Nr.M Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 7.August 1937
Ausbau des Stadtteils Gießen-Süd
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Jilchtsest beim Standortlazareii Gießen
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tag auch für bi" kettsbereiche br rette Gieß statt. Es ist er: lieferten 93 raue den Bauwerken
Bau des Standortlaza- ^as althergebrachte 9t i cf) t f e ft daß die Beachtung des über- 15 dieser Art nunmehr auch bei >.cr öffentlichen Hand wieder Platz
gegriffen hat, nm dem man in früheren Jahren, vor der Machtübernahme, vielfach von dieser schönen Sitte abgegangen war. Daß die „B-auheb" dem ganzen Empfinden der Schaffenden am Bau gerecht
Die Einrichtung einer Autobus-Verbin- düng durch das Südoiertel und zum Kern der Stadt mit Anschluß an das jetzige Straßenbahnnetz dürfte heute nicht mehr schwer zu bewerkstelligen fein, nachdem die Stadt durch den Kau! der beiden modernen Autobusse im Gesamtbetriebe des städti- fchen Straßenbahnunternehmens gute Möglichkeiten an der Hand hat. Diese Autobusse, die bisher im Derkehrsbild der Stadt verhältnismäßig selten in Erfcheinung treten, könnten durch einen fahrplanmäßig geregelten Verkehr dem Verkehrsbedürfnis zwischen dem Südoiertel und der Stadt, vielleicht mit Einschluß von Klein-Linden, solange Genüge tun, bis die Straßenbahn als endgültige Lyfung an die Stelle der Kraftwagen treten könnte. Es ließe sich vielleicht auch bewerkstelligen, daß die Autobusse überhaupt für den Verkehr von den Außenbezirken (man denke nur an das Ostviertel und an die Schwarzlach zur Innenstadt dienstbar gemacht würden, um damit die Peripherie enger an die Stadt und das Straßenbahnnetz anzuschließen. Die Raummöglichkeiten der beiden Autobusse dürften wohl auch ausreichen, um den Verkehrserforder- niffen der Fahrten in beiden Richtungen ausreichend dienen zu können. Hierfür wäre natürlich der Ausbau der Fahrbahnen in den neuen Straßen Vor-
Hamburger Seebehörden wurde dem Aviso wenigstens eine Taucherausrüstung zugeschickt.
Der Vollmatrose Ehristian Minckelsen meldete sich freiwillig für den Abstieg in die Tiefe. Unter allgemeiner Spannung kroch er in die Ausrüstung hinein und bekam den Taucherhelm übergeftülpt. Schon wollte er, mit Werkzeugen bewaffnet, die Strickleiter hinunterklettern, als der Kapitän' bemerkte, daß das Frontglas in dem Helm noch nicht eingeschraubt war. Christian wurde zurückgerufen und protestierte. Es dauerte lange, bis man ihm klarmachte, daß er ohne das Glas ertrinken müsse.
Langsam verschwand der Taucher unter der Meeresfläche, Doch schon nach zwei Minuten wurde mächtig an der Signalleine gerissen. Die Kameraden packten erschrocken zu und wanden Christian eilig an Bord.
„Was ist denn geschehen?" fragte der Kapitän.
„Ick hew't jo gliek feggt!" schimpfte der Taucher, „ick wull bat Glas nid) hebben! Wenn ick unner Woater tofoaten wull, dann möt ick inne fjänb spucken, un dann spuck ick gegen bat oerbammigte Glas ..
(Aufnahmen: [2] Neuner, Gießener Anzeiger. )
schwer mit Augengläsern benken. Aber gerabe biese Unmöglichkeit reizt unb sticht bie optischen Geschäfte, gerabe bie klassischsten Gipsköpfe fetzen sie mit Brillen ins Schaufenster unb meinen: wie natürlich! Doch wie bei aller Überspitzung ist bie Wirkung bie entgegengesetzte: wie gespenstisch!
Wenige nur haben so große, strphlenbe Augen, baß sie ihre Brille burchdrennen unb noch beren Reflexe in sich einbeziehen — ihnen kann bie Brille nichts anhaben; uns anbere aber sollte sie stets baran erinnern, baß unser Blick nicht fehlerlos ist. Balb ist sie bie berühmte rosa Brille bes Optimismus, balb bie blaue bes Pessimismus, unb wir sollten nur aufmerksamer in sie hineinsehen, bann gewahren wir mitten in ber Lanbschaft bas krummgespiegelte Fenster von rechts hinten unb bie eigenen Augenwimpern in riesenhafter Vergrößerung, kurz aller- hanb bummes Zeug, bas {ebenfalls nicht im Bilbe ist. Jemanb täuschen heißt auf Russisch famos: „Je- manb bie Brille einreiben" — ein Königreich für ein Schnupftuch! Alle, alle tragen wir unsichtbare Brillen — die paar draußen auf der Nase sind ja nur Exponenten eines allgemein-menschlichen inneren Zustandes! Wohl dem, ber seine Brille reiten hat. Er kann sie wenigstens sehen.
Darum seien wir ber Brille bankbar. Schenkt sie uns boch eine eckige, ovale, kreisrunbe Welt, bie sie aus ber Verschwommenheit in herrlichste Gestalt rettet. Unb lernen wir auch manchmal über bie Brille hinwegmblicken. Zwar hat bas so etwas Tantenhaftes, Litsaßfäulen-Malzkaffee-Empfehlenbes, aber bas tut nichts. Scherz ist barin, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung — deren tiefste vielleicht darin liegt, daß man nun die Welt zwiefach sieht: so unb so, scharf unb weich, begrenzt unb grenzenlos, unbarmherzig unb gütig.
Da lachen die Manien...
Vor 70 Jahren, als bie beutfche Marine nur aus ein paar Schiffen bes Norbbeutfchen Bundes bestand, lag ber Rabbampfer „Loreley", ein Aviso mit drei Geschützen unb fünfzig Mann Besatzung, im Embener Hafen. Das Ruber war beschäbigt, unb ber Schaben ließ fich nur burch einen Taucher be= heben.
Taucher waren bamals in Emben nicht aufzutreiben, unb nach einer langen Schreiberei mit ben
sicher anzunehmen, baß burch diese neue Einrichtung das Verkehrsbedürfnis im Bereiche des Klinik- viertels künftighin noch weit stärker (ein wird als bisher.
lieber die Schwierigkeiten des Baues einer Straßenbahnlinie ist im Verlaufe der letzten zehn Jahre schon viel gesprochen unb geschrieben worben. Das größte Hinbernis in Gestalt ber Bahnüberführung in ber Frankfurter Straße besteht nach wie vor, unb es zeigt sich bis jetzt Leiber keine Möglichkeit, es balb beseitigen zu können. Man wirb baher wohl immer wieber nur auf bie Gebauten zurückkommen können, entmeber von ber Liebigstraße unb vom Grunbstück ber Alten Klinik her bas Eifenbahngelänbe burch einen Brückenbau zur Frankfurter Straße zu überqueren — weil eine niveaugleiche Ueberquerung ber Eisenbahnschienen burch Straßenbahngleise gesetzlich unmöglich ist — unb bann bie Straßenbahnschienen burch bas Sübviertel mit Anschluß nach Klein-Linben zu legen, ober aber einen Straßenbahn-Penbelbetrieb für bas Sübviertel jenseits ber Oberhessischen Bahn zu schaffen, bei bem natürlich eine Straßenbahn- Wagenhalle mit Einschluß aller technischen Ersorber- nisse im süblichen Stabtteil geschaffen werben müßte. Die letztere Art ber Lösung bes Problems würbe ben Vorteil bieten, baß einerseits ein kostspieliger unb umständlicher Brückenbau über das Eisenbahngelände unnötig wäre, anderseits alle Vorbedingungen geschaffen würden, um zu einem späteren Zeitpunkt, wenn das Hindernis ber Bahnüberführung burch bie Verlegung ber Oberheffifchen Bahn aus ber Stabt beseitigt fein wirb, burch eine einfache kurze Schienenlegung von ber Ecke Liebigstraße- Frankfurter Straße hinüber in Richtung Ecke Frankfurter Straße-Wilhelmstraße ben Anschluß an bas vorhanbene Straßenbahnnetz herzustellen. Es würbe also — mit anberen Worten gesagt — burch eine Penbellinie ber Straßenbahn im Sübviertel ein erhebliches Teilstück bes Gesamtausbaues unserer Straßenbahn um einige Jahre vorweggenommen werben.
Zestellte Welt nicht mehr verbirgt.
Wie bin ich unschulbiges Kinb dazu gekommen, -ine Brille zu tragen? Ach, ich las in Indianer- Büchern so viel vom Häuptling Adlerauge, wie der mbeweglich in die fernsten Präriehorizonte späht, !>aß ich mir daran die Augen verdarb unb plötzlich, :,ugh! eine Brille braufgesetzt bekam, ich wußte nicht wie. Aber Kinber burch Brillen am meisten verun- daltet, machen sich baraus am wenigsten, unb erst Päter, wenn sich bie Welt zum Weibe verbichtet mb einen also ansieht, wirb man burch biese Augen »ine Brille gewahr „Ach, nehmen Sie doch . diese . Brille ab!" läßt Tolstoi eine Schöne zum .Helden flüstern, bem sie einen Kuß gewähren will Woraus man ersieht, baß Tolstoi keine Brille ge-
roirb, konnte man bei ber gestrigen Richtfestfeier wieber überzeugenb feftstellen. Alle waren mit ganzem Herzen bei ber Feierstunbe, sowohl bei bem schlichten Festakt vor bem Bau, als auch bei bem fröhlichen Richtschmaus in ber Volkshalle, ber als Ausklang des Arbeitstages alle Werkleute und die geistig Schassenden am Bau mit zahlreichen Gästen vereinigte.
Auf Einladung des Vorstandes des Heeresbau- amtes, Regierungsbaurat E i s e n h a r d t, versammelten sich am gestrigen Nachmittag gegen 1.30 Uhr bie vielen Männer vom Bau mit den geladenen Gästen von der Partei, der Wehrmacht, ber Stabt Gießen unb einer Anzahl weiterer Behörben vor
Oie Brille.
Von Sigismund von Jtoherfi.
Oben rechts: Zimmerleute in der Tracht ihrer Hamburger Berufskollegen marschierten dem großen Zuge der Arbeiter mit einer bunten Richtfestkrone voraus. Die Richtfestkrone war mit schönen Wappentafeln geschmückt, die Symbole des Reiches und des Bau- Hanbwerkes zeigten.
Nebenstehend: Generalmajor W i 11 i ch (in Vertretung bes Standortältesten unserer Garnison) bei seiner Ansprache an die Mitarbeiter am Bau.
aussetzung.
Der Herr Oberbürgermeister, dessen tatkräftigem Einsatz unb eifrigem Wirken unsere Stabt im Verlaufe der letzten Jahre schon viel zu verdanken hat, ist sich über die dringende Notwendigkeit der ver- kehrsverbessernden Maßnahmen für die neuerstandenen Stadtteile schon lange im Klaren. Bisher waren aber die Möglichkeiten zur Schaffung neuer Einrichtungen dieser Art noch nicht gegeben. Der Initiative des Oberbürgermeisters haben wir den Besitz und damit die {eberzeitige Einsatzmöglichkeit ber beiben Autobusse zu banken. Er wirb unzweifelhaft biese Möglichkeiten im Interesse unseres Verkehrswesens zum Wohle ber Bevölkerung nutzbar machen, wie er seine Kräfte und Mittel ebenfalls einsetzen wird zur Lösung ber erweiterten Aufgaben unseres Straßenbahnbienstes, um auch nach bieser Richtung hin bem Aufwärtsstreben unserer Stabt neue Wege zu erschließen unb zu ebnen. B.
Nach altem beutschen Brauch, ber den Werkleuten an einem Bau nach der Fertigstellung des Rohbaues eine Feier als äußeres Zeichen der Anerkennung zugesteht, fanb am gestrigen Freitagnachmit- ' " Arbeiter aller Berufe und Tätig-
dem mit den Fahnen des Dritten Reiches und mit frischem Grün geschmückten Eingang des Hauptgebäudes. Die Regimentsmusik unseres Jnf.-Regts. 116 leitete die Feier mit stimmungsvoller Musik ein. Hierauf begrüßte Regierungsbaurat Eifenhardt alle Werkl'eute vom Bau, ferner die Ehrengäste, von ihnen besonders Generalmajor W i 11 i ch als Vertreter des im Urlaub abwesenden Standortälte- sten, Kreisamtsleiter K l ö s als Vertreter ber Kreisleitung, ferner bie übrigen Vertreter ber Partei, ber Wehrmacht unb ber Behörben. Er erinnerte bann kurz an bie vor bem Baubeginn zu überroinbenben mannigfachen Schwierigkeiten, insbefonbere hinsichtlich ber Baulanbbeschaffung, unb sagte in bie- fern Zusammenhänge ben Eigentümern unb Bewirtschaftern bes bis zum Baubeginn lanbwirt- schaftlich genutzten Gelänbes herzlichen Dank für bie Bereitwilligkeit, mit ber sie bas Baulanb zur Verfügung stellten, so baß im September 1936 mit bem Bau begonnen werben konnte. Er bankte hierauf allen Arbeitern am Bau unb rühmte ihre hingebungsvolle Leistungsfreubigkeit in ber treuen unb fleißigen Arbeit an biefem Bau für ben Führer unb für Deutschland Weiterhin bankte er ber Stabt Gießen für alle Förberung, bie sie bem Bau zuteil werben ließ unb hob babei hervor, baß unsere Stabt mit biefem Neubau eine schöne Bereicherung bes ©tabtbilbes burch einen großen Kulturbau erhalte. Vier Bilbhauer unb einige Kunstmaler seien bereits mit der künstlerischen Ausschmückung des Baues beauftragt worden. Dem Leiter des Standortlazaretts, Oberfeldarzt Dr. Strenger, galt gleichfalls ber Dank ber Bauleitung für bie wertvolle Beratung unb Mitarbeit zur Erfüllung ber bebeutfamen Aufgabe. Mit herzlichem Dank an ben Führer, bem auch hier wieber Arbeit unb Brot unb ein bebeutfames Werk für unsere Wehrmacht zu Derbanfen ist, schloß Baurat E i s e n t) a r b t seine Ansprache.
Anschließenb folgten bie sinnreichen, zum Teil in poetischer Form gehaltenen Richtsprüche ber Hanbwerksgesellen, wie es schönem altem Hanbwerksbrauch geziemt. Am Schlüsse dieser Richtsprüche leerte ber Altgeselle sein Glas auf bas Glück und Gedeihen des Werkes, dem er nach dem alten Sprichwort „Scherben bringen Glück!" mit dem Zerschmettern des Glases am Richtbaum-Mast und
Wenn wir uns an das Bild des Stadtteils Gieße n-Süd zwischen den Kliniken, bem Berg- werkswalb unb bem heutigen Wartweg in ber Zeit ,d o r fünfzehn I a h r e n erinnern, so sehen wir im Geiste einen ©elänbeteil, ber noch völlia frei zum seemäßigen unb gärtnerischen Anbau Dalag. Das jetzt ber Bannführung ber HI. als Unterkunft bienenbe kleine, unzulängliche Haus befanb sich gewissermaßen im freien Felb; bie Heilstätte Seltersberg bestaub noch nicht; vom Lupusheim war nur bas sogenannte Dietz-Haus vorhanben; bas jetzige Stubentenhaus war noch ein schöner Traum von Jbealisten; süblich vom damaligen Studentenhaus am Wartweg entlang war alles leer und kahl.
Schon nach ein paar Jahren hatte bas dortige Bilb bie ersten neuen Züge erhalten. Gewissermaßen „mitten ins Felb hinaus" baute ber Zeichenlehrer Schäfer als erster fein Einfamilienhaus an ben Wartweg; wer bort hinkommen wollte, mußte bei feuchtem Wetter reichlich schmutzige Stiefeln mit in Kauf nehmen, benn von einem einigermaßen annehmbaren Weg, ber biefes Wort oerbient hätte, war keine Rebe. Dann wuchsen auch balb bie hohen Gebäube ber Heilstätte Seltersberg unb bes zweiten Hauses bes Lupusheims empor, bas Wohnhaus von Prof. Dr. Brüagemann würbe errichtet, bas Stubentenhaus am Leihgesterner Weg würbe bem Stabtbilb eingefügt, unb nun entwickelte fich bie Wohnhausbautätigkeit von Jahr zu Jahr immer mehr. Sowohl am Wartweg entlang als auch von ber östlichen Seite ber Frankfurter Straße her strebte bie Bautätigkeit immer stärker in bas freie Baulanb hinein. Die Straßen bes sogenannten Musikantenoiertels entstauben, ber Wartweg erhielt beiderseits in zunehmendem Maße bas Bilb einer geschlossenen Bebauung, von ber, seitlich nach beiben Richtungen ausstrahlenb, neue Straßenteile unb Wohnhäuser bas Bilb bes Stabtteils immer lebenbiger gestalteten. Das Klinikviertel würbe burch neue Bauten erweitert, unb nunmehr weist bas Sübviertel in bem Raume zwischen ber Frankfurter Straße, bem Wartweg unb ber Nachbarschaft bes Bergwerkswalbes als einstweiligen Höhepunkt der baulichen Entwicklung ben großartigen Bau bes neuen Garnison-Lazaretts auf.
Die gestrige Richtfestfeier an bem Bau bes Gießener Garnison-Lazaretts lenkt bie Gebauten bes Zeitchrouiften wieber einmal hin auf bie überraschend schnelle, mächtig aufwärtsstrebende Entwicklung in jenem Stadtteil, von dem man sagen kann, daß für ihn jetzt ein neuer bedeutsamer Abschnitt feiner Entfaltung beginnt. Man braucht kein Prophet zu fein, wenn man heute schon voraussieht, baß bie jetzt noch vorhaubeueu Baulaubparzelleu in biefem Gemarkungsteil unserer Stabt wohl in etwa zwei Jahren bereits bebaut sein bürsten. Allein schon bas bisher ununterbrochene natürliche Wachstum in biefem Stabtviertel spricht für biese Voraussage. Hinzu kommt nun noch ber belebenbe Faktor bes Garuisoulazarettbaues, ber voraussichtlich weitere Wohuhausbauteu zur Folge haben wirb. Die Straßenzüge find im großen unb tzan- .zen bereits gegeben, so baß also auch von bieser Seite her kein Hemmnis für eine weitere flotte Bautätigkeit besteht. Unsere Stabt hat also allen ©runb, mit Genugtuung auf biese gebeihliche Bau- .entwickluug im Sübviertel zu blicken, benn bort »offenbart sich ein ansehnliches Stück bes wirtfchaft- Ilichen Aufschwungs, ben auch unser Gemeinwesen in ben letzten Jahren seit ber Machtübernahme in so erfreulicher Weise erfahren hat.
Diese Entwicklung wirkt fich nun vor allem auch im Bereich ber Verkehrsaufgaben aus. Dazu gehört in erster. Linie ber Ausbau ber Straußen. Nicht minber wichtig ist aber auch bie Schaffung einer zeitgemäßen Verkehrsverbinbung von ihiefem Außenbezirk nach ben Hauptverkehrspunkten Der Stabt, insbefonbere nach ber Stabtmitte. Hier itauchen wieberum zwei Pläne auf, bie in früheren tJghren, als bie bauliche Entwicklung noch nicht {soweit wie heute vorangekommen war, schon oft Den Gegenstand) von Besprechungen gebildet Halden: bie Schaffung einer neuen Straßenbahnlinie ober bie Einrichtung eines regelmäßigen Autobusbetriebes. Der Bau Des Garnisonlazaretts läßt eine Lösung bieser Auf- Naben in ben Dorbergrunb treten, benn es ist als
tragen hat. Die Nase stört boch viel mehr beim
Erst wenn bie Frau es ist, die bie Gläser trägt, wirb bie Sache problematisch. Ich benke hierbei vor allem an bie Mutter bes Zappelphilipp im Struwelpeter. Sie ist eine ber tiefsten unb lebenswahrsten Figuren unserer Kunst. Ganz in sich versunken, läßt sie ben Gatten mahnen unb ben Philipp zappeln — unb erst wenn bie Bescherung ba ist, erhebt sie sich mit bem Lorgnon vor'm Auge, aber auch ba unbeteiligt, bis auf ein grenzenloses Erstaunen: Unb bie' Mutter blickte stumm / um ben ganzen Tisch herum." Teils hat sie nichts zu sagen, teils verschlägt es ihr bie Rebe: ihr Teil m öa5 wortlose Entsetzen vor ber Tabula rosa bes Lebens.
Der größte Gegensatz zu ihr war bas informierte Hornbrillenmäbchen ber Nachkriegszeit. Damals gerabe in einer Zeit entfeffelnten Tneblebens, vollzog sich etwas Bebeutsames: zum erstenmal in ber Geschichte war bie Brille w e i b 11 d) e s Schönheitsattribut geworben! Rosige Fronten von Darietegirls steppten mit Hornbrillen auf ber Nase. Kein Zweifel, biese Hornbrille war ein Zeitsymbol — wofür nur? Brille bebeutet immer Bewußtsein, unb in ber Nacktheit mit ber Brille fanb bie Zeit zwei ihrer Tenbenzen: Trieb unb bewußtes Bekenntnis zu ihm, reizvoll verkörpert. Damals trugen ja auch feljr Diele Manner Hornbrillen, unb selbst normalgestchtige Personen setzten sich trauerumranbetes Fensterglas vor um nach was auszusehen Unb einer namens Karl Valentin setzte sich sogar eine Brille ohne Gla- str auf Doch als ihn bie Lisi Karlstadt deswegen empört zur Rebe stellte, meinte er tie,sinnig: „Immer besser noch als wie gar mx.
Dagegen scheint bas Tempo der Zeit ben Reifer enbgültig abgeworfen zu haben. Das stberali tische Pincenez, bieser lockere Glasschmeckerlmg auf ber komisch gewordenen Nase, konnte sich schon deshalb nicht halten weil es einen Kompromiß bebeutete. Erwirkte es, zwischen Scham unb Notwenbigkeit balancierenb, zumal bei ber Frau weit verunstal- tenber als bie Brille: „Einen Buckel kann sie immer nod) eher in Abrebe stellen, als em Pincenez! ist mit Recht festgestellt worben.
Allerbings kann man auch m ber Parteinahme für bie Brille zu weit gehen. Der Apoll von Beloe- bere ober bie Venus von Milo lassen sich nur
Sport unb Technik haben uns eine Menge neuer Brillen beschert: Schneebrillen Flugbrillen, Funken- I Brillen, — unb vielleicht beshalb gerabe ist bie eigentliche, bie Kurzsichtigkeitsbrille stark zurückgegangen. So scheint es an ber Zeit, ihr ein Wort nachzurufen. Denn sie war, alles in allem angenommen, ein beutscher Gegenstand Dabei hatten wir, ein noch junges Volk, sie als Wahrzeichen mit i Dem ältesten aller Volker, ben Söhnen bes Himmels im Reich ber Mitte, kurz mit ben Chinesen, gemein: Der Deutsche in ber Karikatur trug eine Brille, wie nur je ein Manbarin. Unb vielleicht barum konnte ber jupiteräugige Goethe, ber boch alles nerstanb, eines nicht verzeihen — bas Brillentragen und etwa noch das Tabakrauchen).
Bebrillt und rauchend, entschädige ich mich dafür Durch bie Feststellung, baß Goethe bekanntlich zsichtig war. Er sah bie Brille als Symbol Der Instinktlosigkeit, als Glasmauer des Dunkels, nls optische Barrikade vor jenem Ding, das sieht und doch zugleich das Schönste ist, was es zu sehen gibt — dem Auge: und, weiß Goethe, er hatte nicht unrecht! Eine jedoch übersah er, nämlich, daß die Brille zugleich rücksichtslosen Wahrheitsdrang und Opfer bedeutet, denn wir von der eulenäugigen Brüderschaft opfern dem Sehen unser Aussehen und •rfaufen mit dem Odium des Pedanten das, was uns vor Pedanterie bewahrt, — jenen Abgrund von Schönheit und Häßlichkeit, den die auf „scharf" ein-
Zwanzig Jahre später passierte einem kleinen deutschen Kreuzer ein ähnliches Mißgeschick. Er lag im Hafen von Aden, und beim Ankerhieven war bie Ankerkette gerissen unb ber Anker versackt.
„Der Anker muß wieber herauf!" befahl ber Kommanbant, „unb wenn wir ein Jahr nach ihm suchen müßten!"
Drei Tage lang angelte man vergeblich nach bem verlorenen Anker. Die Offiziere unb Mannschaften suchten heimlich, benn sie wären lieber an Lanb gegangen. Aber ber Kommanbant blieb unerbittlich.
Dann kam ber Sonntag. Um sieben Uhr morgens versammelte sich bie Mannschaft zur Anbacht. Der jüngste Leutnant war an ber Reihe, aus bem An- bachtsbuch oorzulesen. Er ließ, wie üblich, b*- ° nummer an ben hinteren Turm schr Nr. 63. Die Offiziere unb Matrosen ihren Gesangbüchern nach, ein ver^ Schmunzeln flog über bie Gesichte erklang ber Choral: „Ich habe gefunben, ber meinen Anker eroi
Der Leutnant büßte diefen gen Kammerarrest
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