Ausgabe 
12.5.1937
 
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Förderung des deutsch-englischen Einvernehmens. Oer Führer empfängt den neuernannten britischen Botschafter.

Berlin, 11. Mai. (DNB.) Der Führer und Reichskanzler empfing den neuernannten Kgl. Britischen Botschafter Sir Neville Hender­son zur Entgegennahme seines Beglaubigungs­schreibens. Der neuernannte Botschafter wurde unter dem üblichen Zeremoniell zumHaus des Reichspräsidenten" geleitet. Im Ehrenhof hatte eine Ehrenkompanie Aufstellung genommen.

Botschafter Henderson überreichte das Hand­schreiben Seiner Majestät König Georg VI. mit einer Rede in englischer Sprache, in der es u. a. heißt: Ich bin mir tiefstinnerlich der Ehre bewußt, die mein Landesherr mir antut, indem er mich mit dieser verantwortungsvollen Sendung betraut, und es ist nicht lediglich eine Förmlichkeit, wenn ich ausspreche, daß ich mein Leben in diesem großen und artverwandten deutschen Volk mit der festen Absicht beginne, alles, was in meinen Kräften liegt, jur Förderung der Sache des eng- lich-deutschen Einvernehmens zu tun. Denn gerade dies ist der Wunsch Seiner Majestät, der Wunsch Seiner Majestät Regierung und der Wunsch des gesamten friedlichen Volkes. Von der Erfüllung dieses Wunsches hängt der Erfolg meiner Sendung ab. Ich hebe die Ueberzeugung, daß es zwischen uns feine Frage gibt, die nicht in f r i e d l i ch e m Z u f a m m e n w i r k e n und mit beiderseitigem guten Willen ge-s regelt werden kann, und ich hoffe, daß ich in meinen persönlichen Beziehungen zu Euerer Exzellenz und Euerer Exzellenz Minister mich darauf ver­lassen darf, das volle Maß an Unterstützung und den Geist vertrauensvollen Zusammenarbeitens zu

Moskau, 11. Mai (DNB.) In Form einer knappen Verlautbarung, welche die Blätter nicht einmal auf der ersten Seite bringen, erscheint die Nachricht von einer weitgehenden politischen Umbildung der Roten Armee und einem höchstbedeutsamen Revirement innerhalb der ober­sten Generalität. Durch Regierungsverordnung, so heißt es, ist es für nötig erachtet rootben, in den MilitärbezirkenK ri e g s r ä t e" zu bilden und in den Truppenteilen, Verwaltungen und Aemtern der Roten Armee dieInstitution der militä­rischen Kommissar e". Mit der Schaffung von Kriegsräten in den Militärbezirken greift man anscheinend bewußt auf die Zeit des Bürgerkrieges zurück. Auch damals bestand bei jeder Armee ein revolutionärer Kriegsrat", dem sowohl Militär­personen aus dem Generalstab wie auch Funk­tionäre der Parteizentrale angehörten. Offensichtlich bezweckt die gegenwärtige Verordnung, erneut derartige aus Militärpersonen und Partei- beauftragten bestehende Kriegsräte zu schaffen, die gegenwärtig nur den einen Zweck haben können, die Generalität zu kontrollieren und über den Geist des Offizierskorps im bolschewisti­schen parteimäßigen Sinne zu wachen. Diemili­tärischen" Kommissare sollen offensichtlich über den militärischen Kommandeuren und über den politischen Kommissaren stehen, müssen selbst wohl Militärpersonen sein und ähnlich wie der Armee-Kommissar der Bürgerkriegszeit für die mili­tärischen Leistungen und die politische und mora­lische Verfassung ihrer Truppenteile verantwortlich sein, und zwar in erster Linie gegenüber der bol­schewistischen Partei.

finden, die zur Durchführung dieser hohen Aufgabe unerläßlich sind.

Der Reichskanzler antwortete u. a.: Mit Befriedigung habe ich Ihren Worten entnommen, daß Sie, Herr Botschafter, es sich zur Aufgabe machen wollen, alles zur Förderung des deutsch- englischen Einvernehmens zu tun. Ich möchte hier­auf erwidern, daß ich, die- Reichsregierung und das deutsche Volk diese Mitteilung a u f r i ch t i g st be­grüßen. Euere Exzellenz haben der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß es zwischen uns keine Frage gibt, die nicht in friedlichem Zusammenwirken mit beiderseitigem guten Willen geregelt werden kann, und ich in diesem friedlichen Zusammenwirken eine Notwendigkeit sowohl f ü r das Gedeihen unserer beiden Völker, deren Artverwandtschaft Sie besonders betont haben, als auch im Interesse des allgemeinen Friedens sehe. Die freundlichen Wünsche, die Seine Majestät König Georg VI. in seinem Hand­schreiben für das Gedeihen Deutschlands und für mich persönlich zum Ausdruck gebracht hat, nehme ich mit lebhaftem Dank entgegen. Ich erwidere sie aufrichtig und heiße Sie, Herr Botschafter, im Namen Oes Deutschen Reiches herzlich willkommen.

An den Empfang des britischen Botschafters schlossen sich die Empfänge des neuernannten Ge­sandten von Guatemala, das bisher in Deutsch­land einen Geschäftsträger unterhielt, und des neu­ernannten Gesandten der Vereinigten Staaten von Mexiko, General Juan F. A z c a r a t e. Nach der Abfahrt der Diplomaten schritt der Führer und Reichskanzler die Front der Ehrenkompanie ab. Er wurde von den zahlreichen Zuschauern mit stürmi­schen Heilrufen begrüßt.

Das bedeutsamste Ereignis ist der Sturz des Generals Tuchatschewski. Tuchatschewski wird vom Stellvertreter Woroschilows und verant­wortlichem Chef des ganzen Landheeres zum Kom­mandeur des (zudem noch militärisch unwichtigen) Wolga-Militärbezirk degradiert. Im Zu­sammenhang mit dem Radek-Prozeß schwebte eine Untersuchung gegen Tuchatschewski. Nachdem an seiner Stelle der Großadmiral Orlow zu der Krönungsfeier nach London delegiert wurde, be­gann man sich bereits auf den Sturz Tuchatschews- kis gefaßt zu machen. Der an seiner Stelle ernannte Marschall Jegorow, bisheriger Generalstabs­chef, war schon in der Zarenarmee Offizier. Jego­row gilt als unpolitischer aber tüchtiger Offizier, freilich auch als gefügiger als fein gestürzter Kol­lege. Der zum General st abschef an feiner Stelle ernannte Armeekommandant ersten Ranges Schaposchnikow war gleichfalls in der Zaren­armee bereits Offizier und zuletzt Kommandeur des Militärbezirks Leningrad.

Alle diese Aenderungen werden in der Presse mit keinem Wort kommentiert. Es herrscht der Eindruck, daß sie nichts anderes be­deuten als einen raschen Eingriff des Kremls in die Sphäre der Armee, die sich bereits zu unabhängig gefühlt hat und sogar Symptome gefährlicher Selbständigkeit an den Tag gelegt haben mag. Nun soll die Armee in jeder Hinsicht der politischen Leitung der bolschewistischen Machthaber unterworfen werden.

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Seit längerer Zeit schon vollzieht sich im Innern Sowjetrußlands ein Umbau der Machtposi­

tionen. Die einzelnen Etappen dieses Prozesses traten nach außen nicht immer deutlich in Erschei- nun, aber schon an Hand der Trotzkisten-Prozesse und anderer Vorgänge merkte man, daß entschei­dende Veränderungen im Gefüge des Sowjetstaates vor sich gingen. Es stellte sich dabei heraus, daß die Rote Armee eine immer wichtiger wer­dende Rolle spielen würde, weil die Partei und die GPU. den wachsenden inneren Feind offenbar allein nicht mehr in Schach halten konnten. Die sensationellen Personaloeränderungen in der Ober­sten Heeresleitung, deren wichtigstes Merkmal die Ab halft er ung Tuchatschewskis ist, be­stätigen diese Entwicklung ebenso wie die Neuschaf­fung von Kriegsgeräten, die als oberste politische und militärische Kontrollorgane die Armee zur schärfsten Waffe gegen den inneren Feind heran­bilden sollen.

Als zum 1. Mai, der in der Sowjetunion als Tag des internationalen Proletariats traditioneller Staatsfeiertag ist, die Dereidigungder Re­kruten angekündigt wurde, gab diePrawda" in einem Leitartikel bemerkenswerte Erläuterungen über die Bedeutung des Fahneneides. Es hieß darin, daß der Feind des jungen Rotarmisten nicht nur in der Form japanisch-mandschurischer Ban­diten mit Handgranaten am Gürtel und der Pistole in der Faust auftrete, sondern auch als äußerlich harmloser Zeitgenosse die Kasernen umstreiche, als Ingenieur, Meister und Arbeiter in die Rüstungs­fabriken einzudringen versuche, um Kriegsgeheim­nisse zu erspähen und Sabotage zu treiben. Ja selbst in der Gestalt eines leichtfertigen Mädchens oder eines einfachen Dorfbewohners könne sich der Spion

Trier, 11. Mai. (DNB.) Im Prozeß gegen den katholichen Pfarrer Bauer erklärte der Verteidiger, er müsse sich dagegen wehren, daß während der weiteren Verhandlung die bischöfliche Behörde noch weiter in den Fall einbezogen und die Beweisauf­nahme in dieser Hinsicht noch erweitert werde. Der Oberstaatsanwalt bemerkte dazu, nach dem Ergebnis der bisherigen Beweisaufnahme hätte der Änge- klagte sein verbrecherisches Treiben nicht auf die Dauer fortsetzen können, wenn die bischöfliche Be­hörde energisch durchgegriffen hätte. Obwohl Bauer selbst gebeten habe, ihn nicht mehr auf eine Pfarrstelle zu setzen, habe seine vorgesetzte kirchliche Stelle ihn erneut als Pfarrer b e = schäftigt. Die Staatsanwaltschaft beantragte dar­auf, am Mittwoch nach Pfingsten nochmals den Bischof von Trier, Dr. Bornewasser, als Zeugen zu laden. Für den Ausgang der Ver­handlung sei es von grundsätzlicher Bedeutung, ob der Bischof gewußt habe, daß Bauer im Jahre 1930 zurücktreten wollte, als er von Laubach aus in Exerzitien zur Besserung geschickt wurde.

Im weiteren Verlaus der Verhandlung treten die unglücklichen Opfer des Angeklagten B a uer auf. Tief erschüttert vernimmt man immer wieder die grauenhaftesten Einzelheiten. Mit dia­bolischer Verschlagenheit hat es der Angeklagte ver­standen, sein geistliches Amt und das ihm entgegen­gebrachte gläubige Vertrauen der Dorfgemeinschaft seinen verbrecherischen Gelüsten dienstbar' zu machen. Eine ungeheure Erregung geht immer wieder durch öen Saal; hier sitzen ja die Eltern, die aus dem Munde des angeklagten Pfarrers und aus Öen Aus­sagen öer verführten Jungen die peinlichsten Dinge vernehmen müssen. Auf die Frage des Vorsitzenden, wie es denn mit dem Beichten dieser Dinge ge­wesen sei, bekunden die Zeugen übereinstimmend, daß Pfarrer Bauer nach den Schändlichkeiten ihnen den Segen gegeben habe. Wenn sie dann nachher in öer Kirche bei ihm gebeichtet hätten, hätten sie bas nicht mehr erwähnt, weil Bauer ihnen bas so anbefohlen habe. Wenn ber Vor- sitzenbe wissen will, ob die Jungen benn keine Be­denken gehabt hätten, kommt von ben Zeugen meist die Antwort:Es war ja ber Herr Pfarrer, ber uns bazu aufforberte". Diese Antwort ist charakte­ristisch für bie ganze Einstellung der unglücklichen Opfer, die dem Pfarrer alles glaubten, was er sagte.

Drei Sachverständige, die dann gehört wurden,

und Trotzkist verbergen. Hier war also zum ersten­mal davon die Rede, daß die Rote Armee nicht nur im ausländischen Faschismus ihren Gegner zu er­blicken habe, sondern auch gegen den Feind im eigenen Land eingesetzt werden müsse. Da­mit hat Stalins Heer eine neue Aufgabe bekommen, denn die Bekämpfung der sogenannten Volksschäd­linge gehörte bis jetzt nicht zu den Obliegenheiten der Roten Armee. Für die Beurteilung der inneren Zustände im Sowjetreich ist dieser Umstand sehr wichtig. Denn man würde das Heer sicherlich nicht zu einem Zweifrontenkampf verpflichten, wenn es die innere Lage nicht dringend erheischte.

Daß die militärische Neuordnung mit dem Sturz des Marschalls Tuchatschewski bezahlt werden mußte, ist charakteristisch für die politische Richtung des Stalin-Regimes. Denn wenn auch Tuchat­schewski niemals ernsthaft im Verdacht der Um- stürzlerei stand, so war er doch ein Mann, dem man einen starken politischen Ehrgeiz und eine starke persönliche Note nachrühmte. Solche eigenwilligen Köpfe aber kann man heute in Sowjetrußland nicht mehr gebrauchen. Daß Tuchatschewski nach dem Kriege als Schützling Trotzkis seine militärische Kar­riere in der Roten Armee begann, mag dazu bei­getragen haben, ihn an höchster Stelle mißliebig zu. machen. Im übrigen ist es interessant, daß Tuchat­schewski Ende der zwanziger Jahre schon einmal strafversetzt wurde, weil er gegen die Einsetzung eines Ueberwachungsdienstes der OGPU. in den Reihen seines Offizierskorps allzu laut im Kreml protestiert hatte. Solche halbbürgerlichen Auftastun­gen vom Soldatendienst dürften künftig im Sow­jetstaat keinen Platz mehr finden. Ev.

kamen alle zu dem Schluß, daß Bauer zwar als Psychopath anzusehen, jedoch für seine Taten voll verantwortlich sei. Zum Schluß wiederholte der Oberstaatsanwalt seinen Antrag, den Bischof von Trier noch einmal zu vernehmen, um ihm nochmals Gelegenheit zu geben, sich zu der Frage, ob ber Angeklagte bei ihm gewesen sei, zu äußern. Hieraus werbe sich ergeben müssen, ob für Bauer milbernbe Umstände in Frage kommen oder nicht. Die beiden Verteidiger schlossen sich dem Anträge des Oberstaatsanwalts auf Grund von dessen Be­gründung an. Das Gericht verkündete, daß ber Bi­schof von Trier am Mittwoch nach Pfing­sten erneut vernommen werben soll.

SMlichleitsprozeß gegen katholischen Geistlichen. Freiburg, 11. Mai. (DNB.) Vor ber Großen Strafkammer bes Lanbgerichts Freiburg i. Br. würbe bie Verhanblung gegen ben 53 Jahre alten Pfarrer Eduarb Meyer aus Höllstein burchge- führt. Es wirb ihm zur Last gelegt, von 1927 bis Anfang 1936 als katholischer Pfarrer und Religions­lehrer an den Volksschulen in Höllstein und Stei­nen sowie Maulberg und an der Fortbildungsschule in Höllstein 96 minderjährkge Mädchen, meist Schülerinnen unter 14 Jahren, bie seine Beichtkinber waren, währenb bes Reli­gionsunterrichtes, in einem Fall sogar in ber Pfarr­kirche in Höllstein, in unzüchtiger Weise berührt zu haben. Außerdem soll er aus der Kasse bes katho­lischen Vinzenz-Vereins im Jahre 1934 400 Mark Zur Bezahlung persönlicher Schulben entnommen haben. Bezeichnenb für ben Angeklagten und das Problem bes Zölibats ist, baß er 1926 mit einer katholischen ßanbroirtsfrau, beren evangelischer Ehe­mann ihm häufig kleinere Arbeiten verrichtet hatte, ehebrecherische Beziehungen anknüpfte, bie bis zum Jahre 1934 bauerten und sich zum Teil auch in ber Wohnung ber Ehefrau abspielten. Auch zu einer an­deren Frau trat ber Angeklagte in enge Beziehun- gen. Seine innere Zuchtlosigkeit hat ben Beschul- bigten bazu geführt, baß er sich an seinen Schäle- rinnen im Religionsunterricht öer Volksschule und der Fortbilbungsschule vergangen hat.

Der Angeklagte, ber im Laufe bes Ermittlungs- verfahrens ein durchaus glaubhaftes und umfassen-

Der Kreml stürztdenGowjelmarschallTuchalschewski Kriegsräte und militärische Kommissare zur Ueberwachung der Roten Armee.

Der Bischof vonTner nochmals als Zeuge geladen

Frühlingslicht.

Von Heinrich Zillich.

Der Dichter Heinrich Z i l l i ch wurde, wie bereits gemeldet, mit dem Literaturpreis ber Stabt Berlin ausgezeichnet.

Als Kinb dachte ich oft darüber nach, warum der Anfang der Jahreszeiten an so unmöglicher Stelle im Kalender vermerkt wird und auch bie Schule, affensichtlich wieber einmal falsch unterrichtet, bie gleichen Tage als Beginn bes Zeitwechsels lehrt, währenb meine Augen eine ganz anbere Wirklich­keit sahen. Wann Herbst unb Sommer anfingen, war mir wenig wichtig, aber öer Winter, ber, wenn man unseren Lehrern trauen konnte, knapp vor Weihnachten einsetzen mußte, kam meist später mit Schnee unb Eis, mitunter auch etliche Wochen früher, unb gar ber Frühling, ber Ende März üurdjs Land schreiten soll, zögerte immer viel langer. Es stimmte nicht, was bie Lehrer sprachen; es stimmte nicht, was ber Kalenber oerkünbete. Es stimmte die ganze Einteilung nicht, denn es gab wohl einen Winter,-Lenz, Sommer, Herbst, aber innerhalb dieser Jahresteile erlebte ich zu meinem Merger eine fünfte Zeit die war gleich wiber- wartig im Januar unb August ben ßanbregen. . Es fallen wundervolle Regen, rasche, singende, jubelnbe Tropfenheere, heulende und schauerliche Gewitter, trippelnde Spritzer unb peitschenbe Schauer aber jene Regen, bie man mit brei e n ber ersten Silbe schreiben müßte, bie endlosen, tunbenlang fließend, tagelang, wochenlang, diese chleichenden Wetter, die sich oft etwas zu erhellen cheinen, ja selbst ein Fleckchen Blau enthüllen und den nassen Guß abstoppen, um ihn dann nach kurzem ohne Erregung wieder fließen zu lassen und dazu etliche Nebelschleier zu ziehen ach, das ist bie fünfte Jahreszeit unseres Erbteils. Und sie ist vielleicht seine wichtigste! Wer ein Drittel bes Lahres hinburch in's Grau starrt unb in sieben Tagen höchstens eirten blauen erlebt, überbies mehr friert als schwitzt, muß trübsinnig werben ober aus seiner Seele Kräfte heroorheben, die ihm in Traum unb Tat ersetzen, was ihm bie heimliche Natur vor­enthält.

Die fünfte Jahreszeit erwürgt unseren Frühling gerne. In der Nähe ber Berge vollends gibt es ja kaum einen rechten Lenz, ber langsam erblüht, all­mählich sich entfaltet unb täglich neue Wunber ent­hüllt. Wo am Horizont bie blaue Gebirgsaestalt lagert, dauert die fünfte Jahreszeit lang und der Frühling, der im März da sein müßte, kommt wenn es gut geht im Mai zur Herrschaft und verliert sie zugleich an ben Sommer. Die wenigen

Tage bes Herrschastswechsels allerdings sind be­täubend. Dann strömen wirklich alle Wasser ber Tiefe nach oben.

Unb boch hat die Kalendereinteilung ber Jahres­zeiten einen Sinn. Ich erinnere mich alljährlich eines ersten März, ben ich mit so wachen Sinnen erlebte wie sonst nichts. Ich kroch da als kleiner Pennäler verschlafen und mißmutig aus dem Bett, voll Heimweh benn ich wohnte damals in ben Schulmonaten nicht bei ben Eltern auf bem ßanbe, fonbem in ber Stabt, kroch heraus, hob ben Fuß auf einen Stuhl, um bie Strümpfe anzuziehen, buchte an bas Klassenzimmer, das im Winter unb bei Regen häufig von einigen Gasflammen be­leuchtet werben mußte unb nach Oel roch, bachte an all dies, unb mein Herz war so hoffnungslos wie ber Siegen; aber jählings blickte ich auf, ben Strumpf noch in ber Hand, sah mich um, als hätte mich ein Ruf geweckt. Mein Blick flog hinaus durch das Fenster weit über die Dächer ber Stabt, hin­weg über Rauchfänge unb Türme unb hinauf an ben Berglehnen in bas ßicht bes Himmels, bas anbers geworben war in einer verkünbenden tröst­lichen Farbigkeit. 1. März, sagte ich strahlenb und mir war es, als sagte ich 1. Mai. Ich wußte, ohne es in Worte kleiden zu können, daß sich ber Wechsel ber Gezeiten eben jetzt vollzogen hatte, lange ehe ber Frühling sich auch nur in einem einzigen Blätt­chen verraten hätte; ich begriff, baß ber Wechsel sich nicht sogleich in den handgreiflichen Äußerlich­keiten zeigt, sondern in den feinen Veränderungen, bie bas Nährgeheimnis ber Natur, ben Samen, die Säfte, Saat unb Keime unmerklich wecken zu einer Zeit, bie nur manchmal unserem Herzen sofort be­kannt wirb. Warum soll biefe Zeit nicht im berben Durchschnitt die bes Kalenbers sein!

Wichtiger aber ist der Weckruf selbst. Woher soll er ausgefanbt worden sein, wenn nicht aus bem überirdischen Quell bes ßichts? Als Junge kannte ich bie Sonnwenbfeuer noch nicht, aber ich spürte, daß es bie Sonne hinter ben Wolken war, ber ich meine Märzgewißheit verbankte. Unb ba meine Regungen weniger in wohlgefügten Sätzen als in Schreien Ausbruck suchten, begann ich zu brüllen vor Glück unb nahm die Mahnung zur Ruhe, bie mir von ben Erwachsenen sofort zuteil würbe,' hin als eine berechtigte, aber nur in gewöhnlichen Lebensgebieten verständliche Folge meines Geschreis, bas hier auf bem Bürgerboben ber Stabt ein Um fug, in der Weite des Himmels sinnvoll war wie ein Gebet.

So gibt es benn das Licht, bas bie Jahreszeiten weckt unb bestimmt. Hierüber wäre viel zu sagen, besonbers bies, baß nicht ber Frühling bas reifste unb herrlichste Licht verschenkt, wohl aber bas be- glürfenbfte, wenn Glück noch jung empfunben wer­

ben kann und dann notwendig in einem Schrei sich Luft, nein: Licht machen muß!

Das Grün ist lebhaft, ein Schrei ber Befreiung aus Schnee unb Regen. Der Blütenschmelz ist Schrei. Die Blumenfarben, mögen sie noch so satt unb dunkel sein, sind Schrei, schon deshalb, weil sie endlich da sind an einer Stelle, wo gestern noch nichts zu finden war als feuchtes Braun. Und selbst des Aprils Stürmen, sein unerträglich langes Hin und Her, diese unverschämte Verquickung aller Zeiten in einem Monat, der vor lauter Drang im Kreise taumelt, selbst dies ist ein Schreien des Lichts, bas um ben eigenen Schatten wirbelt.

Was nun folgt, ist oft beschrieben worben. Ich will es nicht auch tun, denn ich ginge dann schwätzend auf den Liebespfaben, bie man schweigenb ober singenb unb zu zweien gehen soll. Wo sich bas Licht selbst findet, findet es ja noch vieles andere. Falter und Bienen, Vögel unb Blumen, Küsse unb Gesang, bas ist bas Nachströmen bes Lichts, unb hierüber kann kein Dichter mehr aussagen, als was jedermann weiß, der an all dem nicht vorüberschläst. Ob es nun der 1. März ober ber 1. Mai ist, es bleibt gleich aber bes Frühlings wirb niemanb inne, ber nicht plötzlich aus ber Alltäglichkeit auf« schreckt, erkennt, sieht unb lauscht, unb aus glücklich beengter Brust schreien möchte vor Licht!

Zur Kulturgeschichte des Spargels.

Der Spargel gehört zu ben ältesten Leckerbissen, von benen wir Kenntnis haben. Schon bie alten Aegypter wußten um bie Kunst, biefe wilbwachsenbe Pflanze zu veredeln unb bie jungen, saftigen Spros­sen möglichst lang unb fleischig zu züchten. Der Name bes Spargels geht auf bas griechische Wort Asperagos zurück unb bebeutetber nicht Gesäte". Don ben Griechen, bie den Spargel sowohl als Speise- wie cis Heil- und Zaubermittel benutzten, kam er mit Ansiedlern nach Unteritalien unb von da nach Rom. Das muß etwa um 180 v. Ehr. ge­wesen fein, ba der ältere Cato in seiner Schrift über den Landbau von ber Zucht bes Spargels als etwas Neuem spricht. Zwei Iahrhunberte später spricht Plinius bavon, baß ber wilbwachsenbe Spar­gel als Arznei wirksamer sei, als ber gezüchtete. Der gleiche Autor berichtet auch, baß ber Spargel jetzt künstlichgemästet" werbe, und baß tior allem in Ravenna wahre Riesenstangen gezüchtet würben. Daß ber Spargel sich schon zu jener Zeit einer dvhen Wertschätzung erfreute, zeigt sich auch barin, daß Neuvermählte vielfach mit Kränzen aus Sper­gel kraut geschmückt würben, als Symbol für bie Verfeinerung ber Sitte burch Ehe unb Familie.

Eine alte Chronik erzählt, baß bie ersten Kreuz- fabrer im Jahre 1271 die ersten Spargelsamen nach'

Deutschland gebracht hätten. Aber er scheint bamds bei uns noch nicht heimisch geworden zu sein. Erst zu Enbe bes 16. Jahrhunberts sagt der älteste beutsche Pflanzenvater, ber Geistliche Hieronymus Tragus in seinemKräutterbuch", das 1593 erschien, baßnunmehr auch, wie anbere Leckerbißlein ber Walen und Hispanier, ins Teutschlcmd gekommen em lieblich Speis für Leckermäuler." Nach ber Be­schreibung kann es sich bei biefemLeckerbißlein" nur um ben Spargel gehanbelt haben. Aber bas anspruchsvolle Gemüse, bas erst nach brei bis vier Jahren nach seinem Anbau ben ersten Ertrag liefert, fetzte sich nur langsam burch. Der erste, ber einen regen Anbau befürwortete, war ber Leibarzt des Pfalzgrafen bei Rhein, Johann Casimir. So ent­stauben in ben pfälzischen ßanben, vor allem in Schwetzingen, große Spargelkulturen, und bis heute gilt ber Schwetzinger Spargel als besonders zart unb wohlschmeckend. Auch im Stuttgarter ßuftgar- ten wurden Spargelbeete angelegt, unb Ulm ent­wickelte sich zum Zentrum des sübbeutschen Spar- gelbaus. Im 17. Jahrhunbert mürbe ßeipzig ein wichtiger Ort ber Spargelzucht, ba man bort immer darauf bebacht war, ben vielen fremben Messe­besuchern etwas Besonberes zu bieten.

Während man in Norddeutschland nur den schnee- weißen Spargel liebt, bevorzugt man in Süd- deutschland, Frankreich und Italien bie Stangen, deren Köpfe schonvon ber Sonne geküßt", b. h. von ihr schon grün, bläulich ober violett gefärbt finö. Da sich in ihnen eine größere Menge von Asparagin gesammelt hat, besitzen biefe Pflanzen einen etwas herben Geschmack.

Das klassische Rezept der Spargelzubereitung gab der englische Feinschmecker John G r a y im 17. Jahr­hunbert:Die Sprossen bes Spargels leicht gekocht und mit Butter angerichtet, empfehlen sich bem Gaumen burch ben köstlichen Geschmack ..." eine kulinarische Wahrheit, bie wir auch heute noch gern anerkennen.

öoebfdiutnaebriebten

yrofeflor D. Hans Schmibt, Orbinarius für Altes Testament an ber Universität Halle, voll- enbete in biefen Tagen bas 6 0. ß e b e n s j a h r. Schmibt würbe 1914 als Extraorbinarius nach Tü­bingen berufen unb sieben Jahre später zum Drbi- narius an ber Universität Gießen ernannt, wo er bis 1928 wirkte. Professor Schmibt ist Präsibent bes Fakultatentages der evangelisch-theologischen Fakul­täten Deutschlands und Ehrendoktor der Theologie der Universität Tübingen. Den Weltkrieg hat er als knegsfreiwilliaer Offizier mitaemacht. Seine zahl­reichen wissenschaftlichen Schriften befassen sich vor­wiegend mit dem Alten Testament.