Nr.IV9 Drittes Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, lZ. Mai (937
Aus der Stadt Gießen.
Das Haus soll verkauft werden.
„Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen", hat schon Schiller gesagt. Ach, und wie mit Recht!
Glücklich und zufrieden bewohnte unsere kleine Hausgemeinschaft in drei Geschossen die gartenumsäumte Villa. Gegenseitige Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft verband alle Parteien, und die auswärts wohnende Hauseigentümerin hatte für aller Wünsche freundliches Gehör. Kein Wunder also, daß die Nachricht wie eine Bombe einschlug: das Haus soll verkauft werden.
Der Hausmann vom Untergeschoß überbrachte sie, bat, sich zu einer Besichtigung bereitzühalten und fügte die düstere Befürchtung hinzu: „Hoffentlich bringt der neue Wirt nicht seinen eigenen Hausmann mit!" Und das war der Auftakt. Kauflustige über Kauflustige erschienen. Sie traten einzeln, agentenbegleitet, zu Ehepaaren oder gleich familienweise auf und durchwallten das Haus, das all feine Geheimnisse von den Speisekammern bis zu den Schlafstuben entschleiern mußte. Und in jedem Stockwerk wurde die ängstliche Frage gestellt: „Hoffentlich beabsichtigen Sie nicht, in meine Etage zu ziehen?" worauf meist eine ebenso ausweichende wie diplomatische Antwort gegeben wurde. Es blieb jedoch meist bei einer einmaligen Besichtigung.
Trotzdem konnte man nicht mehr mit Richard Strauß' Lied von „dem stillen Frieden dieses Hauses" singen. Mal kamen die Kauflustigen in der Stunde des Mittagessens, das dann, auf dem Herd wartend, seine pünktliche Frische verlor. Mal verhinderten sie das Mittagsschläfchen, mal platzten sie in ein wichtiges Telephongespräch, mal in einen musikalischen Teenachmittag; mal weckten sie das Baby von unten aus tiefstem Schlaf, das seine Empörung noch lange nach Abzug der Invasion herausbrüllte, währerkd der Dackel von oben, mit dem ahnungsvollen Instinkt seines Geschlechts, ununterbrochen und wütend bellte, solange die Fremden das Haus durchwanderten.
Um so schweigender mußte dafür die erwachsene Tochter der Mittelwöhnung leiden, die gerade in der Badewanne saß, als sie zu ihrem Schrecken Stimmengewirr vor ihrer unverschlossenen Tür vernahm. Hinaus aus der Wanne und Abriegeln war die erste, zurück ins Wasser die zweite Handlung. Aber nun ging die Sache nicht weiter, denn die Käufer liefen hin und her durch die wenigen Räume, so daß auch die Mutter nicht wußte, wie sie ihr Schäfchen ins Trockene bringen sollte. Es wurde ein Bad von Badereisenlänge.
Endlich schien es aber verkaufsernst zu werden. Eine Dame erschien zweimal hintereinander, dann mit ihrem Sohn, der aber nur frühmorgens Zeit hatte, woraufhin alle Hausfrauen um 6 Uhr aufstanden, um die Fremden nicht auf unqemachte Betten und Waschtische und behagliche Frühstückstische sehen zu lassen, deren Kaffee 'inzwischen kalt werden würde. Zum vierten Male erschien die Dame mit Verwandten, die nur abends Zeit hatten, wobei die Tochter wieder im Bad saß und schwieg, während unten das geweckte Baby und oben der Dackel vernehmlich protestierten. Danach trat die Dame von ihrer Kaufabsicht zurück.
Das Haus aber atmete auf. Denn sämtlichen Parteien, die im Geist schon nach dem gefürchteten Möbelwagen gegriffen hatten, machten sich klar, daß Häuser nicht so flott wie warme Semmel abgehen. Und so wird die eine Hausfrau nun wohl doch ihre Küche streichen lassen, die andere neue Gardinen kaufen und die dritte perennierende Stauden auf ihr Gartenbeet pflanzen, wahrscheinlich. Nur die Tochter schließt sich jetzt immer beim Baden ein. Sicher ist sicher. E. v. M.
Vor-noiizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Stadttheater: 20 bis 22.15 Uhr „Der Etappenhase". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Manja Va- lewska, das Schicksal einer Jugendliebe". — Licht-
Oie Autobahn als Quelle der Heimatforfchung.
Immer weiter bahnen sich die Straßen des Führers ihren Weg durch deutsche Lande. Ohne Rast schaffen viele Hände deutscher Arbeiter, unterstützt von den modernsten Maschinen. So schnell auch alle diese Werke der Vollendung entgegengehen, so wird doch in keiner Weise deutscher Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit Abbruch getan. Es nimmt uns darum nicht wunder, daß auch die H e i m a t f o r - schung durch die'Autobahnanlagen in jeder Hinsicht wesentlich gefördert wird. Wie einst beim Bau der Eisenbahnen unendlich lange Schnitte deutsche Lande durchzogen, so vermitteln uns in unserer Zeit die Autoba hm bauten auf Jahrzehnte hinaus einen Querschnitt durch das Geschehen von unseren Tagen bis hinaus in fern st e Vergangenheit. Neben erdgeschichtlichen und naturwissenschaftlichen Feststellungen fallen durch die Erdarbeiten wertvollste kulturgeschichtliche und rassenkundliche Belegstücke an. Schon gleich nach dem ersten Spatenstich wurde die Sorge um diese Funde den einzelnen deutschen Denkmal- pslegern anvertraut. Die überall erfolgreiche Arbeit hat auch in unserem engeren Heimatbezirk wertvolle Stücke hinzugefügt, über die nachstehend berichtet werden soll.
Von der Gemarkung Nieder-Weisel bis nach Garbenteich durchläuft die Autobahn das Ende der Wetterau. Kurz vor Garbenteich schneidet sie den Pfahlgraben, die einstige Grenze des alten Römerreiches, tief im Herzen deutscher Lande. Es ist . weit gefehlt, daß in diesem Abschnitt der Autobahn ein Nachlassen der Funde beobachtet würde. Ganz im Gegenteil, schon auf Nieder-Weise- l e r Gebiet hat man mehrere Gräber aus dem Ende der Früheisenzeit, also etwa 500 v. Ehr., angeschnitten, die einen guten Beitrag zur Stammes- geschichte dieser Zeit geliefert haben. Damals war unsere engere Heimat heiß umstrittenes Kampfgebiet keltischer und germanischer Volksstämme. Die riesigen Wallburgen, z. B. Dünsberg und Glauberg, sind wohl die machtvollsten und heute noch am besten erkennbaren Zeugen dieses lange hin- und herwogenden Krieges. Während vom Niederrhein bereits um 800 v. Ehr. germanische Stämme Besitz ergreifen, verbleibt die Wetterau und zumindest deren südlicher Teil noch bis um 200 v. Ehr. in den Händen der Kelten.
Ob die reichen Spuren der zwischen 1200 und 800 v. Ehr. überall in der Wetterau und bis hinauf nach Kassel anzutreffenden Urnenfelderkultur uns in ältere Zeitabschnitte der keltischen Volksstämme
führen, ist bislang noch ein Problem. Sicher ist nur, daß gerade von der Urnenfelderkultur viele Male Gräber und Siedelungen angeschnitten worden sind. So in Nieder-Weisel, in Griedel, in Gambach und schließlich auch in Holzheim. Die mächtigen Tonfässer aus diesen Fundstellen werden der in der Neuordnung begriffenen vorgeschichtlichen Abteilung des Oberhessischen Museums in Gießen eindringlich einen Stempel aufdrücken. Zusammenfassend für diesen Zeitabschnitt sei nur gesagt, daß durch das Autobahnwerk unsere Kenntnis der verschiedenen Gefäßformen ganz wesentlich erweitert worden ist.
Wohl den wichtigsten Beitrag haben die über mehrere Monate sich erstreckenden Ausgrabungen der staatlichen Denkmalpflege bei dem Dorfe G r i e- d e l ergeben. Bei Ausschachtungsarbeiten beobachtete man, daß an manchen Stellen der Boden fast schwarz erschien, gegenüber dem sonst braungelben Löß. Bei näherem Zusehen bestätigte sich dann auch die Vermutung vorgeschichtlicher Wohn- stätten. Wer zuerst glaubte, mit einigen solchen schwarzen Verfärbungen sei der Fall erledigt, hatte sich getäuscht. Fast über 200 Meter der Bahn wurden nach und nach durchforscht. Hundert fleißige Hände, die sonst nur Kippwagen auf Kippwagen mit Erde füllten, wurden hier in den Dienst der Heimatforschung gestellt. Planmäßig wurde der obere, vom Pflug durch Jahrhunderte verwählte Boden abgedeckt, und dann konnte man schon aus dem braungelben Boden die schwarzen Grundrisse der Hütten sich abheben sehen. Hier war durch den Bau der Autobahn der Teil eines Dorfes der jüngeren Steinzeit aufgedeckt. Keine alte Urkunde kündete von dieser uralten Siedelung, sondern allein durch den Spaten sind der Heimatgeschichte einige neue Abschnitte hinzugefügt worden. Schon oberflächlich konnten unendlich viele Scherben, zum Teil glatte, unoerzierte, und zum Teil mit Bändern verzierte geborgen werden. Nach den bandverzierten Scherben 'spricht der Wissenschaftler mangels eines anderen Volksnamens von dem bandkeramischen Volke. Man kann sogar die Bo- denzeugnisse dieser Bandkeramiker durch Süddeutschland hindurch bis nach Böhmen und Ungarn verfolgen. Es ist ferner auch klar, daß man rein kunstgeschichtlich betrachtet eine Reihe bandkeramischer Stile aufzeigen kann, und daß viele davon von einfachen Mustern zu reicher gegliederten entwickelt worden sind. Ein kleiner Beweis dafür, wie ungeheuer wichtig auch der kleinste Scherben für die
Heimatgeschichte und darüber hinaus für die gesamte deutsche Volksforschung werden kann. Nicht nur ein Scherben, sondern sogar ein kleines Stückchen gebrannten Lehmes von bor einstigen Hüttenwand kann uns wertvolle Aufschlüsse geben. Sei es, daß das Flechtwerk der Wände, oder die Kratzputzmuster, öder seien es die Einschüsse von Häcksel, oder die Abdrücke von Getreidekörnern, alles das zeigt uns nur, wie ungeheuer wichtig selbst das nichtigste Ding werden kann.
Nach Aufarbeitung des in mehrmonatigem Schaffen geborgenen Materials wird man weit besser den Wert dieser Funde einschätzen können. Zur Zeit läßt sich aber sagen, daß die Griedeler Siedelung zum ersten Male für einen der frühesten Abschnitte der B a n d k e r a mi k k u l tu r Funde geliefert hat, und daß von hier aus die Verbindung zu bereits früher bekanntgewordenen noch besser geknüpft werden kann. Die Autobahn schneidet nur einen geringen Teil des einstigen Dorfes. Wir find noch nicht einmal sicher, ob wirklich große Bauernhöfe angeschnitten worden sind. Der größte Teil erstreckt sich in Richtung Butzbach und harrt zukünftiger Ausgrabungen. Es ist auch , nicht die Aufgabe der Autobahn, vollkommene Ansiedelungen der Vorzeit zu ergründen, allein durch die breiten Schnitte gelangen wir zur Kenntnis vieler neuer Siedelungen und Grabstätten, deren weitere Untersuchung abseits von der Bahn in günstigeren Zeiten vorgenommen werden kann. Durch die Autobahn wird aber die Denkmalpflege in die Lage versetzt, für kommende Jahrzehnte eine weit bessere Planung ihrer Ausgrabungen durchzuführen.
Von Wichtigkeit für unseren engeren Heimatbezirk ist die Durchschneidung des Pfahlgrabens bei Garbenteich geworden. Auch hier war es möglich, durch zwei Schnitte Aufschluß über die Konstruktion dieses großen Walles zu erhalten. Durch die Schnitte wurde nicht nur die zuerst geschaffene Anlage eines kleinen Gräbchens mit Pali- sadenzaun, sondern auch der erst um 180 n. Ehr. geschaffene Wall festgestellt. Es konnte ferner beobachtet werden, daß das Material für diesen Wall fast ausschließlich aus dem vorgelagerten tiefen Spitzgraben gewonnen worden ist.
Viele Kleinfunde, Münzen, Scherben und bearbeitete Steine erweitern Tag für Tag unsere Heimatgeschichte. Sie befestigen aber auch die Ansicht, daß an den Straßen des Führers überall der Sinn hierfür mehr denn je erwacht ist.
spielhaus, Bahnhofstraße: „Der Mann, von dem man spricht". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 16 bis 18 Uhr Ausstellung von Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen von Lotte Droese.
Sladttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet eine Wiederholung des Erfolges „Der Etappenhase", Lustspiel aus der Kriegszeit, von Karl Bunje, statt. Spielleitung: Heinrich Hub. Diese Vorstellung findet gleichzeitig als 19. Vorstellung für NSG. „Kraft durch Freude" statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr.
Was ist mit unseren Störchen los?
Die staattich anerkannte Vogelwarte Rossitten, die seit Jahren mit der internationalen Storchen- bestandsaufnahme beschäftigt ist, hat an ihre ständigen Mitarbeiter und Gebietsreferenten ein Rundschreiben gesandt, aus dem hervorgeht, daß bis heute nur etwa ein Drittel des Brutbestandes des weißen Storches (Hausstorch) gegenüber dem Jahre 1935 zurückgekehrt ist. Während sich nach den Erhebungen vom Jahre 1934 ab der Storchenbestand in den deutschen Provinzen von Jahr zu Jahr hob und im Jahre 1936 seinen Höhepunkt erreichte, ist
bislang nur ein Drittel der vorjährig anwesenden Storchenpaare zu den Horsten zurückgekehrt. Nachforschungen in Afrika, von dort aus dieses Rätsel zu lösen, sind bereits im Gange, haben aber noch nicht zu einem greifbaren Resultat geführt. Jedenfalls ist nicht mehr anzunehmen, daß sich diese merkwürdige Erscheinung im Jahre 1937 noch wesentlich ändern wird.
Nun ist es wichtig, zu erfahren, ob auch in anderen deutschen Gauen eine ähnliche ober gleiche Wahrnehmung gemacht wurde. In Gebieten, in denen bisher nach keine trabitioneüe Bestandsaufnahme gemacht worden ist und wo infolge der landschaftlichen Eigenart und der Unerschlossenheit des Landes ein so gewaltiger Apparat nicht aufgezogen werden kann, sollte man das Verfahren der Stichprobe anwenden und einen sog. „Musterkreis" einrichten, der durch eine Stelle der unteren Naturschutzbehörde zu betreuen wäre. Wenn wirklich 1937 ein starker Bestandssturz stattgefunden hat, wird man das aus den Vergleichen mit den vor- unb vorvorjährigen Verhältnissen, an bie sich bie Leute bestimmt noch erinnern können, leicht ermitteln können.
Für bas Land Hessen hat der Landesbeauftragte für die Internationale Storchenbestandsaufnahme,
Dr. Fischer (Gießen), der bereits 1931 und 1934 die Landeserhebungen durchgeführt und ausgewertet hat, für 1937 eine abermalige Storchenzählung beginnen lassen. Diejenigen Bürgermeistereien des Landes Hessen, in deren Gemeinde im Jahre 1937 ein Ausbleiben des angestammten Storchenpaares festgestellt worden ist, werden ersucht, durch Postkarte ihre Wahrnehmungen an den Landesbeauftragten für Internationale Storchenbestandsaufnahme in Hessen, Dr. Karl Rudolf Fischer, Gießen, Friedrichstraße 6, gelangen zu lassen, um der Vogelwarte Rossitten über die Lage in Hessen berichten zu können.
Förderung des Seidenbaues.
Im Aufbau des Seidenbaues konnte auch unser Kreis weitere Fortschritte machen. Zahlreiche Ge-
vlab oder braun - was wählen Sie?
Sieht nicht ein braungebrannter Mensch viel gesünder und sportlicher aus? Also: wer sein Aussehen verbessern will, bräunt sich mit Sonne und Nivea! Aber genügend stark und nach Bedarf wiederholt einreiben!
Der Anruf.
Von K. X Neubert.
Nach dem Essen hatte sich die kleine Gesellschaft in die sogenannte „gemütliche Ecke" zurückgezogen. Plötzlich schrillte das Telephon im Zimmer nebenan. Der Hausherr eilte an den Apparat. Während er sich noch am Telephon unterhielt, wandte sich die Dame des Hauses lächelnd an einen jüngeren Herrn, der in ihrer Nähe saß: „Eben fällt mir etwas ein. Ich muß Sie ja um Entschuldigung bitten, Herr Hohmann. Ich habe neulich, als Sie anriefen, so schnell Schluß gemacht, nicht wahr?"
Der Herr lachte. „Allerdings, ©ie schienen mir etwas nervös. Ich bedauere, wenn mein Anruf ungelegen kam."
„Sie konnten es ja nicht wisten. Sie werden aber begreifen, warum ich so nervös war. Dabei habe ich noch nie so auf einen Anruf gewartet wie gerade damals. Mein Mann verhandelte in der Stadt wegen eines großen Auftrages, von dem für uns viel abhing, und er hatte mir versprochen, mit mir zu verreisen, wenn es klappen würde. Nach erfolgtem Vertragsabschluß wollte er mich sofort anrufen. Da können Sie sich denken, wie ich auf diesen Anruf gewartet habe. Als ich annehmen konnte, daß es sich schon entschieden haben mußte, lief ich unruhig in der Wohnung umher, und manchmal blieb ich am Telephon stehen und dachte: Wenn es doch läuten würde! Und wirklich — da läutete es. Zitternd nahm ich den Hörer ab —" „Und dann war ich es nur!" warf der Herr ein. „Nein", seufzte die Dame in Erinnerung an jenen Tag. „Es war eine Freundin, die mir eine langweilige Geschichte von ihrem kranken Hund erzählte. Ich war froh, als sie endlich aufhörte. Zehn Minuten hatte sie gesprochen." — „Und sicher kam mein Anruf gleich danach? Ich begreife Ihre Enttäuschung."
„Ihr Anruf kam noch lange nicht", lachte die Dame jetzt. „Es war' an diesem Nachmittag wie verhext. Alles schien sich verschworen zu haben, mich anzurufen. Sonst ist das Telephon nachmittags oft recht still, aber an jenem Tage klingelte es immer wieder. Und jedesmal dachte ich: das ist Hugo! Und jedesmal war es ein anderer. Einmal war es ein Fehl anruf, dann wieder ein Weinhändler meines Mannes, der gerade einen Boten in unsere Gegend zu schicken hatte und bei dieser Gelegenheit anfragte .. Alle riefen sie an, nur mein Mann nicht. Es mußte also nicht geklappt haben. Die große Chance war hin! Da klingelte noch einmal das Telephon; wieder erfüllte mich Hoffnung; ich stürzte an den Apparat. Diesmal waren Sie es!"
„Ich Unglücksrabe!"
„Als ich den Hörer auslegte, hörte ich jemand an der Wöhnungstür schließen. Es konnte nur mein Mann fein. Ich hörte, wie er in der Diele umständlich feinen Mantel auszog. Armer Kerl! dachte ich. Nun kommst du so sang- und klanglos zurück! Ich bezwang meine eigene Enttäuschung, um ihn trösten zu können. Dann ging die Tür auf, und Hugo stand da, strahlend, mit einem Blumenstrauß und kleinen Paketen. — ,Es hat geklappt', schmunzelte er. Na, Sie können sich denken, wie ich ihm an den Hals flog. Nachher wollte ich natürlich wissen, warum er nicht angerufen hatte. Da schimpfte er mächtig los. Viermal habe er angerufen, aber es fei immer besetzt gewesen. Da habe er es denn aus- gegeben und sei abgefahren." Die Dame blickte ihren Gast lächelnd an. „Verstehen Sie es nun?"
Ein anderer Herr, der in dieser Runde saß und ebenfalls der Erzählung gelauscht hatte, nahm nun nachdenklich das Wort: „Merkwürdig! Mir ging es einmal umgekehrt. Ich hatte einmal Angst, daß das Telephon klingeln könnte." Er warf seiner jungen, hübschen Frau, die sich eben mit dem Hausherrn unterhielt, einen Blick zu.
„Wollen Sie es nicht erzählen, Herr Doktor?" fragte die Hausfrau.
„Meine Frau — wir waren damals noch nicht lange verheiratet — lag in der Klinik. Eine Operation war nötig geworden. Ich hatte sie noch in die Klinik begleitet. Als ich ging, winkte sie mir zu. Lange hatte ich dieses Bild vor meinen Augen. Jeder Mann wird sich in solcher Situation seine Gedanken machen ... Bei der Aufnahme hatte die Schwester nach meiner Telephonnummer gefragt.
In dieser Nacht nach der Operation meiner Frau wache ich plötzlich auf und kann nicht mehr em- schlasen. Ich mache Licht. Das Bett neben mir ist leer. Mein Blick fällt auf das Telephon, das nebenan steht. Wenn es jetzt klingelt! muß ich auf einmal denken. Wenn es jetzt klingelt, dann muß etwas mit Inge geschehen sein! — Mir wird heiß bei dem Gedanken, daß das Telephon läuten könnte. Hockt es nicht da wie ein Tier, das sich zum Sprung duckt? Ich drehe mich um, ich kann das Telephon nicht mehr sehen. Ich lösche das Licht, aber nun spüre ich das Telephon wie ein lebendes, als hole es schon Atem, um im nächsten Augenblick loszu- schreien.
Wie lang die Stunden sind, wenn man zittert, daß das Telephon läuten könnte! Aus einem $alb= schlummer fahre ich manchmal empor und lausche. Hat es nicht geklingelt? Vielleicht war es ein Radfahrer auf der Straße. Das Telephon rührt sich nicht. Ich lege mich wieder hin, schließe die Augen,
schlafe ein. Aber dann — dann klingelt es. Es ist, als fei die Zimmerdecke auf mich niedergebrochen. Ich habe das Gefühl, alle Glieder gebrochen zu haben. Aber ich springe auf. Da klingelt es wieder, schrill und nah. Ich packe den Hörer. Ja? stoße ich heiser hervor. Da höre ich die ruhige Stimme eines Freundes. Ob ich ihm zehn Mark borgen könnte?
Die Angst fällt von mir ab, die Spannung weicht einem Gefühl der Erleichterung. Ich kann sogar schon schimpfen. Mußt du mich dazu mitten in der Nacht anrufen? frage ich und atme auf. Er lacht: Mitten in der Nacht? Du bist ja gut!
Ich blicke auf die U'br. Es ist neun Uhr morgens. Ich habe lange geschlafen. Die Jalousien hängen noch vor den Fenstern. Darum ist es noch so dunkel. In der Diele liegt schon die Post. Der Bote hat sie durch den Türschlitz geworfen, und ich habe es nicht bemerkt. Ich muß gegen Morgen in einen tiefen Schlaf gesunken fein. Natürlich habe ich ihm die zehn Mark zugefagt. Er mag sich gewundert haben, wie rasch, wie freudig. Dann ziehe ich die Vorhänge hoch. Die Sonne bricht ins Zimmer. Alles sieht so freundlich aus. Soßar das Telephon."
Der Erzähler schwieg. Seine Frau war zu ihm heranaokommen. „Wovon erzählst du?" fragte sie.
Er lächelte, nahm ihre Hand und küßte sie ...
Lichtspielhaus:
„Der Mann, von dem man spricht".
Dieser Film, den sich das Lichtspielhaus für fein Feiertagsprogramm ausgesucht hat, wirkt auf die Lachmuskeln des Beschauers unwiderstehlich. Es handelt sich um einen Ulk oder Schwank, um die auf dem Theater wie im Film gebräuchliche Gattung zu nennen, dessen Komik im wörtlichen Sinne unbeschreiblich ist: man kann sie nicht beschreiben oder begründen, sie ergibt sich unmittelbar aus der Situation, die nur gesehen, nicht erzählt, das Zwerchfell reizt. Man muß an jene zahllosen amerikanischen Kurzfilme denken, die vor Jahren, meist noch stumm und unter dem irreführenden Sammelbegriff des Lustspiels, das Beiprogramm fast aller deutschen Kinos füllten. Die ließen sich auch nicht oder nur sehr unzulänglich erzählen; die Wirkung der besten von ihnen beruhte auf dem gleichen Prinzip. Die „Handlung" war dort genau so belanglos wie hier: sie diente in beiden Fällen nur zur Erzeugung von grotesken und unwiderstehlich zum Lachen reizenden Situationen. Der einzige Unterschied ist der, daß wir bessere und elegantere Schauspieler einzusetzen haben als jene Hollywood-
Schwankregisseure. Rühmann, Lingen und Moser: bas ist ein Komikerterzett, wie man es nicht alle Tage miteinander agieren sieht. Rühmann ist der Mann, von dem man spricht; oder der Mann, der nicht nein sagen kann: dies ist eben die Ursache des ganzen Abenteuers. Er spielt einen Studenten, der statt ins Examen „aus Gefälligkeit" mit einem guten Bekannten ins Schwitzbad geht, dort ein- schläft, feinen Termin verpaßt, relegiert und vom erzürnten Erbonkel vor die Wahl gestellt, eines von den drei Mädchen zu heiraten, die er nicht mag: er nimmt, jäh verliebt, die vierte, die er auf lebensgefährliche Weise kennenlernt; sie ist die Tochter eines Zirkusdirektors, und der will nur einen Schwiegersohn, der auch Arttst ist. Also wird Rühmann, der Student, Arttst: die Generalprobe mit seinem Diener, Lingen, der ihm assistiert, ist verblüffend und erschütternd. (Die Leute lachen Tränen dabei.) Schließlich tritt der Anwärter siegesgewiß bei seinem zukünftigen Schwiegervater an: mit einem Flohzirkus kann nicht viel passieren. Aber er soll eine Löwengruppe vorführen. Das ist der Höhepunkt des durchaus amerikanisch empfundenen Witzes: der „Dompteur" führt tatsächlich richtige Löwen vor, guten Mutes, mit Erfolg und in dem Glauben, Clowns in Löwenhäuten vor sich zu haben; er ahnt nicht, daß der eifersüchtige Bändiger die Clowns vor der Vorstellung eingesperrt, die wilden Biester aber wirklich in die Manege gelaßen hat. Dies ist der Schlußeffekt, die* Krönung des Ganzen und — wir sagten es schon — nicht näher zu beschreiben. Rühmann spielt, was er eigentlich immer spielt, einen notorischen Pechvogel, das Opfer seiner Gutmütigkeit, mit seinem muffigsten Gesicht, aber mit der verbissenen Energie des wahrhaft Liebenden. Das ist sehr schön. Lingen entfaltet vor allem in der großen Probeszene ungeahnte artistische Talente, er macht den „Untermann", er singt, er stept, er wackelt mit seinen ausdrucksvollen Ohren und treibt auch sonst den unglaublichsten Hokuspokus. Moser ist das Gegenstück dazu: er macht den Onkel, geladen von Temperament und Nervosität, dauernd im Affekt und kurz vor dem Zerspringen. Auch sehr schön. Unter E. W. Emos einfallsreicher und geschickt arrangierender Spielleitung wirken ferner Gustl Huber idie Königin der Luit), Heinz S a l s n e r (Zirkusdirektor) und Gerhard Dienert (Löwendompteur) mit. — Siegel Monopol-Film G. m. b. H.
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Es war ein großer Heiterkeitserfolg. — Das Beiprogramm bringt neben der neuen Fox-Woche einen luftigen Kurzfilm „Augenzeugen" und hübsche Aufnahmen von Katzen und Kätzchen. Hans Thyriot.


