Ausgabe 
12.5.1937
 
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des Geständnis abgelegt hat, versuchte bei der Vernehmung vor Gericht mit den ausgeklügelten juristischen Schlüssen seine Angaben zu beschränken und seine Untaten als einerzieherisches System" hinzustellen. Er wollte dem Gericht einreden, daß er Die Schülerinnen nur berührt habe, weil er sie entweder zu einer geraden Haltung zwingen wollte oder sie vor Magenerkrankungen (!) bewahren wollte.

Dem Angeklagten werden sodann die einzelnen Fälle vorgehalten, und er gibt dabei die Vorgänge der ihm zur Last gelegten Verbrechen im wesent­lichen zu, will aoer im juristischen Sinne nach wie vor keine strafbaren Absichten gehabt haben. Eine der Zeuginnen, die früher von dem Angeklagten be­lästigt wurde, erklärte, daß sie sich oft mit ihren Schulkameradinnen über das befremdliche Beneh­men des Angeschuldiaten unterhalten habe.Wir hatten uns gedacht", so sagt sie,daß der Pfarrer so etwas nicht tun dürfe. Wir hatten das Gefühl, daß der Pfarrer scharf auf uns Mädchen sei." In der gleichen Richtung bewegen sich auch die Aus­sagen der übrigen Zeuginnnen.

Der Angeklagte wird wegen Sittlichkeits­verbrechens in 24 Fällen, zusammen in Tat­einheit mit Verbrechen nach § 176 III zu zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Don der Anklage wegen Sittlichkeitsver­brechens in 16 Fällen sowie der Anklage wegen Un­treue und Unterschlagung wird der Angeklagte frei- gejprochen. Aus der Urteilsbegründung ergibt sich, daß das Gericht die unsittlichen Handlungen des Angeklagten in 24 Fällen als erwiesen angesehen hat. Unzüchtig ist eine Handlung dann, wenn sie das Volksbewußtsein verletzt. Eine Zuchthausstrafe war nicht am Platze, weil der An­geklagte bei seinem Tun nicht sehr weit gegangen

ist und auch die Mädchen die Handlungen nicht so aufgefaßt haben, daß Gefahr für ihre Zukunft be­stand. Der Angeklagte ist nicht vorbestraft uno hat schwer unter der Pflicht der Enthaltsamkeit gelitten. Auch wird ihm ein gutes Zeugnis der Führung seines Amtes ausgestellt. Aus diesen Gründen sind 'hm mildernde Umstände zugebilligt worden. Der Urteilsspruch erweist die korrekte Sachlichkeit, mit der deutsche Gerichte entscheiden und entkräftet aufs

Hetze gewisser Kreise, die bei den Verfah­ren gegen katholische Geistliche vonungerechter Verfolgung" zu sprechen wagen.

polizeilicheSchließungdesSt.Vinzenz- Krankenhauses in Duisburg.

Duisburg, 11. Mai. (DNB.) Der Polizeipräsi­dent teilt mit: Infolge einer grundsätzlichen Stel­lungnahme der Leitung des St.-Vinzenz-Kranken- hauses, die eine sachgemäße, den medizinischen Not­wendigkeiten entsprechende Behandlung aller Krank­heitsfälle nicht gewährleistet, und die in einem besonderen Fall nach ärztlichem Urteil zur Hauptursache für den Tod einer Duis- burger Volksgenossin geworden ist, habe ich mich veranlaßt gesehn, die sofortige Schlie­ßung des Krankenhauses anzuordnen. Im Interesse der Allgemeinheit kann eine weitere Be­handlung von Kranken im St.-Vinzenz-Krankenhaus nicht mehr zugelassen werden. Für die anderweitige krankenhausmäßige Betreuung der zur Zeit im St.- Vinzenz-Krankenhaus untergebrachten Kranken ist Sorge getragen. Die Umlegung erfolgt unter ärzt­licher Aufsicht. Auf Schwerkranke und Transport­unfähige wird jede Rücksicht genommen. Sie können an Ort und Stelle verbleiben.

Die Partei Träger einer neuen Staatsanssaffnng.

NSG. Gauleiter Sprenger besuchte die auf der Gauschulungsburg Hessen-Nassau in Kronberg versammelten Teilnehmer eines Lehrganges und sprach zu ihnen über denStaatsaufbau im Dritten Reich". Ausgehend von der Sehnsucht des deutschen Volkes nach der Einigung feiner Stämme, der von jeher ein richtiger Begriff vom Staat zugrunde lag, erklärte der Gauleiter diese Bestrebungen aus den Bedingungen des Blutes. Die ersten Versuche auf diesem Wege wurden anhand geschichtlicher Bei­spiele eingehend behandelt, und auch in den Wer­ken deutscher Geistesgrößen, wie Schiller, Wagner und Luther wurde auf den politischen Willen hin­gewiesen, welcher immer wieder die Erkenntnis der Einheit des deutschen Volkes vermitteln sollte. Wohl kam in der Mitte des vorigen Jahr­hunderts zugleich mit dem politischen^Wirksamwer- den des Liberalismus der Gedanke eines Groß­deutschland auf, und dennoch sollte er sterben, da der Hintergrund seiner Lebendigkeit der Parlarnen- tarismus war, der noch stets zum Grab der Völker wurde.

Am 9. November 1918 feierte dieses Staatssystem seinen Triumph. Steil abwärts ging es dann von Versailles zur internationalen Geldaristokratie, von den Parlamenten -zur Verelendung unseres ganzen Volkes. In dieser Zeit des völligen Zerfalles ließ bann der Gauleiter vor den gespannt folgenden Zu­hörern die Tat des Fürers erstehen, der es nicht bei Versuchen zur Einigung des Volkes be­wenden ließ, sondern zu Taten schritt. Er lebte ein Beispiel und bildete eine Gefolgschaft, die zum Staat im Staate wurde. Nicht nur zum Schöpfer einer neuen geistigen Weltanschauung, sondern auch zugleich zu ihrem gigantischsten Organisator sollte er werden. Sein Erfolg wurde die NSDAP. Sie lebte bereits in der Kampfzeit nach eigenen Ge­setzen, in dem Bewußtsein, einmal zu siegen und Au führen. Mit der Machtübernahme aber bewies sie, daß sie nicht gewillt war, mit Bajonetten, wohl aber mit dem Vertrauen des deutschen Volkes die Führung der Geschicke der deutschen Nation zu übernehmen. Der Führer machte damit das Vertrauen zur Grundlage allen Handelns. Jeder widernatürliche Zwang lag ihm fern, und das, was praktisch in den Reihen der NSDAP, erprobt wurde, lieferte dann die Grundlage für die Gesetze des Staates und machte damit eine Verfassung über­flüssig. Von der Partei also nimmt die Dolksfüh- rung ihren Ausgang. Sie allein hat die Aufgabe, die Gemeinschaft zu praktischen Nationalsozialisten au machen. Dabei erlange jeder die Führungsmög­lichkeit, wenn er qualitative Eignung dafür besitze. Als zweite Säule des Staates schuf der Führer dann die Wehrmacht, der die Aufgabe der Per- teidigung unserer Arbeit und unseres Lebensraumes obliege. Der dritte Faktor ist dann die Verwal­tung, deren Aufgabengebiet es ist, die bereits vorhandenen geistigen und materiellen Güter zu hüten und zu entwickeln

Daran anschließend entwickelte der Gauleiter die gesetzlichen Maßnahmen, die nach der. Machtüber­nahme durch den Nationalsozialismus zur Ausrich­tung und Willensbildung des deutschen Volkes nach den Forderungen des Führers durchgeführt wurden. Die stete Erfüllung des Parteiprogramms bewies er daran und ließ an der Größe der Forderungen seine einzelnen Punkte erkennen, daß es niemals ein Zeitprogramm sein könne, sondern eine ewigeAufgabe darstelle Die Partei wurde damit nicht nur als der bewährte Kämpfer für die nationalsozialistische Weltanschauung, sondern auch der berufene Träger einer neuen Staats- au ffaffung herausgestellt.Wenn es je eine wahre Religion der Tat auf Erden gegeben hat, dann ist es der Nationalsozialismus!" führte der Gauleiter aus,niemals werden wir es den Geistlichen verwehren, für das Jenseits zu sorgen. Für das Diesseits aber sorgen wir. Und wir stehen nicht an, darauf hinzuweisen, daß doch selbst jene politisierenden Geistlichen unser Diesseits sorgend

für sich in Anspruch nehmen, indem sie eben dem­selben nationalsozialistischen Staat, den sie angreifen, ihre wirtschaftliche Basis verdanken. Unter dem be­geisterten Beifall der Versammelten schloß der Gau­leiter mit dem mahnenden Hinweis auf die Er­füllung des Programms und in verpflichtenden knappen WortenDas fei euere Aufgabe!"

Die deutschen Werkstoffe.

Eine Ausstellung des Handwerks.

Berlin, 11. Mai. (DNB.) Im Hause des Deut­schen Handwerks wurde die AusstellungDeut­scher Werkstoff im Handwerk" von dem Chef des Amtes für Roh- und Werkstoffe, Oberst Löb, eröffnet. Oberst Löb erklärte, die verstärkte Nachfrage nach Eisen, die gegenwärtig zu einer gewissen Verknappung geführt habe, werde durch eine Erweiterung der Hüttenkapa- z i t ä t und durch Förderung innerdeut­scher Erze in absehbarer Zeit mühelos gedeckt werden können. Bei den Nichteisenmetallen sei die Lage günstiger; für Blei, Zinn und Kupfer stünden deutsche W e r k st o f f e in ausreichendem Maße zur Verfügung, wobei dem Leichtmetall eine besondere Bedeutung zu­komme. Die Beschaffung der erforderlichen Aus­tauschstoffe bereite bei dem heutigen Stand der Chemie keine Schwierigkeiten. Was die Holzver­sorgung angehe, so werde es möglich sein, die Einfuhr überflüssig zu machen, allerdings müsse das deutsche Volk von der unwirtschaftlichsten Verwen­dung des Holzes, dem Verbrennen, allmählich abkommen und hierfür Torf und Kohle her­anziehen. Die notwendige Einschränkung des Pavierverbrauches werde sich ebenfalls er­möglichen lassen. Bei der Textilversorgung seien Ansätze zur hundertprozentigen Eigendeckung vorhanden. Die Ersetzung des natürlichen Kaut­schuks durch Buna dürfe insofern als ein techni­scher Fortschritt bezeichnet werden, als der künstliche Kautschuk in seiner Zusammensetzung den einzelnen Verwendungszwecken besser angepaßt werden könne. Hinsichtlich der K r a f t'st o f f v e r s o r - g u n g werde Deutschland innerhalb der vom Füh­rer festgesetzten Frist in Bezug auf Leichtkraftstoffe vom Ausland unabhängig sein. Darüber hinaus werde auch die Einfuhr von schweren Kraftstoffen überflüssig werden. Alle diese Maßnahmen würden eine entscheidende Erleichterung der deut­schen Devisenlage zur Folge haben und da­mit einen für ein großes Volk unwürdigen Zustand beseitigen, den wir infolge der langen Gewöhnung beinahe überhaupt nicht mehr empfunden hätten. Der Vierjahresplan besitze deshalb neben seiner wirtschaftlichen Seite noch wichtigere ethische Auf­gaben, an deren Erfüllung das deutsche Handwerk maßgeblichen Anteil habe.

Friihlinasfest der rhein-niainischen presse in Wiesbaden.

Am 29. Mai, 20 Uhr, findet im Wiesbadener Kur­haus das Frühlingsfest der rhein-mai- nifchen Presse statt. Die Berufsorganisationen der Verleger und Schriftleiter des Rhein-Mainge­biets find die Veranstalter. Zum An- und Abtrans­port der Gäste stehen Omnibusse dauernd zur Ver­fügung. Preis für Hin- und Rückfahrt nur eine Mark. Wiederum wird es eine imponierende Tom­bola mit einem Auto als Hauptgewinn geben. Wie­der erhält jeder Besucher einen entzückenden Alma­nach, und wieder wird das Kurhaus im Schmuck festlicher Frühlingsblumen prangen. Es werden auf­spielen: Städtisches Kurorchester, Kapelle Hauck, Tanzkapelle Bastian, Schrammel-Kapelle Nicolay, Tanzkapelle Chrhard, Tanzkapelle des Kurhauses Wiesbaden. Erste Künstler aus dem Rhein-Main­gebiet wirken mit.

Schaf und Schäfer im deutschen Volkstum.

Bon Werner Lenz.

V. A Ein altes Sprichwort sagt:Das Schaf hat einen goldenen Fuß" und meint damit die vielsei­tige Verwendung aller Einzelteile des Schafes. Schon vor Jahrtausenden war es in Germanien wichtiges Fleischtier, vorherrschend aber Wolle- spender und Milchgeber. Aus der Milch wurde außerdem Butter gemacht, denn Schafmilch ist sehr fettreich, vor allem aber der sehr gesunde, wohlschmeckende Schafkäse, der auch heute noch von den ertragreichen ostfriesischen Schafen im Mar­schenlande gewonnen wird. Leder und Horn bilden einen Grundstock für einheimische Gewerbe; und der Schafmist ist ein wichtiger Kraftdünger. So gilt denn für alle einheimischen Schafrassen der Bauern- spruch:Ein Schaf ist besser als ein Sei­de n w u r m." Die schwäbischen Bastardschafe neh­men es übrigens mit der Seide fast an Feinheit des Fadens auf. Sie sind Kreuzungen mit spanischen Merinoböcken. Diese führte erstmals der Alte Fritz ein. Anno 1748 setzte er fünf Merinos auf feinen Domänen an. Er hatte sie zu Zuchtversuchen aus Spanien kommen lassen. Bald aber witterten die Spanier, daß hier ein Wettbewerb getrieben wer­den sollte und verboten die Ausfuhr von Merinos bei Androhung der Todesstrafe! So wichtig war ihnen der Alleinbesitz der wertvollen Zuchttiere.

Die kulturelle Bedeutung der Schafe hat natürlich reichen Ausdruck im volkstümlichen Wortschätze ge­funden. Man svricht von einem reichen Manne, der warm in der Wolle sitze"; und man sagt von einem anderen, daß ersein Schäfchen im Trocknen habe", das bedeutet, sein Haus und Hof seien gut bestellt, denn Schafe gedeihen schlecht in feuchten, vernach­lässigten Ställen oder in sumpfigen Hürden*; wohl aber sind diese anspruchslosen Tiere sehr ertrags­willig, wenn man sie im Trockenen hält. Daß die Scbaw besonders empfindlich nach der Schur sind, ist selbstverständlich, deshalb mahnt eine alte Bauern­regel:Die geschorenen Schafe soll der Schäfer im Hemd austreiben", also wenn es tüchtig warm ist. Voraussetzung für das Gedeihen der Herde ist ein guter Hirte, der auf die Tiere wohl achtet. Der Wolf ist ja in Deutschland nicht mehr heimisch; damit ent­fällt eine wichtige und gefährliche Aufgabe des Schäfers, die sich heute noch in manchem Spruche widerspiegelt, so wenn man vomWolfe im Schaf­stalle" redet oder wenn man sagt:Das Schaf ist verloren, das sich Rat beim Wolfe holt." Aber es kann auch anderweit Schaden nehmen, und es trifft schon zu, wenn man meint:Ein Schaf kann wohl feinem Feinde Wolf entrinnen, aber nicht seinem Freunde Mensch." Nun dafür züchtet ja der Mensch auch diese Tiere. Und er sorgt für sein Ge­schöpf; jeder rechte Schäfer empfindet die Wahr­heit dieses Worte:Das Schaf ist nicht wegen des Schäfers, sondern der Schäfer ist fürs Schaf da." Ein tüchtiger Schäfer weiß auch, daß die Herde gut zusammenbleiben muß, dennein Schaf, das in den Dornen weidet, verliert seinen Pelz" undwer die Schafe nicht füttert, dem tragen sie keine Wolle", undwo keine Wolle ist, da ist bös scheren."

Es ist ein poetisches Bild des Landlebens, wenn mir einen Schäfer beobachten können, wie er mitten auf einer weiten Weide auf feinen Stab gelehnt und von feinen Hunden umkreist, bei der emsig rupfen­den Herde steht und entweder aus Schafwolle Strümpfe strickt oderüber Gott und die Welt nachdenkt." Wirklich tut dies unser Schäfer aus­giebig, und wir haben seiner Naturbeobachtung vielerlei zu danken; ein großer Schatz volkstüm­lichen Wissens in Heilkunde und Lebensweisheit entstammt den scharfen Beobachtungen und grübeln­den Ueberlegungen unserer Schäfer. Wir dürfen ohne Uebertreibung behaupten, daß unsere germani­schen Altvordern den größten Teil ihrer medizi -

* DasSchäfchen" ist übrigens eine nachträgliche, volkstümliche Bedeutungsumbildung: es war nach dem ursprünglichen Sinn der Redensart das Schiff­chen, niederdeutsch schepken, das einer ins Trockene, auf dem Strande in Sicherheit bringt.

ntfcfjen Hausmittel dem Schäfer verdanken, der beim Weidegange durch feine Tiere und deren Verhalten auf allerlei Pflanzen aufmerksam gemacht wurde. Denn heute ließ vielleicht ein Schaf, dem der treue Hirt ohnehin schon Unbehagen angemerkt hatte, eine Pflanze stehen, die es sonst nicht ver­schmäht hätte, oder morgen bemerkt er vielleicht, daß der genesende Patient zwar noch das Gras meidet, wohl aber jenes Kräutlein eifrig sucht und begierig rupft. Da pflückte sich dann unser Schäfer selbst einige B^tttiein dieses Gewächses, taute sie, fand einen aromatisch-bitteren Geschmack und nahm eine Hand voll Blätter heim, um bei irgendwelcher Unpäßlichkeit selbst einen Versuch damit zu machen.

So dürfte die Schafgarbe entdeckt fein, woraus man noch heute in der Volksheilkunde einen Tee bereitet gegen Krankheiten der Luftwege. Auch der Hirtenjunge träufelte den ausgequetschten Saft der Schafgarbe auf offene Wunden, und in Oester­reich kennt man die weißblühende Staude als Bauchwehkräutel". Auf gleiche Weife dürfte der Schäfer dazu gekommen fein, sich mit der kühlen­den und heilenden Wirkung des Wegerichs bekannt zu machen, die bei Hautentzündungen so gute Dienste leistet. Liebstöckel, Kamille und Sauer­ampfer deren herbste Art man Schafampfer nennt sind auf solche Beobachtungen hin in die Kräutertruhe der Bäuerin gekommen. Gleichfalls hatte der Schafhirt auch unerwünscht oft Gelegen­heit, chirurgisch bei feinen Tieren einzugreifen, etwa ein gebrochenes Bein zu schienen oder den bösen Ur­heber der schlimmen Drehkrankheit, die Made der Schafbremse, operativ zu entfernen.

Alte Schädelfunde haben uns verraten, daß man bereits in Zeiten, als erst Feuersteingeräte anstatt metallischer Messer zur Verfügung standen, Stirn- schalen von Schafen angeschabt oder gar angebohrt hat, um den quälenden Schädling zu entfernen. Hieraus lernte der Mensch schon im Steinzeitalter, auch beim menschlichen Kranken, Deffnungen S's Gehirnes, sogenannteTrepanationen", auszu ren, und zwar mit Hilfe von Feuersteinsägen, ein Verfahren, das wir bewundern müssen.

Ein uralter tierärztlicher Kunstgriff bestand kn der Entmannung des jungen Widders mit Hilfe eines Steinhammers; hieraus hat sich für das ge­schlechtslose Jungtier, für den Schöps, der Name Hammel" entwickelt, dennhamar" ein althoch­deutsches Wort bedeutet eigentlichStein" ober Steinhammer". Alle diese Kenntnisse haben dem Schäfer den Nimbus einer geheimnisvollen Per­sönlichkeit gegeben, diemehr kann, als Brot essen." Dazu kam, daß er sich oft um die gefallenen Schafe kümmern mußte, sie auf den Schindanger brachte oder vergrub, wie sonst derAbdecker". Er mag wohl auch öfter mit feinenGeheimkünsten" gleich wie der Scharfrichter ein Geschäft gemacht haben. So kam dann die ehedem hochgeachtete Tätigkeit in Verruf; das Gewerbe wurdeunehrlich". Erst Kaiser Leopold gab wie Gustav Freytag erzählt, um 1700 den Schäfern einPrivilegium, worin er sie und ihre Knechte für ehrlich erklärte und die deutsche Nation er­mahnte, das Vorurteil gegen diese nützliche Men­schenklasse aufzugeben und ihre Kinder nicht mehr wegen Abdeckerei und Zauberei vom Handwerke auszuschließen. Wenige Jahre darauf schenkte er ihnen einen gnädigen Wappenbrief, gab ihnen die Rechte einer Zunft mit Siegel, Lade und einer Fahne."

Die humoristische Dichtung hat sich den Schäfer wie so manchen Sonderling und Einsamkeitsmen­schen nicht entgehen lassen. Gottfried August Bürger führt uns in feiner BalladeDer Kaiser und sein Abt" den liebenswürdig gescheiten Schäfer Hans Bendix vor Augen. Fritz Reuter hingegen greift sich einen mit geistigen Glücksgütern nicht ge­segneten Schäferjungen heraus, der aber fein Aben­teuer noch leidlich besteht und mit dem Tröste ver­abschiedet wird- ,.Ut'n Schäper und Avteiker bot kann allens warben "

Eine politische Komödie.

Der sowjetrussische Außenkommisfar Litwinow- Finkelstein hat sich auf feiner Reise nach London kurze Zeit in Paris aufgehalten und mit seinem französischen Kollegen D e l b o s unterhalten. An Gesprächsstoff hat es natürlich nicht gemangelt, ziehen doch die Regierungen der beiden nicht nur politisch, sondern auch militärisch aneinanderge­ketteten Länder westlich und östlich von uns am gleichen Strang. Man hat es nun für zweckmäßig gehalten, so zu tun, als zöge man den Schleier des Geheimnisses fort und gestatte der Öffentlichkeit einen Einblick in das zwischen beiden Ministern ge­führte Gespräch. Der Pariser ZeitungInforma­tion" ist der Auftrag erteilt worden, dieEnt­hüllung" vorzunehmen, allerdings mit einem unver­kennbaren Zweck. Litwinow habe, so heißt es in diesem Blatt, von seinem Kollegen gefordert, er möge bas französisch - sowjetrussische Abkommen durch einen Militärvertrag ergänzen, was den Außenminister Frankreichs wiederum ver­anlaßt habe, abwehrend beide Hände zu erheben und dieses Ansinnen unter Betonung des friedlichen Charakters der französisch-sowjetrussischen Zusam­menarbeit abzulehnen. Franzosen und Sowjet­russen, stets bestrebt, jegliche militärische Verein­barung zwischen sich zu leugnen, bedienen sich also einer Pariser Zeitung, um als Entlastungs- zeugen in eigener Sache aufzutreten. Sie führen eine kleine politische Komödie auf, in der sie die Rollen von Unschuldsengeln übernommen haben. Sie meinen, mit diesem Trick alle Welt da­von überzeugt zu haben, daß zwischen Frankreich

und Rußland nicht die mindesten militärischen Ver­abredungen getroffen sind, obwohl jeder weiß, daß der Russenpakt nichts weiter als d i e Maske für das Militär abkommen zwischen Paris und Moskau ist, bas sich an Den Vorkriegsvertrag an- schließt und in seiner Tenbenz ebenso wie in seinem Ziel eindeutig gegen Deutschlanb ge­richtet ist. Uns imponiert jedenfalls bas Stückchen mit derAusweitung" des Sowjetpaktes nach der militärischen Seite hin nicht, weil diese Ausweitung längst zu den politischen Tatbeständen Europas gehört.

Aus aller Wett.

Die wunderbare Reifung des kabinenjungen vom LZ.Hindenburg".

Unter vielen wunderbaren Errettungen beim Absturz desHindenburg" verdient die des zwölfjährigen Kabinenjungen Werner Franz be­sondere Erwähnung. Er war aus dem brennenden Luftschiff gesprungen, als dieses auf dem Boden aufschlug. Vom Rauch bewußtlos geworden und rings von Flammen umgeben, schien er verloren zu sein. Da platzte über ihm ein riesiger Wasser­behälter, und die Wassermassen überschütteten den Jungen. Dadurch wurde er sofort ins Bewußtsein zurückgebracht und vor dem sicheren Verbrennungs­tode bewahrt, zumal die Flammen in feinte un, mittelbaren Umgebung vorübergehend gelöscht wor­den waren, und Franz konnte ohne die ge­ringste Verletzung die Unglücksstätte ver­lassen.