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mehr als 10 000 Reichsmark nach In gewissem Um­fang am Vorteil der gesenkten Meßzahl teilhaben. Der Vorteil mindert sich mit zunehmender Betriebs­größe, bei landwirtschaftlichen Großbetrieben ist er praktisch bedeuklmgslos

Die Durchführungsverordnung bestimmt weiter­hin. daß bei Bauland in jedem Falle die Meß­zahl 1 0 v. T. gilt. Gehört also zu einem etwa an der Stadtgrenze gelegenen Bauernhof eine Bau- landparzelle, so ist auf den Wert dieser Parzelle nicht die ermäßigte, sondern die regelmäßige Meß­zahl anzuwenden.

Beispiel:

Zu einem Bauernhof an der Stadtgrenze mit einem Einheitswert von 12 000 RM. gehört eine mit dem gemeinen Wert von 3000 RM. gesondert bewertete Baulandparzelle. Folgende Meßzahlen

sind daun anzuwenden:

1. Auf die Bauparzelle, Einheitswert 3000 RM., die Meßzahl 10 o. T. = Meßbetrag..........30 RM.

2. Auf den Bauernhof, Einheitswert

12 000 RM., sind anzuwenden:

auf die ersten 10 000 RM. Meß­

zahl 8 o.T...........80 RM.

auf die verbleibenden 2000 RM.

Meßzahl 10 v. T........20 RM.

Für die Bauparzelle erhält der Bauer also einen Steuermeßbescheid über 30 RM. Meßbetrag, für den Bauerhof einen solchen über 100 RM. Meß­betrag. Bon diesen Meßbeträgen erhebt die Ge­meinde die von ihr im Rahmen der gesetzlichen Be- arenzungen benötigten Hebesätze, die unter­schiedlich hoch sein können. Erhebt die Gemeinde beispielsweise für die Landwirtschaft einen Satz von 120 d. 5). und für Bauland einen solchen von 150 v. H., so zahlt unser Bauer für die Parzelle (150 v. H. mal 30 RM.) 45 RM. Grundsteuer und für den Hof (120 o. H. mal 100 RM.) 120 RM. Grund­steuer im Jahr. H. F.

Oie Slowaken.

Don unserem ac.-Äerichierstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Budapest, Juni 1937

In seinem BucheDie Weltrevolution" schreibt der frühere tschechoslowakische Staatspräsident Tho­mas G. M a s a r y k zu der sogenannten Pittsbur­ger Deklaration vom 30. Juni 1918, durch die der Zusammenschluß des slowakischen Volkes mit den Tschechen grundsätzlich fest­gelegt wurde, offenherzig:Ich unterzeichnete das Abkommen (das tschechoslowakische Abkommen, nicht Vertrag!) zwischen Slowaken und ameri­kanischen Tschechen. Dieses Abkommen wurde zur Beruhigung einer kleinen slowakischen Fraktion ge­schlossen, die von einer weiß Gott was für einer Selbständigkeit der Slowaken träumte. Ich unter­schrieb ohne Zögern, weil es eine lokale Ab­machung der amerikanischen Tschechen und Slowa­ken war." Hatte man tschechischerseits von Anfang an den Slowaken vorgegaukelt, daß sie in völ­liger Gleichberechtigung zusammen mit den Tschechen einen gemeinsamen Staat bilden soll­ten, so hatte, wie diese Worte Masaryks zeigen, der erste tschechoslowakische Staatspräsident von An­fang an nur die Absicht, diesesAbkommen", das er selber nicht Vertrag nennen will, nur als ein Papier anzusehen, das für die Tschechen keine wei- teren Verbindlichkeiten bedeute. Schon damals be­gann im Grunde der Konflikt zwischen Tschechen und Slowaken, der bis zum heutigen Tage den tschechoslowakischen Staat bedroht und der beson­ders in der letzten Zeit immer schärfer und für die Staatseinheit immer gefährlicher wird.

Bereits damals, unmittelbar nach Bekanntwerden jener Pittsburger Deklaration, die als der eigent­liche Ausgangspunkt für die Entstehung des tschecho­slowakischen Staates anzusehen ist, legte das slo­wakische Volk schärfste Verwahrung ein gegen diese Vergewaltigung, gegen die drohende Hege­

monie der Tschechen. Bereits im Frühjahr 1919 fand die unter dem slowakischen Volke herrschende Empörung ihren Ausdruck in einem Memoran­dum der Slowaken an die alliierten Regierungen, die noch die Diktatverträge vorbereiteten. In diesem Memorandum heißt es bezeichnenderweise:Noch niemals hat sich ein Volk in seinen Hoffnungen so grausam getäuscht, wie die slowakische Nation Statt die uns versprochene Freiheit zu erlangen, sind wir neuer Knechtschaft zum Opfer gefal­len. An Stelle der slowakischen Autonomie er­hielten wir die tschechische Herrschaft .. Die Slowakei ist jetzt eine Kolonie der Tschechen und wird als solche behandelt. Der größte Teil der Tschechen kommt in die Slowakei wie in ein er­obertes Land. Auf Kosten der Slowaken trachtet der Tscheche möglichst großen Nutzen zu ziehen. Nun steht die Absicht klar vor uns: man will uns tschechi- fieren. Wir verlangen politische Autonomie und ein slowakisches Nationalparlament. Wir bitten, uns als eine von den Tschechen verschiedene Minderheit zu betrachten." Und an anderer Stelle in diesem Me­morandum heißt es:Die Tschechen und Slowaken sind .Brüder', die sich niemals gesehen haben. Cha­rakter und Gesinnungsart dieser beiden Nationen sind grundverschieden. Eine tschechoslowaki­sche Nation gibt es nicht. Wir sind Slo­waken und wollen es auch immer bleiben. Die Identifizierung der Slowaken mit den Tschechen ist ein Mystifikation. Es liegt im Interesse der Erhal­tung des europäischen Friedens, die Slowaken von der Hegemonie der Tschechen zu befreien."

Obwohl dieses Memorandum Wort für Wort die wahre Stimmung des slowakischen Volkes wider­spiegelte, fanden doch die slowakischen Proteste bei den Friedensverhandlungen kein Gehör, und der tschechoslowakische Staat wurde in seiner heutigen Form endgültig konstituiert. Wie in vielen anderen Fragen, so erwies sich aber sehr bald auch hier die Politik der Siegermächte als gefährlich kurzsichtig und als verhängnisvoll. War doch mit dieser Ver- aewaltigung der Slowaken der Keim des Un­friedens und der Unzufriedenheit in dieses neue Staatsgebilde gelegt. Und tatsächlich ist ja die junge Geschichte des tschechoslowakischen Staates eine ein­zige Kette von gegenseitigen Anfeindungen, von Kämpfen und Protesten der Slowaken und von bru­talen Unterdrückungsmaßnahmen der Tschechen. So sah man sich denn auch sehr bald getäuscht, wenn man angenommen hatte, daß vielleicht doch mit der Zeit die tschechischen Machthaber ein Einsehen haben würden. Statt dessen wurden die slowakischen Poli­tiker, die für die slowakische Autonomie eintraten, verfolgt und eingekerkert oder sie wurden gezwun­gen, außer Landes zu aehen

Dadurch aber konnte Der slowakische Selbständig­keitswille und konnte das slowakische Nationalbe­wußtsein nicht zerstört werden. Im Gegenteil, je härter der Druck von den Tschechen wurde, um so stärker wurde bei den Slowaken Der Wille zum Widerstand. Und besonders in der letzten Zeit, seit von Prag her die Tschechoslowakei dem Bolsche­wismus als Versuchsfeld überlassen wird, ver­schärft sich der Widerstand des in seinem Kern ge­sunden slowakischen Volkes gegen die tschechischen Be­drücker. Besonders bezeichnend für diese Kampf­stimmung gegenüber Prag ist Die jüngste Auslas­sung eines Der führenDen slowakischen Politiker, Der natürlich aus naheliegenden Gründen nicht genannt sein will, gegenüber dem Mitarbeiter des Budapester nationalen Blattes ..Dirradat". Sie ähnelt in auf­fallender Weise jenem Memorandum des slowaki­schen Volkes an die Pariser Botschafterkonferenz und zeigt klar und deutlich, daß der Widerstands- qeist der Slowaken Prag gegenüber unvermindert fortlebt, ja, daß sogar von neuem ganz konkrete politische Forderungen nach weitgehender staatlicher Selbständigkeit offen ausgesprochen wer­den.

An die Spitze seiner Ausführungen stellt Der slo­wakische Politiker Die Feststellung:Wir Slowaken find keine Nationalität, f o n D e r n ein Volk. Wir finD in Der tschechoslowakischen Repu­blik ein um seine nationale Selbständigkeit kämp- fenbes slawisches Volk Es ist eine nicht zu leug­

nenDe Tatsache, daß das Slowakentum auf Grund Der Erfahrungen Der jüngsten Vergangenheit und auf Grund Der .brüderlichen Umarmung' Der Tschechen zu seinem Nationalbewußtsem erwacht ist" Inter­essant ist Die Feststellung, Daß vor allem Der allge­meine n a t i o na I e G e i st, Der jetzt Die Welt überflutet, zweifellos Den Sieg Des slowakischen NationalgeDankens näherbringe. UnD Dann folgen heftige Anklagen gegen Die Tschechen:Unser Schick­sal ist heute Das schlimmste unter allen europäischen Nationen. Das slowakische Volk ist ein unter­schlagenes Volk. Wir wissen, Daß fünf Millio­nen Slowaken auf Der ErDe leben, Die Hälfte Davon in Der Slowakei, Die anDeren in Der ganzen Welt verstreut. Die Theorie Der sogenannten tschecho­slowakischen Nation läßt Den wirklichen Zustand der Slowakei nicht deutlich in Erscheinung treten." Und Dann werden Töne angeschlagen, die nicht nach Ver­zweiflung und Resignation klingen, wenn es in den Aeußerungen Des erwähnten slowakischen Politikers heißt:Bei Den nächsten großen AenDerungen roirD Die slowakische Frage als bedeutsame europäische Frage auftauchen. Sind wir doch eine wirkliche K o- lonie des tschechischen Imperialismus, und zwar in jeder Beziehung unseres Staatslebens. Aber unsere Auferstehung wird Dann kommen, wenn Die heterogenen Kräfte in tschechoslowakischen Staate Diesen zersprengen werDen Die Zeit arbeitet für uns. Schon heute sehen wir: Die Tschechoslowakei ist als Ganzes nicht mehr zu retten. Aber Der Schlüssel liegt in unserer HanD. UnD wenn Die Tschechen ein­mal in Die Lage kommen sollten, ihren Imperialis­mus schützen zu müssen, Dann roirD es um sie ge­schehen sein." Zum Schluß aber kommt Dann Die

ganz konkrete Forderung:Der slowakische Natio­nalismus kämpft für Den freien felbflän» D i g e n Staat und er ist auch bereit, Dafür Opfer zu bringen. Das ist Das eigentliche revolutionäre Programm Des nationalen Slowakentums Nur we­nige haben Dies bisher klar und offen ausgespro­chen. Viele aber Denken so. Wie wir aber verfah­ren müssen, Das haben wir ja von Den Tsche­chen selber gelernt, Die uns gezeigt haben, wie man ein solchesNationalitätengebilDe zerschlägt." In seinen Schlußsätzen skizziert Dann Der slowa­kische Politiker Das Verhältnis einer felbftänDigen Slowakei zu Ungarn und zum Donauraum unD stellt Dabei fest, Daß ein selbständiger slowakischer Staat selbstverständlich gerne an der friedlichen Aufbau­arbeit im Donauraume teilnehmen wolle und daß er besonders mit Ungarn in gutem nach­barlichem Verhältnis leben-wolle.

Soweit die Auslassung jenes ungenannt sein wol­lenden slowakischen Politikers. Man sieht eine auf­fallende Aehnlichkeit mit Den Auffassungen, wie sie schon vor nun fast zwanzig Jahren Die Sprecher Des slowakischen Volkes zum AusDruck brachten. Aus Dieser Aehnlichkeit aber ergibt sich Die Tatsache, daß es Die Prager Machthaber nicht verstanden haben, in Diesen zwei Jahrzehnten Die Gegensätze von da­mals zu überbrüden und die Slowaken zu positiver Mitarbeit am Staate heranzuziehen. Besonders be­merkenswert aber scheint es, daß gerade jetzt in diesen Tagen, in denen so viel über eine Befrie­dung des Donauraumes und über eine Neuordnung in Mitteleuropa gesprochen wird, jene nationalen slowakischen Kreise so eindringlich ihre Stimme er­heben.

Skizzen ans Frankreich.

Don Dr. Paul Rohrbach.

II.

Die pariser Weltausstellung.

Die Ausstellung heißt offiziellK u n ft und Technik im Leben der Gegenwart". Sie nimmt einen Flächenraum von ungefähr hundert Hektaren ein, und wenn man sie ihrer größten Ausdehnung nach in Die Länge unD Breite Durch­messen will, so hat man in Der einen Richtung fünf, in Der anDeren zwei Kilometer zu gehen.

Zroeiundvierzig fremde Nationen und einunddrel- ßig französische Sondergebiete haben ihre Gebäude errichtet. Dazu kommen die großen Bauten, die, wie der Eiffelturm und das sogenannte Grand-Palais, schon früher zum Bestanb des monumentalen Paris gehörten, oder, wie dieMuseen der modernen Kunst", zwar im Hinblick auf ine Ausstellung, aber zur dauernden Erhaltung errichtet sind.

Es ist viel Darüber gereDet unD geschrieben wor­ben, Daß Die Ausstellung nicht zum offiziellen (Er­öffnungstermin fertig war. Fertig ist sie auch heute

Die Besucher Der Pariser Weltausstellung können sich mit Diesen Rollstühlen Durch die weitläufigen Anlagen fahren lassen. (Scherl-BilDerdienst-M.)

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Aus Dem Reiche memerArbeit.

Don Hermann Stehr.

Wir Menschen werDen alle von Dem gleichen Rhythmus getragen unD bewegt, Der in Der Natur pulst, Den wir in Den physikalischen Gesetzen er- kenntnismäßia Deuten unD Der in Den Sonnen und Sternen herrscht. Er bringt Geburt unD ToD unD ist selbst nicht beherrschbar. Seine Wirkungen reichen bis in Das unendlich anDers moDulierte Ge­biet Des individuellen Lebensablaufs und Bewußt­seins, und nur Diejenigen werDen recht leben unD sich entwickeln, Die sich in allem nach feinen geheim­nisvoll göttlichen Nötigungen richten, wenngleich Das Recht und Die Rechte Des einen nicht mit Denen Des anDern gleichartig finD. In jeDem Kinde, Jüng­ling, Mann und Greis finD feine Formgebungen anders, trotzdem ihr Inhalt immer derselbe ist.

Immer hat mich diese innere Gebundenheit, Die Die göttliche Freiheit unD Souveränität ist, getragen unD im letzten bestimmt.Sollen, müssen, Dürfen, wollen" laufen Dann nicht gegen-, sonDern inein­ander, sind nicht verschieden, sondern eins. Erfolg macht bann nicht übermütig, Enttäuschung nicht mutlos.

In Den frühen Jahren meines Dichterischen Schaf­fens, sie schließen mit Dem 36. Lebensjahr ab, war ich ein Nachtarbeiter. Wenn ich es mir heute Deute, so brauchte ich Damals wegen Der Lebensüberlastung Die Parteilichkeit, Vergiftung, Den tausenDsälttgen Wirbel Des Tages, Die LeiDenschaft Des Verteidigers feiner Existenz zur gewaltsamen, oft gewalttätigen Sammlung. Ich habe neben meiner ernst erfüllten Berufspflicht als Lehrer jahrelang meist bis gegen vier Uhr morgens gearbeitet in Der Ueberzeugung, Daß ich mich unweigerlich töten müsse, wenn mir Das Werk nicht gelinge. Das mich eben unentrinn­bar gefangen genommen hatte.

Dann, ich will es kurz so ausbrücfen, änDerte sich Der Pendelschwung meines Wesens, unD ich floh Das enge Licht Der Lampe, Deren Helle mich in Die Nacht sperrte. Der Schlaf entfesselt, Der Morgen ist freier, Das allhinreichenDe Licht Des Tages ist Der tiefe, gelassene, sieghafte Sinn seiner selbst. Ich wurde zum Tagaroeiter nach der Nötigung des inneren Formwandels meines Wesens und bin es geblieben bis auf den heutigen Tag, dergestalt, Daß meine Schaffenszeit nunmehr nur in Den Vor- mittagsstunden liegt.

An ein Leistungsprogramm binde ich mich nicht, sondern arbeite, solange meine Spannung reicht, solange ich noch deutlich und scharf alles sehe, höre mit) erlebe, was ich schreibe. Am Nachmittag mach ich stundenlange, einsame Waldspaziergänge. Kom- posi.'ionssch'vierigkeiten löse ich gleichsam mit Den Beinen Immer ist Die Arbeit in mir lebenDig, Doch vermeide ich strikt, an sie zu Denken. Aber unver­sehens ist Die Entwirrung Da.

Neue Menschen nützen mir nichts. Rauschmittel stören mich. Dann und wann eine Zigarette bei Der Arbeit, einmal mehr, Das anDere Mal weniger, kann ich kaum entbehren. Ohne tiefen, ausreichen- Den Schlaf, mit Dem ich gesegnet bin, wäre es mit meiner Arbeit überhaupt vorbei.

Lange bevor ich von meinem Werk irgenD etwas sehe ober weiß, merke ich an einer großen Unruhe unD Reizbarkeit, Dem gesteigerten Bebürfnis nach Einsamkeit oDer tollen Extravaganzen unD anderem, daß ein Neues sich in mir vorbereitet. Es kommt mir immer näher, steht in mir, aber roie hinter einer Wand oder einem Schleier; ich höre reden und verstehe nicht, merke sein Leben und sehe es nicht; eine peinigende Unruhe, so trage ich es lange umher. Es ist mir, als wüßte die Welt der Men­schen und Natur das Geheimnisvolle, Das ich ihr aber nicht abjagen kann. Plötzlich, Durch Die Ge­stalt einer Person, Das Wort eines zufällig Vor- übergehenDen, Den Ton eines LieDes, Durch irgenD etwas Nebensächliches, zerreißt Der Schleier, unD mich überfällt Das Werk in seiner markantesten Szene, meist in seinem Endereignis. Das sieht mein Auge ganz Deutlich, mit allen Einzelheiten, ich sehe, höre alles ganz körperlich. Nach und nach steigen Da unD Dort, wie Spitzen eines nebelzerstückelten Bergzuges, aus Dem Zusammenhang gerissene Szenen auf, ebenso Deutlich unD merklich wie Die erste; unD Durch ein Bewußtsein, Das hinter oDer unter Gewöhnlichem schläft, ahne ich Den Zusam­menhang, von Dem mir jeboch nichts sicher ist als sein gewisses Vorhandensein. Las sind Die StunDen Der Empfängnis, Denen kein Glück auf ErDen zu vergleichen ist.

Aber immer schwebt noch alles jenseits Der ErDe, unD ich kann Den Zugang nicht finden, bis sich mir einmal Das Tor von selbst öffnet. Dann Dringe ich vor, im Rücken wissenDe Augen, Die mir über Die Schulter sehen, ich Dringe vor an einer unsichtbaren, sicheren Hand. Es ist, als ließe sich jene Welt nieder auf diese Erde, bekannte Häuser, Menschen, Aether, alles in ein noch nie gesehenes Licht tauchend, das ein mir bis dahin Verborgenes an jedem offenbart. Alles Leben in meinen Werken spielt sich, während ich schreibe, wirklich um mich ab.

Die Männer gehen ourch die Stube, daß es dröhnt, rufen, daß ich erschrecke, die Leute meinen 3um Erbarmen, lachen, daß mir das Herz aufgeht. Oft stehe ich so im Bann einer Person, daß ihr Wesen das meinige auf einige Zeit unterjocht. Dann bin ich verwandelt und habe zur Verwunderung meiner Umgebung ganz neue Manieren, Redeweisen unb Anschauungen. Mein Wort redet und spielt in mir oft mitten in der Gesellschaft, Dann kann nie- manD mehr etwas mit mir anfangen; ich bin ab­wesend. Jedes Wort bringt seine Idee mit sich, und ich erkenne, wie sie mir fortschreitend alles offenbart

So entsteht mein Werk; so entstehen Die Men­schen meines Werkes.

Brauibriefe nach 33 Jahren.

Erinnerung an Andrees polflug 1897.

Am 11. Juli vor vierzig Jahren begann eine Der furchtbarsten Forichertragöbien Des 19. Jahrhun­derts. Der fchweoische Ingenieur Andree ver­suchte als erster, Den Nordpol auf Dem Luftwege zu erreichen. Obwohl man Damals noch nichts von Flugzeugen oder lenkbaren Luftschiffen wußte, war sein Unternehmen doch kein leichtfertiges Abenteuer. Andree hatte einen Ballon konstruiert mit Segeln und langen Schleppseilen, Die als Steuerung Dienen sollten. Nach vielen Proben gab er am Morgen Des 11. Juli 1897 das kurze Kommando:Alles kappen!" Die Haltetaue mürben Durchschnitten, Der BallonADler" stieg aus Dem hohen Holzschuppen in der Bai auf Spitzbergen auf, um AnDr 6 e unD seine beiDen Gefährten Niels StrinDberg unD E. Fränkel zum Pol zu bringen. Doch Der Flug währte nur Drei Tage. Schon am 14. Juli ging Der Ballon auf Das Treibeis nieDer: von Den ausgesanb- ten Brieftauben kehrten einige roieDer zurück. Da Der Polarwinter heranrückte, unterbrachen Die Drei Forscher ihre ToDeswanDerung nach Franz-Josephs- Lanb, Das sie niemals erreichten, unD errichteten in Der weißen Weite eine Eishütte. Am 5. Oktober zerstörte eine Eispressung Das Winterquartier, sie flüchteten auf Das Gletscherufer Der Insel Vitö, wo sie noch zwei Wochen Dem Hunger unD Den Schnee­stürmen trotzten. Nach 33 Jahren fanD eine nor­wegische Expedition unter Führung von Dr. Gun­nar Horn die Drei Gefährten bei Den Ueberreften ihres Lagers. Neben Den Drei Toten lag Die Ka­mera AnDrees, Die BilDer ließen sich noch ent­wickeln unD ergänzten Die letzten Aufzeichnungen Der Forscher, Deren wichtigste leiDer nicht mehr zu ent­ziffern waren.

Doch noch etwas fanD man in einer wasserDichten Kiste verpackt: Die Briese Des Niels StrinDberg an seine Braut. Wie Diese noch gut erhaltenen Briefe nach 33 Jahren Die Frau, an Die sie gerichtet finD, erreichen, Das klingt beinahe wie eine alte ro­mantische Sage, Die kaum glaubhaft erscheint, unD dennoch wahr ist. Anna Charlier, so hieß die Braut Strinbbergs, war 1897 mit ihrem Bräuti­gam nach Gotenburg gefahren, wo die letzten Vor­bereitungen getroffen wurden. Hier nahm sie schwe­ren Herzens Abschied von ihm und sah ihn wenige Tage später nach Spitzbergen hinausfahren, wo der Polflug begann, vielleicht zu großen Ehren und Weltruhm, vielleicht aber auch ... Sie hatten sich erst ein Jahr zuvor kennengelernt auf einem alten schwedischen Gutshofe, wo er Hauslehrer gewesen war. Die Zeit ging hin, die Verlobte wartete. Von Spitzbergen kam noch ein Brief und eine Aufnahme von den Aufbruchsarbeiten. Dann startete der Adler" in dieschweigende uferlose weiße Weite". Die Braut wartete, hörte nicht auf die düsteren Ah­

nungen der Anderen und erhielt nach Wochen einen Brief von Niels; eine Brieftaube hatte vomAdler" Den Weg gefunden über Das Polarmeer, über Das (Eisgebirge Des skanbinavischen NorDlanDs unD über Die Dunklen schweDischen WälDer. Dieser Gruß blieb Der letzte.

Anna Charlier wartete Wochen, Monate, Jahre, ein Jahrzehnt unD folgte Dann einem Lehrer, Der mit ihr in einer kleinen amerikanischen Stabt ein stilles, bescheibenes Heim grünDete. Sie bewahrte alle Erinnerungen an Niels auf, Die letzten Briefe, Das BilD, Den allerletzten Gruß unD Die Taube, Die sie liebevoll pflegte unD später, als das Tier starb, ausftopfen ließ.

Jahrzehnte gingen hin. Plötzlich, im Herbst 1930, überkam sie eine große Sehnsucht nach Europa, sie wußte nicht, warum. Etwas Unbestimmtes rief sie nach ihrer Heimat, nach Schweben. Fast wiDer Wil­len äußerte sie ihren Reiseplan unD fuhr nach Stock­holm, um hier als erstes zu erfahren, Daß man so­eben Durch Zufall Die Reste Der Andr6 e - schen Polarexpebition gefunDen habe unD bei Niels StrinDberg mehrere Briefe und Tagebuchblätter an sie. Bald hielt Frau Anna Charlier-Hawtree diese in der Hand und las mit feuchten Augen, was vor einem Menschen­alter an sie gerichtet worden war:

22. Juli 1897 Mitternacht.

Andr6e und Fränkel sind auf die andere Seite Der Eisscholle gegangen, wo Der Schlitten ins Was­ser geraten war. Es ist gelungen, ihn herauszuzie­hen, aber mein Rucksack ist naß geroorben und Dort hatte ich alle BilDer unD Deine Briefe. Es wird mein teuerster Schatz im kommenDen Winter sein."

Viel muß er nachDenken Darüber, was seine Braut roohl Denken roirD, roenn sie im Winter so gar nichts von ihm hört. Am 24. Juli schreibt er, sie hatten Rast gemacht auf Dem Eise, nachbem sie Die Schlitten zehn Stunden mühevoll, geschleppt und gezogen hät­ten. Er sei sehr müde, müsse jedoch noch schnell ein paar Worte mit ihr reden; er denke an ihren fom- menden Geburtstag, es sei eigentlich ja kaum etwas zu befürchten, denn langsam müßten sie ja wieder Heimkommen. Die allerletzten Briefzeilen sind nicht mehr lesbar. Was mag er ihr noch haben sagen wollen? Hat er selbst an eine Heimkehr geglaubt, wollte er sie nur trösten? Wer kann es wissen! Und welche Gedanken mögen die Frau beroegt haben, Die in einem fremden Erdteil ihre neue Heimat ge­funden hatte und die es gerade in diesem Jahre nach Europa, nach Schweden zog, um die Briefe zu erhalten, Die ihr einstiger Verlobter, vor 33 Jah­ren, auf Dem 83 GraD nörDlicher Breite auf einer schwanken Eisscholle bei Kerzenlicht geschrieben hatte. Sie mag an Das alte nordische Runenroort gedacht haben:Der Menschen Wege sind oft hart und ungewiß!" Hans Sturm.