dreimaligen Rufe „Holz Herl" alle guten Wünsche mitgab.
Oberfeldarzt Dr. Strenger als Leiter des Lazaretts dankte allen Arbeitern für ihre bisherige ausgezeichnete Arbeitsleistung, weiterhin allen Dienststellen der Stadt und der Universität, vor allem aber auch sämtlichen Mitarbeitern des Hee- resbauamtes mit Regierungsbaurat Eisenhardt an der Spitze. Besonderen Dank brachte er weiter dem Führer dar, durch dessen große Tat der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht auch dieses Gebäude erstehen konnte
Generalmajor im Luftgau XI Willich, als Vertreter des in Urlaub auswärts weilenden Standortältesten beglückwünschte im Namen aller Soldaten des Standortes Gießen und der Nachbargarnison, das Heeresbauamt als Bauleitung und alle Werkmänner vom Bau zu der bisherigen glücklichen und schönen Arbeit an diesem großartigen Lazarettbau. Er brachte alle guten Wünsche für ein segensreiches Wirken dieses Baues im Dienste unserer Wehrmacht zum Ausdruck und betonte dabei, daß wir allesamt mit Recht stolz sein dürften, an dem großen Werke unseres Führers mitarbeiten zu können. Weiterhin rühmte er b-e auch hier wieder in so schöner Weise zutage getretene Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und Soldaten, die Einigkeit und die Freude des gemeinsamen Schaffens in der Gefolgschaft unseres großen Führers Adolf Hiller, dem Gruß und Dank dargebracht
Aus der Gl
Seltsame Begegnung.
Es war in der Tat eine seltsame Begegnung. Draußen, vor den Toren der Stadt, wäre sie durchaus nicht seltsam gewesen, aber hier, inmitten des Verkehrs, wurde sie zum Ereignis. Autos flitzten die Straße entlang, Motorräder knatterten geräuschvoll vorbei, und auf der vorgeschriebenen Bahn ihrer Schienen glitt die Elektrische des Weges. Es war ein ganz alltägliches Bild städtischer Betriebsamkeit, das mit einem Male eine Verwandlung erfuhr und um einige lichte Farbtöne bereichert schien. Denn eben auf derselben Fahrbahn, auf der sich die Kraftfahrzeuge eilends fortbewegten, kam mit einer hohen, schwankenden Last gemächlich ein Erntewagen gezogen.
Wie gesagt, auf der Landstraße wäre der Dor» gang keineswegs absonderlich gewesen, kaum einer hätte sich die Mühe gemacht, stehenzubleiben, um das Gefährt zu betrachten. Angesichts dieser Begegnung innerhalb der Stadtmauern aber wandelte die meisten Fußgänger die Lust an, einen Augenblick zu verweilen und den reizvollen Anblick zu genießen. Die braunen Pferde trotteten gleichmäßig einher; langsam rollte der Leiterwagen vorüber, der mit vollen Garben hochbepackt war und nur hier und da einen Halm verlor, welcher einsam auf dem Fahrdamm zurückblieb ..
Für eine kurze Weile gewann die Straße ein anderes Aussehen. Der Geruch des Sommers schwebte in der Luft, die Fußgänger atmeten ihn mit vollen Zügen ein, und in ihren Blicken, mit denen sie den schwankenden Wagen verfolgten, glomm etwas von Der Sehnsucht des Stadtmenschen nach der Weite der freien Landschaft und der Natürlichkeit des ländlichen Lebens. Unverhofft wie ein guter Geist war dieser Wagen aufgetaucht, der den wackeren Fleiß bäuerlicher Tätigkeit und ihren reichen Segen sichtbar zur Schau stellte. Und nun, da er bereits einige hundert Meter weiter war und allmählich im Stra- ßenaewühl untertauchte, hinterließ er noch ein farbenfrohes Abbild, das sich dem Bewußtsein einprägte wie ein bunter Gruß des lachenden Sommers.
Aber schon sah die Straße wieder alltäglich aus. Die Autos sausten vorüber, die Motorräder knatterten und die Elektrische bimmelte. Nur die einzelnen Strohhalme auf dem Fahrdamm erinnerten noch an die Vorbeifahrt des Erntewagens, jener seltsamen Begegnung in der Stadt, der gleichsam eine tiefere Bedeutung innewohnte. Sch.
Bornofiften.
Tageskalender für Samstag.
NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude": 20 Uhr, Pulvermühle, Sommernachtsfest. — Gloria-Palast
wurde in den freudigen Sieg-Heil-Rufen auf Führer, Volk und Vaterland.
Bei dem Gesang der Nationalhymnen wurde nun die Richtkrone am Bau hochgezogen, damit ihr frisches Grün und ihre bunten Bänder weithin leuchten können in die herrliche Landschaft.
Nach einem kurzen Rundgang der Ehrengäste durch den Bau, bei dem man die außerordentlich eindrucksvollen Formen des Bauwerkes kennenlernte, folgte gemeinsam mit allen Arbeitern, unter Vorantritt der Regimentsmusik der Marsch zur Dolkshalle, wo das Richtfest mit einem guten Richtschmaus in froher Stimmung ausklang. Ein Vertreter der am Bau beschäftigten Firmen brachte hier dem Heeresdauamt und feinem Leiter den herzlichen Dank der Baufirmen und ihrer Arbeiter zum Ausdruck.
*
Der Lazarettbau besteht aus einem großen Hauptbau, in dem die Operationen und Bäderabteilung untergebracht sind, einem anschließenden Verbindungsbau, der hinüberführt zu dem großen Betten bau, dessen Fenster und Balkone nach Süden gerichtet sind. Rechts vom Hauptbau ist in einem Nebenbau die Waschanstalt untergebracht, in einem weiteren Nebenbau links hat die Wirtschaftsabteilung ihren Platz Ferner gehört zu dem Gesamtbau noch ein Beamten- wohnhaus.
(Seltersweg): „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit". — Deutsche Werkstoff-Ausstellung im Saale der Liebigshöhe von 10 bis 20 Uhr. — Deutsche Stenographenschaft: 20.30 Uhr, Karlsruhe, Veranstaltung mit Tanz und Unterhaltung. — Oberhessischer Gebirgsverein: 20 Uhr, Treffpunkt Universitäts- Bibliothek zum Abendgang nach dem Schützenhaus. — Forftgarten am Schiffenberg: Sommernachtsfest, 20 Uhr. — Artilleristenkameradschaft: 20.30 Uhr „Hessischer Hof".
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. — Deutsche Werkstoff-Ausstellung im Saale der Liebigshöhe von 10 bis 20 Uhr. — Forstgarten am Schiffenberg: Unterhaltungskonzert, ausgeführt von Mitgliedern der SA.-Kapelle.
AGOAv. - Ami für Volkswohlfahrt,
fireisamtskifung IBefkrau.
Folgende Ortsgruppen haben den monatlichen Or- ganifations- und Tätigkeitsbericht noch nicht eingereicht: Allendorf, Alten-Buseck, Assenheim, Bad- Nauheim, Beienheim, Bellersheim, Dorn-Assenheim, Ettingshausen, Friedberg - Fauerbach, Gambach, Geilshausen, Groß-Karben, Großen-Linden, Harheim, Heldenbergen, Kaichen, Kirch-Göns, Klein- Karben, Kloppenheim, Lang-Göns, Münzenberg, Nieder-Florstadt, Nieder-Weisel, Ober-Bessingen, Ober-Eschbach, Ober-Mörlen, Ober-Rosbach, Ockstadt, Okarben, Ossenheim, Petterweil, Reichelsheim, Rodheim v. d. H., Rendel. Saasen, Staden, Stammheim, Trais-Münzenberg, Weckesheim, Wohnbach.
Da der Termin bereits überschritten ist, bitte ich um umgehende Erledigung. Letzter Termin zur Einsendung: 9. August 1937.
Kreisamtsleitung Wetterau.
Lampionfest an der Lahn.
Nun ist das richtige Wetter für ein Sammer- nachtfest eingetroffen. Wenn heute abend die Dämmerung hereinbricht, werden die Gießener zur Pul- oermühle wandern. Die NSG. „Kraft durch Freude" hat alle Vorbereitungen getroffen, der Bevölkerung ein schönes Wochenende zu bereiten. Bei Einbruch der Dunkelheit werden Hunderte bunte Lampions mit ihrem farbigen Licht dem Fest einen besonders reizvollen Rahmen geben. Das Musikkorps des Inf. Rgts. 116 unter Leitung von Musikmeister Wohlfarth wartet zunächst mit einem ausgezeichneten Konzert, dem Charakter des Sommerfestes angepaßt, auf, um dann als Streichkapelle die nächtliche Tanzmusik erklingen zu lassen. Auch die Paddler-Gilde hat sich für diesen Abend zur Verfügung gestellt. Mit Lampions geschmückt, werden die Bote vor der Pulvermühle einen Reigen fahren: über den dunklen Wassern der Lahn wird ein farben
frohes, sich vielfach widerspiegelndes Bild den Besuchern darbieten. Und auf der großen Tanzfläche im Freien wird im Scheine der Lampions getanzt bis in den Sonntag hinein! Das Lampionfest beginnt mit dem Militärkonzert um 20 Uhr, Einlaß um 19 Uhr. Wenn die Gießener schon von vornherein ihre gute Stimmung mitbrmgen, dann wird das Lampionfest des NSG. „Kraft durch Freude" zum schönsten Sommerfest unserer Stadt in diesem Jahr.
„Vier Philipps" im Gloria-Palast.
Die Leitung des Gloria-Palastes hat es sich noch immer angelegen sein lassen, über ihre Filmprogramme hinaus noch Besonderes zu bieten. Das soll jetzt wieder einmal geschehen. Der Gloria-Palast hat die „Vier Philipps" verpflichtet, ein Quartett der Artistik von Ruf, das in aller Welt feine Zuschauer begeistert hat. Keine Frage, daß man
auch in unserer Stadt für hervorragende artistische Leistungen empfänglich ist und den Philipps alle Aufmerksamkeit entgegenbringen wird. Was sie alles zeigen werden, ist in wenigen Worten kaum zu sagen. Sie sind nicht Artisten schlechthin, sondern Universalisten; sie sind nicht nur auf eine Art Künstler, sondern sie vereinigen mehrere Talente in sich. Sie gastierten in Australien und Kalifornien, in London und Paris; im Berliner Wintergarten kennt man sie ebenso gut wie in amerikanischen Variete-Theatern. Nun werden sie in Gießen ihre Kunst zeigen und dabei sicherlich ein aufmerksames Publikum finden.
Gießener Dochenmarktpreife.
* Gießen, 7. Aug. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 13, Klasse A 12J4, Klasse B 12, Klasse C 11^, Klasse D 11, ausländische, Klasse B 11^, Wirsing, % kg 9 bis 12, Weißkraut 8, Rotkraut 9 bis 12, gelbe Rüben 9 bis 12, rote Rüben 8 bis 15, Spinat 20, Römischkahl 8 bis 12, Bohnen, grün 12 bis 22, gelb 15 bis 22, Erbsen 20 bis 30, Tomaten 12 bis 22, Zwiebeln 10 bis 12, Pilze 45 bis 50, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5 kg 50 Pf., 50 kg 4,50 bis 5 Mk., Frühäpfel, % kg 25 bis 38 Pf., Falläpfel bis 5 Mark, Frühäpfel, XA kg 25 bis 38, Falläpfel 5 bis 6, Pfirsiche 35 bis 45, Brombeeren 30 bis 35, Preiselbeeren 35 bis 38, Birnen 20 bis 35, Heidelbeeren 34, Pflaumen 17 bis 35, Zwetfchen 18 bis 30, Mirabellen 35 bis 41, Renekloden 27 bis 32 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suppenhühner 80 dis 90 Pf., Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl
10 bis 47, Salat 8 bis 9, Salatgurken 4 bis 20, Einmachgurken 1% bis 2 Pf., Endivien 8 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 8, Rettich 5 bis 10 Pf.
** Abschied aus dem Amt. Der Presse« dezernent bei dem Landgericht Gießen teilt uns mit: Nach etwa 42jähriger Dienstzeit, während der er nahezu 30 Jahre lang in Gießen tätig war, schied am 1. August d. I. der Hausmeister beim Landgericht Gießen, Friedrich C u r t h s , aus feinem Amte. Aus diesem Anlaß fand im Kreise der Beamten und Angestellten des Landgerichts und der Staatsanwaltschaft eine kurze schlichte Feier statt, bei der Landgerichtsdirektor Dr. Brill als Vertreter des Landgerichtspräsidenten die dem Staate in treuester Pflichterfüllung und vorbildlicher Gewissenhaftigkeit geleisteten Dienste des Scheidenden, sowie seine guten menschlichen Eigenschaften würdigte und ihn namens aller Berufskameraden mit herzlichen Worten verabschiedete.
** ©in Siebzigjähriger. Am morgigen Sonntag kann der Reichsbahn-Zugführer i. R., Wilhelm Köhler, Ebelstraße 24, seinen 70. Geburtstag feiern. Der Jubilar, der aus Queckborn
RUHL Sehersweg Nr. 67
adlO Telephon Nr. 3170
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gebürtig ist, lebt feit dem Jahre 1930 im wohlverdienten Ruhestand. Seit vier Jahrzehnten gehört er zum freuen Leserkreis des Gießener Anzeigers.
** Heimkehr aus dem Zeltlager. Die Marine - HI - Gefolgschaft 116 kehrt am heutigen Samstag, aus dem Zeltlager Miltenberg kommend, hierher zurück. Die Ankunft am Bahnhof erfolgt um 18.45 Uhr.
*♦ Arbeitsvergebung. Zum Neubau von 40 Volkswohnungen für die Gemeinnützige Wohnungsbau G. m. b. H. sollen jetzt die Glaser-, Schrei- ner-, Schlosser-, Verputz- und Anstreicher- und In- stallationsarbeiten vergeben werden. — Ferner ist die Vergebung der Erd-, Pflaster- und Caussie- rungsarbeiten für den Ausbau des Tannenweges ausgeschrieben worden.
Der Lauterbacher Voranschlag 4937.
Lpd. Lauterbach, 6. Aug. In einer Ratsherrensitzung wurde der Voranschlag 1937 verabschiedet. Er schließt ab in Einnahme und Ausgabe in Abteilung Betrieb mit 300510 Mark, in Abteilung Vermögen mit 24 690 Mark. Der Voranschlag des Elekttizitätswerks ist ausgeglichen mit 119 700 Mark, der erstmalig gesondert aufgestellte Voranschlag des Wasserwerks mit 26 450 Mark Die Aufstellung der Voranschläge stand unter dem Einfluß der Schaffung seither fehlender Rücklagen. Aus diesem Grunde wurde es erforderlich, die Steuersätze, die zu den niedrigsten in Hessen gehörten, zu erhöhen. So beträgt der Hebesatz für die Biersteuer anstatt seither 2 Mark, künftig 4 Mark je Hektoliter. Die Realsteuersätze für Stadt, Kreis und Provinz zusammen betragen nun bei Grundstücken, Gebäuden und Bauplätzen 34,8 Pf., für land- und forstwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzten Grundbesitz 62,4 Pf. für 100 Mark Steuerwert. Dies entspricht einer 50- bis 60prozentigen Erhöhung der seitherigen Steuersätze, die auch jetzt noch unter dem Landesdurchschnitt liegen. Da diese Erhöhun- gen jedoch noch nicht ausreichen werden, wird mit Beginn des Jahres 1938 die Bürgersteuer erhöht von 300 v. H. auf wahrscheinlich 500 o. H. — Im Laufe des Jahres wird am Ausbau des Straßennetzes weitergearbeitet werden, wofür ausreichende^ Mittel eingesetzt wurden.
Ein Kind beim Holzfahren tödlich oerunalütff
Dutenhofen (Kreis Wetzlar), 6. Aug. Beim Holzfahren ereignete sich in der Nähe unseres Ortes ein schwerer Unglücksfall. Während das Langholzfuhrwerk unterwegs war, kam die Ladung ins Rutschen Dabei geriet das fünf Jahre alte Söhnchen des Schmiedes Aug. G ü m- b e l, das auf der Holzladung faß, zwischen die Stämme, wobei es so schwere Verletzungen erlitt, daß es in der Gießener Klinik v e r ft a r b.
Susannes Tochter.
Vornan von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin W 35
18 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
Sabine fühlt sich nicht sehr behaglich. Da folgt sie nun dem Knecht in feine Kammer, und wer weiß, ob er es ihr nicht als Neugierde auslegt.
Dies Gefühl wird noch gestärkt in ihr, als Renz die Kammertür, die Sabine hinter sich geschlossen hat, heftig wieder aufttößt. Soll das heißen, daß sie recht bald wieder gehen soll? Sabine wagt kaum, sich in dem kargen Raum umzusehen.
Aber dann erweist es sich doch als sehr gut, daß sie mitgegangen ist, denn das Kaninchen scheint sich vor Renz' Händen mit dem jodgetränkten Lappen zu fürchten, es macht ängstliche Versuche, von dem Tisch zu hüpfen.
Sabine muß zugreifen und es festhalten. Und die Köpfe dicht nebeneinander, beugen sie sich mit Eifer über das zitternde Tier.
In diesem Augenblick geht Michailow vorbei. Er stutzt, bleibt stehen und tritt dann langsam näher: „Nanu — was geht denn hier vor?"
„Nichts weiter. Wir verarzten ein Kaninchen."
Michailow tritt noch näher und sieht den beiden stumm über die Schulter zu. Nach einer Weile stößt er Sabine leicht an und sagt beinah hochmütig: „Es ist entsetzlich ungemütlich hier oben in der Bude, das ist nichts für Sie Fräulein Lorenz, gehen Sie lieber hinaus in die warme Sonne."
„Ja, ja, gleich. Aber er allein kann das nicht, nicht wahr, Herr Renz?"
Michailow wartet einen Augenblick, dann wird er ungeduldig: „Renz könnte meiner Meinung nach ebenso gut allein fertig werden" Das klingt beinahe feindselig.
Sabine spürt es und sofort springt in ihr der Trotz auf: „Es macht mir aber Freude, Herrn Renz zu helfen", sagt sie betont.
^R^nz beeilt sich sichtlich, mit der Behandlung zu vinöe 3u*s^mmen, und Michailow steht nun neben Sabine, er trommelt mit den Fingern auf den Tisch.
Dann ^^Iföabine hell auf: „Das arme Karnickel; wenn es 'JhrK beiden Gesichter sieht, muß es freilich Zittern vo^ A^gst Warum sehen Sie denn so bös drein r \
\ar ^cht .murmelt Michailow und holt nm DGrJeqen eine Zigarette aus der Tasche. Dann macht i ’ben Versuch, Renz anzulächeln. Aber Renz liet)t'Qn ihm vorbei und sagt zu Sabine:
„Also vielen Dank für Ihre Hilfe. Sie haben viel Geschick, mit Tieren umzugehen.
Sabine freut sich. „Dann werden Sie mich also auch wieder einmal zu einer Hilfeleistung anstellen?"
„Gewiß werd' ich das. Wenn Herr Lyk nichts dagegen hat..."
Sabine wundert sich über diese Einschränkung, unterläßt das Fragen aber, weil Michailow so ungeduldig dasteht und offensichtlich aufs Gehen wartet.
Als sie dann neben dem schweigenden Michailow die Treppe hinunter geht, gibt sie ihrer Verwunderung über ihn Ausdruck. „Was haben Sie denn?"
„Haben? Ach, nichts. Oder — wenn ich es Ihnen sagen würde, würden Sie es doch nicht verstehen."
„Nun sagen Sie es doch schon!"
Michailow lehnt sich gegen das Treppengeländer: „Ich... ich sehe es nicyt gern, wenn Sie sich mit diesem Renz abgeben. Man kennt ihn noch zu wenig. Und ich glaube: er trinkt."
„Und wenn schon! Er hat aber sehr gute Augen."
„Nicht hinter allen guten Augen stecken gute Menschen ..."
Trotz steigt wieder in Sabine auf: „Ich glaube aber an Augen. Und wenn ich zufällig mit diesem Renz zu tun haben werde, bin ich nett zu ihm, denn ich habe gar keinen Grund, es nicht zu sein."
Michailow quittiert diese Offenheit mit Achselzucken und einer Verbeugung. Dann fragt er Sabine leise: „Da Sie so fanatisch an Augen glauben — haben meine wenigstens Gnade vor Ihnen gesunden? Es würde mich sehr glücklich machen!"
Sabine weicht seinem Blick aus, und als sie gerade den Mund öffnen will, um etwas zu sagen, was die Situation wieder ins Belanglos-Unpersönliche abbiegen könnte, erscheint Renz mit dem Kaninchen im Arm oben auf der Treppe Im selben Augenblick verwandelt sich Michailows Gesicht wieder in kalten, unfreundlichen Hochmut.
Sabine wundert sich und schweigt, während sie den sonnenbeschienenen Hof betritt.
Die Zeit vergeht wie im Flug. Das Land prangt in jungem Sommerschmuck, die Wiesen sind zu bunten Blumenteppichen geworden, tiefer unten im Tal hat schon die künstliche Berieselung der Weinstöcke eingesetzt.
Sabine ist nun schon ganz zu Hause auf dem Gut. Außer den Vormittagsstunden, wenn Lyk ihr dikttert, kann sie tun und lassen, was sie will Sie streift umher, kennt alle Tiere auf dem Hof mit Namen, von den Pferden Mieze und Peter ange= fangen bis zu Karlchen, dem Ochsen, und Betty, der Ziege. Auch drüben bei den Füchsen kennt sie sich gut aus. Sie kann sogar fachmännisch erklären.
warum Nr. 21 so ein besonders wertvoller Rüde ist und warum die Fee Nr. 35 keinen Zuchtwert, sondern nur Pelzwert hat. Sie kennt aber auch die Enten und Gänse am Weiher hinter dem Gutshaus, und mit dem Pfau Jonathan führt sie lange, spaßige Gespräche.
Allmählich dehnt sich der Bereich ihrer Erlebnisse und Kenntnisse immer weiter aus. Sie weiß, wo die Quelle ist, von deren Wasser das Gut lebt, und wenn der Knecht Joseph oder der Hilfsknecht Renz in den Wald hinaufsteigen, um irgendwo einen Zaun oder ein Gatter aufzurichten, steigt sie gern mit hinauf und hilft.
Wenn sie dann sonnverbrannt, schmutzig und zerzaust Aurücffommt und zufällig Lyk in den Weg läuft, da gibt es immer ein lautes Gelächter. Lyk kann sich unbändig an ihrem unordentlichen Anblick freuen.
„Wer hätte das gedacht", hat er heute zu ihr gejagt, „Sie entwickeln sich hier ja zur richtigen kleinen Gutsfrau, Sabine..." Seine Augen haben ernst und nachdenklich auf ihr geruht. Scheu und Unsicherheit haben sie erneut befallen.
Zur Gutsfrau entwickelt sie sich? Aber nein! Sie ist ganz einfach glücklich, weil es ihr vorkommt, als habe sie früher nur in einem dumpfen Traum dahinvegetiert, und als beginne sie erst jetzt, sie selbst zu sein. Sie mag sich gar nicht daran erinnern, daß sie dies Leben nur vorübergehend führen wird.
Es kann ja gar nicht so schön weitergehen, wie es jetzt ist. Oder gibt es das, daß ein ganzes langes Leben unter solchem stillen, Hellen Glanz weiterläuft, wie ihr Leben augenblicklich? Ach, sie will ja schon zufrieden sein, wenn ihre Tage nur bis zum Ende des Sommers so ungetrübt und sorglos dahingleiten, wie sie es jetzt tun! Vielleicht geben sie ihr Kraft für die Zukunft.
Aber sonderbar: In stillen Stunden ist ein Gefühl in ihr, als könne dies Schwebende, Leichte, Lichtftohe, das jetzt über ihrem Leben ist, nicht einmal bis Ende des Sommers Vorhalten. Und obwohl sie sich selbst auslacht, bleibt dies Gefühl und findet Nahrung an den merkwürdigsten Nebensächlichkeiten: Gestern hat sie zufällig eine Auseinandersetzung zwischen Michailow und Renz gehört — es ging um sachliche Dinge und hatte nicht das geringste mit ihr zu tun. Trotzdem ist sie maßlos traurig geworden, Michailows verbissene Stimme hat ihr physisch weh getan, und als gleich hinterher Renz an ihr vorbeiging, loderte in seinen Augen ein so wilder Zorn, daß sie schnell davongelaufen ist, nur um ihn nicht grüßen zu müssen.
Was geht es sie denn an, wenn die zwei sich
nicht leiden können? Zu ihr sind sie doch beide nett und freundlich, und auch Herr Lyk verwöhnt sie, wie jie es von diesem Mann niemals erwartet hätte. Ja, aber auch bei Herrn Lyk stellt sie manchmal Merkwürdigkeiten fest.
Warum beorderte er sie neulich mit einem so belanglosen Auftrag, als sie gerade mit Renz zum Weiher gehen wollte, um die Schlingpflanzen auszuroden? Fand er es unpassend, daß sie im Spaß Renz' großen Strohhut aufgesetzt, oder daß sie ihm eine Zigarette zwischen die Lippen geschoben hat? Eine richtige Dame tut das vielleicht nicht, aber sie will gar keine Dame sein, und außerdem — Renz war so beloben, daß er sich allein keine Zigarette nehmen konnte.
Sie geht so gern mit Renz mit, so wild er auch aussieht, und so sehr sie sich scheut, in seine Nähe zu kommen, weil immer ein leichter Dunst von Alkohol um ihn ist. Aber er versteht so gut, ihr alles zu erklären, alles Viehzeug im Hof läuft ihm zu, und wenn er ihr irgendeinen seltenen Käfer oder einen hübschen Vogel zeigt, so kann er dazu so glücklich lachen.
Manchmal freilich ist es schlimm mit ihm, dann, wenn er einen stieren, wilden Blick hat und mit sich selbst spricht. Wenn man ihm dann begegnet, sieht er einen an, als käme man aus einer anderen Welt. Aber er spricht in solchem Zustand mit niemand und verkriecht sich im Stall bei den Kühen ober ben Pferben. Nur hinter Michailow schickt er bann meistens in einer fremben Sprache böse Worte her. Michailow lächelt nur unb sieht über ihn hin, : als ob biefer Renz gar nicht ba wäre.
Was die beiden nur haben? Ob sie Michailow einmal ganz offen fragt? Vielleicht heut in der Reitstunde?
Sabine hat ein bißchen betteln müssen, bis Herr Lyk es erlaubt hat, doch nun hat er selber seine Freude am Zusehen. Aber Sabine gesteht sich, daß ihr diese Reitstunden gar keine so große Freude machen, wie sie anfänglich erwartet hat. Michailow ist kein guter Lehrer, einmal verlangt er sehr viel von seiner Schülerin, ein andermal wieder führt er ihr Pferd so vorsorglich am Zügel, als fei es noch die erste Stunde, und redet zärtlich auf sie ein. Und noch jedesmal ist Sabine am Ende solcher Stunde in großer Verwirrung vom Pferd gestiegen und mit dem betrübten Gefühl, daß sie es nie lernen wird, daß sie aber trotzdem weiter Stunde nehmen wird, um Michailows Stimme zu hören, um seine schönen, wilden Augen zu sehen und ben Hanbkuß zu spüren, mit bem er regelmäßig bie Stunbe beenbet.
Fortsetzung folgt


