Ausgabe 
8.6.1937
 
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Hd50 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 8. Zuni 1937

100 Zahle Familie Lyncker aus dem Schiffenberg.

5 'V

i.

Friedrich Lyncker, der erste Pächter auf dem Schiffenberg, im Kreise seiner Familie. Im Bilde (rechts oben) Karl L y n ck e r, der Vater des heutigen Pächters. (Wiedergabe nach einer alten Photographie aus Familienbesitz.)

In diesen Tagen des Juni kann die Familie Lyncker ein nicht alltägliches Jubiläum begehen. Die Familie bewirtschaftet seit hundert Jahren die staat­liche Domäne Schiffenberg. Grund genug, einen Blick zurückzuwerfen und Erscheinungen, Menschen und Zeitläufte heraufzurufen, die zwar der Vergangen­heit angehören, die aber auch hereinragen unmittel­bar in unsere Gegenwart und uns allen nahe sein können, weil der Schiffenberg, vor den Toren der Stadt, durch Geschichte, durch natürliche landschaft­liche und volkstümliche Bindung mit seiner Um­gebung zu verwachsen ist, als daß man ihn und die Menschen, deren Leben so eng mit Berg und Burg verbunden ist, aus dem Gesamtbild unserer Heimat lösen könnte.

Am Rande der Weltgeschichte.

Am Anfang der jüngsten hundert Jahre der Ge­schichte des Schiffenbergs steht der Name Napo­leons. Der Deutsche Orden, dem damals unter vie­len verstreuten Besitzungen auch der Schiffenberg gehörte, fiel in den Jahren 1803/04 demReichs- Deputations-Hauptschluß" zum Opfer. Der Schiffen- derg mit den dazu gehörenden Ländereien ging an iben Großherzog Ludwig I. von Hessen-Darmstadt, Den ersten hessischen Großherzog, über. In der Folge­zeit gelangte der Schiffenberg zur Verpachtung zu­nächst an eine Familie Weber, dann an eine Familie namens Koch. Im Jahre 1837 ging die Domäne pachtweise an die Familie Lyncker über.

Kurz gefaßte Genealogie.

Friedrich Lyncker, geboren im Juni 1804 zu Gießen, seines Zeichens Küfer und Weinwirt, übernahm also als erster Lyncker die Pacht im Jahre 1837. Noch im gleichen Jahre ehelichte er Johannette Weidig, eine Gießener Bürgerstochter. Aus dieser Ehe gingen vier Töchter und die zwei Söhne Karl und Adolf hervor. 1869 starb Friedrich Lyncker. Unterstützt von beiden Söhnen führte die Witwe Hof und Wirtschaft weiter. 1875 übernahm Karl Lyncker die Domäne, verheiratete sich mit der Tochter des Stadtrentmeisters Enders und aus

dieser Ehe gingen ein Sohn und eine Tochter hervor. Sein Bruder Adolf Lyncker schlug seinen Wohnsitz in Gießen auf und wurde der Gründer des heutigen Speditionsgeschäftes Lyncker & Sohn. Karl Lyncker, des Pächters Sohn Friedrich, wuchs in engster Verbindung mit allen den Erschei­nungen der Gast- und Landwirtschaft auf, übernahm im Jahre 1901 den Schiffenberg und führte die Land- und Gastwirtschaft fort im Sinne seiner Väter. Friedrich Lyncker, der Enkelsohn jenes Lyncker, der 1837 auf Schiffenberg einzog, ist nach Art und Gestalt allen bekannt, die je auf dem Schiffenberg Einkehr hielten.

Erinnerungen aus Großvaters Zeiten.

Von Friedrich Lyncker demErsten" gewisser­massen ist mancherlei Interessantes zu erzählen. Der Enkelsohn weiß vieles zu berichten, soweit er es aus den mündlichen Ueberlieferungen seiner Groß­mutter im Gedächtnis behalten hat. (Seine Groß­mutter ist übrigens, so hören wir, eine ungemein resolute, tüchtige Frau gewesen, die Haus, Hof und alles Gesinde gleichsam beherrschte. Aber auch eine gerechte Frau, eine Respektsperson im besten Sinne, deren Meinung Geltung und Gewicht hatte, auch über den eigenen Wirkungskreis hinaus.)

Vom Großvater weiß der heutige Pächter zu erzählen, daß er den Wein, den er ausschenkte auch selbst kelterte. Er verstand sich darauf! War er doch von Beruf Weinwirt und Küfer! Alljährlich fuhr er ein- oder zweimal zur Zeit der Weinlese mit vier Pferden und zwei Wagen nach Bechtheim in Rheinhessen (eine Eisenbahn gab es damals ja noch nicht) und eine solche Reise allein nahm immer vier Tage in Anspruch. So war er oftmals 8 bis 10 Tage dem Schiffenberg fern. In Bechtheim kaufte er von den Weinbergbesitzern Trauben in großer Menge, preßte sie dort in eigener Kelter aus und fuhr mit mostgefüllten Fässern zurück. In den Kellern des Schiffenbergs wurde aus dem Most über Jahr und Tag ein mundender Wein, den der Wirt stolz und schmunzelnd mit einigem Rechte als seinen eigenen Wein vorsetzen konnte. Bleibt

hinzuzufügen, daß dem Wirt von Anfang an die Bedingung gestellt war, daß auf dem Schiffenberg nur Wein ausgeschenkt werden dürfe. Erst im Jahre 1848 wurde das anders Nun wurden auch and/re Genüsse in die Getränkekarte ausgenommen und der Schiffenberg wurde volkstümlicher, als er es bis dahin gewesen sein mag.

Immer wieder waren die Vereine der Stadt Gie­ßen hier oben zu Gast, die Studenten fühlten sich wohl und waren gerne imSöllerstübchen" und auch manches Fest der Universität wurde oben ge­feiert. So herrschte an vielen Tagen reges Leben in den Mauern der Burg, in den altdeutschen Stu­ben und im Saal des Nebenbaues. Ganz abgesehen von manchem färben- und sinnenfreudigem sommer­lichen Feste auf Schiffenbergs Altan und unter den Kastanien und Platanen des weiten Hofes zwischen Palas und Basilika. So war es zu Zeiten oes alten Lyncker", zu Zeiten seines Sohnes Karl, und noch heute pilgert die Gießener Bevölkerung wie auch die ländliche Bevölkerung der Umgebung gerne hinauf, durch schattige Wälder zur Höhe, von der aus sich das heimatliche Land weit in der Runde überschauen läßt.

Die Schönheit der Landschaft fließt hier in glück­licher Verbindung zusammen mit dem uns alle um­fangenden geheimnisvollen Weben der deutschen Geschichte, die, sei es auch nur zu einem kleinen

Teil, aus den über 800 Jahre alten Mauern spricht. Hinzu kommt, daß insbesondere der heu­tige Pächter verbunden ist mit Generationen man­cher Gießener Familien. In verschiedenen Liedern ist der Schiffenberg nicht zu Unrecht verherrlicht worden.

Es lebte sich, so lassen wir uns sagen, nicht im­mer leicht auf dem Schiffenberg. So mag es auch heute noch sein. Was die Gastwirtschaft anbetrifft, so muß schon schönes Wetter sein, wenn viele Tas­sen klappern oder viele Gläser klingen sollen. Der Boden (etwa 130 Morgen Land gehören zum Schiffenberg) ist nicht sonderlich reich. Im Stall war man nicht immer vom Glück begünstigt, wenn auch Haus und Hof bisher und unberufen von Blitz, Hagelschlag und Sturmschäden durch ein Jahrhundert verschont blieben. Die Familie Lyncker aber gehört und hält zum Schiffenberg und was der Großvater begann, führten Sohn und Enkel fort. Enkel und Urenkel jenes ersten Lynckers schrei­ten in das zweite Jahrhundert ihrer Familien­geschichte auf dem Schiffenberg mit ebenso viel Kraft und Selbstsicherheit, wie es ihre Vorfahren taten. Die Enkelkinder Friedrich Lynckers, des jetzigen Pächters, find die fünfte Generation der Familie, der der Schiffenberg die Heimat ist. Bleibt ganz zum Schluß noch zu erwähnen, daß die Fa­milie Lyncker seit 100 Jahren zu den treuen Lesern des Gießener Anzeigers gehört.

Aus der Stadt Gießen.

Blühendes Korn.

LPD. Fast mannshoch steht die grüne Saat. Die Halme halten stolz die Aehren empor. Wenn der Wind darüber hinstreicht, so neigen sie sich, einer nach dem andern. Da geht ein Wallen und Wogen durch die Felder und es ist, als schlage ein grünes Meer seine Wellen. Doch ist es nicht das Meer, das unsere Heimat umbrandet, es sind die Felder, auf denen der Ewige jetzt wieder den Tisch eines gan­zen Volkes deckt.

Nun ist es so weit, daß das Korn blüht! Die Aehren sind behangen mit den Fäden und noch ein­mal so schön sind sie anzuschauen. Als ob sie sich geschmückt hätten zum herrlichen Feiertag des Som­mers, der in den Landen steht, als ob sie nicht bei­seitestehen wollten in der Gemeinschaft der Blüten und Blumen ringsum. Schon leuchtet aus dem Grün der Halme das dunkle Blau der Kornblume, dem saftigen Rot des Mohns beigesellt.

Wenn die Schwalben über das blühende Korn streifen und an ihren Leibern sein Blütenstaub hängen bleibt, wenn die Lerchen nicht müde wer­den, hoch oben in klarer sonniger Luft zu jubeln, dann ist die Freude dieses Feldes allgemein und wunderbar. Wir gehen vorüber ob Landmann oder Städter und schauen das Prangen der Erde landab und landauf, wir werden froh und lieder­selig gestimmt und fühlen zutiefst die Gnade des Himmels zu allen Geschöpfen.

Dornoiizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadtheater: 20 bis 22.30 UhrSonne für Re­nate" (Sommerpreise). Gloria-Palast (Selters­weg):Wie der Hase läuft". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Vor Liebe wird gewarnt".

Sonne für Renate im Stadttheater.

Heute abend findet die Eröffnung der diesjähri­gen Sommerspielzeit statt, unter der Devise:La­chen im Theater!" Es geht das LustspielSonne für Renate" von Erich Ebermayer in Szene. Spiel­leitung Anton Neuhaus. Es wirken mit: Maria Gerhardt, Hansi Prinz, Gerhardt Frickhoef- fer, Hans Geißler, Heinrich Hub, Wolfgang Kühne, Peter Schorn, Karl Volck. Bühnenbilder: Karl Löffler. Anfang der Vorstellung 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

Das Deutsche Eigenheim und feine Finanzierung.

Am morgigen Mittwoch, 9. Juni, findet im Ho­telBayerischer Hof", Bahnhofstraße, eine Vor­

tragsveranstaltung statt. Im Auftrag der Gemein­schaft der Freunde Wüstenrot spricht Dr. Wiede­mann (Frankfurt a. M.) über das ThemaDas Deutsche Eigenheim und seine Finanzierung".

NSD., Ortsgruppe Mitte.

Bett.: Opferringsammlung.

Am Mittwoch, 9. Juni, werden die Spenden (Opferringsammlung) durch die NS.-Frauenschaft eingesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kennt­lich zu machen und die Mitgliedskarten zur Quit- tungseinzeicynung bereitzuhalten.

NSV., Ortsgruppe Gießen-Ost.

Bett.: tebensmitfebOpferring.

Die Sammlung wird Dienstag, 8., und Mittwoch, 9. Juni, von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarte zur Eintragung vorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzu­geben.

Deutsche Arbeitsfront.

Aebungsfirmenwarlschafl der Deutschen Arbeitsfront.

Wir machen darauf aufmerksam, daß am Diens­tag, dem 8. Juni 1937, um 18 Uhr, eine halbstün­dige Sendung im Reichssender Frankfurt a. M. ge­geben wird unter dem Titel: 3989V

Ein Mann kauft ein Auto ausgerechnet bei einer Uebungsfirma.

Interessenten für die Deutsche Uebungsfirmen- wirtschast werden gebeten, sich jeweils Freitags abends im Hause der Deutschen Arbeitsfront Gie­ßen, um 20 Uhr, in Zimmer 14, einzufinden.

ZWn.9.=Gemeinf(haftfiraft durch freute''

Omnibusfahrt

zum Eifelrennen auf dem Nürburgring.

Zu obigem Rennen am 13. Juni fahren wir einen Omnibus. Der Fahrpreis beträgt einfchl. Eintritts­preis zum Rennen 8,55 RM. Anmeldung muß um­gehend auf der Kreisdienststelle erfolgen. 3985V

BOM., Untergau 116, Gießen.

B e tr.: Schwimmen: Am heutigen Dienstag, 8. Juni, treten alle, die die BDM.-Staffel mit-

Die Nachtkerze.

Von Friedrich Schnack.

Sybille, die zwölfjährige Blumenfreundin, die sich nicht nur bemüht, die heimischen Blumen in Feld und Wald kennenzulernen, sondern sie auch zeichnet und abmalt, wollte die Nachtkerze sehen, die große, feierliche Hochsommerblume, die den Tag ; nicht so gern hat wie die Nacht, und die ihre Blüten erst nach Einbruch der Dämmerung auftut, um Nachtschmetterlinge anzulocken. Ich hatte dem Mädchen den fremdartigen Reiz der Nachtkerze ge- ichildert: sie sei anfangs des 17. Jahrhundert aus dem nordamerikanischen Virginien nach Padua in den botanischen Garten gebracht worden (anderer Lesart nach soll der Naturforscher Alexander von Humboldt sie in Deutschland eingeführt haben), in t nbändigem Freiheits- und Vermehrungsdrang clber fei sie bald darauf durch den Zaun des italie- rifchen Gartens ausgebrochen: hcrbe sich gleich einem sinken Geist, das Land erobernd, auf Schutthalden, Brachäckern und an Wegrändern angesiedelt, sei mdlich in ganz Mitteleuropa heimisch geworden mb heute bei uns in Deutschland so weit verbreitet l»ie in Virginien, ihrem Herkunftsland. Sie fei c^eichsam die Weltbürgerin unter den Feldblumen, tsiße auch Siebenschläferin, weil sie am Tage, wenn cntbere Blumen eifrig blühen und duften, schlafe, titb wenn sie einmal unter Tags die Augen offen- Tptte und wache, hätten mir trübes Wetter, das ihr e ne Dämmerung oder nächtliche Dunkelheit vor- tuusche.

Diese Eigenart machte Sybille recht neugierig, irvb sie wollte noch heute der Schönen ihre Auf- martung machen. Wir hätten einen sonnigen Tag gehabt, die Nachtkerze habe wohl bald ausgeschlafen.

Wir gingen aus. Die Sonne stand im Westen hmter den Bergen Ihr gelber Schein gemahnte an d n Glanz einer himmlischen Nachtkerze in Wolken- (hrbern. Auf dem städtischen Lagerplatz, wo die Litraßenarbeiter die Pflasteriteinr gestapelt und den Cond zu Dünen aufgeschüttet hatten, wuchs die Staube Oenothera, wie sie in den Büchern genannt tiirb nicht. Doch hatte ich sie hier im vergangenen W gesehen. Blieb sie diesmal aus? War es noch p früh für sie? Schuttpflanzen entfalten ihren Llumenftaat ziemlich spät, sie sind ebenso zurück- ^ltend-vornehm wie schlicht. Da wir sie auf dem öigerplatz, wo vielerlei wuchs, nicht fanden, gingen ud: r zum nahen Eisenbahndamm. Auf dem langen fjnng kamen wir zu einer Wildnis aus Wolfsmilch, niem krausen Krautteppich. Im scheidenden Licht

flimmerten zahllose kleine orangenrote und gelbe Scheinblüten der Cypressen-Wolfsmilch wie ein goldenes Gespinst. Erde und Himmel waren golden beleuchtet in dem Lichtdunst und dem goldenen Schleier der Wolfsmilch ragte die Nachtkerze, eine meterhohe Staube, im Kreis ihrer Geschwister, bie an Gestalt ein wenig kleiner waren. Einige ihrer großen Blumen waren bereits geöffnet.

Sybille fühlte den Zauber der Pflanze. Sie kniete mitten im Wolfsmilchteppich nieder und drängte das Gesicht gegen die Nachtkerze, an einer der Blüten zu riechen. Die Blume duftete aber nicht, sie ist ohne Würze. Gleich einer Flamme zuckte eine über ihr auf dem Hang stehende Kerze im ungewissen Hauch und Licht des Abends auf, wie wenn dem lieblichen Mädchenkopf eine blumen- hafte Materialisation entspränge eine Nacht­kerzenerscheinung, seltsam lodernd und traumhaft still.

Manche dieser Stauden hatten schon gestern und vorgestern geblüht. Die Zeit der ältesten Blumen war vorbei, sie hingen welk an ihren gekrümmten langen Stielen. Sybille berührte sie, da fielen sie ab, wie wenn sie nur auf sie gewartet hätten, um ganz zu sterben. Um so leuchtender und tiefer schim­merten die frischen Blumen. Wie seltsam brannte das kühle, hell-schwefelgelbe Feuer der Blüten! Straußförmig waren sie um die hohen Stengel geordnet und schauten ruhig nach allen Seiten. Märchenhafte Blumenaugen, wunderlich fremde Blicke. Andere Blüten hatten gerade ausgefchlafen und waren dabei, sich aufzutun. In dem Pflanzen­blut verging die letzte Wärme des Tages, der die Nachtkerze nun nicht länger störte und hemmte. Mit Geisterhand rührte sie der Abend an. Ihm konnte sie sich nicht versagen, sie erschloß sich ihm.

Der Vorgang währte kaum vier bis fünf Minu­ten. Die aufrecht stehenden Blütenknospen, auf ihren langen Stielen schwebend, waren etwas angeschwol­len. Plötzlich neigten sie sich wie unter einem heim­lichen und lieblichen Gedanken, verharrten einige Zeit zögernd unentschlossen; bann auf einmal wallte ihr Inneres zärtlich über: sie öffneten bie golbenen Herzen. Die eingerollten Blumenblätter entfalteten unb glätteten sich, der Blütenbecher war fertig.

Sybille betrachtete ben erschlossenen Tempel. In ber Mitte ber Blüte steht bas Heiligtum, bie Säule bes Griffels, ber ben vierstrahligen Stern ber Narbe emporhebt. Acht Staubträger umtanzen ihn. Sie bringen dem Opfertifch ein feines Mehl dar. Der anmutig geneigte Blumenstiel, durchzogen vom Fa­den des Griffels, sitzt den am Stengel heraus­wachsenden gerieften Fruchtknoten auf. Von den

Fruchtbehältern weiter unten find die Stiele ab­gefallen. Oben ist es noch Frühling und Sommer, unten eilt die Pflanzenzeit bereits dem Herbst ent­gegen.

Während Sybille auf dem Boden die aufliegenbe Dlattrosette und bie ausgeschweift gezähnten Lan­zetten abtastet, erscheint blitzschnell ein neuer Tem­peltänzer, ber Wolfsmilchschwärmer, ein Dämme­rungsfalter, ber hier beim Wolfsmilchkraut feinen Flugplatz hat. Falkenartig vor einer Blume rüttelnb, senkt er ben langen Säugrüssel in bie Blumen­rohre, ben verborgenen Nektar zu trinken, wobei er mit ben heftig fdjroirrenben Flügeln rücksichtslos ben Staubträgern bas klebrige Mehl aus ben Beuteln schlägt. Das aber ist ber Nachtkerze recht der Falter nimmt es mit zu anberen Tempeln, ihre Be­stäubung herbeiführend.

Unterbeffen erlosch bie Dämmerung vollenbs. Da Sybille bie Nachtkerze abzeichnen wollte, mußte ich bie Schöne, bie wir soeben noch bewunberten, aus bem Kreis ihrer Schwestern herausnehmen. Auf­recht sie in ber Hanb haltenb, trug sie bas Mädchen vor mir her. Sie war einem Engel bes Abenbs nicht unähnlich, der eine bleichfchimmernbe golbene Kerze durch bie Finsternis nach Haufe bringt.

Glona-palaff:Wie der Hase laust."

Dieser Hase läuft, wenn ber kühne Vergleich ge­stattet ist, ganz ähnlich, wie seinerzeit auf bem Theater unb im Film August Hinrichs Hahn krähte. Genau genommen läuft er ja überhaupt nicht, benn er ist schon tot, aber fein Etappenhase, sonbern einDeputatshase", ber auf Grund alter Privilegien bem Pastor ber kleinen Gemeinbe Pümpelshausen zusteht. Erst hängt er auch ganz vorschriftsmäßig oben am Hahnendalken bes Pa- storhauses, später hängt er noch immer ba, aber ba ist es schon nicht mehr ber richtige, sonbern ein ausgestopfter; unb am Enbe ist er ganz unb gar verschwunben. Dafür treibt aber ein lebenbiger, zweibeiniger nächtlicherweile fein Wesen in Püm- pelshausen, Kammersänger Haase, mit zwei a unb es ist ein richtiger Aufruhr unb eine fchröckliche Diebskomöbie in dem kleinen Dorf, wobei nicht nur ber Hase, sonbern auch bie Liebe eine bebeutenbe Rolle spielt. Komödie ist ein bißchen zu viel gesagt, aber eine hanbfeste Mischung aus Schwank unb Volksstück, unb es gibt was zu lachen, unb wenn es im Programmheft heißt: bas ist ja woll ein bolles Ding ist bas ja! bann wagt niemand ernstlich zu widersprechen. Ursprünglich war bas Ganze ein Theaterstück von Cb gar Kahn, ber mit Franz

Rauch zusammen bas Drehbuch schrieb; Ebuard K ü n n e ck e machte die Musik dazu, und Carl B o e s e, ber Erfahrung in solchen Sachen hat, führte Regie unb nahm fein Blatt vor ben Munb, bis am Ende alles orbentlich im Reinen war: mit zweifachem Aufgebot beim Ortsvorsteher, wie sich bas bei einem solchen Stück versteht. Es wirb auch hübsch unb lustig gespielt; man sieht eine ganze Reihe ergötzlicher, zum Teil (burch ben be­wußtenHahn" unb bas Schwein Jolanthe) schon typisch geworbener Gestalten: Heli Finfenzel- l e r, die leckere Vorsteherstochter, Rudolf Platte unb Lotte Rausch als Knecht unb Magd, ein prächtiges Duett, Erwin B i e g e l unb Gustav Vü11jer, zwei hanebüchene Tivpelbrüder, Kurt Seifert, ben bicken Kammersänger auf nächt­lichen Schleichwegen, Wernicke, Genschow, Leibelt unb Carla R u st. Besonders heraus­heben möchten wir bie junge Marian Lex, die bas Gustchen gibt, auf eine sehr einfache unb mensch­lich rührenbe Art, welche bie ohnehin kaum komische Gestalt entschieden aus ber Schwanksphäre heraus­hebt; hier scheint uns eine Begabung zu stecken, ber man bald vor einer größeren Aufgabe wieder- begegnen möchte. (Ufa.) *

Im Beiprogramm gibt bie Ufa einen Querschnitt burch vier ihrer großen historisch-vaterländischen Filme (Fridericus".Porck",Morgenrot",Hit- lerjunge Quex"). Außerdem ein Kulturfilm, bie Wochenschau mit Bildern von ber Hamburger Trauerfeier für bie Opfer von Lakehurst und von ber enalischen Krönung, zuletzt ein Vorspann zu bem FilmPeter im Schnee".

Hans Thyriot.

3eiffdhriffen.

Japan unb seine Entwicklung zur Großmacht im Fernen Osten bilden ben Gegenstand bes Leit­artikels in ber neuesten Nummer berIllustrir - ten Zeitung Leipzig". Den Aufsatz schrieb Fürst Albrecht Urach, Tokio, Prof. Ernst Linnen­kamp, ber sich längere Zeit in Japan aufgehalten hat, steuerte aus seinem Skizzenbuch Zeichnungen unb Gemälde bei, bie Seele unb Landschaft Japans erschließen. Ferner enthält das Heft u. a. eine reichbebilderte Würdigung ber Lucas-Cranach-Aus- stellung im Deutschen Museum zu Berlin, eine fes­selnde Schilberung von ber Tätigkeit des Schiffs­arztes unter bem TitelEin Helfer auf See", eine wissenschaftliche Abhanblung ..Sonnenflecken nehmen roieber zu" unb prachtvolle Aufnahmen vomSchö­nen Land Tirol".