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Nr?34 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesjen)Samstag, 12. Zuni 1957

Aus der Stadl Gieß

Der schöne Sommermorgen.

Das Gezwitscher der Schwalben weckt uns am Morgen. Die Sonne will eben aufgehen. Können wir da noch im Bette bleiben?

Hast du schon einmal den ganzen Zauber eines Sommermorgens erlebt? Nein? Dann verlasse ganz früh dein Ruhelager und folge dem traulichen Morgenlied der Schwalben. Du wirst es nicht be­reuen. Die Freude des Anfangs, die Freude des Aufbruchs in der Natur wirst du fühlen und mit großer Ergriffenheit in dich aufnehmen. Ein heim­liches Beben geht durch alle Lebewesen, durch jedes Vöglein, durch jeden Baum und jede Blume...

Und dann kommt die Sonne. Ihre ersten Strah­len treffen die Rosenknospen, die noch im Glanze des Tgues stehen. Leise und vorsichtig öffnen sich die Blütenblätter. Der Rosenduft umweht uns. Das Sonnenlicht öffnet die Kelche, die Vögel beginnen mit ihrem Gesang, die Bienen summen aus ihrem Stocke und fliegen hinaus zum fleißigen Tagewerk. Jedes Blättchen an den Bäumen und Blumen streckt sich der Sonne entgegen. So wartet jedes Geschöpf voll Sehnsucht auf das Kommen des Himmelslichtes.

Vom nahen Walde läßt der Kuckuck seinen necki­schen Ruf ertönen: Kuckuck! Kuckuck!

In solchen Stunden wird auch dir das Herz hell und frei. Alles will jubeln und sich freuen. Durch das taunasse Gras geht dein Schritt zum Walde. Da hörst du plötzlich die Morgenglocken der Dörfer ringsum. Mußt du dann nicht stillstehen und in Andacht verharren?

Wie traulich erklingen die Töne der Glocken durch den lichten Morgen! Nun läutet auch die Früh­glocke in deiner Heimat. Die Bauern erheben sich, fahren hinaus aufs Feld und holen das erste Futter. Bald wird es überall lebendig. Wagen rasseln, und Rufe ertönen. Schon hist du nicht mehr allein am Waldesrand.

Aus den Schornsteinen steigt der erste Rauch senkrecht in die Luft. Der Morgenkaffee wird ge­kocht.

Und du steht da oben und kannst nur sagen: Wie schön, wie unendlich schön ist Gottes weite Welt! ...

Mit glänzenden Augen kehrst du zurück und be­ginnst deine Tagesarbeit voll fröhlicher Andacht und zukunftsfreudiger Hoffnung. So kann nur der schöne Sommermorgen zaubern.

Dornoiizen.

Tageskalender für Samstag:

Stadttheater: 20 bis 22 Uhr, Gastspiel der spa­nischen Tänzerin Manuela del Rio. Gloria-Pa­last (Seltersweg):Peter im Schnee". Marine- Kameradschaft: 8.30 Uhr Monats-Musterung. GRG.: 20.30 Uhr Unteres Bootshaus Kamerad­schaftsabend. Universitäts-Sportfest: 15 Uhr Universitäts-Sportplatz.

Tageskalender für Sonntag:

BDM.-Sporttag: 15 Uhr Universitäts-Sportplatz. Gloria-Palast (Seltersweg): 'Peter im Schnee". Oberhessischer Gebirgsverein: Wanderung Nassau-Obernhof. Schützenverein: 9 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr Opferschießen.

heute einmaliges Gastspiel Manuela del Rio.

Heute abend findet im Stadttheater Gießen das Gastspiel der spanischen Tänßerin Manuela del R i o statt. Bei dem Gastspiel der jungen Künstlerin wird außer dem Klavierbegleiter Alfonso der Gitarre-Virtuose Joaquin Roca auftreten, der nicht nur zusammen mit der Tänzerin, sondern auch solistisch mitwirken wird. Die Partner bilden seit Jahren die Begleitung der Künstlerin. Es kommen nur original-fpanische Tänze önd Musikstücke zum Vortrag.

Mitglieder-Versammlung des Älice-Frauenvereins.

Der Alice-Frauenoerein, Ortsverein Gießen im Deutschen Roten Kreuz veranstaltet am Mittwoch, 16. Juni, im Hörsaal der Univertäts-Frauenklinik

in Der Mnmaße ferliggestellt.

In diesen Tagen wur­den die Einfamilienhäu­ser, die von der Bau­genossenschaft 1894 errichtet wurden, und die die Jahnstraße bilden, endgültig fertiggestellt. Die Häuser, zehn an der Zahl, alle weiß verputzt, machen einen überaus freundlichen Eindruck und heben sich, von der Stadt aus gesehen, lebhaft vom dunklen, sattgrünen Hin­tergrund des Philoso­phenwaldes ab. Die Häuser, mit deren Bau im Juli des vorigen Jahres begonnen wurde, find durchweg bereits bewohnt. Auch die Vor­gärten sind alle, soweit sie innerhalb der zur Verfügung stehenden kur­zen Zeit kultiviert wer­den konnten, angelegt.

-8W

(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger)

Feriengestaltung durch die HL.

Seit der Machtübernahme veranstaltete die Hitler- Jugend des ganzen Reiches in jedem Sommer ge­waltige Z e l t l a g.e r, die von den einzelnen Ban­nen getragen waren. Noch steht die Hitler-Jugend des Bannes 116 unter dem erhebenden Eindruck des vorjährigen Lagers in Grünberg, das von Tausen­den von Hitler-Jungen und Jungvolk-Pimpfen be­sucht wurde. Seitdem ist die Organisation nicht stehen geblieben, sondern hat auch für dieses Jahr neue und erweiterte Pläne aufgestellt, die demnächst zur Durchführung kommen.

Während in den letzten Jahren die Jungen ihre HJ.-Ferien an einem einzigen Orte, eben im Zeltlager verbrachten, geht das Streben der HJ.-Führung in diesem Jahre darauf hinaus, die Jungen auf größere Fahrten gehen zu lassen und ihnen die landschaftlichen Schönheiten an­grenzender Gebiete zu zeigen. Deshalb hat die Gebietsführung Hessen-Nassau der Hitler-Ju­gend die große Hessen-Nassau - Fahrt organisiert, die einen Austausch der Vanne innerhalb der Grenzen des Gebietes vorsieht.

Sinn und Zweck dieser Fahrt soll es sein, den Jungen die nächste Heimat näher zu bringen, sie mit den Sitten und Gebräuchen der durchwander­ten Gebiete bekanntzumachen und ihnen die Seele der Heimat und ihrer Menschen zu erschließen.

Der Bann 116 beteiligt sich mit annähernd 600 Mann an dieser Hessen-Nassau-Fahrt. In Gruppen von je 20 bis 25 Mann werden die Hitler- Jungen unter Leitung ortskundiger Führer den Spessart erwandern, jenes riesige Waldgebiet im Südosten des Gaugebietes, das so eng mit der Siegfriedsage verbunden ist. Neben Wanderungen, Spiel- und Sportvorführungen in engem Kreise sind Dorfgemeinschaftsabende in den Quartierdörfern vorgesehen, die als Erholungs- wie

als Feierstunden für die wandernden Hitler-Jungen wie für die Dorfbewohner gedacht sind. Träger die­ser Freizeitgestaltung werden die HJ.-Wandergrup- pen sein. Diese Hessen-Nassau-Fahrt wird für den Bann 116 am 9. Juli 1937 mit einer Sonderzug­fahrt in Richtung Spessart beginnen und bis zum 15. Juli dauern.

Neben diesen 600 Junggenossen sollen noch Son­dereinheiten in Stärke von annäherdn 200 Mann auf Fahrt gehen.

Da die gesamte Hitler-Jugend des Gebietes ihren Urlaub nicht auf eine einzige Woche zusammenlegen kann muß doch das vielseitige Wirtschaftsleben dabei berücksichtigt werden werden weitere Ein­heiten des Bannes 116 das große

Zeltlager des Gebietes am Gederner See besuchen. Viele Hitler-Jungen ganz Oberhessens sind ja die vielen Lager an dem herrlich gelegenen Gederner See schon ein Begriff geworden, so daß über dieses Zeltlager nichts weiter gesagt zu werden braucht. Jedenfalls wird es wiederknorke"! Die­ses gegenüber früheren Jahren bedeutend ve r - größerte Lager wird vom Bann 116 vom 20. bis 27. Juni und vom 8. bis 15. August mit je 200 Junggenossen besucht werden.

N^eben diesem zentralen Lager des Gebietes sind für die Sondersormationen des Bannes noch ver­schiedene kleinere Lager vorgesehen. So trifft sich die Marine - Hitler-Jugend des Bannes 116 in Lorch mit ihren Kameraden aus den anderen Bannen, die M o t o r s ch a r wird gemeinsam mit dem NSKK. ein Lager durchführen, in dem sie ein mehr auf das motorsportliche Leben zugeschnittenes Programm erleben wird. Ebenfalls werden die HI.-Flieger und die Nachrichteneinheit gesonderte Lager durchführen.

Insgesamt steht zu erwarten, daß in diesem Sommer über 1500 Junggenossen des Bannes 116 ihren Urlaub in der Gemeinschaft der Jugend mit gleichgesinnten Kameraden erleven werden. Hk.

ihre Mitgliederversammlung. Nach dem Jahresbe­richt und der Rechnungsablage wird Professor Dr. von Jaschke einen Vortrag halten.

Aenderungen der Sendezeiten beim Heichssender Frankfurt.

Reichsminister Dr. Goebbels hat den Inten­danten der Reichssender Anweisung' gegeben, die

Darbietungen des Rundfunks immer stärker auf das Leistungsprinzip abzustellen und unter Wahrung einer hochwertigen Volkstümlichkeit für eine noch größere Farbigkeit und Lebendigkeit der Pro­grammgestaltung Sorge zu tragen. In Verfolg dieser Richtlinien hat der Intendant des Reichs­senders Frankfurt Hanns Otto Fricke einen ge­nerellen Umbau des Programms in die Tat umgesetzt, lieber diese Maßnahmen, die ab

27. Juni in Kraft treten, macht der Intendant u. a. folgende Mitteilungen: Ich habe grundlegende Neuerungen eingeführt, welche vor allem darauf abzielten, das Programm, themenmäßig gesehen, variabel zu gestalten, etwa so, daß der besten Sendung die beste Zeit geworden ist. Als eine der besten Sendezeiten sehen wir die Zeit von etwa 19 bis 22 Uhr an, weil diese Zeit erfah­rungsgemäß die größtmögliche Zahl von Hörern an ihren Empfangsgeräten sieht. Ab 27. Juni wird von 19 bis 21 Uhr leichte beste Unterhaltung gesen­det, sei es Musik, sei es Wort, sei es beides zu­sammen. Der künstlerischen Sendung gehört für die Folge die Zeit nach 21.15 bis 22 Uhr und darüber.

Hitler-Zugend Bann 116 Gießen.

Betr. hessen-Nassau-Fahrt und Zeltlageraktion.

Zu einer Vorbesprechung für die Hessen-Nassau- Fahrt und die Zeltlageraktion haben alle Gefolg­schaftsführer und Unterbannführer heute, 20.30 Uhr, an der Banndienststelle anzutreten.

Vetr. Spielschar.

Die für die Spielschar 116 gemeldeten Jgg. treten am 16. Juni 1937, 20.30 Uhr, an der Banndienst- stelle an.

BDM., Untergau 116, Gießen.

An die Bevölkerung von Stabt und kreis Gießen!

Am morgigen Sonntag, 13. Juni, um 15 Uhr, findet auf dem Universitätssportplatz unser Sport­tag 1937 des BDM. und IM., Untergau 116, Gießen, statt. Aus diesmal geht unser Ruf an alle Volksgenossen, die sich der Jugend verbun­den fühlen und sich zu ihr bekennen. Kommt und überzeugt euch von der Sporterziehung und Lei­stung unserer Mädel!

Veranstaltungsfolge: 1. Einmarsch und Fahnenhissen; 2. Körperschule des BDM.; 3. Spiel­wiese der IM.; 4. Mannschaftskampf des BDM.; 5. JM.-Tauziehen; 6. Handballspiel der M.-Gr. 1/116; 7. IM.-Singwettstreit; 8. Mädeltänze; 9. Siegerehrung und Einholen der Fahne.

Liesel Göbel, JM.-Untergauführerin. Käthe Pfeffer, Mädeluntergauführerin.

ZM. ilntergau 116, Gießen.

Die für die nächste Woche angefetzten Standort­besichtigungen durch die Jungmädelführerin des Obergaues müssen ausfallen, da sie zu einer Tagung nach Berlin einberufen ist. Die Standorte Betten­hausen, Muschenheim, Eberstadt, Ober-Hörgern, Langsdorf, Villingen, Ober- und Nieder-Bessingen und Münster sollen sich aber doch für kommenden Mittwoch und Donnerstag bereithalten. Näherer Bescheid geht den Standortführerinnen noch zu.

Die Führerin des IM.-Untergaues 116: gez. Liesel Göbel, JM.-Scharführerin.

3u Besuch

im NGD.-Mütter-ErholungSheim.

Gießener Frauen im Taunus.

In diesen Tagen unternahm die Frauenschafts­leiterin Frau Wrede mit den Sachbearbeiterinnen des Kreises und den Leiterinnen der Verbände des Deutschen Frauenwerks einen Ausflug nach Falken­stein im Taunus, um dort das Mütter-Erholungs­heim der NSV. zu besichtigen. Das schöne Heim ist hoch und frei in der Mitte eines herrlichen Par­kes gelegen. Aus allen Fenstern der großen lufti­gen Räume genießt man die Aussicht auf den Ort und die Burg Königstein. Schattige Waldpartien,

Besuch bet Grabbe.

23 on Ivolfgang Goeh.

Detmold ist eine angenehme Stadt. Man soll dies Beiwort nicht in dem Sinne nehmen, wie es heute verwaschen und ausgeleiert etwa als verlegene Er­widerung auf eine Vorstellung gebraucht wird, son­dern so, wie es ein Dichter des achtzehnten Jahr­hunderts empfindet, wenn er singt: O angenehmer Hain! Es hat keine häßlichen Vorstädte, sondern auf einmal ist man aus der Wiese oder dem Wald in eine saubere Straße geraten. Schiefergedeckte Häuser wechseln mit Fachwerkbauten, davon gegen­wärtig jedes dritte von oben bis unten blitzblank abgeputzt wird und an denen schöne Sprüche ein­geschnitten oder gemalt sind, meist aber: An Gottes Segen ist alles gelegen. Das lustige ist, daß die Schriftform durch alle Jahrhunderte diefelbige bleibt, wie der Stil der Häuser, so daß nur die gewissenhaft angebrachten Jahreszahlen das Alter verraten. Nur in den vornehmen Gegenden der Stadt, etwa in derAllee", stehen reizvolle Em­pirebauten, zu denen Treppchen mit zierlichen Ge­ländern emporführen, blitzend von blinkenden Mes­singknöpfchen. Auch die Gotik der vierziger Jahre ist vertreten und durch ihre Fenster kann man noch prunkvolle Alabasteroasen sehen mit schnäbelnden Vögeln darauf, die den Tauben ähneln. Die öffent­lichen Gebäude sind von jener vornehmen Sicher­heit, die imferen Großvätern eigen war, so das Rathaus, mit seiner gebrochenen Freitreppe. Oder weiter zurück das ein wenig hochmütige Schloß mit alten Kanonen und leeren Schilderhäuschen, darin nicht einmal mehrder", Soldat über Lippe-Det­mold, die wunderschöne Stadt, wacht, wie das alte Lied zu künden weiß. Man fühlt sich ein wenig linkisch in dieser stattlichen- Umgebung, durch die sich die bösen Automobile gar nicht getrauen, ge­schweige denn die Motorräder. Die Detmolder selbst bewegen sich völlig ungezwungen, und sie stehen ihrer 'Stadt wohl an, wie denn hier rundum ein Menschenschlag sitzt von einer Ruhe in Blick und Gebärden, daß man es ihnen verwünscht gerne nachtun möchte. Es gibt Gesichter, wenige nur, die ändern sich nicht, so lange sie auf diese Erde blicken. Denen gleicht hier das Volk: vor hundert und hun­dert Jahren ist es so gewesen und wird, Gott gebe es, noch lange so bleiben.

Wie bei den Lebenden geht es bei den Toten schlicht vornehm und konservativ zu. Nicht nur, daß der Name Thusnelda sich häufig findet, auch die Denkmäler zeigen noch bis in die fünfziger Jahre die schönen, von steinernen Tüchern umwundenen Vasen, schwere Würfelsteine mit milden Palmetten,

die doch in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts nur Mode waren. Es mutz schon eine Fürstin gewesen sein, die ihr Denkmal nach dem Geschmack des Tages erhält, die schmale spitze Py­ramide, die auf Kugeln ruht und die ein goldner Stern überglänzt. Lauter Präsidenten, Kammer­herren, Fürstlich - Lippische Obersten, Hofrichter ruhen sie da unter schichtweise aufeinander getürm­ten Epitaphien der Geschlechter-Epochen, eingesunke­nen Hügeln und verrutschten Tafeln.

Ich kann mir recht wohl vorstellen, daß einem besonders wenn er das Unglück hatte, im Schatten Byrons heranzuwachsen, diese'langsame Ruhe und dieser gesicherte Stolz an den Nerven reißt, daß sich der Gedanke in ihm verbeißt:Nun gerade nicht, nun erst recht nicht!", daß er auf den Tisch haut und wüste Worte brüllt und säuft.

Es dürfte schwer fallen, unter all den schönen Malen Christian Dietrich Grabbes Stätte zu finden; mich wies ein freundlicher alter Herr zu­recht, der mir auch die stille Pforte erschloß. Und wie sie alle so sanft ruhen in der Runde, ich konnte mir dabei beim besten Willen nicht vorstellen, daß sie hier einmal den weiland Advokaten und Regi­mentsauditeur unter frommem Sang und gewiß bedenklich zweifelhaften Trostesworten des Herrn Pastors eingesenkt haben. Die mancherlei Erinne­rungen spielen mir einen schlechten Streich, das weiß ich wohl, aber es ist, als hätte er sich in feiner Ecke hingeworfen:Nun Schluß! Hol euch alle der Geier! 'Viel Vergnügen!" Eine erschreckend dicke Decke von Efeu hat er über sich gezogen, das wuchert breit hier, weit über die Daten der Geburt und des Todes, daß man nur lesen kann: Hier ruht / in Frieden der / Dichter / Christian Dietrich Grabbe.

Schön iff der Stein eben nicht, eine Tafel, die eine Art krönenden Aufsatzes hat, der dadurch ent­standen zu sein scheint, daß man oben ein Stück einschnürte. (Doch sind alle Freunde Grabbes herz­lich gebeten, es bei diesem Steine belassen zu wol­len, ' wobei sie auf die fürchterlichen Folgen der E. T. A. Hoffmann-Verehrung auf dem Jerusale­mer Friedhof in Berlin erinnert werden.) Daneben unter der gleichen Efeudecke ruht die Mutter. Eine gleiche Tafel zeigt die Inschrift: Hier ruht / m Frieden / neben ihrem / Sohn / die Mutter / Dorothea / Grabbe / geb. Grüttemeier.

Die Daten sind wiederum nicht zu lesen vor lauter Grün. Diese seltsam rührenden Worte sind die schönste Huldigung für Christian Dietrich, denn was besagt der Titel: Dichter, auf feinem Stein? Aber welch ein Stolz und welche hingebende De­mut liegt in dem WortDie Mutter!" Ob das un­glückselige Weiblein sich selbst die Inschrift erdacht

hat oder ob Freunde die Worte so fein setzten? Ich weiß es nicht. Die Dame Grabbe, geborene Closter­meier, dürfte kaum beteiligt sein. Sie liegt auch nicht dort unter dem Efeu, wenigstens zeigt es kein Stein, iüir wollen es auch nicht hoffen. Es wußte mir auch niemand zu sagen, wo sie verwest.

Ich bin dann hingegangen in das kleine Haus, in' dem Grabbe lebte und starb. Die Wahnerstraße ist ein krummes Gäßchen. Das Haus Nummer 5 hat einen Stock, auf dem noch ein Manfarden- fenfter hockt. Heute gehört es einem Bäckermeister, dessen Großvater es von der Grabbe gekauft hat. Ich trat in einen kleinen Gang, der das Grabbe- Haus von Freiligraths Geburtshaus trennt, und wo man eben etwas muffige Wolldecken aufgehängt hatte. Ein Türchen führt von dort ins Haus, und da ich jemand drin wirtschaften hörte, klopfte ich und fragte, wo denn der Dichter gestorben sei. Die freundliche junge Frau sagte, ich stünde just in dem R-aum. Früher sei keine Tür, sondern nur ein Fen­ster gewesen, ich möchte entschuldigen, es sähe so unordentlich aus. Nun ja, es ist eben ein Flürchen, das als Abstellraum benutzt wird, und die Unord­nung sie war gar nicht groß stimmte vor­trefflich.

Vielleicht drei Meter im Quadrat ist das Zim­mer. Wenn man hinaussieht, hat man die kahle Wand des Nachbarhauses vor sich. Die Frau Grabbe habe ja oben gewohnt, sagt die freundliche Wirtin, er unten, denn sie hätten getrennt gelebt. Es klingt wie eine Entschuldigung. Aber so ist es, so muß das Zimmer aussehen, in dem sich das schauder­hafteste Sterben herunterquälte. Ganz vortrefflich mutz sich die schmetternde Stimme der Dame Grabbe, -geborene Clostermeier, hier in den engen Wänden gebrochen haben. Der dünne Kaffee aab hier in dieser Jämmerlichkeit den rechten vollen Duft, und diese Ecken sind geschaffen für das arme mummelnde Mütterchen. Ich bin fast enttäuscht, als meine Führerin mich in das sauber und nett eingerichtete ehemalige Arbeitszimmer blicken läßt: es führt auf die Straße, deren andere Seite eine Mauer begrenzt, die von hellen .Bäumen über­grünt wird. Im oberen Stockwerk muß die Aus­sicht wunderhübsch sein. Aber da wohnte ja die liebe Frau.

In derStadt Frankfurt" ich zu Mittag und habe den Oberkellner gefragt, ob man noch Kunde hätte, wo der Dichter Grabbe feine verschiedenen Früh-, Mittag- und Abendschoppen zu genehmigen pflegte.Hier", sagte er. Ja, früher hätte es noch ein paar Kneipen gegeben, aber die seien jetzt ver­schwunden. Gewiß, denn Abwechslung erfreut nicht nur, sie ist auch geboten, wenn die Kreide nicht mehr hinreicht. Und, wenn ichs recht überlege, die

Dame Grabbe, geborene Clostermeier, hatte viel­leicht von ihrem Standpunkt aus ganz recht, wenn sie in die Beletage zog, um ihrer Nachtruhe willen. Deshalb braucht man sie doch nicht sehr zu lieben, was denn auch keiner tun wird, der den Sterbeort dieses Zerrissensten gesehen hat. Man kann sich schwer vorstellen, daß er wo anders hätte enden können.

Der Anfang einer großen Laufbahn.

Ein junger deutscher Techniker", so erzähltRe- clams Universum",verließ seine Heimat, um in London fein Glück zu versuchen. Er stieg hier in einem Hotel dritten Ranges ab, durchwanderte am nächsten Morgen die Straßen, und während er die Schilder der Läden studierte, entdeckte er ein hüb­sches, großes Schild mit der AufschriftUnder- taker. Obwohl er wenig Englisch verstand, wußte er doch so viel, daß diesUnternehmer" bedeute. Mit diesem Mann könnte ich über unsere neue Gal­vanisierungsmethode sprechen, dachte er und betrat den Laden. Doch zu seiner Verwunderung erblickte er in dem Raum nichts als Särge. Er versuchte in gebrochenem Englisch fein Anliegen vorzubringen, aber derUndertaker verstand ihn nicht, bis ein alter Herr, der sich in dem Laden aufhielt, als Dol­metscher eingriff und dem jungen Mann die Er­klärung gab, daß in EnglandUndertaker auch die Leute genant werden, die Begräbnisse besorgen. Mit seinem Patent müsse er sich an die Ekkingtons in Birmingham wenden Der junge Mann setzte sich sofort auf die Bahn und sprach am nächsten Tage in der Fabrik vor, wo er jedoch kühl emp­fangen wurde.Täglich", sagte ihm der Direktor, werden uns sogenannte neue Erfindungen ange­boten, die sich meistens als wertlos erweisen. Auch besitzen wir schon ein Patent das uns das Recht sichert?elektrische Ströme, die durch galvanische Bat­terien erzeugt werden, zu Gold- und Silbernieder­schlägen zu verwenden. Wir bezweifeln, daß es eine bessere Methode als die unsere geben kann." Der junge Mann ließ sich nicht abweisen und bat um die Erlaubnis, Proben feines Verfahrens vorlegen zu dürfen. Im Hotel angelangt, machte er sich in feiner Dachstube ans Werk und vergoldete den gan­zen Waschapparat, Becken, Kanne und was sonst dazu gehörte. Das Ergebnis seiner nächtlichen Ar­beit legte er pünktlich am folgenden Tage zur ver­abredeten Stunde vor. Und der Erfolg? Man zahlte ihm auf der Stelle den verlangten Betrag von 1500 Pfund Sterling für das Patent. Dies war der An­fang einer großen Laufbahn; der junge Mann hieß Wilhelm Siemens."