Ausgabe 
10.2.1937
 
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Arabien und Indien vertreten »ar. Die politische Strategie Italiens gegenüber dem Islam patzt sich den bestehenden Machtverhältnissen an, und man weitz in Rom, daß man heute ein erobertes Land anders befrieden und damit endgültig in seinen Be­sitz bringen muß als vor Jahrhunderten, ja noch vor Jahrzehnten. Ohne Zweifel, das ist moderne Kolonisation. F. E.

Ein neuer Mmura-Prozeß in Kattowitz.

Kattow itz, 9. Febr. (DNB.) Vier Tage ver­handelte das hiesige Bezirksgericht gegen die 36 Angeklagte in einem neuen Maniura-Prozeß. Die Anklage lautete auf Hochverrat nach § 97 des polnischen Strafgesetzbuches. Bei den Angeklag­ten handelte es sich durchweg um polnische Staatsangehörige, die sich zum überwie­genden Teil zum polnischen Volkstum bekennen und ihre Aussagen auch in polnischer Sprache machten. Die Anklage warf den Beschuldigten vor, dem G e - heimdienst des Maniura angehört und dessen Bestrebungen unterstützt zu haben, Gebiets­teile aus dem polnischen Staatsgefüge abzutrennen. Die meisten Angeklagten standen vor Gericht, weil ihre Namen in einer Liste verzeichnet wa­ren, die bei einem Angeklagten aus dem ersten Prozeß gefunden wurde. Alle erklärten, nicht zu wissen, wie ihre Namen auf diese Liste gekommen seien. Sie hätten von dem Bestehen des sogenannten

Geheimbundes erst Kenntnis erhalten, als die Zei­tungen über die ersten Verhaftungen berichteten. Einige, die dem sogenannten Ge- heimbund angehörten, sagten aus, daß sie den An­gaben des Maniura Glauben geschenkt hätten, der ihnen Arbeit und Brot versprochen hätte. Die Bestrebungen des Maniura seien ihnen nicht bekannt gewesen.

AlsBelastungszeuge" trat ein Bergmann Mor- 3 e k auf, der für den Geheimbund des Maniura geworben hat und dennoch als Zeuge vor Ge­richt erschien. Der Angeklagte aus dem ersten Pro­zeß, bei dem die Namensliste gefunden worden war, erklärte, daß es sich dabei um die L i ft e einer legal bestehenden deutschen Or­ganisation gehandelt habe und nicht, wie die die Anklage behauptet, um eine Mitgliederliste des Geheimbundes des Maniura. Die auf der Liste ver­zeichneten Personen säßen unschuldig auf der Anklagebank. Der Staatsanwalt war jedoch der Ansicht, daß sämtliche Angeklagten schuldig seien. Er lasse jedoch mildernde Umstände gelten, da Not und Arbeitslosigkeit, aber auch mangelndes Natio­nalgefühl die Angeklagten bewogen hätten, dem Geheimbund beizutreten. Der Strafantrag lautete auf Gefängnisstrafen von zwei bis fünf Jahren. 24 Angeklagten wurden für schuldig befunden, fünf freigesprochen Der Hauptangeklagte erhielt zweiein­halb Jahre Gefängnis. Sämtlichen Verurteilten wurden die bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre aberkannt.

Nationale Fortschritte in Andalusien.

Salamanca, 10. Febr. (DNB. Funkspruch.) Vom Sonderberichterstatter des DNB. Aus dem Hauptquartier wird bekannt, daß die spanischen Nationaltruppen im Verlaufe des Dienstag d i e Stadt Velez Malaga und den Ort Torre del Mar, beide etwa 30 Kilometer östlich von Malaga nahe der Küste liegend, eingenommen haben. Die nationalen Truppen haben bereits über tausend Säcke Mehl nach Malaga geschickt. Sie beabsichtigen, Brot und andere Lebensrnittel frei verteilen zu lassen. Ueber 5000 Flüchtlinge, die unter der bolschewisti­schen Herrschaft Malaga verlassen hatten, wollen die britischen Flottenbehörden bitten, ihnen für die Beförderung von Algeciras nach Malaga ein Kriegsschiff zur Verfügung zu stellen. Der Her­zog von Sevilla, Militäroberbefehlshaber von Algeciras, ist vorläufig zum Militärgouver­neur von Malaga bestimmt worden. Als Zivilgouverneur ist der Befehlshaber der Guardia Cioil, Hauptmann Altel, eingesetzt worden.

Auch die Telephonverbindung mit Madrid unterbrochen.

London, 10. Febr. (DNB. Funkspruch.) Seit Dienstagabend ist die Teleponverbindung London Madrid unterbrochen. Ein Sonderberichterstatter desDail yExpreß" in Ma­drid hat seine Meldungen schon nicht mehr durchgeben können. Die Unterbrechung der Telephonverbindungen hängt mit dem Vorstoß der nationalen Truppen auf die letzte große Verbindungsstraße MadridValencia zu­sammen.

Panik bei den Volschewisten.

Salamanca, 10. Febr. (DNB. Funkspruch.) Im Verlause der Säuberungsaktionen in der Pro­vinz Malaga haben sich in der Nacht zum Diens­tag mehrere Hund er Bolschewisten, die in den Gebirgen um Malaga herum Zuflucht ge­sucht hatten, den Truppen des Generals Franco ergeben. In Almeria entstand bei der An­kunft der aus Malaga geflüchteten bolschewistischen Milizen eine große Panik. Es wurde sofort die allgemeine Mobilmachung angeordnet. Alle Männer zwischen 15 und 60 Jahren wurden zur sofortigen Befestigung der nach Almeria führen­den Straßen ausgehoben.Oberst" Villada, dem die bolschewistischen Milizen in Malaga unterstan­den, ist ins Ausland geflohen. Er hat sich geweigert, weiterhin unter dem Befehl feiner Ge­sinnungsbrüder von Valencia zu kämpfen. Auch der Oberhäuptling der bolschewistischen Banden im Süden,General^ Martinez M o n j e, ist abge - setzt worden. An seine Stelle wird ein sow- jetrussi scher (!) Militär treten, dem auch die Verteidigung von Jaen und Almeria übertragen werden wird.

Die Einnahme von Malaga durch die nationalen Truppen hat auch in Barcelona eine wahre Panik hervorgerufen. Die Bolschewisten von Kata­lonien haben einen Aufruf an d i e Bevölke­rung erlassen, in dem gefordert wird, sofort eine Sonderformation zur Verteidigung Barcelonas aufzustellen und dieallge­meine Dienstpflicht" einzusiiren. Der Bol­schewistenhäuptling Companys erklärte, es feien bereits Maßnahmen ein geleitet worden, um alle Einwohner Barcelonas zum Frontdienst zu zwingen.

Anarchie in Varcelona.

Die Eindrücke

von radikalsozialistischen Abgeordneten.

Paris, 9. Febr. (DNB.) Die radikalsozialistische Kammerfraktion hat den Bericht vier ihrer Mit­glieder angehört, die eine Studienreise nach Katalonien unternommen hatten. In Barce­lona, so erklärten sie, herrsche vollkommene Anarchie, die bolschewistische Leitung habe j e d- wede Autorität verloren, die in die Hände der Anarchisten übergegangen sei. Mehr als 15 0 0 0 Hinrichtungen hätten stattge­funden und selbst der kleinste Kaufmann werde von den anarchistischen Elementen terrorisiert, die an der Front fahnenflüchtig geworden seien und heute in der katalanischen Hauptstadt Plünde­rungen organisierten. Die Abgeordneten waren der Ansicht, daß die spanischen Wirren ohne die ausländischen Freiwilligen" sehr bald beendet sein würden. Denn die Milizen beteiligten sich immer weniger an den militärischen Opera­tionen. Die Absicht der französischen Abordnung, auch Valencia einen Besuch abzustatten, um ihre Eindrücke zu ergänzen, konnte nicht üurchge- führt werden, da die Bolschewisten einfach nicht in der Lage waren, ihnen die Reise zu ermög­lichen. Ein Abgeordneter erklärte offen, daß er die Nationalregierung in Burgos den Anarchisten in Barcelona vorziehe, obgleich er kein Anhänger General Francos fei.

Die Tatsache, daß vier Mitglieder einer franzö­sischen Regierungspartei öffentlich die bolschewistische Schreckensherrschaft in Spanien ans Licht rücken und verurteilen, ist bemerkenswert. Was werden aber die übrigenKameraden der Volksfront", vor allem die Kommunisten, zu diesen Wahrheiten zu sagen haben?

An die Volschewiken-Freunde in England.

Ein Mahnruf derMorning Post".

London, 10. Febr. (DNB.-Funkspruch.)Mor- ning Post" schreibt u. a.: Unserer Ansicht nach würde es ein unermeßliches Unglück nicht nur für' Spanien, sondern auch für Europa und

Die Haushaltsführung -er Gemeinden.

Nichtlinien des Reichsinnenministers fordern eiserne Sparsamkeit.

Berlin, 9. Febr. lieber die Haushaltsführung der Gemeinden und Gemeindeoerbände im Rech­nungsjahr 1937 hat der Reichsminister des Innern einen Runderlaß herausgegeben, in dem es u. a. heißt: Die neuen großen Ausgaben, die das Reich insbesondere im Rahmen des Vierjahres­plans übernommen habe, erforderten in immer stärkerem Maße eine Verlagerung der hierfür not­wendigen Mittel und Kräfte auf das Reich. Das bedeute für Länder, GemeiNdeverbände und Ge­meinden auch im kommenden Rechnungsjahre der Zwang zu eiserner. Sparsamkeit, um so mehr, als die Realsteuerreform eine tief­greifende Umgestaltung des Finanzausgleichs zwi­schen Land und Gemeinden erforderlich mache. Da der einzelnen Gemeinde keineswegs die bis­herige Gesamteinnahme an Ueberweisungs- und eigenen Steuern gewährleistet werden könne, müsse schon aus diesem Grunde jeder Gemeindeleiter be­sorgt sein, den künftigen Haushaltsausgleich nicht durch Uebernahme neuer Verpflichtungen zu gefähr­den. Diejenigen Gemeinden, die infolge günstiger struktureller Verhältnisse ihrer Wirtschaft von jeher ein überdurchschnittlich gutes Steueraufkommen auf­gewiesen hätten, müßten mit einer gewissen Kür­zung ihrer Reichssteueranteile ober Finanzzuschüsse zugunsten wirtschaftlich schwacher Gemeinden rech­nen. Die Gemeinden müßten mehr als bisher schon im Hinblick auf die Durchführung des Vier- jahresplans daran denken, ihre Tarife für Elektrizität, Gas und Waffer, soweit in ihnen Finanzzuschläge enthalten seien, im Rah­men des Möglichen zu senken, insbesondere die

Gemeinden, die ihre Tarife in den Krisenjahren zu Zwecken des Haushaltsausgleichs erhöht hätten.

Jeder Ausgabenzweck und jeder Haushaltsansatz sei sorgfältig auf feine unabweisbare Not­wendigkeit zu prüfen. Alle neuen Ansätze und Erhöhungen gegenüber 1936 müßten tunlichst vermieden werden. Bei der Veranschlagung dürfe nicht der Umstand entscheidend sein, daß die finanzielle Leistungsfähigkeit etwa manches an sich wünschenswerte und nützliche, aber nicht unbedingt lebenswichtige Vorhaben zuließe. Selbstverständlich könnten keine Ausgaben gestattet werden, die zu einer weiteren Verschuldung führen müßten. Aus die Veranschlagung der einzelnen Haushaltsansätze könne noch viel größere Sorgfalt verwendet wer­den als bisher.

Eine gewisse freiere Bemessung der Ausgaben­ansätze könne als für die Zukunft des deutschen Volkes lebenswichtig für bie Heimbeschaffung der Hitler-Jugenb, für bie Berufsschu° l e n unb bie Straßenunterhaltung (im Rahmen früherer Erlasse unb Gesetze) in Frage kommen. Alle Ersparnisse unb Mehreinnahmen müßten unter Dermeibung jeber Steuer» fenfung restlos ber Rücklagenbilbung unb zusätzlichen Schuldentilgung zugeführt werben. Wenn es 1935 gelungen sei, ben Schulden- ftanb der deutschen Gemeinden um rund 250 Mil­lionen herabzudrücken, und ein gleiches Ergebnis auch für 1936 zu erwarten stehe, so müsse es das gemeinsame Ziel für 1937 sein, diesen Betrag zu verdoppeln, damit zunächst wenigstens bie außer­gewöhnliche Erhöhung der Schuldenlast in den Krisenjahren wieder gänzlich beseitigt werbe.

die Zivilisation bedeuten, wenn die wilde und gottlose Tyrannei, sie für sich in Anspruch nimmt, das spanische Volk zu verkörpern, in diesem Kampf auf Leben unb Tob siegen sollte. Die Be­hauptung, daß diejenigen, deren Ausschreitungen unb Grausamkeiten alles geschänbet haben, wofür Christentum unb Zivilisation eintreten, bie Vor­kämpfer für Freiheit unb Demokratie sein sollen, ist eine boshafte Täuschung ober ein unverschämter Betrug. Es gibt keine Frei­heit ohne Gesetz unb keine wirkliche Demokratie ohne Disziplin.

Diejenigen, bie gerabe im Bolschewismus, wie er in Sowjetrußlanb burchgeführt wird, eine Verteibigung von Freiheit unb D e - mokratie zu sehen behaupten, schließen ihre Augen gegenüber ben Tatsachen in Sowjetrußlanb, genau so, wie sie es gegenüber benen in Spanien tun. Nicht weniger verkehrt als ihre Gleichgültig­keit gegen bolschewistische Bluttaten ist ihre heftige Entrüstung über irgenbein Blutvergießen burch die Gegner ber Bolschewisten. Es erscheint notwenbig, darauf hinzuweisen, baß es, um einen bestimmten Typ von Engländern in Wut zu bringen, genügt, wenn irgend jemand von den Nationalen vor Gericht gestellt unb zum Tode verurteilt worben ist. Hat aber irgend jemand protestiert, als Melquiades A l v a r e z , der führende Madrider Rechtsanwalt, von den Bolschewisten ermordet wurde? Er war das Haupt ber liberalen demokra­tischen Partei, Professor in Madrid, Präsident ber Cortes unb eine ganze Generation lang ber Haupt­führer ber spanischen Liberalen.

Ungeklärte Lage in Gchensi.

Die kommunistischen Heerhausen im Besitz großer Waffenvorräte.

Peiping, 9. Febr. (DNB.) Wenngleich der Rückzug der meuternden Streitkräfte nördlich des Wei-Flusses ben Regierungstruppen einen reibungs­losen Einmarsch in Sianfu ermöglicht hat, so blei­ben boch alle wesentlichen Probleme, die die Meu­terei in Scheust aufgeworfen hat, ungelöst. Die Mehrzahl ber Rebellen hat strategisch günstige Po­sitionen bezogen. Während ihrer zweimonatigen un­gestörten Herrschaft in Sianfu haben bie Meuterer f a ft den ganzen Bestand des dortigen Maffen- und Munitionsdepots, das das zweitgrößte Waffendepot des chinesischen Hee­res war, fortgeschafft. Diese Waffenbestände stehen nun den kommunistischen Heerhaufen zur Verfügung, die niemals annähernd so gut ausge­rüstet gewesen sind wie jetzt. Der Zusammenhalt

zwischen der Armee des Marschalls Tschanghsue- Hang, den Truppen des Generals Danghucheng und ben kommunistischen Banden scheint unvermindert fortzubestehen. Es heißt, daß bie Führer in ihrem neuen Hauptquartier beschließen werden, alle wei­tere Maßnahmen von ber Rückkehr Tschanghsue- Hangs abhängig zu machen. Für ben 15. Februar ist eine Sitzung bes Zentralvollzugsrates vorge­sehen, auf der ber Schensi-Konflikt beigelegt wer­ben soll. Es steht aber jetzt schon fest, daß einige führende Persönlichkeiten Nordchinas an der Sitzung des Vollzugsrates nicht teilnehmen werden. So wird der Vorsitzende des Hopei-Tschachar-Aus- schusses, Sungtscheyuan, lediglich einen Ver­treter entsenden. Die Teilnahme des Marschalls P e n h s i s ch a n steht auch noch nicht fest.

Der japanische Kriegsminister zurückgetreten

Tokio, 9. Febr. (DNB.) Am Dienstag wurde überraschend bekannt, daß General Nakamura als Kriegsminister zurückgetreten ist. Sein Rücktritt wirb mit Krankheit begrünbet. Zum Nachfolger ist General Sugiyama, bisher Chef des militäri­schen Erziehungswesens, ernannt, ber schon für die­sen Posten vorgeschlagen wurde, aber zugunsten Na- kamuras ablehnte. Mit der Ernennung Sugiya- mas dürfte sich der E i n f l u ß b e s H e e r e s auf die Regierung noch verstärken, da ber neue Kriegs­minister ein entschiedener Vertreter ber starken Po­litik ber Wehrmacht gegenüber parlamentarischen Einrichtungen ist.

Erschreckende Verhältnisse in den englischen Notstandsgebieten.

L o n b o n , 10. Febr. (DNB. Funkspruch.) Ein Ausschuß ber Labour-Party bereift zur Zeit die Gegend von Glasgow und Westschottland. Im News Chronicle" gibt ein Ausschußmitglied seine Eindrücke wieder. Die wirtschaftlichen Verhältnisse hätten sich hier im Vergleich zu Südwales inner­halb der letzten Jahre zwar gebessert, aber er habe dennoch Häuser gesehen, in denen in einem einzigen Raum große Familien leb­ten. In einem Hause habe er in einem Rimmer eine Familie mit 16 Köpfen gefunden: Vater, Mutter unb 14 Kinber. Der älteste Sohn sei 32, bie älteste Tochter 28 Jahre alt. Daß dieser Fall nicht vereinzlt dastehe, zeige ein anderes Bei­spiel, wo in einem Zimmer eine Witwe mit ihrer 18jährigen Tochter, einem 8jährigen Knaben, dazu Vater und Großvater der Mutter, lebten.

Jonny spielt Lotterie.

Eine Geschichte von Peter Mattheus.

Der Wecker rasselte los. Um sieben Uhr morgens. Jonny fuhr in die Höhe und gab ihm mit der Faust eines auf ben Kopf. Es war einer von ben neuen Patentweckern, bie die Sperrvorrichtung oben ha­ben. Dann saß er in völliger Dunkelheit eine Weile aufrecht in den Kissen, blinzelte mit den Augen und dachte angestrengt nach. Da war das Ende eines Traumes, aus dem bas blöde Gerassel ihn jäh herausgerissen hatte. Er bemühte sich, noch ein­mal einen Zipfel davon zu erwischen.

Donnerwetter!" sagte er plötzlich.Donnerwetter das muß ich mir unbedingt aufschreiben."

Er knipste das Licht an, fegte aus dem Bett, er- aatterte irgendwo ein Stück Papier unb suchte ha­stig in ben Taschen seines Anzuges nach einem Bleistift. Enblich hatte er ihn gesunden.

Drei Zweien malte er hintereinander auf das Papier. Dann eine Fünf unb eine Sieben. Dann stutzte er.

Hm war das Letzte nun eine Null ober eine Neun?" Sein Gesicht zog sich in die Länge.Sah eigentlich aus wie eine Neun. Kann aber auch eine Null gewesen sein ... Teufel ich triegs nicht mehr zusammen."

Er warf ben Bleistift hin, fuhr sich mit ben Hänben ins Haar unb schloß bie Augen. Es nützte nichts. Ganz klar konnte er die Zahl nicht mehr sehen.

Schließlich zuckte er resigniert bie Achseln, klemmte sich Kamm unb Bürste unter ben Arm unb verschwanb ins Badezimmer.

Mit Gewalt kann man Träume eben nicht zurück­zaubern. Kann man halt nichts machen.

Um halb neun trabte Jonny durch bie winter­lichen Straßen ins Geschäft. Er war Disponent in einer Chemikalienhandlung. Nette Stellung. Und auskömmlich. Unb kürzlich hatte ihm ber Abtei­lungsvorsteher sogar angebeutet, baß er eine kleine Gehaltszulage zu erwarten habe. Wahrscheinlich schon am nächsten Ersten. Alles in allem also kein Grund, traurig zu sein. Jonny war auch nicht traurig.

Mit einem Mal blieb er stehen und guckte starr auf bie anbere Straßenseite hinüber. Da war ein Laden mit einer Reihe bunter Zettel im Fenster. Aus dem Schild stand: Staatliche Lotterie-Einnahme.

Ziemlich eilig segelte Jonny über den Damm unb guckte sich bie vunten Zettel an. Lauter Lose. Vier­zehn Stück. Ein Schild verkündete: Heute letzte Ge­legenheit! Morgen Ziehung!

Plötzlich wurden seine Augen groß und rund. Er hielt unwillkürlich den Atem an. Wie war bas? Was für eine Nummer stand da auf dem einen Los? Zwei, zwei, zwei, fünf, sieben, null ...

Jonny öffnete ben Munb unb vergaß, ihn wie­der zuzumachen.

In der nächsten Sekunde sauste er in ben Laden, unb gleich darauf erschien ein hübsches blondes Fräulein hinter der Scheibe und nahm bas Los mit ber Nummer 222 570 ab.

Drinnen drehte Jonny das Los unentschlossen hin und her.Ja, wenn ich nur wüßte ..." mur­melte er.War bas nun eine Null? Oder war es am Ende doch eine Neun?"

Wie bitte?" fragte das Fräulein verwundert.

Ach so ja, bas können Sie natürlich nicht wissen", sagte Jonny.Ich habe nämlich geträumt. Ich habe geträumt, ich hätte ein Lotterielos in ber Hanb, und gerade, als ich mir die Nummer ansah, klingelte ber dämliche Wecker, und ich wachte auf. Und nun weiß ich nicht: war die letzte Ziffer eine Null ober eine Neun. Alles andere stimmt. Was soll ich tun?"

Man soll", sagte bie junge Dame lächelnd,bas Glück ba packen, wo man es trifft. An Ihrer Stelle würde ich das Los nehmen."

Hm", machte Jonny und blickte ihr versonnen in bie Augen. Es waren sehr schöne Augen. All­mählich merkte er das. Sie waren grau, tief dun­kelgrau nicht so verwaschen, wie man es oft fin­det. Unb sie hatten sehr lange Wimpern.

Ja, ich nehme bann also das Los", sagte Jonny mit einmal sehr rasch. Ein Blick auf bie Uhr zeigte ihm, baß er noch fünf Minuten Zeit hatte. Er zahlte unb fing ein Schwätzchen mit ber Dame an.

Obwohl eine große elektrische Uhr birekt vor sei­ner Nase an ber Wanb hing, und ber Zeiger mah­nend von einem Strich auf ben anderen hüpfte, wurden aus ben fünf Minuten zehn Minuten. Er mußte nachher ganz gewaltig rennen, um noch rechtzeitig ins Geschäft zu kommen.

Am nächsten Nachmittag kam Jonny ziemlich atemlos in den Laben gestürmt.

Nun?" fragte er schon von ber Tür her.

Die junge Dame machte ein bekümmertes Gesicht unb hob bie Schultern:Sie müssen sich geirrt haben", sagte sie.Eine Null kann es nicht gewesen sein."

Dann also boch eine Neun", meinte Jonny bitter.

Auch nicht." Die junge Dame schüttelte ben Kopf.Es ist überhaupt kein Los gezogen worben mit einer annähernd ähnlichen Nummer. Mir scheint, Ihr ganzer Traum war ein Irrtum."

Oh!" sagte Jonny.Gar keine ähnliche Num­mer? Sowas?"

Er holte das Los aus ber Tasche unb ging ge­meinsam mit der jungen Dame noch einmal bie Ziehungsliste burch. Natürlich waren ihre Köpfe dicht beisammen dabei. Ließ sich gar nicht vermei­den. Und Jonny sagte, die Augen fest auf bie Zah­len gerichtet, daß er maßlos enttäuscht und schreck­lich troftbebürftig sei. Und ob die junge Dame nicht vielleicht ...?

Das tut mir leid", entgegnete die junge Dame kühl.Ich fürchte, daß ich wenig Talent zum Trösten habe."

Jonny biß sich auf die Lippen unb würbe rot.

Er machte ein so zerknirschtes und unglückliches Gesicht, daß bas blonbe Fräulein milber wurde und sich halb unb halb zu Verhanblungen herbeiließ. Die grauen Augen blickten nicht mehr, ganz so streng.

Unb schließlich kam boch noch eine Derabrebung für ben Abenb zustande.

Es wurde ein reizender Abend. Sie aßen gemein­sam in einem kleinen Restaurant und tranken eine Flasche Wein dazu. Sie entdeckten dabei, daß sie dieselben Speisen mochten, und daß sie beide eine Vorliebe für Rheinwein hatten. Das fei merkwür­

dig, sagte Jonny verträumt. Diese Ueberemstim- mung sei entschieden merkwürdig.

Das einzig Bittere für ihn war, daß die junge Dame hartnäckig darauf bestand, ihren Anteil an der Mahlzeit selbst zu bezahlen. Er stritt heftig mit ihr. Aber schließlich mußte er nachgeben.

Dann weil es viel zu früh war, schon nach Haus zu gehen siedelten sie in ein Cafä über, in dem eine berühmte Kapelle spielte. Sie tanzten fleißig. Er sagte, sie tanze außerordentlich leicht, und sie sagte, er führe gut. Zwischendurch saßen sie sich an ihrem Tischchen gegenüber und sahen sich an. Manchmal redeten sie, unb manchmal schwiegen sie. Eigentlich schwiegen sie recht häufig.

Dann nun war es keineswegs mehr allzu früh begleitete er sie nach Haus. Gemächlich bummelten sie burch stille menschenleere Straßen. Es hatte geschneit. Eine bünne Schneedecke dämpfte ihre Schritte.

Sehr zaghaft hakte sich Jonny bei ihr ein.

Es ist nur, weil es so glatt ist, Fräulein Lotte", sagte er mit etwas heiserer Stimme.Ich habe Angst, Sie könnten fallen. Tatsächlich! Außerdem ist es ja auch ziemlich dunkel."

Wie liebenswürdig", antwortete sie lachend.So dunkel finde ich es aber gar nicht. Es kommen doch fortwährend Autos vorüber."

Das stimmte. Alle Augenblicke fegte so ein Ding vorbei, und jedesmal strichen die Scheinwerfer grell über sie hinweg. Daß vor ben meisten Häusern Asche gestreut war, erwähnten beide nicht. Jonny blieb eingehakt.

Schweigend gingen sie weiter.

Wissen Sie , sagte er plötzlich unb blieb stehen, wissen Sie, Fräulein Lotte, was ich glaube? Ich glaube, es war boch eine Null!"

Nanu! Wieso?"

Na ja", sagte Jonny,eigentlich hm eigent­lich habe ich doch gewonnen, nicht?"

Sie lächelte. Sie lächelte auch noch, als Jonny sachte seinen Arm um sie legte. Er tat es anfangs ein bißchen zögernd unb ängstlich.

Unb bann kam Gott sei Dank mal kein Auto vorbei. Mindestens eine Minute lang.

Scheinwerfer stören mitunter so entsetzlich.