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Nr.ZZZweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Donnerstag, ll.Zebruar 193Z

ÄritderSchleMg-Holflein"ausSchulschiffsreise

Von Karl Friedrich Birnbaum, Kapiianleuinant.

ix.

Tropischer Januar in Venezuela.

Port Simon (Costa Rica). Wir schreiben Sonntag, den 23. Januar. Ruhiger Betrieb herrscht an Bord, seit eine Abordnung von 15 Offizieren und 125 Unteroffizieren und Mannschaften als Gäste der deutschen Kolonie zu einem sechstägigen Aufent­halt in der Hauptstadt San Jose abgedampft ist. Gestern ein weiteres Kommando in Kompaniestärke, aus allen Besatzungsteilen zusammengesetzt, das unter Gewehr vor dem Staatspräsidenten para­dieren und als dessen Gäste über Sonntag in der Hauptstadt bleiben wird. Für uns an Bort Ge­bliebene eine willkommene Gelegenheit, in der Freizeit rückblickend die Fülle der Ereignisse und Eindrücke zu ordnen, die unsere schöne Reise uns seit dem Jahreswechsel gebracht hat.

In dem kleinen Hafen Puerto Cabello, der neben la Guaira das wichtigste Eingangstor des Staates Venezuela vom Atlantik her darstellt, ist unser Anker am letzten Tag des alten Jahres in den Grund gerauscht. Herzlich wird unsere Be­grüßungsabordnung von Behörden und Militärs willkommen geheißen, die sich in ihrer blauen, nach deutschem Vorkriegsmuster gefertigten Gesellschafts­uniformen farbenprächtig in das Bild der bunten Toiletten der Damen mischen. Etwas überraschend aber nicht unangenehm! in glühender Mit­tagshitze Champagner zu trinken und zu tanzen Como no?" (Warum nicht) sagt unser Freund und späterer ständiger Begleiter, der Kapitän E. Pinero G o n e l l Diese Frage wird zum geflügelten Wort in den folgenden Tagen., Alles kann man haben in diesem Land, man muß nur wissen wie.

An einer weiten, palmenbestandenen Bucht, hinter der die Küstenkordillere zunächst sanft ansteigt, liegt die Hafenstadt malerisch um einen durch eine kleine Flußmündung gebildeten natürlichen Hafen. Dicht vor der Mole liegen wir draußen auf Reede. Das Städtchen macht mit seinen sauberen Straßen, den Kirchen und staatlichen Gebäuden inmitten einer reichen Vegetation einen freundlichen Eindruck. Während im schnell hereinbrechenden Abend die Lichter der Stadt herüber schimmern, werden die von der Weihnachtsfeier noch vertrauten Oberdeck­plätze zum festlichen Jahreswechsel gerüstet.

Nur eine kleine Abordnung geht an Land, um mit der deutschen Kolonie, die hier zahlen­mäßig sehr schwach ist, in dem kleinen Clubgebäude ein deutsches Silvester zu feiern. Der Hauptteil der Besatzung feiert gemeinsam in den Divisionen die Geburt des Jahres 1937, nachdem wir um 18.30 Uhr beim Siloesterputer mit gutem deutschen Wein der Lieben in der Heimat gedacht, die um diese frühe Stunde schon unter dem Geläut der Glocken ganz Deutschlands das neue Jahr begrüßen!

Früh am Sonntagmorgen treibt schmetternde Marschmusik die Cabellaner aus ihren Häusern, als ich die Ehrenkompanie durch die Stadt zum Monu­ment des Freiheitshelden Simon Bolivar führe, wo der Kommandant einen großen Lorbeerkranz niederlegt. Begeistert klatscht die dicht gedrängte Menge, als unsere Kapelle die Landeshymne in­toniert. Simon Bolivar, der große Befreier der nördlichen Staatengruppe Südamerikas, hat das Land Venezuela, das seinen Namen nach den von den Spaniern an der Lagune von Maracaibo gefundenen Pfahlbauten erhalten hat (Klein Vene­dig), vom spanischen Erobererland abgetrennt und seine seit 1845 manifestierte Selbstständigkeit be­gründet. Seit dem Zerfall des ursprünglichen Staa­tenbundes, der außerdem Columbien. Ecuador, Peru und Bolivien umfaßte und aus der spanischen Provinz Neu-Granada heroorgegangen ist, hat das Land trotz zahlloser Wirren und Bürgerkriege sich als selbständige Republik behauptet. Unter dem be­deutenden Präsidenten General Gomez hat es seit der Jahrhundertwende bis zu seinem Tode im Jahre 1935 einen bedeutenden Aufschwung erlebt. Nach dem Tode des Diktators, der trotz seiner gro­

ßen Verdienste um das Land als bleibende Zeu­gen dieser Epoche sollen wir gewaltige Monumen­talbauten zu sehen bekommen absolutistisch im Interesse seiner zahlreichen Familie vielfach Raub­bau mit den reichen Gütern des fruchtbaren Landes getrieben hat, konnte die Verwandtschaft sich nur mit Mühe vor der hereinbrechenden Revolution ins Ausland retten. Der bewährte Kriegsminister, Ge­neral Lopez Contreras übernahm damals auf ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen die Regie­rung seines Landes. Eine durch und durch solda­tische Persönlichkeit, dabei schlicht in seiner Lebens­führung, lenkt er heute mit sicherer Hand die Ge­schicke des Landes, nachdem er es verstanden hat, die Revolution im Keime zu ersticken.

Groß ist die Begeisterung, als ich erfahre, daß ich mit einer Abordnung für zwei Tage hinauf in die Hauptstadt Caracas fahren soll! Schon die sechsstündige Fahrt auf gewundener Autostraße durch die Kordilleren auch noch eine der großen Planungen des Generals Gomez, die heute fertig­gestellt ist ist mit ihren einzigartigen Ausblicken ein Erlebnis, lieber die Stadt Valencia, wo es auch zahlreiche Deutsche gibt, die uns zum Teil be­reits an Bord begrüßt haben, über M a r a c a y, die fürstliche Residenz des Generals Gomez, der hier prächtige Verwaltungsgebäude und Kasernen errichtet hat, geht es höher und immer höher hin­auf. Die Vegetation wird gebirgig und um uns sind die Spitzen der Berge in Wolken gehüllt. Nach Ueberwindung des 2000 Meter hohen Paffes fällt das Gebirge langsam zu der Hochebene ab, in welche die Hauptstadt Caracas in 1000 Meter Höhe sich ausbreitet.

Caracas, das Haupt- und einzige Großstadt des reichen Landes, liegt mit ihren rund 150 000 Ein­wohnern breit hingedehnt, durch die meist ein­stöckigen Häuser, die von früher sehr häufigen Erd­beben herrühren. Das letzte schwere Beben war allerdings vor 100 Jahren. Sitz eines Erzbischofs, zahlreiche Kirchen, deren älteste, die Kathedrale am Platz des Bolivar sich durch ihren Reichtum an Silber, Gold und Edelsteinen der Innenarchitektur auszeichnet, schmücken das Standbild. Hier auf der Plaza steht das monumentale Reiterstandbild des großen Befreiers. Abgesehen von den modernen Prachtbauten der Gomezzeit sind die Häuser im spanischen Stil gebaut; die Straßen sind eng aber rechtwinklich angelegt. Beängstigend das Gedränge der Autos im Zentrum, wo man erst in den letzten Jahren zu einer Art Verkehrsregelung mit Ein­bahnstraße usw. übergegangen ist. Weiter draußen in den wundervollen Villenoororten Paraiso und Florida, wo unter den zahlreichen großzügig ange­legten Clubs als schönster der Country-Club ge­legen ist, gibt es wundervolle breite palmenum­säumte Autostraßen. Hier wohnen die Europäer, die es in jahrzehnte langer Arbeit, teilweise schon seit Generationen hier ansässig, zu Wohlstand ge­bracht haben, in hübschen Villen, in einem ange­nehmen gesunden Klima.

Bei der Quartieroerteilung in der deutschen Schule, wo die erste Begrüßung mit Kaffee und Kuchen, von frischen BDM.-Mädels gereicht, statt­findet, entscheidet das Los für mich ein bezaubern­des Quartier bei dem jungen Ehepaar F. in Pa­raiso. Hier verlebe ich unvergeßlich schöne Tage in dem blütenumrankten Häuschen meiner liebenswür­digen Gastgeber. Der erste Abend versammelt alle im Deutschen Klub, einem schönen würdigen Gebäude, zu frohen Stunden mit der deutschen Kolonie bei Bier und Tanz. Trotz des für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Wolkenbruchs läßt es sich keiner unserer Landesleute nehmen, zu erschei­nen. Da der festlich gerüstete Garten und Tennis­platz nicht mit einbezogen werden können, gibt es ein beängstigendes Gedränge, was jedoch der Stimmung keinen Abbruch tut. Unsere tüchtige Tanzkapelle, die rotr mitgebracht haben, erntet wieder reichen Beifall.

Am anderen Morgen viel Schlaf gab es nicht zeigen uns unsere Gastgeber Stadt und Umge­

bung. Zur Mittagszeit versammelt sich ein neu ge­wonnener Freundeskreis im Country-Club, wo der deutsche Konsul vorübergehend mit seiner jungen Frau wohnt. Aus dem beabsichtigten kurzen Besuch wird wieder eine längere feucht-fröhliche Sitzung, weil es Petrus gefällt, uns im geeigneten Augen­blick mit einem herzhaften Tropenregen zu über­raschen! Es sitzt sich wundervoll auf der offenen Veranda, während draußen der Regen rauscht. Nach einem kurzen Nachmittagsempfang beim deut­schen Gesandten, Grafen Tattenbach, ist abendsfreies Manöver", was stets besonders freudig begrüßt wird

Nach einem fröhlichen improvisierten Abendessen im Hause der Deutsch-Denezulanerin, Frau Jsabell K., die auf ihr kürzlich in Deutschland erworbenes Sportabzeichen ganz besonders stolz ist, sehen wir uns das baskische Korbballspiel an, das hier in hoher Blüte steht und wo erhebliche Sum­men gesetzt werden; ein typisch romanischer Zeit­vertreib mit viel Geschrei und ehrlicher Begeiste­

rung und meisterhafter Spielbeherrschung durch die Professionales. Anschließend wird in der groß, städtisch eleganten Swiza-Bar das Tanzbein ge­schwungen und von der Heimat geklöhnt. Die aus­gezeichnete ungarische Kapelle kommt sehr schnell auf Touren", und bald wirbelt das ganze fröhliche Lokal, mit Amerikanern und den dunkeläugigen Schönen des Landes munter im Wiener Walzer durcheinander, während wir uns mit nicht geringe, rem Eifer in der Kunst der hiesigen Tänze üben.

Ein kräftiges Frühstück und ein letzter Hände­druck mit dem bestimmten Versprechen, am über- nächsten Tage zu unserem Bordfest zu erscheinen, und los geht's durch's Gebirge, das heute von Ne- bei und Regenwolken verhangen, ein anderes, nicht minder reizvolles Antlitz bietet. Vor dem schlich­ten schönen Landsitz des Präsidenten, dessen Blu- meprabatten in großer bunter Schrift die Namen seiner Gattin und Töchter darstellen, wird kurze Rast gemacht. Kurz darauf treffen wir mit den heraufkommenden Wagen des Kommandanten und

Aus den Spuren herhessischen Stannnutier" in und um Oberhessen und in Gießen.

Im Jahre 1635 schrieb der Gießener Stadt­pfarrer Hartmann Mögen (Mogius) in seiner Leichenpredigt auf den Superintendenten Johann Dietrich:... sein Uhruhraltvatter von der Mutter her (war) Ludwig Orth ..., welcher Antonii Orthii gewesen, von welchem Antonio werden achtzehn Theologiae Doctores, Professores, Superintendenten und Fürstliche Hoffprediger, so innerhalb achtzig Jahren entweder von ihm her posteriret oder sich an seine posteros ehelich bestattet haben, erzehlet ... Ueberdas noch acht Promoti doctores iuris ... Und

Das Wappen der Orth. (Aufnahme: Spannring.)

dann zehen doctores Medicinae, Profesfores und Archiatri ..." Die Namen dieser 36 Gelehrten wer­den dabei genannt, nicht aber, wie sie bzw. ihre Frauen von Anton Orth bzw. der Appolonia Orth abstammen. Mit Hilfe der Hessischen Gelehrten­geschichte und anderer Quellen ließ sich für fast alle der Zusammenhang ermitteln. Dazu bis etwa 1800 noch für mehr als fünfzig weitere Gelehrte von gleicher Bedeutung, die selbst oder deren Frauen ebenfalls Nachkommen Antons bzw. der Appolonia Orth waren; darunter bekannte Namen wie Merck und Lichtenberg, Höpfner und Jffland. Es kommen dazu Goethes Urgroßmutter Elisabeth Lindheimer, aeb. Seip, die einem geschlossenen Sippenkreis hessi­scher Beamter, Pfarrer und Lehrer entstammt, es kommt Lotte Buff dazu, es kommen eine große Reihe von bedeutenden außerheffifchen Namen.

Was es mit diesem Namen Orth für eine Be­wandtnis hat? Was für Schwaben die Regina Burckhardt ist, dieschwäbische Geistesmutter", von der Uhland, Hölderlin, Mörike, Gerock u. a. ab­stammen, das ist für Hessen die Appolonia

Orth, diehessische Stammutter". Sie findet sich in fast allen hessischen (Land Hessen, Kur­hessen und Nassau), sowie in Zehntausenden von außerhessischen Stammtafeln; auch Namen bedeu­tender Größen auf allen Gebieten sind, wie oben angedeutet, mit dem Namen der hessischenStamm­mutter" Appolonia Orth durch die Ströme des ver­wandten Blutes verbunden. Die Appolonia Orth lebte 1511 bis 1585, sie ist in Marburg geboren. Sie ist eine Enkelin jenes bekannten Antonius (Dönges") Orth, der sogar dreimal unter den Ahnen einer Urgroßmutter Goethes und somit auch dreimal unter Goethes Ahnen vorkommt. Dön­ges war vermutlich einer der drei Brüder Johann, Anton und Paul Orth aus Wetter, die wegen ihrer Tapferkeit im Krieg gegen Karl den Kühnen von Burgund von Kaiser Friedrich III. einen Wap­penbrief erhielten. 1454 wurde er Bürger in Mar­burg, wurde Vierer und sogar Bürgermeister. Daß von diesen Orth eine große Zahl bedeutender Män­ner abstammen, fiel schon im 17. Jahrhundert auf, als die Nachkommen sich ihrer Verwandschaft noch bewußt waren, worüber oben die Aufzeichnungen des Gießener Stadtpfarrers Mögen zitiert wurden.

Diese oberhessischen Orth erscheinen auch in vielen sippengeschichtlichen Werken außerhalb Hessens, so in Frankfurt, in Köln, in Thüringen, in der Pfalz. In Frankfurt reichen die Nachfahren der hessischen Stammutter" fast in jede bedeutende bürgerliche Ahnentafel, wie der bekannte Frankfurter Sippen­forscher Hans Majer-Leonhard versichert; sie haben in Frankfurt eine große Rolle gespielt und nicht weniger als elfmal das Bürgermeisteramt innege- habt. Das Wappen der Onh ist der schreitende gol­dene Löwe auf rotem Schild. 1665 wurden die Orth in den Adelsstand erhoben, sie habdn aber niemals davon Gebrauch gemacht.

Zweifellos würde bei planmäßigem Ausbau der Nachkommenliste die Zahl der bedeutenden Män­ner noch erheblich vergrößert, ob sie aber einen erheblichen Bruchteil der heutigen Gesamtnachkom­menschaft bildet, bleibt dahingestellt. Für die ersten acht bis zehn Generationen, wo die Nachkommen noch nicht so zahlreich waren, bildet der gegebene Nachweis aber einen beträchtlichen Teil des Gan­zen. Daß in diesem Sippenkreis sich eine Häufung überdurchschnittlicher Begabung findet, wird schon im 18. Jahrhundert ausdrücklich anerkannt: in seinem Buch über die Gelehrten aus der Stadt Wetter (1769) schreibt der Verfasser I. I. Pütt von einem Orth:Schon früh zeigte sich bei ihm das dieser Familie eigentümliche Ingenium ..."

So ist die Sippe der hessischenStammutter" ein Beispiel für die Vererbung wertvoller geistiger und anderer Anlagen. Welche Aufschlüsse ergäben sich, wenn alle Zusammenhänge in unserer heutigen Generation mit derStammutter" diesesInge­niums" aufgehellt werden könnten! Spannring.

Schneeloser Winlertag.

Von G A Oedemann.

Den schneelosen Wintertag mag ich nicht. Er ver­spricht, aber hält nichts. Wär er nicht ein ungerate­nes Kind des Eismonds, man könnte ihn noch für des Frühlings Vorbereiter halten. So aber foppt er nur, wenn er das kahle Gesicht der Brachen zeigt und die Weiher auftaut am Mittag. Mich kann er ja nicht veralbern und die Saatkrähen auch nicht, da drüben auf der schwarzgelben Dieme. Die wissen, wo die Sonne stehen muß überm Berg, wenn es Frühling werden will. Auch Freund Mümmelmann denkt noch nicht daran, sein graues Winterjackett auszuziehen, der Krumme, der wegen der dürren Gräser im Anflug eigentlid) der lachende Dritte in unferm Bunde ist. Bei den Jungbuchen, den Birken und beim Holunder ifts freilich ein ander Ding. Die setzen schon grüne und braune Knospen an, man muß nur richtig Hinsehen, fehlen bloß noch ein par warme Tage in diesem närrischen Eismond und die Knospen pludern sich auf wie junge Vögel und stellen die ganze Winterordnung auf den Kopf!

Ich habe dem Feldweg den Rücken gekehrt. Am Waldrande liegt noch ein Fetzen Schneewehe über rotbraunem Fallaub. Beim Heckenrosenbusch, dessen Hagebutten wie rote Diamanten leuchten, steige ich über verschneite Besamung; der Wald nimmt mich auf. Schweigsam ist es über mir, Nadelduft und Humusvdem erquicken die Lungen. Hier vermisse ich ihn nicht mehr, hier kann er mir gestohlen bleiben, der weiche, weiße Schnee.

Bis auf die Höhe der Olbersdorfer Gemarkung geht's durch dunklen Stangenort und durch noch dunklere Dickung, wo des Sommers die großen Birkenpilze stehen. Da drinnen hat mir der Zeisig eins vorgepiept und der Häher hat mir eine gute Strecke schimpfend den Weg gewiesen. Wie ich oben raustrete aus moosiger Märchenverträumtheit, um die Augustusburg zu grüßen, die alte, vertraute über all den düsteren Nebelbergen, da bin ich unter gutem Wind auf ein Rudel Rehe gestoßen. Schnell ziehe ich mich zurück und sucheAnstand" hinter einem mächtigen Buchenüberhälter. So! nun bin ich wieder mal auf Schaupirsch, zufällig, wie ich es liebe. Wenn Mich der Häher nicht verpetzt, dann kann ich schlunzen. Schlunzen ist das halbe Jagen!

Mein Rudel zieht äsend über die Wintersaat. Das ist ein ständiges Sichern und Verhoffen, be­sonders die schwarzbraune Ricke vorn findet keine

rechte Ruh'. Immer hebt sie den Windfang hoch in die Luft, das schwarze Geäse glänzt m der Sonne, die eben hinter einer Wolke hervorgeguckt kam. Plötzlich ist ein Brechen drinnen im Felsloch unter den Birken. Im Nu sind alle Köpfe hoch. Dann steht ein Gabler bildschön in der Sonne, herrisch und stolz, als wäre er der Hauptbock vom Adel­berg. Aber der Bursche traut dem Landfrieden nicht. Er läßt die Lauscher in einem fort spielen und äugt mit schwarzen Lichtern unruhig in die Runde. Nun pflückt er ein Himbeerblatt, sichert wieder, und ver­schwindet, woher er gekommen ist. Auch mein Ru­del springt ab. Der Dumme hat mir die Schaupirsch vergrämt, denk ich noch, wie ich heraustrete auf das Feld. Aber als ich auf freier Höhe bin, da packt mich ein fauchender Nordwest beim Kragen. Die Luft hat sich gedreht. Der Nordwest war also der Verräter. Dafür aber schickt er die Sonne schlafen hinter dunklen Schneebarrikaden. Schnee, danach sehnt sich die ruhende Erde im Eismond.

VomSinn des Bühnenbildes.

Von Johannes Jacobi.

Wenige Jahre erst trennen uns von den viel er­örterten Versuchen unserer Bühnen, der Wirkung mancher scheinbar veralteten Schauspiele und Opern durch eigenwillige Ausstattung nachzuhelfen. Die Sucht nach Originalität umd die Berufung der Re­gisseure auf einenZeitgeist", der in Wirklichkeit der Herren eigener Geist gewesen ist, bescherten uns Inszenierungen, die das Kunstwerk aus seinen geschichtlichen Zusammenhängen rissen, aber von ge­wisser Seite alsmodern" gepriesen wurden.Ham­let im Frack",Brünnhilde mit dem Bubikopf" das sind einige Schlagworte aus jener Zeit der Ver­irrungen.

Inzwischen hat sich die Besinnung auf die Werk­gesetzlichkeit in Regie und Darstellungsstil auch auf das Bühnenbild erstreckt. Dennoch wird es die Auf­gabe jeder Generation bleiben, für die theatralischen Kunstwerke der Vergangenheit einen szenischen Rahmen zu finden, der zugleich ein Spiegelbild der zeitgenössischen Auffassung ist. Die Grundsätze, von denen sich ein verantwortungsbewußter Bühnen­bildner dabei leiten lassen wird, entwickelte einer der führenden Köpfe dieser Kunstgattung in einem Vor­trag, den Professor Emil Preetorius, Mün­chen, auf Einladung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften im Berliner

Harnackhaus über die Theaterdekoration hielt. Preetorius, dessen verdienstvolle Tätigkeit ihren Höhepunkt in der szenischen Erneuerung der Bay­reuther Festspiele erreicht hat, weiß die Erfahrung des Bühnenprakttkers mit der theoretischen Durch­dringung seiner Kunst zu verbinden. Er wendet sich deshalb gegen die irreführende Bezeichnung Bühnen-Bild". Denn die Theaterdekoration ist keineswegs ein Teilgebiet der Malerei, sondern sie stellt den Gestalter des szenischen Rahmens mit wechselnder Gewichtsverteilung neben malerischen auch architektonische und technische Aufgaben.

Ein Blick auf die Entwicklung des Ausstattungs­wesens innerhalb der letzten fünfzig Jahre leyrt allerdings, daß die Dekoration zunächst vorwiegend bildmäßig bestimmt gewesen ist, so daß die Szenen­bilder wohl mit graphischen Kunstwerken zu ver­gleichen waren. Vergleicht man aber die Dekora­tionen, die z. B. für die ersten Festspiele in Bay­reuth entworfen wurden, mit den Bildern, die heute auf der gleichen Bühne zu sehen sind, dann zeigt sich eine Entwicklung zum Rahmenhaften hin. Wo früher üppige Landschaften wucherten, Tempel, Säulenhallen und Burghöfe mit allen Details und aller poetischen Schwärmerei, die einem romanti­schen Maler zur Ehre gereichen würden, da sieht man heute monumentale Stilisierung, Andeutung des Wesentlichen und vor allem Platz für die Darsteller, für das Geschehen. Denn nicht der Schau­platz, sondern die Handlung ist das theatralische Urelement. Aufgabe des Bühnenbildners kann es lediglich sein, dem Spiel des Darstellers ein wir­kungsvolles Relief zu geben.

Die besondere Schwierigkeit der szenischen Ge­staltung besteht nun darin, die Gegensätzlichkeit zwischen den Künsten des Raumes und des Ruhens und den Künsten der Zeit und der Bewegung in höherer Einheit auszugleichen. Figurinen und vor allem das Licht in seiner ganzen Vielfältigkeit der modernen Beleuchtungstechnik sind die Wandel schaffenden Faktoren, die das räumlich verharrende Bild mit dem zeitlichen Ablauf der Dichtung und Musik verknüpfen. Das Bühnenbild ist nicht, es ge­schieht.

Ihre dienende Funktion, die gleichwohl den Rang eines künstlerischen Eigenwerts besitzt, stellt die Theaterdekoration in die nächste Verwandtschaft zur Buchillustration und zum Ornament. Nicht durch Zufall sind eine Anzahl Bühnenbilder unter ihnen Professor Preetorius selbst von der Buchillustration zur Theaterdekoration gekommen. Die Illustration soll das dichterische Wort durch

das Bild verstärken, wie die Handlung des Schau­spiels durch den Rahmen des Bühnenbildes eine Steigerung erfährt. Und wie das Ornament Bild und Bewegung in Einem ist, in sich ruht und von einem eigenen Rhythmus getragen wird, dennoch seine Erfüllung erst findet, wenn es der Fläche, zu deren Schmuck es gedacht ist, biegsam folgt, so nimmt die rechte Szene die mannigfache Bewegung des Dramas in sich auf.

Mancherlei Klippen gilt es dabei zu vermeiden. Die Theatralik einer dichterischen Szene darf den Bühnenbildner nicht verleiten, sämtliche schaubaren Elemente des Dramas in bildliche Darstellungen umzusetzen. Er muß sich aus die wichtigsten Zuge beschränken. Anderseits darf das Prinzip der An­deutung nicht bis zur Kahlheit oder Werkfremd­heit übersteigert werden. Hohe Ansprüche an das schöpferische Vermögen des Bühnenbildners wird stets das historische Milieu eines Werkes stellen. Seitdem sich die Forderung nach historischer Treue im 19. Jahrhundert für das Theater erhob, ist sie nicht mehr abzuweisen. Aber nicht die skla­vische Kopie originaler Bau- und Kleiderformen gilt es herzustellen, sondern im freit.t opiel mit Formen und Farben muß der Bühnenbildner die geschichtliche Illusion erzeugen und sie dennoch seinem vereinfachenden Stilwerden dienstbar machen. Dabei sind wesentliche Unterschiede zw.fchen Schau­spiel und Oper zu beachten. Shakespeares Dramen ober GoethesIphigenie" undTafso" kann man zur Not vor Vorhängen spielen, wenn nur gut gesprochen wird und die Darsteller passend kostümiert sind. Aber schon der Gedanke, M o - 3 a r t s Opern ober WebersFreischütz" vor Vor­hängen zu spielen, ist absurb. Gerabe bie lieber- Wirklichkeit ber Oper mit ihren Chören unb Arien verlangt eine Unterstützung bes Hörers durch bie bekvratioe Szene.

Welchen Weg der Bühnenbilbner im einzelnen einzuschlagen hat, barüber wirb sich nie Allgemein­gültiges aussagen lassen. Aber mag er je nach Werk und Stilprinzip die Kulissenbühne mit ihren gemal­ten Prospekten einsetzen, mag er mit Soffitten und Bögen, mit der Panorama-Bühne oder dem Rund­horizont arbeiten, mag er die technischen Mittel der Dreh- oder der versenkbaren Stockwerkbühne ge­brauchen, stets gilt es, in Art und Maß der bild- mäßigen Gestaltung bie rechte Mitte zu finben; die Funktion bes Sehens barf sich nie verselbstän- bigen, sonst enben wir beim entgegengesetzten Ex­trem der sachlich-nacktenStilbühne" beim elbft- herrlichen Ausstattungsprunk.