Hr.WS Erstes Blaff
187. Jahrgang
Samstag. 14. August 1937
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Sicherung des Volkstums in volkssremder Umwelt.
Ltmschau.
was
hat man erst
Wahl-Zucker in der Tschechoslowakei
Auslanddeutsche Volksforschung auf der Stuttgarter Tagung des Deutschen Auslandöinstituts.
nung der internationalen Politik f Nichteinmischungsausschuß noch sein würdiger werdendes Dasein fristet.
Nun sage noch einer, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt! Die letzte Neuigkeit kommt aus der Tschechoslowakei, dem bewußten „demokratischen Musterländle". Es ist im buchstäblichen Sinn eine zuckersüße Angelegenheit. Offenbar anläßlich der letzten Ministerkrise, in deren Hintergrund unter anderem auch die Erhöhung des Weizenpreises zugunsten der tschechischen Agrarier auf Staatskosten — es besteht Getreidemonopol —stand, haben die Regierungsparteien nun auch zugunsten der „Verbraucher" eine herrliche Idee ausgeknobelt: 7MillionenKilogra mm Zucker sollen a n Arbeitslose und Bedürftige verteilt werden. Zu dem Vorzugspreis von 2 Kronen (etwa 17 Pfennig). Die Parteien beziehen aber den Zucker vom Zuckerkartell zu 1,5 Kronen für das Kilogramm, machen also einen hübschen Zwischengewinn von 33% v. H. und füllen dadurch ihre Wahl- Eaffen auf. Natürlich nur die Regierungsparteien. Andere Parteien sind ausgeschlossen.
Nun wird ein Skeptiker entrüstet fragen, ob es denn in der Tschechoslowakei kein objektives Merkmal der Arbeitslosigkeit gibt? Nein, das gibt es nicht! Es besteht vielmehr das sog. Genter System, das die Arbeitslosenunterstützung an die Zugehörigkeit zu einer staatlich anerkannten Gewerkschaft bindet. Hier also steckt der Pferdefuß Anerkannt sind nur die sozialdemokratischen und christlichen Gewerkschaften, deren politische Parteigruppen eben auch in der Regierungskoalition sitzen. Phantastisch mutet es geradezu an, daß von den insgesamt sieben Millionen Kilogramm vier Millionen den „bürgerlichen Parteien und drei Mil-
üderzuwechseln. Einen kleinen Vorgeschmack davon, ein künftiges Sowjetspanien bedeuten würde, ..... man erst in dieser Woche wieder durch den Seeräuberkrieg erhalten, den die Soldaten Moskaus im westlichen Mittelmeer gegen friedliche Handelsschiffe der verschiedensten Nationalitäten geführt haben. Auf der anderen Seite läßt sich das erfolgreiche innere Ausbauwerk des spanischen Staatschef General Franco ebensowenig übersehen wie fein militärischer Erfolg, während in der rotspani- schen Hölle die Kette der Meutereien, Straßenkämpfe, Aufstände und politischen Verbrechen überhaupt nicht mehr abreißt. Der Anschlag auf den „Präsidenten" von Katalonien, Companys, erhellte blitzartig die innere Situation Rotspaniens. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den roten Usurpatoren in Valencia, Barcelona und Santander sind wieder einmal auf dem Höhepunkt angelangt. Nur der sowjetrussischen Einmischung und der Tyrannei der Moskowiter ist es zu verdanken, daß Spanien noch als Problem auf der Tagesord- der internationalen Politik steht, daß der ' ' t immer frag-
Seitdem der politische Hohlraum im Herzen Europas durch die Wiederaufrichtung eines mächtigen Deutschen Reiches ausgefüllt wurde, hat die Konsolidierung unseres alten Erdteils schon erhebliche Fortschritte gemacht. In einer Zeit, da überall in der Welt die Tendenz zum politischen Zusammenschluß großer geographischer Räume und rassenähnlicher Völker zu beobachten ist, muß schließlich auch die europäische Völkerfamilie ihren häuslichen Zank überwinden. Die unmittelbare Gefahr eines allgemeinen Zusammenbruchs des Abendlandes ist heute behoben, weil verantwortungsbewußte, autoritär geführte Staaten entstanden find, welche das in Form der Dritten Internationale organisierte politische Verbrechertum aus der am meisten bedrohten Spannungszone vertrieben. Wenn dennoch Europa von einer wahrhaft gerechten und friedensichernden Neuordnung weit entfernt ist, so trägt die Schuld daran der sträfliche Leichtsinn westlicher Demokratien, die sich hinter dem starken Schutzwall der antibolschewistischen Achse Berlin—Rom und seiner Vorwerke in Osteuropa sicher genug glauben, um ihre egoistischen Ziele durch einen Flirt mit dem internationalen Kommunismus besser fördern zu können. Wohin solche verantwortungslose Politik führen kann, das zeigt das Beispiel des spanischen Krieges, in dem die Komintern sicherlich nicht eine so große Rolle spielen würde, wenn sie nicht der moralischen und praktischen Unterstützung durch gewisse demokratische Länder gewiß wäre. Auch England ist gegenüber der sowjetrussischen Expansion in Westeuropa lange blind geblieben. Doch scheint es, als ob die Anziehungskraft der mitteleuropäischen Achse sich jetzt stärker erweist als die Sympathie für Volksfront - Experimente: die Wiederannäherung zwischen London und Rom ist eben im Begriffe, aus dem Stadium der psychologischen Vorbereitung in den Bereich der praktischen Verwirklichung hin
nehmen suchen für die Berichterstattung deutsche Mitarbeiter. In beiden Fällen haben tue Beobachtungen ergeben, daß immer die gleichen Personen mit den verschiedensten ausländischen Adressen in die Erscheinung treten, sobald sie aus Deutschland eine Antwort erhalten haben, und daß von dieser Seite her versucht wird, deutsche Staatsbürger zum Landesoerratz uv e r l e it e n. Wer also gutgläubig mit diesen Stellen m Berührung gekommen ist, erwirbt sich em Verdienst um das Vaterland, wenn er schleunigst den Zuständigen Polizeistellen aber seine Erfahrungen und Beobachtungen Mitteilung macht. Im übrigen kann in diesem Zusammenhang nur von neuem die Mahnung an jeden einzelnen gerichtet werden, nicht mit verschlossenen Augen durch die Welt zu gehen, aber den Mund vor fremden Ausfragern um so verschlossener zu halten. Denn draußen hat man ein begreifliches Interesse an Einzelheiten unserer Landesverteidigung, die sich ia mcht un rein Mill- tärischen erschöpft. Die Wirtschaft mit ihren zahllosen Produktionsgeheimnissen spielt m der Verteidigung eine ebenso große Rolle wie Armee, Flotte und Luftwaffe. Außerdem hat sie darüber hinausgehende Aufgaben zu erfüllen, die mit dem Daseinskampf unserer Nation auf das engste verknüpft sind. Ein unbedachtsames Wort kann von einem ausländischen Agenten aufgefangen und benutzt werden, für das eine ober andere Erzeugnis Absatzschwierigkeiten im Auslande zu schaffen, weil
die Preisgabe eines Erzeugungsgeheimnisses die ausländische Konkurrenz veranlassen kann, die gleichen Waren nun selbst herzustellen. Ganz allgemein gesprochen: was deutsch ist, gehört uns allein und geht keinen dritten etwas an. Darum muß sich jeber bie Elemente, bie sich als besonbers neugierig zeigen, vom Leibe halten unb sie ben lieber; wachungsorganen meßen. Denn je umfaffenber bie Spionageabwehr ist, befto wirkungsvoller kann sie bekämpft werben. Feber Erfolg in biesem Kampfe gereicht auch bem letzten Volksgenossen zum Nutzen.
Ev.
Zahlreiche Volkskommiftare in den Sowjetrepubliken verhaftet Moskau, 13.2Iug. (DNB.) An den oerschie- benften Orten ber Sowjetunion nimmt bie Verhaftungswelle ihren Fortgang. In Taschkent ist ber Vorsitzende bes Volkskommissarenrates ber Usbekischen Sowjetrepublik, Karimow, seines Amtes enthoben worben. Ferner würbe ber Vorsitzenbe des Exekutivkomitees des Gebietes Wladiwostok, Petrow, unb zwei weitere Mitglieder des Ge- biets-Parteien-Komitees, verhaftet. Auch der Leiter ber Jungkommunisten-Organifation von Wlabiwo- stok wirb als „Dolksfeinb" bezeichnet. Zwei weitere Volkskommissare ber weißrussischen Sowjetrepublik sind verhaftet worden, ber Volkskommissar für Binnenhandel, Gurewitsch, und der Dolkskommis- ar für Gesundheitswesen, Turatschewski.
Stuttgart, 13. Aug. (DNB.) Im Verlaufe der 20. Jahrestagung des DAI. wurde die Tagung der „Arbeitsstelle für die auslandsdeutsche Dolksforschung" mit einer öffentlichen Sitzung abgeschlossen. Die Beratungen leiteten Prorektor Prof. Bebermeyer und Prof. Kroh, beide aus Tübingen. Im Rahmen ber vorausgegangenen Beratungen hatte in Anwesenheit bes Reichsstubentenführers Dr. Scheel unb seiner Mitarbeiter ber Leiter bes Außenamtes ber Reichs- stubentenführung, Diplomingenieur Nothburft, über ben Einsatz ber Studentenschaft in ber Aus- lanbsarbeit gesprochen. Im Mittelpunkt ber öffentlichen Sitzung stauben mehrere Vorträge, bie bie Frage volksbeutscher Geschichtsauffassung behanbelten. Prof. Harolb Steinacker- Jnnsbruck sprach über bie Bedeutung der kleindeutschen, großdeutschen und volksdeutschen Geschichtsauffassung für das Auslandsdeutschtum. Der Zusammenhang der deutschen Volksgruppen untereinander und mit dem Reich könne sich nur vollenden in einem gemeinsamen Geschichtsbewußtsein, das sich auf alle Glieder des deutschen Dolkskörpers richte. Der Redner zeigte, daß in der volksdeutschen Auffassung eine neue Reichsidee verborgen liege und mit ihr die Möglichkeit, das Verhältnis der Volksgruppen zu ihren Staaten und vom Binnendeutschtum auf eine gesunde Grundlage zu stellen und so ben Weg zu finben zur Befriedigung Europas.
lieber die Psychologie der Umvolkung sprach Prof. Dr. Kroh (Tübingen). Der in einem fremden Volke lebende Mensch stehe, ebenso wie die im fremdvölkischen Raum siedelnden Volksgruppen i n einer Spannung, von deren Stärke sich derjenige kaum Rechenschaft zu geben vermöge, der als Gleicher unter Gleichen im heimischen Raum eines geeinten Volkes leben dürfe. Wie weit Menschen und Volksgruppen in dieser Spannung i h r Volkstum erhalten und sicherten, sei die Lebensfrage des Auslandsdeutschtums. Die Stärkung aller Faktoren, bie gegenüber ben wer- benben unb zwingenden Kräften ber fxemben Volks-
Umso erstaunlicher ist es, baß bie roten Luftpiraten im Mittelmeer noch immer auf bie Hilfe einer gewissen Sorte von Pressepiraten rechnen können, bie wiederum vor allem in ben westlänbischen Demokratien zu finben finb. Als bie Ueberfälle unerkannter Flugzeuge auf neutrale Schiffe bei Algier bekannt würben, beschulbigte bie liberal-marxistische Presse Englands unb Frankreichs sofort ben Faschismus, er habe bies Bombarbement inszeniert. Unb obgleich alle Anzeichen gegen eine solche These prachen, obgleich nicht ber Schein eines Beweises ür eine wiberrechtliche Betätigung ber national- panischen Luftstreitkräfte vorlag, ließ sich bie englische Regierung — unter bem Druck ber Pressestimmen — bennoch herbei, ihren Protest gegen bas Bombarbement nach Salamanca und nicht nach Valencia zu schicken. Ein ähnliches Spiel konnten wir dann vor ein paar Tagen noch einmal beobachten, als die zuständige Londoner Stelle den deutschen Zeitungsoertreter Dr. von Langen mit einer „Begründung" ausmies, die ihr von den halbbolschewistischen Lügenblättern vom Schlage des Pariser „Oeuvre" unb ber „News Chronicle" geliefert würbe. Nur zu leicht sieht man in London ben Splitter im Auge bes Nächsten, währenb man ben Balken im eigenen Auge nicht erkennen will. Wenn überhaupt eine Beschwerbe über ben Zustand ber deutsch-englischen Pressebeziehungen am Platze war, bann wohl in Berlin. Denn was bie auslänbischen Korrespondenten großenteils in ber Reichshauptstabt trieben, inbem sie einseitig bie Interessen kleiner oppositioneller Grüppchen vertraten unb barüber bie Schilberung bes wahren Deutschland vergaßen, bas grenzte fast schon an Spionage und an Mithilfe zum'Lanbesverrat. Die Zurückziehung bes „Times"- Vertreters (Ebbutt stellte beshalb eine Maßnahme bar, bie eigentlich schon lange fällig war. Nicht nur bie Englänber, sondern auch andere Staaten sollten sich gerade in pressepolitischer Hinsicht ein Beispiel an Deutschland nehmen, bei uns ist feit bem Erlaß des Schriftleitergesetzes bie Verhetzung ber öffentlichen Meinung im In- unb Auslanb burch beutsche Journalisten völlig unterbunben. Eine internatio« nale Bereinigung des Pressewesens würde in der Tat sehr dazu beitragen, den politischen Zank und Streit in Europa zu vermindern, eine Aufgabe, bie um so bringlicher ist, als jenseits ber Weltmeere bie Bildung politisch homogener Großräume in stetigem Fortschritt begriffen ist.
Dieser Tage ist auf eine besondere Spielart bes auslänbischen Spionagebien st e s aufmerksam gemacht worben. Fremde Kreditinstitute versuchen unter Deckadressen Darlehenssuchende zu- friebenzustellen, angebliche auslänbifche Presseunter
welt Halt verliehen, sei bas wirksamste Mittel zur Bekämpfung ber Umvolkungsgefahren. Gemein- schatfswille, Selbstbewußtsein, Geltungsglaube, Lebenskraft, überlegene Leistung unb völkischer unb rasiischer Instinkt seien Faktoren, bie biefen Halt steigern konnten.
Einen festlichen Höhepunkt bes 20. Jahrestages bes Deutschen Auslanbsinstitutes bilbete am Frei- tagabenb ein von der Stabt Stuttgart veranstalteter Empfang ber austanbsbeutfd)en Gäste in ber Villa Berg. Mit ihren prächtigen Räumen unb herrlichen Anlagen gab sie einen roürbigen Hintergrunb für biefe Feierstunben. Ne-, ben ben auslandsbeutschen Gästen bemerkte man Vertreter bes Auswärtigen Amtes, bes Reichswissenschaftsministers, ber Partei und ihrer Gliederungen, der Wehrmacht, ber Wissenschaft unb Wirtschaft.
Oberbürgermeister Dr. S t r ö l i n, ber Präsibent bes Deutschen Auslanbsinstituts, hieß bie Gäste willkommen. Sein besonberer Gruß galt bem Präsi- benten ber deutschen Volksgruppen in Europa, Conrab Henlein, und bem Lanbesobmann ber deutschen Volksgemeinschaft in Rumänien, Fritz Fabritius. Mit großem Beifall wurde die Mitteilung des Oberbürgermeisters ausgenommen, daß auf das an ben Führer unb Reichskanzler gerichtete Begrüßungstelegramm eine in herzlichen Worten gehaltene Antwort eingegangen sei. In ben einzelnen Tagungen ber Jahresversammlung, so ührte Dr. Strolin aus, sei mit Recht barauf hin- gewiesen worben baß ber Wert derartiger Ver- ammlungen, vor allem in bem gegenseitigen Sich- tennenlernen und in der Anknüpfung persönlicher Beziehungen bestehe. Das sei umso wichtiger, als für ben Arbeitsverkehr bes Deutschen Auslandsinstitutes bie Entfernungen außerorbentlich groß feien.
Conrab Henlein bankte bem Oberbürgermeister dafür, daß er stets feine Verbundenheit mit den Deutschen jenseits ber Reichsgrenzen gezeigt habe.
Honen ben „sozialistischen Parteien" ber Regierungskoalition zufallen.
Es ist gerade bie richtige Einmachzeit, unb in der Tschechoslowakei ist ber Powibel (Pflaumenmus) überaus beliebt; diese Spekulation auf Powidel (und auf die Dummheit bes Wählers) kann aber auch schief gehen. Es läßt sich burchaus benten, baß bie Wähler über ihre Zucker-Abgeorbneten höchst mißliebige Gebauten bekommen. Außerbem liegt es nahe, baß aufsässige Elemente unb spitzbübische Agitatoren, benen man vielleicht in bem als barbarisch verschrienen alten Oesterreich bie Rebefreiheit gegönnt hätte, benen aber in ber bemofra- tischen Tschechoslowakei ein kräftiges Schloß vor ben Munb gehängt ist, anbeutungsroeife auf bas Zuckerthema zurückkommen.
Ein solches Thema ist besonbers jetzt für bie Tschechoslowakei staatsgefährlich unb ihrem internationalen Ansehen abträglich, da zwei Ena- länder, bie von tschechoslowakischer Seite selbst zu einem Besuch bes Laubes eingelaben worden iud, hochnotpeinlich verhört wurden, warum ie in die sudeteudeutschen Elendsbezirke gegangen iud und ob sie vielleicht gar gewagt hätten, Pho- ographien der Zustände aufzunehmen, die sich ihnen geboten haben. Alljährlich werden ja deutsche Ausflügler, die die Tschechoslowakei besuchen, feierlich und wiederholt verwarnt, nur keine Lichtbild- apparate in das „demokratische Musterländle" mitzunehmen. Die Engländer, die in die Tschechoslowakei einreisten und jetzt verhaftet wurden, haben versäumt, deutsche Zeitungen zu lesen — sonst wären sie gewarnt gewesen! B. R.
Friedenspolitik der Neuen Welt.
von Dr. Hans von Maiottki.
Es ist nicht nur bie (Erinnerung an bie vierzehn Punkte Wilsons, bie burch bie Aktion bes amerikanischen Staatssekretärs Corbell Hüll wachgerufen würbe, 14 Leitsätze b er amerikanischen Außenpolitik in bie Hauptstäbte ber Welt mit ber Bitte um Stellungnahme zu überfenben. Diese Parallele bleibt sowieso im Aeußerlichen stecken. Denn bas hochfliegende, weltfremde Programm Wilsons wurde, gründlich mißverstanden und noch gründlicher mißbraucht, zur Grundlage und Rechtfertigung jener unheilvollen Entwicklung, die in Versailles und im Genfer Völkerbund ihre traurigen Höhepunkte erreichte und die Vereinigten Staaten selbst zur Distanzierung von den mißratenen Weltbeglückungsplänen ihres damaligen Präsidenten zwang. Von den vierzehn Punkten Hulls über die internationale Selbstbeherrschung" wird man zunächst immerhin das eine sagen können daß sie fortschrittlich gedacht sind und in vielen Gedanken enthalten, die von hohem Wert für den Aufbau eines gesunden und friedlichen Dölkerlebens sind.
Aktueller und aufschlußreicher ist es aber, an Hand der Hullschen Aktion der Stellung nachzugehen, die die Vereinigten Staaten heute im internationalen Leben, nicht zuletzt in ihrem Verhältnis zu Europa einzunehmen wünschen. Um den hier eingetretenen Wandel zu erkennen, braucht man sich nur die Geschichte der letzten neunzehn Jahre in (Erinnerung zu rufen, also seit ber Zeit, ba das Wilsonsche Fiasko ben Startschuß zur Abkehr ber Neuen von ber Alten Welt gegeben hat. Die Nichtunterzeichnung ber Versailler Diktate — was freilich nicht bie Verantwortung ber Vereinigten Staaten für bie europäischen Nachkriegszustänbe milbern konnte — bas Fernbleiben von Genf unb bie glatte Ablehnung bes von Frankreich zur Sicherung bes Kriegsgewinns gewünschten Garantievertrages waren bie hervorstechendsten Marksteine auf dem Wege Amerikas in bie „Isolierung". Die Der- fchulbung der europäischen Staaten stellte für lange Zeit fast die einzige Verbindung her, bie jeboch jenseits bes Ozeans nur als eine Quelle ftänbigen Aergers und lästiger Sorgen empfunden werden konnte, jedenfalls in der Wirkung bie Jsolierungs- tenbenzen nur bestärkte.
Diese Entwicklung schuf zusammen mit der zunehmenden Verwirrung und Friedlosigkeit Nach- friegseuropas ben psychologischen Untergrund, auf bem bie Neutralitätspolitik ber Vereinigten Staaten heranwachsen und der Jsolierungs- tendenz ihren völkerrechtlichen bindenden Ausdruck verleihen konnte. Freilich, die Fassade, bie diese Neutralitätspolitik nach Jahren innerer Kämpfe und Auseinandersetzungen schließlich erhielt, wirkte enttäuschend und inkonseguent, gerade wenn man den politischen Effekt ins Auge faßte, der mit dieser Gesetzgebung doch offenbar erreicht werden jollte. Denn bas Neutralitätsgeseh ist, gemessen an feinen etwaigen praktischen Folgen, nicht etwa ein Riegel, mit bem sich die Vereinigten Staaten auf jeben Fall von ber übrigen Well abschließen. Es handelt sich vielmehr um ein sorgfältig ausgeklügeltes System, auch künftighin die finanziellen Vorteile des „Kriegslieferanten" sicherzustellen, ohne die Risiken zu übernehmen, bie — wie die Weltkriegserfahrungen lehrten — mit einer solchen Rolle verbunden sind. Abgesehen von solchen ethischen Erwägungen war jedenfalls festzuhalten, daß die amerikanische Jsolierungspolitik mit dem am 1. Mai dieses Jahres in Kraft getretenen Neutralitätsgesetz in eine neue Phase getreten war. Nicht bedingungs- und unterschiedslos ist diese Neutralität, fondern eine Funktion der außenpolitischen Interessen und Sympathien ber Vereinigten Staaten.
Neben biefer, hiermit vorläufig abgeschlossenen Entwicklung der amerikanischen Politik lief eine andere, die um den Begriff „Panamerika" kreist und auf bie Vereinigung der gesamten amerikanischen Staatenwelt abzielt. Die wachsende Völkerbundsernüchterung der ursprünglich nach Genf neigenden sübamerikanischen Staaten hat diese Be- ftrebungen ebenso gefördert wie die kluge Absage Roosevelts an jene nordamerikanischen Vorherrschaftsgelüste, die im Süden seit langem Mißtrauen erregten und den Annäherungsversuchen Washingtons hinderlich im Weae standen. Die Ende ver- aangenen Jahres in Buenos Aires abgehaltene Panamerikanische Konferenz brachte bann aber die Entwickluna um ein gut Stück vorwärts, und es zeichnete sich in deutlichen Umriffen bas ab, was man schlaawortartiq als „pax ameri- cana“ bezeichnet hat. Tatsächlich handelte es sich darum, daß unter Führung Washingtons der Der- such gemacht wurde, die amerikanische Staatenwelt auf ein System ber Friebenssicherung zu verpflichten, bas nur mit frieblichen Mitteln arbeiten will. Das trat vor allem in ber Klausel zutage, auf jede Gewaltanwendung im internationalen Leben zu vernichten und nicht um des Friedens willen Krieg zu führen. Der Beschluß der Konferenz schließlich, jealiche Streittgkeiten, also auch solche politischen Charakters, einem Schiedsaericht zu unterbreiten, die Bestimmuna, im Falle einer Kriegsgefahr über die Möglichkeiten friedlicher Beilegung zu beraten, die Entsagung ieder Einmischung in bie inneren und auswärtigen Angelegenheiten frember Staaten, — das alles waren beachtliche Gedanken- aänge. Um so mehr, als hier der amerikanische Kontin-nt eigene Weae ging und, ohne zwar in offenen G^aenlaß zu Genf zu treten, sich zu Ideen bekannte, bie sich von ber Genfer Sanktions-Ideo-


