7ISL8., Kreis Gießen.
Der Bezirk Gießen-Land des NS.-Leh- rerbundes hält am morgigen Samstag, 10. April, 15 Uhr, im „Burghof" zu Gießen eine Bezirks- Versammlung ab, in der eine Reihe wichtiger Tagesordnungspunkte erledigt werden soll
Der Bezirk Grünberg versammelt sich am morgigen Samstag, 10. April, um 15.30 Uhr, im „Wilden Manil" in Grünberg ebenfalls zu einer Bezirkstagung, der eine Sitzung der Fachschaft „Volksschule" um 14 Uhr vorausgeht.
30 Jahre
im Dienste des Kreisamts Gießen.
Am gestrigen 8. April waren 30 Jahre seit dem Tage vergangen, an dem der jetzige Kreiskasserechner M a n k beim Kreisamt Gießen in Dienst trat. Herr M a n k kam als junger Mensch nach seiner Schulentlassung im Jähre 1907 zum Kreis- arnt, wo er nach mehrjähriger Beschäftigung beim Kreisbauamt im Jahre 1914 zur Kreiskasse versetzt wurde, zu deren Mitarbeitern er — abgesehen von den Kriegsjahren — seitdem ununterbrochen gehört. Am l.Juli 1934 wurde er als Nachfolger des in den Ruhestand getretenen Kreiskassendirektors Schäfer zum Kreiskassenrechner ernannt. Neben dieser beruflichen Tätigkeit wirkte er seit Herbst 1933 noch ehrenamtlich als Kreiskassenwalter der NSV., ferner als Rechner der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Gießen.
Wieder Mütterschulung in Gießen.
Nach langer Pause, in der die Lehrkräfte in den Landorten des Kreises beschäftigt waren, findet nun in Gießen wieder ein Lehrgang in Säuglingspflege vom Reichsmütterdienst statt. Die (Eröffnungsfeier vereinte die 54 Teilnehmerinnen mit ihrer Leiterin Schwester Elisabeth Müller.
Nach kurzen Begrüßungsworten von Frau Schön sprach die Kreisfrauenschaftsleiterin Frau Wrede über die Arbeit des deutschen Frauenwerks. Jede Frau, so hob Frau Wrede hervor, muß über diese, alle Frauenarbeit umfassende Organisation unterrichtet sein; von Frau zu Frau muß aufklärend gearbeitet werden, damit auch über die Grenzen hinaus die Einigkeit und Geschlossenheit der Mithilfe der Frau am deutschen Wiederaufstieg zum Ausdruck kommt. Ein wichtiges Arbeitsgebiet des Frauenwerks ist der Reichsmütterdienst. Indem er die Frau vorbereitet und unterrichtet, stärkt er die Freude und das Derantwortungsbewußtsein an der Arbeit im Haus und in der Familie.
Schwester Elisabeth Müller sprach ihre Freude aus über die große Beteiligung und die Hoffnung auf eine erfolgreiche Arbeit. Es wird ein Doppellehrgang eingerichtet. Den Raum und verschiedene Lehrmittel stellt die Kinderklinik zur Verfügung.
F. K.
** Gendarmerie-Personalie. Ernannt wurde der Gendarmeriehauptwachtmeister Heinrich Schäfer in Großen-Linüen zum Gendarmeriemeister im hessischen Landesdienst.
** Forstpersonalie. Versetzt wurde der Forstmeister Wilhelm S i e p m a n n , Forstamt Romrod, in gleicher Diensteigenschaft in das Forst- amt Alsfeld.
** Täglicher Omnibusverkehr von Gießen nach dem Schiffenberg wird in unserem heutigen Anzeigenteil angekündigt. Auf die Anzeige fei besonders hingewiesen.
Schöffengericht Gießen.
Dor dem Schöffengericht hatte sich gestern der A. W. aus Schwalheim zu verantworten. Es war ihm zur Last gelegt, am 26. 12. 1936 in einer Wirtschaft in Schwalheim über verschiedene SA.-Män- ner beleidigende Aeußerungen getan zu haben. In der Verhandlung gab der Angeklagte die Erklärung ab, daß er die Beleidigung mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknehme, und er verpflichtete sich, an das Winterhilfswerk 100 Mark zu zahlen. Weiterhin verpflichtete er sich, die Zurücknahme der Beleidigung in der Bad-Nauheimer Zeitung veröffentlichen zu lassen.
Sodann verhandelte das Schöffengericht gegen den A. K. aus Bad-Nauheim. Der Angeklagte hatte im September 1936 in Bad-Nauheim für feinen Arbeitgeber Gelder einkassiert und nicht an diesen abgeführt, sondern sie für sich verbraucht. Mit diesem Gelde war er ins Ausland durchgegangen. Der Angeklagte war in der Verhandlung in vollem Umfange geständig. Mit Rücksicht auf seine Jugend und
HundertIahre Gleiberg-Verein.
Eine Erinnerung zum 9. April.
Obgleich auf preußischem Boden geleaen, war und ist der Gleiberg nicht weniger hessisch, als preußisch. Wenn auch heute im geeinten Vaterland die Landesgrenzen der Form nach noch bestehen, so sind aber die durch sie einstmals bedingten Unterschiede und die damit verquickten Mißhelliakeiten für die Grenznachbarn gefallen. Wer den.Gleiberg von preußischer oder hessischer Seite ins Auge faßte, mußte unbedingt schon in der Vergangenheit die Feststellung machen, daß Burg Gleiberg als Beherrscherin des Gießener Beckens einfach die schwarzweißen und die rot-weißen Grenzpfähle drunten im „Leufertsroder" Gelände ignorierte, ja, so deuchte einem, geradezu als ernster Mahner zur deutschen Einigkeit hinwies. Im allgemeinen kann man auch sagen, daß sich die Gießener ebensowenig an die Grenzen störten, wie die Gleiberger uno Krofdorfer, abgesehen von einzelnen Zeitperioden, in denen die einen von den andern als von „Ausländern" redeten, was aber wohl nicht so im strengen Sinne des Wortes genommen wurde.
Männer aus Gleiberg, Krofdorf, Gießen, Atzbach und Wetzlar hatten in Förderung gemeinsamer Absichten am 9. April 1837, also vor hundert Jahren den Gleinbergverein gegründet. Die Namen dieser Gründer, die in lieber« brückuna der Landesgrenzen der Heimat einen großen Dienst erwiesen, waren: Steuerempfänger Pfeiffer in Gleiberg, v. Lesch und Meier in Krofdorf, Engisch, Winfung und Münch in Wetzlar, Colnot, Pickard, Otto und Diesterweg in Atzbach, v. Humbrach I und II auf der Hardt, Dr. Balser, Buff, Ebel, Faber, G. P. Gail, F. Heß, G. F. Heyer, Vater und Sohn, Forstmeister Heyer, Hofmann, Hoffmann, Jungk, Kempff, L. Keßler, Knorr, Dr. Mettenheimer, Dr. Nebel, I. B. Noll, v. Preu- schen, Dr. Ritgen, Dr. Schmitthenner, Seipp und Asmus, C. Silbereisen, Dr. Sundheim, Weicker und Dr. Milbrand in Gießen.
Trotz manchen Schwierigkeiten, Widerwärtigkeiten und finanziellen Sorgen mit zeitweise lahmer Vereinstätigkeit fand das Unternehmen besonders in Gießen großen Anklang, erst recht, als die Burg 1879 vom preußischen Staat in das Eigentum des Vereins überging. Immer wieder machten sich Männer aus Gießen um die Burg verdient, und ihr Andenken ist in der Dereinsgeschichte verankert. Namen wie von Ritgen, Dr. Hesse, Prof. Dr. Gareis, Dr. Klewitz, Soldan, Prof. Buchner, die Provinzialdirektoren Ufinger, Matthias und Graef und andere werden immer mitklingen, wann und wie der Gleiberg des letzten halben Jahrhunderts genannt wird. Einem treuen Gießener Gleiberg- freund gilt besonderer Dank und besondere Ehre: Oberbauinspektor Mohr, dessen Arbeit als „Burgbaumeister" unentwegt nun schon weit ins dritte Jahrzehnt geht. Sein Verdienst ist es nicht zuletzt, wenn sich heute die Ruine in anerkannt gutem Zustand befindet.
Viele und große Opfer sind von Körperschaften und aus der Bevölkerung für den Gleiberg gebracht worden, und immer und immer wieder wird es
nötig sein, wenn der heimatliche Zeuge 1000jähriger Vergangenheit erhalten bleiben soll.
Gießen und der Gleiberg klingen auch harmonischen Tones in vielen Liedern und Reimen, die, wenngleich nicht immer in gehaltvoller Qualität, doch aus begeisterungsfreudigen, für die Heimat schlagenden Herzen, entquollen. Wie oft schallten und schallen die Zechlieder durch die Räume der Burg, wie oft trägt der Wind jauchzenden Gruß vom alten Burgfried hinunter nach Gießen an der Lahn! Und wie packt manchen Gießener die Sehnsucht nach feiner Stadt und dem Gleiberg, wenn er in der Fremde weilt! Gießener Turn-, Gesang- und andere Vereine feierten manches Fest auf der Burg, und zu ihrem Empfang knallten die Böller vorm Burgtor den Willkommengruß. Ein gerade vor mir liegendes Programm aus dem Jahre 1896 zeigt ein Konzert an, das die Gießener Sängervereimgung (Sängerkranz, Liederkranz, Heiterkeit und Harmonie) unter Mitwirkung der Kapelle des Jnf.-Regt. Nr. 116 in Steins Saalbau zum Besten des Glei- bergnereins veranstaltete; die Leitung hatte Herr Franz Bauer, der heute noch — hochbetagt, sich aber körperlicher und geistiger Rüstigkeit erfreuend — in gleicher Liebe an Gießen und dem Gleiberg hängt und allen Geschehnissen beider Orte lebhafte Anteilnahme zeigt.
Wie mit der Bürgerschaft und der Universität stand und steht Burg Gleiberg auch mit dem Gießener Militär auf freundschaftlichem Fuße. Das kam u. a. bei dem zweimaligen Artillerieschießen zum Ausdruck. Und die jüngste Rekrutenvereidigung auf dem Burghof war ein Erlebnis, das allen Teilnehmern im Zivil- und Uniformrock ihr Lebtag in eindrucksvoller Erinnerung bleiben wird.
So könnten noch manche Beziehungen zwischen dem Gleiberg und der Stadt Gießen nachgewiesen werden. Doch das würde hier zu weit führen. Daß der Gleiberg verein alles tut, das ersprießliche Verhältnis Gleiberg-Gießen zu pflegen und zu fördern, ist er sich und der Heimat schuldig. Symbolhaft zeigt es sich darin, daß Kreisdirektör Dr. Lotz (Gießen) die Führung der stattlichen Mitgliederzahl aus Hessen und Preußen in nah und fern übernommen hat. Möchten doch noch viele Volksgenossen sich in den Gleibergverein einreihen, daß er allezeit in der Lage ist, die schöne Burg zu jedermanns Freude erhalten zu können.
Wie fang doch Louis Frech, dem ob seiner Gleiberglieder zum 100jährigen Gleibergjubiläum vom 4. bis 6. Juni eine besondere Ehrung zugedacht war:
„Ob die Burg im Blütenkleide, ob in grüner Sommerszeit, ob in gülbnem Herbstgeschmeide, ober märchenhaft verschneit — ob man sie auch schoß in Trümmer, und ihr viel des Leids getan:
Stolze Burg, du bleibst für immer unser Kleinod an der Lahn!"
darauf, daß der Schaden inzwischen ersetzt worden ist, verurteilte ihn das Gericht wegen fortgesetzter Unterschlagung zu einer Gefängnis st rafe von 2 Monaten. Die Strafe gilt durch die Untersuchungshaft als verbüßt.
Der G. E. aus Lauterbach hatte sich wegen fahrlässiger Transportgefährdung in Tateinheit mit einer Übertretung der Reichsstraßen-Verkehrsord- nung zu verantworten. Er befand sich am 26. 1. 37 gegen 15 Uhr mit seinem Personenkraftwagen auf der Fahrt von Gießen in Richtung Reiskirchen. Bei dem Bahnübergang der Strecke über die Straße Gießen—Reiskirchen durchfuhr er die erste der beiden geschloffenen Schranken, die durch den Anprall hochgedrückt wurde. Durch die zweite Schranke wurde er jedoch aufgehalten und blieb mit seinem Personenkraftwagen auf dem Bahnkörper stehen. Von einem gleich darauf vorbeifahrenden Güterzug wurde der Personenkraftwagen gestreift und beschädigt. Personenschaden ist durch den Unfall nicht entstanden, sondern nur geringer Sachschaden. Da der Angeklagte schon lange Jahre Autofahrer und bisher noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, verurteilte ihn das Gericht an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von 1 Monat zu einer (Selb ft rafe von 120 Mark, die im
Uneinbringlichkeitsfalle mit '-einem Tag Gefängnis für je 4 Mark zu verbüßen ist. Das Gericht war der Meinung, daß der Strafzweck in diesem Falle durch die Geldstrafe erreicht wird.
Hunbfunfprogramm
Samstag, 10. April.
6 Uhr: Mvrgenspruch, Gymnastik. 6.30: Früh- konzert. In der Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Musik am Morgen. 11.15: Hausfrau hör zu. 11.40: Nur Frankfurt: Gaunachrichten. 11.50: Landfunk. 12: Mittagskonzert. 13: Nachrichten, Offene Stellen; Nachrichten aus dem Sende- bezirk. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: „Und er fang die alte Weife..." Das Marfch- potpourri des Reichsfenders Frankfurt. 15: Volk und Wirtschaft. Allerlei Neuigkeiten. 15.15: Wir bemerken dazu ...! Leistungsabzeichen. 15.30: Wer lacht da? Ein Jungzug des Jungvolks spielt für seine neuen Kameraden. 16: Froher Funk für alt und jung. Klingende Welt des Films. 18: Sportschau. 18.30: Ausländsdeutsche Bauerntänze. 19.30: Der Zeitfunk bringt die Wochenschau. 19.55: Ruf der Jugend. 20: Nachrichten. 20.10: Münchner Abend. 22: Nachrichten.
Aus der engeren Heimat.
Der Brückenbau bei Steinbach.
-Steinbach, 9. April. Der Bau der Brücke der Reichsautobahn über d i e Straße Steinbach — L i ch schreitet mächtig fort, lieber die Führung der Zufahrtsstraße zwischen Dorf Steinbach und dem Reichsautovahnhof scheint nun die Entscheidung gefallen zu sein. Dieser Tage erhielten die Bewohner der beiden Häuser, Wilh. Weber und Karl Schneider III., Auftrag, die Häuser bis zum 1. Mai zu räumen. Die Bewohner dieser Häuser müssen zunächst Mietwohnungen beziehen, bis Ersatzhäuser gebaut sind.
Der Vorschußverein Grünberg im Jahre 1936.
+ Grünberg, 8. April. Der Vorschuß- verein ©rünberg G. m. b. H. veröffentlicht soeben seinen Geschäftsbericht für bas Jahr 1936, sein 74. Geschäftsjahr. Der Bericht spricht von einer günstigen Weiterentwicklung. So hat sich ber Umsatz gegenüber 1935 um eine Million Mark erhöht und beziffert sich auf 9,5 Millionen Mark. Die Bilanz ist um 25 000 Mark höher und liegt hart an der Grenze von 800 000 Mark. Die flüssigen Mittel werden mit 211 297 Mk. ausgewiesen und verteilen sich folgendermaßen: Kasse und Postscheck 9303 Mk., Wechsel 34 425 Mk., Bankguthaben 53 350 Mk., Wertpapiere (Bilanzwert) 114 219 Mark. An Neukrediten konnten rund 76 000 Mk. begeben werden. Das Wechsel
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geschäft hielt den Stand des Vorjahres mit einem Betrag von 119 447 Mark. An Einzugswechseln wurden 628 Stück im Betrag von 72 165 Mark vereinnahmt. Die Gesamtausleihungen einschließlich Wechseloerbindlichkeiten führen 434 Stück mit Mark 601 467,71 auf. Dabei sind über 60 v. H. der Kredite stückzahlenmäßig bis zu 1000 Mk. begeben und zeigen so, daß bas Kleinkreditgeschäft desonbers gepflegt wirb. Die Bankguthaben im Betrag von 53 350,37 Mk. finb gegenüber dem Vorjahre etwas niedriger, zürn Teil als Folge des Ankaufs von 40 000 Mk. Reichsanleihen. Demgegenüber hat das Wertpapierkonto den Stand von 114 219,37 Mark erreicht. Die Geschäftsguthaben sind auf 76 071 Mk. angewachsen. Die Spareinlagen entwickelten sich weiter günstig. Den Zugängen von rund 121OOO Mark stehen auf der anderen Seite Rückzahlungen von rund 100 000 Mark gegenüber, zum Teil Aufwertungsposten, sowie Abhebungen für Bauzwecke und für Ankauf von Wertpapieren. Die Reserven erhöhen sich nach Verteilung des Reingewinns auf 56 671 Mark. Erstmalig wird die Bildung einer Ruhegehalts- und Unterstützungsrücklage in Höhe von 10 000 Mark ausgewiesen. Das Wertberichtigungskonto zeigt infolge einiger abgewickelter Entschuldungen eine Einbuße von 1535,24 Mark. Für die noch schwebenden 27 Entschuldungsverfahren ist es mit 54 243 Mk. ausreichend vorgesehen. Der Reingewinn wird mit 5677,29 Mk. angegeben, wovon die berechtigten Guthaben 5 v. H. Dividende erhalten sollen, während der Rest zur Reserve und Betriebsrücklage zugeschrieben werden soll. Die Garantiemittel werden alsdann folgende Höhe aufweisen: Geschäftsguthaben 76 071 Mk., Reserven 46 671 Mk., Ruhegehalts- und Unterstützungsrücklage 10 000 Mk., Rückstellungen 2000 Mk., Wertberichtigungskonto 54 243 Mk., Haftsumme 131 700 Mark, insgesamt 320 685 Mk., was einer 50 v. H. zusätzlichen Deckung der anvertrauten Gelder entspricht.
Im November 1937 kann der Vorschußverein auf fein 75jcihriges Bestehen zurückblicken. Eine Gedenkfeier im Kreise der Mitglieder ist geplant. Die Zahl der Mitglieder erfuhr im Berichtsjahr einen Zugang von 43 neuen Mitgliedern, denen 19 Austritte gegenüberstehen, so daß das Jahr mit einem Stand
Skandal
um Dr.Vandergruen
Roman von Hans Hirthammer.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. S.
12. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Ach so!" erschrickt Heini. „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? — Keineswegs ausgeschlossen, daß das Fräulein noch oben ist. Als ich um ein Uhr Schluß machte, war sie jedenfalls noch nicht heruntergekommen."
Er eilt an die Portierloge und hantiert an einem altmodischen Telephon.
„Hallo, hier Zentrale! Entschuldigen Sie, Frau Schüßler, aber da ist eine Dame und ein Herr, die wollen wissen, ob das Fräulein noch da ist, das Sie gestern abend besuchte? — Wieso verrückt? — 2lch so, ja, das habe ich den Herrschaften auch gesagt. Aber sie sind beunruhigt, weil das Fräulein bis jetzt verschwunden ist. — Nein, nein persönliche Bekannte, die Dame ist eine Freundin, und der Herr ist angeblich der Bräutigam.--Jawoll,
richtig, Knack heißt er. — Kurz nach ein Uhr, sagen Sie? Ja, verflucht noch mal, wo mag sie dann bloß hingeraten sein? — Nein, ich meine, wo das Fräulein wohl hingeraten ist.--Jawohl, ich
werde es bestellen!"
„Sie sollen 'raufkommen, saat Frau Schüßler. Das Fräulein ist kurz nach ein Uhr weggegangen."
„Sonderbahr! — Also bitte, bringen Sie uns nach oben!"
„Kann geschehen!" sagt Heini. „Ich muß Sie aber einzeln befördern. Der Fahrstuhl faßt bloß zwei Personen. Dabei blinzelt er Mary verstohlen an.
Lausebengel! denkt sie und betritt lachend die Kabuse. Bis sie oben wieder, herauskommt, ist folgendes geschehen: erstens hat sie in groben Umrissen Heinis Lebensgeschichte einschließlich des Mißerfolges mit feinen zwei Bräuten erfahren, zweitens erhält sie eine ausführliche, aber nicht sehr schmeichelhafte Charakterschilderung von Herrn Knack, drittens hat sich Herr Heini Kretzschmar für
den Fall eines etwaigen Bedarfs als Kavalier und Tröster in einsamen Stunden wärmstens empfohlen (Briefe postlagernd unter H. K. 101, Postamt Königstraße).
„Machen Sie dieses Angebot allen jungen Mädchen, die Sie in Ihren Fahrstuhl bekommen?"
„Keineswegs, nur wenn die Stimme des Herzens spricht. — Hier vorne ist Zimmer sechzehn, gegenüber dem Fenster!"
„Schön, nun holen Sie meinen Begleiter!"
Heini zögert. „Wenn Sie wollen, laß ich ihn warten, bis er blau wird. Werden Sie wir schreiben?"
Mary muß nun doch ein wenig grob werden. „Lassen Sie jetzt gefälligst diesen Unsinn! Was denken Sie sich überhaupt?"
Heini verschwindet betrübt in feiner Kiste. —
Frau Schüßler bittet die Besucher, Platz zu nehmen. Sie pflegt früh aufzustehen. Außerdem hat sie heute nach verschiedenes zu erledigen, am Abend will sie abreifen.
Während Emil berichtet, hat sie Zeit, den jungen Mann einer gründlichen Musterung zu unterziehen. Das Ergebnis entspricht ungefähr dem Bilde, das sie von Herrn Knack aus Gifchs Erzählung gewonnen hat. Sie sieht feine Hände an, diese gepolsterten Wülste mit den sorgfältig gepflegten Fingernägeln. Das sind keine Arbeitshände, die ordentlich zupacken können, wenn es einmal nottut.
Wegen Gisch beunruhigt sie sich nicht. Diese übernervösen Großstadtleute, die wegen jeder Laus gleich mordio schreien! Frau Schüßler ist zu hart vom Leben angepackt worden und hat selber das Leben zu hart angepackt, als daß sie wegen Gifchs Verschwinden sich aufreqen könnte. Was soll ihr denn zugestoßen sein? Lächerlich! Den Zug wird sie versäumt und sich schon irgendwie geholfen haben!
Aber nun hat sie diesen Mosjö hier, das ist auch etwas wert. „Sie wollen also meine Nichte heiraten? Wie steht es mit Ihrem Einkommen, wenn die Frage erlaubt ist?"
Herr Knack lächelte verzeihend. „Hat Ihnen Fräulein Amelung nicht erzählt, daß ich demnächst in die Leitung des väterlichen Betriebes eintrete? Führendes Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie, Wunstkonserven und Fleischverwertung."
„Ganz schön, aber wenn die Firma nun bankrott
machen würde, auf welche Weise könnten Sie sich dann Ihr Brot verdienen?"
„Kamt ja gar nicht in Frage! Allein unsere Exportabteilung--"
„Aber gesetzt den Fall! — Wären Sie imstande sich eine neue Existenz zu gründen?"
„Warum nicht? Man hat schließlich seine Verbindungen. Es würde mir nicht schwerfallen, irgendwo in führender Stellung unterzukommen. Sie brauchen keine Angst zu haben, daß meine Frau einmal Not leiden muß."
Er ärgert sich. Blöde Fragerei! Es handelt sich doch jetzt darum, Gisch aufzufinden.
Mary bittet um die Erlaubnis, sich eine Zigarette anzünden zu dürfen. Frau Schüßler gefällt ihr.
„Wenn ich Sie recht verstehe: Sie wollen wissen, wie Herr Knack sich verhalten würde, wenn er aus irgendeinem Grunde gezwungen wäre, sich mit gewöhnlicher Arbeit die Hände schmutzig zu machen?"
Frau Schüßler lächelt. „Ja, so ungefähr."
„Ganz einfach, er würde Gummihandschuhe tragen. Nicht wahr, Herr Knack?"
„Ha, ha, sehr gut!" lacht Emil los. „Natürlich, Gummihandschuhe!" Er ist fest davon überzeugt, daß Mary mit ihrer Antwort dieser Frau Schüßler eins auswischen wollte.
Tante Liesa lacht mit. Sie gibt es endgültig auf, Herrn Knack ernst zu nehmen.
Hernach bringt sie eine ihrer schönen Ansichtskarten mit Abendrot zum Vorschein. „Besuchen Sie mich doch einmal, Herr Knack! Ich würde mich sehr freuen. Vielleicht läßt sich ein Geschäft abschließen. Wenn Sie gute Ware und nicht zu hohe Preise haben —?"
Herr Knack gerät sofort in Eifer. „Sie werden gewiß zufrieden fein. Wir zählen sehr viele Pensionen und Erholungsheime zu unseren dauernden Kunden."
„Na, also!" lächelte Frau Schüßler.
Emils Händedruck beim Abschied ist nahezu herzlich. „Und sobald Sie von Fräulein Amelung hören, rufen Sie mich doch bitte an. Weidendamm 4781, Direktion."
Frau Schüßler schreibt sich die Nummer auf.
Als sie allein ist, besieht sie nachdenklich ihre Hände, die von der Arbeit langer Jahre unansehnlich geworden sind.
„Nein, Gisch," sagt sie halblaut vor sich hin, „für diesen Mops bist du mir zu schade."
9.
„Endlich! Um Himmels willen, Kind, wo stecken Sie bloß!" Frau Pürklein weiß sich vor Begeisterung kaum zu fassen. Sie hilft Gisch aus dem Mantel, schiebt sie ins Zimmer und entwickelt eine Geschäftigkeit, mit der sie nur zu deutlich Neugierde verrät.
„Nein, der Schreck, als ich heute früh Ihr Zimmer leer sand! Stellen Sie sich bloß vor! — Und Herr Knack war schon am frühen Morgen hier. Gegen Mittag kam er noch mal, um zu sehen, ob Sie noch nicht gekommen seien. In der Fabrik, sagte er, waren Sie auch nicht. Den ganzen Vormittag hat er nach Ihnen gesucht, er wollte Sie nämlich mit dem Auto nach München mitnehmen. Aber nun sagen Sie bloß, Fräulein Amelung, wo haben Sie sich denn die ganze Zeit herumgetrieben?"
Gisch macht eine müde Handbewegung. Jetzt, wieder in ihre Welt zurückgekehrt, empfindet sie das Erlebte wie einen Spuk, wie einen wüsten Traum.
Sie befriedigt Frau Bürkleins Neugierde mit einer kurzen Schilderung ihrer Erlebnisse. Aber van dem eigentlichen Abenteuer bringt sie nichts über die Lippen. „Ich bin dann irgendwo bei Bekannten über Nacht geblieben. Habe natürlich gehörig verschlafen, und dann mußte ich noch bis zum Mittagessen bleiben."
Frau Bürklein ist offensichtlich enttäuscht. Kein Abenteuer? Keine Geheimnisse? Nichts, was man der Nachbarin und der Kaufmannsfrau unter Dem Siegel der Verschwiegenheit hätte anvertrauen können?
„Was einem alles passieren kann, nicht? — Soll ich Ihnen Kaffee aufbrühen?"
Ja, was einem alles passieren kann! denkt Gisch, und das Bild eines Mannes steigt für einen für» Zen Augenblick in ihrem Herzen auf. „Wenn Sie so lieb sein wollen?" antwortet sie, nur um Frau Bürklein endlich loszuwerden. „Ein Schlückchen Kaffee wäre nicht unrecht."
Dann steht sie am Fenster, lehnt die Stirn gegen die Scheibe und starrt auf die Straße hinab.
Vergebens sucht sie die dunkle Verwirrung zu ergründen, in die sie verstrickt worden ist. Sie fühlt noch den Druck dieser großen, starken Hände, sie sieht nach,die ernsten Augen, die eine kurze Zeit in die ihren versenkt waren.
(Fortsetzung folgtI)


