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Nr. 83 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
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Vereine
Junge deutsche Nation.
Der erste Tag.
An einem frischen Aprilmorgen geht Erwin Lüpke die lange Vorstadtstraße entlang, unter dem einen Arm das Paket mit dem frischen blauen Schlosseranzug, unter dem anderen die gute alte Schulmappe mit den Frühstücksbroten.
Früher als sonst ist er heute aufgestanden, hat sich besonders sorgfältig gewaschen und dann Kaffee getrunken. Mit den Glückwünschen seiner Mutter entlassen, hat er sich dann zum erstenmal auf den Weg zur „Kunst- und Bauschlosserei Robert Har- denberg" gemacht, die ihn nun für vier Jahre als Schlosserleyrling aufnehmen soll.
Am Ende der Straße liegen die Werkstätten der Schlosserei Hardenberg. Erwin geht in das kleine Bürohaus, wo ihn der Meister mit einem kräftigen Händedruck empfängt. Er muß sich ihm gegenübersetzen, und Hardenberg sieht den großen, etwas blassen Jungen prüfend an.
„Nun", meint er dann, „ein bißchen schmal bist du noch, aber, sollst mal sehen, das wird bei uns bald anders. Lust hast du doch zu deinem Beruf?" Erwin bejaht eifrig.
„Ja", fährt der Meister fort, „bei der Berufsberatung hat sich das ja bestätigt und auch dein Fähnleinführer und dein Lehrer haben sich dafür ausgesprochen. Also, dann können wir ja anfangen. Viel brauche ich dir wohl nicht mehr zu sagen über den Pflichtenkreis, in den du jetzt trittst. Mach nur immer deine Arbeit, die dir aufgetragen wird, sieh dich um, was die anderen machen, laA dir erklären, was du nicht verstehst. In der Berufsschule lernst du dann das Theoretische und später noch mehr in der Fachschule. Die willst du doch auch besuchen?" Wieder nickt Erwin lebhaft.
Nachdem der neue Schlosserlehrling dann in der Garderobe seine Arbeitskleidung angezogen hat, geht er unter Führung des Meisters in die Werkstatt und wird den künftigen Arbeitskameraden vorgestellt, den fünf Gesellen und dem Lehrling Heinz Sieber, der schon im dritten Jahre lernt. Erwins Arbeitsplatz ist am rechten Ende der langen Werkbank, die sich an der Längsseite des Raumes unter dem großen Fenster entlangzieht. Ein Schraubstock ist an der Tischkante befestigt und in dem Schubkasten darunter sind die Werkzeuge: die Feilen, Zangen, Hämmer, Meißel und Schraubenschlüssel. In einem besonderen Fach liegen die Meßwerkzeuge: die Schiebelehre, der Winkel und das Bandmaß.
Walter Ehmer, der älteste Geselle, neben dem Erwin seinen Platz hat und der seine Arbeit überwachen und ihn neben dem Meister unterweisen wird, bringt jetzt einen Gußklotz.
„So", sagt er, während er das Stück in den Schraubstock spannt, „jetzt mußt du als erstes feilen lernen. Das ist nämlich das A und £) unserer Kunst. Wenn du feilen kannst, dann kannst du schon sehr viel. Aber stell es dir nicht zu leicht vor. Die Feile muß immer gerade geführt werden, siehst du, so wie ich sie jetzt bewege. Sie darf nicht schaukeln, sonst bekommst du keine ebene Fläche. Mit der groben Strohfeile hier fangen wir an, damit bearbeite mal erst die vier Seitenflächen."
Erwin beginnt zu arbeiten, hin und zurück zieht er die große Feile. Wenn seine Arme müde werden, sieht er sich mal um. Hinter ihm schwirrt die Transmission. Klatschend fahren die breiten Riemen runter zu den Maschinen. Erwin kennt schon ihre Namen. Da steht die große Leitspindeldrehbank, hier ist die Bohrmaschine, dort die Fräsmaschine und die Hobelbank. Bald wird er ja auch an den Maschinen arbeiten. Er freut sich schon darauf.
Wenn sich die Arme wieder erholt haben, geht Las Feilen weiter. Bald ist die häßliche rostige
Kruste von dem Eisenstück verschwunden, und eine mattglänzende, rissige Fläche entsteht.
Zwischendurch kommt der Geselle und sieht sich die Arbeit an. v
»Hast du schon mal gefeilt?" fragt er.
„Nein", antwortet Erwin, „es ist das erstemal." ,^Na, dafür ist's schon recht gut. Man weiter!" So vergeht der Morgen und auch noch der Nachmittag mit Feilen. In den Pausen sitzt Erwin mit Heinz Sieber zusammen. Sie sprechen über den Dienst in der HI., in die Erwin nun als Vierzehnjähriger übergeführt worden ist.
Am Feierabend wundert sich Erwin, wie schnell die Stunden vergangen sind.
„Na", meint Meister Hardenberg, als Erwin sich verabschiedet, „ordentlich müde? Das ist nur die ungewohnte Arbeit, bald hat sich der Körper umgestellt."
Zu Hause ist Erwin ziemlich schweigsam, ißt aber mit einem Bärenhunger. Dann fällt er hundemüde ins Bett.
Das war der erste Tag in Erwin Lüpkes Lehrzeit, dem sich noch viele ähnliche anschlossen, in denen er allmählich aufstieg zu immer größerer Vollkommenheit in seinem Beruf. —ke.
Was wissen Sie von derZungmädelschast?
Zur Aufnahme der Zehnjährigen in die Hitlerjugend.
In diesen Wochen wirbt neben dem Deutschen Jungvolk die Jungmädelschaft in der Hitler-Jugend upi die zehnjährigen Mädel. Voller Vertrauen bringen Hunderttausende von Eltern ihre Mädel den Jungmädelführerinnen, um sie in der Gemeinschaft der Jugend charakterlich und körperlich erziehen zu lassen. Da taucht bei manchen die ^rage nach den Erziehungszielen, nach der Organisation und nach der Arbeit der Jungmädelschaft auf.
Eme Gliederung der HZ.
Die Jungmädelschaft ist ebenso wie der Bund Deutscher Mädel und das Deutsche Jungvolk eine G l i e d e r u n g d e r H i t l e r - I u g e n d mit ganz besonderen, der Entoicklungsstufe der zehn- bis vierzehnjährigen Mädel angepaßten Aufgaben. In der Jungmädelschaft fein, heißt sich einfügen lernen in eine kleine Gemeinschaft und mit Hunderttausenden, ja Millionen Kameradinnen und Kameraden im Reich auf das gleiche Ziel in demselben Geist und m der gleichen Bereitschaft ausgerichtet werden. Die Jungmädelschaft stellt sich ebenso wie das Deutsche Jungvolk als Hauptaufgabe die allge- m e ine, charakterliche Formung und körperliche Ertüchtigung, auf die der Bund Deutscher Mädel wie die Hitler-Jugend ihre politische Erziehung aufbauen.
Um diese Erziehungsarbeit auf allen Gebieten leisten zu können, steht neben der Schulpflicht für die dem Deutschen Jungvolk und der Jungmädelschaft angehörenden Jungen und Mädel die freiwillige Dienstpflicht in der Hitler-Jugend. Nur wer einmal selbst erlebt hat, mit welcher verantwortungsbewußten Haltung die Zehn- bis Vierzehnjährigen zu ihrem Dienst kommen, kann ermessen, wie ernst es diesen Jüngsten mit der Erfüllung ihrer Aufgabe im nationalsozialistischen Staat ist. Der von den Jungmädeln verlangte Dienst entspricht den körperlichen und geistigen Fähigkeiten zehn- bis vierzehnjähriger Mädel. Er wird in der kleinsten Einheit, die etwa 15 bis 20 Jungmädel umfaßt, durchgeführt. Der pflichtmäßige Jungmädel- dlenst gliedert sich in einen wöchentlich durchzuführenden zweistündigen Heimnachmittag und einen wöchentlichen S p o r t n a ch m i t t a g , der je nach der Jahreszeit in der Halle, auf dem Sportplatz oder ganz im Freien veranstaltet wird. .Dazu kommt zweimal Sonntagsdienst im Monat für Lager und Fahrten.
Oie Iungmädeiführeri»
Mit der Durchführung des Dienstes ist die eigens für diesen Zweck ausgebildete Jungmädelführerinnenschaft betraut. Durch reichseinheitliche Schulungen in der Reichsführerinnenschule Boyden in Ostpreußen und durch Kurse in zahlreichen Ober- gauschulen, dazu in Führerinnenlagern und Kurz
schulungen ist heute die Jungmädelführerinnenschaft nach gleichen Grundsätzen ausgerichtet. Die Jung- mädelführerin ist herausgewachsen aus ihrer Einheit, aber sie steht unter denselben Gesetzen der Kameradschaft wie ihre Mädel. Sie ist innerlich jung, sie reißt ihre Mädel mit und ist fähig, aus dem gleichen Erlebnis wie ihre Jungmädel zu gestalten. So läßt sie das Ausdruck und Form werden, was bei ihren Mädeln erst Denken und Suchen ist. Sie erwirbt ihre Anerkennung nicht durch Rang und Würde oder gar durch Bildung und Wissen, sondern allein durch ihre Verantwortlichkeit, ihre innere Ruhe, ihr selbstverständliches Führen und ihre eindeutige nationalsozialistische Haltung.
Wer einmal hineinsieht in dieses Jungmädelleben voller Bereitschaft, voll von unbändigem Willen, voller Begeisterung für den Führer und sein Werk, der versteht, warum sich die Junamädel heute gegen Begriffe wie „kleine Mädchen^ oder „niedliche entzückende Kinder" wehren. Dazu ist ihr Dienst bei aller Fröhlichkeit und Frische viel zu ernst. Ihre Dienst- und Pflichtauffassung, ihre Verantwortlichkeit und die Forderungen, die an sie gestellt werden, stellen sie weit über dieses bloße Kindsein und jede Verniedlichungsform. Das haben heute schon unendlich viele Mütter begriffen, und sie sind stolz auf ihr Mädel, das so selbstverständlich in einen größeren Aufgabenkreis hineinwächst.
Zungmädel-Leistungsprobe.
Die Jungmädel-Lei st ungsprobe umfaßt drei Gebiete: Heimabend, Fahrt und Sport. Hierbei wird nicht das Können des einzelnen Jungmädels gewertet. Entscheidend ist allein die G e - meinschaftsleistuna der Jungmädelschaft.
Es entspricht unseren rassepolitischen Forderungen, daß in die Jungmädelschaft nur erbgesunde Mädel aufgenommen werden. Ebenfalls schließen sich Mädel mit ansteckenden Krankheiten von vornherein aus. Vor Eintritt in die Hitler-Jugend wird jedes zehnjährige Mädel ärztlich untersucht. Aufgabe der Voruntersuchung ist die Feststellung der allgemeinen Tauglichkeit für den Jungmädeldienst. Die Hauptuntersuchung aller Mädel findet in den ersten Wochen nach der Aufnahme statt. Sie erfolgt von den vom Amt für Volksgesundheit zugelassenen Aerzten nach dem Gesundheitsstammbuch des Hauptamtes für Volksgesundheit.
Schulung aus dem Erlebnis.
Dazu hilft neben Spiel, Fahrt und Sport die zielbewußte, dem Alter der Jungmädel angepaßte Schulung in der Jungmädelschaft. Sie unterscheidet sich grundsätzlich von der Wissensübermittlung in der Schule. Sie hat einen anderen Ausgangspunkt, der die Jungmädeleinheit zuvor zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt hat: Das
Jahrgang 1927.
(Aufnahme: NSG.)
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Erlebnis. Don dieser gemeinsamen Grundlage gehen die Kraftströme aus, die die Schulung den Mädeln zu einer Verpflichtung werden lassen. Erlebnismäßig werden die Jungmädel mit national- sozialistischem Gedankengut vertraut gemacht, erlebnismäßig bringen sie immer weiter in Ziel und Haltung des BDM. ein.
Nach einem halben Jahr Mitgliedszeit m der Jungmädelschaft hat das Jungmädel zum erstenmal sein sportliches Können unter Beweis zu stellen. Die erfüllten Leistungen und die Teilnahme an einer eintägigen Fahrt werden in das Jung- mädel-Le^stungsbuch eingetragen, das jedes Jungmädel während feiner ganzen Dienstzeit in der Jungmädelschaft begleitet. Zum zweitenmal legt das Jungmädel nach Vollendung des 12. Lebensjahres Rechenschaft ab über feine körperlichen und geistigen Fähigkeiten.
Elternschaft und Lungmädelführuna.
So ist die Arbeit der Jungmädel in jeder Beziehung klar und verantwortungsbewußt aufgebaut. Doch die Jungmädelschaft kann ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn sie einer guten und verständnisvollen Zusammenarbeit mit der Elternschaft gewiß ist. Die Eltern können sich immer wieder von der Arbeit in der Jungmädelschaft überzeugen. Sie werden Gelegenheit haben, mit der Jungmädelführerin über wichtige Angelegenheiten Rücksprache 3u nehmen; auf Eltern-Ausspracheabenden ist die Jungmädel-Untergauführerin zur Klärung aller Fragen bereit. Elternabende, öffentliche Heim- und Sportabende werden von Zeit zu Zeit einen Einblick in das Leben der Jungmädelschaft vermitteln.
Darüber hinaus wird aber die Freude und der Stolz, Junamädel sein zu dürfen, wie die Begeisterung und die innere Bereitschaft zum Dienst den Eltern die beste Bestätigung dafür fein, daß sich ihr Kind unter richtiger Führung in fröhlicher und doch verantwortungsbewußter Arbeit auf seine Pflichten als Nationalsozialist vorbereitet. H. M.
Hmdermsiaus
Wir standen vor der Turnhalle und warteten nuf den Jungzugführer. Da war ein Ziegelstein Lind Uli hob ihn auf. stemmte ihn weg. Der Stein flog keine drei Meter.
„Zeig' mal her!" hob Ottje die Klamotte auf, wog sie einen Augenblick, pustete dann verächtlich und — jumm — sauste der Stein weg. Ebs schritt ab: „Drei — vier und einen halben Meter! Lachhaft!" Dabei kriegte Ebs das Ding nicht mal vier Meter und behauptete, daß ihm der Stein ausge- rutfcht fei. Na — kennt man ja!
Nun ist es so, daß Uli und Ebs zur ersten Jungenschaft gehören, während Ottje in der zweiten ist.
Ottje sagt also: „Natürlich — erste Jungenschaft isst ja immer schlapp!" worauf es beinahe eine Rolleret vor der Turnhalle gab. Da kam gerade der Jungzugführer dazwischen, erfuhr noch,' was los ®ar uno sagte gar nichts darauf.
Aber eine Viertelstunde vor Schluß des Dienstes ließ er den Zug antreten und dann wurde eine Hindernisbahn aufgebaut, an der allerhand dran war!
Erst kam Barren, dann Kopfheister (Rolle) auf 1 er Matte, bann Bock, anschließend Reck und dann He Leitern, eine schräg hoch, eine senkrecht runter, liiber zum Tau, auf dem Schwebebalken lang und Mm Schluß Flanke übers Pferd. Also, man sieht — ein Ding mit Pfiff! Die Pimpfe sagten gar richts mehr, staunten nur mit offenem Mund.
„Du — is ja enorm!" gab Uli dem Ebs einen 'rippentriller.
Der nickte und fing an zu schwitzen.
„Jungenschaft eins macht gegen zwei einen Hin- Hrnislauf. Mal sehen, wer schlapper ist!" sagte der Jungzugführer.
Die Jungenschaftsführer teilten ihre Mannschaf- t( n schnell ein. Sie selbst gingen als Schlußmann.
Fertig — Pfiff!
Üli sauste zum Barren, hochgestemmt, drüber — 1(5 die Rolle. Er kommt etwas aus der Richtung unb steht zugleich mit Heinz von der Zweiten auf. 1 ie Pimpfe feuern an: Tempo — Tempo!
Zufällig laufen Ottje, der Kraftlatz, und Ebs zu- scmmen.'Wohl hat Ottje allerhand Kraft im Bi- 3'ps, aber am Tau kommt er wie ein Mehlsack y»ch. Seine Kameraden von der zweiten Jungenhaft toben. Ottje läuft rot an und ruck — zuck — hit er es geschafft. Es nützt ihm nichts, daß er sich b im Runter das Tau heiß durch die Hände laufen I-Ißt — Ebs ist auf und davon, steht japsend im Med und grinst Ottje freundlich an.
Dann find die beiden Jungenschaftsführer an der Ruhe. Der von eins hat den Barren im Vorsprung!
— kriegt beim Reck verkehrten Schwung, landet auf dem Podex und versucht's dann bei den Leitern wieder heraus zu holen. Und nun schwingen sie — heidi — an den Tauenden, ziehen sich hoch, sausen wieder runter — da — noch das Pferd. Die Pimpfe treiben ihre Jungenschaftsführer immer wieder an. Und nun ist der von der ersten doch um Brustlänge eher da — keucht und lacht seine Jungen an."
Uli sagt zu Ottje — so etwas von oben herab, versteht sich: „Na — ihr habt's vielleicht hier", dabei winkelt Uli den Arm und meint den Bizeps, »aber, es fehlt euch ein bißchen am Tempo —
»Dafür schnippen wir euch im Gelände!" kündet Ottje an, und der Wettkampf, wer von den beiden Jungenschaften die bessere ist, muß noch endgültig ausgetragen werden.
„Uns hattet ihr wohl ganz vergessen", sagt Rudi von der dritten Jungenschaft — die bisher nur zu- gesehen hatte. ' Ulf.
Holzhacken und Glocken läuten...
Ein Sportnachmittag bei den Jungmädeln.
NSG. Sicher freut sich niemand so nuf das Kommen des Frühlings, wie mir Jungmädel! — Dann lassen wir die Turnhalle Turnhalle sein und verlegen unseren Sportnachmittag auf die Spielwiese. Wollt ihr einmal zusehen bei einem solchen Sportnachmittag? —
Zuerst steigt die Körperschule, denn die im Winter steif gewordenen Glieder müssen wieder gelenkig werden. Wir laufen, Hüpfen, gehen in verschiedenen Schriftarten, machen Lockerungsübungen und versuchen mit Bewegungen allerlei Tätigkeiten nachzuahmen. So hackt man Holz, so läutet der Küster am Glockenseil. Aber tief, viel tiefer, Gretel, deine Glocke wird bestimmt kein richtiges Geläute von sich geben, die bimmelt höchstens. Nun tun wir 'mal, als ob wir etwas von einem hohen Schrank herunterholen wollten, eine Schachtel vielleicht. Ja, so ist's richtig.
So, nun haben wir für heute genug davon. Jetzt wollen wir spielen! Eine Jungmädelsportstunde ohne Spielen, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Das Spiel dient nicht nur dazu, den Körper aufzulockern und die Kräfte zu stählen, nein, das Spiel ist auch ein wichtiger Erziehungsfaktor. Beim Spiel zeigt sich, wer ein Kerl ist, wer Mut hat und wer ehrlich handelt. Beim Spiel geht selbst das zurückhaltendste Mädel aus sich heraus. Gerade das Spiel spornt zum Anspannen der Kräfte und zum Durchhalten an.
Eine in Sportschulen ausgebildete Sportwartin
überwacht den Sportnachmittag der Schar. Ihre Aufgabe ist es, darauf zu achten, daß sich keine überanstrengt, daß Müllers Ursel die Jacke anzieht, wenn es kühl wird, und Ilse sich nicht auf den feuchten Boden setzt und die wilde Hilde nicht über den Zaun klettert und überhaupt niemand von der ganzen quicklebendigen Jungmädelschar irgendwelche Dummheiten anstellt. So eine Sportwartin hat schon ihr Maß an Verantwortlichkeit, aber sie trägt es gerne und erlebt viel Freude bei ihrer Arbeit. Die Eltern können ruhig mit ihren Sorgen und Wünschen zu ihr kommen. Sie werden sehen, daß ihre Kinder in guten Händen sind.
Heimnachmittag im Frühling.
NSG. Heimnachmittag! Die Sonne schien, und in den Vorgärten blühten Schneeglöckchen und Krokus. Wir sind auf den Galgenberg gegangen, da scheint die Sonne am wärmsten. Zuerst haben wir ein Lied gelernt: „Im Märzen der Bauer die Röß- lein anspannt". Das paßte so gut, weil gerade unten auf dem Weg ein Kastenwagen daher geholpert kam. Rößlein waren's nun nicht, sondern zwei schöne braune Kühe. Manchmal rief der Bauer: „Haar hott!" Das konnten wir oben auf dem Berg hören.
Dann haben wir ein Märchen gespielt: „Dornröschen". Gisela machte den König und Hilde die Königin. Sie sahen beide sehr würdevoll aus, denn sie wandelten in großen Wolldecken, die wir zum Draufsitzen mitgebracht hatten, einher. Der Prinz trug eine goldbraune Samtjacke (nach links umgekehrte Kletterweste); sein Dornröschen aber war das Feinste von allen mit seinen langen, offenen Haaren und dem Kranz von grünen Blättern. Alle schienen sehr bei der Sache und spielten wundervoll. Besonders der dicke Koch, er gab seinem Küchenjungen eine solch edjte Ohrfeige, daß Flöhchen am liebsten richtig geheult hätte. Aber jetzt kam ja der hundertjährige Schlaf, so schnüffelte Flöhchen nur ein bißchen mit der Nase
Als das Märchen zu Ende war, find wir in den Ausfichtsturm gegangen, und unsere Führerin hat von dem Sinn des Märchens gesprochen: daß das Dornröschen — oder die Erde — durch den Zauber der bösen Fee in einen tiefen Winterschlaf fallen muß, um endlich doch von dem Prinzen Fahling erweckt zu werden.
Wir haben dann noch lange in dem Tempelchen gestanden, auf die Gärten im Tal herabgeschaut und gesungen:
„Jetzt fängt das schöne Frühjahr an und alles fängt zu blühen an auf grüner Heid und überall!"
Großfilmausnahme.
Ein lustiger Abend im Heim
Kurz — lang — kurz schrillt das letzte Klingelzeichen, bebrillte Kurbelkästenmänner sausen durch den Raum, gestikulierend und märchenhaft große Sprachtrichter schwingend, in der Ecke sitzend der Dramaturg und Regisseur, fieberhaft das Drehbuch des zweiten Teils ausarbeitend. Preffemänner, Filmbetrachter stehen bleistiftdrehend bei den Unter» regiffeuren, die zum hundertsten Male das Publikum um Ruhe anbrüllen. Grotesker Anblick.
Im trüben Licht der blauumhangenen Taschenlampe schleicht der Mörder, unheimlich bleich, verwegen, Brotmesser in der Rechten, auf das Oufer zu. Nein, zunächst auf die Haustür, die allerdings nur luftartig angedeutet ist. Mit einem infernalischen Grunsen stößt er die Tür auf und zum allerhöchsten Erstaunen des Publikums schleicht er jetzt katzenartig eine Wendeltreppe hinauf, immer int Kreise.
Plötzlich unterbricht die heisere Stimme des Oberregisseurs die Stille: „Haaalt! Nochmal zurück! Mensch, harn Sie 'n Knall? Viel langsamer und finsterer, wenn ich bitten darf, Herr Mörder. Noch finsterer, oh, noch viel viel finsterer, bitte. So ungefähr, jaaa. Nehmen Sie das Messer zwischen die Zähne. Und Ihre Augen, Kerl, furchtbarer; Sie haben einen seelischen Kampf, nein, nicht mit den Augendeckeln klappern. Soo — sehr gut. Und Sie, Opfer, worauf warten Sie denn eigentlich? Hoch die Birne. Entsetzen, mehr Entsetzen, bitte sehr, Stiel- äugen, ganz recht so!"
Die Lampe geht an, das Publikum biegt sich die Regisseure rennen, der Filmkritiker jagt den Füll- Halter übers Papier. Ein Kameramann geht zum Oberregisseur und gesteht voller Scham,' daß sich eine Schraube gelockert hätte, die Aufnahme müsse wiederholt werden.
Zunächst folgen aber noch Einzelproben, daß die Schauspieler schwitzen. Dann eine Hauptprobe, die vom Gebrüll des Publikum und vom Fluchen der Schauspieler unterbrochen wird. Nach der General- probe, in der der Mörder zwölfmal die Wendeltreppe hinaufschleichen mußte, weil dem Oberregisseur die Szene nicht zu ..finster" gewesen ist, sagte der Mörder knurrend: „Wenn's jetzt nicht losgeht, könnt ihr mir auf'n Kopp blasen."
Zum zweiten Male kam der Kameramann und erklärte dem Regisseur, daß das Filmband alle wäre. Im Anschluß daran sollen Schauspieler und Regisseur in Meinungsverschiedenheiten geraten fein, bei denen letzterer mit „blauem Auge" davon- gekommen sein soll. — Das Publikum brüllte.
F.J.T.


