Nr. ?86 Drittes Blatt
ffiiefiener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Mittwoch, 8. Dezember |037
Aus der Stadl Giehen.
O Tannenbaum, o Tannenbaum!
Ein deutsches Weihnachtsfest ohne Tannenbaum ist uns nicht denkbar. Wir wissen, daß unsere Seele mit diesem Baum immer verbunden ist. Und deshalb grüßen wir den Tannenbaum, wenn er in diesen Tagen zu uns kommt. Er ist uns das Sinnbild des wiederkehrenden Lebens. Er hat seine grünen Nadeln nicht im Herbststurm verloren, er ging nicht zur Ruhe. Stolz steht er da, wird vorn Rauhreif herrlich geschmückt und trägt auch, wenn der Winter strenger kommt, mit Würde feine Schneelast.
Nun sollen uns diese Bäume mit ihren Lichtern und ihrem Schmuck das Herz erfreuen. Die Augen der Kinder leuchten vor Glück. Wo auch Deutsche wohnen, ein Sinnbild des Waldes muß beim Weihnachtsfest dabei fein, und wenn es auch nur ein ganz kleines Tannenzweiglein ist.
Mit Wehmut erinnern sich die Kriegsteilnehmer noch an die Päckchen aus der Heimat, aus denen ihnen beim Oeffnen ein kleines Tannenbäumchen entgegenlachte. Da war es ihnen, als ob die ganze Heimat, die Kindheit vor ihnen auferstünde! Da wurden sie selber zu Kindern. Die Bäumchen wurden aufgestellt, die kleinen Lichtlein entzündet. Weihnachtslieder erklangen aus den Unterständen. Erstaunt lauschten die Gegner auf der andern Seite auf den Gesang und sahen die kleinen leuchtenden Bäumchen. Das waren deutsche Kriegsweihnachten im Felde. Beim Anblick der Tannenbäumchen, beim Gesang uralter Weihnachtsweisen rannen den Männern die Tränen über die Wangen. So verwachsen ist die deutsche Seele mit dem Tannenbaum.
Und unterm Tannenbaum offenbart sich unsere ganze Liebe zu den Kindern, zu den Volksgenossen. Hier liegen die Geschenke, hier liegt unser ganzes Herz. Hier denken wir an die hilfsbereite Gemeinschaftsliebe ...
So wandert denn hinein in die deutschen Häuser, ihr grünen Bäumchen! Laßt euch schmücken mit buntem Flitterwerk, mit Ketten und Engelshaar, mit Weihnachtsmännern und Bildern. Ueberall da, wo kleine Kinder sind, soll das Weihnachtsbäumchen bunt sein. Vergoldete Nüsse und Süßigkeiten müssen an den Zweigen hängen. So will es das Kindesherz.
Wir alle aber vergessen eins nicht: die Lichter! Je mehr, desto schöner! Hell soll es sein in unserm Zimmer, hell soll es werden in unserm Herzen! W.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 15 bis 17.30 Uhr „Schneewittchen"; 19.30 bis 22.15 Uhr: „Der Wildschütz". — Gloria- Palast, Seltersweg: „Der Unwiderstehliche". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die glücklichste Ehe der Welt". — Naturheilverein Gießen: 20 Uhr „Katholisches Vereinshaus" Filmvortrag „Gesund durch die Natur". — Stadtkirche: 20 Uhr Bibelabend. — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 19 Uhr Weihnachts- Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Sladtthealer Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute nachmittag Wiederholung des diesjährigen Weihnachtsmärchens „Schneewittchen", ein Märchen in sechs Bildern nach Gebr. Grimm von Trude Wehe. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim, musikalische Leitung Heinz Markwardt. Außer Miete! Beginn 15 Uhr, Ende 17.30 Uhr. — Am Abend: „Der Wildschütz", komische Oper von Albert Lortzing. Musikalische Leitung Heinz Markwärdt, Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim. Die Aufführung findet als 11. Vorstellung der Mittwoch- Miete statt. Beginn 19.30 Uhr, Ende 22.15 Uhr.
Orgelkonzert in der Stadlkirche.
Das am morgigen Donnerstagabend in der Stadtkirche stattfindende Orgelkonzert des Berliner Organisten Karl Heinz Eckert bringt — wie man uns schreibt — ein sehr interessantes und abwechslungsreiches Programm, in dem neben berühmten klassischen Werken der Orgelliteratur, wie Joh. Seb. Bachs Präludium und Fuge Es-dur und Max Regers Fantasie und Fuge über Bach, auch'das zeitgenössische Schaffen mit Choralbearbei-
Diamanien-Komödie
Vornan von Horst Biernath.
Nachdruck verboten!
In dem behaglich ausgestatteten Vorzimmer des „Großen Beratungsraumes", in dem die Direktoren der Minerva-Mine ihre geheimen Besprechungen zu erledigen pflegten, sahen vier Herren, denen man ansah, daß sie ihre reichlich bemessenen täglichen Mahlzeiten nicht nur zum Vergnügen, sondern sozusagen auch aus Berufsrücksichten verzehrten. Alle vier waren sie gereiste Männer; aber doch noch nicht so reif, daß man von ihnen hätte sagen können, sie seien Männer in den sogenannten „besten" Jahren. Nein, sie befanden sich in den weit angenehmeren „guten". Es waren vier ausgesuchte Prachtgestalten von Männern; keiner von ihnen wog unter einhundertundachtzig Pfund, und alle waren sie eine gute Handbreit übers Gardemaß hinausgewachsen. Mit wenigen Worten: so breit wie schwer, so hoch wie stark, und allesamt in hundert Feuern erprobt und ohne Tadel befunden bis ins Knochenmark hinein.
Rudolf Schwarz, ein Deutscher, diente der Gesellschaft seit zwölf Jahren. Er stammte aus Dresden und konnte wie sein erlauchter ehemaliger Landesvater mit spielerischer Leichtigkeit Hufeisen zerbrechen. Gottlob war das der einzige Ehrgeiz, den er mit August dem Starken teilte, nur daß es ihm natürlich bedeutend schwerer wurde, diese Kunst ,zu zeigen; aus dem einfachen Grunde, weil eben Lie Hufeisen in unseren Zeiten seltener geworden -sind. .. . u
Sein Nachbar war ein Sohn der „Grünen Insel . »Er hieß Ferguson. Seine durch einen Steinwurf Zertrümmerte Nase erinnerte die Direktoren der Minerva-Mine stets wie eine Tapferkeitsmedaille oan die Stunde, in der dieser wackere Irländer am Nordtor der Gruben als einziger Mann, mit einem lleergeschossenen Revolver in der Hand, fünfzehn Minuten lang eine ganze Bande streikender Neger iim Schach gehalten hatte, die drauf und dran gewesen war, die Mine abzusäufen. Und streikende Neger, muß man wissen, halten keine Plakate mit Weltverbrüderungssprüchen in den Händen, sondern Pflastersteine und ähnliche Dinge.
Die beiden anderen Herren, Kröger aus Transvaal und Hooten aus Rotterdam, taten ebenfalls schon seit gut zehn Jahren ihren Dienst bei der Minerva-Mine, einen Dienst, der scharfe Augen und eisenharte Knochen erforderte, denn Streiks, Sabotageakte, Durchstechereien, Diebstähle und Raubüberfälle gehörten nun mal zum Betrieb einer Diamantengrube; etwa so, wie ein gelegentlicher Brand zu einer Zündholzfabrik.
Die vier waren auf drei Uhr nachmittags bestellt, und sie waren sich, nachdem sie eine Viertelstunde darauf gewartet hatten, in die Direktionsräume hineinbeordert zu werden, darüber klar, daß ein Sonderauftrag ihrer harrte. Bitte, sie waren die vier besten und ältesten Leute im Ueberwachungs- dienst, und es war nicht das erstemal, daß sie zu viert mit besonders schwierigen Aufgaben betraut wurden. Als darum die gepolsterte Tür des Beratungszimmers von innen aufgestoßen wurde und Direktor Johnson, der jüngste der fünf Minerva- Direktoren, der in solchen Fällen stets den sonst von einem Neger ausgeübten Türdienst übernahm, die vier Wartenden hereinwinkte, da wußten die vier Detektive sofort, worum es heute ging.
Auf dem großen ovalen Tisch standen nämlich, säuberlich ausgerichtet wie Rekruten, vier Koffer — oder sagen wir lieber: Köfferchen. Mit einer gediegenen äußeren Lederhaut, blanken Stoßkanten aus Messing und zollstarken Stahl- und Asbestplatten darunter. Köfferchen, denen man ihr Gewicht von außen wahrhaftig nicht ansah und zu deren unauffälliger Beförderung schon ganz gehörige Armmuskeln gehörten.
Die Detektive setzten sich, nachdem sie das Zeichen dazu von Herrn Gaspard, dem Chefdirektor, bekommen hatten. Sie erhielten, wie stets vor Eröffnung des geschäftlichen Teils, einige Zigarrenkisten vorgesetzt, wählten mit Sorgfalt und Freimut die beste Sorte und sahen bann, nachdem sie das edle Kraut in Brand gesteckt hatten, Herrn Gaspard fragend und auffordernd an.
Der Leiter der Minerva-Mine erhob sich. Man konnte ihn noch immer, obwohl der böse Zahn der Zeit ihn ein wenig beschädigt hatte, einen „schönen Mann" nennen. Jedenfalls erschien es glaubwürdig, daß Direktor Gaspard in seinen jüngeren Jahren zumindest ebenso viele Erfolge auf jenem sanften Gelände gesammelt hatte, auf dem man Diamanten trägt, als jetzt auf den harten Gefilden, wo man
Dom MW. imd der ÄSÄ. im kreise Wetierau.
DieSpendedernatwnalenGolidaritäi
Nach dem heute vormittag feftgestellten Schlußergebnis der Sammlung am „Tag der nationalen Solidarität" hat sich das Gesamtergebnis der Opferspenden an diesem Tage in der Stadt Gießen von 10 950,41 Mark, die am Sonntagvormit- tag festgestellt waren, auf nunmehr 11 802,03 Mark erhöht.
Rund 6000 Weihnachtspakete.
Bei der in den letzten Tagen in den Orten des Kreises Wetterau vom WHW. durchgeführten Aktion zur Sammlung von Weihnachtswunschpaketen ergab sich ein sehr erfreulicher Erfolg. Rund 6 0 00 Weihnachtspakete wurden von den Volksgenossen in Stadt und Land des Kreises Wetterau dem WHW. zur Weiterleitung an hilfsbedürftige Familien in den Kreisen Offenbach, Mainz und Wiesbaden zur Verfügung gestellt. Die Weihnachtspakete, deren Wert sich im Durchschnitt auf 7 bis 10 Mark beläuft, werden gegenwärtig von den einzelnen Ortsgruppen an die Zenttalsammelstelle in Gießen geleitet, von wo aus in den nächsten Tagen der Versand nach den vorgesehenen Orten erfolgen wird. Man kann die erfreuliche Tatsache verzeichnen, daß auch in diesem Jahre wieder vielen
hilfsbedürftigen Familien, insbesondere kinderreichen, durch diese Weihnachtspakete eine schöne Festtagsfreude bereitet werden kann.
Rund 5000 neue Mitglieder.
Erfreulicherweise hat sich die Zahl der Mitglieder der NSV. im Kreise Wetterau im Verlaufe der seit Juli dieses Jahres durchgeführten Werbung von Einzelpersonen und innerhalb der Betriebe ansehnlich erweitert. Vom Juli bis heute konnten der NSV.-Kreisamtsleitung des Kreises Wetterau rund 5 0 0 0 neue Mitglieder gemeldet werden, wobei insbesondere die Werbungen innerhalb der Betriebe sehr befriedigend waren. Im Hinblick auf die großen Aufgaben, die der NSV. im Dienste der Volksgemeinschaft ständig zur Erfüllung obliegen, ist es zu begrüßen, daß der Kreis der Mitglieder bei dieser im besten Sinne des Wortes gemeinnützigen Organisation sich auch innerhalb unserer engeren Heimat so stark erweitert hat. Es sind aber sicherlich immer noch Volksgenossen in Stadt und Land vorhanden, die bis jetzt noch nicht Mitglieder der NSV. sind. Ihnen allen sei nahegelegt, diese Mitgliedschaft zu erwerben und damit auch an diesem Frontabschnitt des Aufbauwerkes unseres Führers zum Wohle der Gesamtheit mitzuarbeiten.
leicht auch Reisbrei mit Aepfel als ein ebenso wohlschmeckendes, wie bekömmliches Gericht zu empfehlen.
Bon atteniSpielzeng unönever Freude.
NSG. Liebe Hausfrau! Vielleicht liest du flüchttg über die obigen Worte weg, weil bu keine Kinder hast und deshalb auch kein altes «Spielzeug. Oder du denkst, hier nun Anregungen zu finden, um die ^twas mitgenommenen Sachen deiner Kleinen zum Fest wieder auffrischen zu können. Beides ist falsch? Aber vielleicht erinnerst du dich dabei an eine längst vergessene Spielzeugkiste, die dir bei der Entrümpelungsaktion vor Wochen in die Hände geraten war und die nun irgendwo wartet, bis — ja, worauf soll sie eigentlich warten?
Denk dir einmal aus, was man mit dem Inhalt alles anfangen könnte! Da sind alte Puppen, die mit neuen Kleidern und etwas Farbe wieder recht nett aussehen würden. Und der etwas verblaßte und abgestoßene Baukasten wäre vielleicht auch noch zu retten. Die Hampelmänner sind auch „außer Betrieb gesetzt", aber man könnte ihnen wohl etwas auf die Beine helfen? Das bunte Tierzeug müßte neu gestrichen und, wo da und dort ein Rädchen fehlt, ersetzt werden. Aus der altmodischen Puppenstube
Oer erste Schnee ist da.
Hoherodskopf: Skimöglichkeit sehr gut!
Der Winter hat in diesem Jahre lange auf sich warten lassen. Nachdem noch vor wenigen Wochen in den Gärten die Natur launischerweise Himbeeren und Erdbeeren ernten ließ, fiel in der letzten Nacht und heute morgen der erste Schnee. Seines Bleibens in den Straßen der Innenstadt scheint zwar nicht lange zu sein, aber in den Außenbezirken hat die Landschaft doch ein rechtes Winterkleid angelegt. Wer heute zu früher Morgenstunde unterwegs war, sah die Flocken im Scheine der Straßenlaternen luftig wirbeln. Die Bäume, deren jedes Aestchen ein kleines Schneepolster trägt, nehmen sich prächtig aus, und die Tannenbäume, die gestern und vorgestern in der Stadt aufgestellt wurden, strahlen richtig Weihnachtszauber aus.
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Selbstverständlich hat nun auch der Winter in unserem heimischen Vogelsberg, dem Dorado der Wintersportler, Einzug gehalten. Und zwar recht eindrucksvoll! Der Hoherodskopf meldet 40 bis 50
Zentimeter Schnee, Pulverschnee, auf der Heide leicht verweht, Temperatur —3 Grad und — was die Hauptsache ist — Skimöglichkeit sehr gut! Die vielen Skihaserln und Skihasen, die in den vergangenen drei Wochen im Trockenskikursus in der Reithalle mit den Brettern im Kriegszustand lagen, können nun voraussichtlich am Sonntag ihre Skier in Freiheit vorführen.
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Weniger erfreut von der neuen Wetterlage ist man in unserem Gießener Bahnhof. Da es auch im Westerwald viel geschneit hat, gab es Verspätungen. Einige Züge von Dillenburg her liefen mit bis zu 20 Minuten Verspätung ein. Der Fernverkehr hat allerdings noch keine Beeinträchtigung erfahren. In unserem Gießener Bahnhof ergab sich die Lage so, daß zu nachtschlafender Zeit viele Arbeiter herbeigerufen werden mußten, um die Weichen betriebsfähig halten zu können.
tungen und einer Passacaglia von Hans Friedrich Micheelsen (geb. 1902) berücksichtigt ist. Außerdem wird Karl Heinz Eckert am Schlüsse über ein Thema improvisieren, das ihm erst im Konzert oorgelegt wird.
3X5(5. „Kraft durch Freude", Kreis Gießen.
Theatervorstellung.
Sonnabend, den 11. Dezember 1937, „Große KdF.-
Miete", Gruppe II (5. Vorst.): 8099D
„Ufa von Naumburg."
Schauspiel in 3 Akten von Felix Dhünen. Spielleitung Erich Schumacher.
Karten zu —,90 und 1,— RM. sind auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, erhältlich.
NS -Leh erbund Kreis Sießen.
Abt. höh. Schute. Fachschaft „Deutsche Kunde".
Nächste Sitzung am Freitag, 10. Dezember, um 16 Uhr in der Oberrealschule. Vortrag „Hanns Johst und seine Dichtungen im deutschen Unterricht".
Oeffeniliche Sitzung der Ratöherren.
Der Oberbürgermeister hat die Ratsherren der Stadt Gießen auf kommenden Freitag, 10. Dezember, zu einer öffentlichen Sitzung im Sitzungssaal des Stadthauses, Bergstraße, eingeladen. Die Sitzung, zu der alle Volksgenossen als Zuhörer Zutritt haben, beginnt um 16.30 Uhr. Auf der Tagesordnung steht zunächst die Bekanntgabe von Rechnungsabschlüssen. Weiter werden sich die Rats- Herren mit dem Erwerb von Gelände zur Verbreiterung der Kaiserallee, mit der Altstadtsanierung, mit der Aufnahme eines Darlehens zum Ausbau der Licher Straße als Zubringer zur Reichsautobahn, mit dem Äusbau des Arbeitsdienstlagers, mit dem Ernährungshilfswerk und mit einer Friedhofsordnung für die Stadt Gießen zu beschäftigen haben.
Oer Eintopf am nächsten Sonntaa.
Zu den von uns am Montag bereits mitgeteilten Eintopfgerichten in den Gaststätten am nächsten Sonntag, 12. Dezember, wird hinsichtlich des Gemüse-Eintopfs von der zuständigen Stelle (Landesbauernschaft) betont, daß für unser Gebiet zu diesem Gemüseeintopf die Verwendung von Karotten und Unterkohlrabi besonders zu empfehlen ist, da diese beiden Gemüsearten auf dem hessen- nafsauischen Markt reichlich vorhanden sind. Zur Verwertung unserer reichen Apfelernte wäre viel-
sie schürft. Sehr böse Lästerzungen behaupteten sogar, der lebenslustige Fünfziger habe seine heutige Stellung jenen früheren Erfolgen zu verdanken, damals, als er nichts weiter besaß als das Kapital eines gepflegten schwarzen Schnurrbärtchens und eines südfranzösischen Temperaments.
„Meine Herren!" begann er und wandte sich dabei mit einer runden Geste an seine Mitdirektoren und die vier Detektive. „Ich habe Sie in einer außerordentlich wichtigen Angelegenheit herberufen. Ein europäischer Staat wünscht seinem Herrscher- Hause Embleme ihrer hohen Würde zu überreichen. Da mir in den letzten Monaten das Glück hatten, aus unseren Gruben mehrere besonders kostbare Rohsteine zu bergen, ist ein holländischer Juwelier durch seinen hiesigen Beauftragten mit uns in Verbindung getreten und hat, nach eingehender Prüfung der in Frage kommenden Stücke, für den in Holland bestellten Kronschmuck Juwelen im Betrag von vierhunderttausend Gulden Gesamtwert erworben."
In der kleinen Atempause, die Gaspard einschob, ging Direktor Johnson mit raschen Schritten zum summenden Ventilator und stellte ihn ab. Es war plötzlich sehr still in dem Beratungsraum, so still, daß das leise Knistern der brennenden Zigarren vernehmbar wurde.
„Ja, meine Herren", fuhr Gaspard fort, „solche Dinge lassen sich leider nicht so geheimhalten, wie es aus manchen Gründen wünschenswert wäre. Alle Verkaufsverhandlungen find hinter geschloffenen Türen geführt worden. Dennoch haben wir Nachricht aus sicherer Quelle, daß sich bereits verschiedene dunkle Existenzen, mit denen besonders Sie, meine Herren —", und hier verbeugte sich der Chef leicht vor den Detektiven, „— schon dieses und jenes zu tun hatten, lebhaft für den Transport der Steine interessieren."
Es war trotz der herabgelassenen Vorhänge, die dem hell getönten Raum ein zartes Dämmerlicht gaben, sehr schwül im Zimmer, und Direktor Gaspard betupfte mit einem blütenweißen Taschentuch, das er mit einer loreroberoegung aus seiner äußeren Brusttasche hervorgeholt hatte, seine Stirn. „Abgesehen von dem unersetzlichen Wert der Steine", sprach er eindringlich weiter, „handelt es sich bei diesem Transport um den guten Ruf unserer Minerva-Mine. Der Verlust der Steine wäre kaum zu ertragen — der Verlust unseres Rufes
könnte man mit ein bissel Mühe wieder ein köstliches Kinderparadies zaubern. Da fällt dir auch die kleine Wiege ein, die irgendwo im Dunkel eines Schrankes liegt und das Schaukelpferd im Speicher.
Stelle dir einmal die Freude vor, wenn diese Dinge an Kinder kämen, deren Eltern kein Spielzeug kaufen können!! Aber du haft keine Zeit, dich mit diesen Bastelarbeiten abzugeben. Das glauben wir dir gerne. Siehst du, da wollen wir, die Jung- mädel des BDM., dir helfen. In den nächsten Tagen kommen wir in jedes Haus und nehmen alles entbehrliche Spielzeug mit, um es neu horzu- richten und der NSV. für ihre Weihnachtsbescherung zu geben. Wenn du aber wirklich nichts än solchen Dingen hast, dann freuen wir uns mächtig über ein paar Groschen, die wir der NSV. zum Kauf neuer Herrlichkeiten bringen dürfen. Und dann, Hebe Hausfrau, glaub es uns, die wir uns doch selbst so sehr auf Weihnachten freuen: Schenken ist tausendmal schöner, als empfangen!
Unser neuer Roman.
Nachdem wir den Abdruck des Romans „Blondine fetzt sich durch" von Hans-Joachim Freiherrn von R e i tz e n st e i n in der gestrigen Ausgabe unseres Blattes beendet haben, beginnen wir in der heutigen Nummer des Gießener Anzeigers mit einem neuen großen modernen Romanwerk, von dessen Veröffentlichung wir uns wiederum einen ganz außergewöhnlichen Erfolg bei allen unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land versprechen dürfen. Es ist uns ein Vergnügen, heute in unseren Spalten einen glänzend begabten jungen Autor, Horst Biernath, vorstellen zu können, der bisher noch nicht bei uns zu Worte gekommen ist, dessen Arbeiten aber sich überall der größten Beliebtheit zu erfreuen haben. Sein jüngster Roman heißt
„Diamanten-Komödie".
Wie außergewöhnlich spannend, fesselnd und amüsant diese Geschichte ist, mag man daraus ersehen, daß die Terra eben damit beschäftigt ist, einen Film daraus zu machen: vor wenigen Wochen ist ein Dampfer von Genua nach Afrika ausgelaufen; unterwegs dreht der Regisseur Carl Bo ess an Bord und an Land mit Maria Andergast, Harald Paulsen und Hermann Speelmans in den Haupttollen die Außenaufnahmen zu dem Film „Diamanten-Komödie". Ehe Sie ihn zu sehen bekommen, müssen Sie den Roman lesen; er wird Ihnen sicher genau so gut gefallen wie uns. Das
nie!" Gaspard legte seine Hände auf die vier Stahlkoffer. Seine Stimme bekam einen beschwörenden Ausdruck: „Diese Koffer müssen nach Amsterdam gelangen! Unversehrt! So, wie sie hier vor Ihnen stehen! Wir haben eine Frist von drei Wochen vor uns, um den Auftrag auszuführen. Ich kann die Steine zu dieser Jahreszeit nicht den Gefahren eines Lufttransports aussetzen. Außerdem bedeuten die vielen Zwischenstationen, die ein Flugzeug zu machen gezwungen wäre, eine Verzehnfachung des Risikos..."
In diesem Augenblick erhob sich Direktor Johnson zum zweiten Male und ging auf seinen weißen Kreppsohlen geräuschlos über den spiegelblanken Linoleumboden zur Tür des Vorzimmers — und stieß sie mit einem Ruck auf. Aber der Warteraum war leer... Keinem der anwesenden Herren fiel es ein, zu lächeln, als Johnson von diesem ergebnislosen Ausflug, mit einem „Kann man wissen?" im Gesicht, auf seinen Platz zurückging.
Gaspard zündete sich eine Zigarette an, aber er drückte sie nach wenigen Zügen wieder aus, und sein Blick glitt langsam über die ruhigen Mienen der vier Detektive. „Sie wissen selbst am besten, meine Herren, daß der Auftrag, den ich an Sie zu vergeben habe, schwere Gefahren in sich birgt. Sie sind lange genug im Dienst der Gesellschaft, um die Tragweite meiner Worte ermessen zu können. Und ich wiederhole, was ich schon zu Anfang unserer Unterredung sagte: daß auf unbegreifliche Weise Gerüchte über diesen Ankauf durch die Wände dieses Zimmers nach außen gedrungen find. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß in den nächsten Tagen und Nächten mehrere Augen scharf auf unser Tun gerichtet sein werden..."
Gaspard räusperte sich. Eine kleine Pause ent* stand. Der Direktor spielte nervös mit seiner Uhrkette. Sein Gesicht wurde sehr ernst: „Es wäre eine Beleidigung, an Ihrem Mut den Gefahren gegenüber, die Sie bei Ihrer Aufgabe erwarten, zu zweifeln. Denn Mut haben Sie oft genug bewiesen. Wenn jedoch einer von Ihnen die schwere Verantwortung dieses Auftrags nicht zu tragen wünscht, dann wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, daß Sie sich erklären. Und Sie dürfen versichert fein: Die Gesellschaft wird feinem von Ihnen, der sich jetzt erhebt und das Zimmer verläßt, dieses Verbalten als Fahnenflucht auslegen."
Fortsttzung folgt


