Zu hin habe, sondern mit „faseln", so käme dann etwa eine „tolle Nacht" als Bedeutung heraus.
So selbstverständlich uns der Karneval erscheint, so selbstverständlich glauben wir auch, daß er sich vom 12. Jahrhundert an durchlaufend erhalten hat. Um so mehr müssen wir staunen, daß z. B. der Kölner Karneval mit seinen Narrensitzungen erst im Jahre 1823 von einer Reihe geistig hochbedeutender Männer wiederhergestellt wurde, unter denen der Domkaplan Smets, der Sohn der Sophie Schröder, sein Freund Schier und der Sohn des Bürgermeisters Heinrich von Wittgenstein waren.
Damit erhielten sie uns einen alten, schönen Brauch des Bauerntums, der damit wieder in die Stadt kam, wie schon einmal im Mittelalter. Gleichzeitig wurden aber die Städter daran erinnert, daß auch sie von denen stammen, die den Brauch des Karnevals nie vergaßen: von den Bauern.
Dornotizen.
Tageskalender für INontag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Das Mädchen aus der Hafenschenke." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Im weißen Röhl."
Gute Aussichten
im veterinärmedizinischen Beruf.
Die Reichstierärztekammer teilt durch den Reichstierärzteführer, Ministerialdirigenten Dr. Weber, folgendes mit:
„Während in der Systemzeit der Zugang zu den Hochschulen künstlich abgedrosselt werden mußte, da die akademischen Berufe restlos überfüllt waren und viele wertvolle Kräfte brachliegen mußten, trat, wie auf allen anderen Arbeitsgebieten, schon bald nach der Machtübernahme auch hier ein schneller Umschwung in das Gegenteil ein. So wurden gelernte Facharbeiter immer gesuchter und auch die Angehörigen der akademisch ausgebildeten Berufe mit solchem Erfolge wieder in den allgemeinen Arbeitsgang eingereiht, daß in vielen Berufen bereits ein empfindlicher Mangel besteht.
Zu den Berufen, die günstige Aussichten für ein Weiterkommen bieten, gehört auch der des Tierarztes, der ein in seiner großen volksgesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Bedeutung noch recht oft verkanntes Gebiet zu betreuen hat. Die Aufgaben der Freiberufstierärzte, der staatlich beamteten Tierärzte (Regierungs- und Veterinärrat, Veterinärrat), der städtischen beamteten Tierärzte mit der Endstelle als Schlachthofdirektor oder eines Direktors des städtischen Veterinärwesens, die Laufbahn der Veterinäroffiziere der Wehrmacht, mit der Spitze als Veterinär-Inspekteur im Reichskriegsministerium mit dem Range eines Generalleutnants, sowie mehreren Generalstellen, bieten dem Tierarzt, je nach persönlicher Anlage und Fähigkeit, große Entwicklungsmöglichkeiten. Wer sich der akademischen Laufbahn widmen will, kann zwischen den Fächern Anatomie, Physiologie, Bakteriologie, Pathologie, Parasitologie, Arzneimittel- und Giftelehre, animalische Lebensmittelkunde, Geburtskunde, Tierzucht, den klinischen Fächern, gegebenenfalls spezialisiert nach großen und kleinen Haustieren u. a. m. wählen. Damit bietet der tierärztliche Beruf neben einer geachteten Stellung mit angemessenem Auskommen eine Vielseitigkeit, die wohl auch jedweder persönlichen Neigung gerecht zu werden vermag und dadurch eine berufliche Tätigkeit mit innerer Befriedigung gewährleistet.
In diesem so sehr wichtigen, interessanten und auch schönen Beruf des Tierarztes besteht zur Zeit ein empfindlicher Mangel, so daß das tierärztliche Studium empfohlen werden kann."
Nähere Auskünfte über das tierärztliche Studium an der veterinärmedizinischen Fakultät Der Universität Gießen erteilt der Vorsitzende des Ausschusses für die tierärztliche Vorprüfung, Gießen, Frankfurter Straße 94.
Oie preisaufgaben der Universität Gießen für das Jahr 1932/38.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Für das Jahr 1937/38 werden folgende Preisaufgaben gestellt:
Von der Theologischen Fakultät: Für den akademischen Preis: die eschatologische Frage in der Leben-Jesu-Forschung seit Johannes Weiß und ihre Bedeutung für die Erfassung der Person und des Werkes Jesu. Für den Leydheckerpreis:
Das fremde Gesicht.
Vornan von Caren.
37. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Noch ehe er etwas Zorniges ausrufen kann, hört er eine kalte Stimme sagen: „Sie sind verhaftet, Dr. Alland!"
Der blendend Helle Operationssaal oerdunkett sich, verschwimmt in einem kreisenden Nebel ... Da ist jemand, der ihn hält, gut so. Gleich ist es vorüber.
Frank Alland richtet sich gewaltsam auf. Er weiß, jetzt ist alles verloren. Alles war umsonst. Alles, was sie getan und gelitten haben — Evelyn und er —, alles umsonst ...! Das ist das einzige, was sein Gehirn in diesem Augenblick zu fassen vermag. Sonst begreift er von alledem nichts. Was heißt das überhaupt — ihn will man verhaften, und um diesen angeblichen Kühlmann, da kümmert sich die Polizei gar nicht ...?
Da hörte er neben sich die befehlende Stimme des Beamten zu der völlig erstarrten Schwester sagen:
„Schnallen Sie sofort den Kriminalinspektor Ben- teli dort vom Tisch ab!"
Langsam kommt unter all den weißen Tüchern das noch immer recht blasse Gesicht des angeblichen Kühlmann zum Vorschein.
„Sie hätten sich auch ein bißchen mehr beeilen können, Herr Kommissar. Bei einem Haar hätte ich mir die Nase operieren lassen müssen", brummt er vorwurfsvoll.
Aber der Angeredete antwortet ihm nicht, sondern verläßt schweigend mit dem Verhafteten den Saal.
Der Herr Kriminalinspektor Benteli sieht den beiden nach und wendet sich dann mit einem Ausdruck, in den sich Befriedigung und Bedauern mischt, an seinen noch zurückgebliebenen Kollegen:
„Eigentlich schade um ihn — alles in allem doch fein anständiger Kerl! Aber Angst genug hab ich ausgestanden. Kein Vergnügen, so als Opferlamm dozuliegen und zu warten, bis man dir das Gesicht zerschneidet...!"
Die Erinnerung an diese hochnotpeinliche Prozedur jagt ihm noch jetzt einen gelinden Schauer über den Rücken. Er hat es eilig, in seine Kleider zu kommen und diesen ungemütlichen Ort zu verlassen. Im Vorbeigehen wirft er noch einen letzten miß-
Biedermeier im Oberhessifchm Museum.
Eine hochherzige Stiftung. - Museumsbibliothek im Aufbau.
Unser Heimatmuseum im Alten Schloß hat in diesen Tagen eine erfreuliche Bereicherung erfahren. Am Donnerstag hielt ein stattlicher Wagen vor dem Schloß am Brand und es dauerte geraume Zeit, bis alles abgeladen und in den unteren Räumen des Schlosses untergebracht war. Nicht weniger denn 20 Möbelstücke gingen durch diese Stiftung in den Besitz des Museums über und außerdem waren auch einige feste Kisten dabei, die besonders wertvollen Inhalt bargen. Die Kisten, drei an der Zahl, enthielten 40 Stücke prächtigen schweren Silbergeschirrs und repräsentable Tafelschmuckstücke. Auch alte Zinngeschirre waren dabei und als Besonderheit ein hübsches und originelles Stück — eine alte Standuhr französischen Ursprungs, die, der Form nach zu schließen, der galanten Zeit des ausklingenden Rokoko angehört. Die Uhr enthält neben Gang- und Schlagmechanismus auch ein Spielwerk, aus dem je nach Wunsch eine unterhaltsame liebliche Weise ertönt.
Die Möbel sind aus edlem Holz gefertigt und gearbeitet in schönen klaren Formen. Alle Möbelstücke tragen das gleiche Gepräge. Wenn es möglich fein wird, diesen Möbeln innerhalb unseres Museums den richtigen Platz zu geben, dann werden sie die feine Großartigkeit, die ihnen eignet, so recht erkennen lassen. Stühle und Sessel, Tische, Schränke und Vitrinen, Sofa und Kommode, sind sichtlich aus eines Meisters Hand hervorgegangen und zu hoher Vollendung m der Form geführt worden. Fast ist es überflüssig, davon zu sprechen, daß alle Möbelstücke eine untadelige handwerkliche Bearbeitung auszeichnet. Sofa, Sessel und Stühle sind durchweg mit goldgelbem Brokat bezogen, der prächtig mit dem warmen Rotbraun des Holzes kontrastiert. Die Fülle der Dinge, die hier dem Museum übereignet wurde, wird sicherlich jeden Betrachter an eine Zeit erinnern, von der wir heute noch manchmal (ob mit Recht ober Unrecht, sei dahingestellt) als von der „guten alten Zeit" sprechen. Nicht zu leugnen ist, daß diese Zeugen einer vergangenen Zeit etwas herzlich Anheimelndes an sich haben, wenngleich wir der Geisteshaltung der Zeit des Biedermeier längst meilenweit entrückt sind. Der unbefangene und unvoreingenom-- mene Betrachter wird die neuen Schätze unseres Museums als den Ausdruck einer Kultur würdigen, die als Beitrag aus unserer gesamtdeutschen kulturellen Entwicklung nicht zu lösen ist.
Die hochherzige Stifterin ist Frau B o n g a r tz
aus Weilburg, eine geb. Kliebe, deren Vorfahren in Gießen ansässig gewesen gu fein scheinen. Dieser letztere Umstand mag der Stifterin Veranlassung gewesen zu fein, die Dinge unserem Ober- hessischen Museum zuzuwenden.
Zu erwähnen ist ferner noch, daß Frau Bon- gartz dem Museum außer dieser Biedermeier-Einrichtung auch einen stattlichen Rokokoschrank zu- wandte, der ob seiner eigentümlichen Form, wie auch wegen der schönen Einlegearbeit, die er aufzuweisen hat, einige Aufmerksamkeit verdient.
Der Assistent des Denkmalspflegers für Ober- heffen und derzeitige Verwalter des Oberhessischen Museums, Dr. Jorns, ist gegenwärtig damit beschäftigt, eine Museumsbibliothek aufzubauen und in System zu bringen, die bisher über 1000 verschiedene Bände, Schriften, Kartenwerke und Reproduktionen von Kunstwerken enthält. Die Schätze waren bisher ziemlich unbeachtet gewesen und kamen zu einem Teil erst durch die in jüngster Zeit vorgenommenen Umgruppierungen im Museum aus Kisten und Kästen zum Vorschein. Durch die Zusammenfassung in einer geordneten Bibliothek soll nun die Möglichkeit gegeben werden, die Bücher und Hefte der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Insbesondere aber soll den Studierenden unserer Universität ein Material zur Verfügung gestellt werden, das ihnen bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten wertvolle Hilfe fein kann. Die Bibliothek des Museums enthält zahlreiche Einzel- publifationen maßgebender Altertums- und Heimatforscher, aber auch viele Sammelwerke, Subskriptionswerke und Zeitschriften in lückenlosen Folgen. Bisher wurde in klarer Trennung die Fülle der Bücher und Schriften in zwei Abteilungen unterteilt. Die eine Abteilung enthält die Veröffentlichungen über Vorzeitforschung, während die andere Abteilung Heimat- und kunstgeschichtliche Werke enthält.
*
Die Bemühungen um den Ausbau unseres Museums, das sich mancher tatkräftigen Förderung erfreut, verdienen alle Wertschätzung. Mehr und mehr sollten sich alle Volksgenossen zu der Ueberzeugung durchringen, daß ein Museum nicht etwa ein Institut darstellt, das die Werte der Vergangenheit in Erstarrung festhält, sondern vielmehr dem wohlmeinenden Besucher ein aufgeschlossenes Buch des blutvollen Lebens unserer Vorfahren fein will.
Die Mifsionsmethoden des Bonifaz im Lichte moderner evangelischer Missionserfahrungen.
Von der I u r i ft i s ch e n Fakultät: Die Ver- antwortlichkeit für den eigenen Geschäftsbereich.
Von der Medizinischen Fakultät: Bedeutung und Grenzen der encephalographischen Methode für die Diagnose der genuinen Epilepsie als der erblichen Fallsucht im Sinne des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.
Von der Veterinärmedizinischen Fakultät: Die Grundlagen der auf dem Reichsvieh- seuchengesetz vom 26. Juni 1909 fußenden veterinär- polizeilichen Bekämpfungsmaßnahmen, ihre Auswirkung und augenblickliche Bewertung.
Von der Philosophischen Fakultät: 1. Aus dem Gebiet der Philosophie und Pädagogik: Erbcharakterolvgische Durchforschung des Ledens und Gesamtwerts eines deutschen Dichters (Kleist, Hölderlin, Hebbel, Keller, Mörike, Rilke). 2. Aus dem Gebiet der deutschen Philologie: Ein Stück hessischen Bodens ist in seiner gesamten Namenwelt darzustellen. 3. Aus dem Gebiet der mittelalterlichen und neueren Geschichte: Erstgeburtsrecht und Erbteilung in den deutschen Territorien (mit besonderer Berücksichtigung Hessens). 4. Aus dem Gebiet der Mineralogie: Petrographisch-chemische Untersuchung über die Nickelführung der ultrabasischen Eruptivgesteine im Lahn-Dillgebiet. 5. Aus dem Gebiet der Mathematik: Die Großen, die einen konvexen Bereich der Ebene oder des Raumes im großen beschreiben (z. B. Dicke, Durchmesser, Umfang, Inhalt usw.) sind durch eine Anzahl von Ungleichungen miteinander verbunden. Es sollen analytische Verfahren entwickelt werden, die die scharfen Grenzen dieser Ungleichungen sowie die zugehörigen Bereiche zu ermitteln gestatten.
Wer sich um einen Preis bewirbt, muß minde
stens in einem der beiden auf die Stellung der Aufgabe folgenden Semester an der Universität Gießen immatrikuliert gewesen sein.
Jede Bewerbungsschrift darf nur einen Verfasser haben. Die Bewerbungsschrift ist in der Sprache abzufassen, in der die Aufgabe gestellt ist. Auf dem Titel ist ein Kennwort anzubringen. Die Bewerbungsschrift ist bis zum 15. Februar 1938 einzusenden unter Beifügung eines verschlossenen, mit dem Kennwort der Arbeit versehenen Briefumschlags, der die Aufgabe des Verfassers und seiner Adresse enthält. Die Sendung ist an die Fakultät zu richten.
Bei der feierlichen Rektoratsübergabe am 1. April 1938 verliest der Rektor die Urteile und verkündigt die Namen der preisgekrönten Bewerber.
Oie hessischen Schulferien 1937.
Die Ferienordnung für die Volks-, höheren und Berufsschulen in den hessischen Städten wurde wie folgt festgelegt:
Die Dfterferien beginnen am Samstag, 20. März, mit der letzten Unterrichtsstunde und dauern bis einschließlich Mittwoch, 7. April; der Unterricht beginnt am Donnerstag, 8. April.
Die Pfingstferien beginnen am Mittwoch, 12. Mai, mit der letzten Unterrichtsstunde und dauern bis einschließlich Mittwoch, 19. Mai; der Unterricht beginnt am Donnerstag, 20. Mai.
Die Sommerferien beginnen am Mittwoch, 7. Juli, mit der letzten Unterrichtsstunde und dauern bis einschließlich Montag, 16. August; der Unterricht beginnt am Dienstag, 17. August.
Die Herbstferien beginnen am Mittwoch, 13. Oktober, mit der letzten Unterrichtsstunde und dauern bis einschließlich Montag, 18. Oktober; der Unterricht beginnt am Dienstag, 19. Oktober.
Die Weihnachtsferien beginnen am Mitt« woch, 22. Dezember, mit der letzten Unterrichts- stunde und dauern bis einschließlich Donnerstag, 6. Januar 1938; der Unterricht beginnt am Freitag, 7. Januar 1938.
Diese Festsetzung der Sommer- und Herbstferien gilt für alle Schulen in den Städten Darmstadt, Mainz, Gießen, Dffenbad), Worms, Friedberg, Bad- Nauheim und Bensheim. Für alle übrigen Orte des Landes sind die Sommer- und die Herbstferien nach dem Stand der Erntearbeiten im Einvernehmen mit den Schulämtern festzulegen; sie dürfen die Zeitdauer von 45 Tagen (von dem auf den letzten Schultag vor den Ferien folgenden bis zu dem dem Tag des Schulbeginns nach den Ferien vorangehenden Tage einschließlich) nicht überschreiten.
Karneval in Gießen.
Die Regierungszeit Sr. Tollität des Prinzen Karneval tritt nunmehr auch in Gießen stärker in Erscheinung. Am Samstagabend war in dem närrischen Reiche dieses Faschingsprinzen wieder allerlei los. Seine Faschingsschlachten wurden von mehreren Vereinen an verschiedenen Stellen geschlagen, nachdem andere Vereine bereits am Samstag vor acht Tagen die Vorhutkämpfe des närrischen Prinzen gegen Griesgram und Stumpfsinn geführt hatten.
Am vorgestrigen Samstagabend hatten sich aber auch echte Soldaten in die Gefechtslinie des Prinzen Karneval eingeorbnet und führten mit gewaltigem Schneid, mit sehr viel Geschick und mit bewundernswerter Ausdauer den Kampf gegen den grauen Alltag, gegen miesepetrige Stimmung und gegen alle übrigen Beschwernisse und Schattenseiten des Alltags. Diese Gefechtsftont des Faschings führte ihren Kampf unter der Parole „Kunterbunt fährt ins Blaue", ihr Schauplatz war das Unterofsizierkafino unserer Artillerie-Kaserne, die Kerntruppe bestand aus den Angehörigen der Unteroffizier-Vereinigung unserer Gießener Arttllerie- Abteilung, die Gefolgschaft in dieser närrischen Kumpanei des Prinzen Karneval stellten die Mitglieder des Gießener Arttllerie-Vereins mit Frauen und Töchtern, voran natürlich auch die Frauen und Bräute der Männer von der Kerntruppe.
Es war eine wirklich kunterbunte Fahrt ins Blaue, die da die ganze Nacht über vom Samstagabend bis zum frühen Sonntagmorgen — die letzten sollen, wie wir von einem dieser überaus Standhaften hörten, um V28 Uhr Sonntag früh heimgekommen sein — bei prächtigster Stimmung durchgeführt wurde. Man muß schon sagen: unsere Gießener Arttllerie-Unteroffiziere verstehen nicht nur ihre stramme soldattsche Pflicht im ernsten Dienst des Tages ausgezeichnet zu erfüllen, sie haben auch ganz gewaltig viel los bei der Durchführung einer solchen karnevalistisch-frohgestimmten Angelegenheit, wie sie am Samstagabend etliche hundert Männer, Frauen und Mädchen vom bejahrten Semester bis zur eben tanzfähig gewordenen Jugend in ftöh- lichster Stimmung vereinigte.
Die Räume des Unteroffizier - Kasinos waren durch die geschickten „Hauszeichner" und „Dekorationsmaler" unserer Artilleristen, die schon bet manchen anderen Gelegenheiten hübsche Proben ihres Könnens gegeben haben, in wirkungsvoller, netter Weife geschmückt worden, dazu kamen Unmengen von Papierschlangen und Faschingsgirlanden, schließlich auch ein gewaltig großer stillvergnügt lächelnder Mond, so daß die Pafsagierräume Dieser „Fahrt ins Blaue" — manche Fahrtteilnehmer sollen wirklich ganz blau gewesen fein — einen sehr anheimelnden Charakter hatten. Dazu kam die originelle und von vielen hübschen und gescheiten Einfällen erfüllte Art der Festgestaltung, die zur Folge hatte, daß schon in ganz kurzer Zeit allenthalben die Wogen des närrischen Kampfes im Sinne des tollen Prinzen kräfttg hochgingen.
Für besondere .Verdienste" gab es, wie das nun einmal unter dem Zepter des Prinzen Karneval üblich ist, eine Anzahl Orden, ferner wurden die hübschesten Maskenpaare gebührend geehrt, und zwar mit je einer Pulle „Schampus", eine Beigabe, die von den Glücklichen natürlich mit freudigsten Gesichtern begrüßt wurde. Aber auch alle diejenigen, die nicht zu diesen Glücklichen gehörten, ließen es sich auf dieser „Kunterbunten Fahrt" stimmungsmäßig und im Feuchtigkeitsgehalt der Stunden, vor allem auch in der unermüdlichen „Beinarbeit" bei flottem Tanz zu schmissiger Musik recht wohlergehen, sie versäumten ferner nicht.
trauischen Blick auf den Jnstrumententisch, wo alles noch immer in schöner, blitzender Ordnung daliegt: Häkchen, Zängchen, Pinzetten, Klammern, Skalpelle.
Aber die Schwester, die eben noch sorgsam damit hantterte, ist schon davongestürzt, um rasch im Schwesternzimmer die unfatzliche Neuigkeit zu verbreiten: der Chef, der geliebte, verehrte Chef Dr. Alland verhaftet...!
Der Prozeß gegen Dr. Alland erregte beinahe die gleiche Sensation wie damals seine Verhaftung. Schon längst vor Beginn der Verhandlung war der Gerichtssaal bis auf den letzten Platz des Zuhörerraums gefüllt. Auf den Presfebänken drängte sich ein ungewöhnliches Aufgebot von Berichterstattern. Man spürte deutlich die verhaltene Spannung eines nicht nur neugierigen, sondern wirklich anteilnehmenden Publikums, das sich diesmal nicht aus den gewöhnlichen Gerichtssaalbesuchern zusammensetzte.
Vom Moment der Verhaftung an hatte die Oeffentlichkeit dielen seltsamen Fall mit leidenschaftlichem Interesse verfolgt. Die ersten Berichte der Zeitungen, unter lapidaren Ueberschriften wie „Bekannter Chirurg als Helfershelfer internationaler Verbrecher entlarvt", hatten zunächst nur die übliche, mit angenehmem Gruseln gepaarte moralische Entrüstung erweckt. Aber je vollständiger die tatsächlichen Zusammenhänge bekannt wurden, um so mehr wuchs die Zahl derjenigen, die für den Arzt Partei ergriffen und ihn nicht als Genossen, sondern vielmehr als das Opfer der Verbrecher betrachteten. Man war befriedigt gewesen, als Al- lands tüchtiger Verteidiger Dr. Below binnen weniger Tage die provisorische Entlassung seines Klienten aus der Untersuchungshaft erreichte. Auch daß die dazu erforderliche sehr beträchtliche Kautton durch begüterte Freunde und Patienten des Arztes so rasch aufgebracht werden konnte, hatte einen tiefen Eindruck gemacht. Ein Mann, für den seine Freunde unbedenklich so viel Geld riskierten, muhte eigentlich so gut wie unschuldig sein.
Ueberhaupt — ein fabelhafter Verteidiger dieser Below, darüber waren sich sogar die Juristen einig, die, als Zuhörer anwesend, die seltsame Rechtslage mit fachmännischem Interesse diskutierten.
Schon daß die Sache mit solcher Beschleunigung zur Verhandlung kam, war ein Erfolg der Verteidigung. Allerdings hatte daran vielleicht auch die Staatsanwaltschaft ein gewisses Interesse, weil so auch dieser Monno noch vernommen werden konnte,
ehe er wieder, und diesmal wohl endgültig, im Bagno verschwand. Dem ftanzösischen Auslieferungsantrag mußte natürlich stattgegeben werden. Die Formalitäten sollten dieser Tage erledigt sein. Der andere „Patient", dieser Bertrand alias Stubensand, sollte zunächst wegen der alten Tresorgeschichre an die deutschen Behörden überstellt werden. Und später würden sich auch noch die ftanzösischen Gerichte mit ihm beschäftigen. Sehr fraglich allerdings, ob er das erlebte. Ein schwerer Alkoholiker. Lag zur Zeit überhaupt im Gefängnisspital — noch immer vernehmungsunfähig.
Viel kam natürlich darauf an, wie dieser Monno, dieser Generaldirektor eines Verbrecherkonzerns, aussagen würde. Was er bei feiner ersten Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter zu Protokoll gegeben hatte, war ziemlich belastend für den Angeklagten. Und dann gab es ja auch noch den Kronzeugen des Staatsanwalts, den Kriminalinspektor Benteli, der als angeblicher Verbrecher-Patient namens Kühlmann den Arzt in die Falle gelockt hatte. Allerdings — der Benteli war kein wirklicher Der- brecher, und außerdem hatte Alland die Operation an ihm ja nicht vollzogen. Aber immerhin, die Bereitschaft zur Beihilfe war jedenfalls gegeben. Keine einfache Sache. Na, man würde ja sehen...
Das gedämpfte Brausen der Privatunterhaltungen verstummte plötzlich, als bas Gericht und gleichzeitig der Angeklagte den Saal betrat. Alland war sehr bleich. Die scharfen Linien um Mund und Augen verrieten deutlich, wie sehr er in diesen letz- ten schrecklichen Monaten gelitten hatte. Aber seine Haltung war ruhig und beherrscht, wie die eines Mannes, der sich seiner Verantwortlichkeit bewußl und zu jeder Rechenschaft bereit ist. Die schlichte Sachlichkeit, mit der er die an ihn gestellten Fragen beantwortete, ohne sich je durch unvermutete Einwendungen oder überraschende Verdachtsgründe verwirren zu lassen, gewann ihm von Anfang an eine gewisse Sympathie. Er erweckte den Eindruck unverkennbarer Auftichtiakeit, und das war seiner Sache vielleicht noch nützlicher als die geschicktesten Ausfälle und Beweisanträge feines Verteidigers, der dem Staatsanwalt heftig zu schaffen machte.
Im Zuschauerraum entstand eine lebhafte Bewegung, als Jean Manna aus der Hast zur Vernehmung vorgeführt wurde. Trotz Sttäflingsanzug und Handschellen hatte er sich noch immer eine sonderbare Art von autoritärem Auftreten bewahr^ etwa so, als habe er hier nur als Sachverständiger
ein Gutachten abzugeben, dessen Bedeutsamkeit er durchaus nicht unterschätzte.
Seine Aussage war für die Anklage eine heftige Enttäuschung. Denn jetzt widerrief er auf einmal alle Angaben, die er in der Voruntersuchung gemacht hatte, mit der ausdrücklichen Begründung, daß er damals von falschen Voraussetzungen ausgegangen sei.
„Selbstverständlich habe ich den Doktor zuerst fälschlich belastet", erklärte er mit verblüffend kaltblütigem Zynismus. „Ich dachte damals doch, er hätte mich geliefert — das wollte ich ihm natürlich gehörig eintränken. Aber da doch, wie ich inzwischen erfahren habe, dieser Stubensand die ganze Bescherung angerichtet hat — wozu soll ich da noch Lügengeschichten über Dr. Alland erzählen? Kein Wort ist wahr von alledem, was ich gesagt habe." Und dann bestätigte er die Darstellung Allands Punkt für Punkt so vollständig, daß keinerlei Zweifel über die Richtigkeit dieser Aussage bestehen konnte. Allerdings, er habe, um den Arzt für feine Zwecke äu gewinnen, einen gewissen Druck aus- geübt, ihm mit Anzeigen gegen seine Frau und auch gegen ihn selbst gedroht. Monno zuckte bedauernd die Achseln: „Schließlich — was versucht man nicht alles aus Geschäftsinteresse! Aber gerade bei unserer letzten Unterredung, die beinahe mit einem Autounglück geendet hätte, war ich schließlich selbst zu der Ueberzeugung gekommen, daß da doch nichts Rechtes $u machen wäre, daß man ihn in Zukunft besser tn Ruhe ließe. Was nützt uns der tüchtigste Chirurg, wenn er so gar fein Talent zum Geschäftsmann hat."
Mit beinahe mitleidigem Ausdruck streifte fein Blick den Angeklagten, der unbeweglich, in einer Art ungläubiger Verwunderung, den Worten Monnos folgte — dieses Menschen, der so lange das furchtbarste Schreckgespenst für ihn gewesen war — „Jo la Terreur!" War es der Sträflings- kittel oder das nüchterne Licht des Gerichtssaales, das ihn jetzt plötzlich aller Dämonie entkleidete?
Etwas wie Resignation lag in dem Achselzucken, mit dem Jean Monno zwischen seinen beiden Wächtern den Saal verließ, um in die Zelle zurückzukehren, aus der es für ihn nur noch den einen Weg ins Bagno gab — und diesmal ohne Wiederkehr. Kaum anderthalb Jahre später traf ihn bei einer Strälingsmeuterei in Cayenne, die er organisiert hatte, jene Kugel, die feinem wilden und verlorenen Leben ein Ende fetzte ... (Schluß folgt.)


