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Ur. 183 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 9. August |937

Aus der Stadt Gießen.

3<b bin doch kein Karnickels

Es ist immer dasselbe, wenn Frau Lorenz ihrem Mann zum Kotelett die schöne bunte Salatschüssel vorsetzt, dann fragt er erstaunt:Was ist denn das?" Und wenn er hört:Das ist Salat von rohem Gemüse", dann kommt empört die prompte Antwort:Na, hör' mal, bin ich etwa ein Kar­nickel?" Als ob die Karnickelfrauen in der Lage wären, eine so appetitliche und farbig einladende Schüssel herzurichten, wie das Frau Lorenz, Frau Lehmann und Frau Schulze können! Meister Lo­renz hat natürlich längst vergessen, daß er zwischen 5 und 16, als er noch heimlich die Mohrrüben aus den Beeten zog, in den Schoten räuberte und das Grün vom Kohlrabi verbuddelte, damit es Mutter nicht merke, dem Karnickelzustand viel näher war, nur daß er früher instinktmäßig richtig handelte und auch die erfrischende Wirkung des rohen Ge­müses verspürte.

Es soll hier keineswegs eine Lanze gebrochen werden für eine ausschließlich vegetarische Ernäh­rung, oder sogar nur für Rohkost; die würde den meisten Menschen gar nicht bekommen. Das Klima unseres Breitengrades und die Gewohnheit erfor­dern die gemischte Kost, also Nahrungsmittel tieri­scher und pflanzlicher Herkunft in richtigem, zuein­ander abgewogenem Verhältnis. Das richtige Maß äu finden ist aber nicht jedermanns Sache, und so haben wir leider noch genug deutsche Familien, in denen Fleisch und Fett in so reichlichem Maß ver­zehrt werden, daß es ihrer Gesundheit nicht zu­träglich ist. Gerade den starken Fleischessern sei eine reichliche Beigabe von Gemüse und Früchten wenn sie es vertragen, auch in rohem Zustande! empfohlen. Gemüse und Früchte spielen in der gesunden und zweckmäßigen Ernährung für jeden Menschen eine große Rolle, ganz gleich welchen Al­ters er auch sei. Sie gehören unbedingt zur richti­gen Ernährung, und richitige Ernährung bewirkt gesteigerte Leistungsfähigkeit.

Welche Eigenschaften machen nun Gemüse wert­voll? Ihr Gehalt an Vitaminen und Mineralstoff! Dazu kommt, daß die in Gemüse enthaltene Roh­faser die Verdauungstätigkeit in natürlicher Weise anregt. Da durch den Garmachungsprozeß (Kochen, Dünsten) immer ein Teil der Vitamine verloren gebt, können wir durch Rohgenuß den Ditamin- geyalt ungeschmälert dem Körper zuführen. Ueber- dies sind Gemüse im Rohzustand appetitanregend und bewirken gesteigerten Stoffwechsel.

Um die Kauarbeit zu erleichtern, wird das Ge­müse mit einer Raffel zerkleinert und Blattgemüse in Streifen geschnitten. Bei der Mischung und Zu­bereitung kann die Hausfrau ihre Begabung, auch einen verwöhnten Gaumen zu befriedigen, ver­raten. Man macht die rohen Salate mit und ohne Oel an, kann Mayonnaise, saure Milch, oder saure Sahne nehmen, Essig oder Zitrone verwenden. Sehr schmackhaft ist die Verwendung von säuer­lichen, ungesüßten Fruchtsäften (Rhabarbersaft). Die Salate werden kurz vor der Mahlzeit angerich­tet und dürfen zubereitet über Nacht nicht stehen- ibleiben, weil dann ihr Genuß zu schweren Ver­dauungsstörungen führen kann.

Besonders gesund ist auch roher Spinat. Er wird In feine Streifen geschnitten, mit Radieschen geraf- -selt oder in feine Scheibchen geschnitten, vermengt -und als Salat zugerichtet. Mohrrüben sind etwas ibesonders Gutes für unsere Kleinen; man reibt die Mohrrüben fein und mischt sie mit geriebenen Aepfeln oder Sellerie oder auch mit beiden. Obst, «auch für reine Obstsalate, soll immer ungeschält, nur gewaschen, verwendet werden, denn durch das »Schälen gehen wichtige Nährwerte verloren. Ein »erfrischender Brotbelag ist eine Mischung von ge- rriebenen Rettichen und Aepfeln.

Und vergessen wir nicht unseren neuen, frischen »Sauerkohl. Als roher Salat mit Aepfeln oder To- miaten oder Gurken hergerichtet, kann er nicht oft »genug auf den Tisch kommen!

Dornotizen.

Tageskalender für Montag.

Gloria-Palast: Weltstadt-Varietö mit den4 Phi­lipps". Deutsche Werkstoff-Ausstellung im Saale Der Liebigshöhe von 10 bis 20 Uhr.

Venezianische Nächte.

Wer die italienische Sommerhitze nicht scheut, der ffteige getrost von den kühlen Alpenhöhen hinab, uim einige Tage in der marmorschimmernden Se- aenissima zu verbringen: er wird sich gerade mit- Len im Sommer reich belohnt finden. Tagüber bie­tet Venedig den Schatten feiner Kirchen, die Kühle "einer Paläste, die Frische feiner Seebäder am Lido. Wenn die Sonne sinkt und ihre Farbenpracht über Meer und Stadt ergießt, ist die rechte Stunde gekommen, um sich auf den schwellenden schwarzen Polstern einer Gondel niederzulassen und sanft und lautlos gleitend die einzigartige Stimmung Vene­digs zu genießen. Schon nistet sich das Dunkel in Äen schmalen Kanälen unter den schöngeschwunge­nen Brückenbogen ein, schon beginnen Vergangen­heit, Vergänglichkeit und Verfall deutlicher zu einem i»u reden. Und dann kommt die warme, sarnt- «chwarze Nacht des Südens, die nach der Hitze und Hetze des Tages nach altem venezianischem Brauch iium Lebensgenuß einlädt.

In diesen Sommernächten versammeln sich Dene- iiioner und Fremde besonders gern zu den Frei­lichtaufführungen, die in den letzten Jahren unter Mitwirkung der besten italienischen Kräfte veran­staltet werden. Ihren besonderen Reiz verleiht die­sen nächtlichen Schauspielen aber der einzigartige Rahmen! Wie viel stärker und unmittelbarer wirkt eine Komödie vcm Goldoni unter demselben Himmel, in derselben Umgebung, in der sie gedacht ist, --ls zwischen den Kulissen eines Theatersaales.L e Zaruffe Chiozzotte" ist eine derbe Volks- 'lomöbie, die im alten Fischerstädtchen C h i o g g i a . uf einer Insel der Lagune südlich von Venedig Vielt. Hier betätigte sich Goldoni einst als junger, »mödienschreibender Winkeladvokat, und dieBa- inffe" oder Händel schildert er nach seiner ureigen­en Erfahrung. Wenn auch nicht in Chioggia slbst, so findet die Aufführung der Komödie doch auf einem freien Platz der volkstümlichen Giudecca Venedigs statt. Die auf Gondeln, Dampfern und Motorbooten bei der Insel anlangenden Zuschauer viele in Frack, Uniform oder eleganter Abend- wilette müssen zu Fuß durch enge Gäßchen zum Campo San Cosmo wandern. Von den Türschwel- l-n und aus den Fenstern ihrer Behausungen sehen tie bescheidenen Bewohner der Giudecca auf den Münzenden Zug herab, und es scheint fast, als ob

Schöne Stunden der Hitler-Llrlau-er.

Bel den Beamten.

Der Freitag brachte den Kameraden der Hitler- Urlauber-Kameradschaft aus allen Teilen des Reiches wieder eine Reihe schöner Erlebnisse. Der Vor­mittag und der Nachmittag waren einem Besuch der schönen Stadt Friedberg gewidmet. Dort wurden Museum, Kirche, Burg und Polytechnikum besichtigt und auf Rundgänaen der ganze Zauber der mittelalterlichen Kleinstadt erlebt.

In den Abendstunden kehrten die Kameraden nach Gießen zurück und kamen dann nach einer kurzen Ruhepause in das Cafe Leib, um dort an einem Kameradschaftsabend des Amtes für Beamte teilzunehmen. Zahlreiche Beamte unserer Stadt und der engeren Heimat hatten sich mit ihren Angehörigen dazu eingefunden. Nach dem Ein­marsch der Hitler-Urlauberkameraden bildeten Gast­geber und Gäste bald eine große Familie.

Kreisamtsleiter Pg. Heß hieß die Urlauber- Kameraden herzlich willkommen. Er wies darauf hin, daß der Beamte heute mehr denn je erfüllt fei vom Geiste der Volksgemeinschaft und der Kame­radschaft. Kameradschaft gebe es nicht nur im Kriege; sie fei auch im Frieden zu pflegen, wenn sie da auch anderer Art fei. Der Beamte stehe heute nicht mehr außerhalb der Volksgemeinschaft und beweise dies immer aufs neue. Mit dem Wunsche, daß sich die Urlauber-Kameraden immer mit Freude an die Tage des Urlaubs in Gießen und in der herrlichen Wetterau erinnern möchten, schloß Kreis­amtsleiter Heß feine Begrüßungsansprache. Das dreifache Sieg-Heil auf den Führer die beiden gemeinsam gefangenen Nationalhymnen waren eine erneute Bekräftigung der Treue zu Führer, Volk und Vaterland.

Sodann sprach Pg. Eifert in einem kurzen Vortrag über das ThemaD e r Beamte im Dritten R e i ch". In scharf umriffenen Gedanken­gängen stellte er zunächst grundsätzliche Erkennt­nisse über das Wesen des Staates und des Volkes heraus und wies darauf hin, daß ein Volk immer eine Gesinnungsgemeinschaft fein müsse. Jedes Glied des Dolkskörpers habe seine Pflicht zu erfüllen. Die natürlichste Form des Staates fei der Volksstaat, wie er nun durch den Nationalsozialismus geschaf­fen wurde und in allen feinen Erscheinungen ver­wirklicht werde. Die Beamtenschaft fei tatkräftigster Helfer auf dem Wege zur Erreichung dieses Zieles. Das Berufsbeamtentum habe sich durch Jahrhun­derte im Dienste der Aufgaben des Staates be­währt. Die Beamtenschaft sei eine Arbeitsgemein­schaft im Dienste des Volkes geworden. Die Beamtenschaft des Dritten Reiches stehe in engster Beziehung mit dem Volke und werde es immer bleiben. Dann wies der Redner noch darauf hin, wie schon Friedrich der Große die Erkenntnis in sich trug, daß ein unbestechliches pflichttreues Beamtentum und ein wohldifzipliniertes Heer die stärksten Stützen des Staates seien. Zum Abschluß feiner Worte sprach Pg. Eifert noch in feiner Weise über den zukunftweisenden Sinn der Fahne des Dritten Reiches und des Hakenkreuzes.

Kreisschulungsleiter Michel überbrachte im Auf­trag der Kreisleitung herzliche Grüße an die Ur­lauber-Kameradschaft und wies auf den auch hier sichtlichen Beweis hin, daß unser Volk sich zu einer Kameradschaft zusammengefunden habe. Er wünschte den Urlaubern, daß sie gestärkt und erhoben von den vielen Eindrücken in ihre Heimat zurückkehren und gern an den Aufenthalt in Gießen und in der herr­lichen Metterau zurückdenken möchten.

Der Führer der Hitler-Urlauber-Kameradschaft, Pg. Hellwig, gab anschließend Aufschluß über den Sinn dieser Urlauberkameradschaft, die die Bewähr­testen aus allen Teilen des Reiches vereinige, um ihnen Gelegenheit zu geben, einen Teil Deutschlands kennenzulernen, zu dessen Neuformung sie durch kämpferischen Einsatz auch ihren Anteil beigetragen hatten. Er fand herzliche Worte des Dankes für all das Erleben, das ihnen diese Tage beschieden hatten.

Der weitere Verlauf des Abends war der heiteren Unterhaltung gewidmet. Heinrich Hub vom Stadt­theater war in großer Fahrt und unterhielt mit vielen Scherzen, von denen besonders seine Sachsen­

häuser Schnurren stürmischen Beifall fanden. Der Gesangverein der Lokomotivführer brachte unter der Leitung von Dirigent Nicolai eine Anzahl schöner Lieder vortrefflich gut zu Gehör. Reichsbahnassistent Bernhardt wartete mit ernsten und heiteren Gedichtvorträgen auf, und die Kameraden Zoll­inspektor D r n i n g und Steuerinspektor Schmitz sangen zur Laute und gaben dabei bestes deutsches Liedgut. Kameraden vom Musikzug der SA.-Stan­darte 116 trugen durch gute Musik zur weiteren Ausgestaltung der Veranstaltung bei.

Beim ASM. und bei der SA.

Am Sonntagvormittag bot das Gießener NSKK. den Hitler-Urlauber-Kameraden in zahl­reichen Personenkraftwagen einen Ausflug über Wetzlar nach Braunfels. Die Besucher wurden in Braunfels von dem stellv. Ortsgruppenleiter und dem Bürgermeister herzlich begrüßt. Dann folgte unter Führung des Kreispresseamtsleiters eine ein­gehende Besichtigung des Schlosses, wobei den Besuchern interessante Aufschlüsse aus der reichen und wechseloollen Geschichte dieses Baues und der Fürstenfamilie gegeben wurde. Nach dem Gang durch die Stadt und einem Besuch des Tiergartens, wo die Besucher von der Stadt mit einem Glas Braunfelser Bier bewirtet wurden, und nach herz­lichen Dank- und Abschiedsworten folgte die Rück­fahrt nach Gießen.

Sonntag nachmittag waren die Urlauber Gäste der Gießener SA. Um 16 Uhr marschierten sie gemeinsam mit den Gießener SA.-Kameraden unter Vorantritt des Spielmannszuges und des Musik­zuges der SA.-Standarte 11,6 vom Studentenheim aus zum Wäldchen an der Hardt, wo der Schie^- ftanb der SA. als Festplatz hergerichtet war. In Gegenwart von Brigadeführer Schmidt und Standartenführer Lutter begrüßte St.-Oberführer Fürholzer vom Hauptamt für Volkswohlfahrt die Urlauber-Kameraden und wünschte ihnen noch frohe Stunden in echter Kameradschaft. Für die Urlauber fand ein Preisschießen statt. Die zur Ver­teilung kommenden Preise waren vorwiegend Stif­tungen von Gießener Geschäftsleuten. Nur dadurch und durch die Opferfreudigkeit der Gießener Be­amtenschaft war es möglich, daß jedem Hitler-Ur­lauber ein bleibendes Andenken an Gießen mitge­geben werden konnte. Nach dem Preisschießen und der Aushändigung der Preise durch Standartenfüh­rer Lutter wurden alle Teilnehmer der Kamerad- schaftsfeier von der Feldküche verpflegt. Die Stim­mung wurde durch die flotte Musik des Musikzuges der Standarte 116 und durch has von den Braue­reien Denninghoff (Gießen) und Jhring (Lich) ge­stiftete Bier noch wesentlich gehoben. Oberführer Fürholzer versammelte die Hitler-Urlauber, be­währte Kämpfer der Bewegung aus allen Gauen Deutschlands, um sich und begrüßte jeden einzelnen mit Handschlag. Für jeden seiner alten Mitkämpfer für das neue'Deutschland fand er herzliche Worte. Nach Eintritt der Dunkelheit erstrahlte der Platz in bengalischem Licht, und bei Lampionschein ver­blieben die Kameraden noch lange in echter Kameradschaft beisammen. Kameradschaftsführer Hellwig dankte den SA.-Kameraden von Gießen für den herrlichen Tag, den er mit feinen Ur­laubskameraden verleben durfte. Oberführer Für - holzer gab zum Abschied in kurzen, kernigen Worten den Teilnehmern noch mit auf den Weg, daß sie auch weiterhin in alter, unerschütterlicher Treue zu Führer und Reich stehen sollten.

Dr. A. Noll, Gießen im La-Turbie-Rennen erfolgreich.

Bei dem in der vorigen Woche ausgetragenen Bergrennen von La Turbie in Südfrankreich war auch Dr. 2l. Noll von Gießen hervorragend be­teiligt. Er startete in seinem Sportwagen und kam hinter Heinemann-Geilenkirchen zu einem ehren­vollen zweiten Platz. Die Zeiten, Die der Erste und der Zweite der Sportwagenklasse erzielten, bedeu­teten Klassenrekorde.

sich die Rollen vertauscht und die Zuschauer zu Dar­stellern geworden wären! Glücklich auf der hölzer­nen Zuschauertribüne angelangt, ist man über­rascht durch die Schönheit des Szenenbildes: echte alte Häuserfassaden, ein Kanal mit einer echten Brücke bilden den Hintergrund. Echte Gondeln und Fischerbarken mit steilen bunten Segeln, in denen der Nachtwind spielt, beleben das Bild, und der unverfälschte Mond wirft fein mildes Licht über die Szene. Dann treten Scheinwerfer in Tätigkeit, und Schauspieler in farbenprächtigen altertümlichen Volkstrachten schaffen eine Stimmung zwischen Traum und Wirklichkeit. Es sind einfache Leute aus dem Volk, unter die uns Goldoni versetzt, Fischer und Spitzenklöpplerinnen, die denselben weichen venezianischen Dialekt sprechen, der uns nach heute so melodisch^ erscheint. Die Frauen sitzen zu Hause vor ihren Türen und klöppeln, während die Män­ner beim Fischfang draußen find. Wie so oft in den Goldonischen Stücken gibt es einen unentwirr­baren Knäuel von Klatsch, Eifersüchteleien und Intrigen, die zu einer Rauferei führen, bei der Steine fliegen und Messerklingen aufblitzen. Ader dank der besänftigenden Tätigkeit des Advokaten endet alles gut. Nach Dialogen von ungeheurer Lebhaftigkeit gibt es ein befriedigendes Ende mit Lächeln und Küssen, Gesang und Tanz.

Das Szenenbild der zweiten Goldonischen Ko­mödie ,Zl Bugiardo" ist vielleicht noch hüb­scher. Auch hier gibt es einen verschwiegenen Ka­nal mit einer hohen Brücke, auf dem sich gleich zu Beginn eine Serenade unter dem Altan zweier schöner Bürgersmädchen abspielt. Eine mit Grün und bunten Lampions geschmückte Gondel trägt die Sänger und die schönen Schwestern in ihren rei­chen Settecentokostümen beugen sich lächelnd über die Brüstung ihres Balkons. Neben dem erfin­dungsreichenBugiardo" (Lügner), dem Helden des Stückes, tummeln sich auf der Szene die tradi­tionellen Masken der italienischen Komödie Pan­taleone, Harlekin und Colombine und verleihen der Aufführung ihren typischen bunten Settecento- Charakter, der durch den hervorragenden italieni­schen Regisseur und Theaterkritiker Renato Simoni besonders gepflegt worden ist. Lampions und Mond­schein, Musik und Dialektklänge, Goldonischer Witz und alte Häuser, Brücken und Kanäle, Serenade und Rufe der im Hintergrund varbeigleitenden echten Gondolieri ja eine zufällig über die Brücke

huschende Katze und die aus allen Fenstern zu­schauenden Bewohner, dies alles verschmilzt zu einem Ganzen von echt venezianischer Stimmung.. das Heimgondeln durch die verschwiegenen Kanäle zwischen Gondeln voll Liebespaaren aus aller Her­ren Länder erscheint ganz wie eine Fortsetzung des eben Gesehenen.

Die interessanteste Aufführung ist aber wohl die des Shakespeareschen LiebesdramasRo­meo und Julia" in italienischer Fassung, als deren Schauplatz der schöne Jnnenhof des Pa­lazzo Foscari am Canal Grande gewählt worden ist. Was der Szene an Tiefe fehlt, ist hier durch einen Höhenaufbau von 27 Meter ersetzt worden, der das mittelalterliche Verona mit seinen Türmen und Zinnen darstellen soll. Als Vorbild haben die frommen Malereien primitiver Maler gedient, die in ihren Heiligenbildern auf Goldgrund die von den betreffenden Heiligen geschützten Städte in dieser phantastischen Art darzustellen pflegten. Auch die Kostüme sind nach den Gemälden berühmter Mei­ster, wie Ghirlandajo, Botticelli und Fra Anaelico, aus eigens zu diesem Zweck gewebten Stoffen herge- stellt worden. Dank den vortrefflichen Leistungen der Regie und der Schauspieler hinterläßt diese Auf­führung einen tiefen Eindruck. Sie wird hoffentlich im nächsten Sommer wiederholt werden.

Diesen Aufführungen können auf beschränktem Raum nur verhältnismäßig wenige Zuschauer bei­wohnen. Das festliche Schauspiel, das das vene­zianische Volk sich selber gibt, findet alljährlich am Vorabend des Erlöserfestes, derFesta del Redentore" statt. Zwar feiert die Serenissima heute nicht mehr wie einst ihre vielhundertjährige Herr­schaft über die Meere, durch die sie mächtig dastand, selbst bevor die Republik an den Erwerb von Landgebiet dachte ein eigenartiger Fall in der Ge­schichte. Zwar gibt es heute keinen Dogen mehr, der die symbolische Meerfahrt auf demBuzentaur" Dornimmt, die später in den berühmten Ritus der Vermählung mit dem Meere umgewandelt wurde. Aber auch das Erlöserfest geht auf eine alte Tra­dition zurück, wie übrigens die meisten italienischen Volksfeste. Als nämlich im Jahre 1576 die Pest wütete, ordnete der venezianische Senat an, daß dem Erlöser eine Votivkirche geweiht würde, die all­jährlich am dritten Sonntag des Juli von der Signoria besucht werden müsse. Zu dem Zweck wurde eine Schiffsbrücke über den Canal Grande

Abschied von Professor Kuhn.

Am Samstagvormittag wurde Prof. Dr. Phila- lethes Kuhn auf dem Neuen Friedhof zu Grabe getragen. Neben den Familienangehörigen nahmen zahlreiche Vertreter der Partei, der Universität, der Wehrmacht und der Stadt Gießen an der Bei­setzungsfeier teil. In der Kapelle des Friedhofs war der Sarg unter einer Fülle leuchtender Rosen auf- gebahrt. Neben dem Sarg hatte eine Fahnenab­ordnung der Partei Aufstellung genommen.

Eine getragene Weise für Violine, Cello und Orgel leitete die Feier ein. Dann folgte das Lied Lobe den Herren", das auf den besonderen Wunsch des Verstorbenen zu seiner Trauerfeier erklang. Dekan Sattler (Wieseck) hielt die Trauerandacht. Er schilderte den Verstorbenen in der vielfältigen Größe seines Wesens, er sprach davon, wie gerade sein Leben und seine Arbeit sichtbar gesegnet ge­wesen seien und wie nun überall da, wo die Kunde von seinem Tode hingedrungen, zu dieser Stunde seiner gedacht werde. Der Geistliche schilderte den Verewigten als einen der ältesten Mitkämpfer des Führers, als den Arzt, den Forscher und den Offi­zier, der in den Kolonien für Deutschland wirkte und stritt, als jenen Mann, der früh das Wunder der Rettung des deutschen Volkes durch den Führer erkannte und als den geistigen Wegbereiter auf dem Gebiete der Rassenhygiene, der früh erkannte, daß Gottes heilige Gesetze der Schöpfung nicht unbe­straft mißachtet werden dürfen. Ihm habe für sich und andere immer der Gedanke vor Augen ge­standen:Gedenke, daß du ein deutscher Ahnherr bist!" Mit der Bitte, neben der Trauer um diesen Mann des Lobes und des Dankes für feine Arbeit nicht zu vergessen, ihm nachzustreben, schloß Dekan Sattler seine Ansprache. Gebet und das Lied Wenn ich einmal soll scheiden" leiteten über zu den Ansprachen, die aus dem Kreise der Freunde des Verstorbenen gehalten wurden.

Prof. Dr. Pfähler sprach für die Universität. Er schilderte den Verstorbenen als einen Mann, der ganz im Dienste seines Vaterlandes wirkte, kennzeichnete ihn als den aufrechten Deutschen, der immer da gestanden habe, wo um deutsche Lebens­rechte gekämpft worden sei. Er habe in den Kolo­nien in vorderster Front gestanden und im Labo­ratorium gegen Krebs, Malaria und Schlafkrank­heit gekämpft. Als erster Nationalsozialist an der Landesuniversität Gießen sei er früh zu Adolf Hitler gestoßen, und er begleitete die Universität in das Dritte Reich. Mancher Schicksalsschlag habe ihn getroffen: Schwer habe er darunter gelitten, daß Straßburg, die Stadt, die er liebte, nicht mehr deutsch sein sollte, und schwer habe ihn die Ver­sailler Lüge von der kolonisatorischen Unfähigkeit Deutschlands getroffen. Groß aber sei seine Freude darüber gewesen, daß Deutschland nun im Ausstieg begriffen ist und dem Führer folgt. Noch manchen großen Dienst hätte der Verstorbene seinem Vater­lande leisten können. Es sei ein tragisches Geschick, daß er so frühzeitig abberufen wurde. Mit gleicher Härte und Güte zu kämpfen wie er sei die Aufgabe aller derer, die diesen Mann als Vorbild erkannten. So wie sein Leben vor dem Führer Anerkennung gefunden habe, so müßten auch wir danach streben, vor den Augen des Führers bestehen zu können. Prof. Dr. Pfähler legte sodann im Auftrage der Universität und im Auftrage des Reichsstatthalters und der Landesregierung Kränze nieder.

Der Kanzler der Universität, Prof. Dr. Hum­mel, sprach sodann für den Nationalsozialistischen Dozentenbund, schilderte den Verstorbenen als den Kämpfer für den Nationalsozialismus an unserer Universität und rühmte ihn als einen Kameraden, der allen ein Vorbild gewesen sei.

Für die Medizinische Fakultät fand Prof. Dr. P i tz e n herzliche Worte des Nachrufs, in denen er Kuhn als den vorbildlichen Lehrer, Forscher und Kämpfer schilderte. Für die Juristische Fakultät, die dem Verstorbenen die Würde des Ehrendoktors ver­liehen hatte, widmete Prof. Dr. Fröhlich dem Toten Worte der Ehre.

Für die Kreisleitung Wetterau der NSDAP., gleichzeitig auch im Namen der Ortsgruppe Gießen- Süd, sprach Kreisgeschäftsführer Pg. H o l l ä n b e r. Er kennzeichnete die wertvolle Arbeit, die der Ver­storbene im Dienste der Bewegung leistete, und versicherte, daß all das, was groß und wertvoll

geworfen, über die das Volk dem Dogen zur Kirche folgte. Am Vorabend dieses Festtages findet noch heute alljährlich eine große Volksbelustigung statt, die, wie es in Venedig nicht anders sein kann, das Wasser zum Schauplatz hat. Tausende von ge­schmückten und illuminierten Gondeln, Booten und Barken ziehen unter den geschwungenen Brücken hindurch zum breiten Canal della Giudecca, dessen schwarze Wasser die feenhaften Fahrzeuge wider­spiegeln. Auf den größeren von ihnen sitzen ganze Familien im Freundeskreise beieinander, und zwar auf Stühlen rings um einen Tisch, der mit Wein und Früchten beloben ist, wie in einer schwimmen- ben Osteria. Hin unb roieber sieht man eine ge­schmückte Privatgonbel mit befonberen oergolbeten Emblemen, beren Gonbolieri farbige Schärpen tra­gen. Aber biefer Luxus findet sich heutzutage nur noch vereinzelt, denn die schöne schlanke Gondel mit ihren elf Meter Länge wird immer mehr vom praktischen Motorboot verdrängt. Die Gondel bient hauptsächlich ben trabitionellen Liebespaaren aus aller Welt, benn Venebig lebt heute von ben Frem- ben, bte bie Spuren seiner glänzenben Vergangen­heit bestaunen. Aber auch hier tritt ber begüterte unb kultivierte Reisenbe von einst völlig hinter bem mobernen Karawanenbetrieb zurück. Wie Heu­schreckenschwärme fallen Hunberte von reifenben Amerikanerinnen, mit billigen Kollektivbilletts und Hotelschecks ausgerüstet, in Venedig ein, um scha­renweis herumgetrieben und bald weiterverfrachtet zu werden.

Den Höhepunkt des Lagunenfestes bildet das großartige Feuerwerk, das sich in den Wassern des Kanals spiegelt und die Marmorpaläste und Kirchen flammend beleuchtet. Wenn der Margen graut, wenden sich die Fahrzeuge zum Lido, um vor dem weiten Horizont des Meeres das Aufgehen der Sanne zu erwarten, wie es alter Brauch will. In den Fremdenführern steht zu lesen, daß Lauten­klang und Gesang, Chöre und Tänze das fröhliche Fest verschönen. Um die Wahrheit zu sagen, ver­missen wir jede Musik schmerzlich. Es scheint, als ob Musik nicht mehr eine spontane Lebensäuberung des Volkes wäre. Vielleicht ist die volkstümliche Kunst des Musizierens durch Grammophon und Rundfunk zerstört worden, ähnlich wie die Zeichen- Fünft durch den Photographenapparat? Oder soll­ten tiefere psychologische Gründe an diesem Ver­stummen schuld sein?. __________ A. D.