ihre Arbeit zunächst vorwiegend auf die Behebung der Lebensnot des deutschen Volkes abzustellen. Eine solche zweckbestimmte Forschung hat es zwar zu allen Leiten gegeben. Staat und Industrie unterhalten Dutzende von zweckbestimmten Forschungsinstituten, und auch die Universitäten haben sich weitgehend an solchen Aufgaben beteiligt. Eine bewußte Zusammenfassung der gesamten deutschen Forschung hat aber erst der nationalsozialistische Staat vorgenommen, und in den letzten Tagen hat der Reichserziehungsminister einen besonderen Forschungsrat gebildet, in dem alle Kräfte der wissenschaftlichen Forschung im Hinblick auf die Erfordernisse des Vierjahresplans planmäßig erfaßt und eingesetzt werden. Neben der zweckbestimmten Forschung gibt es noch eine, die ausschließlich um ihrer selbst willen geübt wird, und der Reichserziehungsminister hat ausdrücklich erklärt,
daß an dem Grundsatz der freien Forschung nicht gerüttelt wird.
Ich glaube, gerade Deutschland hat keinen Grund, mit den Ergebnissen seiner reinen und selbstlos geübten Wissenschaft unzufrieden zu sein. Die zahllosen rauchenden Schornsteine der chemischen, der optischen, der elektrotechnischen Industrien — nur um diese zu nennen — bezeugen es eindringlich, daß aus stillen Quellen mächtige Ströme geworden sind.
Die bis jetzt berührten Fragen betreffen alle deutschen Hochschulen in gleicher Weise. Es ist aber nicht unbescheiden, wenn anschließend auch die Lage im eignen Hause mit nur wenigen Worten gestreift wird. Es ist zweifellos, die Ludoviciana nimmt im Kreise der deutschen Universitäten zur Zeit eine Sonder st ellung ein. Sie ist einmal eine kleine Universität, eine Feststellung, die auch für eine Reihe anderer deutscher Hochschulen zutrifft. Darüber hinaus ist sie Hessische Landesuniversität. Als kleine Universität leidet sie wie andere kleine und mittlere Hochschulstädte unter der Abwanderung der Studierenden in die Großstädte, oder landschaftlich besonders begünstigte Orte. Als Angehörige der hessischen Landesuniversität empfinden Studierende wie Lehrer lebhaftes Bedauern darüber, daß bis heute die volle vorbehaltlose Gleichstellung mit den Universitäten im Reich noch nicht erreichbar war. Wer die Auswirkungen dieser beiden Tatsachen nach allen Richtungen durchdenkt, wird mit mir zu dem Schlüsse kommen, daß hier eine Sonderstellung entstanden ist, an deren Beseitigung im Einvernehmen mit Reich und Land, aber auch mit der Studentenschaft gearbeitet werden muß. Daß ein solches Streben erfolgreich sein wird, ist sicher, denn es deckt sich mit den letzten Zielen des Reichsaufbaues.
Die lange ungeklärten Verhältnisse in der philosophischen Fakultät, wo drei unbesetzte Lehrstühle uns einige Sorgen bereiteten, beginnen sich aufzuhellen, und es besteht die begründete Hoffnung, daß diese Fakultät in kurzer Zeit wieder geschlossen da- steht. Ebenso geben wir uns der Erwartung hin, daß die endgültige Ernennung einiger Lehrbeauftragter auf wichtigen Lehrstühlen anderer Fakultäten demnächst erfolgt. Es wird dadurch eine Ursache der Beunruhigung, nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Universität, insbesondere die Studierenden, beseitigt werden. Klare und gesicherte Ver- hältniffe in der Besetzung der Lehrstühle sind aber für Lehre und Forschung eine unbedingte Voraussetzung. Der Student hat es dann nicht notwendig, etwa mit seiner Doktorarbeit von Hochschule zu Hochschule zu wandern, und auch der Dozent wird sich nicht allzu leichten Herzens entschließen, jeder Lockung nach einem anderen Ort zu folgen. Die letzten Anordnungen des Reichsstudentenführers lassen erkennen, daß man für die Studentenschaft ein solches Wanderleben nicht gutheißt, und es darf gehofft werden, daß nunmehr alle Hindernisse fallen, die einer Entfaltung Gießens als Universität zur Zeit noch im Wege stehen.
Wir alle fühlen uns tief durchdrungen von der hohen Aufgabe, ein ehrwürdiges, 300 Jahre altes kostbares Erbe einzubauen in den kraftvollen Staat Adolf Hillers. Und so möchte ich sagen: gebt uns den Weg frei, die Universität wird dann schon eifersüchtig darüber wachen, daß an ihr nur die besten Nationalsozialisten und die besten Gelehrten wirken.
So wie in der Wissenschaft um neuen Inhalt und in der Dozentenschaft um neue Formen der Zusammenarbeit gerungen wird, so in gleicher Weise in der deutschen Studentenschaft. Träger dieser Aufgaben ist der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund mit seinen Untergliederungen, den Kameradschaften. Auch hier kann es, rote es in der
Wissenschaft, nur eine gemeinsame Grundlage geben, die nationalsozialistische Weltanschauung. Auf dieser Grundlaae sind eine Reihe vornehmlich organisatorischer Aufgaben zu lösen, von denen ich als vordringlich erwähne 2)en Brückenschlag z u den Altakademikern. Die Universitäten, insbesondere die kleinen Universitäten, haben den herzlichen Wunsch, daß dieses Ziel erreicht werde. Mit der Aushebung der alten Korporationen verloren die Hochschulen ein geistiges Hinterland, ein Rekrutierungsgebiet. Denn die Treue und Anhänglichkeit, mit der die früheren Korporationen die Beziehungen zu ihren Hochschulen pflegten, ließen es als selbstverständliche Pflicht erscheinen, daß der alte Gießener Student, der meinetwegen in Insterburg ober in Augsburg tätig war, auch den Sohn der eigenen, liebgeworbenen Hochschule zuführte.
Wir werden lief beglückt sein, wenn die Kameradschaften und die NS.-Studentenkampfhilfe diese im besten Sinne des Wortes vorbildliche Tradition wieder aufnehmen und fördern wollen, und wenn auf der anderen Seite die ehemaligen Studenten dem Wunsche unseres Führers Nachkommen und sich einreihen in eine Front!
Der deutsche Student der nahen Zukunft wird ein anderer sein als der, den wir von 1925 bis 1930 kennenlernten und der in mancherlei Hinsicht gewissermaßen als unfertig gelten konnte. Der neue Student hat dem Arbeitsdienst genügt, er^ wird eine zweijährige Schule strengster Pflichterfüllung bei der Wehrmacht durchlaufen haben. Seine Haltung wird straff und soldatisch und sein Blick studentischem Tun und Treiben gegenüber kritisch sein. Die Kameradschaften müssen ihren künftigen Aufbau auf diesen Studenten der Zukunft einstellen, mit ihm müssen sie die Grundlagen für einen neuen Abschnitt in der Geschichte des deutschen Studen- tentums legen. Es sind Bindungen zu schaffen, die über die Studienzeit hinausreichen und den gereiften Mann für immer mit feiner Hochschule und der aktiven Mannschaft verknüpfen. Viel wird für die künftige deutsche Universität davon abhängen, wie die Kameradschaften diese Aufgabe lösen. Als älterer Kamerad darf ich Ihnen wohl den gutgemeinten Rat geben: erziehen Sie sich zur Bescheidenheit und jener Höflichkeit, die der Ritterlichkeit verwandt ist und aus dem Herzen kommt, überladen Sie nicht
Ihr Schiff mit Nebensächlichkeiten und lassen Sie auch der Fröhlichkeit ihr Recht.
Gesunde, wehrhafte, junge Wänner mit frohen Gesichtern und blanken Augen sind zu allen Zeiten auch die besten Anwärter der Wissen- schäft gewesen.
Und zum Schluß noch eins: vergessen Sie nicht, meine junge Kameraden, daß der Nationalsozialismus zur Leistung verpflichtet. Diese Leistung kann für Sie nur auf dem Gebiete der von Ihnen erwählten Wissenschaft liegen. Wer sich der Wissenschaft verschreibt, muß Selbstvertrauen und ein begeisterungsfähiges Herz besitzen, der Wahrheit ergeben sein und vor allem unermüdlichen Fleiß und Ausdauer der Arbeit zuwenden. Das sind alte erprobte Wahrheiten. Hat dach einer unserer größten Geister den Begriff des Genies auf die einfache Formel gebracht: Genie ist Fleiß.
Und wenn Sie müde von der Arbeit werden sollten, dann blicken Sie auf zum Führer, der uns allen ein Vorbild ist und der sich bis zur Selbstaufopferung in der Arbeit verzehrt.
Nationalsozialismus ist die Idee von der V o l k s g e me ins ch a f t, W i ss e n- schäft ist die Idee von der Wahrheit. Unter den Strahlen dieses Doppelgestirns treten wir ein in das Sommersemester 1937. Möchte Ihrer aller Arbeit gesegnet sein.
Und nun gedenken wir des Führers. Der Führer: Sieg-Heil!
Mit dem feierlichen Ausbringen der Fahnen fand die Feier ihren Abschluß.
Besichtigung von Instituten.
Eine Besichtigung des Physikalischen und des Landwirtschaftlichen Instituts, der Veterinärklinik, des Tierseucheninstituts, der Anatomie, des Zoologischen Instituts, der Chirurgischen und der Medizinischen Klinik und der Lupusheilstätten schloß sich der Rektoratsübergabe an. Sie vermittelte in überzeugender Weise die Verbindung der wissenschaftlichen Arbeit mit den praktischen Erfordernissen des Lebens. Besonders wurden auch verschiedene Ver- besserungsvorschläae geprüft, deren Durchführung eine erfolgreiche Weiterarbeit der Universität Gießen gewährleistet.
Aus der Stadt Gießen.
Schuranfang.
Was für ein aufregendes Ereignis ist jeder neue Anfang in unserem Leben! Der erste Tag in einer neuen Stellung, an fremdem Ort, in ungewohnten Verhältnissen ... jedesmal ein Begebnis, dem wir mit bangem Herzklopfen, oder hoffnungsfroher Erwartung entgegensehen, das uns Enttäuschung, Schwierigkeiten oder auch freudige Ueberräschung beschert. Kein anderer Anfang aber hat je wieder eine so tiefgreifende Umwälzung in unserem Leben bedeutet wie jener Tag, an dem wir zum ersten Male, den Ranzen auf dem Rücken, die Frühstückstrommel umgehängt, an der Hand der Mutter im Strom der vielen anderen Kinder, eins von ihnen, dem Schulhaus zustrebten, an dem wir bisher immer halb ehrfürchtig, halb neugierig vorübergingen, von dem die großen Geschwister so viele Dinge zu erzählen wußten, die manchmal sehr lustig klangen und manchmal auch nicht...
Und doch, alle Bangnis und Scheu war übertönt von der großen, aufregenden Erwartung und von dem Stolz, nun „dazu^ zu gehören! Und der erste Schultag war eitel Sonnenschein und Vergnügtsein mit den vielen anderen Kindern und dem freundlichen Fräulein. Man freute sich schon beim Zubettgehen auf das Morgen. Das Morgen war bann zwar nicht mehr ganz so lustig, das Stillsitzenmüsfen dauerte eigentlich viel zu lange, und schwatzen sollte man dummerweise auch nicht, und dennoch... Es dauerte eine ganze Weile, bis man dahinterkam, ohne Schule fei das Leben doch schöner gewesen. Und bis man begriff, daß man den schönsten Teil seines Lebens endgültig hinter sich hatte, wußte man kaum noch, wie es früher gewesen war.
Ja, und da ziehen sie heute wieder einmal dahin, den Ranzen auf dem Rücken, die Schultüte im Arm, an der Hand der Mutter, stolz und bang, strahlend oder verschüchtert, dem großen Ereignis entgegen, das sich in jedem Frühling wiederholt,
aber für jedes Kind ein einmaliges ist, fo wie das Leben unaufhörlich strömt, aber für jede Menschenseele zu jeder Stunde ihres Daseins einmalig, unwiederholbar und voll eigenster Bedeutung ist.
Bei aller Aufregung wissen die Abcschützen es nicht einmal, w i e entscheidend der Tag für sie ist — zu ihrem Glück. Noch ganz umfangen von Spiel gleiten sie unwissend hinein in den Ernst, wie in neues Spiel. Bisher waren sie etwas Einziges, auch die aus den mit Kinderreichtum gesegneten Familien, die zu Hause viele Geschwister haben. Die Geschwister sind doch immer etwas Anderes, sind größer oder kleiner, stehen über oder unter einem, man selbst stand bisher auf seiner eigenen Stufe allein, aanz für sich mit feinen eigenen Ansprüchen und Aufgaben. Aber plötzlich neben anderen zu stehen, sich einreihen zu lassen, eins unter vielen zu sein, die große schwere Aufgabe und das große Glück der Menschen, sich nicht nur nach oben und unten, sondern vor allem gegenüber seinesgleichen behaupten und bewähren zu müssen, die beginnt am ersten Schultag, und ohne daß die Neulinge wissen, wie ihnen geschieht.
Es kommt wohl vor, daß am ersten Schultag mitten aus Spiel und Scherz heraus plötzlich so ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen aufsteht und mit energischen Schritten zur Tür geht. „Wo willst du denn hin? — „Zu meiner Mutti." Die freundliche Erklärung, daß es noch nicht Zeit sei, daß die Mutti jetzt gar nicht zu Hause wäre, aber schon rechtzeitig kommen und abholen würde, begegnet bann vielleicht fassungslosem Entsetzen und einem jäh ausbrechenden, nicht endenwollenden Strom bitterer Tränen. Das kleine Wesen hat plötzlich begriffen, daß etwas Neues, Hartes und Unerbittliches in fein Leben getreten ist, daß die Tür des Kinderparadieses endgültig hinter ihm zugefallen ist. Bisher hat das Kind sich immer nur vorwärts gewünscht, unter gesunden Verhältnissen kann bas junge Leben gar nicht rückwärts schauen, unb Gott sei Dank, noch auf viele Jahre hinaus wird es den Blick er
wartungsvoll unb gläubig in die Zukunft gerichtet halten. Aber es kann fein, daß irgendein nachdenkliches kleines Geschöpf in den ersten Schultagen die erste sehnsüchtige Rückerinnerung beschleicht, das erste ahnungsvolle Heimweh nach einem für immer verlorenen Paradies. Aber die gesunde Kraft, die wachsen will und nur wachsen kann im Bewältiaen von Aufgaben, wird sich bald wieder lebensvoll der Schule zürnenden mit all ihren Anforderungen unb Schwierigkeiten, ihren Freuben unb Leiben, ihren Siegen unb Niederlagen. Gewiß, bas Spielen ist schöner, unb bie Kinber sinb Ausnahmen, bie „gern" zur Schule gehen, aber bafür gibt es auch kaum einen Erwachsenen, ber sich nicht gern unb dankbar seiner Schule unb Schulzeit erinnert und besten, was sie ihm für Körper unb Geist, Herz und Charakter gegeben hat. A. v. P.
Äornotizen.
Tageskalender für Donnerslag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Kreutzer-Sonate". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Stimme des Herzens". — 16 unb 20 Uhr Vortrag von Frau Schumacher-Mindrup im Cafe Leib: „Rund um den Haushalt".
Neue Operette im Stadttheater.
Der Intendant des Stadttheaters Gießen, Hermann Schultze-Griesheim, hat die neue Erfolgsoperette „Die Dorothee" von H. Hermecke und A. Vetterling zur Aufführung angenommen. — Die Erstaufführung findet am 11. April statt. Musikalische Leitung: Kapellmeister Hans H. Hamp'el. Spielleitung: Paul Wrede. Einstudierung ber Tänze unb choreographische Leitung: Irmgard Zenner. —
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Vetr. Arbeitstagung aller llnterbanntührer. Gefolgschaftsführer und Gefotgschaftsgeldverwalter.
Alle Unterbannführer, Gefolgschaftsführer und Gefolgschaftsgeldverwalter haoen am kommenden Freitag, 9. April, pünktlich 20.30 Uhr, zu einer Arbeitsbesprechung an der Banndienststelle, Wartweg 19, anzutreten.
Vetr. Abnahme für Getändesporl am Sonntag.
11. April.
Teilzunehmen haben sämtliche Junggenossen, die am letzten Schießlehrgang des Bannes teilgenommen haben. Weiterhin alle Junggenossen des Unter» bannes 1/116 (Gießen), die bereits mit dem Leistungsabzeichen angefangen haben. Antreten: 9 Uhr an der Volkshalle.
Vetr. Voxlehrgang.
Der Boxlehrgang beginnt wieder am 12. April (Montag).
Velr. kinderlandverfchickung (Jungbann 116).
Der Sozialftellenleiter weist nochmals darauf hin, daß ber 9. April zur Meldung für Kinderlandver- fchickung unbedingt einzuhalten ist. Jebes Fähnlein meldet unter Angabe des Namens, Alters, Wohnort, Straße, Berufs ber Eltern und Zahl ber Geschwister, listenmähig.die betreffenden Pimpfe.
Velr. Sommerzelllager der Hiller-Jugend.
Zur Arbeitsbesprechung am fommenben Freitag haben alle Gefolgschaftsführer die Zahl ber zum Zeltlager einguberufenben Junggenossen ihrer Gefolgschaft zu melden.
Hitler-Zugend, Unterbann III/116.
Velr. Gesolgschaflsappell.
Am kommenden Sonntag, 11. April, 9.15 Uhr, tritt der HJ.-Standort Hungen zum Appell an. Die gesamte Führerschaft der Gefolgschaft 11/116 ist ebenfalls um 9.15 Uhr an der Dienststelle der Gefolgschaft 11/116 angetreten.
Jahrgang 1927 tritt an.
Am Samstag, 10. April, 15 Uhr, findet der erste Appell des Jahrgangs 1927 im Hofe der Schillerschule statt.
Blondes Haar bedarf wegen seiner Empfindlichkeit besonderer Pflege.
Man wäscht es daher nur mit Mitteln, die kein Bikali und keine Kalkseife im Haar zurücklassen und dafür sorgen, daß es nicht nachdunkelt, also mit
SCHWARZKOPF
Für Blondinen besonders zu empfehlen: J
Schwarzkopf-Schaumpon „Kamille“ 20 Pf.
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• Skandal um Dr.Vandergruen
JRomon von Hans Hirthammer.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. S.
11. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Vielleicht aber wird es ihm nie gegeben sein, dies Letzte zu ergründen, die gewaltigste unb erhabenste aller Symphonien zu vernehmen. Denn wer dies Köstliche erleben will,, muß selber der letzten Hingabe fähig sein, muß sich verschenken statt zu fordern, muß sich preisgeben statt zu erobern. Und es mag bezweifelt werden, ob ein Emil Knack zu solchem fähig ist.
„Ja, ich habe sie abgeholt, weil ich tatsächlich Lust hatte, ein wenig mit ihr bummeln zu gehen. Es ist aber nichts daraus geworben, weil ihre Tante sie eingetaben hatte. Wir sind bann —"
„Tante? Was für eine Tante?" Er ift voller Aufregung. „Menschenskind, unb bas sagen Sie so nebenbei? — Wo wohnt diese Tante? Sofort hm zu ihr! Sie wird uns Gisch wieder ausliefern!"
Marn schüttelt den Kopf. „Sie wollte nicht lange oortbleiben, bloß einen kurzen Höflichkeitsbesuch machen. Warten Sie, Gisch nannte irgendein Hotel, ,Stadt Koblenz^ ober so, am Alexanderplatz. Gibt es das?"
In diesen Fragen weiß Emil Knack Bescheid, vom Wurstfach her. „Ah, ,Hotel Stadt Mainz<, nicht wahr?"
„Richttg, ich wußte, daß es irgendwo im Rheinland war."
„Schlechte Firma! Erledigt bie Rechnungen grundsätzlich erst nach Empfang des Zahlungsbefehls. Ich werbe biefer Tante sofort auf die Bude steigen, sie wird zum mindesten weitere Auskünfte geben können. — Kommen Sie doch mit, ich habe meinen Wagen unten!"
Mary überlegt einen Augenblick. „Gut, einverstanden! Aber — Sie müssen mich dann zum Kurfürstendamm bringen!"
„Js jemacht! Erledigt!" Nichts könnte ihm an- genchmer fein.
„Schön, dann werden Sie sich aber jetzt nach unten verfügen, damit ich mich anziehen kann. Sie können ja einstweilen den Motor nachsehen ober Benzin tanken."
„Och, der Motor ist vollkommen in Ordnung und an Brennstoff fehlt es auch nicht!" äußert Emil. '
„Meinetwegen fangen Sie Schmetterlinge!" meint Mary unb schiebt Herrn Knack mit sanftem Nachdruck zur Tür.
Aber wie sie aufmacht, steht Frau Dr. Behnicke da, ein Fanal flammender Entrüstung.
„So!" sagt sie und hat die rechte Hand geballt, als halte sie dort ein feuriges Schwert. „Ei, ei! Sie haben wohl vergessen, Fräulein Hauck, daß Sie hier bei einer anständigen Familie wohnen. Es ist ja wirklich unerhört!"
„Liebe Frau Doktor Behnicke, was wollen Sie damit eigentlich sagen?" Mary hat Herrn Emil beiseitegeschoben und steht dicht vor ber Rächerin ber Hausehre.
„Na, ich denke, die Tatsachen sind deutlich genug. Was würden Sie sich wohl denken, wenn Sie mich im Negligö finden würden und einen jungen Mann im Zimmer?"
Fräulein Hauck bricht in ein helles Gelächter aus. „Eine schlechthin unvorstellbare Situation! Doch zu Ihrer Beruhigung: Der Herr ist vor zehn Minuten gekommen, Ihr Fräulein Tochter hat ihm die Tür geöffnet. Es handelt sich um einen dringenden geschäftlichen Besuch."
Es kostet Frau Dr. Behnicke offensichtlich einen schweren Kampf, dieser Erklärung Glauben zu schenken, aber da man ihre Tochter als Zeugin angibt — „Na, denn — entschuldigen Sie man! Ader schließlich hätte ber Herr solange im Flur warten können, bis Sie fertig angezogen waren!"
„Allerbings, bas hätte er. Nun, bas nächste Mal wird darauf geachtet werden, nicht wahr, Herr Knack?"
„Gewiß, gewiß!" Pflichtet Herr Knack säuerlich bei.
Frau Dr. Behnicke zieht sich mit erhobener Nasenspitze zurück. —
„Da sehen Sie, in welche Verlegenheiten Sie einen bringen können. Nun aber los, Mensch, verschwinden Sie!" —'
Im „Hotel Stadt Mainz" ist die morgendliche Säuberung noch im vollen Gange, unb da- Erschei
nen ber beiden jungen Leute richtet einige Verwirrung an.
Emil sucht eifrig nach einem Wesen, bas nach Portier ober Geschäftsführer aussieht. Er findet aber außer ber Scheuerfrau nur den Heini vom Fahrstuhl. Der ist ohne Jacke, hat eine mächtige blaue Schürze umgebunden und putzt die Messingklinken der „Stadt Mainz".
„Hallo, junger Mann, gibt ps in diesem Hause keinen Empfangschef?"
„Augenblicklich bin ich das. Was wünschen die Herrschaften? Im ersten Stock ist noch ein Zimmer mit zwei Betten frei. Wenn die Herrschaften sich's ansehen wollen--"
„Nee, wollen wir mitnichten!" stellt Mary umgehend richftg. „Mitnichten" ist ein von Dr. Behnicke mit leidenschaftlicher Inbrunst gebrauchter Ausdruck.
„Sondern es handelt sich," fällt Emil ein, „um eine junge Dame, bas heißt: eigentlich um eine alte Dame, die angeblich in diesem Hause abgestiegen ist. Ist eine derartige Tatsache hierorts bekannt?"
Heini ßupft sich am Ohr. Das ist seine Art, über eine Sache nachzudenken. „Wir haben zur Zeit vier alte Damen im Haus, aber welche davon Sie nun meinen —?" Heini unterhält sich ausschließlich mit Mary, die vom ersten Augenblick an einen nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht hat. „Knorke!" denkt er nach einem vorsichtig prüfenden Blick.
Es entgeht Mary nicht, daß das Bürfchlein Feuer gefangen hat. „Liefa heißt sie mit Vornamen — und gestern abend ist sie von einer jungen Dame besucht worden."
„Aha, Frau Schüßler — geht in Ordnung. Zwei Treppen Zimmer sechzehn. Sie können den Fahrstuhl benützen!"
„Wie denn, wissen Sie von diesem Besuch?"
„Na klar!" sagte Heini. „So 'ne Kleene, höchstens achtzehn, hab' sie selbst im Fahrstuhl nach oben gebracht."
Herr Knack runzelt mißbilligend die Stirn. „Ich rate Ihnen, in etwas respektvolleren Ausdrücken von der jungen Dame zu sprechen. Fräulein Ame- lung ist meine Braut."
„Ach, Härschässes!" entschlüpft es dem Fahrstuhl- mann. „Hm, hm, ich bin im Bilde. Sie wollen fest- stellen, ob das Fräulein Braut auch tatsächlich bei der lieben Tante war. Tscha, Sie haben recht. Man darf den Mächens Heutezutage keine fünf
Schritte trauen. Was meine Letztverfloffene war — na, ich kann Ihnen sagen, die hatte es massig hinter den Ohren. Dabei--"
„Interessiert uns nicht im geringsten!" Herr Knack rollt vernichtend die Augen. „Sondern erstens: ist meine Braut noch im Hause; wenn nicht, zweitens: wann hat sie das Hotel verlassen?"
Heini ift auch nicht auf den Mund gefallen. Ein Paar Lackschuhe können ihn noch lange nicht aus der Fassung bringen. Denkste wohl! Hier 'rumzu- spionieren unb dem netten kleinen Mädel hernach die Hölle heißzumachen!
„Mein Herr", sagte er, unb bas Bewußtsein, als verantwortlicher Vertreter bes Hauses „Stadt Mainz" in diesem Augenblick zu sprechen, verleiht seiner Stimme Ernst und Nachdruck, „mein Herr, ich halte es nicht für angebracht, über die Privatangelegenheiten unserer Gäste >ebem neugierigen Frager Auskunft zu geben."
„Aber das ist doch —"
„Das ist gar nicht, mein Herr! Sie haben sich weder als Kriminalbeamter noch als Gerichtsvollzieher ausgewiesen, und selbst, wenn Sce dies getan hätten, würde ich es mir noch sehr überlegen, Ihnen Rede und Antwort zu stehen."
Jetzt hat Emil genug. „Ich habe genug!" sagt er. "2ch wünsche sofort den Geschäftsführer zu sprechen. Knack ist mein Name."
„Sehr angenehm, Heini Kretzschmar! Der Herr Geschäftsführer kommt erst um elf Uhr."
„Und sein Vertreter? Tolle Wirtschaft das! Es mußf doch jemand ba fein, der hier nach dem Rech-
„Das bin ich, mein Herr!"
Mary Hauck hat die hitzige Auseinandersetzung mit steller Heiterkeit verfolgt. Nun schenkt sie dem jungen Mann ein bezauberndes Lächeln, das seine Wirkung nicht verfehlt. „Könnten Sie sich wohl erkundigen, Herr Kretzschmar, ob Frau Schüßler schon zu sprechen ist? Ich bin die Freundin von Fräulein Amelung. Die Sache ist nämlich bie: Fräulein Amelung ist heute nacht nicht nach Hause gekommen unb heute früh auch nicht an ihrem Arbeitsplatz erschienen. Begreiflicherweise machen wir uns ernstliche Sorgen, es könnte ihr etwas zugestoßen sein. Nun dachten wir, daß uns vielleicht Frau Schüßler irgendwelche Auskünfte geben könnte, falls das Fräulein nicht etwa noch bei ihr ift"
(Fortsetzung folgtl)


