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Nr.bl Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag. iZ.März 1937

MitderSchleslvlg-Hoistem"ausSchuischiffsreise

Äon Karl Friedrich Birnbaum, Kapitanleuinant.

XII.

ArtillerieWeßen vor Haiti.

Zentralamerika liegt nun hinter uns, die See hat uns wieder für einige Tage, und der größte Teil der Dienstzeit ist ausgesülli mit Gefechtsdienst auf allen Stellen der Artillerie, wo nochnials gründlich exerziert und alles auf den bevorstehen­den Schießabschnitt vorbereitet wird. Bei unverän­dert schönem, zeitweilig etwas auffrischendem Wet­ter steuern wir nordöstlich, unter der Insel Ja­maica durchstoßend an der Westküste Haitis hinauf, vorbei am Cap du Mole St. Nicolas, wo im Dezember 1492 Columbus von Cuba kommend, zum ersten Male seinen Fuß auf Haitischen Boden letzte

Die Einsteuerung in die geschützte Bucht von Cap H a i t i e n ist sehr reizvoll. Nachdem wir das uralte, aus der Franzosenzeit stammende Fort aus der felsigen Huk umsteuert haben, sehen wir das Städtchen, eng an den bewaldeten Bergrücken geschmiedet, liegen und begreifen zunächst nicht recht,

unbeirrt und gleichmäßig, ab und zu durch einen ermunternden Jagdhieb angetrieben, uns höher und höher hinauf tragen. Kurz vor dem Gipfel wird Halt gemacht und bis die letzten aufgekommen sind, erfrischen wir uns an den billigen saftigen Apfelsinen, die wir einer freundlichen Negerin vor ihrer Hütte abhandeln

Imposant liegt das gewaltige Bauwerk vor uns, steil fallen die Mauern zu Tal ab und der Eindruck einer mittelalterlichen Ritterburg verstärkt sich noch, als wir durch den feucht-kalten Torweg über die ausgetretenen breiten Stufen einer schlüpfrigen Treppe zu dem Innenhof der Burg hinaufsteigen, wo das Grabmal des Erbauers König Chri­stophe von Haiti, von erbeuteten französischen Ge­schützen flankiert, errichtet ist. Die mächtigen Lang­fronten der Kasematten sind noch völlig erhalten samt den Geschützen, hinter denen Berge von run­den Stein- und Eisenkugeln, die Boulettes, aufge­stapelt liegen. Ein englisch sprechender Negerführer zeigt uns noch viel Interessantes: die große Zi­

hat. Durch soviel Blut soll der Despot dabei gegan­gen sein, um seine Herrschaft zu befestigen, daß er sehr bald an Berfolgungswahnsinn litt und es im Jahre 1822, kurz vor seiner beabsichtigten Ermor­dung, in seinem Palast Milo oorzogen hat. den Freitod zu suchen

Der Vertreibung der Franzosen folgte 1822 die der Spanier aus dem östlichen Teil der Insel Santo Domingo. Die einheitliche Herrschaft in Haiti dauerte aber kaum 20 Jahre, als 1844 be­reits nach einer Revolution die dominikanische Re­publik neu errichtet wird Seit dieser Zeit besteht die politische Zweiteilung der 77 000 Quadratkilo­meter großen Insel und ihrer drei Millionen Ein­wohner. Die Republik Haiti nimmt etwa ein Drit­tel, Santo Domingo die restlichen zwei Drittel des Raumes ein. Das Verhältnis der Einwohner­zahlen ist umgekehrt zwei zu einer Million. In Haiti fast durchweg Neger, in Santo Domingo vor allem Mischlinge (Mulatten, Mestizen) und Kreo­len. Hier ist die Landessprache spanisch, während sich in Haiti die französische und ein vom Volk ge­sprochener französisch-kreolischer Dialekt erhalten hat. Europäer gibt es nur in geringer Zahl in den Küstenstädten. Seit 1915 haben die Vereinigten Staaten das Protektorat über beide Republiken übernommen und seitdem zur Herstellung der Ord­

wo hier die angeblich über 20 000 Einwohner leben sollen. An Backbord wird die Einfahrt durch ein langgestrecktes Korallenriff verengt, vor dem leichte Brandung steht und Fahrwasserbojen ausgelegt sind. Ein amerikanischer und ein französischer Dampfer liegen vor uns zu Anker und kaum sind unsere Boote auf Hornsignal ausgesetzt, als auch schon der deutsche Konsul mit zwei Herren seiner nur zwölf Personen umfassenden Kolonie an Bord kommt und herzlich willkommen geheißen wird. Schon aus dem vorher geführten Schriftwechsel wissen mir, mit wieviel Begeisterung und gutem Willen unsere Landsleute auch hier bedacht sind, der Besatzung Abwechselung und Eindrücke von der In­sel zu vermitteln Nur schwer können wir sie dar­über trösten, daß das Schiff den größten Teil sei­nes Aufenthaltes hier zu Schießübungen in See bleiben muß Um so größer ist daher die freudige Ueberraschung, als der Kommandant sich entschließt, in zwei Gruppen jeweils zwei bis drei Herren zum Spießen mit hinaus zu nehmen. Herz- lche Freundschaft schließen wir dabei mit unseren Gästen, die mit Begeisterung mit uns durch das ganze Schiff klettern und während der Schieß­übungen an den Geschützen oder nachts bei den Scheinwerfern und auf der Brücke unermüdliche

Klarmachen zum Kaliberschießen der schweren Artillerie. Der achtern 28-cm-Turm (Kommandeur der Verfasser) wird geschwenkt. Die Soldaten tragen den Tropentagesanzug in See. Oben rechts: zwei 8,8-cm-Flak- Geschütze in Einzellafette. (Phot.: Grathofs.)

und dankbare Zuschauer sind

Ein Ausflug auf die berühmte Zitadelle, die wir schon beim Einlaufen auf einem der zahlreichen markanten Berggipfel im Hintergrund wie eine alte deutsche Ritterburg liegen sahen, wird am Sonn­tag früh unternommen. Im Kraftwagen bringt uns der Konsul durch die reizvolle Küstenlandschaft, wo inmitten üppig wuchernder tropischer Vegetation große Fruchtplantagen, Kaffee- und Sisapflanzun- gen sich dehnen zu der am Fuß der dicht bewalde­ten Berge liegenden Ortschaft Milo Vor der Ruine des Schlosses Sanssouci, das der Negerkönig Christophe nach seiner Machtergreifung im Jahre 1811 errichten ließ, drängeln sich schreiend und gestikulierend eine Unzahl Neger mit ihren braven Maultieren und Pferdchen Mit Kenner­miene sucht sich jeder das ihm geeignet scheinende Tier aus und los geht es die zwölf Kilometer auf gewundenem Bergpfad hinauf, über Felsgeröll und durch dichtes Gestrüpp in beträchtlicher Steigung. Prachtvolle Ausblicke wechseln mit schattigen Ur- waldstreckcki, zahlreiche, meist trockene Bäche und Rinnsale werden durchritten und ab und zu be­gegnet uns ein Neger mit der Machete (dem Ur­waldmesser) oder eine barfüßige Negerin in dem eigentümlich wiegenden Gang dieser Naturmen­schen, hochgtürmte Fruchtkörbe oder Wasserkrüge tragend. Allmählich zieht sich die Kavalkade immer mehr auseinander und es zeigt sich, daß wir mit den braven Maultieren richtig getippt haben, die

sterne, aus der jetzt noch das Wasser geschöpft wird für die Gefangenen, die hier oben von einer Poli­zeitruppe bewacht, ein idyllisches Leben führen, die Küchen und Backöfen, das große Pulvermagazin und endlich die Wvhnräume des Gewaltigen, wo allerdings überall nur die steinernen Wände mit den mächtigen Fensteröffnungen noch erhalten find. Es muß eine tüchtige Arbeit gewesen sein, d'ese vie­len Tonnen Gestein, die schweren Kanonen und alles andere Zubehör hier hinaufzuschaffen. Man erzählt sich, daß der Despot, welcher nach der Ver­treibung der Franzosen im Jahre 1804 dem er­mordeten Gouverneur und späteren König D e s sa­li n e s nach mancherlei Wirren durch den Sieg über feinen Rivalen Petron in der Regierung folgte, den Bau in rücksichtsloser Zwangsarbeit durchgesetzt und kurz vor der Vollendung den iran- zösischen Baumeister, der auch sein Schloß m Milo nach europäischem Muster geschaffen hatte, von der Zitadelle gestürzt habe Die imponierende Ruine spricht jedenfalls eine eindringliche Sprache, welche Leistungen ein harter, unbeugsamer Wille aus den Vorfahren der uns heute so primitiv und träge er­scheinenden Schwarzen herauszuholen verstanden

nung, Besserung des Verkehrswesens durch Stra­ßen- und Eisenbahnbau und Hebung des Gesund­heitszustandes erheblich beigetragen. Während wir in Cap Haitien liegen und im Norden der Insel unsere Schießübungen durchführen, ist unser Schwe­sterschiffSchlesien" in der im Süden gelegenen Hauptstadt Port au Prince eingelaufen, ohne daß wir voneinander zu sehen bekommen.

Der Ausflug auf die Zitadelle und nach der Rück­kehr vom Schießen ein Besuch auf der großen Sisalfarm eines Amerikaners, sind die interes­santesten Ereignisse unseres Aufenhaltes in Haiti. Der zähe und dehnbare Hanf, der aus den Blättern der Sisalagave gewonnen wird, spielt eine steigende Rolle in der Weltwirtschaft. Es ist ein eigenartiges Zusammentreffen daß ich am Tage nach der Be­sichtigung der Farm beim Durchblättern einer Illu­strierten einen ausführlichen Artikel über deutsche Sisalfarmen finde, die heute im alten Deutsch-Süd­westafrika gegründet worden sind. Mr. Pettigrew, ehemaliger amerikanischer Seeoffizier, erzählt uns beim Cocktail in seinem schmucken Farmerhaus, wie er vor zehn Jahren die ganze ungeheure Fläche dichten Urwaldes mit einem Heer von 2000 schwar­

zen Arbeitern und wenigen amerikanischen Ange­stellten gerodet hat, wo heute die endlosen Reihen der Agaven sauber ausgerichtet wie Soldaten, stehen. Eine Faktorei und eine große Trockenanlage sind errichtet, durch eine Schmalspurbahn mit der Niesenfläche von rund 25 Quadratmeilen der Pflan­zung verbunden, und täglich rollen die gepreßten Sisalballen zur Verladung auf die Dampfer nach der Stadt. Ein Kapital von zwei Millionen Dollar hat die Gesellschaft in das Unternehmen gesteckt, nach fünf Jahren die erste Ernte und heute bereits wirst die Plantage erhebliche Gewinne ab Auf dem Tennisplatz, der Kegelbahn und dem Schwimm­bad, das aus der Meeresbucht laufend frisches Seewasser erhält, herrscht ein munteres Treiben, nachdem die Wagen mit den eingeladenen Offizie­ren und Fähnrichen nach der Fahrt durch die wei­ten Sisalfelder eingerollt sind Mit Frau und Kin­dern nehmen wir unseren liebenswürdigen Gast­geber nach dem Lunch mit an Bord zum Abschieds­tanztee. So nehmen wir auch von dieser Insel, wo es Kaffee, Kakao, Zucker, Baumwolle und Tabak gibt, starke Eindrücke mit und scheiden mit innerer Befriedigung von einem erfolgreichen Ausbildungs­hafen, der uns die planmäßige Durchführung unte­rer Artillerieschießübungen ermöglichte

Artillerieschießen. Die große fünf mal sechzig Meter Bordscheibe, die wir im Hasen zu­sammengebaut haben, wird von unserem treuen Begleitdampfer an der tausend Meter langen Schleppleine geschleppt und erhält im Verlaufe der Hebungen zahlreiche Treffer aus allen Kalibern. Schwer ist der Dienst des Scheibenkommandos, das für diese Zeit auf dem DampferRudolf-Albrecht" kommandiert ist; bei dem teilweise recht stürmischen Wetter geht es heran an die Scheibe, nachdem wir bei häufig stark schlingerndem Schiff die Boote ausgesetzt haben, um das Treffergebnis festzustellen oder die Scheibe für die Nacht neu zu beziehen. Alles klappt bis auf die letzte Nacht, in der ein Teil der ©djeibe sich losreißt und in dem aufkom­menden Sturm auf Nimmerwiedersehen auf Drift geht. Als schließlich auch die Schleppleine bricht, müssen wir wohl oder übel diesen letzten nächt­lichen Kaliberanlauf unter Leuchtgranatenverwen­dung aufgeben und uns die Nacht über im Verein mit dem Dampfer in der Nähe der treibenden und im Seegang sehr stampfenden Scheibe halten. Im Morgengrauen gelingt es, sie einzufangen und der Dampfer wird zum Einlaufen detachiert. Wie beim Bau der Scheibe wird über Sonntag gear­beitet, um die schweren Balken und Bretter auf Rudolf-Albrecht" wieder zu verstauen und seefest zu zurren. Abends ist es geschafft und das Bord- f e st versammelt eine kleine fröhliche Schar von Gästen, außer unseren fünfzehn Landsleuten, den Neger-Gouverneur der Provinz, der als früherer Angestellter einer deutschen Firma gebrochen Deutsch spricht, und zahlreiche andere Persönlich­keiten, deren herzlich entgegengebrachte Gastfreund, schäft wir auf diese Weise erwidern auf der fest­lich mit Flaggen geschmückten Schanze bei Musik uni) Tanz.

Tränen stehen unseren braven Landsleuten in den Augen, als es Abschied nehmen heißt, und im­mer wieder versichern sie, daß die Tage bei uns an Bord, draußen beim Gefechtsdienst, ein unver­geßliches Erlebnis für sie bleiben werden Draußen auf dem alten Fort stehen sie am anderen Morgen als wir auslaufen und noch lange winken sie dem langsam der Kimm zustrebenden Schiff nach, das ihnen ein Stück Heimat und inneren Auftrieb in ihrer entsagungsvollen Arbeit hier draußen hat bringen dürfen.

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Gießener Gtadiiheater.

Richard Heuberger:Der Opernball".

Ein junger österreichischer Ingenieur schwenkt ein Jahr nach seinem Staatsexamen als 26-Jähriger zur Musik über, wird Dirigent des Akademischen Gesangvereins zu Wien und zwei Jahre darauf der Wiener Singakademie. Später betätigt er sich auch als Kritiker und als Lehrer am Konservato­rium, im reiferen Alter leitet er mehrere Jahre den Wiener Männergesangverein. Ein Leben voll fruchtbarer Schaffensarbeit breitet sich vor uns aus mit einer Reihe von Orchesterwerken, vier Opern, xroei Balletten (darunterDer Struwwelpeter"), sechs Operetten; einer bedeutungsvollen Schubert- Biographie (bje noch nach dem Tode des Ver­fassers 1920 in dritter Auflage erscheint) und eine Reihe feinsinniger musikalischer Essays. Wir sehen diesen Mann auch zu dem engeren Kreise um Jo­hannes Brahms und zu seinen Wanderfreunden ge­hören. Brahms würdigt ihn eines besonderen Ver­trauens und folgt u. a. seinem Rat, als der nach Clara Schumanns Tode seiner absinkenden Gesundheit wegen den Arzt aufsucht. Das ist Richard Heuberger (18501914).

Und dennoch erscheint es eigenartig, daß von die­ser großen Gruppe von Werken vornehmlich seine erste Operette,Der Opernball", überdauern sollte. Schon 1898 in Wien urausgesührt, hat sie besonders in den letzten Jahren erst das allgemeine Interesse auf sich gezogen. Vielleicht ließ die Operettenhoch­flut kurz nach der Jahrhundertwende mit ihrer dem damaligen Geschmack der breiten Masse sehr ent­gegenkommenden, weniger wählerischen musikali­schen Ausdrucksweise denOpernball" nicht recht zur Geltung kommen, obwohl Sachkenner immer wieder für dieses musikalisch wertvolle Werk war­ben. Denn Heuberger ist ein äußerst ernsthafter Musiker mit hochbedeutendem Können und einem versönlich betonten Stil, der erst mit der Dauer Der Zeit sich die ihm zukommende Stellung sichern und sich durchsetzen konnte; Heuberger ist ein Mei­ster der Instrumentation, seine blühende, frisch quellende Erfindung ist nicht, wie meist in der Operette, flächig hingeworfen, sondern fein thema­tisch unterbaut. Ein geradezu überschäumender mu­sikalischer Wil ? tut sich beispielsweise vor uns auf mit der Ouvertüre mit ihrer sprühend wirbeln­den Temperamentsentladung und der schmiegsamen, eingängigen Melodik, eine musikalische Voraus­nahme der Handlung.

Diese folgt mit ihren Typen der damaligen Ope­rettenmode. Den Männern, der gerne eine Extra­

tour tanzen möchten, wird von dem Ewig-Weib­lichen die gehörige Lektion erteilt; sei es nun der Rentier Beaubuisson, dessen bessere Hälfte Palmira ihn und ihren auf Urlaub befindlichen Neffen, den Seekadetten Henri mit Argusaugen bewacht, oder Paul Aubier, der aus Orleans mit seiner Frau aus geschäftlichen Gründen nach Paris gekommen ist, aber doch zu gerne ohne sie auf eigene Art das Pariser Leben genießen möchte. Die List der Ehe­frauen, die aber noch durch das gerissene Kammer­kätzchen Hortense übertrumpft wird, fädelt ein Rendezvous für den Opernball in Kostümen (rosa Domino) ein, und auf dem Balle sind plötzlich statt der zwei, drei gleiche Masken; das gibt Verwick­lungen, brenzliche Situationen und Auflösung in Heiterkeit.

So wurde denn oft und recht herzlich gelacht, denn das Spiel war schlagfertig und treffsicher im Blitzlicht der Situation mit launiger Lebendigkeit und elastischem Schwung. (Spielleitung Karl-Lud­wig Lindt.) Das Milieu um die Jahrhundert­wende gab in Ausstattung, Kostüm und Maske den Untergrund für ein Sich-Erinnern an verges­sene Zeiten und Moden. Das betonte auch das Büh­nenbild (Karl Löffler) durch viele kleine Dinge, an denen das Vergangene hing. Die Szenerie des zweiten Aktes nutzte geschickt den Bühnenraum aus, im Wechsel des Maskentreibens und im Handeln der einzelnen Paare. An dem toten Punkt der Handlung schaltete sich Irmgard Zenner mit ihrer Tanzgruppe ein; als Tanzspiel und Tanz­plastik gestaltete sie in rhythmischer Gelöstheit den Kaiserwalzer von Johann Strauß mit feinem Emp­finden für den melodischen Aufbau, insbesondere der Coda, deren Wiederholung die Hörer begehr­ten. Das Finale des zweiten Aktes steigerte sich zu tänzerischer Ausgelassenheit.

Die Musik als der Lebensnerv und Lebensele­ment der Operette, die ebenso im prickelnden Wal­zerrhythmus wie im Schwung des Cancans spru­delt und fortreißt und in abgestimmten Ensembles und Finales ihre Schlagkraft beweist, wurde dem Werk zum Sprecher Kapellmeister Hampel diri­gierte mit Verve und riß das Orchester zu Letztem und Bestem mit.

Die einzelnen Gruppierungen der Spieler, das Alter, die Jugend, hier Provinz, dort Paris ent­wickelten sich bei typischer Betonung der Eigenart in ihren inneren Gegensätzlichkeiten. Die beiden alten Beaubuisson Heinrich Hub und Luise Schu­bert-Jüngling waren komisch; die eine mit ihrer erfahrenen Sittenstrenge, der andere als ge- nasführter Alter. Von den beiden Ehefrauen An­gele (Maria Perry) und Marguerite (IlseCas­

tus) gab sich die eine mehr bieder, die andere voll wissender prickelnder Raffiniertheit, beide mit Scharm und Reiz des Gesanges, im Wechsellicht dazu bei beiden Ehemänner Paul Aubier (Ernst- August Waltz) und Georges (Paulus K u e n) voll Unternehmungsgeist und doch wiederum als ertappte Sünder im strengen Gericht ihrer Frauen; ein Wettkampf der Tenöre. Alle Fäden in der Hand haltend, quick, lebendig, keck war Friedel F o r n a l l a z als Kammermädchen Hortense, wenn nötig mit hoheitsvollen Allüren. Ihr mußte der Henri (Joh. Adam Uhl) unbedingt verfallen, selbst als schneidiger Seekadett und mit erfreulichem ge­sanglichen Können. Der Kreis der übrigen Perso­nen rundete das Gesamtbild des Ensembles mit organischer Einfühlung.

Die heitere Stimmung, die sich aus der Musik herauskristalisierte. wurde stellenweise gedämpft durch die unserem heutigen Empfinden ferner lie­gende Sphäre des Stückes, aber dennoch entzündete sich das frohbewegte Haus zu starkem Beifall.

Dr. Hermann Hering.

Neue Bücher im Lusel-Verlag.

Das Frühjahrsprogramm des Insel-Verlags zu Leipzig nennt an erster Stelle ein neues großes Werk von dem isländischen Dichter Gudmundur K a m b a n , der durch seinen RomanDie Jung­frau auf Skalholt" bei uns bekannt geworden ist. Sein neues BuchIch seh ein großes schönes Land" ist der Roman der ersten Entdeckung Amerikas durch die Isländer um das Jahr 1000. Von den weiteren Neuerscheinungen des Verlages erwähnen wir eine neue Uebersetzung von DantesGött­licher Komödie" durch Friedrich Freiherrn v. Fal­kenhausen, einen der besten Dante-Kenner, ein Werk über Rainer Maria RilkesStunden- Buch" von Ruth M ö v i u s , ein kleines Brevier: Lob des Alters", Sprüche der Weisheit, gesammelt von Annemarie Meiner und eine neue wohlfeile Ausgabe von Daniel ChodowieckisVon Ber­lin nach Danzig". In dieBibliothek der Romane" werden neu ausgenommen Gustave Flaubert Frau Bovary". Gottfried KellerDie Leute von Seldwyla" und Jonathan SwiftGullivers Rei­sen". Neben diesen klassischen Werken erscheinen in einer wohlfeilen Reihe zeitgenössischer Erzähler: Der Dreißigjährige Ärieg" von Ricarda Huch, Brot" von Karl Heinrich Waggerl,Söhne und Liebhaber" von David Herbert L a ro r e n c e und Silja, die Magd" von Frans Eemil S i l l a n p ä ä.

Mommsen legitimiert sich.

Der berühmte Historiker und Rechtslehrer Theo­dor Mommsen war einmal vor dem Amtsgericht Charlottenburg als Zeuge geladen. Der Richter, ein bekannter Jurist, kannte Mommsen persönlich, bat aber den Professor, um den Formalitäten zu genügen, sich auszuweisen. Mommsen staunte:

Ich habe keine Ausweispapiere mitgebracht. Sie kennen mich doch!"

Selbstverständlich kenne ich Sie, Herr Geheim­rat", erwiderte der Richter.Aber diese Kenntnis genügt nicht zu juristischen Zwecken."

Nunmehr bat der alte Gelehrte den Richter, den Identitätsnachweis auf andere Weise erbringen zu dürfen. Der Richter überlegte einen Augenblick und meinte dann:Gut, ich bin bereit, Ihnen den Iden­titätsnachweis auf andere Art zu ermöglichen. Kön­nen Sie mir den Unterschied zwischen res mancipes und res nec mancipes (zwei Begriffe des alten ovrjustinianischen römischen Rechtes) erklären?"

In einem musterhaften Vortrag von zehn Mi­nuten legte Mommsen die beiden Rechtsbegriffe klar. Der Richter hörte mit Vergnügen zu und sagte lächelnd:

Ja, das ist die bekannte falsche Auffassung von Mommsen. Sie sind Geheimrat Mommsen."

6od)fd)ulnad)rid)ten.

Professor Dr. Emil Abderhalden, Ordina- rius für Physiologie und Hygiene an der Universi- töt Halle, beging dieser Tage seinen 60. G e - b u r t s t a g. 1904 habilitierte er sich in Berlin, wo er vier Jahre später zum ao. Professor und kurz darauf zum Ordinarius ernannt wurde. Seit 1911 wirkt Abderhalden, der gebürtiger Schweizer 'ist, in Halle. Seine Forschungen beziehen sich in der Hauptsache auf Stoffwechselfragen der menschlichen wie der allgemeinen Physiologie; seine Spezial­gebiete sind die physiologische Chemie und die Hy­giene. Während des Krieges hat sich Abderhalden auch mit praktischen Ernahrungsfragen beschäftigt. 1925/27 erschien sein vierbändiges Lehrbuch der Physiologie; bekannt ist die nach ihm benannte Reaktion und die Entdeckung der Abmehrfermente, die er in verschiedenen Schriften veröffentlichte.

Dem ao. Professor Dr.-Jng Nikolaus S ch e u b e 1 ist unter Ernennung zum Ordinarius der Lehrstuhl für Luftfahrt und Flugtechnik in der Abteilung für Maschinenbau an der Technischen Hochschule Darm- stadt übertragen worden.