Einzelbild herunterladen

Ranögloffen zur kleinen Zeitgeschichte 33on Ernst von Aiebelfchüh.

In Moskau, wo das mühsame Auffinden und Zertreten der von Trotzki gelegten Dracheneier den Herren im Kreml offenbar noch Zeit läßt, über Fragen der bolschewistischen Etikette nachzudenken, zerbricht man sich augenblicklich schwer den Kopf darüber, in welchem Kostüm man sich bei den Krönunasfeierlichkeiten in London einfinden soll, ohne seiner proletarischen Würde etwas zu vergeben. So hat denn der arme Stalin zu seinen vielen anderen Sorgen auch noch diese. Und wirklich, es ist ein schwer zu lösendes Problem! Im Straßenanzug, wie schon einmal, kann man doch nicht gut erscheinen, es sei denn, daß man Wert darauf legte, sich abermals zum Gespött der Welt zu machen. Und die vorgeschriebene Gala­uniform anlegen, will man auch nicht, denn das tut kein Rauybein, das etwas auf sich hält. In solcher Verlegenheit wählt man denn eine eigene Tracht, die den Vertretern des neurussischen Zaren tresflich zu Gesicht stehen wird. Die englische Presse läßt schon etwas verlauten. Strengen wir also unsere Phantasie an und versuchen wir, uns Litwinow-Finkelsteins edle Gestalt in weißen Strümpfen, Kniehosen, blauem Rock und Degen vorzustellen. Es fehlt nur nochdie Hahnenfeder auf dem Hut" und der Mephistopheles ist fertig. Aber warum blau? Warum nicht rot? Denn Blut ist doch nun einmalein ganz besonderer Saft" und zudem original-russische Nationalfarbe. Da legt sich Herr Tuchatschewski, der Marschall, anders ins Zeug. Er wird, wie das PariserJournal" verrät, in einer eigens erfundenen Paradeuniform er­scheinen, auf der es von goldenen Achselstücken, Raupen, Schnüren und Bändern nur so funkelt, vermutlich doch, um der übrigen Welt zu zeigen, daß man in Rußland nicht bloß Theaterprozesse hat, sondern auch mit richttgen Theaterhelden Staat machen kann.

Paris gilt bis heute als die einzige Stadt der Welt, in der eine Frau sich mit Geschmack zu kleiden weiß. Das mag übertrieben sein, zum mindesten bildet die Pariserin es sich ein, und woran ein Frau glaubt, das steht so fest wie das Amen in der Kirche. Und daß etwas Wahres daran ist, weiß jeder, der Paris kennt und mit Entzücken beobachten konnte, mit wel­cher unauffälligen und wirklichen Eleganz sich jede kleine Midinette kleidet. Auch das soll nun anders werden, wenn man nämlich einer Nachricht Glau­ben schenken darf, die besagt, daß ein Pariser Kon­fektionshaus auf den ganz unfranzösischen Gedanken verfallen ist, einen Kleiderautomaten aufzustellen, der fünf verschiedene Modelle für Som­merkostüme in allen gangbaren Größen enthält, das Stück zum Einheitspreis von 30 Francs. Unsere kleine Midinette wird also fortan mit ihrem aller­liebsten Fingerchen die Modellnummer ihrer Größe aus einer Drehscheibe einstellen und nach Einwurf des nötigen Kleingeldes das fertige Kleid heraus­ziehen. Wenn das so weiter geht in dieser entgötter- ten Welt, werden wir wohl noch die kleinen Kinder dem Automaten entnehmen.

Vielleicht war es die Erkenntnis, daß es heute nur noch ganz wenigen Menschen vergönnt ist, ihren eigenen Tod zu sterben (bet Rilke nach­zulesen), die den Bürgermeister einer kleinen Stadt in Estland veranlaßt hat, mit der gewohnten Art des Sterbens radikal zu brechen, indem er kurz vor seinem Tode die Bestimmung traf, er wolle ein kreuzfideles Begräbnis haben. So geschah es denn auch. Unter Vorantritt einer Musikkapelle die fröhliche Tänze aufspielte, wurde der Sarg zum Friedhof gebracht. Dort fand noch die kirchliche Beisetzung statt, und die merkwürdigeTrauer"- Versammlung konnte mit dem tröstlichen Gefühl, selten so vergnügt gewesen zu sein, auseinander­gehen. Man könnte diese Narretei ja ruhig auf sich beruhen lassen, wenn der Vorfall nicht zum Er­schrecken deutlich die ganze Esirsurchtlosigkeit zeigte, die heute viele Menschen gegenüber dem großen Mysterium des Todes, damit aber auch dem des

Lebens bekunden. Die Frivolität, die aus diesem schaurigen Totentanz spricht, hat ganz gewiß nichts mit jenemfröhlichen Sterben" zu tun, das allein das Vorrecht derer ist, die den Tod nicht als ein Ereignis betrachten, über dessen Ernst man sich mit einer Walzermusik hinwegsetzen kann.

Der kleine Ort K l o st e r g r ö n i n g e n bei Hal­berstadt konnte kürzlich die Tausendjahrfeier seiner ehemaligen Klosterkirche begehen. Diese Kirche be­sitzt ein Hauptwerk der romanischen Plastik in Ge­stalt einer Empore, auf deren Brüstung dreizehn lebensgroße Relieffiguren in Stuck Christus im Kreise der Apostel dargestellt sind. Sie ist das Glanzstück der Kirche. Oder besser, sie war es. Denn was man heute, noch dazu in einer ganz mißlunge­nen Neubemalung, dort zu sehen bekommt, ist nur ein Gipsabguß; Das Original befindet sich im Museum in Berlin. Der Fall ist typisch für eine Museumspolitik, wie sie nicht sein soll. Man hat nämlich seinerzeit die wirtschaftliche Notlage der Gemeinde ausgenutzt und für 4000 Mark vier­tausend Mark! die Kirche ihres kostbarsten Gu­tes beraubt, anstatt ihr einige Mittel zur Verfügung zu stellen, die ausgereicht hätten, das gefchichtlily und künstlerisch mit dem Raum eng verbundene Werk zu erhalten. Die anläßlich des Jubiläums er­neut unternommenen Versuche der Pfarroerwal- tung, das Original wiederzuerlangen, sind natürlich gescheitert, denn was das Museum hat, gibt es so bald nicht wieder heraus, besonders wenn es sich, wie hier, auf das formale Recht stützen kann. Gleich­wohl möchten wir die Hoffnung nicht aufgeben, daß einmal die Zeit kommen wird, wo die Achtung vor dem gewachsenen und bodenständig gewordenen Kunstwerk so groß ist, daß eine Museumspolitik, die

sich ohne wirklich zwingende Gründe an dem alten Besitzstand einer Kirche vergreist, einfach als un­moralisch empfunden und somit unmöglich gemacht wird. Dann werden vielleicht auch die Kloster- gröninger, die sich in diesem Falle mit vollem Recht auf die besten Grundsätze der nationalsozialistischen Weltanschauung berufen können, die ihnen in einer schwachen Stunde abgetanste Empore wiederbekom­men.

*

Die Amerikaner sind doch praktische Leute. Um den Archäologen in 600 Jahren ihre Arbeit, die bei den heutigen Vertretern dieser Wissenschaft noch so viel Scharfsinn und Kombinationsgabe vor-, aussetzt, möglichst zu erleichtern, hat ein Professor an der Universität Oglethorpe im Staate Georgia beschlossen, eineSchatzkammer der Gegenwart" einzurichten. In den natürlichen Felsen eingehauen, mit einem konservierenden Gas gestillt und mit einer Stahlplatte versiegelt, deren Inschrift jeder­mann das Oeffnen vor Ablauf von 600 Jahren verbietet, soll diestr eigenartige Schatz alles ent­halten, was für unsere heutige Zivilisation be­zeichnend ist: Autos, Schreibmaschinen, Radio­apparate, Schallplatten, Zeitungen, ein vollständiges Konversationslexikon, Sportgeräte u. a. m. Es fehlt nur noch, daß der Professor sich selbst in mumisi- ziertem Zustand dazu legt, was einem Menschen­freunde im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten ohne weiteres zuzutrauen wäre und künftigen Generationen ja auch erst die Möglichkeit geben würde, die sterblichen Ueberreste des seltenen Man­nes zu bewundern, der so wenig Menschenkenntnis besaß, daß er glauben konnte, man werde wirklich bis zum Jahre 2537 warten, ehe man eine Schatz­kammer öffnet, die ein solches Geheimnis hütet.

Nationalsozialismus und Wissenschaft.

Von Dr. Erich Iaensch, Professor an der Universität Marburg.

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychologie veröffentlicht im Reichs- Jugend-Pressedienst folgenden Aufsatz:

In dem jetzt beginnenden Großkampf um die Begründung einer Kultur im deutschen Sinne ist es nötig, vor gefährlichen Mißverständ­nissen zu warnen, die hinsichtlich des Verhält­nisses von Nationalsozialismus und Wissenschaft noch immer verbreitet sind. Es wird noch vielfach folgende Erwägung angestellt: Die Wissenschaft soll dem Volke dienen. Das hat sie bisher nicht in genügendem Maße getan. Die Reform der Wis­senschaft im nationalsozialistischen Staate muß da­her alle praktischen Disziplinen in den Vordergrund rücken, dagegen alles, was unmittel­bar nur den Erkenntniszielen dient und dahertheo­retisch" ist. zurückstellen oder am besten ganz aus­schalten. Wir werden also in Zukunft selbstverständ­lich, und zwar in erhöhtem Maße, weiterpflegen: die Gesamtheit der technischen Wissenschaften, Che­mie, Landwirtschaft, landwirtschaftliche Bodenkunde; von der ehemaligen Mineralogie und Geologie das­jenige, was den Zwecken des Bergbaus, der Er­schließung des Erdinneren und der Rohstoffgewin­nung dient. Von der Botanik bleibt die landwirt­schaftliche Pflanzenkunde und die Lehre von den Pflanzenkrankheiten übrig, von der ehemaligen Zoologie die Tierphysiologie, soweit sie der für landwirtschaftliche und Heereszwecke notwendigen Tierheilkunde dient. Dazu kommt dann natürlich die klinische Medizin, und in vorsichtiger Dosierung etwas Geisteswissenschaft, soweit ihr unmittelbar praktischer Ertrag einleuchtend ist.

Es erfaßt mich ein Erschrecken in dem Ge­danken daran, daß derartige, heute weitverbreitete Anschauungen bei dem gigantischen Werke des Neu­baus der deutschen Kultur Einfluß geratenen, oder daß die geschilderte Denkrichtung auch nur erheb­lichere Zugeständnisse fordern könnte. Es würde da­mit von dem inneren Richtungssinn unserer gewal­tigen nationalsozialistischen Bewegung und von den Absichten dessen, der sie verkörpert, von den Wil­lensentschlüssen des Führers aufs gründliche abge­wichen werden. Der Führer hat in feiner großen Rede am-30. Januar mit aller Deutlichkeit feine Wil­lensmeinung dahin zum Ausdruck gebracht, daß

der kulturelle Hoch st and des deutschen V o'l k e s nicht etwa herabzusenken, sondern im Ge­genteil immer weiter zu heben sei. Das echt demokratische Prinzip des Nationalsozialismus wird damit nicht etwa durchbrochen. Die Hebung der Höhenlage des geistigen Lebens kommt auch dem letzten Volksgenossen zugute.

Die Pflege der Wissenschaft und die Unterbauung des praktischen Lebens durch das Erkennen gehört aber notwendig zu den Hauptpunkten eines Kulturprogramms im Sinne einer deutschen Bewe­gung. Eine solche muß ja notwendig an die eigen­tümlichen Anlagen des deutschen Geistes anknüpfen; hierzu gehört aber bei unserem nicht besonders sin­nenfreudigen, dagegen tiefinnerlichen und nachdenk­lichen Volke vor allem die Veranlagung zum wissen­schaftlichen Erkennen. Deutsche Wissenschaft hat von jeher Weltgeltung gehabt, in ähnlicher Weise wie etwa italienische Malerei.

Man wird hiergegen einwenden: Das ist ein Fernziel der Bewegung, das für spätere Zeit einmal ins Auge gefaßt werden kann. Zu ihm führt ein weiter Weg; darum müssen wir auf dieses Fernziel t m Augenblick verzichten. Wir müssen jetzt auf dem kürzesten Wege dem nächstliegenden Ziele zustreben, die dringendsten Bedürfnisse des praktischen Lebens zu befriedigen. Selbstverständlich müssen wir das. Aber gerade die Beschneidung der Wissenschaft auch in den auf die reine Erkenntnis ausgerichteten Ge­bieten, würde die Erreichung dieses Zieles ver­eiteln. Umgekehrt wird jenes unmittelbar prak­tische Ziel durch recht ausgiebige Pflege der Wissen­schaft, in ihrem vollen Umfang, wenn auch in mancher Hinsicht in anderen Richtungen als bis­her, am besten gefördert werden.

Ost wird ja ein Ziel auf einem scheinbaren Um­weg am schnellsten erreicht. So verhält es sich auch hier. Gerade auch die den reinen Erkennt­niszielen zugewandte Forschung ist notwendig, wenn die Aufgaben, die die Lebens­praxis stellt, gelöst werden sollen. Ist es wirklich notwendig, noch darauf hinzuweisen, daß die dem reinen Erkenntnisziel zugewandte Wissenschaft kein bloßes Hirngespinst ist, daß sie vielmehr eine Orientierung über d i e Wirklichkeit

liefert, und daß diese Orientierung besitzen muß, wer in der Wirklichkeit und im praktischen Leben wirken und handeln will?

Man bezeichnet den größten Teil der eben ge­nannten praktischen Fächer, auf die manche heute die Wissenschaftspflege am liebsten beschränken möchten, alsangewandt e" Wissenschaften. Diese treffende Bezeichnung bringt zum Ausdruck, daß jene Zweige, die der Praxis unmittelbar zu­gewandt sind, gar keine völlig selbständige und un­abhängige Existenz besitzen, daß sie vielmehr in weitem Umfang darauf angewiesen sind, dasjenige anzuwenden, was zunächst in reiner, nur den Erkenntniszielen zugewandter For­schung aufgefunden worden ist. Gerade die größten und folgenreichsten Förderungen des prak­tischen Lebens durch die Wissenschaft sind oft von Bestrebungen ausgegangen, die zunächst auf Ziels des reinen Erkennens gerichtet waren. Das ist auch ganz begreiflich. Denn gerade die größten, das Leben am meisten umgestaltenden Errungenschaften stützten sich auf Tatsachen der Wirklichkeit, die vor der betreffendenErrungenschaft" unbekannt waren und erst in reiner, den Zielen des Erkennens zugewandter Forschung aufgedeckt werden konnten.

Die Röntgentechnik ist heute ein völlig un­entbehrlicher Zweig der praktischen Medizin, der Kriegschirurgie und damit auch der Wehrwissen­schaften. Aber nie und nimmer hätte der Wunsch jener praktischen Fächer, ein Hilfsmittel zur Durch­leuchtung des menschlichen Körpers zu besitzen, auf jene Errungenschaft hingeführt, wenn nicht zuvor Konrad Wilhelm Roentgen, rein in der Ab­sicht des Naturforschers, seine grund­legenden Untersuchungen angestellt hätte. Roentgens Arbeiten wiederum fußten auf Hittorfs vorange­gangenen Forschungen über Kathodenstrahlen und wären ohne diese Grundlage nicht möglich gewesen. Man kann nicht einmal den Hörer eines Rundfunk­gerätes zur Hand nehmen, ohne sich daran zu er­innern, daß auch diese Errungenschaft auf der Grundlage von Forschungen ruht, dis zunächst in rein wissenschaftlicher Er­kenntnisabsicht durchgeführt worden waren.

Wir sind gelegentlich auf den Einwand gestoßenr Die Fundamente der reinen Wissenschaft sind gelegt. Es kann nun lange Zeit auf ihnen aufge­baut werden. Jetzt handelt es sich um die prak­tischen Anwendungen. Erinnern wir diese unkritischen Kritiker daran, daß zu seiner Zeit schon Aristoteles glaubte, die Wissenschaft sei beinahe fertig und werde in ganz kurzer Zeit zum Abschluß kommen! Wir wissen heute, daß sie damals soeben noch in ihren ersten Anfängen stand. Würden wir heute hier die Hände in den Schoß legen, so wür­den uns andere Völker auf diesem Gebiete auf das vielleicht unsere stärksten und eigentümlich­sten Anlagen hindrängen sehr bald überflügeln (und dann natürlich auch in vielem Praktischen, weil jede wirklich große Errungenschaft sich auch in der Praxis auswirkt). In Italien z. B. ist die Wissenschaft noch nie so sorgsam gepflegt und so hoch geachtet worden wie gegenwärtig.

Am verhängnisvollsten ist der Stillstand i n einer großen Wendezeit. Eine solche ist aber dieser gewaltige Augenblick in allen Gebieten des Daseins,' auch im Bereiche der Wissenschaft. Die letzte Epoche hatte eine Kultur der toten Sachen und Sachwerte getrieben, und daneben, als Er­gänzung, eine Kultur und Bildung der reinen, hoch- geistigen Ideen entwickelt. Hierbei kam zu kurz d>r Mittelbereich zwischen beiden, der des leben' - gen Seins, der für das gesamte Leben des V ll- kes gerade wichtigste Bereich, und fast alles Le­bendige verkümmerte. Im Gefolge der Großtat d'?s Führers, die den in der Vergangenheit entweder unlebendigen oder aus einem philosophischen Jdeen- hirnrnel herabgeholten und deduzierten Staat wie­der auf seine lebendigen Wurzeln im Volkstum zurückführte, sollen nun alle Daseinsgebiete auf d i e natürlichen Lebensgesetze be­gründet werden. Hier erwachsen der For­schung gewaltige Aufgaben.

Wetten.

Von K. H. Waggerl.

Nur Träume und Hirngespinste kann ich zum besten geben, und die sind bei weitem nicht so auf­regend wie zum Beispiel das alberne Kunststück, kleine Kiesel etliche Schritte weit in den leeren Milchkrug zu werfen.

Klaus kann das. Er nimmt ein Steinchen und schnellt es weg, und schon tanzt es klirrend in den Bauch des Kruges. Anna schaut zu und möchte es auch versuchen, aber es gelingt nicht mir viel­leicht?

Ich zucke die Schultern. Kaum aufs erste Mal, sage ich, und so meint das Fräulein auch. Es ist unbegreiflich, wie Klaus es anstellt, nie zu fehlen. Wetten? sagt Klaus. Wetten wir, daß er trifft? Ja, was soll es gelten?

Ach, nicht zu wenig, einen Wunsch. Wer verliert, muß dem andern einen Wunsch erfüllen.

Einen Wunsch, wiederholt das Fräulein. Jeden? Ja, natürlich, jeden.

Klaus sagt das harmlos und leichthin, aber dabei versteckt er ein freches Lächeln in seinen Mund­winkeln, und plötzlich bekommt das Fräulein blitzende Augen und will nichts mehr von einer Wette wissen, nein, Schluß mit dem Unsinn.

Mir ist ja auch, als hätte Klaus eine Zurecht­weisung verdient, obwohl ich noch nicht recht be­griffen habe, wofür. Allein, es schlägt ja nichts bei ihm an. Er tändelt weiter mit seinen Kieseln und überläßt es mir, bas Gespräch wieder in Gang zu bringen.

Ich wollte, es fiele mir jetzt etwas sehr Feines, Bedeutendes ein. Aber vergeblich, ich komme nur auf meinen Garten zu reden. Wie merkwürdig ist es eigentlich, sage ich, daß der Mensch diesen Drang in sich hat, fremdes Leben in Besitz zu nehmen, zu hegen und zu betreuen, es ist ein förmliches Be­dürfnis, ein mütterlicher Trieb in jedem von uns. Schwer zu erklären, was ich damit meine. Vielleicht muß ich weiter ausholen und eine Geschichte erzäh­len, nein, eine Geschichte ist es wohl gar nicht, nur eine kleine Begebenheit. Als ich in der Stadt zur Schule ging und zum ersten Male mein Dasein aus Eigenem bestritt, in dieser Zeit also bewohnte ich eine Kammer in einem alten Haus, ganz oben unterm Dach und nach dem Hinterhof gelegen. Ich muß noch einfügen, daß ich etwa vierzehn Jahre alt war, aber noch sehr schmächtig und kindlich, und natürlich ganz arm, ich besaß so gut wie gar nichts. Nom Hunger wurde ich weniger geplagt als von der Verlassenheit und vom Heimweh. Das wurde

ich nie ganz los, ob ich nun in der Schule saß oder meiner Bettelkost nachlief oder daheim Noten abschrieb, damit ich ein paar Groschen nebenher für das Abendessen verdiente.

Vom letzten Stockwerk aus lief ein Gang an der Mauer hin bis zu einem Verschlag, nun ja, früher hielten es die Leute so, mit bestimmten Geschäften gingen sie außer Haus. Das Dach dieses Hüttchens aber lag knapp unter meinem Fenster, ich legte mein Brot und meinen Käse dorthin ins Kühle, und weil die Schindeln längst morsch waren, hatte sich allerlei Grünes dazwischen angesiedelt. Im er­sten Sommer war es nur Gras, eine kümmerliche Taubnessel und ein Hirtentäschchen, aber ich brachte noch Erde dazu und goß die Kräuter in der Dürre, und im andern Frühling schoß es schon viel üppi­ger auf. Eine schön gekräuselte Kamille kam dazu, Löwenzahn, und endlich das wunderbarste, eine Weide.

Ich wiederhole das noch einmal, ein richtiges Bäumchen. Sicher wuchs es schon lange dort, hört doch zu, ich hatte es nur nicht beachtet, und nun bekam es richtig kleine Kätzchen im Frühling, dieses handhohe Gestrüpp.

Ja? sagt Anna. Wo stand eine Weide? Unter meinem Fenster. Es ist ja nichts weiter darüber zu sagen, ich meine bloß, ich hatte damals eine so große Freude daran. Man muß auch bedenken, sage ich, wie weit her der Same zuflog, dort gab es gewiß schon Wiesen ober eine Aue wie daheim hinter dem Dorf. Sogar Bienen kamen und über­nachteten in meinem Garten, wenn sie die Abend- kühle überraschte.

Jetzt bedeutet das natürlich nichts mehr, ich er­zähle vielleicht auch alles viel zu weitschweifig. Nur eines möchte ich noch erwähnen, was mich am meisten beglückte: daß ich meinen Garten ganz heimlich besaß. Niemand im Hause ahnte das ge­ringste davon. Aber das ist ja auch langweilig. Ich rede und schwätze, was will ich denn nur? Ein Garten voll Unkraut auf dem Dach eines Aborts, ach, es ist ja nicht einmal luftig. Immer mehr ver­wirre ich mich, und schließlich verstumme ich, hilf­los und beschämt.

Eine Weide, sagt Klaus nach einer Weile. Mit einem Weidenstecken habe ich auch einmal etwas erlebt.

Die Sache war so, daß er in einer Hammer­schmiede Arbeit gefunden hatte, die Werkstatt ge­hörte der Witwe. Und das war an sich gut, Witwen legen gern in der Küche zu, was sie in der Kammer entbehren. Nur fing sie gar zu bald an, ihm Augen zu machen. Wie bas eben geht, man treibt seine Späße, und schon ist der Teufel los. Ihm paßte bas jedenfalls gar nicht, Weib und Kinder und

alles schon fertig und in die Jahre geschossen, darum sagte er zu gelegener Zeit, es sei recht und gut, aber einmal müsse er noch Urlaub haben, um sein Zeug herbeizuholen. Schnitt sich einen Stecken, den Weidenstecken also, und ging, und die Schmiedin lief mit ihm bis übers Dorf hinaus. Dort schieden sie, alle Heiligen, das war ein Abschied! Sein Knüttel blieb im Grase stecken, aber den holte er nicht mehr, nicht um sein Seelenheil.

Ein Jahr verging, ein mageres, ein zweites noch schlechter, da fielen ihm doch manchmal die Braten­schüsseln wieder ein. Der Speck war längst auf­gezehrt, den er sich bei der Schmiedin angemästet hatte.

Es ließ sich nicht ändern, sagt Klaus, die Beine nahmen von selber Kurs. Unversehens stand ich wieder auf dem gewissen Hügel, und da lag auch richtig die Schmiede unten, das Wehr mit den Kopf­weiden und der Garten dahinter, sogar dieselben Krautköpfe darin, meiner Treu, nichts hatte sich geändert. Spaßeshalber sah ich mich um, ob ich vielleicht auch meinen Stecken noch anträfe, und, schlagt mich tot, ich fand ihn wirklich.

Nein, lacht nicht, ich sage euch, das Gruseln über­kam mich am hellen Mittag. Denn der Stecken war angewachsen, Zweige und Blätter hatte er ge­trieben.

Das gab mir zu denken. Wenn schon dein Stecken Wurzeln bekommen hat, überlegte ich, wer weiß, was dir in der Schmiede unten zugewachsen ist. Ja, und da drückte ich mich dann wieder.

Abscheulich, sagt das Fräulein. Ist er nicht ein abscheulicher Kerl?

Ich muß es zugeben, es war ein starkes Stück von diesem Klaus.

Und die Witwe? fragt Anna. Was ist aus der Schmiedin geworden?

Ja, das weiß Klaus nicht. Vielleicht wartet sie immer noch.

Ach, was er sich einbilde? Als ob die nicht längst einen Besseren gefunden hätte!

Wetten? sagt Klaus.

Sochschulnackrichten

Dem Dozenten Dr. Josef Ziegler ist unter Ernennung zum Ordinarius in der Kath.-Theol. Fakultät der Staatlichen Akademie Braunsberg der Lehrstuhl für Altes Testament übertragen worden.

Dem Dr. habil. Karl Fink ist unter (Ernennung zum außerordentlichen Professor, der Lehrstuhl für Kirchengeschichte in der Kath.-Theol. Fakultät der Staatlichen Akademie Braunsberg übertragen worden.

Merkwürdige Tiergeschichten.

Daß Raben und Elstern eine besondere Vorliebe für glänzende Gegenstände haben, ist bekannt. Eine junge Amerikanerin machte sich diesen Umstand zu Nutze und richtete eine Elster für diebische Zwecke ab. Bald darauf verschwanden in einem großen und eleganten Hotel in Chikago Schmuckstücke der Gäste auf rätselhafte Weise aus ihren Zimmern, meistens während der Mittagsstunden, wenn die Gäste in ihren Zimmern schliefen. Da nachweislich kein fremder Mensch die Räume zu dieser Stunde betreten konnte, war die Sache vollkommen rätsel­haft. Eines Tages jedoch erwachte eine Dame aus ihrem Schlummer durch ein kaum wahrnehmbares Geräusch. Sie schlug die Augen auf und sah gerade noch einen Vogel, der von dem Nachttisch neben ihr einen wertvollen Ring ergriff und damit aus dem Fenster und in ein nahegelegenes Haus flog, Die Dame benachrichtigte sofort die Hoteldirektion, die Polizei stellte Beobachtungen und Nachforschun­gen an, und nach einiger Zeit wurden in dem Zim­mer der jungen Amerikanerin eine große Mengs der verschwundenen Wertgegenstände gefunden. Als das junge Mädchen verhaftet wurde, leugnete sie nicht, sprach aber als einzigen Wunsch die Bitte aus, ihre Elster mit in ihre Gefängniszelle nehmen zu dürfen. Diese Bitte wurde ihr jedoch abgeschla­gen, und die Elster wurde dem Zoologijchen Gar­ten in Chikago übergeben, von wo aus sie keine Gelegenheit mehr hat, ihre gefährlichen Angewohn­heiten zu betätigen.

Ein anderer Fall liest sich wie das Kapitel eines Romans. Ein junger Zirkusangestellter verliebt sich in die Tierbändigerin, die ihn jedoch verschmäht. Eines Abends aber bei der Vorstellung fällt ihr auf, daß von ihren sechs Löwen, die sie seit Jahren kennt uäd mit denen sie noch niemals irgendeine Schwierigkeit gehabt hat, der eine, und zwar Nero, der größte und jüngste, seltsam aufgeregt ist. Er weigert sich, ihren Befehlen Folge zu leisten, mag nicht durch den Reifen springen und nicht auf seinem Platz bleiben. Auf einmal wirft er sich auf die Bändigerin und zerreißt sie. Einem geistesgegen­wärtigen jungen Kollegen gelingt es im letzten Augenblick, die Unglückliche aus den Pranken des Tieres zu retten. Sie ist schwer verletzt, wird aber nach längerem Leiden völlig hergestellt. Die poli­zeiliche Untersuchung fördert jedoch zutage, daß der verschmähte Angestellte vor der Vorstellung Glas­scherben in den Löwenkäfig geworfen hat. Das arme Tier, das sich ernstlich verletzt hatte, wurde wäh­rend der Vorstellung von Wut gepackt. Diese Ge­schichte hatte einen bemerkenswerten Ausgang. Der Schuldige w"rde zu zehn Jahren Gefängnis ver­urteilt, die Bändigerin heiratete ihren Lebensretter.