rtrJ86 Zweites Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, iZ. August 193Z
Leidensweg eines Kometen.
Zahlreiche Anfragen, die aus unserem Leserkreis negen des neuen Kometen kamen, veranlaßten uns, enen Sonderberichterstatter ins Weltall zu entsende. Er hatte Glück; ein prominenter Schweifstern, dr 1843 der Erde ein prächtiges Schauspiel dar- ff boten hatte, gewährte ihm ein Interview. Merk- Mrdiaerweise verstand der Komet wohl die deutsche Sprache recht gut, er selbst beherrschte sie aber nur Mngelhaft, denn er konnte nur in Versen sprechen. T ir bitten unsere verehrten Leser deswegen freund- lchst um Entschuldigung, auch müssen wir gestehen, b:ß uns einige seiner Aeußerungen derartig poetisch- mwahrscheinlich oorkamen, daß wir nach der Rück- kchr unseres Redaktionsmitgliedes erst das Konver- fittionslexikon der Schriftleitung befragen mußten; jiine Ausführungen haben wir in Fußnoten beiff fügt. Trotz der „poetischen" Einkleidung der Worte ds Weltenbummlers scheint in ihnen doch ein wah- rr Kern zu stecken. Wir veröffentlichen jetzt also 0) ne weitere Einleitung das erste authentische Ko- retkn-Jnterview-Stenogramm:
„Herr Redakteur, sieh mich nur an, Ich bin ein gar geplagter Mann!
Bin ich im Dienst auf meiner Fahrt, Dann bleibt kein Aerger mir erspart! Frag' jeden, der Frau Sonne kennt, Sie führt ein strenges Regiment!
Ist man von ihr noch weltenfern Und sieht sie nur als kleinen Stern, Dann fängt das Kommandieren an! Den Weg, den sie sich ausersann, Den schreibt sie haargenau uns vor, Und wehe dem, der ihn verlor!^
Ich trete als ein alter Mann Gemächlich meine Reise an. Doch bald heißt's: „Nutze deine Zeit! Der Weg zur Sonne ist noch weit!" Dann muß ich wandern, hasten, laufen, Darf nimmer ruhn, mich nie verschnaufen. Ach, wenn das noch das Ganze wär'! Doch wird die Fahrt mir gar so schwer Gemacht von manchem andern Stern? Die fingen mich ja gar zu gern.
Da muß ich mich so drehn und winden Um noch den rechten Weg zu finden.
Bald muß ich springen, bald mich bücken, Um Jupiters gewalt'gen Tücken Und des Saturn verborgnen Schlingen Und vielen andern bösen Dingen Mit krummen Listen zu entgehn.
Und dabei wird man noch gesehn! Manch Sternengucker schaut durchs Rohr, Als tanzte ich ihm etwas vor!
Hab' ich mich dann, geplagt, geschunden, Noch grade mal so durchgewunden, Dann heißt es nicht: „Der ist geschickt!" Sie schrei'n: „Die Rechnung wird verzwickt! Bis wir den Weg, den der da macht, Bestimmt und zu Papier gebracht, Das dauert Monate und Tage.
Der böse Stern macht uns viel Plage!" Sie mögen sich nur ruhig quälen. Was müssen sie mich denn so schmälen?
Schon schickt die Sonne Boten her: „Wo denn mein neuer Mantel mär r Ich trüg' ihn kaum fünfhundert Jahr/"
Ich sage richtig, wie es war: „Solch eine Fahrt im Weltengraus Hält nicht der beste Mantel aus."
Da hat sie mich glatt ausgelacht: „Hab doch auf deine Sachen Acht; Manch Stern, dem du zu nah gekommen, Hat sich ein Stück von dir genommen Und sich daraus zu Scherz und Pracht Sternschnuppenfeuerwerk gemacht? Im Weltraum ist der Rest verweht, Wie bist du liederlich, Komet!"
Als ich dann nah zu ihr gerannt? Hat sie mir auf den Kopf gebrannt. Mir ward zehntausendmal so warm, Wie du es kennst, daß Gott erbarm! Mein Haar wuchs rasch und fürchterlich Und sträubte nach der Sonne sich. Da sandte sie viel lichte Pfeile, Die kämmten es zurück in Eile Und woben draus die kreuz und quer Den neuen Mantel um mich her. Bald stöhnte ich: „Genug, genug!" Da schrie sie: „Komm herbei im Flug! Ich will doch aus der Nähe sehn, Wie dir dein neu Gewand mag stehn!" Da saust' ich los, ich armes Tier, Als wär' der Teufel hinter mir. Fast wär' ich an sie angerannt Und wäre ganz und gar verbrannt. Welch Glück, daß sie mich doch nicht fing! Ich flitzte tausendmal so flink Wie eine Kugel aus dem Rohr Und kam mir doch noch langsam vor. Drei Stunden ging der tolle Flug8 Halb um die Sonne. Das ist genug! Das macht mir kein Kollege nach, So gut verstehe i ch mein Fach.
Wie mich die Sonne da gequält, Das ist nicht eben kurz erzählt. Zehn Bücher könnt' ich davon schreiben, Doch ärgert's mich, drum laß ich's bleiben. Bor Hitze barst mir fast der Kopf Und dicht und dichter ward mein Schopf, Und schließlich wallte mir das Kleid, Vierzig Millionen Meilen weit?
Sie lachte: „Da, du alter Tor, Der Mantel hält wohl länger vor!" Da braust' ich auf. Das litt' ich nicht... Gleich fuhr mir Lohe ins Gesicht Von einer Riesenfackel Glut.
Jetzt war's vorbei mit meinem Mut. Nahm alle Kraft noch mal zusammen. Floh und entwich den Höllenflammen.
Auf Erden hat man mich gesehn' In hellem Glanz am Himmel stehn. Kein Stern ward so mit Recht bestaunt, Kein Schweif. Da ward ich gut gelaunt. Oft machten mich die Leute lachen. Was hingen sie mir an für Sachen! Ich brächte Krieg und Pest und Tod Und Katzensterben und Hungersnot. Ach Gott, was sind die Menschen dumm! Ich kam vor Mattigkeit fast um Und hatte wirklich keine Zeit Für so ein bißchen Erdenleid, Zog weiter meine Bahn einher, Bald sah mich auch kein Menschlein mehr." M. L.
1 Die nach dem Newtonschen Gesetz wirkende Anziehungskraft der Sonne zwingt die Kometen, Parabeln oder Ellipsen zu beschreiben. Da diese sehr langgestreckt sein können und die Sonne in einem Brennpunkt steht, so kann sich ein Komet weit von der Sonne entfernen und ihr anderseits auch recht nahe kommen. In der Sonnenferne ist die Geschwindigkeit des Schweifsternes gering, in der Sonnennähe sehr beträchtlich.
2 Durch die Anziehungskräfte der Planeten, besonders des Jupiter und Saturn, wird die Bahnform abgeändert, manchmal sehr wesentlich. Die Berechnung ^dieser „Störungen" ist ein schwieriges Kapitel der Astronomie.
3 Die Umlaufszeit des Kometen 1843 betrug etwa 500 Jahre. „Mantel" heißt, aus der kosmischen Sprache übersetzt, „Schweif" des Kometen.
4 Teilchen eines Kometen, die der Erde zu nahe kommen, werden von ihr so stark angezoaen, daß sie bei ihrer rasenden Bewegung durch die Atmosphäre wegen der Reibung an der Luft sich entzünden und verbrennen. Wir sehen dann eine Sternschnuppe.
6 Bei der Annäherung an die Sonne bewirkt deren ungeheure Hitze, daß sich im Kern des Kometen Ausstrahlungen bilden, die zunächst nach der Sonne hin gerichtet sind. Der Strahlungsdruck der Sonne treibt sie aber zurück; sie erscheinen als Kometenschweif. Je näher der Komet der Sonne kommt, um so größer wird der Schweif.
6 Der Komet 1843 näherte sich der Sonne so stark, daß er mit ungeheurer Geschwindigkeit die Zone ihrer Ausstrahlungen (Protuberanzen) passieren mußte.
7 Die Länge seines Schweifes betrug etwa 300 000 000 Kilometer.
8 Das Auftreten eines Kometes rief früher allerhand abergläubische Vorstellungen hervor, deren Liste sich beliebig ausdehnen läßt.
9 Der Komet Finsler ist (durch das Schicksal seines Vorgängers gewarnt??) vorsichtiger. Er wird sich von der Sonne in achtungsvoller Entfernung halten. Seine Reise wird darum weit weniger dramatisch verlaufen, auch wird er uns kein besonders prächtiges himmlisches Schauspiel bieten.
Die neue Lustpostliste.
Die soeben von der Reichspost herausgegebene neue Luftpostliste ist schon ein recht stattliches Kursbuch, das nicht weniger als 64 Seiten umfaßt. Wer hätte noch vor einem Jahrzehnt gedacht, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit Luftlinien in so großer Zahl beflogen würden, daß man ohne einen Wegweiser durch die Anschlüsse, die Abflugs- und Ankunftzeiten nicht mehr auskommen könne. In geradezu atemraubendem Tempo hat sich der internationale Luftverkehr entwickelt. Und noch immer treten neue Linien hinzu. Gibt es doch eine Fülle von Gebieten, die auf einen Anschluß an das Luftfahrtnetz warten und im Laufe der Zeit auch erhalten werden. Wenn die Luftpostliste auf die Bedürfnisse der Luftpost abgestellt ist, so ist sie doch gleichzeitig auch für den Benutzer des Flugzeugs als Reisemittel brauchbar, denn es sind nur wenige Linien und Flugzeuge, die ausschließlich der Post- beförderung vorbehalten sind. Es ist nicht uninteressant, einen Blick in dieses Kursbuch zu werfen, dem eine doppelte Streckenkarte beigelegt ist. Die eine umfaßt das deutsche Flugnetz mit seinen Anschlüssen über die Reichsgrenze hinweg, die andere zeigt uns die wichtigsten außereuropäischen Luftpostlinien, also das Weltflugnetz mit seinen hauptsächlichsten Verbindungen. Schon dieses Netz, das nur die Hauptstrecken erkennen läßt, ist recht imponierend. Nach Einzeichnung aller nationalen Linien würde es äußerst engmaschig werden, aber noch nicht engmaschig genug, um nicht das Einschieben weiterer Linien zu gestatten. Gleich einem Eisenbahnkursbuch sind dann nacheinander die Verbindungen mit den Flugzeiten und Anschlüssen aufgeführt. Doch damit hat sich die Reichspost nicht begnügt. Sie hat im Verkehr mit den außereuropäischen Ländern die Zeitgewinne eingezeichnet. Bis zu 25 Tagen geht der Gewinn in einzelnen Fällen! Das sind Einsparungen, die sich schon sehen lassen können und die in unserem Zeitalter der Eile merklich zu Buch schlagen.
(Vunft und Wissenschaft
Der Erfinder des Duralumins gestorben.
Der Erfinder des Werkstoffes Duralumin, Dr.- Jng. e. h. Alfred Wilm, ist auf seinem Berghofe im Riesengebirge einem Herzschlage erlegen. Er besaß als Metallurge und Erfinder in der gesamten Welt einen Ruf. Wilm wurde 1869 in Niederschellendorf in Schlesien geboren. Er studierte Chemie in Breslau und ging nach kurzer Tätigkeit in Charlottenburg, Gleiwitz und Kassel als Assistent an die Universität Göttingen, der Traditionsstätte von Professor Wöhler, dem Entdecker des Aluminiums. Nach dreijähriger Tätigkeit und nach kurzer Arbeit in einem Düsseldorfer Laboratorium für hüttenmännische Untersuchungen übernahm er ein großes Laboratorium in Essen. Von Essen wurde er als Metallurge an die Zentralstelle für wissen
schaftlich-technische Untersuchungen nach Neubabelsberg berufen. Hier gelang es Wilm, in systematischer Arbeit den Aufbauwerkstof „Duralumin" zu erfinden. Die Sicherheit der Flugzeuge und Luftschiffe ist diesem von Wilm erfundenen Werkstoff zu verdanken.
Tag für Denkmalpflege und Heimatschuh.
Vom 30. August bis 2. September findet in M ü n st e r i. W. der „Tag für Denkmalpflege und Heimatschutz" statt, der vom Deutschen Bund H e i m a t s ch u tz und vom Deutschen Denkmalpflegetag gemeinsam veranstaltet wird. Die Tagung beginnt Montag, den 30. August, mit der Eröffnung der Ausstellung des Landesmuseums „Neue Siedlungen in Westfalen" und den Ausstellungen „Der Maler Derick Bacgert und sein Kreis", „Schlösser und Gärten Westfalens", „Das alte Stadtbild von Münster" und „Das schöne Westfalen". Eine große Reihe von Vorträgen über die verschiedenen Gebiete der Heimatpflege sind vorgesehen. Der letzte Tag ist Fahrten mit Besichtigungen in das Sauerland, Industriegebiet sowie Besichtigungen der Wasserburgen vorbehalten. Die Fahrten enden in Soest, wo die Tagung nach einem Empfang durch die Stadt und mit der Aufführung der „Westfälischen Bauernhochzeit" von Karl Wagenfeld ihren Ausklang findet.
Händels „Herakles"
auf der Dielrich-Eckarl-Freilichtbühne.
Im Rahmen der 700-Jahrfeier der Stadt Berlin wird am 15. und 19 August auf der Dietrich-Eckart-Freilichtbühne auf dem Reichs-
Doe jki des fiilfswerke» „Mutter und Kind": ein starke» unö gesundes deutsches Volk.
fportfeld Händels Oratorium „Herakles" aufgeführt. Die szenische Darstellung dieses Tonwerkes, die schon im vorigen Jahre bei den Olympischen Spielen die Massen begeisterte, wird wieder von Dr. N i e - decken-Gebhard eingerichtet und voraussichtlich in der gleichen Besetzung wie 1936 durchgeführt. Als Solisten wirken mit Gerhard Hüsch (Herakles), Emmi Leisner (Dejanira) und Adelheid A r m h o l d (Jole). Die musikalische Leitung hat Professor Stein, als Orchester wirkt das verstärkte Landessinfonie-Orchester Gau Berlin mit; der Chor wird etwa 1000 Sänger und Sängerinnen umfassen.
50 Jahre Duisburger Sladllhealer.
Duisburg feiert in diesem Jahre ein Doppeljubiläum seines Theaters: Dor 50 Jahren hat die Stadt das Theater in eigene Regie übernommen, und vor 25 Jahren wurde das große Opernhaus eröffnet, das seit 1921 mit eigenem Spielkörper geführt wird. Aus Anlaß dieses Jubiläums wird die neue Spielzeit mit einer Festwoche vom 25. September bis 3. Oktober eingeleitet. Sie beginnt mit einer Neuinszenierung des „Rosenkava -- Her" von Strauß, der eine Morgenfeier mit der Uraufführung des Sinfonischen Tanzspiels von Julius W e i s m a n n und festliche Opern-, Operetten- und Schauspielaufführungen folgen. Mit Richard Wagners „Meistersingern" schließt die Jubiläumswoche.
Shakespeares Römerdramen geschlossen in Bochum.
Die 2. Deutsche Shakespeare-Woche, vorn 9. bis 15. Oktober, in Bochum erhält ihren Schwerpunkt durch die für die deutsche Bühne erstmalige zyklische Gesamtaufführung der Römerdramen. Neben diesen Werken, „Titus An- dronikus", „Julius Caesar", „Coriolan", „Antonius und Kleopatra", gelangen weiterhin „Romeo und Julia" und als Abschluß „Die luftigen Weiber von Windsor" zur Aufführung. Die Inszenierung dieser Werke besorgt Intendant Dr. Saladin Schmitt. Die Bühnenbilder entwarf Johannes Schroder, Hamburg. Die Musik schrieb Emil Peeters. Die Aufführungen werden eröffnet durch ein Gastspiel der Kölner Oper mit Verdis „Falstaff".
Brief eines Ferienmüden.
^on Peter Bauer.
Mn schweres Gewitter hat vorhin das Dorf über- raodjt. Es kam mit grauschwarz geballtem Gewölk iter die Höhen wie ein überlegenes Kriegsheer, aus Meissen erbarmungsloser Umzingelung es kein Ent- tiinen gibt. Vor ihm her fegte der Sturm durch iii Gassen, Staub in Wirbeln über die Gärten peit- i mb, daß abgerissene Rosenblätter in mein Fenster vchten und, da ich es schließen wollte, plötzlich )i fer Falter wie hereingeworfen an die Gardine llctschte, wo er jetzt noch wie betäubt sitzt.
Ls ist ein Trauermantel, Liebste. Ich weiß nicht, b dir der düstere Falter mit seinen dunkelbraunen :Mitschwingen, die eine blaugefleckte schwarze Borte r hellgelbem Saum einfaßt, schon begegnete. Die SHterböen hatten ihn wohl, noch ehe er einen Ecilupfwinkel gefunden, aus feinen schattigen Berg- teirEen mit Gewalt talwärts geschwemmt, und viel- tiyt wäre er wie ein müder, abgekämpfter Schwimme In den wilden Sturmstrudeln untergegangen, Yale er zuletzt nicht das Glück gehabt, von einem ibirmütigen Anschlag auf mein Fenster mitgerissen m)i so überraschend geborgen worden zu fein. Seine Flügel hängen ein wenig wie ausgerenkt, so daß sein frilict mein Gefühl dunkler Schwermut, das ich In Tagen nicht loswerde, noch steigert.
.Nit schleifenden Schwingen meiner einsamen 3(i°[e streife ich. Liebste, bergauf und talab durch Eichende Wälder und zwischen abgemähten Fluren, ti( schon wieder der Pflug aufreißt. Ich sehe die Syfel der schlanken Stämme zu zärtlicher Berüh- ni'.g zueinander drängen. Ich sehe den Liebestanz Hemer Insekten über dem heißen Atem letzter Som- nrblumen. Wenn ich am Berghang ausgestreckt ii Ü)er Sonne ruhe, brummeln die Hummeln zu den s ?n Glocken des Fingerhuts, schrillen die Heu- hseckenmännchen hartnäckig und heftig ihre ©eigen» Ländchen für eine Geliebte, kichern und pure In üe helläugigen Wasser einer Quelle übermütig ein» eitler nach und werden des frohen Spiels nicht nüDe. Wo ich wandle und raste, ist zärtliche Zwie- Iwache und glückliche Zweisamkeit.
Nan muß schon zu zweien sein. Liebste, um eine Landschaft wie diese glückhaft schauen und erleben zu Innen. Es scheint mir zuviel Schönheit für einen cliin und darum bedrückt mich das Schweigen, das ft mir aufzwingt, und stimmt mich schwermütig. 6ewiß würden wir, schrittest du an meiner Seite, reit in Redseligkeit verfallen, aber deine auf» I st^ende Hand in der meinen, deine kleinen Aus- ifi? des Entzückens, deine staunend hingerissenen
und wieder zu mir zurückkehrenden Blicke sagten mir alles. Gemeinsam eines großen und tiefen Erlebnisses teilhaftig zu werden, ist höchstes Glück, ist Gnade, die wie aufhellender Himmel die überwältigende Musik eines Wetters in die erhebenden Stimmen verklärender Schlußakkorde ausklingen läßt. Wir wären wie Kinder, die mit heißen Wangen vor einer Bühne sitzend das Märchen sehen. Auf dem Heimweg würden wir unsere übervollen Herzen voreinander ausschütten.
Ich muß dir gestehen. Liebste, daß ich das alles vorausgeahnt und vorausgefürchtet habe und nur darum abgereist bin, weil ich zuversichtlich hoffte, daß dein Urlaub genehmigt und dein Nachkommen sich nur um ein paar Tage verzögern würde. Mich mit dir Fernen jetzt über die Reize und den Reichtum dieses gottbegnadeten Erdenwinkels unterhalten zu wollen, wäre vergebliches Beginnen. Man kann nur Bekanntes schreiben: daß die Rosen immer nod) duften, und der Atem der kleinen Reseden köstlich sei. Aber versuchte ich dir das weite aus Bergen und Mulden tiefgefaltete Gewand dieser Landschaft zu beschreiben, du wüßtest doch nichts von ihrer wahren Schönheit, die sich nur schauenden Augen enthüllt und mit allen Sinnen erleben läßt. Licht, Luft, das Atmosphärische, das Seelische vermögen Worte nicht einzufangen.
Doch selbst wenn ich über dieses Unvermögen Herr würde, Liebste, ich vermittelte dir nur ein verfälschtes Bild, seitdem ich weiß, daß du nicht kommst und die Unlust der Einsamkeit die Schwingen meiner Seele gelähmt hat wie die des Falters am Vorhang. So steht mein Entschluß fest: ich reise ab. Morgen, wenn du diesen Brief lieft, bin ich bereits unter
Und so der Trauermantel noch bis dahin mein schwermütiger Zimmerkamerad geblieben ist, bringe ch ihn mit, damit du siehst, w,e ,ch hier gewesen bin und über mich lachen kannst. Aber tch werde mitiachen, wenn der Folter stiegt.
Gehen alle Kühe dumm aus?
Das Antlitz der Tiere
Jedes Tier hat feinen eigenen, ganz persönlichen Gesichtsausdruck. Nur die mangelhafte Beobachtungsschärfe läßt uns Menschen sagen, em Schaf sehe aus wie das andere, der Kopf einer jeben Kuh ei eben dumm, und alle Tiger glichen sich bis m die weißen Kreise an den Ohren. Wenn man einen Vormittag lang auf der Pferdekoppel sitzt, merkt man verblüffend schnell, wie verschieden Gesichts
ausdruck und Körperhaltung bei jedem dieser Jährlinge sind; am zweiten Tag wird der aufmerksame Tierfreund auch schon Temperament und Charakter der jungen Pferde unterscheiden können.
Eines ist allerdings unerläßlich, wenn man das Antlitz der Tiere ergründen will: wir müssen uns freimachen van den Schlagworten der Vermenschlichung. Kein Walroß ist ein schnauzbärtiger, Münch- chener Bierkutscher; das Kapuzineräffchen ist wirklich nicht die wiedergeborene Tante Eulalia, und im Fuchs stellt sich ebensowenig ein unerfreulich pfiffiger Nachbar dar wie in dem faltentriefenden Mopsgesicht ein vergrämter Büromensch.
„Der Tiere König ist der Löwe!" Sieht man das mähnenumwallte Haupt eines erwachsenen Löwen an, wird man gar zu leicht zu dieser Begriffsbestimmung hingelenkt: ein hoheitsvoller Ernst spricht aus dem scharf geprägten Umriß; bernsteingelb und in weite Fernen sehend strahlen die Augen. Dennoch — wie falsch ist das alles! Die Mähne trägt der Löwe keineswegs als königliche Zier; sie ist ein elastischer Panzer im Brunftkampf mit dem Rivalen, ein Schutz beim Durchkriechen von Gebüsch, Felsspalten und dornigen Hecken. Der Löwe lebt zumeist im Flachland, muß seine Nahrung aus großer Entfernung erspähen; daher sind die Augen weit gestellt und nicht deswegen, weil sie „königlich" über uns Menschen hinwegsehen.
Wir sollen nicht immer unterstreichen und übertreiben, wenn es gilt, Tiere verständlich zu machen. Noch eines behindert die rechte Erforschung eines Tiergesichts — die wehleidige Sentimentalität. Da ruft jemand beim Anblick eines Schimpansenbildes mitleidig: „Augen, wie traurig seid ihr! Tiefe Sehnsucht nach dem Urwald spricht aus eurem Blick!" In Wirklichkeit aber hat der junge Schimpanse sein höchst vergnügtes Spieltollen nur deswegen unterbrochen, weil feine grenzenlose Neugier den schwarzen Photokasten ergründen will und vor allem das glitzernde Glasauge der Optik. Es kann leicht geschehen, daß der „tieftraurige Urwaldsohn" blitzschnell nach vorn stoßt und im Uebermut die verlockende Herrlichkeit an sich reißt.
Ich glaube, es ist einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen Mensch und Tier, daß wir Kulturmenschen gelernt haben, unser Antlitz zu beherrschen und nach Wunsch zu verstellen, während das Gesicht des Tieres — so wie bei unseren Menschenkindern — ein ungetrübter Spiegel seines Wesens ist. Ruhe, Wachsamkeit, Angst, Wut, Zärtlichkeitsverlangen; diese Regungen drücken sich einwandfrei klar in jedem Tiergesicht aus, und über der Artgleichheit,
die begreiflicherweise allen Eseln anhaftet, zeigt sich doch im Gesichtsausdruck eines jeden einzelnen, ob er bislang mehr gute oder mehr betrübliche Lebenserfahrungen gesammelt hat.
Paul Eipper.
Dom Bedeutungswandel in der Sprache.
Wörter wie Taler, Mutter, Bruder, Schwester, Sonne werden, wenn auch in abgewandelter Form, seit langer Zeit in genau derselben Bedeutung verwendet wie heute. Es erscheint uns als selbstverständlich, daß jedes Won unserer Sprache sei e für alle Zeit feststehende Bedeutung hat, ober die Sprachgeschichte zeigt, daß zahlreiche, im täglichen Leben häufig gebrauchte Wörter im Laufe der Jahrhunderte einen Bedeutungswandel durchgemacht haben der teilweise bis zum genauen Gegenteil des früheren Sinnes führte. Eine Reihe von Beispielen werden in „Reclams Universum" angeführt.
Unser „schlecht" hat jetzt eine ausgesprochen tadelnde Bedeutung, während es noch von Luther im Sinne von „schlicht" und »recht" gebraucht wurde. Vielfach ist eine Verengung der früheren Bedeutung festzustellen. „Schneider" hieß einst jeder, der etwas schneidet, wie wir es noch aus Haarfchneider oder Geldschneider kennen. Wir denken bei „Schneider" aber nur noch an den * leiöermacber, der Stoff zerschneidet und früher Zeugschneider hieß. Seltener hat sich diese Deutung eines Wortes auch erweitert. So war „ein bißchen" früher nur ein kleiner Biß und konnte nur in Verbindung mit eßbaren Gegenständen gebraucht werden, während wir ohne Bedenken auch von einem „bißchen Liebe" fprechen.
Häufiger noch ist ein Bedeutungswandel im Wert eingetreten, und zwar nach der guten wie nach der schlechten Seite hin. Eine Veredlung der Wortbedeutung liegt zum Beispiel bei „Marschall" vor, das aus den allen Wörtern „Mähre" und »Schalk" zufammengeseht ist und eigentlich Pferdeknecht bedeutet. Die Verschlechterung der Wortbedeutung ist überhaupt weit häufiger als die Veredlung. „Gift" war noch im Mittelaller jede beliebige Gabe (wie noch heute in „Mitgift"), „gemein“ bedeutete noch bei den Kia sikern soviel wie „allgemein', „Dirne" war dasselbe wie heute „Mädchen", „Fräulein" war nur dem Adel Vorbehalten, ebenso wie „Dame", „Gefindel" war dasselbe wie „Gesinde" (Dienerschaft), „Wucher" xd.'T jeder Geldertrag (Zins', „Mähre" war ein durchaus edles, ja ritterliches Pferd.


