS Schmerzenskind der deutschen Philologie, gespottet wurde. So lange aber die deutsche Sprache noch existieren wird, wird dieses Buch seinen unvergleich­lichen Wert behalten, in dem unsere neuhochdeutsche Schriftsprache gewisiermahen gehortet ist. Es ist auch viel zu wenig bekannt, daß das Wörterbuch für rund 20 Buchstaben des Alphabets fertig ist und daß es für unzählige Fragen, mit denen heute nvchdieBehörden.dasDeutscheSprachpflegeamtusw. überflüssig belastet werden, längst die gegebene Aus­kunstsquelle sein kann. Zur Zeit wird von einem Mitarbeiterstabe von etwa 20 Mann in der Stille intensiv am Werke gearbeitet, und nach dem Organisationsplan des im März gestorbenen Berliner Germanisten Arthur Hübner ist zu hosten, daß es in ein paar Jahren fertiggestellt sein wird. Wenige wiffen auch von dem ebenfalls seit Jahr­zehnten bearbeitetenThesaurus linguae latinae, dem ersten vollständigen Wörterbuch der lateinischen Sprache, einer deutschen Planung, die das höchste Jntereffe der ganzen gelehrten Welt gefunden hat und in letzter Zeit auch durch die Rockeseller-Stiftung gefördert wurde. Es ist für die Buchstaben A bis H, außer E, fertiggestellt; teils nur um der Ehre willen, teils für ein bescheidenes Honorar arbeitet ein Stab hervorragender Philologen mit, und in beiden Werken werden literarische Ewigkeitswerte geschaffen, ohne daß viel von ihren Schöpfern gesprochen würde. Es gibt noch mehrere zur Zeit laufende philologische Großarbeiten, in denen der gleiche Geist waltet; die Gesamtausgabe Jean Pauls, von deren 30 Bänden achtzehn seit .925 erschienen sind und die in zehn Zähren fertig sein dürste; die historisch- kritische Ausgabe der Briefe Riehsches, die bis zum vierten Bande gediehen ist und die sehr langsam fortschreitenden Gesamtausgaben Wielands, Grill­parzers und E.T A. Hoffmanns. Sin außerordentlich wichtiges Werk, das eine bibliographische Leistung darstellt, ist der von der Preußischen Staatsbibliothek herausgegebeneG.K.", der Gesamtkatalog der Bücherbestände der großen deutschen und öster­reichischen Bibliotheken, der ungefähr 40 Millionen Bände erfaßt, er ist erst im Buchstaben A fertig und wird wohl noch gut ein halbes Jahrhundert Arbeit erfordern. ß.