Nr. 160 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag,IZ.Zuli 1<)37
Aus der Stadt Gießen.
Oer neue Rucksack.
Es ist vergeblich, Bekannte anzurufen. Entweder ,s meldet sich überhaupt niemand, oder eine fremde Stimme geantwortet: „Nein, Herr I ist verreist." .Frau Y ist in den Ferien." In den Straßen erzäh- lin geschlossene Fensterläden von abwesenden Familien; Leute, die an einem vorübergehen, sagen: Morgen früh um acht Uhr gebt unser Zug, nachmittags um vier sind wir da. Nicht, als ob ich selber nicht auch verreisen würde, aber meine Urlaubs- -eit ist noch nicht gekommen, und unter den bleiernen Stadthimmel schleichen die Tage, dehnen unruhige, schlecht durchschlafene Nächte' sich zu kleinen Ewigkeiten. Da habe ich, gerade als die Ungeduld den Siedepunkt gestiegen war, den tröstlichen Zünd gemacht, dtzr den Tag der eigenen Abreise plötzlich schon leibhaftig in mein Zimmer zu bringen cheint.
Auf dem abendlichen Gang durch die Stadt fiel nein Auge zuerst wie zufällig auf ihn, rasch trieb ich im Menschenstrom vorüber, aber rief er nicht geradezu nach mir? Nach ein paar Schritten kehrte ch um, ihn .noch einmal zärtlich verlangend zu bedachten, denn schon hatte er mein ganzes Herz bepudert — der neue Rucksack? Eigentlich hatte ich ;i die Reiseausrüstung schon zusammen, ein Rucksack latte dieses Jahr nicht auf dem Programm gestan- ten, der gute alte, der schon so viele Fahrten mit ’ mir erlebt, würde es schon noch einmal tun. Aber um hatte ich mich verliebt, da schmelzen bekanntlich ,lle Vernunftgründe, schon stand ich in dem Sport- irtikelgeschäft und fragte nach dem Preis. Der kluge Verkäufer öffnete die Schränke, breitete Rucksack um Rucksack auf dem Ladentisch aus, ach, er wußte wohl, teiß er damit nur mein Verlangen nach, dem Einen, Ersehnten steigerte. Und auf ei^nal ist es geschehen, mb ich stehe mit meinem Paket auf der Straße, von -•eubiger Erwartung und Angst zugleich heimgetrie- len. Jeder Einkauf ist ein Hasardspiel. Erst unter ler Kritik ber eigenen vier Wänbe entscheibet sich esitzerfreude ober Katzenjammer. Nun, mein Ruck- srck hat bie Prüfung glänzenb bestauben.
Ich streichele beglückt sein starkes Segeltuch, seine beiten Leberriemen, schnalle seine großen Außen- eschen auf, vergrabe die Hänbe in bie Innentaschen. !ch muß doch probieren, wie er mit Inhalt aus» \ srht! Schon fange ich an, mein Eigentum in seine !unbung zu versenken, zuerst wahllos, halb aber rit Ueberlegung, als wäre ich schon im Gebirge, inb als sollte es morgen in aller Herrgottsfrühe cif ben Gipfel gehen. Da habe ich wahrhaftig ben lilben Abenb mit Ein- unb Auspacken verbracht, richt viel anders als mein Junge am Weihnachts- d'-enb mit bem neuen Baukasten. Der Rucksack hat i: s ganze Gebirge in mein Stabtzimmer gebracht, dis Glück langer Bergwanberung, in erster Morgen- fiuhe ober unter bräunenber Mittagssonne, Rast am D iesenranb, Abkochen, Sonne ober Regen über bem Jüupt, wie der Himmel es gerade schenkt, Wind und Kolken, auf dem Gipfel, das ganze herrliche Land ni:e ein Geschenk zu meinen Füßen, und dann bie Hüttenabende mit der köstlichen wunschlosen Müdig- tiit in den Gliedern ... Schon bin ich mit meinem n uen Rucksack verbunden durch alle die zukünftigen gimeinfamen Freuden.
Der alte aber, der all dies hundertmal mit mir eiCebt hat? Jetzt habe ich nur den einen Gedanken ! fir ihn, wie ich ihn am raschesten los werde. Er ist ül.erflüjsiger Ballast geworden, ärgerlich, wie aller nicht mehr gebrauchte Besitz, den man noch für irgendwelche unvorhergesehenen Möglichkeiten mit (iO schleppt. Am besten wäre es, ich ginge noch hüte unb schenkte ihn weg. So unbankbar sind wir Denschen. A. v. P.
Dorrwiizen.
Tageskalender für Dienstag.
Reichsarbeitsgemeinschaft für Schadenverhütung: 2( Uhr Cafe Leib, Walltorstraße, Zweckdramä: „Zu fpit". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Goldfieber".
150 Lahre „Iphigenie".
Von Ernst v Niebelschütz.
Im allgemeinen pflegen wir den großen Ereig- lii'jen in der Geistesgeschichte der Vergangenheit nit)t bie Aufmerksamkeit zu schenken, bie ihnen zu- lormt. Sie vollzogen sich im Stillen, unb ihre SD rkung ist weniger mit Hänben zu greifen, ihre mögen finb bem nachrechnenben Verstaube tiefer w: borgen als bie im Vorbergrunbe bes historischen djschehens sich abspielenben Vorgänge. Es gibt 'e*en der äußeren auch eine innere Geschichte ber Menschheit, ber es um bie Entwicklung ber Seele ju tun ist, bie barum auch ihre eigenen Maßstäbe ln> Wertungen hat. Wer biese Erfahrungstatsache cn rfennt, wirb an einem Ereignis nicht vorbei- (elien können, bas vor nunmehr 150 Jahren fast intemerft in bas beutsche Geistesleben trat, es in i?i Folge aber kaum weniger nachhaltig beeinfluß hat als bie große Revolution bas französische. in Jahre 1787 erschienen bei Göschen in Leipzig bie ersten vier Bänbe von Goethes Werken, bar» unter bie enbgültige Fassung von „Iphigenie au f Tauri s".
$n biefem Drama wirb ben Deutschen bie frohe Lei schäft ber Humanität oerfünbigt, einer Humani- tät beren letzter und tiefster Sinn sich erst dem er» sihl eßt, ber sich bie Mühe nimmt, bas deutsche (tkct mit der gleichnamigen antiken Vorlage zu gleichen. Was bei Euripides im Grunde doch Litz erlich bleibt, indem der listenreichen Tochter Aglllmemnons wohlwollende Götter beispringen, die dir alten Fluch durch eine Rechtsverdrehung un- niitfam machen, das alles wirb bei Goethe in bie innersten Schichten ber Seele verlegt, bamit aber auc* bie Verwanblung bes Fluches in Segen mit ber wunder-wirkenben Heilkraft eines reinen Her- $m>, bas keiner Lüge fähig ist, menschlich verstänb- lih gemacht. Die Gottheit, in bem euripibeischen Brama ein willkürlich in bas Geschehen eingreifen» btr „Deus ex machina", ist bei Goethe bie höhere SHaiur im Menschen selber, bie keiner äußeren Hilfe dibarf, weil sie bas sittliche Gesetz in sich weiß und bonnd) handelt. Diese deutsche Jhigenie braucht nur ber ursprünglichen Stimme ihres Herzens zu gehorchen, um das zu tun, was des Gottes Wille ist. Z)?rn — wie Goethe es unvergleichlich schön in dem V.l itroort zu seinem Drama ausgesprochen hat—:
irdischen Gebrechen sühnet reine Menschlich- kit . Diese Reinheit, vorgelebt in der priesterlichen Eh«ester, sie allein ist es, die ben Orestes die Gewi ber Furien überroinben lehrt, die den belei- biot-n König versöhnt unb bas Schicksalsgesetz, bas
Hitlerjugend und Jungvolk im Spessart.
tleberall gute Eindrücke. — Glänzende Stmmung.
„Es klappert ber Huf am Stege .. ", so klingt es in ben regennassen Morgen. Zwar sind keine vierbeinigen Haferrnotore in Sicht, dafür aber eine Wandergruppe der Hitler-Jugend des Bannes 116, die in irgendein kleines Speffartdorf einrückt. Scharf bremst unser Wagen. „Na, Jungs, wie geht's?" Und schon wird mit sprühendem Eifer erzählt: Prima, ausgezeichnet, herrlich, pfundig! In den leuchtendsten Farben und den kräftigsten Jungenausdrücken wird uns versichert, daß die große Hessen-Nassau-Fahrt so gut vorbereitet sei, daß einfach unmöglich etwas nicht klappen könne!
Irgendwo im grünen Walde wurde am vergangenen Mittag das Essen eingenommen. Die schweren Affen fliegen auf den Boden und die herrlichsten Sachen, die Mutter ihrem Jungen noch schnell zugesteckt hat, kommen ans Tageslicht. Ganze Brote, Butter, Schinken, Wurst, Käse, Eier liegen auf der Zeltbahn ausgebreitet. Schon säbelt das HJ.-Fahrtenmesser riesengroße Fetzen herunter, die im immer hungrigen Magen verschwinden. Manche Mutter hätte ihre Freude daran, wenn sie ihren Jungen hier in der Gemeinschaft mit anderen Kameraden essen sehen könnte! Die Parole lautet ja auch: Der Aff' muß leer werden! In wahrhaft la- meradschaftlichen Verhalten werden die „Freßpaket- chen" mit ärmeren Kameraden geteilt, denen die Mutter nichts zustecken konnte.
Nach kurzer Pause werden die Affen wieder ausgenommen und der Marsch geht weiter. Am Eingang eines Ortes, dicht am Walde gelegen, befindet sich der Sportplatz. Wieder fliegen die Affen weg. Schon saust der Ball durch die Luft und das erste Tor ist geschossen. Bald ist ein luftiges Fußballspiel im Gange. Schließlich muß man ja auch vorbereitet sein, wenn man gegen die heimische Hitler-Jugend im Wettkampf antreten soll. Zwei Kameraden schwingen sich auf die Räder und saußen los in den Quartierort. Ihre Rückfrage bei dem Bürgermeister und dem Standortführer der HI. ergibt, daß bereits alle Vorbereitungen für ben Abenb getroffen finb. Wo 4p Jungen gemelbet finb, stehen 60 Quartiere zur Verfügung. Die Quartierscheine finb ausgefüllt unb werben ben Quartiermachern übergeben. Wenig später zieht bie Fahrtengruppe in ben Ort ein. Inmitten bes Dorfes wirb halt gemacht, bie Affen werben niebergelcgt. Schon versammelt sich bie ganze Dorfbevölkerung, soweit sie nicht noch auf ben Felbern mit Erntearbeiten beschäftigt ist. Besonbers die ganz jungen finb vollzählig versammelt unb bestaunen ihre älteren Kameraden, die mit schwerem Affen angerückt kamen. Die Quartierzettel werden ausgegeben und dann wird der Befehl zum Abrücken in bie Quartiere gegeben. Die Jungen vom Kreis Gießen stäupen! Vor ber Fahrt war ihnen nichts baoon gesagt worben, baß sie zum Abenbessen unb Morgenkaffee eingelaben würben, sogar wie bie Soldaten „richtig" einquartiert würden. Ueberhaupt, für Überraschungen war auf der ganzen Linie gesorgt! Das haben wir bei anderen Gruppen erlebt, die wir auf unseren Kontrollfahrten antrafen. Pimpfe aus der Degend von Climbach unb Lonborf waren am ersten Abenb in bem wun-
berschön gelegenen Bab Orb einquartiert, in feinen Kurhäusern unb bei Professoren. Ein Pimpf erzählte: „Da hun mär waase Dücher g'krischt, bie mußt mär uff be Schuus läsche. Die Leud' hun g'sagt, sonst roirbe bie Huuse breggisch!" Da Orb in Siefen Tagen sein hundertjähriges Bestehen als Badestadt feierte, konnten die Jungen am Abend noch das Kurkonzert im Kurgarten anhören. Bald fühlten sie sich so sehr als echte Kurgäste, daß sie gar nicht meyr ans Abrücken dachten!
Besonders „regsam" war die Hitler-Jugend von W i e s e ck und Garbenteich. Diese hatte am ersten Tag den Weg von Wächtersbach nach Bad Orb zurückzulegen. Nach einem Marsch von noch nicht zwei Kilometer gelangten sie in den Ort Aufenau und ... blieben dort. Wegen Urlaubsschwierigkeiten mußte bie für biefen Ort bestimmte Fahrtengruppe ausfallen. Wie sehr sich bie Aufe- nauer Bevölkerung auf ihre Gäste aus bem Kreis Gießen freute, geht daraus hervor, daß sie die durchwandernde HI. überredete, zu bleiben. Und wirklich! Die Jungen bekommen fabelhafte Unterkunft in Einzelquartieren. Nach dem Morgenkaffee am anderen Morgen wurde vielfach noch belegte Brote eingepackt, und einzelne Jungen bekamen sogar noch eine „Wegzehrung in bar" mit. Man muß wirklich sagen, die Bevölkerung des Kinzigtales und des Spessarts läßt es sich angelegen sein, ihre Gäste gut und reichlich zu bewirten. In ben meisten Dörfern stehen Einzelqartiere zur Verfügung, nur in ganz wenigen Orten sind Massenquartiere bereitet worden. Um die in Elternkreisen etwa aufkommende Befürchtung, wegen des etwas rauhen Wetters könnten sich die Jungen erkälten, zu zerstreuen, sei verraten, daß nach dem Programm in keinem einzigen Falle ein Uebernachten in Zelten vorgesehen ist. Immer ist dafür Sorge getragen, daß für die Nacht überdachte Räume vor- yanden sind.
In dieser und ähnlicher Form vollzieht sich das Leben ber Hitler-Jugend und des Jungvolks im Spessart. Auf dem Marsch werden Pausen eingelegt, in denen Geländekunde, Entfernungsschätzen geübt werden, auf den Sportplätzen können die Uebungen für bas HI.-Leistungsabzeichen abgenommen werden. Dazwischen wird gesungen oder werden Laienspiele eingeübt, um für die Dorfgemeinschastsabende gerüstet zu sein.
Wie fehr die Jungen von dieser ersten Großfahrt begeistert sind, geht auch aus den vielen Kartengrüßen hervor, die täglich in die Heimat gehen. In iljrer ulkigen und oft übermütigen Art ber Abfassung sind diese Karten der beste Beweis für das Wohlbefinden der Jungen im Spessart.
Nur kurze Zeit können wir bei den einzelnen Gruppen bleiben. Denn das Wandergebiet ist groß. Heber 200 Orte werden in diesen Tagen berührt im Gebiet zwischen Schlüchtern im Nordosten und Langenselbold im Südwesten, zwischen Büdingen und dem großen Uebungsplatz an der Wegscheide. So brummt unser Wagen bergauf, bergab, über blanke Reichsstraßen und von nächtlichen Gewittern aufgeweichte Waldwege von Fahrtengruppe zu Fahrtengruppe. Hk.
Neue Beigeordnete in Gießen.
Oberbürgermeister Ritter lädt zu einer öffentlichen Sitzung der Ratsherren atn nächsten Som nerstag, 17 Ühr, im Sitzungssaal des Stadthauses, Bergstraße, ein. Auf der Tagesordnung steht die Einführung des hauptamtlichen Beigeordneten Vogt und des ehrenamtlichen Beigeordneten Oberforstmeister Nicolaus in ihre Aemter.
Don der Universität.
Von der Pressestelle der Ludwigs-Universität Gießen wird uns mitgeteilt: Der Reichs- und Preu-
bis dahin über ben Kinbem „aus Tantalus' Geschlecht" blinb waltete, zur Ohnmacht verurteilt. In Iphigenie siegt bie freie Sittlichkeit über alle Moral, bie nicht aus eigener besserer Einsicht stammt.
Die uns heute fast allein geläufige Fassung ber „Iphigenie" von 1787 ist nicht bie erste. Ihr ging die Prosafassung von 1779 voraus, die wir glücklicherweise besitzen und mit der -endgültigen Form in fünffüßigen Jamben Wort für Wort vergleichen können, um zu sehen, was Goethe an der ersten „Iphigenie" mißfiel und was ihn bestimmte, das Drama, das noch in der Periode feines „Sturmes und Dranges" entstanden war, in Verse umzugießen. In dem Briefe an Herber aus Rom vom 13. Januar 1787, der die Sendung ber jambischen „Iphigenie" begleitet, spricht er von der „schlotternden Prosa" unb ber Notwenbigkeit, bas Drama „in einen gemesseneren Schritt" zu richten. Dabei gibt er bem erfahrenen Freunbe jebe Vollmacht, „bem Wohlklange nachzuhelfen". Den Wunsch nach Harmonisierung ber ersten Fassung, schon früh empfunben, aber im Drang ber Geschäfte immer roieber zurück- gestellt, konnte Goethe sich erst in der römischen Luft gewähren. Seit Jahren schon begleitete ihn das Stück wie ein stummer Vorwurf. Zwischen Rekrutenaushebungen und anderen Amtsgeschäften war die erste Fassung in Prosa zustandegekommen, und in dieser Gestalt würbe das Drama auch von Mitgliedern der Weimarer Hofgesellschaft auf der Naturbühne aufgeführt, wobei der Dichter selbst den Orest spielte — gewiß sehr lebenswahr, denn wie sehr entsprach diese Figur damals Goethes eigener Stimmung! Aber das alles lag jetzt in Rom weit zurück; die Liebe zu Charlotte von Stein unb bie innere Reifung auf verantwortlichem Poften haben aus bem Goethe von 1779 ben Goethe von 1787 werben kaffen, unb besten schon halb vergessenes Werk verlangte jetzt nach einer Form, bie bem erreichten Zustand der gebändigten Leidenschaft bester entsprach als der geniale, aber noch ungebundene Wurf der ersten Weimarer Zeit. Diese Form aber konnte nur bie bes jambischen Rhythmus sein.
Einen ganz eigenen Reiz — unb keineswegs nur einen philologischen — gewährt es nun, bie frühe Prosa unb die endgültige Verfassung gegeneinanber» zuhalten und dabei zweierlei festzustellen. Einmal: daß die freie Prosa der ersten Fassung unbewußt schon so rhythmisch empfunden ist, daß es oft nur ganz geringer Veränderungen bedurfte, um sie dem jambischen Versmaß anzugleichen. Zum anderen aber auch: wie ungleich eindrucksvoller, knapper unb harmonischer ber Jphigenienvers gegenüber der wortreicheren, aber weniger zuchtvollen Prosaform ist, wie sehr, kurz gesagt, bie „Iphigenie" burch bie
ßische Minister für Wissenschaft, Erziehung unb Volksbilbung hat am 10. Juni 1937 bem Dr. med. habil. Karl Haug in Gießen bie Dozentur für bas Fach Neurologie verliehen und ihn der Medizinischen Fakultät Fakultät der Universität Gießen zugewiesen.
Oorfabende vergnügungssteuerfrei.
ZdR. Der Reichs- und Preußische Innenminister hat ungeordnet, daß die vom Reichsnährstand veranstalteten Dorfabende als gemeinnützig im Interesse der Kunstpflege und der Volksbildung anerkannt werden. Bedingung ist, daß der Veranstalter der
Umschmelzung gewonnen hat. Man muß freilich „Geistesohren" haben, um bie gesteigerte Klangkraft, bie Diel größere Freiheit von allen Leerworten überall heraushören zu können.
Man vergleiche etwa, um es sich an einem Beispiel deutlich zu machen, den Schluß des ersten Auftritts in der Profafaffung mit der entsprechenden Stelle der Fassung von 1787.
„Ja, Tochter Jovis, hast du den Mann, dessen Tochter bu fordertest, hast du den göttergleichen Agamemnon, der dir sein Liebstes zum Altäre brachte, hast du den glücklich von dem Felde der umgewandten Troja mit Ruhm nach seinem Vaterlande zurückbegleitet, hast du meine Geschwister, (Heitren und Dreften, ben Knaben, unb unsere Mutter, ihm zu Hause den schönen Schatz bewahrt, so rette mich, die bu vom Tode gerettet, auch von dem Leben hier, dem zweiten Tod".
Und dagegen die jambische Umformung:
Ja, Tochter Zeus', wenn du den hohen Mann, Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest. Wenn du den göttergleichen Agamemnon, Der dir fein Liebstes zum Altäre brachte, Von Trojas umgewandten Mauern rühmlich Nach feinem Vaterland zurückbegleitet, Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn, Die schönen Schätze wohl erhalten hast, So gib auch mich, den Meinen endlich wieder Und' rette mich, die bu vom Tob errettet, Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode."
Gloria-palast: „Goldfieber".
Jack Londons Roman „Wenn die Natur ruft" gab die Anregung und die Molive für diesen Film, den die Deutsche Fox-Film AG..mit amerikanischen Darstellern drehte, ber aber bei uns in beutscher Sprache erscheint: er gibt ein buntes Bild vom Leben der Goldgräber in Alaska um die Jahrhundertwende, und man fühlt sich, wenn man die einfache Handlung auf sich wirken läßt, ein wenig an manche romantischen Bücher aus der Neuen Welt erinnert, die wir in unserer Jugend verschlungen haben. Hier mischt sich männliches Abenteuer mit zartem Idyll, hier herrschen rauhe Sitten und ein kräftiger Ton, hier gelten noch primitive Anschauungen unb Gesetze, unb Recht unb Unrecht, Gut unb Böse wohnen nah beieinander. Natürlich haben die Amerikaner ihre eigene Art, diese Dinge darzustellen, und der Regisseur William W e 11 m a n schildert das Abenteuer mit der naiven Realistik und der unsentimentalen Deutlichkeit, mit der man drüben bie Tatbe-
Ortsbauernführer ist. Der Abenb bars nur ber Pflege bäuerlichen Brauchtums, Art unb Gesittung bienen. Im Rahmen bes Volkstanzes finb nur offene Gemeinschaftstänze zulässig. Pgartänze, Nunbtänze unb Gesellschaftstänze finb bagegen ausgeschlossen. Berufsmäßige Musiker ober Künstler bürfen nicht mitwirken, unb ber Dorfabenb mutz 24 Uhr fein Enbe finben.
Sie pflrcht zur Hilfeleistung bei Derkebrsunfällen.
Unverzüglicher Ablransporl der Verlehlen.
DNB. Der Reichsführer SS. und Chef der deutschen Polizei gibt in einem Runderlaß den Polizeibehörden Anweisung, bei Verkehrsunfällen unverzüglich für den Abtransport der Verletzten Sorge zu tragen und hierbei kurz entschlossen den schnellsten und zweckmäßigsten Weg zu wählen. Die Frage der Zuständigkeit und Kostenregelung des Transportes hat in diesem Falle zurückzutreten, denn häufig entscheiden Minuten das Leben eines Unfallverletzten. So hat z. B. ein Gendarmerieposten auch einmal die Sanitätshilfe der nächsten größeren Stadt anzufordern, selbst wenn der Verkehrsunfall sich nicht innerhalb des Stadtgebietes ereignet hat.
In diesem Zusammenhang weift der Reichsführer SS. und Chef der deutschen Polizei besonders darauf hin, daß nach § 330c des Strafgesetzbuches jedermann bei Unglücksfällen zur Hilfeleistung verpflichtet ist, wenn diese nach gesundem Aolksemp- finden von ihm verlangt werben muß, besonders aber, wenn er polizeilich zur Hilfeleistung aufgefordert wird und dieser Aufforderung ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten nachkommen kann. Die Polizeibehörden sind angewiesen, in geeigneten Fällen diese Hilfeleistung weitestgehend in Anspruch zu nehmen.
Schweinezwischenzähiung am 3. September.
ZdR. Nach einem Runderlaß des Reichs- unb Preußischen Ministers für Ernährung und Landwirtschaft wird am 3. September 1937 die übliche Zwischenzählung für Schweine durchgeführt. Dabei sollen zusätzlich noch einige Tatbestände erfaßt werden, die in der bisherigen Statistik unberücksichtigt blieben. Es werden auch die nicht beschaupflichtigen Ausschlachtungen von Bullen, Ochsen, Kühen, Jungrindern und Kälbern, Schweinen, Schafen unb Ziegen in jebem ber brei Monate Juni, Juli unb August 1937 erfaßt. Die in ben Monaten Juni, Juli unb August 1937 geborenen Kälber werben ebenfalls gezählt.
Gießener Wochenmarktpreife.
* Gießen, 13. Juli. Auf bem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, ßanbbutter 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, bas Stück 4 bis 10, Eier, beutsche, Klasse B 10, Wirsing, % kg 20, Weißkraut 12 bis 15,. Rotkraut 20 bis 22, gelbe Rüben 15 bis 20, bas Bünbel 10 bis 15, rhte Rüben 10 bis 15, Spinat 25, Römischkohl 12 bis 15, Bohnen, grün 20 bis 35, gelb 25 bis 35, Erbsen 20 bis 30, Tomaten 30 bis 50, Zwiebeln 12 bis 15, Pilze 40 bis 50, Kartoffeln, alte, % kg 5 Pf., 5 kg 46, 50 kg 3,95 Mark, neue, % kg 1 bis 8 Pf., Frühäpfel 35 bis 60, Pfirsiche 40 bis 50, Himbeeren 30 bis 35, Kirschen 35 bis 45, Heibelbeeren 30 bis 35, Stachelbeeren 15 bis 35, Johannisbeeren 18 bis 25, Erb-* beeren 50, Zwetschen 45 bis 60, Mirabellen 60, Suppenhühner 90, Blumenkohl, bas Stück 60 bis 70, Salat 10 bis 20, Salatgurken 10 bis 35, Einmachgurken 2 bis 8, Oberkohlrabi 5 bis 15, Rettich 5 bis 20, Rabieschen, bas Bünbel 8 bis 10 Pf.
♦
** Silberne H o ch z ei t. Die Eheleute Karl Poppenhaier unb Frau Elisabeth, geborene Schä fer, Kaiserallee 67, unb bie Eheleute Karl Sch m i b unb Frau Anna, geborene Stühler, Wolfstraße 24, begehen heute, am 13. Juli, bas Fest ber silbernen Hochzeit.
stäube ins Auge zu fassen pflegt. Die Landschaftskulisse ist mit Geschick gewählt; der Anblick der rauchigen Goldgräber-Bar, von Hundeschlitten, Wildwasser, Blockhaus und verschneitem Wald regt unsere Phantasie an. Die Tierszenen und die Hunde- Wette sind, wie uns scheint, charakteristische Bestandteile bes Ganzen. Von ben Darstellern ist in erster Linie Clark Gable zu nennen, besten trockene, kühle, männliche Art (bie roeber Gefühl noch Humor ausschließt) vorzüglich in biese Welt hinein- paßt; ferner Jack Oakie, ber in ber Rolle bes Shorty Gemüt unb Witz verbinbet, unb Loretta V)oung, eine einsame, verlassene Frau in ber Wildnis, unter Männern und Hunden ganz allein, aber couragiert und sogar kokett, was man in einer so unzivilisierten Umgebung kaum erwartet hätte. Nicht zu vergessen ein prächtiger unb kluger Bernhardiner, der seine nicht unwesentliche Rolle sehr ausdrucksvoll absolviert. — Im Beiprogramm läuft die Ufa-Wochenschau und ein Micky-Maus-Scherz.
Hans Thyriot.
Sochschulnacknchten.
Dem berühmten Mathematiker der Universität Göttingen, Geh. Rat Professor Dr. David Hilbert, wurde von Professor Carlemann, dem Leiter des Mathematischen Institutes Bursholm bei Stockholm, die goldene Mittag-Leffler-Medaille überreicht; die Medaille stammt aus einer Stiftung des Gründers des Bursholmer Instituts, Professor M i 11 a g - L es fle r , der sie zur Auszeichnung überragender Leistungen in der Entwicklung der Mathematik besttmmte. — Der Preis wurde jetzt zum ersten Male verliehen; gleichzeitig mit Hilbert erhielt ihn der bedeutende französische Mathematiker Picard.
Professor Dr. Adalbert Wahl, Ordinarius für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Tübingen, ist wegen Erreichung ber Altersgrenze von ben amtlichen Verpflichtungen entbunben worden. Wahl, einer alten rheinischen Familie entstammend, ist Schüler von Moritz Rittqx; seit 1910 hatte er ben Tübinger Lehrstuhl inne. Von seinen Werken finb neben zahlreichen Spezialuntersuchungen besonders die zusammenfassenden Arbeiten über die französische Revolution und das hohenzvllernsche Kaisertum zu nennen.
Professor Dr. Karl Zimmer, Ordinarius für systematische Zoologie an der Universität Berlin, ist auf seinen Antrag oonöen amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.


