ltr.135 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)
Montag, 14. Zum 1937
330. Jahresfeier der Universität
Das Sportfest der Studenten
Das prächtige Wetter gab dem Sportfest der Universität auf dem schönen Universitäts-Sportplatz das Gepräge Der Rektor Prof. Dr. Baader konnte neben dem Ministerialrat Ringshausen auch den früheren Leiter des Institutes für Leibesübungen. Dr. M ö ck e l m a n n, der jetzt in Königsberg i. Pr. ist, begrüßen. Die Garnison war durch den Standortoffizier, Major Lange, die SA. durch Brigadeführer Schmidt und Obersturmbannführer M ü n k e r vertreten. Unter den Klängen einer Musikkapelle rückten die Studenten ein und eröffneten mit Vorführungen der Körperschule der Grundausbildung die Veranstaltung. Gleichzeitig begann an mehreren Plätzen zugleich die Austragung der einzelnen Wettbewerbe. Neben den verschiedenen Läufen, die gute Zeiten brachten, fand das Keulenweitwerfen besondere Beachtung und auch der Hochsprung erregte durch den Wettkampf der Gießener mit den ausgezeichneten Marburger Studenten großes Interesse.
Im Hochsprung wartete Pitzen, der vielseitig in mehreren Wettbewerben führend wurde, mit der beachtlichen Höhe von 1,67 Meter auf. Denker, Marburg, konnte sich nicht, wie erwartet, placieren. Beim Keulenweitwerfen erzielte Dr. Jakob vor dem Marburger P l u m, der 67,65 Meter erreichte, eine sehr gute Weite mit 67,95 Meter. Im Kugelstoßen wartete der bekannte Gießener Sportler L u h mit einer Leistung von 13,28 Meter, vor Plum, Marburg, mit 12,42 Meter auf.
Auch die Studentinnen traten durch gute Leistungen hervor.
Neben dem praktischen Uebungsspiel „Ball über die Schnur", bei dem die Dozentenschaft sich den
Flächenausstattung der übrigen Perioden dagegen betrachtet er als unverbindlich, die die Betriebsführung der Zukunft in keiner Weise binden sollte.
Aus den Vorschlägen von K l i p st e i n erwuchsen dann die modernen Altersklassenmethoden. Man wollte das wirkliche Altersklassenverhältnis dem idealen annähern, wobei die gesamtwirtschaftlichen Umstände, also Erwägungen volkswirtschaftlicher und privatwirtschaftlicher Natur, ferner der Waldzustand und die Betriebstechnik zur Entscheidung herangezogen wurden.
Der Forstwirt, der dem deutschen Volke verantwortlich dafür ist, daß die deutsche Nationalwirtschaft fortlaufend mit gleichhohen Holzmassen versorgt wird, muß den Wald mit den kritischen Maßstäben des Verstandes messen. Mit dem Herz allein fönen wir den Bestand der Forstwirtschaft nicht sicherstellen.
Zum Schluß möchte ich nicht verfehlen darauf hinzuweisen, welchen bedeutenden Anteil die Universität Gießen und das Land Hessen an dem Aufbau und der Fortbildung der modernen Forstwissenschaft überhaupt besitzen. Don den drei Begründern der modernen Forstwissenschaft gehören zwei der hessischen Heimat an, Georg Ludwig H a r - t i g und Johann Christian Hundeshagen. Das kleine Hessen hat im Jahre 1825 mit der Eingliederung des forstlichen Unterrichts in die Universität Gießen einen Schritt von ungeheurer Bedeutung gemacht. Das Gießener Forstinstitut st das älteste Forstinstitut der Welt und seine Gründung wurde Vorbild für die anderen, die diesen Schritt zum Teil aber erst Jahrzehnte später vollzogen. Bis zum Jahre 1880 war Gießen auf vielen Gebieten unseres Faches geradezu führend.
In der Folgezeit wurde der geistige Wettbewerb schärfer, weil an Stelle der bis dahin herrschenden mathematischen Richtung die naturwissenschaftliche Arbeitsweise trat, die naturgemäß wesentlich höhere Geldaufwendungen erfordert. Mancherlei Wünsche nach dieser Richtung hin tragen wir im Herzen. Ich schließe meinen Vortrag mit dem Wunsch, daß das junge Reis der Forstwissenschaft am alten Baum der Ludoviciana auch in fernen Zeiten noch grünen, blühen und fruchten möge.
ehemaligen Turnstudenten gleich stark zeigte, fand auch das Faustballspiel zwischen Dozenten- und Studentenschaft besondere Beachtung. Die geübteren Studenten errangen hierbei den verdienten Sieg mit einem guten Vorsprung von sechs Punkten. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das erste Baskettball-Spiel zwischen der Universität Gießen und der Höheren Privatschule. Die Prioatschüler verstanden sich besser auf ein überlegtes Zusammenspiel und warfen auch geschickter und zielsicherer nach dem Ballnetz. Trotz ihrer steten Vorstöße war ihnen das Glück aber doch nicht hold, denn es gelang ihnen, das Spiel zwar überlegen zu gestalten, doch die zählbaren Erfolge blieben aus. So wurden sie nur mit einem knappen Vorsprung Sieger über die sich tapfer wehrende Universitätsmannschaft.
Das Handballspiel zwischen den Mannschaften der Universitäten Marburg und Gießen beendete das Sportfest. Die flinkere und routiniertere Marburger Mannschaft trug einen knappen Sieg davon.
Am Abend vereinte ein Unioersitätsfest im Studentenheim Studenten und Dozenten mit ihren Angehörigen. Hierbei nahm der Rektor die Siegerehrung vor. Die Ergebnisse folgen.
Rektor, Dozenten- und Studentenschaft der Universität hatten für Samstagvormittag zur 3 3 0. Jahresfeier in die Neue Aula eingeladen. Der Raum war mit Fahnen und Blumen festlich geschmückt. Unter den Ehrengästen befanden sich zahlreiche Vertreter der Partei, der Wehrmacht und der sonstigen Behörden. Nach dem Einmarsch des Senats und des Lehrkörpers und dem Einmarsch der Fahnen brachte der Akademische Gesangverein C. M. von Webers „Hymne" kraftvoll und klangschön zu Gehör. Darauf ergriff
Se. Magnifizenz der Rektor profeffer Or. Baader
das Wort zu feiner Festrede über das Thema „Die räumliche und zeitliche Ordnung im Walde". Er führte u. a. aus:
Hochgeehrte Gäste, meine Damen und Herren!
Die Gründung der Universität Gießen als eine Voll-Universität mit vier Fakultäten am 9. bzw. am 19. Mai 1607 nach langen Verhandlungen von Kaiser Rudolf dem II. genehmigt. Die feierliche Eröffnung fand am 7. Oktober 1607 statt, aber nach altem Herkommen begehen wir den Geburtstag der Ludoviciana im Sommer, zu einer Zeit, zu der die Tage lang sind und die deutschen Fluren ihr schönstes Kleid angelegt haben. Der Bannt, der vor nunmehr 330 Jahren gepflanzt wurde, hat allen Stürmen der Zeit getrotzt. Wenn man alle Männer, die in nahezu dreieinhalb Jahrhunderten an ihm gewirkt haben, heute im Geiste unter seinem Schirm versammeln könnte, so wäre das wohl die interessanteste Gesellschaft der Welt.
Den 330. Geburtstag der alten, jungen Ludoviciana begehen wir mit besonderer Freude. Dieser Tag fällt in die Zeit eines neuerstarkten und geeinten Deutschlands.
Nachdem seine Magnifizenz der Rektor unserer Universität die zahlreichen Teilnehmer der Feier die Vertreter der Partei, der Wehrmacht, der Landesregierung, der Behörden und die vielen Freunde der Universität auf das Herzlichste begrüßt hatte, fuhr er fort: Nach altem Brauch spricht der Rektor an diesem Festtag über ein Thema aus seinem Fachgebiet, und ich gebe mir daher die Ehre, vor Ihnen über „Die räumliche und zeitliche Ordnung im Walde" zu sprechen.
Der Gegenstand der Forstwissenschaft ist, so führte 'er u. a. aus, die Forstwirtschaft. Objekt der Forstwirtschaft aber ist der Wirtschaftswald. Die grund- lage der Forstwissenschaft sind somit die Wirtschaftswissenschaften und die Naturwissenschaften.
Wenn hier von einer nachhaltigen Forstwirtschaft die Rede ist, so sei zunächst erklärt, was unter Nachhaltigkeit zu verstehen ist. Die Nachhaltigkeit begreift das Streben nach der Dauer, der Stetigkeit und dem Gleichmaß der Nutzungen. Das ist ein Wirtschaftsprinzip von hoher sittlicher Bedeutung. Die Forstwirtschaft ist nicht abgestellt auf Konjunktur. Die Nachhaltigkeit ist vielmehr der Ausdruck für das unbedingte Primat der Bedarfsdeckung, das vor der Rentabilität steht. Der Erste, der die Forderung der Nackchaltigkeit in» klare Worte formulierte und der zugleich einer der drei Begründer der modernen Forstwissenschaft ist, war Georg Ludwig H a r t i g. In seiner „Anweisung zur Taxation und Beschreibung der Forste" sagt er, „daß jede weise Forstdirektion die Waldungen des Staates zwar so hoch als möglich, doch so zu benutzen suche, daß die Nachkommenschaft wenigstens ebensoviel Vorteil daraus ziehen kann, als sich die jetzt lebende Generation zueignet".
Die Nachhaltigkeit wurde aber außerdem zum Ausgangspunkt der gesamten Forstwissenschaft, denn von dieser Forderung aus hat man über bie Voraussetzungen nachgedacht, die erfüllt werden müssen, wenn man einen forstlichen Betrieb nachhaltig bewirtschaften will. So entstand die Theorie vom Normalwald, der nichts anderes ist, als ein idealer Wirtschaftswald, der alle Voraussetzungen
dauer ist auch die zeitliche Ordnung in der Idee gegeben. Wenn beispielsweise die Umtriebszeit 140 Jahre beträgt, dann müssen im idealen Fall 140 Altersstufei vom ersten bis 140. Jahr vertreten sein. Die Aufgabe der zeitlichen Ordnung besteht deshalb darin, die wirkliche Altersgliederung des Waldes der idealen anzupassen. Die (Ertragsregelung ordnet das Altersklassenverhältnis und die zeitliche Ordnung. Es gibt zahlose Methoden, nach denen die Ertragsregelung durchgeführt werden kann.
Die ältesten Methoden der Ertragsregelung sind einfache Verteilungsmethoden, bei denen die zeitliche und räumliche Ordnung in einem Akt gelöst wurden. Die einzelnen Abteilungen wurden auf die verschiedenen Perioden der Umtriebszeit derart verteilt, daß jede Periode entweder mit gleichen Flächen ober mit gleichen Maßen, ober mit gleichen Flächen unb Maßen ausgestattet war. Dementspre- d)cnb unterschieb man ein Flächenfachwerk, ein Massenfachwerk unb ein kompiniertes Fachwerk. Das Fachwerk hat ein ganzes Jahrhundert (eine Herrschaft über den deutschen Wald ausgeübt und die heutige zeitliche und räumliche Gliederung des Waldes ist im wesentlichen ein Ergebnis dieser Ertragsregelungsmethode. Das Fachwerk dachte und plante in Jahrhunderten. Es wurden Wirtschaftspläne aufgestellt, für eine Zeitdauer bis zu 200 Jahren, ein Beginnen, das in jeder anderen Wirtschaft als utopisch bezeichnet würde. Den Forstmann aber befreite dieses Denken von dem Egoismus des Tages, er stellte sein ganzes Denken und Tun zwischen die Geschlechter und das stolze Wort von Schiller, das dieser einmal den Forstleuten seiner Zeit widmete, wird auch noch von der Gegenwart als ein hohes Lob empfunden.
Es ist selbstverständlich, daß eine Wirtschaftsplanung auf so lange Sicht mit schweren Mängeln behaftet war. Und es war wieder ein hessischer Forstmann, der spätere Oberforstdirektor K l i p st e i n , der zwar den ^Grundgedanken des Fachwerks beibehielt, der aber die Ertragsregelung nur für die nächste 20jährige Periode festlegen wollte. Die
3n den Familienblättern
beginnt heute der neue Roman von Kart Hans Strobl:
„Goya und das Löwengesicht"
erfüllt, um die Dauer, das Gleichmaß und die Stetigkeit der Nutzungen sicherzustellen. Auch hier gebührt der Universität Gießen der hohe Ruhm daß die Theorie des Normalwaldes von den ersten beiden Lehrern unseres Forstinstituts ausgebaut wurde, eine Lehre, die inzwischen ihren Siegeslauf um den ganzen Erdball angetreten hat und überall dort Gültigkeit besitzt, wo man eine nachhaltige Forstwirtschaft zu treiben bemüht ist. Johann Christian Hundeshagen (er verstarb 1834 als 51jähriger in Gießen) und Karl Heyer (er wirkte von 1826 bis 1856 hier als Lehrer der Forstwissenschaft) haben die Lehre vom Normalwald ausgebaut und begründet.
Ich bespreche zunächst die räumliche Ordnung im Wald. Was ist darunter zu verstehen? Die räumliche Ordnung stand früher ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Sturmschutzes. Ein Baum des Freilandes ist immer sturmfest. Bei einem isolierten kleinen Wald ist das Bild schon ein anderes. Die äußeren Randbäume sind infolge der Traufbildung und durch die Gewöhnung sturmfest. Die Bäume im Bestandesinneren dagegen erhalten ihre Standfestigkeit lediglich durch die Vergesellschaftung mit anderen. Was für das isolierte Feldgehölz gilt, gilt auch für den Großwald mit seinem Bestandsverband. Sv wie im isolierten Feldgehölz ein Baum den anderen deckt, so deckt im Bestandsverband ein Bestand den anderen. Wenn daher auf dem Wege der Nutzung ein Bestand entfernt wird, der einen ostwärts gelagerten deckungsbedürftigen Bestand schützt — deckungsbedürftig ist der Bestand vom 40. Jahre an — dann geht mit der Ernte der Deckungsschutz verloren. Aus diesem Grunde müssen die Bestände im Wald so gelagert sein, daß den deckungsbedürftigen Beständen nach der sturmzugewandten Seite immer ein jüngerer Bestand vorgelagert ist. Aus diese Weise erhält man eine ganz bestimmte räumliche Ordnung im Wald, bei der ursprünglich das Deckungsprinzip im Vordergründe stand.
Ein neuer Wegbereiter der räumlichen Ordnung erstand der Forstwirtschaft vor nunmehr 35 Jahren in Christoph Wagner, der zu den bedeutendsten Köpfen unseres Faches zählt. Christoph Wagner machte die räumliche Ordnung im Wald zum Ausgangspunkt der gesamten Betriebstechnik, sie war für ihn Voraussetzung für den biologischen und den wirtschaftlichen Erfolg. Die räumliche Ordnung mußte deshalb nicht nur den Anforderungen des Sturmschutzes genügen, sondern sie sollte auch die Windwirkung und die Untersonnung aufheben, sie sollte beste Bedingungen schaffen für die Holzernte und die Holzbringung und zugleich die biologischen Voraussetzungen liefern für die Naturverjüngung. Von dieser Forderung ausgehend, lehnte Wagner grundsätzlich die Großfläche ab, zu der er auch den Bestand zählte. Die Entwicklung der räumlichen Ordnung geht somit seit 150 Jahren dahin, von immer größeren Flächen auf kleinere Flächen zurückzukehren. Je kleiner aber die Einheit, um so kleiner werden die Hiebszüge und die Schlagreihen. Die räumliche Ordnung im Walde ist eine rein technische Frage. Es sei aber darauf verwiesen, daß der Wald in Deutschland mehr ist als eine Stätte der Hvlzerzeugung, er ist ein Ort der Erholung und seelischen Entspannung für Millionen deutscher Volksgenossen. Der Forstmann muß deshalb darauf achten, daß eine solche Form des Waldaufbaues gewählt wird, die auch vom Standpunkt der Aefthe- tik aus befriedigt. Ich möchte weiter darauf verweisen, daß der Waldaufbau auch für die Frage der Landesverteidigung nicht ohne Bedeutung ist.
Ich kann damit die Frage der räumlichen Ordnung verlassen und werde jetzt sprechen über die zeitliche Ordnung im Wald. Diese ist aufs engste- verbunden mit 'der Ertragsregelung, d. h. mit der Bemessung d/s nachhaltig beziehbaren Hiebssatzes. Die Wurzel der zeitlichen Ordnung liegt auf wirtschaftswissenschkftlichem Gebiet. Mit der Umtriebszeit und der Bemessung der Produktions
Charlotte Wolter.
Zum 40. Todestage der großen Tragödin.
Heute sind es nicht mehr allzu viele, die die Wolter noch auf der Bühne der Wiener „Burg gesehen haben, die sie in der zweiten Halste des vorigen Jahrhunderts ein Menschenleben lang beherrschte, ja, mit der sie fast zu einem Begn f verschmolzen war. Mit Recht hat Heinrich Laube ihr in seiner Geschichte des Burgtheaters einen ausführlichen Abschnitt gewidmet, und ein Zeitgenosse hat gesagt: „Ein ganzes Kapitel des deutschen Theaters müßte Charlotte Wolter überschrieben sein".
In der Wolter wirkte jene so seltene Elementarkraft der geborenen Tragödin, die den Menschen zwingt, sich selbst in immer neue Gestalten zu verwandeln, die eigene Individualität aufzugeben im dionysischen Rausch des Einströmens in fremde Masken und Bilder, zugleich aber diese fremden Bilder aus der eigensten Persönlichkeit heraus apollinisch klar zu formen — der doppelte Trieb, sich selbst ganz aufzugeben, um sich selber erst ganz zu finden. Nichts hat diese Kraft mit kluger Berechnung der eigenen Mittel und ihrer Wirkungen zu tun, nichts auch mit „Anpassung' im üblichen Sinne, nicht einmal mit verstandesmäßiger (Erarbeitung der Rolle. Im Gegenteil, der Mangel an intellektuellen Hilfsmitteln drohte der Wolter im Anfang ihrer Laufbahn verhängnisvoll zu werden.
Ein unbezähmbarer Instinkt hatte die Tochter des armen Kölner Schneiders schon als halbwüchsiges Mädchen auf die Bretter getrieben, aber jahrelang mußte sie sich durch das graueste Schmieren- elend kleiner Wandertruppen durchschlagen und endlich froh sein, in Wien im Karltheater eine Anstellung mit einer Monatsgage von 50 Gulden zu finden, wo sie fast ausschließlich in Stubenmädchenrollen und ähnlichen beschäftigt wurde, zu denen ihre ganze Erscheinung und ihr Wesen in so groteskem Gegensatz standen, daß sie als die verkörperte Talentlosigkeit galt. Als später freilich aus dem verlachten Aschenputtel die Königin wurde, wollte jeder es „schon immer gewußt" haben, und ein halbes Dutzend Leute stritten sich um die Ehre, als ihr eigentlicher Entdecker zu gelten.
Laube erzählt in seinem „Burgtheater" über den ersten Eindruck, den er von ihr empfing: „Eines Abends war ich im Karltheater, um ein kleines Stück zu sehen, das ich nicht kannte. Da tritt em Mädchen im grauen Seidenkleide auf die Bühne
und frappiert mich. Wer ist sie? ,Das scheint mir recht gleichgültig', sagt meine Nachbarin, ,denn sie spielt ja schlecht.' Ja, sag ich und stehe unwillkürlich auf in der Loge, als ob ich sie so besser sehen wollte und könnte — aber das Mädchen hat ein Etwas, flüsterte ich vor mich hin. Ich hatte den Eindruck vornehmer Schönheit von dem Mädchen, und daß hinter dem, was sich da zeige, eine Kraft liegen könne, irgendeine seltene Kraft. Sie sprach abscheulich mit einem fast verborgen bleibenden guten Organ. Die Töne sonderten sich nicht klar zu den Worten. Aber der griechische Kopf sprach für mich. Sie war steif; aber ihre geringen Bewegungen waren edel — ich blieb dabei: dahinter liegt eine Kraft."
Es vergingen aber nach jenem Abend noch Jahre, und die Wolter hatte bereits ihre ersten Triumphe in Berlin und Hamburg geerntet, bis sie am 12. Juni 1862 in der Rolle der Iphigenie in der Wiener Burg einzog, an der sie von da an bis zu ihrem letzten Auftreten am 23. Juni 1896 ununterbrochen als hellster Stern erglänzen sollte. Die künstlerische Entwicklung der Achtundzwanzigjährigen aber war damit noch lange nicht auf ihrem Höhepunkt. Noch durch viele Jahre hindurch hatte sie gegen allzu gewaltsame Bewegungen, gegen Leidenschaftsausbrüche von unkünstlerischer Heftigkeit und gegen das bereits von Laube erwähnte „abscheuliche Sprechen", bei dem auch ihr schwer zu verleugnender rheinischer Dialekt störte, zu kämpfen. Dabei besaß sie ein Organ von wunderbarer Ausdrucksfähigkeit und Klangfülle, dem sie besonders auf der Hohe der Leidenschaft ergreifende Naturlaute zu entlocken vermochte — der „Wolter- schrei" wurde zu einer sprichwörtlichen Berühmtheit —, und in langsamer Schulung gelang es ihr, sich zu so unerreichter Meisterschaft der Sprachbeherrschung zu erziehen, daß in ihrer Deklamation auch noch die verborgensten Schönheiten klassischer Verse erschlossen wurden.
Wie edler Wein, der nach heftiger Gärung in der Jugend mit jedem Jahr firner und reiner wird, so läuterte sich ihr vulkanisches Temperament im Dienste der Kunst zu immer vollkommenerer und schlackenloserer Reise, ohne dabei an elementarer Kraft zu verlieren. „Sie ist Natur, sie wurde Kunst", sagte ein zeitgenössischer Kritiker von ihr. Ihre höchste Stärke blieben die tragischen Charakterrollen, sie war die geborene Interpretin für Shakespeare, Goethe, Grillparzer, Hebbel, wobei ihr eine unglaublich reiche Skala von Tönen zur Verfügung stand, von der himmlischen Milde der Hermione im „Wintermärchen" bis zur dämonischen Zauberkraft der Lady Macbeth, von
der zärtlichen Weiblichkeit des Klärchen bis zum königlichen Priestertum der Iphigenie. Was ihr ganz fehlte, war der leichte Humor, wogegen sie die der Tragik verwandte Satire vollkommen beherrschte.
In ihrer menschlichen und künstlerischen Entwicklung wurde sie entscheidend gefördert durch ihren Gemahl, den belgischen Diplomaten Grafen O ' Sullivan, dessen feinsinnige Natur die ihre harmonisch ergänzte. Nach seinem Tode zog sie sich in immer größere Einsamkeit zurück, inmitten fürstlicher Pracht lebte sie fast weltabgeschieden, aus der Titanin der Leidenschaft wurde mehr und mehr die Hohepriesterin der Kunst. Als sie ein knappes Jahr nach ihrem Abschied von der Bühne auch aus dem Leben schied, da erfüllte man ihren letzten Wunsch, indem man ihren entseelten Leib in ihre Jphigeniengewänder hüllte und ihn so der Erde übergab. C. K.
Der Elefant und das kleine Mädchen.
Japino ist ein Elefant, der eine erfolgreiche Laufbahn als Star in dem größten Zirkus von Neuyork hinter sich hat. Er war stets der vergnügteste und lenkbarste Elefant aus dem ganzen Tierpark, der Tausende von Kindern entzückt und ganze Büsche von ihm dargereichten Erdnüssen vertilgt hat. Sein Wärter behauptet, er sei 75 Jahre alt. Er hatte wohl kaum Widerstand von einem Elefanten in diesem gesetzten Alter erwartet, als der große Lastwagen vor Japinos Käfig hielt, um ihn in seine neue Behausung zu fahren. (Eine Laufplanke wurde für Japino von seinem Käfig zu dem Lastwagen gelegt, aber ach, als Japino den ersten Fuß darauf setzte, krachte sie durch. Das Geräusch des Krachens war Japino allem Anschein nach unangenehm, denn er setzte sich auf seine Hinterkeulen und war nicht zu bewegen, wieder aufzustehen. Der Wärter riß an den Oesen in seinen Ohren, fünfzig Männer zerrten an der Kette, die um seine Vorderbeine geschlungen war; sie versuchten sogar, Japino in den Lastwagen zu schieben, aber alles war vergeblich. Endlich bemerkte der Wärter, daß das Auge des Elefanten aufmerksam auf einem kleinen blondhaarigen sechsjährigen Mädchen in der ersten Reihe der Zuschauer ruhte, und er schlug vor, daß das Kind dies ausnützen und ihn mit Rüben verführen sollte. Gierig verschlang Japino die erste Rübe, für die zweite mußte er sich ein wenig vorstrecken, für die dritte erhob er sich ein klein wenig von seinem Sitz, und als die letzte Rübe verbraucht war, stand Japino auf einmal in dem Lastwagen. Die Tür fiel hinter ihm zu, das kleine Mädchen aber ging sehr zufrieden mit ihrer Leistung heim.
Gießener Gtadttheater.
Tanz-Gastspiel Manuela del Rio.
Die spanische Tänzerin Manuela del Rio, aus Grado in Asturien gebürtig, gab im Stadttheater ein Tanzgastspiel. Die Eindrücke, weiche dieser Tanzabend hinterließ, waren in erster Linie von dem ausgesprochen volksmäßig-nationalspanischen Charakter ihrer Darbietungen bestimmt; die mit großem Geschmack zusammengestellten Kostüme, Schleier, hoher Kamm und Kastagnetten gehören, wie uns scheint, als wesentliche Bestandteile zu dem klanglichen und visuellen Gesamtbilde ihrer Tänze. Manuela del Rio verfügt über einen wundervoll durchgearbeiteten, geschulten, jeder tänzerischen Eingebung unmittelbar und exakt nachgebenden Körper; alles, was sie tanzt, ist rhythmisch außerordentlich genau und scharf akzentuiert. Sie ist technisch sehr sicher und übrigens auch der Wirkung dessen, was sie oorführt, in jedem Schritt bewußt: die meisten ihrer Tanzfiguren teilen sich dem Beschauer ganz spontan mit. Außerdem verfügt diese Tänzerin über einen mit einfachen Mitteln sich äußernden Humor und eine mimisch gefärbte Gabe parodistischer Charakterisierung. So gewinnt sie die persönlichsten Wirkungen etwa in dem toledanischen Bauerntanz ßagarteranas (Guerrero), in dem sie ein naives Naturkind vom Lande darstellt, oder in der Stierkampf-Parodie „Vaya por Ub" (Romero), die sie ebenso witzig wie temperamentvoll absolviert. Vielleicht die eigenartigste Tanzkomposition war die „Danza Mora" von Serrano, die von der Gitarre begleitet wird und überdies neben den Kastagnetten auch das Tamburin und die „Chinchines" (Glöckchen) für die rhythmische Akzentuierung einbezieht. Charakteristisch ist in der Mehrzahl der Tänze auch der „coup de talon", das ftaccatierenbe Auftreten mit bem Stöckel, bas wie eine nationalspanische Variation bes amerikanischen Stepschritts wirkt, sehr ausgeprägt beispielsweise in ben an „Carmen" erin- nernben „Seguibillas" von Albeniz. Als klassischspanischer Tanz hat bie einleitenbe Serenata zu gelten, während bie „Goyescas", Zwischenspiel der gleichnamigen Oper von Granados, „von dessen Romantik unb Melancholie" inspiriert wurden. — Als Begleiter wirkten der Pianist Javier A l f o n s o am Flügel und Joaquin R o c a (Gitarre). Beide begleiteten mit vollkommener, schmiegsamer Anpassung unb in völliger Uebereinftimmung mit ben verschiebenen Phasen bes Tanzbilbes; beibe musizierten auch solistisch, um die notwendigen Umkleidepausen zu füllen, mit virtuoser Geläufigkeit. — Sehr freundlicher Beifall. Hans Thyriot


