Ausgabe 
8.7.1937
 
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ttr.156 Zweites Blatt

Donnerstag, 8. Zuli (957

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

meinen Schlagwort: Es muß alles anders und besser werden, jedermann hat einen Anspruch darauf, seinen Anteil an den Reichtümern der Nation und am Ertrag der nationalen Arbeit zu haben! Diese Parole schlug durch. Die Radikal-Sozialen, die man besser kurzweg Radikale nennt, um das Miß­verständnis auszuschließen, als ob sie nicht auch zu den bürgerlichen Parteien gehörten, verloren ihre Stellung als die stärkste Gruppe im Parlament und mußten sie an die Sozialisten abgeben. Damit war eine parlamentarische Mehrheitsbildung nur noch links von den Mittelgruppen möglich.

Will man der Einfachheit halber nur von einer Rechten und einer Linken innerhalb der französi­schen Wählerschaft sprechen, so haben bei der Wahl von 1936 die zur ersteren gehörigen Partei im Ganzen 4,5 Millionen Stimmen erhalten, gegen fünf Millionen, die auf Radikale, Sozialisten und Kommunisten entfielen. Der Unterschied ist also we­nig bedeutend, aber infolge des französischen Stich­wahlsystems hat sich in der Kammer das Stimm- verhältnis zwischen Rechts und Links ungefähr nach der Proportion 5:8 gestellt. Ausschlaggebend sind die K o m m u n i st e n , da es ohne sie auch auf der Linken keine klare Mehrheit gibt. Eine Rechtsmehr-

Unser langjähriger außenpolitischer Mitarbeiter ist von einer aus Anlaß der Pariser Weltaus­stellung unternommenen Reise nach Frankreich soeben zuruckgekehrt. Seine Eindrücke hat er in einer Folge von Skizzen niedergelegt, mit deren Ver­öffentlichung wir heute beginnen.

I.

Die Bilanz des VoMronsiahres

Um die jetzige Lage in Frankreich zu verstehen, muß man zurückgreifen bis hinter die vorjährigen Kammerwahlen, die zur Errichtung der Volksfrontregierung führten. Das zuneh­mende Defizit im Staatshaushalt hatte zu verhält­nismäßig kräftigen Sparmaßnahmen geführt, die sich einzeln in den mehr als dreihundert Notverord­nungen der Regierung Laval ausdrückten. Das meiste Mißvergnügen erregten aus der einen Seite die Gehalts- und Pensionskürzungen, auf der ande­ren die Preissteigerung auf fast allen wichtigen Ge­bieten der Lebenshaltung. Demgegenüber traten im Wahlkampf die S o z i a l i st e n weniger mit einem bis ins einzelne umrisienen Programm nach Art des orthodoxen Marxismus auf, als mit dem allge-

noch mit einem deutschen Führer Adolf Hitler, der die neue Wehrfreiheit schuf, hatte man nicht ge­rechnet.

Und deshalb zeigt heute die deutsche Küste und im besonderen Helgoland ein völlig neues Bild. Zum Wiederaufbau der Wehrmacht gehörte der Wiederaufbau der deutschen Kriegsmarine und die Wiederbefestigung der deutschen Küste. Was wir wiederaufbauten, das diente dem deutschen Schutz und der deutschen Verteidigung, deshalb konnten wir ein Flottenabkommen' mit England schließen, das alle Angriffsabsichten von uns aus freiwillig ausschloß. Allein im Sinne einer wirksamen Verteidigung ging auch der Wiederauf­bau der Küstenbefestigungen vor sich. Das erfor­dert naturgemäß Zeit, aber heute dürfen wir wohl sagen, daß ein Angriff auf das Dreieck Borkum Helgoland Sylt für jeden, der ihn wagt, eine hoffnungslose Sache ist. Wir können das sagen, obwohl noch manches im Werden ist.

Was geschaffen wurde, entsprach allein den Not­wendigkeiten der Verteidigung. Selbstverständlich mußten die Seekriegserfahrungen des Weltkriegs und die Nachkriegsentwicklungen ihre Berücksichti­gung finden, aber auf jedes Zuviel konnte entspre­chend der Friedens-Generallinie des Führers ver­zichtet werden. So erwuchs die Marinewerft Wilhelmshaven, die Waffenschmiede der deutschen Flotte, Deutschlands einzige reichseigene Werft zu neuem Leben. Wenn einmal die Geschichte der deutschen Nachrüstung geschrieben wird, dann erst kann man voll erkennen, wieviel 'chäpferische Arbeit der Stirn und der Fäuste dazu gehörte, um das deutsche Verteidigungswerk durchzuführen. Schon heute aber muß Hervorgehoben werden, daß die deutschen Arbeiter eine besondere Anerkennung zu beanspruchen haben, denn ohne ihre Treue, ihren Fleiß, ihre Selbstlosigkeit wären wir nicht so ge­schützt, wie wir es sind. Schließlich sind es ja immer die Menschen und nicht die Maschinen, die ent­scheiden. In unserer Kriegsmarine weiß man das sehr gut. Zur wirksamen Verteidigung gehören die Männer, die die Schiffe führen, die hinter den Ge­schützen stehen. Wie der Geist dieser Männer be­schaffen ist, das soll uns nun in Brake offenbar werden, wo wir bei einer Schiffsstammabteilung den Nachwuchs der Kriegsmarine kennenlernen wer-

Skizzen aus Frankreich

Von Dr. Paul Rohrbach.

den und die Offiziere und Unteroffiziere, die diesen Nachwuchs zu echten und rechten Seeleuten heran­ziehen.

Den schwankenden Schiffsboden haben wir mit dem Boden des Uebungsplatzes in Brake vertauscht. Hier bei der Marineausbildungs­abteilung wird im Dienst kein Mützenband und kein Schifferkragen getragen, nur zum Ausgang wird das Feldgrau mit dem Marineblau vertauscht. Die künftigen Wasserratten sind vorerst noch Land­ratten, denn die zum Dienst bei der Kriegsmarine einberufenen Freiwilligen werden sechs Monate infanteristisch ausgebildet. Diese Zeit umfaßt Ge­ländeausbildung, Schießdienst, Unterricht, Geräte­turnen, Leibesübungen, Schwimmen. Dazu kommt am Schluß auch die erste seemännische Ausbildung, wie Pullen, Spleißen und Knoten. Die zukünftigen Matrosen und Heizer sind mit einem Eifer bei der Sache, daß es eine helle Freude ist. Dazu kommt, daß das Ausbildungssystem auf eine neue und sinnvolle Grundlage gestellt ist. Ueberflüssigkeiten und Schematismen der Vorkriegsausbildung sind grundsätzlich vermieden worden. Der übende Soldat kann selbst erkennen, warum er dies oder jenes üben muß, mag es sich nun um Zielen oder um Gymnastik handeln. Die Ausbildung erstreckt sich in gleicher Weise auf die Stählung des Körpers wie auf den Geist und die Erhärtung des soldati­schen Charakters. In diesem Sinne sind auch die Mutproben zu verstehen, die zur Durchführung kommen und die, wie zum Beispiel der Ueberschlag am Sprungtisch eine herzhafte Ueberwindung des vielzitierteninneren Schweinehundes" bedeuten. Diese Mutübungen sind weder gefährlich noch er­fordern sie sportliche Höchstleistungen. Jeder aus­gemusterte Durchschnittssoldat kann und muß sich an ihnen bewähren. Wer dann durch diese sechs Monate Landdienst gegangen ist, der wird denn auch auf den Kriegsschiffen seinen Mann stehen. Die Ausbilder aber haben eine der schönsten Auf­gaben zu erfüllen; sie lernen auch als Lehrer mit, an ihren soldatischen und menschlichen Eigenschaften liegt es, ob die Kriegsmarine den Nachwuchs er­hält, den sie braucht und ob der echte Marinegeist, getreu der großen Ueberlieferung, in der neuen Kriegsmarine eine Heimstätte hat. Wer die Ent­wicklung unserer Kriegsmarine verfolgen konnte und wer jetzt mit offenen Augen sehen konnte, der darf getrost, ohne allen Ueberschwang, bekennen, daß der Schutz der deutschen Küste, der Schutz Deutschlands bei unserer Kriegsmarine in die besten Hände und Herzen gegeben ist.

Deutschlands gesicherte Nordseeküste.

Von unseremK.B.-Sonderderichterstatier.

An Bord derFrauenlob", Juli 1937.

Es ist ein gutes Zeichen für den echten Seemanns­geist, daß bei unserer Kriegsmarine gerade d i e Kommandos zu den kleinen Schiffen so beliebt sind, mögen es nun U-Boote, Torpedo­boote, Minensuchboote oder ein Schiff wie unser StationstenderFrauenlob" sein. Auf kleinen Schiffen trägt jeder gern sein Stück selb­ständiger Verantwortung und das schließt auch den Mut zur eigenen Entscheidung in sich. Die höheren Kommandostellen in Cuxhaven, in Wilhelmshaven oder sonstwo sorgen schon dafür, daß biß Verant­wortlichkeiten nicht in den Himmel wachsen und die Erfordernisse der Gemeinschaft gewahrt bleiben. Die Männer derFrauenlob" sind deshalb auch mit ihrem Seemannslos zufrieden, und wenn sie auch nicht in ferne Länder reisen, so sind sie doch dauernd unterwegs, denn der Admiral, dem das Schiff zur Verfügung steht, muß heute nach Borkum und mor­gen nach Sylt, und wenn gerade ein payr freie Tage sind, dann kommen, wie jetzt, auch einmal MännerderPresse anBord, um zu sehen, wie die deutsche Nordseeküste zur Verteidigung aus­gebaut ist. Heute geht die Fahrt von Helgoland in die Wesermündung nach Brake. Rasmus, der gestern dieFrauenlöb" noch so durchgeschaukelt hat, daß nicht alle von uns das erste Frühstück restlos ver­dauten, meint es heute gut und freundlich, und man kann in aller Ruhe das Gesehene überdenken.

Was wir sahen, das war ein lebendiges Zeugnis dafür, wie sich das Reich in vier Jahren verändert hat, und es läßt sich zusammenfassen in der guten Zuversicht und festen Gewißheit, daß die deutsche Nordseeküste wieder g6gen jeden feindlichen Ueber- fall zu Wasser, zu Lande und aus der Luft geschützt ist. Wer wissen will, was das bedeutet, der nehme sich einmal das Unheilsbuch des Versailler Vertra­ges zur Hand und lese nach, wie unsere Küste wehrlos und waffenlos gemacht werden sollte. Nicht nur, daß wir die besten Schiffe unserer Kriegsflotte und alle U-Boote abliefern mußten, auch alle Hebeschiffe und Docks mußten abgeliefert oder zerstört werden. Wenn man uns auch die ver­alteten Küstenbefestigungen beließ, so verbot man uns doch die Errichtung neuer Anlagen, die den technischen Erfordernissen der Gegenwart ' ent­sprechen.

Vor allem aber war Helgoland ein Dorn im Auge unserer früheren Gegner; man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß Englands Initiative hauptsächlich die treibende Kraft war, p\=> es galt, diese Insel völlig zu entwaffnen und zu entfesti­gen. Trotzdem im ganzen Weltkriege von dieser Insel nur ein einziger Schuß abgefeuert wurde, hat doch die Tatsache des Daseins der befestigten Insel mit verhütet, daß die Engländer die Nordseeküste erfolgreich angreifen konnten. Infolgedessen hat die Insel die seltsame Ehre erfahren, daß ihr im Versailler Vertrag ein besonderer Abschnitt gewid­met wurde. Im Abschnitt XIII derPolitischen Be­stimmungen über Europa" ist zu lesen:Die Be­festigungen, militärischen Anlagen und Häfen der Inseln Helgoland und der Düne sind unter lieber» wachung der alliierten Hauptregierung von der deutschen Regierung auf eigene Kosten zu zerstören." Das geschah denn auch, und zwar so gründlich wie nur irgend möglich. Die Geschütze wurden verschrot­tet, der Tunnel, der vom Unterland auf das Ober­land führte, wurde blockiert, so daß er militärisch nicht mehr benutzt werden konnte, die unterirdischen Anlagen wurden verschüttet und mit Beton ausge- gossen, vor allem aber wurde der mit großen Kosten angelegte Hafen zerstört. Die Väter des Versailler Vertrages glaubten aber in die Ewigkeit wirken zu können und schrieben deshalb in den Versailler Vertrag:Deutschland darf weder diese Befestigun­gen noch diese militärischen Anlagen noch diese Häfen noch irgendein entsprechendes Werk wieder errichten." Mit' einem wiedererwachten Deutschland

heit ist, wie man sieht, auf jeden Fall ausge­schlossen.

Bei der Regierungsbildung vor einem Jahr er­hielten die Sozialisten als stärkste Partei die Füh­rung. Ihr bester Kopf, Leon Blum, wurde Mi­nisterpräsident. Das Kabinett setzte sich annähernd zu gleichen Teilen aus Sozialisten und Radikalen zusammen, jedoch so, daß, abgesehen vom Kriegs­ministerium, die wichtigsten Portefeuilles Prä­sidium, Finanzen und Inneres in der Hand von Sozialisten waren. Blum war von vornherein ent­schlossen, durch Gesetz die Arbeitszeit zu verkürzen, indem er die Arbeitswoche zu vierzig Stunden oder fünf Tagen ins Auge faßte, die Löhne zu erhöhen und eine Reihe kleinerer Maßnahmen von sozialifti- sckem Gepräge, bezahlte Urlaubswochen und der­gleichen, durchzuführen. Bevor er aber dazu kam, die dazu gehörigen Gesetzesvorlagen auf ordentlichem Wege durch die Kammer erledigen zu lassen, schlu­gen ihm die Gewerkschaften, deren Mitgliederzohl gegenwärtig auf fünf Millionen gestiegen ist, sein Konzept aus der Hand und erzwangen durch den Generalstreik die sofortige Einführung aller dieserReformen".

Blums Ministerpräsidentschaft hat einige Tage länger als ein Jahr gedauert. Ihr finanzielles Er­gebnis war, daß für das jetzt laufende Jahr d e r Fehlbetrag im Staatshaushalt die Höhe von 40 Milliarden Franken erreicht hat, was ungefähr ebensoviel ist, wie der Gesamtbetrag des normalen französischen Etats. Um die wahre Höhe des Defizits ist viel herumgeredet worden, aber durch das jetzt eben erfolgte offene Bekenntnis des neuen Kabinetts Chautemps ist es unge­fähr in dem angedeuteten Umfang bestätigt worden. Man muß den Stimmen Recht geben, die da sagen: Für ein geordnetes Staatswesen ist so etwas eine Ungeheuerlichkeit.

Blum und sein Finanzminister, der Sozialist Auriol, verließen sich darauf, daß durch die im Einverständnis mit England und Amerika durchge­führte starke Abwertung des Franken und durch die zu Unrecht erwartete Wieder­belebung der Wirtschaft die Preise gesunden, ine Produktion sich heben und die Steuereingänge sich kräftig vermehren würden. D a l a d i e r , Führer der Radikalen, prägte den Satz: Frankreich wird zeigen, daß es in vierzig Stunden ebensoviel und besser arbeiten kann, wie bisher in' achtundvierzig. Von alledem ist nichts eingetreten. Die Preise kletterten so schnell in die Höhe, daß die Franken­abwertung damit in Kürze ausgeglichen war, die Produktion war weit entfernt, nach Einführung der Vierzigstundenwoche sich zu heben, sie ging viel­mehr stark zurück, mit den entsprechenden Folgen für das Steueraufkommen, und dazu begab sich das französische Kapital in Masse auf die Flucht ins Ausland. Dies sogenannte Fluchtkapital, das zumeist in England und Amerika, teilweise auch in der Schweiz und in Holland untergebracht ist, wird auf hundert Milliarden §ran- k e n geschätzt. Außerdem ist ein nicht feststellbarer Betrag in Gold und Banknotengehörte t", d. h. in den Sparstrümpfen versteckt und, gleich dem Fluchtkapital, weder zur genügenden Zeichnung von Staatsanleihen, noch zur Betätigung in werbenden Anlagen zu bewegen. Den Sparern wie den Kapi­talisten fehlte das Vertrauen in den Willen und in die Kraft der Regierung, weiteren radikalen Sozia­lisierungsdiktaten der Gewerkschaften zu widerstehen.

Als Blum die Katastrophe herannahen sah, ver­suchte er, sich durch die berühmtePaus e" in der Fortführung der sozialistischen Experimentierwirt­schaft zu retten. Es war vergeblich. Im letzten Augenblick griff er zu dem Mittel eines E r m ä ch - t'igungsgesetzes, das der Regierung die Voll­macht geben sollte, im Laufe des Sommers unab­hängig von der prlamentarifchen Erledigung eine Reihe einschneidender finanzieller Notmaßnah­men, vor allen Dingen Erhöhung der Abgaben und Tarife, durchzuführen. Die Kommunisten woll­ten erst Nein sagen, erhielten aber Befehl von Moskau, für das Ermächtigungsgesetz zu stimmen, damit die Gefahr einer Neuwahl beschworen würde. Trotzdem ist das Gesetz am Widerstand des

Das Wappen der Städte.

Von Herbert Buhle.

Kärgliche Hütten standen einst an den Straßen der Völker, auf denen man von Westen gen Osten, von Süden gen Norden zog. Wenig Freude hatten die, die darin lebten, denn härter war ihre Fron als die aller andern. Dienen mußten sie, wie der Zwingherren Wille es befahl. Im Zehntland be­gann es, am Rheine hinauf und hinab ging es fort: an den Legionenstraßen der Römer lagen die Siedlungen Constantia (Konstanz), Arae Flaviae (Rottweil), Sumeocenna (Rottenburg am Neckar), Vicus Aurelii (Oehringen), Moguntiacum. (Mainz) und Colonia Agrippina (Köln).

Als der Römer ging, blieben sie weiter bestehen, Stätten alter Kultur, von germanischem Blute aufs neue durchtränkt. Während sich in Germaniens Osten noch Dörfer und Siedlungen bescheiden im Grün des Waldes bargen, blühten die Nieder­lassungen des römischen Weltreiches im Westen auf, begannen sie reicher und größer zu werden. Und als der fränkische Zug von Westen nach Osten be­gann, als Karl die Sachsen unterwarf und ihnen seine Burgen aufzwang, da wurde der Ring der Kastelle nach Osten allmählich erweitert. Schwach noch waren die Siedlungen und licht der Ring der karolingischen Burgen.

Den Städtegründer nennen wir Heinrich den Ersten, und doch waren es Burgen zumeist, die er erbaute. Jeder Burg gab er einen Herrn, und der Herr zog sich Leute zum Fron, die im Schatten der Burg wohnen durften, die Hörige waren und Bürger hießen, und die in feinem Dienste ein Handwerk zu üben verpflichtet waren. Und wie die Macht der Grafen und Herren wuchs, die des Reiches Marken schirmten, so wurde der Einbruch ins Bauernland des Reiches größer und größer. Wie in Horsten saßen die reisigen Ritter über dem Lande, schwangen das Schwert im Kriege des Kaisers und saßen daheim oder in der Königspfalz im Frieden.

In den Burgen sammelten sich Handwerk und Gewerbe, im Dienste des Herrn zunächst, dann im eigenen Dienst. Als aus den Burgen Städte ae° worden waren, als das Handwerk zur Zunft wurde, da wurde auch der Handel reger und reger. Karg waren Lohn und Verdienst und eigene Geltung, nun kam der fahrende Kaufmann von Burg zu Burg, von Stadt zu Stadt. Noch handelte er mit allem und jedem, noch waren die Gilden nicht ab­geklärt im Wandel der Zeit. Aber langsam bildeten sich die Haupthandwerke heraus und schufen sich

Freiheit: die Schmiede und die Gewandschneider. Gold, Silber und Eisen und jegliches Metall, sie waren Kostbarkeiten des Handwerkerfleißes ebenso­sehr wie das Tuch, das die Tuchmacher webten. Und langsam entstand dem Handel ein neuer Stand: der Großkaufmann, der mächtig war wie ein Fürst und keinem untertan, der Macht hatte und Geld und in den Städten wohnte nach seinem eigenen Recht.

Dem Lehnrecht der Väter wurde ein anderer Inhalt gegeben. Der Kaufherr, der in den Städten sich Niederlassungen hielt, war frei. Aus den Erd- wällen und Palisaden waren steinerne Mauern und Türme gewachsen, die trutzig in die Lande sahen, trutzig gegen den Bauern, aber trutzig auch gegen den Herrn. Sie hatten die Macht sich gesammelt in den klingenden Schätzen der Truhen. Tiefer war der Bauer gesunken; der Ritter hatte gepraßt und sein Gut in bitteren Fehden verloren, bis das Schwert seine letzte, eigenste Macht war. Nun kamen die Städte und kauften ihm sein Herrentum ab. Stück für Stück gab der Adel die Krone dahin an die Bürger; Münzen und Siegel lieh er ihnen. Und die Städte schufen sich selbst den Lebensraum, den sie brauchten.

Als Heinrich der Vierte, der unglückseligste König der Deutschen, bei allen verhaßt war, waren die Städte schon mächtig genug, ihn in den Kranz ihrer Mauern aufzunehmen; das goldene Mainz jubelte ihm zu und die andern Städte riefen den Heerruf, dem Kaiser Schwert und Fahne wiederzugeben. Großartig lohnte der Kaiser die Treue der Städte: den siebenten Heerschild gab er ihnen. Frei, groß und gewaltig standen die Städte unter den Stan­den. Nur einmal noch im Laufe der Zeit wurde die Treue der Städte in einer Stadt sinnfällig ge­lohnt- als Ludwig der Bayer der treuen Stadt Landshut drei Ritterhelme auf silbernem Schilde verlieh. . _. , ,

Klug hielten die Städte zueinander. Sie hoben machtvoll das Haupt, und das Reich, das ihnen danken mußte, weil es ohne sie ein Regiment nicht mehr zu führen vermochte, gab ihnen lieber, als daß sie sich selbst nahmen: des Reiches Unmittel- ^°So'entstanden die Reichsstädte, die an den Reichs­tagen teilnahmen und sie in ihren Mauern sahen, ^Einund^ünfM ^Städte zählte man im Reich, als der Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Februar 1803 der Herrlichkeit ein Ende machte und nur sechs Städte, drei allerdings nur für kurze Zeit, beließ: Hamburg, Lübeck und Bremen, Augsburg, Nürn­berg und Frankfurt am Main. Augsburg verlor

feine Reichsunmittelbarkeit nach dem Preßburger Frieden (1806), Nürnberg durch die Rheinbundakte im gleichen Jahr und Frankfurt im Jahre 1866.

Durch sieben Jahrhunderte, vom zwölften, als ihre Blüte begann, bis zum neunzehnten, dessen Anbruch ihre stolzen Vorrechte vernichtete, haben die Städte ein fruchtbares Leben geführt. Der Rheinische Städtebund hat in der schweren Zeit des Interregnums Landfrieden und Handelsstraßen gesichert; der Schwäbische Städtebund mit Ulm an der Spitze jenen berühmten Strauß mit Eberhard dem Greiner von Württemberg ausgefochten, der in der Döffinger Schlacht blutigen Ausgang nahm. Der Württemberger Graf aber hat in Wahrheit der Städte Macht nicht vernichtet. Sie schwand erst, als Karl V. den schmalkaldischen Bund, dessen Glieder die größten und reichsten Städte waren, niederwarf und ein unerbittliches Rachewerk be­gann. Als er Ulm und Hall unterworfen hatte, war das Vernichtungswerk gelungen, das der Dreißig­jährige Krieg ein Jahrhundert später vollendete.

Ihren selbständigen Charakter haben die Städte verloren. Glieder sind sie geworden im Bereich des deutschen Lebensraumes. Ihre Wappen aber sind ihnen geblieben, in denen alte und neue Zeit sich einen. Was einst höfische Gunst verliehen, ist heute der Ausdruck engster Verbundenheit zu Volk und Reich. Nicht Zeichen einer vergangenen Zeit nur, sondern Zeichen verbundenen Strebens zu Deutsch­land, Zeichen ewiger, nie rastender Arbeit ist der alten Städte Wappen geworden.

Urformen der Haustiere.

Seit feiner Seßhaftwerdung ist für den Menschen das Haustier unentbehrlich geworden als Spender von Fleisch, Milch, Fett, Häuten und Wolle und als Gehilfe bei der Arbeit. Wir wissen, daß der Mensch in langen Generationen sich die Haustiere aus Wildarten herangezüchtet hat. Bei manchen Haus­tieren, zum Beispiel beim Schwein oder Kaninchen oder bei fast allem Geflügel ist uns die Urform bekannt. Bei anderen hingegen sind die freilebenden Ahnen entweder ausgeftorben oder uns doch nicht aus eigener Anschauung vertraut. So ist eine Zu­sammenstellung von Interesse, die in der Leipziger Jllustrirten Zeitung" Rudolph Schiffe! über die Urformen unserer wichtigsten Haustiere gibt.

Als ältestes unserer Haustiere spricht er den Hund an und nennt als seine nächsten Verwandten, die noch heute auf freier Wildbahn leben, Wolf, Fuchs und Schakal. Von ihnen kommt als Urform der Fuchs am wenigsten in Betracht, der sich zwar als Jungtier an den Menschen gewöhnen kann, bei

dem aber mit zunehmendem Alter der Wildcharakter durchbricht. Dagegen bewährt sich der Schakal, der wahrscheinlich im warmen Süden als Stammvater des Haushundes gelten kann. Für die gemäßigte Zone und die nördlichen Gebiete ist bestimmt der Wolf der Urahn aller Hunderassen. Er zeigt auch heute noch auf weitem Lebensraum recht unter­schiedliche Formen in Größe, Farbe und Be­haarung, lebt gesellig, hat Anschlußbedürfnis und ausgeprägten Eigentumssinn.

Für das wichtigste und wertvollste Haustier der gemäßigten Zone, das Rind, kommen zwei Wild­formen in Betracht: der Ur oder Auerochs und der Wisent. Ihr Lebensraum ist verschieden. Der Wi­sent, der sich im Urwald von Blättern, Zweigen, Rinde und Waldgräsern nährt, bot bei der Fütte­rung Schwierigkeiten und eignet sich nicht zur Zäh­mung. Eher als das Rind war das Schaf Haustier des Menschen. Von ihm leben heute noch zahlreiche Wildarten. In Europa ist es der Mufflon, den man, während er auf Korsika und Sardinien noch frei lebt, im Harz und in der Schorfheide mit bestem Erfolg ausgesetzt hat. In den Hochgebirgen Mittel­asiens bis Kamtschatka finden wir die größten Wild­schafe, den Argali und seine Verwandte, das Ka­schmir- und das Pamirschaf. Weiter nach Osten scyließt sich das Dickhornschaf an.

Bis in die Bronzezeit zurück führen die neuesten Forschungen über das Pferd als Haustier. Als Urform der Kaltblutpferde gilt das gänzlich aus­gerottete Wildpferd Westeuropas. Als Ahn der leichteren Pferderassen kennt man zwei Vertreter: den Tartan, dessen letzter Nachkomme 1879 im süd­lichen Rußland erlegt wurde, und das Przewalski- Pferd, das sich bis heute noch im nördlichen Jnner- afien äußerst scheu und flink vor den Nachstellun­gen der Jäger retten konnte. Es ist klein von Ge­stalt, bräunlich rot bis fahlgelb, mit großem Kopf, und zeigt zum Unterschied vom Wildesel kurze Ohren und dem typischen Pferdeschweif. Der asiatische Wild­esel eignet sich durchaus nicht zur Zähmung, wohl aber der nubische Wildesel. Er ist die Stammform des Hausefels.

Später als der Hund, aber immerhin bis ins 3. Jahrtausend v. Ehr. läßt sich die Katze als Mit­bewohner des Hauses nachweisen. Die afrikanische Falbkatze, fahlgelb bis grau, ist die Stammform der europäischen Hauskatzen. Von Südeuropa aus ist sie zur Zeit Karls des Großen in Deutschland eingeführt worden. Die heute in Europa beinah ausgerottete Wildkatze unterscheidet sich anatomisch von der Hauskatze und hat sich auch wegen ihres ausgesprochenen Wildcharakters nicht vom Menschen zähmen lasten.