Donnerstag, 11. März 1937
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Ur.59 Zweites Blatt
Handwerk hat goldenen Boden.
XII.
Das deutsche Dach.
Das „schützende Dach" ist ein Begriff, der zu allen Zeiten im Leben der Völker eine Nolle spielte. Ein Dach wollte selbst schon der Höhlenbewohner über dem Kopfe haben, um sich vor den Unbilden der Witterung zu schützen. Das älteste Material für Bedachungszwecke haben wohl Laubwerk und Holz geliefert und erst später hat man es gelernt, Dachwerk aus Schilf, Rohr und Holzschindeln zu fertigen. Das Ziegeldach war schon Jahrhunderte vor Christi Geburt in Aegypten bekannt. Nach Deutschland haben es wahrscheinlich die Römer mitgebracht. Die Bedachung durch Schiefer kann in Deutschland erstmalig um das Jahr 1000 v. Ehr. festgestellt werden. Alle anderen Bedachungsarten
Betriebsform hat sich seit Jahrhunderten kaum ge- ändert, aber die Meister und Gesellen Haven es gerade in der Neuzeit bei uns in Deutschland verstanden, sich ein hohes technisches Können anzueignen, was zusammen mit den handwerklichen Arbeitsüberlieferungen dazu geführt hat, daß in vielen Füllen ein beachtlicher künstlerischer Leistungswille zum Durchbruch gekommen ist. Die Zusammen- arbeit mit dem Architekten wird im Dachdeckerhandwerk besonders gepflegt. Das Handwerk ist durchaus in der Lage, dem Architekten Möglichkeiten einer künstlerischen Formgestaltung bei allen Bedachungsarten zur Verfügung zu stellen. Einen großen Ueberblick hat die Werkschau „Das deutsche Dach" in Berlin und in Breslau geliefert. Man konnte hier die fortschrittliche Entwicklung der verschiedenen Deckarten verfolgen. Im Vordergrund stehen heute die Stroh-, Rohr-, Ziegel-, Schiefer-, Steinplatten- und Pappbedachungen. Es mag für manche Ohren verwunderlich klingen, daß auch das Rohr - und Strohdach, das die meisten von uns noch aus nord- und ostdeutschen Bauerndörfern kennen, wieder zu den modernen Bedachtungsarten gehört. Aber trotzdem ist es so, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß das Strohdach und das Rohrdach heute in feuerfester Prägnierung zur Anwendung gelangen. Es ist bekanntlich einer der großen Vorzüge der Rohr- und Strohbedachung, daß es infolge der guten Isolierfähigkeit dieser Stoffe unter diesen Dächern im Sommer kühl und im Winter warm ist. Das Strohdach ist übrigens auch als die ursprüngliche Deckart unserer germanischen Vorfahren anzusehen. Die Werkschau des deutschen Dachdeckerhandwerks hat uns im übrigen mit den verschieden st en Bedachungsarten innerhalb der genannten Hauptgruppen bekanntgemacht. Es gibt deren mindestens 15 bis 20. Wir erwähnen als besonders gebräuchlich das Mönchnonnendach, das Bieberschwanzdoppeldach, das altdeutsche Schieferdach, das Falzziegeldach und das Schindeldach.
Das deutsche Dachdeckerhandwerk hat heute natürlich den Handwerksgesetzen entsprechend die Pflichtinnung eingeführt, dem Reichsinnungsverband müssen alle Dachdeckerbetriebe des Reiches angehören. In diesem Handwerkszweig ist in den vergangenen Jahren eine bedeutsame organisato
rische Arbeit geleistet worden, so d,aß 1933 schon 68 v. H. des Handwerks organisiert waren Es gibt heute rund 13 500 Betriebe mit 51 242 Beschäftigten. Mit den Angehörigen zusammen dürften vom deutschen Dachdeckerstandwerk etwa 105 000 Personen lebem Die Zahl der Betriebe ist in den letzten 40 Jahren leicht zurückgegangen. Dagegen hat sich die Zahl der beschäftigten Personen nicht unerheblich vermehrt. Die Betriebsform zeigt uns recht deutlich, daß Kleinbetriebe überwiegen, die nicht mehr als fünf Personen beschäftigen. Der Zahl der Betriebe nach gibt es hiervon 85 v. H., der Zahl der Beschäftigten nach nehmen die kleinen Betriebe 53,8 v. H. ein. Mittelbetriebe von 6 bis 50 beschäftigten Personen gibt es 14,9 v. H., Großbetriebe mit über 50 beschäftigten Personen 0,1 v. H.
Der Ausbildung des Nachwuchses wird besondere Sorgfalt gewidmet. In früheren Jahrzehnten waren häufig nicht genügend Lehrlinge vorhanden. Damit ist es jetzt besser geworden, so daß der Bedarf vollkommen gedeckt werden kann. Im Augenblick dürften ungefähr 4500 bis 4800 Lehrlinge im Dachdeckerhandwerk beschäftigt sein. Die Zahl der beschäftigten Gesellen wird sicherlich 15 000 betragen. Schon im Jahre 1927 ist eine Lehrlingsanleitung ausgearbeitet, die seitdem zur Anwendung gelangt. Das Dachdeckerhandwerk verfügt auch über eine gut durchgearbeitete Gesellen- und Meisterprüfungsordnung, beides Einrichtungen, die sich außerordentlich bewährt haben.
Im Rahmen der großen bedeutungsvollen Wirtschaftsgruppe des Bauhandwerks nimmt somit das deutsche Dachdeckerhandwerk eine in sich gefestigte, durch Spezialaufgaben gerechtfertigte Stellung ein. Der Reichsinnungsverba'nd hat sich das Ziel gesetzt, innerhalb des Berufsstandes für eine stetige Leistungssteigerung und für echte Qualitätsarbeit einzutreten. Das Handwerk setzt sich daneben für eine fortschrittliche, aber gesunde wirtschaftliche Bauoe- staltung ein. Schon vor Jahren sind „Grundregeln im deutschen Dachdeckerhandwerk" erschienen, die auch den beteiligten Architekten wertvolle Hinweise für eine gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Dachdeckerhandwerk geben. Für den Handwerker selbst sind sie ein sicheres Fundament für seine berufliche Arbeit und für seine Stellung im Wirtschaftsleben. So sorgt eine zielklare Leitung für das Wohlergehen des Dachdeckerhandwerks und damit auch für das Wohl aller derer, die unter einem „schützenden Dach" leben und arbeiten wollen. H. D.
Von der Fortbildungsschule zur Verussschule.
Zum 15jährigen Bestehen der hessischen Berufsschulen.
Von Zfieftor Friedrich Adam.
sind neueren Datums und meistens erst im Laufe des 19. Jahrhunderts eingeführt worden; dazu gehört die Bedachung mit Dachpappe, Holzzement, Asbestzementplatten usw.
Das Dach ist somit älter als der Beruf des Dachdeckers, wenn man unter dem letzteren einen Arbeiter verstehen will, der einen spezialisierten Beruf ausübt. Es ist dies eine Erscheinung, die man sehr häufig im volkswirtschaftlichen Leben antreffen kann. Sie zeigt uns, wie aus einem vorhandenen Bedürfnis heraus sich eine Wirtschaftsform — in diesem Fall das Dachdeckerhandwerk — folgerichtig entwickelt. Die große Zeit des Dachdeckerhandwerks beginnt mi? der Entwicklung der Städte. In Deutschland kann man in der großen Fachgruppe des Bauhandwerks zum ersten Male im 10. Jahrhundert eine spezialisierte Zunft der Dachdecker feststellen. Sie haben von da an durch das ganze Mittelalter hindurch im Rahmen der Vaugilden eine recht bedeutsame Rolle gespielt, was aus zahlreichen alten Urkunden deutscher Städte eindeutig hervorgeht. Weil das Dachdeckerhandwerk- immer ein mit Gefahren verbundener Beruf gewesen ist, gehört eine besondere Eignung und eine unerschütterliche Berufsfreude dazu, um gerade in diesem Zweig des Bauhandwerks seinen Lebens- unterhaN zu suchen.
Das Dachdeckerhandwerk muß als ein konservatives Handwerk bezeichnet werden; es hat wie kaum ein anderes bis auf den heutigen Tag seinen rein Handwerklichen Charakter bewahrt. Die
I.
„Wertarbeit setzt gediegenes Wissen und Können voraus." (Fritz Wächtler.)
„Ja, das haben wir gar nicht gewußt, daß die Fortbildungsschule sich in dieser Weise geändert hat. Wir haben geglaubt, das wäre in der Hauptsache noch genau so wie zu unserer Zeit", meinten kürzlich einige Handwerksmeister, die Gelegenheit hatten, eine Klasse der Gewerblichen Berufsschule zu besuchen und einen Einblick in deren Arbeit zu nehmen. So wie diesen Männern geht es sehr wahrscheinlich Tausenden und aber Tausenden, die gar nicht oder nur ungenau wissen, welche grundlegende Umgestaltung das Berufsschulwesen vor nunmehr 15 Jahren erfahren hat. Es soll daher meine Aufgabe fein, das Werden dieser Schulgattung aufzuzeigen und über die Gegenwart hinaus einen Blick zu tun in die Entwicklungsmöglichkeiten der Zukunft. Dabei werde ich mich auf das gewerbliche Berufsschulwesen beschränken.
Die heutige Berufsschule ist nicht mehr dieselbe, wie die Fortbildungsschule seligen Angedenkens. Diese war in den 7Öer und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts allenthalben im Deutschen Reich ins Leben gerufen worden, um die Bildungslücke zwischen der Entlassung aus der Volksschule und
dem Eintritt zum Militär auszufüllen. Sie sollte das Wissen und Können der Volksschule erweitern und vertiefen und dabei den Bedürfnissen des späteren Lebens Rechnung tragen. Die Lehrfächer waren in der Hauptsache die gleichen wie in der Volksschule, so daß die Fortbildungsschule gewissermaßen nichts anderes war als eine Weiterführung der Volksschule. Dies kam auch äußerlich darin zum Ausdruck, daß der Unterricht von Volksschul- lehrern im Nebenamt erteilt wurde. Wir wollen dieser Schulgattung keine Tränen nachweinen. Gewiß konnte ein Schüler bei einem tüchtigen Lehrer manches für sein späteres Leben mitnehmen; aber im ganzen betrachtet, waren Aufbau und Zielsetzung dieser Schule unnatürlich und daher lebensfern. Der Unterricht fand nur im Winter in den Abendstunden statt. Lehrer und Schüler kamen verbraucht und abgespannt von ihrer Tagesarbeit zur Schule. Der Lehrplan nahm keinerlei Rücksicht auf die seelische Umstellung des jungen Menschen. Der stand in der Regel mit beiben Füßen in feinem Beruf. Nur was mit diesem im Zusammenhang stand, hätte ihn packen können Er war froh, dem Zwang der Volksschule entronnen zu sein, und nun wurde der gleiche Stoff vielleicht in etwas anderer Form an ihn herangebracht. Die Folge waren Unaufmerksamkeit, Gedankenlosigkeit, nicht selten
Dummejungenstreiche oder gar Flegeleien, die den Erfolg des" Unterrichts ganz und gar in Frage stellten. Die Verhältnisse wurden zwar in den letzten Jahren vor dem Weltkrieg etwas besser, besonders an größeren Orten, wo man den Unterricht in die späten Nachmittagsstunden verlegte und auch den Versuch machte, den Beruf mehr zu berücksichtigen. Im großen und ganzen aber entsprach das Fortbildungsschulwesen in keiner Weise den Erfordernissen der Zeit. Damit hängt es auch zusammen, daß vielerorts verantwortungsbewußte Berufsverbände zur S e l b st h i l f e griffen und Sonntagszeichenschulen, Handwerkerschulen, kaufmanmsche Fachschulen usw. einrichteten. Da zur Unterhaltung dieser Schulen ein Schulgeld erhoben werden mußte, bas nicht alle in ber Berrufsausbilbung Stehenden aufbringen wollten oder konnten, kamen die Vorteile nur einem verhältnismäßig kleinen Teil des Nachwuchses zugute.
Im Jahre 1922 wurde in Hessen versucht, das Fortbildungsschulwesen auf eine neue Grundlage zu stellen. Der Beruf wurde Mittel- und Angelpunkt des gesamten Unterrichts. Der Fachunterricht (Fachkunde, Fachrechnen, besonders aber das Fachzeichnen) beanspruchen von jetzt ab den größten Teil ber zur Verfügung stehenben Zeit. Die allgemeinbilbenben Fächer (Deutsch mit Buchführung, bürgerliches Rechnen unb Staats- bürgerkunbe) suchen Beziehungen zum Beruf. Durch Verwenbung hauptamtlicher Lehrer ist es möglich,'ben Unterricht auf bas ganze Jahr zu verteilen unb auf die Vor- unb Nachmittagsstunden zu verlegen, so baß Lehrer unb Schüler mit frischen Kräften an die Arbeit gingen. Nicht leicht war die Bereitstellung ber geeigneten Lehrer. Für den Allgemeinunterricht verwendet man durchweg frühere Volksschullehrer, die sich an der Fortbildungsschule alten Stils bewährt hatten Den Fachunterricht übertrug man technisch vorgebildeten Kräften, wie Technikern, Ingenieuren und Architekten, die in besonderen Lehrgängen in die Unterrichtspraxis eingeführt wurden. Recht gute Erfahrungen machte man häufig mit Handwerksmeistern, die man aus den Betrieben herausholte. Später verlangte man wohl auch ben erfolgreichen Besuch eines Gewerbelehrerseminars, ober eines berufspäbagogifchen Instituts. Wo bie geringe Schülerzahl die Anstellung hauptamtlicher Lehrkräfte nicht gestattete, mürben tüchtige Fachlehrer im Nebenamt verwendet. Weiter richtete man Bezirksschulen ein. um möglichst jedem Jungen den Vorteil der Berufsausbildung zu gewähren. Daß jetzt auch die weibliche Jugend fortbildungspflichtig wurde, fei nur kurz erwähnt. Im Jahre 1926 etwa war die Umgestaltung des hessischen Fortbildungsschulwesens beendet. Die Schulen erhielten ihrem Wesen und ihrer Zielsetzung entsprechend die Bezeichnung „Berufsschulen".
Drei vermißte Personen aus dem "Rhein gelandet
Lpd. Mainz, 10. März. Seit 15. Februar wurden der 46jährige Michael S e l z a m und die 36jäh- rige Margarete Weinmann aus Ludwigshafen vermißt, in deren Begleitung sich der achtjährige Sohn der Weinmann befand. Zuvor hatte das Paar noch mit dem Kinde Verwandte in Frankfurt a. M. besucht. Am Dienstag wurden nun die Leichen der drei Personen bei Mainz aus dem Rhein gelänget. Wie aus Abschiedsbriefen hervorgeht, haben der Mann und die Frau, die beide verheiratet waren und von ihren Ehegatten getrennt lebten, ihrem Leben freiwillig ein Ende gesetzt, wobei die Weinmann ihr Kind mit in den Tod genommen hat.
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Heimkehr nach Norden
Die Graugans zieht
Vierzehn Tage hatte schon der eisige Nordost getobt. Selbst die schnellfließenden Gewässer waren erstarrt, ganz zu schweigen von den Binnenseen, die längst mit einer festen Eisdecke überzogen avaren. Arn längsten hatte sich im Moorsee eine offene Wasserstelle gehalten, denn hier hatten Höcker- Ichwäne, Bleßhühner und Gänsesäger Tag unb Nacht burch Schwimmen und Tauchen bie Bilbung der Eisbecke verhinbert, aber bann hatten auch sie, da bie Nahrung immer knapper geworben war, gegen bie zunehmenbe Erstarrung bes Wassers nicht mehr anzukämpsen vermocht, unb Höckerschwäne unb Säger waren eines Nachts verschwunben Sie mären sübwärts gezogen Nur bie Bleßhühner waren geblieben unb hockten trübselig auf bem Eise, währenb ein paar grünfüßige Teichhühner mit ber roten Kopfplatte burch bas abgestorbene Shilf stelzten unb nach Nahrung suchten.
So kurz biese Frostperiobe war. so forberte sie doch nicht wenig Opfer. Manches Bleßhuhn habe ich auf meinem Gang zum See gefunben, die meisten aber hat sicher schon vor mir ber Fuchs aufgelesen, benn seine Fährte lag überall im Schnee; fcalb kam sie von ber Höhe am Norbufer bes Sees unb bann wieber aus ber Stangenhölzung auf ber gegenüberliegenben Seite. Fast bis an bie Gärten , der Vorstabt konnte man bie Perlenschnur bes roten . Freibeuters verfolgen. Auch für ihn war Schmalhans Küchenmeister, benn bas Glatteis, bas vor । dem Schneefall entstauben war, hatte bie Felder mit einer spiegelblanken Decke überzogen, die keine Maus mehr ans Tageslicht ließ
Eines Tages aber ging der Wind nach Südwesten herum, Regen rauschte herab, der Schnee begann zu schmelzen unb bas Eis barst Ein Ahnen von fernen Frühlingstagen lag über bem oben Laub. Das ist bie Zeit, in ber ber Zug ber Wilbgänse nach bem Norden beginnt. Aber wer sie sehen, wer diesen scheuen und doch so klugen Vogel beobachten will, muß früh aufstehen
Der Wind ist wieder nach Norden herumgegan- gen und pfeift über das immer noch weiße Land. Noch ist der Winter nicht zu Ende, aber in der Graugans ist ein unbezwinglicher Drang nach der Brutheimat im hohen Norden lebendig geworden. Es ist noch dunkel unb still, als ich ben Kiefern- walb, ber an bie Heide grenzt, erreiche. Zu Häupten sieht der Polarstern und nach Norden herab fast
bis an ben Horizont hängt bas Sternenbilb bes Großen Bären in funkelnber Pracht. Verhalten klingt vom Moor, wo bie Gänse sein müssen, ein quarrenber Ton herüber, ben eine Graugans im Schlaf ausgestoßen hat. Dann herrscht wieber Stille. Vorsichtig geht es an einem Knick aus Haselsträuchern, Weißborn unb wilben Rosen entlang bis zur Höhe, von ber man einen Ueberblick über bas Moor haben wirb. Der hohe Erbwall bes Knicks, auf bem bas unburchbringliche Strauchgewirr steht, bietet Schutz gegen ben schneibenben Winb, unb ein weißes. Tuch^ schützt mich vor allzu früher Ent- beckung.
Allmählich wirb bas Sternenlicht matter, ber junge Tag graut, unb jetzt kann man auch bie ungewissen Formen einiger Gänse erkennen. Eine ist kaum hunbert Meter von mir entfernt. Sie hebt in kurzen Abstänben immer wieber ben Kopf und mustert mißtrauisch die Umgebung. Vermutlich ein Ganter, der über die Sicherheit seiner Schar wacht. Die meisten Gänse ruhen noch, nur einige wenige sind schon in Bewegung und äsen; bie bräunlich- graue Oberseite ihres Gefiebers schwimmt in bem Dunst bes jungen Morgens über bem Moor. In aller Muße kann man ben seltenen Anblick bieser vielleicht zwei Dutzenb Graugänse auskosten Der Ganter vor mir ist stehengeblieben; er scheint jetzt ben weißen Fleck am Knick bemerkt zu haben unb in feiner Erinnerung nachzukramen, ob ber auch gestern schon ba war. Er hält ben Kopf schief unb äugt zu mir herüber. Dann senkt sich ber rote Schnabel wieder unb rupft ein paar Spitzen bes bürren Grases. Aber bas ist kein Aesen wie vorher; man merkt es ihm vielmehr an, baß er ber Sache nicht recht traut, aber auch nicht weiß, was er baraus machen soll. Er reckt sich empor, baß seine weißen Bauchfebern leuchten, unb feine blaß- roten Latschen machen ein paar Schritte auf mich zu. Dann biegt er im rechten Winkel ab, behält aber ben weißen Fleck am Wall im Auge. Allmählich sink) auch bie übrigen Graugänse aus bem Schlaf erwacht, sie äsen unb scheinen in eifriger Unterhaltung begriffen zu fein, benn unaufhörlich klingt ihr Gahkgakgak zu mir herüber
Der Ganter hat jetzt seine ganze Aufmerksamkeit mir zugewanbt. Er steht wie angewurzelt auf bemselben Fleck unb blickt unverwanbt zu mir her. Ja, wer bie Gänse bumm nennt, hat niemals eine Wildgans in freier Wilbbahn beobachtet. Dieser Ganter ist entjchieben kein Dummkopf, denn jetzt macht er kehrt unb läuft zu ben übrigen, bleibt aber unterwegs wieber, als ob er überlege, stehen und blickt abermals zurück. Er weiß jetzt gewiß, daß dort am Knick irgendetwas nicht in Ordnung
ist; aber was, das zu ergründen, dazu reicht sein Verstand doch nicht aus.
Von der entgegengesetzten Seite her, wo der Knick eine Biegung zum See hinab macht, erschallt plötzlich aufgeregtes Geschnatter ber Gänse, Schwingen rauschen unb bann erhebt sich ber ganze Schwarm unb fliegt ins Moor hinaus Auch mein Ganter ist babei. Mit bem Glase suche ich brühen ben Wall ab, um bie Ursache ber schnellen Flucht ber Wilbgänse zu ergrünben. Menschen gibt es um biese Zeit in bieser einsamen Gegenb noch nicht. Unb jetzt habe ich auch schon ben Grunb ber Flucht. Ein Fuchs hat Appetit auf Gänsebraten gehabt. Er steht unterhalb bes Walles unb starrt unverwanbt hinter ben nun im Dunst ber Movrwiesen ver- schwinbenben Gänsen her. Plötzlich wirft er herum, äugt zu mir herüber unb setzt bann in einem eleganten Sprung über ben Knick. Der Morgenwind hatte sich gedreht unb Reineke Witterung zugetragen...
Tag für Tag ziehen bie Gänse nordwärts, in Familien unb kleinen Gesellschaften bie Graugänse, unb bann folgt in Scharen, bie oft nach Hunberten zählen, bie Saatgans. Gar nicht weit bavon, wo ich bie Graugans sah, auf ben Saatselbern bes Dorfes, fallen auch sie ein unb bebecken oft nckch Hunberten unb Tausenben bas Laub. Wochen oft verweilen sie hier in ber Gegenb unb ziehen bann weiter, norbroärts ber Heimat zu, nach Jslanb unb Lapplanb. Ihr Schrei klingt jetzt froher als im Herbst, benn halb wirb ber Frühling kommen.
Nd.
6od)fd>ulnod>rid)ten
Am 11. März begeht ber frühere Ordinarius ber Hygiene an ber Marburger Universität Geh. Mebizinalrat Professor Dr. Heinrich B o n h o f f sein 50jähriges Doktorjubiläum. Aus diesem Anlaß erneuerte bie Universität Freiburg, an ber ber Jubilar am 11. März 1887 promovierte, sein Diplom. Professor Bonhoff, ber am 3. April 1864 in Königshof bei München geboren würbe, war von 1886 bis 1898 aktiver Stabsarzt. Er habilitierte sich 1895 für Hygiene in Berlin und kam 1899 als außerordentlicher Professor nach Marburg, wo er bas burch bie Emeritierung von Geheimrat Professor Dr. von Behring freigewordene Ordinariat übernahm. Gleichzeitig wurde Professor Bonhoff zum Direktor des Hygienischen Instituts ernannt. Am 1. Oktober 1929 wurde Professor Bonhoff von seinen amtlichen Verpflichtungen entbunden unb lebt seit bieser Zeit in Hann.-Münden.
Lichtspielhaus:
„Frauenliebe — Frauenleid."
Dies ist bie Geschichte einer großen, entsagungsvollen unb opferbereiten Liebe, von ber Kamera eingefangen mit aller natürlichen Spannung eines Kriminalfalles. Wenn sich im Verlaufe ber Ereignisse herausstellt, baß bem merkwürbigen Fall fein kriminelles Motiv zugrunbe liegt, so wirb da- burch ber Einbruck auf ben Beschauer nicht etwa abgeschwächt, sonbern nur vertieft: wenn er am Enbe aufatmenb unb vielleicht sogar eine verstohlene Träne wegwischenb erlebt, wie sich alles löst unb harmonisch zusammenfügt in bie für ben Film einzig mögliche Orbnung Es ist ein richtiger kleiner Roman, ben man gewiß auch erzählen könnte, aber ber Regisseur Augusto Genina (von bem Drehbuch unb Jbee stammen) hat mit bem sicheren Blick bes filmerfahrenen Mannes erkannt, welche ungewöhnlichen Möglichkeiten sich hier für eine geschickt gelenkte Kamera ergaben: mit ber schrittweisen Aufklärung bes bie Polizei beschäftigen- ben Falles nämlich zugleich, rütfgreifenb unb analysieren!), biese Herzensgeschichte zu entschleiern, bie um ein Haar sehr traurig unb unwiberruflich ge- enbet hätte; es war ein guter Einfall, bie Entwicklung vom Schnittpunkt ber beiben Lebenslinien aus zu führen, von benen bie eine steil nach oben führt, bie anbere abwärts von Stufe zu Stufe — bis sie sich enblich für immer vereinigen. Magda Schneiber spielt bie weibliche Zentralfigur, die .Seldin dieses Romans; mir haben sie seit längerer Zeit nicht gesehen unb finben, baß ihre Darstellung sich vertieft unb verfeinert hat; wir entsinnen uns jebenfalls nicht, seit ber „Liebelei" eine so starke unb zugleich zarte Gestaltung von ihr gesehen zu haben. Neben ihr Ivan P e t r o v i ch, gebämpft unb taktvoll, in ber psycholoaisch.nicht ganz einfachen Rolle bes großen Pianisten Martenroob, ferner Oskar Sima mit einer lebendig unb feinfühlig entwickelten Charafterfigur unb Anton Poin t- n e r, präzis und vornehm als ber bie Untersuchung leitenbe Kommissar- auch ber kleine Peter Basse, mit geroinnenber Unbefangenheit berlinerisch los- krähenb. unb eine Reihe hübsch pointierter Neben- figuren zeichnen sich im Ensemble aus. — sCine- Allianz-Film.)
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„Im Beiprogramm: eine NorblanbfaHrt unb Fox tönenbe Wochenschau.
Hans Thyriot.


