Hr.265 Drittes Blatt
Mittwoch 10. November,957
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
den
Kreisleiter Vackhaus
Aus der Giaöi Gießen
Kampfe um waren und Jene Mann- Einsatz des
Die Kreisleitung der NSDAP, hatte für den gestrigen Abend des 9. November zur Feier des denkwürdigen geschichtlichen Tages eingeladen. Für die Feier war auf dem Landgraf-Philipp-Platz vor dem 116er-Denkmal der würdige Rahmen geschaffen worden. Auf hohen schwarzoerkleideten Säulen standen Pylonen, in denen zur Feier flackernde Flammen brannten. Die Fahnen des Dritten Reiches bildeten den Hintergrund, und ein weißes Spruchband trug die Worte: „Und Ihr habt
Pylonen Aufstellung, und im gleichen Augenblick flämmten Scheinwerfer auf, die das Rot der Fah-
schen Freiheitshelden und die Namen derer, die in unserem Gau Hessen-Nassau Blutzeugen der nationalsozialistischen Idee wurden. Wie eine lebendige Mauer standen die angetretenen Mannschaften und hörten die Namen der Freiheitshelden, bis das - Kommando des Brigadeführers den Bann der ftraf-
satzes für Führer, Volk und Heimat, die bereit find, einzustehen für Frau und Kind. Die jetzige Generation hat die herrliche Aufgabe übernommen, den Geist der Kämpfer des Dritten Reiches und den Geist des Frontsoldaten an die deutsche Jugend weiterzugeben, in deren Hand einst das Schicksal unseres Volkes und Vaterlandes gegeben sein wird.
Mit dem dreifachen „Sieg-Heil" auf Führer, Volk und Vaterland schloß Brigadeführer Schwarz seine Ansprache. Kraftvoll klangen dann die Lieder der Nation über den nächtlichen Platz. Damit fand die würdige Feierstunde ihren Abschluß.
Die - Formationen traten dann zu einem Marsch durch die Stadt an, der sich zu einem eindrucksvollen Zeugnis nationalsozialistischer Kraftentfaltung gestaltete.
fach auf dem Marktplatz der Aufmarsch und Austausch der Knechte und „Marjellen" statt, die in ihren Sonntagskleidern erschienen. Es war eine Musterung, es wurde viel kritisiert und „gehandelt". Der Martini-Taler, ein Doppeltaler, galt als Anzahlung und Verpflichtung.
Der Martinstag war ehemals Zinstag. Mancher Hahn und manche Gans wurde der Gutsherrschaft, der Kirche oder dem Kloster als Steuer entrichtet. Da die Gänse um diese Zeit nicht mehr auf die Weide getrieben werden können, spart than das Futter und verwendet die Gans als Zinsgabe oder Geldeinnahme, zumal sie fn der Herbstzeit besonders schmackhaft ist. Fast im ganzen germanischen Europa wird am Martinstag als Festgericht ein Gänsebraten verzehrt. In den deutschen Weingegenden fällt die Zeit des ersten Gänsebratens mit der ersten Probe des feurigen" zusammen.
Auch das Schweineschlachten wird vielfach auf den Martinstag verlegt. („Um Martini schlachtet der Bauer sein Schwein, das muß bis zu Lichtmeß gegessen sein"), so daß man gelegentlich von dem Heiligen als „Speckmärten" spricht. In der äußeren Gestalt des Heiligen leben die Bindungen zu vorchristlichem Brauchtum weiter. Das Pferd, auf dem der Bischof Martin reitet, ist der mythische Schimmel; wenn es schneit, sagt man: „Der H. Martin kommt auf einem Schimmel geritten". Der „Schimmelreiter" ist Wodan; so wurde aus Wodanstag
Sudetendeutschen, die heute unter fremder Herrschaft schmachten und deshalb um so erbitterter um ihr Deutschtum ringen. Auch sie erfüllt immer wieder die Sehnsucht nach dem großen deutschen Mutterlande. Wie können wir glücklich sein, daß wir in diesem Reich, das seine Freiheit und Unabhängigkeit jetzt wieder erlangt hat, leben und unter seinem genialen Führer Adolf Hitler arbeiten dürfen.
Nach der Revolution des 9. November 1918 befand sich Adolf Hitler, durch eine Verschüttung im Kriege noch halb erblindet, noch im Lazarett in Pasewalk in Pommern. Das Haus, in dem er lag, ist nun Weiheftätte geworden. Die Vorgänge im Reich erschütterten ihn auf das Tiefste. Als er sein Augenlicht wiedererlangt hatte, gelobte er sich, Politiker zu werden und für die Freiheit des Reiches seine ganze Kraft einzusetzen. Die Vorgänge, die zum 9. November 1923 führten, sind im allgemeinen bekannt. Notwendig ist es aber immer wieder, daß wir unser Volk und insbesondere unsere Jugend auf die Treue, Vaterlandsliebe, Kameradschaft und Opferbereitschaft derjenigen Männer Hinweisen, die ihr Leben eingesetzt haben für die Freiheit und Unabhängigkeit ihres^ Volkes und Vaterlandes.
Und deshalb feiern wir den 9. November, an dem im Jahre 1923 die ersten Blutzeugen unserer Bewegung gefaüen. sind, jedes Jahr von neuem, um sie dem ganzen deutschen Volke als Vorbild für Opferbereitschaft, Pflichterfüllung und Hingabe bis zum Letzten hinzustellen. Sie sollen uns immer wieder ermahnen und innerlich bereit finden helfen, den gefallenen Kämpfern des 9. November 1923 nachzueifern, und wenn es das Wohl des Vaterlandes erfordert und der Führer es von uns verlangt, auch genau wie die 16 gefallenen Kämpfer unser Leben auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern. Das ist der Sinn und der Zweck der Feier des 9. November.
Und so weilen denn am heutigen Tage und insbesondere in dieser feierlichen Stunde, wo wir uns alle hier unter dem Sternenhimmel mit unseren SA.-Kameraden zusammengefunden haben, unsere Gedanken in der Hauptstadt der Bewegung, im Bürgerbräukeller, an der Feldherrnhalle, am Odeonsplatz und in den Ehrentempeln der 16 gefallenen Helden, vor dem die ff die ewige Wache hält. Diese Stätten werden einst Wallfahrtsorte des deutschen Volkes sein, an denen wir uns innerlich sammeln und kräftigen, um dann mit dem festen Gelöbnis wieder heimzufahren, gleich den 16 gefallenen Helden dem Führer die Treue zu halten und dem Volke zu dienen bis zum letzten Atem-
Martinstag.
LPD. In der Feier des Martinstages (11. November) klingen noch' einmal Ernte- und Kirchweihbräuche in bunter Vermischung vorchristlicher und christlicher Kulturelemente zusammen. In dieser Herbstzeit wurden einst Wodan zu Ehren Herbst- feste begangen, und die Kirche wußte in kluger Umgestaltung das Andenken eines ihrer Heiligen an diesem Tage zu ehren, denn am 11. November wurde Bischof Martin von Tours um das Jahr 400 nach der Zeitwende feierlich beigesetzt.
Der Martinstag bildet auch den natürlichen Schluß des bäuerlichen Wirtschaftsjahres. Um Martini ist im allgemeinen die Wintersaat bestellt. Auf dem Lande beginnt am Martinstag das Lichtanzünden und die Arbeit bei Licht. Die Spinnräder werden in der Wohnstube aufgestellt. Zu Martini werden die Kühe zum letztenmal auf die Weide getrieben. Am Abend überreicht der Hirt im Namen von „St. Märten" dem Bauer die Martinigerte, ein Birkenreis oder einen Weidenzweig, mit altertümlichen Segenssprüchen für das Gedeihen der Herde, Wiese und Acker. Der Dauer bewahrt die Gerte als Schutzmittel gegen die Viehseuche und gegen Verhexung des Viehes auf bis zum nächsten Martinstag.
Zu Martini wechselte in den Ostmarken das Gesinde. und in den kleinen Landstädtchen fand viel
ste von der Jugend, von den eigenen fragt werden, sagen, daß sie bei jenem Deutschlands Freiheit und Ehre dabei mithalfen, das Dritte Reich zu schaffen, schäften marschierten mit dem steten . „ Lebens dem Siege zu. Unser Vaterland braucht immer Männer, die erfüllt sind von dem Geist des Ein-
Nach den schönen Sommer- und Herbsttagen legt sich dichter Nebel auf Flur und Feld. Die Tage sind kurz und düster und dieser äußere Eindruck wirkt auch auf die Seele des Menschen. Die ganze Natur ist im Absterben begriffen. Das schöne bunt- gefärbte Laub an den Laubhölzern fällt zur Erde und tut uns kund, daß die Natur sich anschickt, den Winterschlaf zu beginnen. In diese Zeit fällt die Erinnerungsfeier an den 9. November 1923. Warum feiern wir alljährlich diesen Tag?
Der 9. November ist in zweifacher Hinsicht für das deutsche Volk eine sehr schmerzliche Erinnerung: Nach einem Siegesmarsch ohnegleichen in einem Elfjährigen Ringen gegen eine Welt von Feinden wurde dem tapferen Heer der Dolch jüdisch-marxistischer Verräter in den Rücken gestoßen. Damit triumphierten die internationalen Mächte, Judentum und Freimaurerei, über ein großes, freies Volk und legten ihm innen und außen Fesseln an, so daß es nicht wieder imstande sein sollte, jemals die Kraft aufzubringen, diese Fesseln zu sprengen und seine Freiheit und Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Das war der Sinn des 9. November 1918. Durch Versprechungen aller Art, die niemals erfüllt werden konnten und auch nicht erfüllt werden sollten, wurde die breite Masse des deutschen Volkes geködert, mitzuhelfen, um die Ziele der internationalen Mächte zu verwirklichen. Das. was heute 4% Jahre nach der Machtübernahme Erkenntnis fast des gesamten deutschen Volkes geworden ist, daß der 9. November 1918 über den jüdischen Liberalismus zum Kommunismus und damit zum Untergang des Deutschen Reiches führen mußte, ahnte und fühlte damals nur ein Teil des deutschen Volkes, und zwar waren es wie immer die Besten, denen das Schicksal des Reiches ganz besonders am Herzen lag. Dazu gehörte auch der unbekannte Gefreite des Weltkrieges Adolf Hitler. Er hatte in feiner Jugend schon frühzeitig Not und Elend kennengelernt. Aber nicht nur die materiellen Sorgen um das tägliche Brot hatten sein Herz erfüllt, sondern frühzeitig, in einem Nationalitätenstaat lebend, wurde sein Herz erfüllt mit heißer Liebe zum deutschen Mutterlande. Ihm war es nicht vergönnt, als deutscher Junge in diesem Lande zu leben, und deshalb schaute er sehnsüchtig über die Grenze mit der inneren Gewißheit, einmal in diesem Lande leben und für sein Volk schaffen zu dürfen.
Genau so wie damals dem Führer ergeht es heute Millionen und aber Millionen deutscher Volksgenossen. Ich denke dabei in erster Linie an die
ten und jene Volksgemeinschaft anbahnten, die der Führer so herrlich verwirklichte. Die Frontsoldaten und die junge Mannschaft können, dereinst, wenn Kindern ge-
nen zum Leuchten brachten.
Studentenführer Frank sprach einen Vorspruch, der auf den tiefen ''•Sinn des Opfers für das Vaterland hinwies und einen würdigen Auftakt für die unmittelbar folgende Ehrung der Helden des 9. November darstellte. Nach dem Kommando des Brigadeführers Schwarz wurden unter den Worten: „Senkt die Fahnen vor der Unsterblichkeit!" die Fahnen gesenkt, und der Brigadeführer verlas dann — unterbrochen von kurzen Trommelwirbeln — die Namen der ersten nationalsozialisti-
sa wollen wir uns in dieser feierlichen Stunde geloben alle miteinander in unverbrüchlicher Treue zusammen zu stehen, dann wird das deutsche Volk und das Deutsche Reich leben bis in die fernste Zukunft und niemals untergehen.
VrigaveWrer Schwarz
hielt dann eine kurze Ansprache, deren Worte eine ernste Mahnung und Verpflichtung zum Einsatz für Führer, Volk und Heimat darstellten. Er sagte u. a.: Unsterblich ist die Tat — unsterblich der Ruh'.n! Unsterblich die Tat des 9. November 1923 und unsterblich der Ruhm jener Männer, die sich durch ihren Opfergang ein Denkmal in den Herzen des Volkes setzten. Damals, als Frontsoldaten mit der jungen Mannschaft unter den Schüssen eines feigen Systems fielen, wurde der Grundstein für das neue Deutschland gelegt. Die Männer des 9. November zeigten uns, besonders der deutschen Jugend, das Sinnbild deutscher Volksgemeinschaft, indem sie als Männer jeglichen Standes nebeneinander kämpf-
Senkt die Kähnen vor der Unsterblichkeit!
Eindrucksvolle Feier des 9. November in Gießen.
zuge. Und wenn nun diese Helden auch nicht mehr unter uns weilen können und ihnen nicht mehr das große Glück beschieden gewesen ist, das Werden und Wachsen des neuen Reiches unter ihrem geliebten Führer, dem sie bis zuletzt die Treue gehalten haben, zu sehen und mitzuerleben, so lebt ihr Geist und ihr Wirken doch weiter im deutschen Volk bis in die fernste Zukunft. Sie haben die Voraussetzungen geschaffen für das Neuerstehen der Partei anfangs 1925 und sie haben auch die Voraussetzungen geschaffen für die Erringung der Macht durch unseren Führer Adolf Hitler. Letzten Endes haben wir ihnen mit zu verdanken, daß heute nicht der Kommunismus in Deutschland herrscht, sondern der Nationalsozialismus. Dem Führer, den gefallenen Helden, den Trägern des Blutordens und den alten Kämpfern der Bewegung gilt heute insgesamt unser Dank dafür, daß sie die Voraussetzungen geschaffen haben für die Entstehung des Dritten Reiches.
Und wenn nun heute die Arbeitslosigkeit in Deutschland beseitigt ist, wenn eine starke, noch im Wachsen begriffene Wehrmacht die Grenzen unseres Reiches zu schützen im Stande ist, wenn Reichsstraßen und Reichsautobahnen unsere deutschen Lande von Nord nach Süd und von Ost nach West durchziehen, wenn gewaltige Bauten fertiggestellt oder im Entstehen begriffen sind, wenn ganze Städte eine Umgestaltung erfahren, wenn in Deutschland Ordnung und Ruhe herrscht und nur ein politischer Wille maßgebend ist, wenn die deutsche Wirtschaft wieder floriert und keine internationale Macht imstande ist, dieses deutsche Volk wieder zu zerspalten und zu veruneinigen, dann danken wir Gott, daß er uns in der Stunde der größten Gefahr für den Bestand unseres Reiches und Volkes den Führer geschenkt und ihm eine treue Gefolgschaft zur Seite gestellt hat, die die Ehre der deutschen Nation bis zum Letzten verteidigt haben. Und so wollen wir heute nicht traurig sein, sondern wir können sagen: „Ihr seid nicht umsonst gefallen". Das ist unsere große Gewißheit.
doch gesiegt!"
In vorbildlicher Disziplin vollzog sich der Aufmarsch aller Formationen der Partei, der Abordnungen der Wehrmacht und des Arbeitsdienstes. Staatliche und städtische Behörden waren zahlreich vertreten. Viele Volksgenossen säumten den Platz.
Der Musikzug der SA.-Standarte 116 leitete die ernste Feier mit dem Badenweiler Marsch ein, unter dessen Klängen die Fahnen auf den Platz ge-1 nommanoo oes löngaoefugrers ven bracht wurden. Die Fahnenträger nahmen vor den Isen Haltung löste. Sodann sprach
Novembertag in Heidelberg.
Von Gottfried Lochmann.
Der milde Weinherbst Heidelbergs neigt sich dem Ende zu, und die goldbraune Glut der Wälder um Stadt und Schloß, um Feierstätte und Ehrenfriedhof wird bald im Erlöschen sein, Grau brechen jetzt die Tage an, und der Nebel hüllt Straßen und Plätze und das ganze Neckartal ein. November.
Wir gehen frühmorgens an der Altstadtseite den Neckar entlang, nach dem alten Marstall zu. Das jenseitige Ufer des Flusses mit dem Heiligen Berg ist ins Unsichtbare entrückt, und die Uferallee ist zur Strandpromenade geworden, von der wir in das graue Nichts des Nebelmeeres blicken. Fast unwitklich wachsen die Linden aus dem Dunst hoch, tauchen auf und verschwinden wieder; ihr goldgelbes Blattgewirr ist schon stark gelichtet, und raschelnd wühlt unser Fuß in dürrem Laub. Plötzlich steigen die Türme des alten Brückentores vor uns aus dem Dunst auf, und dann stehen wir auf der Brücke Karl Theodors in der leichten Kühle des Novembermorgens und suchen wie sonst das Schloß und die Kirchen Heidelbergs, den Königstuhl und die Molkenkur, das ganze unbeschreiblich schöne Gesamtbild der Neckarstadt, — vergebens. Nur die nächste Umgebung ist unseren Blicken erschlossen, kaum daß wir noch die Standbilder Karl Theodors und der Pallas Athene zu erkennen vermögen; die schöne Nepomukstatue an der Ziegelhäuser Landstraße bleibt verhüllt ...
Als wir aber später zum Philosophenweg hinaufsteigen, kommt langsam Bewegung in die weiße Wand; hin und wieder reißt der dichte Vorhang einen Augenblick auf und gibt für wenige Sekunden weitere Ausblicke auf den Fluß und die gegenüberliegende Stadt frei; und als wir dann oben am Liselotte-Platz stehen, ist der Bann des Nebels gebrochen. Noch hat die Sonne keine Macht, aber schon ahnen wir ihre Gegenwart und wißen, sie wird siegen. Brauend lichtet sich der Nebel, wallt auf und nieder und kämpft einen gespenstigen Kampf mit dem jungen Tag. Der Turm der Hettig- geistkirche greift wie ein erhobener Arm aus dem weißen Meer, dessen Brandung lautlos an den Hängen der Berge hochschlägt. Plötzlich steht der Glockenturm des Schlosses frei sichtbar im Morgenlicht, um bald darauf noch einmal verschlungen zu werden. Hin und her tobt die stumme Schlacht: wie eine dicke Rauchwolke wälzt sich der Nebel über die Türme und Paläste der Burg und beschwört ein Bild jener Kämpfe und Zerstörungen, von denen Heidelberg einst heimgesucht wurde.
Und dann liegt das Schloß mit einem Male im silbernen Licht des Vormittags, — ein Bild, so packend und überwältigend schön, wie es allein diese Stadt in Deutschland zu geben vermag. Nur ein dünner Nebelschwaden geistert noch um die Zinnen des Englischen Baus wie eine zersetzte Fahne.
Wenn dann der Mittag herankommt, ist hie ganze Neckarstadt vor unseren Blicken ausgebrei- tet, anders zwar als sonst, noch immer von blaugrauem Dunst umhüllt, aber nicht minder schön als an klaren Sommernachmittagen, wenn die Sonne . alle Pracht und Schönheit der Paläste, Kirchen und ! Brücken und des einzigartigen landschaftlichen Rahmens in festliche Reinheit enthüllt. Ja, fast will es scheinen, als sei dieses dunstoerhangene Heidelberg viel mehr das eigentliche Heidelberg, das wahre Abbild seiner tragischen Geschichte und seines deutschen Wesens; denn die atmospärische Stimmung dieser Nooembertage läßt die einmalige Gliederung der Stadt, ihre Lage im Kranz der Berge und am Neckar und die Gestalt ihrer ragenden Wahrzeichen besonders eindringlich zur Geltung kommen, ohne daß die bunte Mannigfaltigkeit des Unzulänglichen und Allzuoielen das große Gesamtbild zu schmälern vermöchte. Dunkel ragen die Ruinen des Schlosses mit ihren Türmen und Fensterhöhlen in die wogende Helle der lichterfüllten Luft, wie Kulissen abgesetzt von dem mattvioletten Hintergrund der Waldberge, und die alte Brücke spannt ihren leicht geschwungenen Bogen schattig über die glitzernde Lichtflut des Flusses. Da geht uns Hölderlins Ode an Heidelberg durch den Sinn, und wir denken an die Verse:
„... Aber schwer in das Tal hing die gigantische schicksalskundige Burg, nieder bis auf den Grund von den Wettern zerrissen;
doch die Sonne goß
ihr verjüngendes Licht über das alternde Riesenbild ..."
Und die Sonne bricht wirklich durch; bleich steht sie über dem Königstuhl, und die Bauten des Schlosses werfen breite Schlagschatten auf das Giebelgewirr der Altstadt, bereji feuchte Dächer im Gegenlicht aufglänzen.
Nun ist es mild, fast warm geworden, — so warm, wie es in Deutschland um diese Zeit nur in Heidelberg und an der Bergstraße sein kann. Wir sitzen im Freien, auf einer der schönen Terrassen am Berghang, und können uns in Ruhe dem Erlebnis der „göttlichen Stadt" hingeben, die gerade in diesen Novembertagen fesselt und erschüttert durch die Gleichniskraft ihrer unvergeßlichen Stimmung.
Indizienbeweis.
Von Christian Bock.
Ich lehne im dritten Stock eines Hauses zum Fenster hinaus und betrachte die Welt draußen, soweit die Welt in einem Hinterhof reicht — zehn, fünfzehn Meter vielleicht. Gegenüber im dritten Stock hängt, an einem Nagel offenbar, am Fensterkreuz draußen vor, ein Vogelbauer. Soweit ich weiß, wohnt drüben eine alte Dame. Scheinbar ist sie weggegangen und hat den Vogel solange etwas frische Luft gönnen wollen: da hängt er nun in seinem Bauer, mitten in der Freiheit und doch noch gefangen. Er zwitschert und macht einen Höllenlärm und springt in dem engen Raum herum, daß der Vogelbauer hin und her schaukelt.
Ich kenne mich in den vielen Vogelarten nicht aus, die vor allem in der guten Stube von Zimmer-Wirtinnen zu zwitschern pflegen, und ich werde nie zu unterscheiden wissen, was das für ein Vogel ist. Ob das drüben ein Harzer Roller oder ein Kanarienvogel fein mag, ich ahne es nicht. Aber daß der Vogel da nicht ganz sicher hängt, das ahne ich. Hin und her schaukelt der Vogelbauer, und der Nagel, an dem er hängt, ist nicht eben lang. Es sieht gefährlich aus.
Ich gehe hinunter und über den Hof und steige drei Treppen nach oben. Aber niemand öffnet auf mein Klingeln, ich dachte es schon: da ist niemand zu Hause.
Wie ich wieder die Treppe nach unten gehe, begegnet mir eine Frau mit einer sonderbaren breiten Nase. Ich wollte sie schon fragen, ob sie wüßte, wer da oben wohnt, und wem der Vogel gehört, aber ich mochte ihre Nase nicht.
Dann sehe ich wieder zu meinem Fenster hinaus, und drüben schaukelt der Vogel noch am Fenster- kreuz. Was kümmere ich mich überhaupt, denke ich, um fremder Leute Vogel!
Aber wie gerade unten eine Frau über den Hof geht, fällt tatsächlich drüben der Vogelbauer herunter und klatscht auf den Hof, der Frau vor die Füße.
Mit einem spitzen Schrei läßt sie ihren Korb fallen, aus dem Aepfel und Kohlköpfe heraus- rollen.
Aus allen drei Türen, die das Haus im Hof hat, kommen Leute herausgestürzt, als hätten sie da hinter den Türen bereit gestanden. Eine Frau hebt den Vogelbauer auf: der Vogel scheint noch recht vergnügt zu leben, soweit ich von oben sehen kann.
Zwei Männer und zehn, zwölf Frauen mögen da unten stehen, ihre Diskussion ist äußerst erregt, und plötzlich schnellen ihre Köpfe alle nach oben.
„Da oben steht er ja", sagt eine Frau, „der hat ihn heruntergeschmissen!" Alle sehen zu mir herauf.
„Natürlich ein Untermieter!" ruft eine andere Frauenstimme.
Ich verschwinde schnell aus meinem Fenster. Einen Augenblick stehe ich noch im Zimmer und höre die Erregung unten anschwellen, aber dann mache ich das Klügste, was ich machen kann: Ich ziehe einen M.intel an und setze mir den Hut schräg auf den Kopf und gehe nach unten.
Ich steuere geradewegs auf die Gruppe im Hof zu. „Was ist denn hier los?" frage ich eine Frau.
„Da hat einer", -fagt sie, „einen Vogel herunter- geschmiffen vom dritten Stock. Ein gemeiner Kerl, ein Untermieter."
„Aha!" tue ich, als hätte ich es auch schon immer auf Untermieter abgesehen und traute einem Untermieter von jeher das Schwärzeste zu, „also ein Untermieter. — Wissen Sie das bestimmt?"
„Ist ja gesehen worden, der Kerl. Den lassen wir nicht aus!" ruft sie.
Und plötzlich ist da eine Frauenstimme, die lauter wird und erregter als alle anderen: „Richtig — vorhin bin ich ihm ja begegnet auf der Treppe!" Und wie ich hinsehe, wer das eben gesagt hat, ist es die Frau mit der breiten Nase.
Sie sieht mich nicht, und wehe, wenn sie mich entdeckte und nur mit einem Finger nach mir zeigte: Der war es. Da steht er ja?! — die Frauen hier rissen mich in Stücke.
Ich ziehe den Hut ein Stück tiefer ins Gesicht und schlendere zum Ausgang hin, jeden Augenblick bereit, loszurennen, wenn diese Stimme noch nm hinten kommen sollte: Da geht er!
Aber es kommt nichts, ich gehe ungeschoren zur Tür hinaus. Um ein Haar wäre ich, das Opfer eines Indizienbeweises, von zwölf Frauen in der Luft zerrissen worden.
„... heiter ist d e Kunst."
Gottfried S ch a d o w unterhält sich mit einem Kollegen von der Zunft über einen dritten, der os dank guter Beziehungen sogar zum akademischen Professor gebracht hat. Sein Urteil über ihn saßt Schadow in den Satz: „Der hat sich bet Malen ooch so anjewehnt".
.Und
Trübner nach langer Zeit zum erstenmal wieder in München Ihm gehe es gut, antwortet der Maler auf eine Frage nach seiner Gesundheit. .Und
wie geht's der Frau Gemahlin?" — , schön, der geht's auch gut, die is daheim die Preise ’nauf!"
Ein bekannter Kunsthändler trifft Wilhelm


