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Itr.211 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Freitag, W. September 1937
Aus der Stadt Gießen.
Oie Arbeit der OAF im Kreise Wetierau
Weiterführung der Jettversorgung der minderbemittelten Bevölkerung.
Kartoffelbuddler an die Iront!
ZdR. Allmählich fängt man mit der Kartoffelernte an. Immer mehr Stimmen werden laut, die von guten, zum Teil sogar von sehr guten Kartoffelerträgen berichten. Damit beginnt wieder jene Zeit, die für den Bauer und Landwirt die schwerste des ganzen Jahres ist. Es find ja nicht nur Kartoffeln und andere Hackfrüchte zu ernten, sondern die Bestellungsarbeiten für das Wintergetreide sollen gleichfalls — und zwar möglichst sorgfältig — durchgefüyrt werden. Damit häuft sich die Arbeit stärker als in den übrigen Zeiten des Jahres, und die Landwirtschaft hat alle Hände voll zu tun, um sie rechtzeitig zu beenden.
In vielen Gebieten hatte sich daher die Gewohnheit herausgebildet, zur Kartoffelernte besondere Arbeitskräfte aus der Stadt heranzuholen, die allgemein „Kartoffelbuddler" genannt werden. Meist waren es Frauen oder Mädchen, auch junge Burschen, die, bisher arbeitslos, gern die Gelegenheit benutzten, wieder tätig sein und Geld verdienen zu können. In diesem Jahr aber kann von Arbeitslosen eigentlich nicht mehr gesprochen werden, so daß in der Landwirtschaft die Befürchtung auftaucht, nicht genügend Arbeitskräfte zur Kartoffelernte zu bekommen. Dadurch würde aber ein Teil der Ernte nicht rechtzeitig eingebracht werden können und verderben. Das darf in diesem Jahre weniger denn je zuvor geschehen, denn die gesamte Kartoffelernte wird dringend für die Ernährung unseres Volkes benötigt. Deshalb ergeht an alle Frauen und Mädchen, auch an alle übrigen abkömmlichen Arbeitskräfte in der Stadt der Ruf: Helft der Landwirtschaft bei der Kartoffelernte! Den alten „Kartoffelbuddlern", die sich Jahr für Jahr bereitwillig zur Verfügung gestellt haben und die den Wert dieser Arbeit zu schätzen wissen, braucht dies nicht mehr gesagt zu werden. Sie kommen von selbst wieder. Aber die Landwirtschaft braucht mehr Arbeitskräfte zur Kartoffelernte als früher, denn die Anbaufläche ist größer geworden. Deshalb müssen neue „Kartoffelbuddler" antreten, um dort eingesetzt zu werden, wo die bisherige Zahl nicht ausreicht.
Die Landwirtschaft hat die schwere Aufgabe, die Grundlagen für die Ernährung des Volkes zu schaffen. Sie hat eine Kartoffelernte vorbereitet, wie sie bisher wohl nur selten auf dem Felde gestanden hat. Jetzt gilt es nur noch, sie einzuholen. Dabei sollten auch die Volksgenossen aus der Stadt helfen, die irgendwie Zeit haben; nicht unentgeltlich, sondern im Rahmen des ortsüblichen Lohnes. Nichts Unbilliges wird ihnen zugemutet. Sie werden nur aufgefordert, an der Arbeit mitzuhelfen, an der ein großer Teil unseres Volkes seit Jahren mit unermüdlichem Eifer und ständig wachsender Energie schafft: nämlich an der Versorgung des deutschen Volkes mit Nahrungsmitteln aus eigenem Grund und Boden. Sie dienen damit ja nicht nur der Landwirtschaft, sondern dem ganzen Volk und damit sich selbst. Deshalb: Kartoffelbuddler an die Front!
Itornofüen.
Tageskalender für Freitag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Versprich mir nichts!". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Schweigen im Walde". — Allgemeiner Verein für Armen- und Krankenpflege: 18 Uhr Hauptversammlung im Saal der Krippe.
Obst- und Gartenbauverein Gießen.
Nächsten Sonntagnachmittag Vortrag über die notwendigsten Herbstarbeiten im Obst- und Gemüsegarten.
Ablösungsanleche der Provinz Oberheffen.
Fwd. Die diesjährige Auslosung der Ablösungsanleihe der Provinz Oberhessen findet nach Mitteilung der Abwicklungsstelle der Provinzialdirektion Oberhessen am 29 d. M. in Gießen statt. Der letzte amtliche Kurs an der Frankfurter Börse für die Anleihe war 136,75 v. H.
dort muß das Verständnis für auf dem Gebiete der Berufser- Gesundheitswefens geweckt oder Je mehr der einzelne begreift, nicht unter großen finanziellen
vorgetragen, und die Bestrebungen Ziehung oder des gefördert werden.
daß diese Dinge , „ _
Aufwendungen die richtige Gestaltung erfahren, um so mehr wächst auch die Bereitschaft zur Durchführung. Gerade in den Bestimmungen über den Leistungskampf der Betriebe kommt der Gestaltungswille der Deutschen Arbeitsfront sinnfällig
Zuspruch haben die Friedberger Schwimmkurse, von deren Teilnehmer bereits eine ganze Anzahl : die Prüfung für Rettungsschwimmen ablegen. Ein Beweis dafür, daß die körperliche Gesundheit auch die gesunde Geisteshaltung bringt und gesunde Handlungen hervorruft. Einige konnten bereits das Deutsche Sportabzeichen erringen. An den Gymnastik- und Schwimmkursen nahmen auch Ausländer teil, die sich sehr lobend über die in der Welt einzig dastehende Einrichtung „Kraft durch Freude" aussprachen. Ein Bunter Abend in Rodheim v. d. H. führte 195 Volksgenossen für einige Stunden zu einer frohen Gemeinschaft zusammen. Auch auf dem breiten Lande haben die Bestrebungen der NSG. „Kraft durch Freude" bereits E olge zu verzeichnen. So konnte eine Musikschar in Gambach abgenommen werden, und die Ober-Roßbacher „Goldkehlchen" (Singschar) konnten ihr Können bereits unter Beweis stellen.
Die Kameraden des Aufbaulagers Waldeslust Gießen erlebten eine besondere Freude, als anläßlich ihres Kameradschaftsabends der Gauobmann der Deutschen Arbeitsfront, Parteigenosse Becker, in ihrer Mitte erschien und ihnen die Aufgaben der Deutschen Arbeitsfront und des deutschen Arbeiters in packender Weise aufzeigte. Anschließend blieb der Gauobmann in der Mitte der Arbeitskameraden des Lagers.
Eine hohe Auszeichnung haben die Werkscha - ren des Kreises erhalten. Anläßlich eines Appells wurden 30 Werkscharmänner für Nürnberg befohlen. Eine zusammengestellte Werkschar für Nürnberg aus verschiedenen Kreisen trägt den Namen „W erkschar Gieße n". Eine hohe Auszeichnung und eine besondere Verpflichtung.
Die RBG. 10 „Verkehr und öffentliche Betriebe" meldet: Der Reichsminister für Finanzen hat sich am 5. August 1937 damit einverstanden erklärt, daß in den Verwaltungen und Betrieben des Reiches der Lohn der Arbeiter unter 24 Jahren mit Wirkung vom 1.Juli 1937 ab mit nachstehenden Hundertsätzen aus dem Stundenlohn des 24jährigen Arbeiters errechnet wird: Nach Vollendung des 17. Lebensjahres mit 70, des 19. mit 80, des 20. mit 90 und des 21. mit 100 v. H. Ferner ist der Urlaub für Lehrlinge und jugendliche Arbeiter künftig wie folgt zu bemessen: Vor vollendetem 16. Lebensjahr mit 18, des 17. Lebensjahres mit 15, des 18. mit 12, des 19. mit 9 und des 21. mit 7 Arbeitstagen. Wenn der Jugendliche mindestens 10 Tage an Lagern oder Urlaubsfahrten teilnimmt, die von der Hitler-Jugend geführt werden, erhöht sich der Urlaub der Jugendlichen unter 18 Jahren auf 18 Arbeitstage. Im Einvernehmen mit dem preußischen Minister des Innern ist der Reichsminister der Finanzen damit einverstanden, daß die vorstehenden Regelungen auch in die Dienstordnungen anderer öffenllicher Verwaltungen und Betriebe übernommen werden.
Die Abteilung Berufserziehung und Betriebsführung hat bereits ein Teilprogramm für die Uebungsftätte Gießen bekanntgegeben. Zu den verschiedenen Lehrgemeinschaften und Aufbaukameradschaften haben sich schon zahlreiche Teilnehmer gemeldet. Eine ganze Anzahl von Interessenten mußte zurückgewiesen werden, da die Uebungsstätten der Deutschen Arbeitsfront weder , Berufsfremde für einen Beruf ausbilden, noch die । Arbeit der Berufsschulen wiederholen. Auch die be- , triebliche Ausbildung und die Berufserziehungs- : Maßnahmen für einzelne Betriebe machen Fortschritte.
Die Verwirklichung des Nationalsozialismus in den Betrieben zieht natürlich auch nationalsozialistische Maßnahmen auf diesem Gebiete nach sich. Die Menschenführung steht , über die Sachführung. Beides vereint bringt die : Höchstleistungen, die das deutsche Volk in seiner Ge- : samtheit vollbringen muß, um den Sieg über die । Abhängigkeit von außen zu erringen. Der Führer : gab den Befehl, er stellte den Vierjahresplan auf, : und jeder kommt diesem Befehl an feinem Platze : mit heiligem Ernst unbv mit seiner ganzen Kraft : nach. Auf dem körnenden Reichsparteitag gibt jeder i Rechenschaft und jeder wird neue Befehle erhalten. । Führer befiehl — mir folgen!
DNB. Die bisherigen Maßnahmen der Reichsregierung zur Verbilligung der Speisefette und zur Regelung des Bezuges von Konsummargarine für die minderbemittelte Bevölkerung werden in den Monaten Oktober, November und Dezember 1937 fvrtgeführt. Die Fettverbilligungsscheine enthalten, wie bisher, sechs Reichsoerbilligungsscheine. Abweichend von den bisherigen Bestimmungen können die Fettoerbilligungsscheine in Zukunft auch beim Einkauf von mindestens V« Kilogramm Seefischoder Fischräucherwaren in Zahlung gegeben werden. Die auf die Margarinebezugsscheine entfallende Konsummargarine ist von IV2 Kilogramm auf 2 Kilogramm im Vierteljahr erhöht worden. Desweiteren ist die Ausgabe von Zusatzscheinen vorgesehen.
preteattgeln im städtischen Teich an der Schlageterallee.
Die Stadtverwaltung wird in diesem Jahre erstmalig den in der Schlageterallee angelegten Teich, in welchen vor etwa zwei Jahren Regenbogenforellen, Karpfen und Goldorfen eingesetzt wurden, abfischen lassen. Der Fischbestand ist auf Grund ordnungsmäßiger Bewirtschaftung insbesondere hinsichtlich des Karpfenbestandes gut abgewachsen, beträgt doch das Gewicht der Karpfen, die in einer Anzahl van 500 Stück als zweisömmerige Setzkarpfen zum Einsatz gelangten, durchschnittlich 4 bis 6 Pfund pro Karpfen Es ist dies als ein sehr guter Abwachserfolg anzusehen, und damit ist der Beweis dafür erbracht, daß sich der Teich zur Aufzucht von wertvollen Fischarten für die menschliche Ernährung sehr wohl eignet. Der Stadtverwaltung Gießen ist daher zu danken, daß sie sich mit dieser Fischaufzucht wertvoll in den Dienst der Durchführung des vom Führer und Reichskanzler Adolf Hitler in Kraft gefetzten Vierjahresplanes zur Sicherung der Ernährung des deutschen Volkes gestellt hat.
Was das Preisangeln am kommenden Sonntag anbelangt, so sprechen die hiesigen, dem Reichsoerband Deutscher Sportfischer (angegliedert dem Reichsnährstand) angeschlossenen Gießener Sportfischervereine (Angelsportoerein Gießen und Umgebung e. 23., Verein „Sportangler 1935 Gießen" und Fischweid-Club Gießen und Umgebung) auch an dieser Stelle der Stadtverwaltung Gießen und dem Fremdenverkehrsverein Gießen ihren Dank dafür aus dafür, daß ihnen durch diese Veranstaltung die Möglichkeit gegeben ist, die Ausübung ihres schönen und edlen Sports der Bewohnerschaft Gießens und Umgebung vorführen zu können.
Die Kreiswaltung Wetterau der Deutschen Arbeitsfront gibt nachstehenden Bericht aus dem Monat August bekannt:
Die Kreiswaltung zählte im Monat August mit 43204 Mitgliedern den bisherigen Höchststand der Betriebsführer und Gefolgschaftsmitglieder, die sich freiwillig in die Front der schaffenden deutschen Menschen eingereiht haben. 51 Besuche in den Ortswaltungen, 102 Amtswalter- besprechungen und vier Tagungen von Sachbearbeitern Dienten der fachlichen Ausrichtung und dem Austausch von Erfahrungen der praktischen Arbeit.
356 Betriebe wurden durch die DAF.-Walter im vergangenen Monat besucht. Gewaltig ist das Aufgabengebiet der Deutschen Arbeitsfront, und zahlreich sind die Fragen, die gelöst und beantwortet werden müssen. Da muß „Schönheit der Arbeit" und „Kraft durch Freude"
zum Ausdruck. Nicht das Geld, sondern der Geist, der nationalsozialistische Gei st macht es!
Die nunmehr vereinigten Verwaltungsstellen Gießen und Friedberg zahlten im vergangenen Monat 8 6 5 Unterstützungen im Gesamtbeträge von 12 545,45 RM. in Form von Kranken-, Invaliden- und Notfallunterstützungen sowie Heiratsbeihilfen und Sterbegeld aus Die Betriebskassierungen nehmen zu, so Daß den Mitgliedern und den Amtswaltern die Arbeit erleichtert werden kann bzw. die bisher hier aufgebrachte Arbeitsenergie wird für gestaltendes Schaffen frei.
Die Rechtsberatungsstellen Gießen und Friedberg wurden von 815 Betriebsführern und Gefolgschaftsmitgliedern aufgesucht. 96 arbeitsrechtliche Streitfälle, 23 Güteverhandlungen und 57 Vergleiche mit einer Wertsumme von 3799,17 Mark wurden bearbeitet und geschlossen. Dor dem Arbeitsgericht standen 12 Fälle zur Verhandlung, in deren Verlauf 8 Vergleiche geschlossen wurden, während zwei Zwangsvollstreckungen notwendig waren. Ein großer Teil der Streitsachen gehört dem Gaststätten- und Baugewerbe an. Es ist dies auf den verstärkten Arbeitseinsatz (teilweise an die Jahreszeit gebunden) zurückzuführen. Bei den Streitällen aus dem Baugewerbe handelt es sich meistens um die Frage, ob Entfernungszulagen und in welcher Höhe zu zahlen find oder nicht, und um die Nichteinhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist unu verzögerte Aushändigung des Arbeitsbuches. Die landwirtschaftlichen Arbeiter müssen oft darüber aufgeklärt werden, daß die Kündigungszeiten eingehalten werden müssen, widrigenfalls die Arbeitsbücher eingehalten werden können.
Die Arbeit der NSG. ,Kraft durch Freude" stand im Monat August naturgemäß im Zeichen der Reifen, Sonderfahrten und Omnibusausflüge und im verstärkten Andrang zu den Sportgemeinschaften. An Fahrten zur Ausstellung „Schaffendes Volk" nahmen bisher über 1400 Volksgenossen aus dem Kreise Gießen teil; sie alle kamen um ein großes Erlebnis bereichert nach Gießen zurück. Ein Lampionfest an der Lahn fand außerordentlichen Anklang bei der Gießener Bevölkerung. In den Autobahnlagern Großen-Buseck, Winnerod und Holzheim wurden „Heitere Abende" und Tonveranstaltungen durchgeführt, die Abwechslung und Freude für die Teilnehmer brachten.
Bemerkenswert ist noch die vorgenommene Eingliederung der NS. - Kulturgemeinde in die NSG. „Kraft durch Freude". Große Vorbereitungen erfordert auch das Deutsche Volksbild u n g s w e r k. Die Werbung für den Theaterring und die Vortragsreihen dieser beiden Abteilungen beginnen demnächst. Das Sportamt konnte in einer ganzen Anzahl von Betrieben S p 0 r t g e m e i nschaften aufstellen. Großen
♦* Morgen Messebeginn. Entgegen der bisherigen Gepflogenheit wird diesmal die Gießener Herbst-Meffe bereits am morgigen Samstag, 11. September, nachmittags eröffnet.
** „H I. erobert dasTheater." Am Sonntag, 19. September, findet im Stadttheater Gießen eine Werbeveranstaltung „HI. erobert das Theater" für den „Theaterring der Hitler-Jugend" statt. Das Program der Werbeveranstaltung wird von Künstlern des Stadttheaters und von der neugegründeten Spielschar ausgestaltet. Die musikalische Leitung hat Hartmut Eberle, die Gesamtleitung der Werbe- veranstaltung Günter Winkel.
** Die Bezahlung restlicher Strom- und Gasgelder wird von der Direktion der Städtischen Betriebe in Erinnerung gebracht. Säumige Zahler mögen diese Anmahnung beachten.
** Unfall. Das zweijährige Töchterchen des Invaliden Becker, Wetzsteingasse, erlitt durch einen unglücklichen Sturz einen Schädelbruch. Das bedauernswerte Kind mußte sofort in die Chirurgische Klinik gebracht werden.
Reinigen, aber nicht schmirgeln.
Nicht Reinigung um jeden Preis, sondern Säuberung unter Schonung des Zahnschmelzes — das ist richtig? DeraußerordentlichfeinePutzkörper der Nivea-Zahnpasta reinigt u. erhält den natürlichen Glanz Ihrer Zähne.
MW WWW WH!
Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz:
Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.
12 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Unsinn, sich überhaupt mit solchen Gedanken abzugeben! Das kam nur von der Ueberraschung, von der Überrumpelung. Und man mußte sich gehörig zur Ordnung rufen, jawohl!
Viel zu lange saß man übrigens hier, jawohl. Man hatte eine Angestellte engagiert, und damit gut. Gut auch, daß sie nichts anderes erwartete, als wie eine Angestellte behandelt zu werden. Man brauchte sich wenigstens in dieser Hinsicht keinen Zwang aufzuerlegen.
Allerdings — man würde ihr auch außerhalb des Dienstes begegnen... Fatal, diese Idee des Großvaters! Nun, dann zog man sich eben noch mehr zurück als bisher. Man würde ja nicht vermißt werden. Wer vermißte Stefan v. Achenbach denn. Der Großvater vielleicht — aber er hatte ja nun Ersatz dafür
Stefan hatte sich im stillen förmlich in eine bittere Stimmung-chineingeredet. Er erhob sich plötzlich mit gerötetem Gesicht.' Unter dem Vorwand, an seine Arbeit gehen zu müssen, verabschiedete er sich sehr knapp und kühl.
Aber im nächsten Augenblick bereute er es schon wieder, ganz davon abgesehen, daß er heute ja gar nicht mehr in der Stimmung war, zu arbeiten. Unö gleichzeitig ärgerte er sich, daß er bereute Was war das nur? Er verstand sich heute nicht. Er verstand sich überhaupt nicht mehr...
Kurze Zeit nach seinem Weggang drängte auch Annelore zum Aufbruch. Man mußte ja noch mit der Mutter reden. Wolfgang v. Achenbach begleitete die Freundinnen hinunter. Er war so lebhaft wie feit langem nicht.
Auf dem Korridor traf man wieder auf Fräulein v. Birkhammer. Sie schien kein ganz reines Gewissen zu haben. Der Schloßherr benutzte Die Gelegenheit, um sie zu unterrichten, obgleich er Die
Ueberzeugung hatte, daß es gar nicht mehr notwendig war.
„Fräulein Hildach wird vom kommenden Ersten ab als Stefans Assistentin tätig sein. Gleichzeitig wird sie hier bei uns als Haustöchterchen ihres Amtes walten. Freuen wir uns inzwischen ein bißchen darauf." .., , .
Fräulein v. Birkhammer lächelte süßlich und zwang sich ein paar freundliche Worte ab.
Dann ging man hinunter. Als die Freundinnen in den Wagen gestiegen waren und der Motor ansprang, streckte Wolfgang v. Achenbach Annelore noch einmal die Hand hin:
„Glückauf für uns alle, Fräulein Hildach! Und damit auf Wiedersehen!"
Der Wagen glitt zum Eingangsportal hinaus. Der Nebel hatte sich gesenkt. Er lag nur noch als schwache Schicht über dem Boden. Die Hohe war klar und von Sternen durchflimmert.
Als der Wagen in die Landstraße einbog, wandte Annelore sich halb zurück. Vom Schloßturm blinkte ein einsames Licht herab. Dort saß Stefan wohl wieder bei feiner Arbeit...
Sie wußte nicht, daß er ruhelos in seinem Zimmer hin und her wanderte...
4.
Es roch nach Karbol in dem verdunkelten Raum, der nur durch einen matten roten Schimmer schwach erhellt wurde. Für Stefan etwas Gewohntes, Selbstverständliches, was ihm gar nicht wußtsein kam. Heute aber empfand er den Geruch seltsam eindringlich, als etwas nahezu Beklem- mK?eiat) in das Rubinlicht d-r Lampe die auf einem Tischchen hinter dem Patienten stand. Er wollte nichts anderes sehen. Und mußte doch immer wieder auf Annelores lautlofe, aber fast sprechend ausdrucksvolle Hände sehen, die dem Patienten die Binde über die Augen legten.
Sie stand vornübergebeugt. Der matte Rubin- schimmer der Lampe floß über ihr Gesicht um das dunkelblonde Haar, das sich von dem weißen Lei- nenmantel abhob, und erstarb zu beiden Seiten des Halses in einem zarten rosigen Hauch. Man formte glauben, das Bild eines alten Meisters vor sich zu haben.
Mit zusammengeschobenen Augenbrauen starrte Stefan auf das eigenartig schöne Bild herab. Daß man das überhaupt bemerkte! Daß man überhaupt Gedanken dafür hatte!
Er atmete tief. Es war doch schwerer, mit Annelore Hildach zusammen zu arbeiten, als man gedacht hatte. An ihrer Tätigkeit an sich war allerdings nichts auszusetzen. Nicht das Geringste. Sie war gewandt, lautlos, anspruchslos, verstand den leisesten Wink, war in jedem Augenblick zur Stelle. Man konnte sich in jeder Hinsicht auf sie verlassen. Die Patienten lobten sie, waren von ihrer ruhigen, liebevollen und doch zurückhaltenden Art entzückt. Es war also alles in Ordnung. In bester Ordnung sogar.
Bis auf das eine ...!
Und das eben wog schwerer als all ihre Verdienste und ihre Vollkommenheit in beruflichen Dingen...!
Es ging etwas von ihr aus, dem man sich nicht entziehen konnte. Ein geheimes Fluidum, das einen immer wieder in den Bann zog. Es war nichts Erregendes, wie man es etwa an — ja, wie man es an Gloria Rettner zum Beispiel gespürt hatte. Nein, es war eher etwas Beruhigendes, Lösendes und dabei eigenartig Vertrautes. Wie ein sanfter tröstender Strom, von dessen leisem, dunklem Wellenschlag man sich umspült fühlte. Und dies Bewußtsein beunruhigte eben erst recht; denn es barg Gefahren in sich. Keine Frau — keine andere Frau konnte noch zur Gefahr werden. Niemals nach jenen Erfahrungen! Aber hier...? Mußte man sich in der Gegenwart dieses Mädchens nicht immer erst gewaltsam zu der Konzentration zwingen, die man für die Arbeit brauchte?
Möglich auch, daß man die Bedeutung der Sache überschätzte. Man war eben nicht ganz unbefangen. Man hatte nicht eine beliebige Person zur Assistentin, sondern eben Annelore Hildach, die man von früher her kannte und zu der man — begreiflicherweise — nur schwer die richtige Einstellung fand.
Jedenfalls aber durfte es nicht fein, daß man sich seiner selbst nicht mehr sicher fühlte. Das durfte nicht fein! ,
Annelore war fertig. Stefan löschte mit hartem Gesicht die Rubinlampe und zog mit einem Ruck den Vorhang vom Fenster zurück.
„Sie beginnen morgen früh damit, den Herrn
Kommerzienrat an das Tageslicht zu gewöhnen, Fräulein Hildach", ordnete er mit auffallend kühlem Ton an. „Aber vorsichtig. Ehe wir unmittelbares Sonnenlicht haben. Nicht zu lange anfangs. Und die Lichteinläffe nur ganz allmählich steigern." Noch ein paar Worte zu dem Patienten, dann verließ er mit kurzen, raschen Schritten den Raum.
Annelore schickte sich an, den Patienten nach seinem Zimmer zu führen. Der alte Herr lächelte unsicher zu ihr auf.
„Der Chef scheint heute sehr ungnädig zu sein."
Sie gab ihm ein stilles Lächeln zurück, obwohl sie wußte, daß er es nicht sehen konnte.
„Er arbeitet viel, Herr Kommerzienrat. Es ist verständlich."
Vorsichtig führte sie den alten Herrn hinaus. Ein leichter Schatten lag jetzt auf ihrem Gesicht. Der „Ches" war nicht nur heute ungnädig... Er war es schon von Anfang an gewesen. Reichlich drei Wochen war sie nun hier, und nicht ein einziges Mal in dieser Zeit hatte er eine freundliche Miene, geschweige denn ein freundliches Wort für sie gehabt. Er war der Chef, gewiß, man konnte es von ihm nicht verlangen. Aber er war auch Stefan v. Achenbach — und von dem tat es weh...
Würde das immer fo weitergehen? Würde man das auf die Dauer überhaupt ertragen können? Man hatte sich wohl doch zu viel zugemutet...
„Schön ist jeder Tag...", kam ihr die Melodie plötzlich in den Sinn. Äch, wie ganz anders war es doch!
Und doch gab es Stunden, in denen sie es wie ein Geschenk empfand, daß sie um Stefan sein durfte. Vielleicht — vielleicht kam auch der Mensch in ihm eines Tages zum Durchbruch...! Und auf diese Stunde mußte und wollte man geduldig warten.
Sie hatten das Zimmer des Kommerzienrats erreicht.
„Würden Sie es unbescheiden finden, Fräulein Hildach, wenn ich Sie bitten würde, mir nachher noch ein halbes Stündchen vorzulesen?" sagte er, nachdem sie ihn sanft in seinen Stuhl gedrückt hatte.
„Gern, Herr Kommerzienrat", stimmte sie zu. „Ich will nur noch mal nach der kleinen Jngeborg Sörensen sehen. Dann komme ich wieder."
Fortsetzung folgt.


