Noch der mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Festrede und nach einem Zwischenspiel des Collegium musicum hielt der
Studentenführer Krank
eine Ansprache, in der er etwa Folgendes fagt£t
Magnifizenz, Professoren, werte Gäste, Kameraden! Wenn heute unsere Hochschule auf ein dreihundertdreißigjähriges Bestehen zurückblicken kann, so interessiert ihre geschichtliche Vergangenheit, die ich in kurzen Zugen darstellen will: Unsere Universität verdankt ihre Entstehung jenem Marburger Erbfolgestreit, der im Oktober 1604 aus- brach. Die Landgrafen von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt zankten sich damals um das Erbe des im Jahre 1604 kinderlos verstorbenen Landgrafen von Marburg. Ein besonderer Zankapfel ist die schon 1527 von Philipp dem Großmütigen gegründete Marburger Universität. Im lutherischen Marburg kommt es zu größeren Unruhen und Tumulten, als Moritz von Kassel entgegen der Erb- folgebestimmung das reformierte Bekenntnis ein- führt. Aus diesem Anlaß verlassen viele Marburger Professoren die Stadt und finden in Hessen- Darmstadt Aufnahme. Der hessische Landgraf Ludwig der Fünfte hat schon längst den Gedanken zur Gründung einer eigenen Universität gehegt. Schon 1605 macht man ihm den Vorschlag, eine Hochschule mit 4 Fakultäten zu gründen. Als die vertriebenen Marburger Professoren in Gießen eintreffen, wird die Gründung unserer Alma mater beschlossen.
An Studenten haben wir im Anfang durchschnittlich 320, so daß es damals nur 6 deutsche Universitäten gab, die mehr Besucher aufzuweisen haben. Doch auch Störungen können nicht ausbleiben. 1622 erhalten die Studenten eine grün-gelbe Fahne mit der Aufschrift: „Litteris et armis ad utrumque parali“. Zur Zeit der Aufklärung macht Gießen Fortschritte auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung, vor allem die Naturwissenschaften treten in frischer Blüte hervor. Jedoch erst mit den Tagen eines Justus von Liebig gewinnt Gießens Hochschule auch über die Grenzen des Landes hinaus ihren großen Ruf. Dem berühmten Vater der deutschen Chemie standen zur Seite Männer wie der Physiker Konrad Röntgen, die Juristen L i ß t und Jhering. Mit Macht treten die Naturwissenschaften nun hervor, die zahlreichen Institute, die unsere Hochschule besitzt, legen lebendiges Zeugnis davon ab. Schon 1785 rühmt der Päd- dagog Campe den guten geselligen Ton, der in Gießen bei Studenten und Professoren herrscht.
Wir, die wir heute das 330jährige Bestehen unserer Alma mater feiern und uns zü ihren treuen Anhängern zählen, können hierfür und für viele andere Vorzüge unserer Hochschule wohl Gründe angeben. Nicht nur die kameradschaftliche, sondern auch die wissenschaftliche Arbeit wird hier in persönlicher Verbindung auch zwischen Lehrenden und Lernenden in einer Weise ergiebig, wie dies an Hochschulen mit großen und größten Zahlen wohl kaum der Fall sein kann. Wir sind eine kleine Universität. Jawohl! Gerade darin aber können wir heute einen Vorzug erblicken. Wenn heute immer wieder auf das Land als Erneuerungsauell alles völkischen Lebens hingewiesen wird, so ist klar, daß gerade Gießen diese Nähe und Verbundenheit gewiß ist.
Heute, nach der Wandlung, die der Führer in unserer aller Denken und Fühlen bewirkt hat, sehen wir in dieser Verbindung mit der landschaftlichen Heimat, die uns umgibt, einen Aufgabenbereich, der auch an den Studenten weitgehende Anforderungen stellt. Ich erinnere hier nur an die Erntehilfe, den Landdienst, den Fabrikdienst usw. Wenn mir uns aber auf unsere eigentliche Bestimmung besinnen, so wird uns klar, daß mir in erster Linie zu studieren haben. Studium das heißt für uns, Einsatz der ganzen Persönlichkeit. Da zum ganzen Menschen nicht nur die Erfüllung wissenschaftlicher Pflichten und Aufgaben gehört, da mir aus der Geschichte gelernt haben: jede nur kulturelle, nur bildungsmäßige oder nur private Tätigkeit führt zum Ruin des Ganzen — deshalb sehen mir Studenten von heute ein Ideal des Lernenden, das uv5 mit ganzer Kraft auch der politischen Wirksamkeit zuführt. Student sein, das heißt Wissen; jede Spezialleistung ist zum Mißerfolg verurteilt, wenn sie als solche ein Eigenrecht und Eigendasein beansprucht. Jede fachwissenschaftliche Bildung ist grundlegend notmenbig. Aber sie wird erst wahrhaft
von Bedeutung und letztlich von Erfolg sein, wenn der, der sie vollbringt, ihre innerste Notwendigkeit allein darin begründet, daß sie dem Ganzen des Volkes dient.
Aus dieser Erkenntnis heraus, die nicht nur mir, sondern uns allen mehr oder weniger deutlich ist, richte ich an diesem denkwürdigen Tage an Sie meine Kamerade den Appell: Setzen öie sich restlos ein, und auf allen Gebieten, an die Sie Ihr persönliches Geschick heranführt. Wir wollen an diesem Tage der frohen Rückschau nicht vergessen, daß unser Wirken, wie es sich in unseren Organisationen vollzieht, die Grundlage werden soll für die studentische Lebensform im ewigen Reich des Führers.
Professor Dr. Hildebrandt nahm anschließend Die
Preisverteilung
vor:
Für die Bearbeitung der von der Osann-Beul- witz-Stiftung ausgeschriebenen Preisaufgaben erhielten die ausgesetzten vollen Preise:
1. Preisaufgaben für Studierende:
1. Aus dem Gebiet der Theologischen Fakultät: „Die Bilder vom Kampf in den Briefen des Paulus und ihre Bedeutung für die sittlich-reli- giöse Haltung des Christen" Verfasser: stud. theol. Hermann Seibel aus Darmstadt.
2. Aus dem Gebiet der Medizinischen Fakultät: „In welcher Weise äußert sich eine Allergose am Auge?" Verfasser: Med.-Prakt. Max Arp aus Kiel.
3. Aus dem Gebiet der Medizinischen F a • kultät: „Häufigkeit, Art, Ursache und Dauer der in der Medizinischen Universitätsklinik Gießen von
1931 bis 1935 beobachteten Herzerkrankungen". Verfasser: Med.-Prakt. Fritz Jüngst.
4. Aus dem Gebiet der Philosophischen Fakultät: „Welche Gesichtspunkte der Moliöre- Kritik lassen sich an Hand des Misanthrope durchführen?" Verfasser: cand. phil. Josef Vock, Gießen.
5. Aus dem Gebiet der Philosophischen Fakultät: „Die Stellungstypen des Verbums im Urgermanischen, unterschieden nach Haupt- und Nebensatz". Verfasser: Studienreferendar Karl Schneider, Gießen.
6. Aus dem Gebiet der Philosophischen Fakultät: „Die bisherigen polarisationsoptischen Erkenntnisse über den Feinbau der Sehzellen sollen auf die Ontogenese und auf Formen aller Wirbeltierklassen ausgedehnt werden". Verfasser: cand. rer. nat. Walter Neurath.
2. Preisaufgaben für andere wissenschaftlich gebildete Bewerber:
1. Aus dem Gebiet der I u r i st i s ch e n Fakultät: „Die Stellung der juristischen Person im internationalen Privatrecht". Verfasser: Dr. Günther B e i tz k e, Gießen.
2. Aus dem Gebiet der Philosophischen Fakultät: „Das Bauernhaus des westlichen Mitteldeutschlands". Verfasser Dr. W. M e y e r - Barkhausen, Dozent für Kunstgeschichte an der Universität Gießen.
Zum Schluß sprach Prof. Hildebrandt allen Preisträgern die herzlichen Glückwünsche der Universität aus. Hierauf erhob sich der Rektor Prof. Baader und brachte ein dreifaches „Sieg-Heil!" auf den Führer aus. Mit dem Gesang der beiden Nationalhymnen, mit dem Fahnenausmarsch und dem Ausmarsch des Senats und der Lehrer wurde die Jahresfeier in hergebrachter Form beschlossen.
Aus der Giadi Gießen.
Schützt unseren deutschen Wald!
Unsere Waldungen gehören zu den schönsten Gütern des deutschen Volkes. Die volkswirtschaftlichen Werte, die in unseren Forsten ruhen, sind unabschätzbar. Kaum ein Land in der Welt hat eine so weitsichtige Gesetzgebung zum Schutz und zur Nutzung seiner Waldungen wie Deutschland.
Die Schönheit des Sommers bringt leider für den Waldbestand eine Zeit der Gefahren. Einmal sind es die Schädlinge, die sich besonders auf die Fichten- und Kiefernbestände werfen und alljährlich Verheerungen durch Raupenfraß anrichten. Die Forleule und die Nonne sind die gefährlichsten dieser Schädlinge, die ganze Waldbestände kahlgefressen haben und zu ihrer vorzeitigen Niederlegung durch Kahlschlag verurteilten. Da allein die Kiefer 46 o. H. des deutschen Waldes darstellt, so sind ihre Bestände in besonderer Gefahr, aber auch die Fichten und andere Arten des Nadelwaldes werden mitbetroffen. In neuerer Zeit ist man dazu über» gegangen, solche Bestände/ die vom Raupenfraß bedroht sind, mit chemischen Stoffen zu verteidigen, die durch Flugzeuge ausgestreut werden. Die Che- mikalien vernichten die jungen Raupen. Die neue Richtung unserer Forstwirtschaft geht darauf hinaus, auf die großen Flächen des reinen Nadelwaldes zu verzichten und zu dem Mischwald zurückzukehren. Mindestens wird erstrebt, daß die Kiefernwälder durch Streifen von Laubwald durchbrochen werden. An solchen Streifen des Laubwaldes wird der Vernichtungszug der Kiefernschädlinge aufgehalten.
Die andere große Gefahr in diesen Monaten stnd die Waldbrände. Es sind deren in letzter Zeit eine ganze Reihe vorgekommen. Der wirtschaftliche Schaden ist sehr hoch anzuschlagen. Vielfach werden Wälder von einem Alter von 40 bis 60 Jahren vernichtet, weil ein leichtsinniger Mensch ein Streichholz unbedacht wegwarf. Das bedeutet, daß die Arbeit und die Hoffnung eines ganzen Menschen- lebens in wenigen Stunden vernichtet ist. Gewiß sind manche Waldbesitzer in Waldbrandversicherungen, aber damit wird der nationalwirtschaftliche Schaden nicht wieder gutgemacht. Man vergesse nicht, daß die Forsten ein wichtiger Faktor in unserem Dierjahresplan sind, daß auch sie mithelfen sollen, Devisen ju sparen und zur Gewinnung neuer deutscher Rohstoffe zu dienen.
Ganz besondere Vorsicht ist stets beim Umgang mit Feuer in der Nähe eines Waldes zu beobachten. Die Behörden haben hier mit Recht sehr
strenge Vorschriften erlassen, und die Polizei hat mit verstärkten Kräften den Streifendienst erweitert. Die Hauptsache ist aber die Selbsterzie- hung des einzelnen Menschen; so viel Vernunft muß man von jedem verlangen, daß er im Sommer im Walde das Rauchen unterläßt und daß das Anmachen von Lagerfeuern unterbleiben muß.
Dornotizen.
Tageskalender für Montag.
Ortsgruppe Gießen-Nord der NSDAP.: 20.30 Uhr „Frankfurter Hof" für Zelle 1, 2, 3, 4, 5 und Aquarium für Zelle 6, 7, 8, 9, 10. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Peter im Schnee". — Oberhessischer Kunstverein: im großen Saal des Klubhauses Skagerrak-Ausstellung.
NSDAP., Sießen-Nord.
Hilfskassenbeiträge für Männer der SA., Reiter- SA., Marine-SA., SS., NSKK., die im Orts- gruppenbereich wohnen, werden am Mittwoch, 16. Juni und Donnerstag, 17. Juni, im Cafö Leib geza )lt und zwar für Juli, August, September 1937. Es gehört sich für einen jeden Angehörigen einer Parteigliederung, daß er pünktlich seiner Beitragspflicht nachkommt. Wer verhindert ist und niemand schicken kann, dem ist am 21. Juni auf der Geschäftsstelle, Marburger Straße 20, letztmals Gelegenheit geboten, Zahlung nachzuholen.
-Ox, Die deutsche Rrbcitofront v’/J tL5.=6cmeinRhaft „firaft durch freuöc"
Sonntag, 20. Juni, 20.30 Uhr:
Großer Heiterer Abend in der Volkshalle mit „Nazi - Eisele" und s e i n er Truppe. Preise 40, 60, 80 Rps. und 1,— RM.
Sammerlbestellungen der Betriebswarte bis Donnerstag, 17. Juni.
Kartenvorverkauf: Musikhaus Challier, Schokö- ladenhaus Huntemann, Oberhessische Tageszeitung, Kreisdienststelle.
Sonntag, 20. Juni, 16 llhr:
Gr. Sommer f e ft in Kloster Arnsburg.
Eintritt 40 Rpf.
Sametag/Sonntag, 26 /27. Juni:
Wochenendfahrt nach Düsseldorf zur großen Reichsausstellung Schaf fendes Volk.
Abfahrt: Samstag, 14 Uhr, Rückkunft: Sonntag, 24 Uhr. Teilnehmerpreis: enthaltend Fahrt, lieber» nachtung, Frühstück, eine Abend- und eine Tageskarte 9,20 K2U. 4111D
Mittwoch, 30. Juni, gegen 16 Uhr:
Billiger Sonderzug nach Marburg zu dem Freilicht-Festspiel „Scharnhor st".
Preis für Fahrt und guten Mittelplatz 1,70 RM.
Karten zu den Fahrten durch die Betriebswarte und die Kreisdienststelle Schanzenstraße 18.
Die Gießener Reichsparreitag- teilnehmer 1937 üben.
Auf dem Trieb fand gestern Vormittag die erste Exerzierübung (Vorbeimarsch in Zwölferreihen) statt, an der auch der Spielmanns- und Musikzug 116 teilnahmen. Unter der Oberaufsicht von Stan- dartenführer Lutter versahen die Teilnehmer bei der schwülen Witterung ihren nicht gerade leichten Dienst. Durch diese Vorarbeiten wird auch in diesem Jahre wieder die Gewähr dafür geboten sein, daß die „Hessen", ebenso wie in den Vorjahren, vor dem Führer bestehen können.
Die Irühkartoffel-Absatzregelung in Heffen-Aafsau.
Eine Anordnung Nr. 19 des Kartoffelwirt- schastsverbandes Hessen-Nassau besaßt sich mit der Frühkartoffel-Absatzrxgelung im Jahre 1937. In der Anordnung wird bestimmt, daß sich die Absatzregelung auf Speise-Frühkartoffeln und Kartoffeln jeder Art der Ernte 1937, die vor dem 31. August 1937 in den Verkehr gebracht werden, erstreckt. Zur Durchführung der Absatzregelung werden innerhalb der Landesbauernschaft Hessen- Nassau die Hauptanbaugebiete für Frühkartoffeln zu geschlossenen Anbaugebieten erklärt. Die Gemeinden, die zu den geschlossenen Anbaugebieten Main-Taunus, Oberhessen, Rheinhessen und Starkenburg gehören, werden in der Anordnung im einzelnen äufgeführt. Ferner enchält sie die Bestimmungen, die für die Bewirtschaftung von Frühkartoffeln im geschlossenen und offenen Anbaugebiet gelten. Die genannte Anordnung ist mit bem 10. Juni 1937 in Kraft getreten.
*
** Erfolgreich bestandene DLR.- Lehrscheinprüfung. Nach erfolgreich abgelegter Prüfung konnte dem Heinrich Eberhard, Gießen, Stephanstraße und Adolf Burkhard, Gießen, Goetheftraße, die Urkunde für den Lehrschein der Deutschen Lebens-Rettungsgesellschaft mit goldener Nadel überreicht werden.
Rundfunkprogramm
Dienstag, 15. Juni:
6 Uhr: Choral. Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 8.10: Gymnastik. 8.30: Musik am Morgen. 10: Schulfunk. Oberschlesien singt und tanzt. Hörfolge von Alfons Haybuk. 10.30: Hausfrau, hör' zu! 11.30: Sportfunk für die Jugend. 11.45: Deutsche Scholle. Sport — nicht für den Bauern? 12: Werkskonzert. 13: Nachrichten, auch aus dem Sendebezirk. Offene Stellen. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Dem Opernfreund. 15.15: „Neckarstädtchen". Plauderei von Wilhelm von Scholz. 15.30: Volk und Wirtschaft. 16: Unterhaltungskonzert. 18: Sozialdienst. 18.30: „Gückauf!". Aus dem Leben des deutschen Bergmanns. 19: Kammermusik. 19.45: Der Zeitfunk bringt den Tagesspiegel. 20: Nachrichten. 20.10: Dardanellen — Gallipoli. Ein Ruhmesblatt aus der Geschichte der alten Kriegsmarine. 21: „Unsere blauen Jungs". 22: Nachrichten, auch aus dem Sendebezirk. 22.30: Unterhaltung und Tanz. 24 bis 2: Nachtkonzert.
Die Industrie, und Handelskammer Gießen aibt Auskunft: 43 1: Neue Zusammenfassung und Abänderung der bisherigen bulgarischen Devisenbestimmungen — Wortlaut der neuen „Allgemeinen Verordnung über Ein- und Ausfuhr". — 4 3 2: Umsatzsteuerumrechnungskurse für die nicht in Berlin notierten ausländischen Zahlungsmittel. — 4 3 3: Güter in Behältern Deutschland-Polen. — 4 3 4: Frachtermäßigungen für den Ein- und Ausfuhroerkehr. — 4 35: Exportoaluta-Erklärun- gen bei Paketen nach Mandschukuo.
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Boman von Walther Kloepffer
Copyright 1936 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
20 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Etwas später gingen auch Frau Enaasser und der Verwalter Tutschek die Stiege hinauf. Viktoria war von ihm um einen Tanz gebeten morden und wollte ihres Mannes wegen nicht unhöflich fein. Der Professor saß unten in der Gaststube beim Pfarrer und Lehrer und beackerte sein Lieblingsthema. Das Ehepaar Engasser war überhaupt nur deshalb anwesend, weil der Gastwirt Körn so dringend gebeten hatte, ihm die Ehre ihres Besuches au schenken. Aber viel Freude hatte Viktoria an dieser Begleitung nicht. Tutschek kam gerade zu einem Walzer recht. Es ließ sich nicht abstreiten, daß er ein blendender Tänzer war; aber er drückte feine Partnerin zu eng an sich und war ihr auch sonst unangenehm. Als der Tanz zu Ende war, sagte Viktoria: „Ich möchte jetzt wieder hinunter, es ist so schwül hier."
Mitten aus der Treppe, die zufällig leer war, riß Tutschek Viktoria an sich und versuchte sie zu küssen. Sie bog ihr Gesicht zur Seite und klatschte ihm ihre Hand aus die Wange. Dann eilte sie davon. Der Verwalter zischte vor sich hin: „Das zahle ich dir heim, du hochnäsiges Frauenzimmer." Dann schritt er langsam wieder empor in den Saal. Er stellte sich an die Schenke und trank mehrere Gläser Kognak, um seine Niederlage hinunterzuspülen. Don hier aus bemerkte er Anna.
Diese war von einem Arm zum andern gewandert. Denn jeder der jungen Burschen wollte mit ihr Uiy^n. Der Marti saß einsilbig und eifersüchtig am Tisch, schlückelte (tin Bier, und der c»anze Abend war ihm verdorben, weil die Anna ga. nicht mehr zu ihm zurückfa«,d. Die allgemeine Ausgelassenheit hatte jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Die Burschen sangen Spottoerse aufeinander, und da auch welche aus den umliegenden Dörfern gekommen waren, war dies keineswegs harmlos. Dem FenA fein Aeltester fchieve mißgünstig zu zwei Buchlkamern hinüber, die sich mit einem Schellenberger Mädchen unterhielten. Dann fing er mit überkippender Stimme herausfordernd zu krähen an:
,,D' Büchlkamer warnd a Leut' —
Wenn f a Geld harn, gehn f a weit;
Wenn j’ koans harn, gehn f langsam.^ Wißts was, ihr könnts uns allzamm!"
Einer von den Büchlkamem schrie nicht faul dawider:
„Hennerl, bi bi,
Hennerl, bo bo,
Wennst mir koa Da net legst, Stich i bi o."
— was gegen die Schellenberger ging, die rundum als Notnickel verschrien waren. Der Wirt Kem suchte Ruhe zu stiften. Er gab den Musikanten einen Wink, einen flotten, lauten Landler aufzuspielen.
Tutschek drängte sich zu Anna durch, die mit roten Backen an einer Säule lehnte. Der Kognak hatte ihn aufgepulvert und aufs neue unternehmungslustig gemacht. War's die Enaasierin nicht, würde es eben die Anna sein. Dieses Schäfchen von der Wasserkante kam ihm gerade recht. War ja viel zu schade für diese Schellenberger Muhagl und Tölpel. Er begann gewandt:
„Ach, Fräulein Anna, wie nett! Auch da? Eben sehe ich Sie. Darf ich um den nächsten Tanz bitten?"
„Ich möchte eine Zeitlang aussetzen, Herr Tutschek. Bißchen schwindlig, verstehen Sie. Die Burschen hier sind sv wild."
„Dann rate ich Ihnen, ein wenig an die frische Luft zu gehen. Ich begleite Sie, wenn Sie gestatten. Ucbrigens herrscht ziemlich dicke Luft hier; wenn mich nicht alles täuscht, wird es heute noch eine Rauferei geben, und dem möchte ich Sie nicht aussetzen."
„Wirklich?" meinte die Anna erschrocken.
„Ja, leider. Die Leute können ja nicht Maß halten." Er sagte „Bitte!" und ging ihr voran die Treppe hinunter.
„Wie das guttut! Droben war es so heiß. Ich glaube, ich bin auch ein bißchen betrunken. Sie gaben ja keine Ruhe gegeben. Wenn einer ein volles Glas hatte, mußt' ich ihm Bescheid tun .. ", lachte die Anna und fächelte sich die erhitzte Stirn.
„Wenn ich mir ein offenes Wort erlauben darf, Fräulein Anna — aber, bitte, nicht Übelnehmen! —, ist das überhaupt keine Gesellschaft für Sie. Die Herren droben in Ehren, aber schließlich ist das doch nicht das, was Sie suchen. Hinter dem Haus ist ein Obstgarten mit einer Bank. Darf ich Sie hinführen?"
Anna hatte gegen den Obstgarten nichts einzuwenden.
Tutschek gab sich sichtlich Mühe, nett zu fein und ihr Vertrauen zu erringen. Er plauderte interessant von allem möglichen und gefiel Anna immer besser. Da verschiedene andere Paare sich gegen den Obstgarten zubewegten und gleichzeitig im Saal droben ein heftiges Geschrei losging, machte der Verwalter den Vorschlag, noch ein bißchen spazierenzugehen oder eine Tasse Tee bei ihm zu trinken, weil es zum Heimgehen noch zu früh wäre. Anna dachte an ihren Kummer und an das ihr verleidete Doktor- Haus und nickte. Dann schritten sie durch schlafende Felder dem Schloß zu, und Tutschek redete unbefangen, obwohl alles in ihm nach bem Mädchen schrie. Dor dem Derwalterhaus hatte Anna leise Bedenken, aber Tutschek gelang es, diese zu zerstreuen.
Die Nacht war frisch, aber nicht kalt, und senkrecht über dem Schloß stand ein einzelner großer Stern. „Bitte, einzutreten!" sagte Tutschek und drehte das Elektrische im Hausflur auf. Anna war noch ein wenig wirbelig im Kopf, aber im großen ganzen war ihr Zustand nicht unangenehm. Tut- scheks kleine Junggesellenwohnung versetzte sie in Helles Entzücken. „Ach", sagte sie nur und strich mit den Fingern scheu über die Damastbespannung eines Sessels. Dieses Wohnzimmer, zartblau und mit honiggelben Biedermeiermöbeln ausgestattet, war ja noch viel schöner als jenes im Alsterhotel, bas sie durch Tränen verbunkelt gesehen hatte. Wer in einem solchen Zimmer wohnte, konnte kein böser Mensch sein...
„Nichts Besonberes, aber gemütlich", meinte Tut- schek beiläufig unb war um einen Platz für sie besorgt. „Sessel? Ja? Halt, Sie müssen auf bas Sofa; bann haben Sie bas ganze Zimmer im Blickselb. Hier sind die Teesachen. Ich fände es reizend, wenn Sie sich ihrer annehmen würden."
Das war der Tee, und das war bas Zimmer. Anna fand, baß sie es schon lange nicht mehr so nett gehabt hatte. Sie taute auf unb erzählte von Hamelskoog, von sich, von ihrer Arbeit. Nur über Fogg schwieg sie hartnäckig. Später stieg Tutschek in ben Keller unb brachte eine verstaubte Flasche Wein.
„Oh, Wein? Heute nicht mehr, danke!"
„Ein ausgesprochener Damenwein, Fräulein Anna. । ,Wein auf Bier, bas rat’ ich dir/ Nicht? Geh, Sie werben mir boch keinen Korb geben? Ich will
Ihnen verraten, daß bie Fürstin diese Sorte beson- bers bevorzugt", lächelte Tutschek.
Anna ließ ihren Widerspruch fallen. Sie versuchte einen Schluck. „Fein, wunderbar! Ich habe noch nie etwas sv Schönes getrunken!"
„Das freut mich", sagte Tutschek, hob gegen Anna das Glas und zwang sie, mitzutrinken. Später stammelte Anna: „Mir ist jetzt ganz komisch. So leicht, so schwebend. Aber müde bin ich, Herrgott! Gleich schlafe ich Ihnen ein."
Tutschek lachte.
„Darf ich mich ein bißchen zu Ihnen setzen? Was für kleine Hände Sie haben! Und diese kleinen Patscherl müssen so schwere Arbeit tun? Sie passen nicht nach Schellenberg, Anna. Man müßte Ihnen ein Schloß bauen an der Moldau oder ein Feen- häuschen an der ligurischen Küste..."
„Was bauen?" murmelte Anna schläfrig.
„Irgend etwas Wunderschönes, das nur Ihnen gehört! Merken Sie denn nicht, was mit mir los ist...? Ich bin ja so verliebt in Sie...! Willst du mir nicht einen Kuß geben, Anna?"
„Doch! Gerne." ♦
„Der Postbote ist draußen."
„Er soll nur hereinkommen", erwiderte Fogg, her gerade an feiner Stummelpfeife herumkratzte. Es fiel ihm auf, daß die Anna seit heute morgen anders war als sonst. Traumverloren, unsicher, knapp. Auch geheult schien sie zu haben. Er schob dem ge* ftrigen Vorfall im Wohnzimmer bie Schulb zu und urteilte: Das find so Launen, bas gibt sich schon „Kannst ihm einen Kirsch einschenken. Den mag er.
„Na, Ameiser, altes Haus, was bringst bu?" „Ein Telegramm hätte ich unb außerdem eine portopflichtige Dienstsache."
„Zeig mal her!"
Fogg riß zuerst bas Telegramm auf. „Ankomme heute mittag 12.35 Uhr. Bitte abholen, Dolschi' Famos bachte Fogg. Nun kam wenigstens bas mit ber Kuhleiten in Schwung. Lange genug hatte er sich nicht blicken lassen, ber Herr Ingenieur. Der Brief hingegen war aus Hamburg unb von ber Polizei. Die Buchstaben wackelten ein bißchen vor Foggs Augen. Der Inhalt besagte in bürren Worten, baß man ben Einbrecher, ein vielfach vorbestraftes Subjekt, nunmehr bingfest gemacht habe. Den größeren Teil bes gestohlenen Gelbes habe man sichergestellt. Wohin Dr. Fogg ben Betrag von RM. 8194,— überwiesen haben wolle?
Fortsetzung folgt.


