Gommeraufenihali der Gießener Artillerie in Zoffen.
„Märkische Heide, märkischer Gand." — Erlebnisse in der „Sommerfrische" der Soldaten.
natürlich ausgenommen!) ihre Dor- und Nachteile hat. Abends saß dann alles, schießende und vermessende, fahrende und kraftfahrende Artilleristen, in den netten Vorgärten der Kantinen und stellten im Gespräch fest, daß bei den jeweils anderen auch ganz nette Kameraden seien.
Allzu viel Zeit für Kantine, Lagerkino und gar einen abendlichen Bummel in das entfernte Wilnsdorf ober Zossen blieb uns allerdings nicht, denn die Uebungsplatzzeit wurde tüchtig ausgenützt, die Tage waren selten, an denen nicht wenigstens eine Batterie der Abteilung auf dem Platz schoß. Dann hieß es also am Vortage auf dem Dienstplan: Morgen früh 4 Uhr schießt die ... Batterie, 1. B.-Stelle Wurzelberg, Feuerstellung hart südlich Wurzelberg usw.
„Morgen früh 4 Uhr schießt die Batterie ..." Das hieß mit anderen Worten: Wecken heute, 2 3.3 0 Uhr, morgen um 1 Uhr Abmarsch. Während die Kameraden gerade im ersten Schlaf lagen, einige Unentwegte wohl auch noch die letzte Molle begutachteten, rückte die Batterie durchs Lager und hinaus auf die Landstraße. Nun ist die Landstraße, die wir benutzen mußten, ein Teil der Strecke Berlin—Dresden. Daß man da auch zu solcher nachtschlafenden Zeit nicht allein war, kann sich jeder denken. Wie oft haben wir geflucht, wenn so ein Ueberlandlastzug an uns vorbeibrauste, oder schlimmer noch, gerade bei uns seine Luftdruckbremse betätigte. Das Geräusch geht wirklich jedem, Mann und Pferd, auf die Nerven, besonders, wenn man gerade dran ist, im guten Glauben an das Wachsein des Vordermannes langsam einzudösen. Oder es rast so ein Sch...... von
einem Kraftradfahrer der Batterie entgegen und denkt nicht daran, a b z u b l e n d e n. Ja, Nachtmärsche sind nicht immer schön.
Mit Morgengrauen kam die Batterie dann von der Straße ab und auf die sogenannten Wege des Lagers. Wege sind es auf der Karte, in Wirklichkeit sind es Sandbahnen, in denen Pferde
und Fahrzeuge einsacken. Links und rechts baut sich dann der Kieferwald auf, der durch die durch Granaten geknickten oder durch Splitter aufgerissenen Stämme einen so wilden Charakter angenommen hatte, und aus dem oft ein völlig artiUeriefrommes Reh, oder ein freches Karnickel herauslugte.
War es dann hell genug, so ging der Feuerzauber los: Erst prüfen der Grundrichtung Ziegelei Zehrensdorf ober Försterei Eiche (für jeden, der in Zoffen war, sind diese Punkte, wie die Be- obachtungsstände Kemmel oder Langemarck, Begriffe, die nicht wegzudenken sind). Danach tauchten dann durch das Zauberwort des Leitenden „plötzlich" die feindliche B-Stelle, das „Panzerabwehrgeschütz" oder die „vergehende Infanterie" auf. Daß die Pappkameraden schon am Tage vorher ihre Stellungen bezogen hatten, tut ja nichts zur Sache.
Bei dem dann folgenden Stellungswechsel geriet wohl ein Reiter in einen der heimtückisch versteckten Sümpfe und konnte sein Pferd dann nur mit fremder Hilfe, vielleicht sogar erst nach Zuhilfenahme von Zugtauen, freiarbeiten. Vielleicht fand man auch mal einen PKW., der im Sande rettungslos festfaß, und dann die Hilfe der sonst ach so gering geachteten Pferde in Anspruch nehmen mußte.
War das Schießen vorüber, dann schnell, schnell runter vom Platz, damit die Nächsten anfangen konnten, und während andere Leute * gerade beim Morgenkaffee saßen und unsere Männer und Pferde zufrieden der „Klappe" und dem Stall zustrebten, rollten schon ihre Schüsse. Sie prüften die Grundrichtung: Ziegelei Zehrensdorf oder Försterei Eiche.
So ging es die Woche über, so ging es noch am Samstag früh. Dann aber am Samstagabend, wenn Mann, Pferd, Geschütz, Wagen und Gerät die nötige Anzahl Appelle überstanden hatten, dann ging’s zum Baden ins Lagerbad, im Mellensee oder für die, die es sich leisten konnten — sogar nach Berlin!
Hitler-Llrlauber-Kameradschast bei der LlniverW
Die Kameraden der Hitler-Urlauber-Kameradschaft „Deutschland" wurden Ende der vegangenen Woche und gestern auch mit einigen Arbeitsgebieten unserer Universität bekanntgemacht.
Die Kameraden horten am Samstag einen Dortrag von Dr. habil. Scheibe, der in' einer aufschlußreichen Schilderung über die Deutsche Hin- dukusch-Expedition sprach. Der Redner verstand es, das immerwährende Ringen um die deutsche Erde begreiflich zu machen und auch auf die notwendige Erforschung fremder Kulturpflanzen mit dem Ziele der Ertragssteigerung und der sicheren Gestaltung unserer Ernährung hinzuweisen. An einigen Beispielen erläuterte er die damit zusammenhängende Züchtung und Veredelung solcher durch die Expedition von Asien mitgebrachten Pflanzen zu neuen, den deutschen Klima- und Bodenverhältnissen angepaßten Ernährungspflanzen und Rohstoffspendern. Die neuen Versuche, so führte der Redner u. a. aus, gelten in erster Linie der Vermehrung der Fett-, Eiweiß-, der Futtermittel- und Faserversorgung. An Hand zahlreicher Lichtbilder vertiefte der Vortragende in seinen Zuhörern das Gesamtbild, das er ihnen durch seine Worte von der Expedition gab. Starker Beifall und herzlicher Abschied bewiesen, daß der Vortrag den Zuhörern ein interessantes Erlebnis war.
Am gestrigen Montagvormittag waren die Urlauberkameraden im Botanischen Garten zu Besuch. Der Direktor, Pros. Dr. K ü st e r, führte seine Gäste mit einem Vortrag in das Institut ein, bei dem er in aufschlußreicher Weise die zeitgemäßen Aufgaben und Forschungsziele eines Botanischen Instituts und Gartens barlegte. Anschließenb sprach der Assistent des Botanischen Instituts Dr. Heidt über „Die Pflanzenwelt der hessischen Heimat", wobei er die Besucher aus den verschiedensten Gegenden des
Reiches mit der Flora unserer engeren Heimat in großen Zügen bekanntmachte. Durch diese Vorträge gut vorbereitet, konnten die Teilnehmer dann unter Führung des Universitäts-Garteninspektors Nessel einen außerordentlich fesselnden Rundgang durch die sehenswerten Anlagen des Botanischen Gartens unternehmen, bei dem sie eine Fülle von interessanten Dingen zu schauen bekamen.
Der Montagnachmittag war einem Besuch der Universitätsbibliothek gewidmet, wo die Urlauber unter Führung von Dr. Mittermaier das große Gebäude der Bibliothek in allen Teilen kennenlernen und dabei die Wahrnehmung machen konnten, daß auch in einer kleinen Universität wie Gießen doch ungeheure Schätze an Büchern und höchst wertvollen Dokumenten für die Zwecke der Wissenschaft und der Forschung, dazu noch eine Unmenge von Zeitschriften und Zeitungen und sonstigen Druckerzeugnissen angesammelt werden können.
^unOfunfproQramm.
Mittwoch, 11. August.
6 Uhr: Choral. Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Bäderkonzert. 9.30: Hausfrau, hör zu! 11.40: Gaunachrichten. 12: Werkskonzert. 13: Nachrichten, auch aus dem Sendebezirk. Offene Stellen. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Bunt tariert! 15: Volk und Wirtschaft. Was gibt’s heute auf dem Gemüsemarkt? 16: Nachmittagskonzert. 18: Zeitgeschehen im Funk. 19: Unser singendes klingendes Frankfurt. 20: Nachrichten. 20.15: Unser singendes, klingendes Frankfurt. 21.15: Serenaden, Tänze und Ballettmusik. 22: Nachrichten, auch aus dem Sendebezirk. 22.20: Kamerad, wo bist du?
Dritte Reich" seien. Der Kameradschastsführer rief zum Schluß zur Treue und zur Pflichterfüllung dem Führer gegenüber und zu engem Zusammenschluß auf.
Kreisverbandsführer Kam. Dr. M o n n a r d erinnerte, bevor er die Verteilung der Urkunden vornahm, an die gleichgesinnten freiheitlichen Bestrebungen zur Zeit der Freiheitskriege, und gab dann feiner Gewißheit Ausdruck, daß diejenigen Männer, die nach dem Weltkrieg für Deutschland an den Grenzen kämpften, immer wieder ihr Leben in die Schanze schlagen würden.
Anschließend nahm Dr. Monnard die Ueber- reichung der Ehrenurkunden an folgende Kameraden vor: Polizeiwachtmeister Will). Hainer, Fritz Decker, Ludwig Spieß, Emil Niederhausen, Hermann Müller, Heinrich Würtz, Alfreb Nopora, Polizeimeister Hans Diesel, Martin Steiner, Eduard Gvndner, Polizeiwachtmeister Balth. Nordmann, Phil. Kuhn, Gg. Lenzinger, Wilhelm Dedio und Polizeiwachtmeister Karl Oswald, sämtlich aus Gießen; Otto Konrad, Langd, Arthur Rehfeld, Langsdorf, Hans Fischer und Willi Reinheimer, Rodheim (Bieber), Wilhelm Arnold, Lollar und Christ. Wolf, Orüningen.
Mit Dankesworten des Kameradschaftsführers B e u f e und mit dem Gruß an den Führer fand der offizielle Teil des Abends feinen Abschluß.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 10. Aug. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, seine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, G. I Klasse S 13, Klasse A 12%, Klas e B 12, Klasse C 11%, Klasse D 11; (3. II. Klasse S 12%, KlasseA 12%, Klasse B 11%, Klasse C 11, Klasse D 10%, Eier, aussortierte (abfallende Ware), 45 g und darüber 10%, unter 45 g 9%, ungezeichnete 10, Enteneier (in- und ausländischer Herkunft), 60 g und darüber 12%, unter 60 g 11%, Wirsing, % kg 9 bis 12, Weißkraut 8, Rotkraut 9 bis 12, gelbe Rüben 9 bis 12, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 20, Romifch- kohl 8 bis 12, Bohnen, grün 15 bis 22, gelb 15 bis 22, Erbsen 20 bis 30, Tomaten 12 bis 22, Zwiebeln 10 bis 12, Pilze 45 bis 50, Kartoffeln, neue, % kg 5 Psi, 5 kg 50 Psi, 50 kg 4,50 bis 5 Mark, Frühäpfel, % kg 15 bis 30 Pf., Falläpfel 5 bis 6, Pfirsiche 35 bis 45, Brombeeren 30 bis 35, Preiselbeeren 30 bis 35, Dörrobst 20 bis 35, Heidelbeeren 34, Pflaumen 16 bis 20, Zwetfchen 16 bis 25, Mirabellen 30 bis 35, Renekloden 25 bis 30 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suppenhühner 80 bis 90 Psi, Blumenkohl, das Stück 10 bis 47, Salat 8 bis 9, Salatgurken 4 bis 20, Einmachgurken 1% bis 2, Endivien 8 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 8, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das Bündel 10 bis 15 Pf.
** Die Bezahlung der Strom- und Gasgelder. Die Direktion der Städtischen Betriebe macht darauf aufmerksam, daß die Strom- und Gasgelder im Stadt- und Ueberlandgebiet grundsätzlich bei der Ablesung an den Erheber zu zahlen sind. Dom 20. August ab wird die Strom- und Gaslieferung bei allen Teilnehmern gesperrt, die die Strom- und Gasgelder für Monat Juni einschließlich der Äofteji noch nicht entrichtet haben.
** Nichts damit z u tun! Im Anschluß an die gestrige Lpd.-Meldung aus Frankfurt a. M. unter der Ueberschrift „Hehler Verleumder" bittet uns der Studienassessor Willi Hohmann, zur Zeit Gießen, Ederstraße 18 wohnhaft, unseren Lesern mitzuteilen, daß er mit jener Angelegenheit nichts zu tun hat und mit dem Verurteilten nicht identisch ist.
** Von der Brücke gestürzt. Gestern nachmittag ereignete sich unweit dem Gaswerk an der Wieseckbrücke ein Unfall. Von zwei Knaben, die sich dort zu schaffen gemacht hatten und dabei auf das Brückengeländer geklettert waren, glitt einer, der etwa 12iährige August Velten, ab und stürzte einige Meter in die Tiefe. Der Junge erlitt eine Gehirnerschütterung und mußte durch die Sanitäts- kolonne vom Deutschen Roten Kreuz in die Chirurgische Klinik gebracht werden.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstagnachmittag geschlossen
Susannes Tochter.
Roman von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin W 35.
20 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Aber soll ich schuld haben, daß ein armer Mensch brotlos wird? Wo er mir doch gar nichts getan hat, nicht das Geringste! Wenn das geschieht, dann gehe ich auch!" Ihre Augen funkeln vor Erregung, ihr Atem geht heftig.
„Wie entzückend Ihnen dies Temperament steht!"
Sabine stampft zum zweitenmal auf: „Machen Sie dock keine dummen Witze, Herr Michailow! Mir ist Das bitter ernst! Ich will unter keinen Umständen, daß Herr Lyk etwas von Ihren Beobachtungen erfährt. Versprechen Sie es mir, bitte."
Michailows Augen glänzen: „Und was krieg' ich dafür? Einen Kuß?"
Sabine senkt betroffen die Augen und schweigt. Michailow beugt sich noch ein wenig näher: „Ja?" Sabine schüttelt den Kopf.
Michailow wartet eine Weile. Dann fragt er zärtlich: „Haben Sie mich denn gar kein bißchen gdrrt?"
„Gernhaben und Küssen ist ein großer Unterschied. Man küßt nur, wenn man liebt."
Michailow lacht leise auf: „Oh — welche Weisheiten! Konnte es denn zwischen uns nicht eines Tages dahin kommen?"
Sabine zuckt die Achseln.
„Und ich soll jetzt also zu schweigen versprechen in der Hoffnung darauf, daß bald ein Tag kommt, an dem ich--—" Mit einer zärtlichen Geste
beendet er den Satz.
Da sieht Sabine ernst auf, sie sieht über die Berge hin und über die Wiese und endlich in Michailows sonnenbraunes, nahes Gesicht: „Ja, das sollen Sie. Geben Sie mir die Hand daraus."
Michailow streckt ihr strahlend die Hand hin und erwägt für sich, daß er noch heute Herrn Lyk ab- fangen wird, um ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit die Affäre Renz vorzutragen.
*
Eine unerträgliche, nervenaufreibende Gewitterstimmung liegt über dem Land. Es ist so sttll, als hielte alles Leben den Atem an. Die Lust über der trockenen, dürstenden Erde liegt schwer über Mensch und Tier und über den Bäumen, die unbeweglich dastehen, als wären sie Pappkulissen.
Renz hat lange mitten im Hof gestanden, die
Im Vorbefehl stand: Unterbringung auf dem Uebungsplatz behelfsmäßig. Mannschaften teilweise in Pferdeställen. Pferde außerhalb des Lagers in Zelten. Dazu tarnen die sonstigen Nachrichten: tiefer Sand, Sumpf, zu den Uebungen lange Anmarschwege. Das waren also erfreuliche Nachrichten.
Und wie war es, als wir dann auf dem Bahnhof Zossen ankamen? Ein unfreundlicher Morgen auf einem unfreundlichen Güterbahnhof. (Güterbahnhöfe find immer unfreundlich.) Dazu stand das Vorkommando mit netten Nachrichten da: „Die III./9 ist in Ställen untergebracht ... Im Lager ist es trostlos ... Und die Ställe liegen weit außerhalb. Die beiden letzten Tage hat es in Strömen gegossen, und wir haben mit der Lagerfeuerwehr zusammen die ganze Nacht zu tun gehabt, um aus den Stallzelten das Wasser herauszupumpen und Gräben zu ziehen." Na, das waren ja gute Aussichten!
Und wie war es denn wirklich? Also die Unterbringung in Ställen stimmte, aber in den Ställen, in denen seit dem Kriege wahrscheinlich nie mehr Pferde gestanden hatten, erinnerten nur noch die Standpfosten und die Futterbänke an den früheren Zweck. Im übrigen war alles d a, was für den deutschen Soldaten im Lager „zuständig" ist: Betten, Spinde, Tische, Schemel.
Wo ist der Kan. Schulze? — Im 3. Berittl Und Unteroffizier Maier? — Der hat eine Einzelboxe. Wenn schon Stall, dann also auch Stalleinteilung! Ganz Ausgezeichnete durften extra wohnen: im Geschäftszimmer oder in Burschenstuben der Offiziersgebäude. Das war natürlich fabelhaft, aber nicht etwa wegen der Unterbringung, denn die war auch nicht komfortabler, dafür aber war man weit ab von Schuß, d. h. von der Einheit und von der dauernden Aufsicht durch die pp. Unteroffiziere.
Und mit den Stallzelten war es auch nicht so schlimm. Der Regen horte nämlich auf, und es gab kein Hochwasser mehr. Allerdings brannte dann die Sonne entsetzlich auf die Zeltdächer, und es erforderte viele Versuche, bis ein Entlüftungssystem geschaffen war, das Kühle in diese „luftigen" Bauten brachte. Die Umgebung der Zelte allerdings war übel. Die ersten Tage sprang man über unendlich viele Pfützen und stieg durch knöcheltiefen Schlamm, dann trocknete die Sonne den Boden aus — und es wurde noch schlimmer, denn nun stampfte man durch knöcheltiefen Staubsand, gehetzt von den vielen Fliegen. Dann kam mal wieder Regen. Also viele Pfützen und Schlamm. Dann kam Sonne. Dann gingen die Pfützen weg, und der Staub kam. Dann wieder Regen und ... (siehe oben)!
Das Lager selbst hatte freilich nicht die Annehmlichkeiten unserer Garnison. Doch konnte man auch da leben. Was sollten denn da die „Schwarzen , die Panzerschützen, sagen? Und wie viel Neues gab es da zu sehen und kennenzulernen! Da waren zunächst Die Panzerwagen. Wer hatte die schon vorher einmal gesehen? Wer hatte gar schon einmal drin gesessen? Es soll Kameraden gegeben haben, die nach einer Gastfahrt in einem kleinen Tank gesagt haben: Lieber täglich vier Pferde putzen, als Panzersoldat sein. Sollten sie etwa bei einer Wendung zu sehr an die ungepolsterte Wand der „Limousine" geflogen sein? Dann gab es da schwere Artillerie, von der jeder schon gehört, die die Jungen aber noch nie gesehen hatten, oder die Beobachtungsabteilung (das sollen auch Artilleristen sein? Die schießen ja gar nicht!) mit ihren vielen Fahrzeugen und Instrumenten. Wie stolz fuhren die „Motorisierten" in den ersten Tagen an unseren — nur bespannten — Batterien vorüber. Und wie neidisch war da mancher von uns. fyat aber einmal einer einen Soldaten der motorisierten schweren Abteilung gesehen, wenn er nach langem Marsch, ein Wagen immer im Staub des vorherigen, ins Lager zurückkehrte? Wie schon es gewesen war, konnte man genau aus ihrem Gesicht oder besser aus der Dreckkruste, die auf dem Gesicht lag, ablesen, Da merkten unsere Männer, daß jede Waffe und jede Fortbewegungsart (Laufen
Pfeife im Mund, die Hände in den ausgerissenen Hosentaschen. Dann ist er in den Stall zu den Tieren gegangen, um sie zu beruhigen. Aber es hat wenig genützt. Schließlich hat er sich auf die Bank neben der Stalltür gesetzt, die Ellenbogen auf die Knie gestemmt und mit seiner brüchigen Stimme vor sich hingesummt.
Er summt, weil er sich selbst beweisen will, daß ihn die Spannung da draußen, dies Atemanhalten der Natur nichts angeht. Hat es ihn nicht schon in viel schlimmeren Wettern herumgetrieben? Hat er nicht schon Wirbelstürme und Erdbeben miterlebt? Hat er nicht schon Vulkanausbrüche gesehen und gewußt, daß sie kommen würden und darauf gewartet, wie hier die Menschen auf dies harmlose Berggewitter warten?
Nein, ihn trifft das hier nicht, ihn, als Einzigen, nicht! Und wenn ihm dennoch das Herz wie ein Stein in der Brust sitzt, so hat das andere Grüyde. Sabine ist die Ursache. Nur Sabine. Warum geht sie ihm neuerdings aus dem Weg? Was hat er ihr getan? Warum fürchtet sie sich plötzlich vor ihm? Oder — steht sie schon so sehr unter Michailows Einfluß, daß sie ihm zuliebe ihn meidet? Und was für ein Interesse hat Michailow daran, das Mädel von jeder Berührung mit ihm, dem Knecht, zurückzuhalten? Ist er eifersüchtig? Oder fürchtet er, der Knecht Renz könne zuviel erfahren, zuviel sehen und hören und im entscheidenden Augenblick störend dazwischen treten?
2ch muß vorsichtiger werden, denkt Renz. Ich muß meine Augen besser hüten. Und wenn es ernst wird, muß ich mir Hilfstruppen suchen. Aber wen? Lyk? Er wirbt ja auch um Sabine, wenn er es auch viel vorsichtiger und diplomattscher anfängt als Michailow. Oder Frau Neumann? Nein, sie kommt ja zu wenig aus ihrer Küche heraus. Oder — — Renz setzt sich auf und nimmt betroffen die Pfeife aus dem Mund: soll er ein Bündnis schließen mit der schönen Irina aus der Villa Caselli? Dieser angeblichen Kusine Michailows? Streift sie nicht ohnehin schon immer ums Gut herum und spioniert hinter Michailow her? Sie wird eifer- süchtig sein. Sie wird ahnen, was im Gange ist. Ader wie kommt man an sie heran? Wie fängt man sie?
Renz lacht: Oh, er hat schon schwierigeres Wild gefangen. Und wenn er seine Verbündete so weit hat, daß sie vorstößt, müssen zugleich auch Sabine die Augen geöffnet werden über diesen Michailow. Aber wie? Zwar geht viel Gerede über ihn um, aber nichts, wo man einhaken konnte. Oder doch? Wie war das denn, diese sonderbare Geschichte im Herbst? Da soll gleich nach der Kontrollkommission
ein fremder Fuchser erschienen sein und soll einen angeblich kranken Fuchs mitgenommen haben. Dieser Fuchs ist nie wieder zurückgekehrt, sondern in der Klinik „eingegangen". Und von den Jungfüchsen des letzten Jahres sollen auch so viele -eingegangen sein, heißt es. Wenn er das nun einmal überprüfte, wenn er ...
Da klopft ihm plötzlich jemand auf die Schulter. Es ist Lyk. „Da bist du!" sagt er leise.
Renz gibt keine Antwort.
„Wenn es nur bald losbrechen wollte", beginnt Lyk nach einer Weile.
Renz zuckt die Achseln.
Lyk macht eine Bewegung, als verjage er eine lästige Fliege, dann zieht er hastig an seiner Zigarre, so daß sie für Sekunden ausleuchtet.
Schließlich fragt Renz: „Du hast mich wohl gesucht? Ist was los?"
„Los? Nein, los ist gar nichts. Das heißt: ich muß mit dir reden. Nick."
„Ich heiße Renz — wenn ich dich daran erinnern darf."
„Also dann Renz. Ja, ich muß leider mit dir reden."
Renz zeigt keine Erregung.
Lyk dreht sich noch einmal nach dem Himmel um, der ihn nicht weniger bedrängt als die dumpfe Luft im Stall. Aber immerhin, hier ist man allein.
„Die Sache ist die: mir ist aufgefallen, daß du zu sehr hinter Sabine her bist. Wenn sie über den Hof geht, starrst du sie an, wie das neunte Weltwunder; und wenn du sie sprechen horst, hältst du wie verzaubert in der Arbeit inne. Ich verstehe ja, die ganze Situation ist noch ein bißchen schwierig für dich. Aber sie ist es für uns alle. Und wir müssen uns alle sehr zusammennehmen. Mir erstarrt auch noch manchmal das Blut in den Adern, wenn Sabine eine Bewegung macht, daß man meint, man hat Susanne vor sich. Und ich muß auch an mich halten, um ihr nicht zu verraten, um wie vieles ich mich — durch Susanne — ihr näher fühle, als sie sich mir. Aber ich halte eben an mich! Während du dich gehen läßt. Nick. Die Nervosität, die das Mädel manchmal befällt, beweist es. Mitten im Reden und Lachen blickt sie manchmal ganz ängstlich, als ob sie sich nicht aanz sicher fühle. Ich glaube: Daran bist du schuld!^
Renz' Stimme klingt, als habe er erst eine Riesenfast beiseite schieben müssen, um überhaupt sprechen ZU können: „Wer hat dir das gesagt, Albert?"
„Gesagt? Niemand! Warum sollte mir das jemand gesagt haben? Ich seh's doch mit meinen eigenen Augen. Und übrigens — bestätigt hat mir’s Michailow. Gerade heute abend war er bei
mir. Und wenn ich auch berücksichtige, daß zwischen euch beiden vom ersten Tag an eine merkwürdige Antipathie gewesen ist, so bleiben doch die Tatsachen bestehen. Hast du nötig, hinter Sabine her- ^uschleichen, wenn sie schwimmen geht? Und mußt Du immer in der Nähe fein, wenn Sabine Reitstunde hat, oder wenn sie hilft, die Füchse zu füttern?"
In diesem Augenblick wetterleuchtet es zum ersten- mal. Für den Bruchteil einer Sekunde stehen die beiden Männer im hellsten Licht, es genügt, daß Lyk des anderen geballte Fäuste und die arbeitenden Kinnbacken sieht und daß Renz' Blick Lyks überhellen, kalten Augen begegnet. Dann ist es wieder dunkel.
„Du Narr", sagt Renz grob. „Daß Michailow selbst von früh bis spät nichts anderes mehr tut, als hinter Sabine her fein und ihn schöntut, das ist deinem Scharftinn wohl entgangen? Oder hältst du mich für gefährlicher? Wie?"
Lyk schweigt eine Weile. Das Stroh knistert unter seinen Füßen. „Natürlich halte ich dich für gefährlicher", gibt er dann zu. „Die Sache mit Michailow ist ein harmloser Flirt, wie jedes junge Mädel ihn hat und braucht — schon aus Gründen der Selbstbestätigung, weißt du. Das läßt sich jeden Tag abbiegen, denn das Mädel schwankt in seinem Urteil über Michailow außerordentlich hin und her. Aber du — du gefährdest ihren Seelenfrieden, verstehst du? — Deine Augen, deren Ausdruck sie wahrscheinlich vollkommen falsch deutet, dein ganzes finster-verstecktes Benehmen, dies Hinter-ihr-her- gaffen muß sie doch beunruhigen! Und es fängt auch schon an, sie zu beunruhigen, ich habe das —"
Ein zweites Wetterleuchten unterbricht ihn.
Renz lacht wütend auf: „Alles nicht wahr, alles erfunden und übertrieben! Ich kümmere mich wenig genug um Sabine. Aber wenn Ihr sie mutterseelenallein im eiskalten Wasser baden laßt, oder wenn Michailow sie mit seinem verfluchten Reit- unterricht in Lebensgefahr bringt, und es paßt sonst keiner auf, so muß eben ich aufpassen! Das werde ich auch weiterhin tun, und jeder vernünftige Mensch würde es an meiner Stelle tun; ich glaube sogar, auch jeder, der nicht zufällig ihr Vater, sondern wirklich nur ein Knecht auf dem Hof wäre, täte es!"
„Willst du mir vielleicht vorwerfen, daß ich mich nicht genug um das Mädel kümmere?"
Renz lacht lautlos: „Nein, das nicht. Aber du kümmerst dich nur um das, was dir Spaß macht."
„Du bist verrückt. Nick. Soll ich vielleicht für Sabine eine Kinderfrau anstellen?"
Fortsetzung folgt.


