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Ur. 106 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, lll.Mai 1957

Tag der Sanitäiskolonnen in Gießen.

Die Sanitäter und die Samariterinnen sielten ihre Schlagfertigkeit im Oiensie des Deutschen Idolen Kreuzes unter Beweis.

Am gestrigen Sonntag war Gießen, der Ort eines geschlossenen Einsatzes aller im Kreise Gießen be­findlichen Sanitätseinheiten des Deutschen Roten Kreuzes unter Zuziehung der Samariterinnen vom Deutschen Roten Kreuz aus dem Kreise Gießen. Es war eine große Zahl von Männern in der Sani­täteruniform, ebenso eine große Zahl von Sama­riterinnen, die bei dieser Gelegenheit wiederum den vorbildlichen Idealismus und die Selbstlosigkeit ihrer Arbeit im Dienste der Allgemeinheit eindrucks­voll bekundeten. Sie erwarben sich dadurch erneut das Anrecht auf die dankbare Anerkennung aller Volksgenossen, denen die Früchte dieser Arbeit in Fällen von Rot und Gefahr zugute kommen.

Am Vormittag versammelten sich die Sanitäts­mannschaften und die Samariterinnen in der Aula der Universität. Hier weilte als Vertreter des Prä­sidenten des Hessischen Landesmänneroereins vom Roten Kreuz, Staatsrat Reiner, der Landes­kolonnenführer Hauptmann a. D. L o t h e i f e n bereits inmitten der Kameraden und Kameradinnen aus dem Kreise Gießen. Der Vorsitzende des Kreis­männeroereins Gießen vom Deutschen Roten Kreuz, Kreisdirektor Dr. Lotz, lenkte in seiner kurzen Eröffnungsansprache die Gedanken der Männer und Frauen zunächst hin zu den Opfern des furcht­baren Unglücks unseres LuftschiffesHindenburg", derer in würdiger Weise gedacht wurde mit dem Gelöbnis, auch weiterhin alle Kraft einzusetzen für die großen Aufgaben der deutschen Luftschiffahrt. Kreisdirektor Dr. Lotz begrüßte sodann die Ver­sammlung, insbesondere die Vertreter der Partei, des Staates, der Wehrmacht und vieler Behörden. Er betonte weiter die großen Aufgaben und die Dringlichkeit aller Arbeiten des Roten Kreuzes, das immer bereit sein muß, wenn Not am Mann ist und das Leben Wunden schlägt. Unter wärmster Anerkennung des von hohem Idealismus erfüll­ten Wirkens der Sanitäter und der Samariterinnen sprach Kreisdirektor Dr. Lotz allen diesen Helfern des Roten Kreuzes seine aufrichtige Anerkennung und den Dank der Volksgemeinschaft aus. Er ver­band damit den Wunsch, daß auch weiterhin die Arbeit im Dienste des Roten Kreuzes nicht nur bei den Sanitätern und den Samariterinnen, sondern bei allen Volksgenossen wärmste Unterstützung finden möge, damit diese Tätigkeit immer getragen wird von der Einsatzbereitschaft für die großen Aufgaben,

die wir alle im Dienste unseres Volkes in der Ge­folgschaft unseres Führers Adolf Hitler zu erfüllen haben. Freudig brachte man darauf dem Führer Gruß und Treuegelöbnis dar

Kreiskolonnenführer Kratz (Gießen), der auch an der Spitze der Gießener Kolonne steht, gab an­schließend einen Ueberblick über die Aufgaben des Roten Kreuzes, um dadurch die Vorführung eines FilmesDie Sanitäts-Kompanie" einzuleiten. Aus seinen aufschlußreichen Darbietungen ergaben sich für die Zuhörer interessante Erkenntnisse, sowohl hinsichtlich der Organisation, als auch der prakti­schen Arbeit einer Sanitätskompanie und ihrer viel­seitigen Einrichtungen. Wenn auch dem alten Feld­soldaten manches Stück dieser Arbeit der Sanitäter noch in Erinnerung ist, so wurde aber auch ihm klar, daß seit dem Kriege allerlei Veränderungen und Neuerungen im Sanitätsdienst der Truppe Platz gegriffen haben, die zur Steigerung der Schlagfertigkeit und Einsatzbereitschaft der Sani­täter erheblich beitragen. Die Vorführung des Films wurde von den Sanitätern und den Sama­riterinnen mit großem Interesse verfolgt. Leider machte sich jedoch dabei zum Teil ein Mangel in der Wiedergabe in Schrift und Bild bemerkbar.

Den Abschluß der Veranstaltungen am Vormittag bildete ein Vorbeimarsch der Sanitätseinheiten, ein­schließlich der Samariterinnen, vor dem Landes­kolonnenführer L o t h e i s e n , der den Vorbeimarsch vor dem Universitätsgebäude abnahm. Anschlie­ßend fand ein Propagandamarsch durch eine Reihe von Straßen statt, um hierdurch die Aufmerksam­keit der Volksgenossen hinzulenken auf die Arbeit des Roten Kreuzes. Bei beiden Marschveranstal­tungen stellte unsere Freiwillige Feuerwehr durch ihren Spielmannszug die schneidige Marschmusik.

Die Nachmittagsstunden waren einer großen Geländeübung auf dem Trieb in der Nähe des Eulenkopfes gewidmet. Der Hebung lag die An­nahme zugrunde, daß ein gegen Gießen von Osten vorstoßender Feind zurückgeschlagen worden sei und von den eigenen Truppen in ostwärtiger Richtung verfolgt werde. Das Rote Kreuz hatte den Befehl, den nordostwärts gelegenen Teil des Trieb nach Verletzten abzusuchen und nach einem zu errichten­den Verbandsplatz zu bringen, wo erste ärztliche Versorgung erfolgen sollte. Von hier aus Abtrans­

port mit Sanitätsautos nach einem Notlazarett in den Räumen der Liebigshöhe

Etwa von 15 Uhr ab waren die Sanitätsmann­schaften auf demSchlachtfeld" ostwärts vom Eulenkopf mit der Suche nach denVerwundeten" beschäftigt. DieVerwundeten" stellten Männer unseres Gießener Arbeitsdienstlagers dar. Nicht nur die führenden Männer des Roten Kreuzes, sondern auch zahlreiche Beobachter aus dem Kreise der Wehrmacht und der Behörden, sowie andere Ehren­gäste, ferner viele Spaziergänger hatten Gelegen­heit, die Sanitätsmannschaften bei ihrer Arbeit im Gelände zu sehen. Ueberall konnte man dabei die erfreuliche Feststellung machen, d- die Männer vom Roten Kreuz sowohl bei der Suche nach den Verwundeten" als auch bei deren Bergung, bei der ersten Hilfeleistung auf dem Verbandsplatz und beim Transport nach dem Lazarett mit großer Sorgfalt, guter Sachkunde, unermüdlichem Eifer und mit viel Verständnis für die zweckmäßige An­passung an das Gelände und an die Eigenart der Aufgaben am Werk waren. Auch ein im Verlaufe der Hebung markierter Fliegerangriff auf Trage­mannschaften, sowie Entseuchung vonGasgelände" zeigten die Männer vom Roten Kreuz in ihren Leistungen auf der Höhe.

Mittlerweile hatten die Samariterinnen in der außerordentlich kurzen Zeit von etwa zwei Stunden in den Räumen der Liebigshöhe ein Lazarett von Grund auf eingerichtet, das nach jeder Richtung hin als vortrefflich gelungen bezeichnet werden mußte. Auch an dieser Stelle wurde die ausgezeichnete Aus­bildung der Helferinnen überzeugend deutlich. Da­durch erfuhr die Arbeit der Männer im Gelände ihre wirkungsvolle und sachlich einwandfreie Ergänzung.

Im Anschluß an die Hebung und nach Besichtigung des Lazaretts fand die Kritik vor den Sanitätsmann­schaften und den Samariterinnen im Garten der Liebigshöhe statt. Kreiskolonnenführer Kratz sprach dabei vom Gesichtpunkt des Kolonnenführers aus über die Leistungen, Kreiskolonnenarzt Dr. med. Gros betrachtete die Ergebnisse unter ärztlichem Gesichtspunkt, Landeskolonnenführer L o t h e i \ e n sprach dann als aufmerksamer Beobachter aller Vor­gänge im Gelände und als sachverständiger Prüfer des Lazaretts. Zum Schluß sprach Kreisdirektor Dr. Lotz als Vorsitzender des Kreismännervereins Gießen. In allen Ansprachen wurde den Sanitätern

DerVerwundete" wird in das Sanitätsauto gehoben. DieVerwundeten" und die Sanitäter in der Gaszone.

(Aufnahmen [2]: Pfaff Nachf., Gießen.)

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und den Samariterinnen mit Recht volle Anerken­nung für ihre tapfere und tatfreudige Arbeit sowie für ihr zweckmäßiges Handeln und für ihre gute Ausbildung ausgesprochen. Diese wohlverdiente An­erkennung galt auch zugleich als herzlicher Dank der leitenden Männer vom Roten Kreuz an alle ihre Mitarbeiter bis zur letzten Stelle. Hnd dieser Dank war nach jeder Richtung hin am Platze und sehr verdient.

Mit dem Gruß an den Führer und unser schönes Vaterland sand die in allen Teilen wohlgelungene Veranstaltung ihren Abschluß.

Aus -er Stadt Gießen.

Hitler-Zügen- spart für Fahrt und Lager.

Die Einheiten der Hitler-Jugend und des Jung­volks können es auch diesmal kaum erwarten, bis nach den umfangreichen Vorbereitungen die Som­merzeltlager bezogen werden können oder bis die Affen" für die Großfahrt an die Grenze und ins Ausland aufgeschnallt sind. Lager und Fahrt find nun einmal aus der planmäßigen Erziehungsarbeit der Hitler-Jugend nicht mehr wegzudenken. Sie sind Dienst, wie jeder andere Dienst, aber sie dienen bei aller Zucht und Ordnung der Freizeit und Erho­lung in einem Maße, wie es nur der versteht, dem eben selbst dieses Erlebnis zuteil wird.

Hnd auch in diesem Jahre sollen wieder alle Jungen ohne Rücksicht auf den eigenen Geldbeutel oder den ihres Vaters die Kameradschaft der Zelt­lager erleben oder aber die Schönheiten des deut­schen Landes, das Schicksal seiner Grenzen und darüber hinaus auch fremde Völker kennenlernen. Denn erst das gemeinsame Erlebnis und hier ist es das der Freude und der Erholung schmie­det die junge Gemeinschaft.

So" spart denn seit geraumer Zeit schon jeder Pimpf und jeder Hitler-Junge, um von sich selbst aus die Voraussetzung der Teilnahme an den La­gern oder einer Fahrt zu schaffen. Sparmarke auf Sparmarke wird zusammengetragen die Pimpfe wissen schon, wie und woher sie sich jeweils die 50 Pfennige für eine Marke erarbeiten und ver­dienen und voller Stolz wird Seite auf Seite derKdF."-Sparkarte, die jeder Junge im Besitz hat, abgeschlossen. Ja, es ist ein förmlicher Wett­eifer dqrum entstanden, wer zuerst seine Sparkarte mit den Sparmarken angesüllt hat. Gewiß heißt es dann eben mal auf dieses und jenes verzichten, doch für die Teilnahme an dem Sommerzeltlager oder an der Großfahrt ist kein Opfer zu groß. Hnd find 14 Tage Erholung in Luft und Sonne und Tage frohen Erlebens auf Fahrt in unbekannte Gegen­den des Reiches und der angrenzenden Länder nicht schönster Lohn für einen Verzicht, den man an kleinen Dingen aufgebracht hat?

Dornotizen.

Tageskalender.

Stadttheater: 20 bis 22.15 HhrDer Günstling". Gloria-Palast, Seltersweg:Gleisdreieck". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Ein Mädel vom Ballett." Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 16 bis 18 Hhr Ausstellung von Ge­mälden, Aquarellen und Zeichnungen von Lotte Droese. Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Geistlichen im Dekanat Gießen: 18.30 Hhr kirch­liche Kundgebung in der Johanneskirche; 20.30 Hhr in der Stadtkirche; es spricht Landesbischos D. Mei- fer, München.

Sladllheaker Gießen.

Heute abend findet die letzte Wiederholung des großen Erfolges der modernen OperDer Günst­ling" von Rudolf Wagner-Regeny und Caspar Reher statt. Die Erstaufführung hat in Gießen ein sehr lebhaftes Echo gefunden. Musikalische Leitung: Kapellmeister Paul Walter. Spielleitung Wolf­gang Kühne. Leitung der Chöre Kapellmeister Ernst Bräue r. Diese Vorstellung findet als 31.

Fußspuren im Sande der Kurischen Nehrung.

Von Anton Schnack.

Ich habe dort Spuren meines Fußes gelassen lind dabei den ermüdeten, schwerfällig schreitenden Fuß geliebt, der immer und immer wieder einsank, widerstandslos in den leichten, von der Sonne er­hitzten, von der Feuchtigkeit zähen und vom Winde unruhigen Sand, und wenn ich mich nach einer Beile umdrehte, war es ein grausamer Eindruck, gemischt aus Verlassenheit, Derirrtsein, Alleinsein und Schwermut. Ich hatte einen Wolkenberg vor wir, einen riesenhaften Wolkenstock, der wie eine Zunge aus dem Gewölbe des Horizonts aufstieg ! und sich wie ein Baumblatt verbreiterte, in den Lchattenfalten schwarz und dunkelblau gefärbt war, an den Lichtseiten wie ein Fächer triefenden 6il= birs, gezackt, zersägt und zerschnitten war und von b<n Strahlenbündeln der Sonne überirdisch ge­troffen wurde. Das mir unsichtbare offene Meer, wn einem Sturm in Bewegung gehalten, schickte na dumpfes Rauschen über die Sandlandschaft, ein Balladenrauschen, ein Zorn- und Wikingerrauschen, und lief mit mir, grub Rillen in den Sand, schmale Wellenformen, die wie blitzende Ringelnatterleiber dchinstrichen und ein sich ununterbrochen ver­änderndes Sandantlitz bildeten. Dann und wann, Utaut von einem ausgebleichten Kiefernast, einem tiergerippe oder einem Stein aus der Eiszeit, oulfteten sich die Schnüre im Sand zu einer aben­teuerlichen Fratze zusammen, und ich stand davor, um zu enträtseln, was es sei, Menschgesicht oder Vierfigur, Sphinxantlitz oder Teufelsmaske: der Wind spielte unheimlich mit dem Sand.

*

Da der Wind Richtung aus West hatte und nach Open strich, waren die Sandwellen nach dieser Linie gezogen, und ich schaute, über die irdische Vergänglichkeit nachdenkend, zu, wie die ununter­brochene Bewegung über meine breite, schwere Fuß­spur lief, sie zerstörte und unablässig Korn nach Sorn in die Tritthöhle wehte, so daß sie sich lang- latn ausfüllten und immer kleiner und kleiner wür­ben. Waren sie noch von mir? Sie hätten einer nordischen Iphigenie, um den Hals selbstgefundenen Vernstein gehängt, roh und ungeschliffen wie ihn Made der Wind aus hem Sande wehte oder der Sturm aus dem Meere warf, gehören können. Sie Ütten auch von einem östlichen Odysseus sein fön= Her, der Schiff und Gefährten verloren hatte und d-ni die Augen flimmerten und schmerzten von der

Sonnenbrut auf dem Sande, der müde war und zum Niedersinken bereit. Sie hätten von einem Vogelsteller fein können, der an einem Abend im April unter einer ungeheueren Wolke von heim­kehrenden Buchfinken und Rotkehlchen dahinschritt. Denn der monumentale Sandbau war eine große Vogelbrücke. Da stand der Mann vielleicht, aber nicht so ergriffen wie ich, dem eines der heiligsten und unheimlichsten Naturerlebnisse im Frühling und Herbst an die Seele rührte. Oder waren die Spuren im Sande von einem Nehrungsfischer gemacht, der vom Lachsfang oder vom Stintfang kam und mit nackten Zehen über die Düne ging?

Die Spuren paßten zu der landschaftlichen Schwermut, die auf dem Haff-Ufer lag. Mit Aus­wurf war es beloben, mit Tang und Quallen­gallerte, mit Muschelhaufen und bleichem Holz. Da­neben lief eine andere Linie, eine ältere, vor Tagen und Wochen herangeschwemmt. Das war schon ein­getrockneter Tang, verdorrt, brandbraun und ein­geschnurrt. Der rieselnde, wehende, treibende Sand klirrte auf dem harten, messerscharfen Zeug. Die Möwe, die Sturmmöwe, die sich daraus erhob, stieß einen heiseren Schrei aus. Ich war wieder allein mit dem Sand.

Das Bild und das Ehepaar.

Eine Geschichte von Erich Grisar.

Es war seltsam, aber der alte Aufseher der Galerie zu Singestal dachte sich schon lange nichts mehr dabei. Jedes Jahr zu Beginn des Monats Mai kam ein junges Paar in Den holländischen Saal, sah sich den echten Rubens an, der da hing, und das Selbstbildnis des alten Rembrandt. Dann ging es hinüber zum Nebenraum, wo einige Landschaften von Thoma hingen, und wenn es noch eine Weile bei den Romantikern verweilt hatte, ging es in den holländischen Saal zurück und blieb vor einem Bilde von Hals stehen. Jedes Jahr kamen sie, und man konnte den Kalender danach abreißen, so pünktlich waren sie. Auch in diesem Jahre, es war genau der neunte Mai, waren sie gekommen. Aber kaum hatten sie bei den alten Holländern herein­geguckt, da gingen sie auch schon wieder.

Merkwürdig, dachte der Aufseher. Vielleicht haben sie keine Zeit heute?

Aber bas war es nicht.

Der junge Mann ließ seine Frau plötzlich los unb ging auf ben Alten zu. Sagen Sie mal, fragte er, wo ist benn unser Bild hingekommen? »

Ihr Bild? fragte ber Aufseher erstaunt.

Ach so, meinte ber junge Mann, bas können Sie ja natürlich nicht wissen. Ich meine ben alten Nieberlänber, ber hier sonst hing. Wissen Sie, so ein Bild mit einer jungen 5rau darauf unb zwei frabbelnben Kindern unb einem Mann mit der Pfeife dabei.

Ach, Sie meinen den Frans Hals? Ja, der ist weggehängt worden. Der war nicht echt. Der Herr Direktor meint, das wärne Fälschung, steht näm­lich in keinem Buch, daß es so einen Hals gibt.

In diesem Augenblick kam der Direktor selbst durch die Galerie. Er hatte eine Anzahl Bilder um­gehängt und wollte sich überzeugen, ob sie an ihrem neuen Platze wirkten. Wie er an den beiden vorbei kam, hörte er, wie der junge Mann zu seiner Frau sagte:

Schade, jetzt werden wir unser Bild nie mehr sehen.

Welches Bild vermissen Sie denn, wandte er sich sofort an die beiden.

Wieder erklärte der junge Mann, welches Bild er meinte.

So, so, sagte der Direktor, aber er war nun doch neugierig, was die beiden gerade zu diesem Bilde hinsührte.

Warum wollen Sie denn gerade dieses Bild sehen? Wir haben doch soviel andere Bilder hier. Schöne Thomas und auch neue Bilder von Malern aus unserer Stadt. Die Kunst lebt ja nicht nur in einem Bilde.

Der junge Mann wurde verlegen. Er stammelte nur ein kurzes: Ich weiß wohl, aber dieses Bild... dann wandte er sich an die junge Frau neben ihm: Sollen wir es ihm sagen?

Die Frau nickte. Uno dann erzählte er: Also mit d.em Bild hat es seine besondere Bewandnis. Vor diesem Bild haben wir uns nämlich...

... kennengelernt? ergänzte der Direktor.

Nein, sagte der junge Mann, so war es nicht. Wir kannten uns schon lange. Aber wie das so ist. Ich wußte wohl, was ich wollte, und ich wußte auch, daß ich wiedergeliebt wurde, aber das richtige Wort zu finden war nicht fo einfach. Einen Sonn­tag nun, es war genau der neunte Mai, ich ver­gesse es nie, regnete es gerade so sehr, daß wir nicht wußten, wohin wir gehen sollten.

Unb ba kamen Sie zu uns, warf ber Professor kachenb ein.

Ja, wir kamen hierher. Es kostete an jenem Sonntag keinen Eintritt, unb so stauben in allen Sälen Menschen vor ben Silbern. Wir folgten ihnen, unb schließlich stauben wir vorunferm" Bilb. Ja, unb ba lachten uns zwei pausbäckige Kiuber an, unb ich sah bie junge Frau in ihrem

Glück unb den Manu dahinter stehen. Würdig unb froh nach getaner Arbeit, und es war so ein Frie­den in dem Bild, unb es machte so stark dahiu- zuseheu, daß ich sofort all meine Wünsche lebendig werden sah in diesem Bild. Alles, was ich je ge­träumt hatte und mein Glück genannt hatte, sah ich leben darin. Ich sagte zu Helene, meine Frau heißt nämlich Helene: Möchtest du die Frau auf diesem Bilde fein. Und als sie nickte, wußte ich, daß ich ebensogern der Manu auf dem Bilde sein möchte und dann sahen wir uns um, ob auch niemand außer uns im Saale war, und bann gab ich ihr ben ersten Kuß. Unb nachher beschlossen wir zu heiraten.

Unb wie ist es mit ben Kindern?

Die sind auch schon da, sagte der junge Mann unb wurde rot wie ein Mädchen. Es dauerte eine Weile, bis er fortfuhr: Ja, und dann find wir in jedem Jahre, wenn es Mai wurde, hierhergekom­men. Und auch zu anderen Zeiten. Ich hab meiner Frau ja manchesmal, wenn ich nach Hause kam, Blumen mitgebracht, je nach der Zeit, aber am glücklichsten habe ich sie immer gemacht, wenn ich zu ihr sagte: Wir wollen einmal wieder zu unserem .Bilde gehen. Und wenn wir sahen, daß zwei junge Menschen davor standen, sind wir ganz leise weiter­gegangen und haben uns die Bilder in den anderen Räumen angesehen. Und haben so alle Bilder ken­nengelernt; denn es standen oft junge Leute vor unferm Bilde. Nun freilich ...

Und nun tut es Ihnen leib, baß bas Bilb fort ist, ergänzte ber Direktor ben angefangenen Satz.

3a, sagte bie Frau unb brückte ben Arm ihres Mannes an sich.

Nun, nahm ber Direktor wieber bas Wort. Sie finb zu einer unglücklichen Stunbe gekommen. Das Bilb ist im Atelier. Es wirb etwas baran ausge» bessert. Wenn Sie toieberfommen ...

Meinen Sie wirklich? Der Aufseher sagte aber, es wäre eine Fälschung.

Ach, was weiß beim ber Aufseher bavon. Das Bilb ist echt, bas hat sich bewährt.

Am nächsten Tage hing bas Bilb wieber an ber alten Stelle. Nur ein kleines Schilb hing fast un­sichtbar am unteren Raube. Darauf konnte, wer sich bafür interessierte, lesen: Kopie nach einem unbekannten Meister ber niederländischen Schule.

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Professor Dr. Robert Schwarz, Ordinarius für Chemie an der Technischen Hochschule Karls­ruhe, wurde in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Königsberg berufen.