frau bestritt jedoch, den Sohn an diesem Morgen geschlagen zu haben und behauptete, sie sei über- Haupt nicht in dem fraglichen Zimmer gewesen. Während der Sohn — ein schwachsinniger, schwer erziehbarer Knabe — odr der Polizei und dem Jugendamt ausgesagt hatte, daß beide Eltern beteiligt gewesen seien, behauptete er in der gestrigen Hauptverhandlung, er sei nur von seinem Vater geschlagen worden. Trotz der großen Widersprüche in den einzelnen Aussagen des Sohnes schenkte das Gericht den früheren Aussagen Glauben, da diese offensichtlich unter dem frischen Eindruck des Vorfalles gemacht wurden. Darüber hinaus bekundete auch eine Nachbarin, sie habe durch die dünne Wand, die die beiden Wohnungen trennt, den Vorfall mit angehört und dabei wahrgenommen, daß die mitangeklagte Ehefrau sich auch in diesem Raum
aufgehalten habe. Die Kammer kam daher zu einer Verwerfung der Berufung.
Amtsgericht Gießen.
Wieder einmal stand der vielfach vorbestrafte G. K., 52 Jahre alt, aus Gießen vor den Schranken des Gerichts. Der Angeklagte, dem von einer Frau ein Schirm zur Bearbeitung übergeben worden war, hatte diesen nicht mehr zurückgegeben, angeblich soll er von einem Dritten verarbeitet worden sein. Da der Angeklagte auch einschlägig vorbe- straft ist, verurteilte ihn das Gericht zu einer G e - fängnisstrafe von einer Woche und zur Kostentragung. Der seinerzeit gegen ihn erlassene Strafbefehl lautete ebenfalls auf die erkannte Strafe.
3m Dienste -er Volksgesundheit.
Versammlung der Bürgermeister des Kreises Gießen.
Die Kreisabteilung Gießen, Landesdienststelle Hessen, Hessen-Nassau, im Deutschen Gemeindetag vereinigte am gestrigen Dienstag unter dem Vorsitz des stellvertretenden Obmannes Bürgermeister Kneipp (Langsdorf) die Bürgermeister des Kreises zu einer Versammlung im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes am Brandplatz. Im Mittelpunkt der Versammlung am Nachmittag stand (nachdem bereits am Vormittag eine Besprechung stattgefunden hatte), ein Vortrag von Dr. F m g e r (vom Rassepolitischen Amt der NSDAP, für den Gau Hessen-Nassau) über das Thema „Erbgesund- heits- und Rassenpflege, insbesondere die Mitwirkung der Bürgermeister bei staatlichen Maßnahmen". Den Ausführungen des Redners sei folgendes entnommen:
Eine der größten Aufgaben des völkischen Staates sei die Bemühung um die Erhaltung und Förderung von rassischen Kulturelementen, die dafür ausschlaggebend seien, ob ein Volk Kulturvolk sein könne oder nicht. Deutschland sei mit der Gesetzgebung jur Wahrung der rassischen Werte seines Volkes der übrigen Welt um Jahrzehnte voraus. Deutschland habe immer Menschen von hoher rassischer Wertigkeit gehabt und habe sie noch; dieser Bestand sei aber durchaus nicht ungefährdet. Die Gesamtheit der weißen Rasse sei in Gefahr. Schon des öfteren im Laufe der Jahrtausende seien Kulturvölker untergegangen: Rom, das alte Griechenland und Aegypten mutzten den völkischen Niederbruch erleben, die Ursachen des Niedergangs seien aber nie völlig erkannt worden. Wirtschaftliche Gründe und Mißverhältnisse allein könnten die Ursache nicht gewesen sein. Dieser vieloertretenen Theorie könne der Nationalsozialismus nicht beipflichten. Die Ursache des Verfalls liege vielmehr m Biologischen, im Erbmäßigen, im Rassischen. In der Hauptsache seien drei wichtige Verfallsgründe ausschlaggebend. In erster Linie sei der zahlenmäßige Rückgang des Volksbestandes zu nennen, dann das Ueberhandnehmen der erblich un- gesunden und rassisch wertlosen Volksteile und drittens die rassische Üeberfremtmng.
Der Rückgang der Geburtenziffer zeige sich erst nach Jahren. Die Erhaltung des zahlenmäßigen Bestandes eines Volkes dürfe nicht lediglich durch eine gewisse Vergreisung erreicht fein. Das Fehlen jugendlicher Jahrgänge wirke sich in vieler Hinsicht verhängnisvoll aus, ganz abgesehen davon, daß das Kind Nur-Derbraucher und deshalb von ungemeiner Wichtigkeit für die Wirtschaft sei. Die Kinderzahl in Deutschland sei zu klein. Vom Geburtenrückgang seien insbesondere die erblich hochwertigen Vvlks- teile betroffen. Was die rassische Ueberfrembung anbetreffe, so habe der Staat Maßnahmen getroffen, um der Gefahr der Üeberfremtmng für alle Zukunft wirksam zu begegnen.
Die rasfenpolitische Gesetzgebung verlange die Förderung der Eheschließungen und fördere sie durch wirtschaftliche Unterstützung der Ehewilligen. Die Voraussetzung für die Gewährung eines Ehestandsdarlehens sei aoer eine angemessene erbliche Wertigkeit. Bisher seien 750 000 Ehestandsdarlehen vergeben worden; die Auswirkungen feien in vieler Hinsicht sehr günstig. Es sei selbstverständlich, daß asoziale Elemente, Kriminelle und erblich Minderwertige keinesfalls mit Ehestandsdarlehen bedacht werden könnten. Hier habe der Bürgermeister die Aufgabe, den zuständigen Stellen aus feiner Kenntnis der Personen Auskünfte zu erteilen. Eine Förderung der Geburtenzahl sehe der Staat in der Gewährung von Kinderbeihilfen, die keineswegs ein Geschenk darstellten, sondern einen gerechten Aus
gleich für manche indirekte Steuer (auf Zucker, Salz usw.), die dem kinderreichen Vater nicht abgenommen werden könne. Eine weitere große Aufgabe sehe der Staat in der Förderung der Geburtenzahl auf dem Lande, denn von jeher habe sich die bäuerliche Bevölkerung als der Blutsquell des deutschen Volkes erwiesen. Deshalb werde der Bauernsiedler, von dem eine hohe erbliche Wertigkeit gefordert werden müsse, bedeutende wirtschaftliche Förderung erfahren. Ein wichtiger Beitrag für Aufrechterhaltung unserer hohen rassischen Werte sei das Gesetz jur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Mit diesem Gesetz habe der Bürgermeister aber weniger zu tun. Das Ehegesundheitsgesetz fordere von beiden Partnern gesundheitliche Erhebungen vor der lÄ)eschließung. Hier habe der Bürgermeister als Standesbeamter auch manche Verpflichtung, die eine tätige Mitarbeit an der Erhaltung unserer Volksgesundheit bedeute.
In weiteren Ausführungen beschäftigte sich der Vortragende mit der Frage der Behandlung von Asozialen in der Gemeinde und der Frage der Gefahren, die von Zigeunern her unserer Volksgemeinschaft drohen. Anschließend wies der Redner darauf hin, daß die Zusammenarbeit zwischen dem Kreisgesundheitsamt und den Bürgermeistereien bisher stets gut gewesen sei, und er hoffe, daß dies auch in Zukunft so bleiben möge. Die Ausführungen des Redners wurden von den Zuhörern mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Aus der Versammlung heraus wurde noch manche Frage gestellt, die der Redner in eindeutiger Weise beantwortete.
Im weiteren Verlaufe der Versammlung wurden praktische Maßnahmen zur Sperlingsbekämpfung beschlossen.
Schweres Paddelbootunglück auf dem Main.
Zwei junge Menschenleben als Opfer.
Lpd. Hanau, 5. Juli. Am Sonntag gegen 17 Uhr wurde an der Schleuse bei Großkrotzenburg von einem Spaziergänger auf dem Main treibend ein unbemanntes Paddelboot entdeckt. Kurz darauf bemerkte der Passant in der nächsten Umgebung des treibenden Bootes den Kopf eines Mannes, der aber sofort wieder in den Fluten versank. Wie sich später herausstellte, war das mit zwei jungen Menschen besetzte Paddelboot umgeschlagen und beide Insassen ertrunken. Bei den Verunglückten handelt es sich um den 25jährigen Karl Hofmann aus Groß-Auheim bei Hanau und um Die 19jährige Katharina Winter aus Klein-Auheim, die zusammen eine Paddelfahrt unternommen hatten. Die Leiche des Mädchens wurde noch am gleichen Abend an der Mainbrücke bei Groß-Auheim gelänget, Tkoch ein Paddler ertrunken.
LPD. Miltenberg, 5. Juli. Ein Arbeitsdienstmann aus dem Lager Miltenberg fuhr mit einem Paddelboot auf dem Main. Unterwegs erhielt das Boot ein Leck und sank, bevor der junge Mann das Ufer erreichen Tonnte. Der Arbeitsdienstmann, der des Schwimmens unkundig war, ertrank. Seine Leiche wurde noch nicht geborgen. Bei dem Verunglückten handelt es sich um den Arbeitsdienstmann Robert Paul aus Saarbrücken. Der Verunglückte stand im Alter von 20 Jahren.
Aus der engeren Heimat.
Gemeinderat in Schotten.
B. Schotten, 3. Juli. Der seitherige Chefarzt des städtischen Krankenhauses legt mit Ablauf dieses Monats sein Amt nieder. Als sein Nachfolger stellte sich in der heutigen Sitzung Oberarzt Dr. Walter (Friedberg), der mit Wirkung vom 1. August dieses Amt übernimmt, dem Gemeinderat vor. Der Vertrag mit dem neuen Chefarzt wurde vom Gemeinderat gutgeheißen.
Die neuen Steuerausschlagsätze, die zum Teil eine kleine Senkung gegen das Vorjahr erfahren, wurden bekanntgegeben, sie erbringen die Gemeindeumlage im Betrage von 47 500 Mark.
Am Postamt ist die baufällig gewordene Stützmauer am Niddaufer eingestürzt. Die Herstellungskosten, in die sich Post und Stadt teilen, werden sich auf über 1000 Mark belaufen.
Die Pläne und Doranschlagsberechnung für das HI. - Heim sind wunschgemäß der Gebietsführung der HI. zugeleitet worben, die neben den zuständigen Stellen zu dem Bauvorhaben Stellung nehmen wird.
Im gesamten Geländeabschnitt zwischen Laubacher Straße, Bomgasse, Gotzener Weg wird eine großzügige Baulandumlegung vorgenommen. Das Vermessungsamt hat bereits mit den Ausmessungen begonnen, neue Straßen werden dort ausgeschieden und das ganze Gelände für neues Bauland aufgeteilt und erschlossen. Bis zur Fertigstellung werden einige Monate vergehen.
Jenseits der Laubacher Straße am Schleifenweg nach der Badeanstalt wird eine Wohnungssiedlung angelegt. Sieben Siedler fuhren hier chr Siedlungsvorhaben durch, weitere werden folgen. Die Kaufverhandlungen mit den Eigentümern über den Erwerb des Geländes stehen vor dem Abschluß. Mit dem Bau wird in Kürze begonnen werden.
Das Rohrnetz der städtischen Wasserleitung wird erweitert und ein neuer Bohrstrang vom Wasserwerk der Laubacher Straße entlang bis zum Haus Jägle durchgeftihrt. Dadurch wird der Wasserdruck für das obere Stadtviertel wesentlich verbessert und auch für das neue Siedlunas- unternehmen eine gute Wasserversorgung gewährleistet.
Eine Stützmauer am Niddaufer hinter der Post» kraftwagenhalle ist neu aufgeführt worden, da das Hochwasser ein bedenkliches Stück Land abgerissen hatte und der Bau in Gefahr kam.
An dem 100jährigen Jubiläum des Männer- ch o r s wird sich der Gemeinderat beteiligen.
Ein neuer Sportplatz für Großen-Buseck im Bau.
Großen-Buseck, 6. Juli. Der hiesige Sportplatz, der in feiner jetzigen Form nicht mehr den Anforderungen unserer Zeit entspricht, soll neu gestaltet werden. Deshalb ging dieser Tage von der Gemeindeverwaltuna ein Rundschreiben an alle Volksgenossen, mit Der Aufforderung, sich uneigennützig zur Vollendung des Werkes zur Verfügung zu stellen. Der neue Sportplatz soll am Ausgang des Dorfes, entlang der Rvdgener Straße, entstehen und zu einer schönen Stätte körperlicher Ertüchtigung ausgebaut werden. Da es aber der Gemeinde bei der schon geleisteten zusätzlichen Arbeitsbeschaffung nicht möglich ist, Mittel dafür zur Verfügung zu stellen, erging an alle männlichen Ortseinwvh- ner der Ruf, durch freiwillige Arbeitsleistungen der Sache zu dienen. Für die Planung des Sportplatzes sind ungefähr 4000 Kubikmeter Erde zu bewegen. Wenn jeder sich bereiterklärt, innerhalb von 14 Tagen 20 Stunden freiwilliger Arbeit zu leisten, wird das Werk bald vollendet fein. Zur Beschaffung von Mitteln für den Ausbau des Werkes fand nunmehr auf dem alten Sportplatz ein Volksfest in echtem Dorfgemeinschaftsgeist statt. Nach einem kurzen Umzug vom Anger zum Sportplatz hielt Bürgermeister und Ortsgruppenleiter R e b h o l z eine Begrüßungsansprache, in der er besonders auf die Zwecke und Ziele der edlen Sache hinwies. Sodann wurde durch die Hitler-Jugend der erste Spatenstich getan. Zur Unterhaltung während des Nachmittags trugen BDM., JL. und Jungvolk mit Reigenoorführungen, turnerischen Darbietungen und Bekämpfen bei. Auch die hiesigen beiden Gesangvereine hatten sich zur Verfügung gestellt. Die Dorfkapelle spielte uneigennützig zum Tanze auf. — Mit der Verwirk
lichung des neuen Projektes beweist die Gemeinde erneut ihren Opfersinn, der schon verschiedentlich unter Beweis gestellt wurde. In welch hohem Maße man den Leibesübungen in Großen-Buseck Bedeutung beimißt, geht daraus hervor, daß in kurzer Zeit ein Eisplatz, ein Schwimmbad und eine Turnhalle entstanden sind. Die Turnhalle geht übrigens ihrer Vollendung entgegen.
Erst geholfen/ dann niedergeschlagen.
♦ Merkenfritz (Kreis Büdingen), 6. Juli. Am Samstagabend wurde bei einer Auseinandersetzung in unserem Orte ein Mann so schwer verletzt, daß er nach Gießen in die Klinik eingeliefert werden mußte. Es handelt sich dabei um folgenden Vorfall: Der Hermann K l i n g e n b e r g e r hatte sich von dem Arbeiter und Kleinlandwirt Johann Schmidt am Samstagvormittag zwei Kühe ausgeliehen, um damit Feldarbeiten für sich auszuführen. Die Kühe sollte er bis zum Mittag wieder zurückbringen. Das tat er jedoch nicht, sondern machte sich die Tiere auch am Nachmittag nutzbar und lieferte sie erst am Abend bei ihrem Eigentümer wieder ab. Die Absicht des Kuhbesitzers, mit den Tieren Futter vom Felde heimzuholen, war durch die späte Rückgabe der Tiere unmöglich geworden. Darüber entstand zwischen den beiden Männern bei der Rücklieferung der Kühe ein Wort st reit, in dessen Verlaus Schmidt dem Klingenberger mit einem Finger an die Stirn getippt haben soll. Klingenberger dagegen schlug mit der Faust so wuchttg auf den Kopf des Schmidt ein, daß der Mann zu Boden stürzte und einen s chw eren Schädelbruch erlitt. Er mußte nach Gießen in die Klinik eingeliefert werden, wo er in ernstem Zustande bar- niederliegt. Sein Gegner Hermann Klingenberg e r wurde in Haft genommen und dem Amtsgerichtsgefängnis in Ortenberg zugeführt.
Restloser Ausbau der Rennstrecke »Rund um Schotten".
LPD. Scho tten, 7. Juli. Die Rennstrecke „Rund um Schotten" ist bekanntlich in den letzten drei Jahren großzügig ausgebaut worden. Nachdem die Talstrecke Poppenstruth—Schotten in vorbildlicher Weise hergestellt worden war, wurde die Bergstrecke Rudingshain—Poppenstruth durch Ueberhöhung der Kurven und Verbreiterung ebenfalls so hergerichtet, daß sie als vorbildlich bezeichnet werden kann. Lediglich die drei Kilometer vom Orts ausgang Schotten bis Rudingshain entsprachen nicht mehr den Anforderungen, die an eine einwandfreie Rennstrecke gestellt werden müssen. Wie wir hören, wird nun auch dieser Teil der Rennstrecke voll ständig ausgebaut. Die Straße bekommt eine Asphalt-Beto ickecke, die in demselben Verfahren hergestellt wird wie auf der Reichsstraße Schotten—Gedern bei Eschenrod. Die Kurven werden überhöht, die Straße wird also nach allen neuzeitlichen Gesichtspunkten ausgebaut. Da die Rennstrecke rechtzeitig vor dem diesjährigen Rennen am 19. September fertiggestellt sein muß, soll sofort mit den Arbeiten begonnen werden.
Sänger-Hundertjahrfeier in Schotten.
* Schotten, 6. Juli. Am nächsten Samstag, Sonntag und Montag findet hier die Hundertjahrfeier des Schottener Männer- chors 18 3 7 statt. Die Hauptfeier wird am Sonn- tagvormittag mit einem großen Festkonzert veranstaltet. Die Jubiläumsfeier erhält dadurch ihre be» jonbere Bedeutung, daß an der Veranstaltung deutsch-amerikanische Sängergäste aus N e u y o r k als Vertreter des dortigen Schottener Männerchores teilnehmen, mit dem der hiesige Sängerchor fteundschaftlich verbunden ist.
Aus dem vierten Stockwerk gestürzt.
LPD. Bad-Nauheim, 6.Juli. In den stützen Morgenstunden stürzte sich eine Angestellte eines hiesigen Hotels in selbstmörderischer Absicht aus dem Fenster des vierten Stockwerks auf die Straße. Das Mädchen war sofort tot.
Landkreis Gießen.
<> Klein-Linden, 6. Juli. Auf der Straße zwischen Klein-Linden und Großen-Linden ereignete sich dieser Tage zu früher Stunde ein Unfall. Der
WWMMWU
Vornan von Walther Kloepffer
Copyright 1936 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
40 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Herrgott, komme ich denn niemals zur Ruhe! Immer ist eins von den beiden um mich, dieser Fogg ober diese Viktoria, manchmal auch alle beide. Er wendete sich von den Aquarien ab und wanderte unstet durch das Haus. Er riß Türen auf und schloß sie, er riß Schubladen auf und machte sie zu. In Viktorias Schlafzimmer öffnete er den Kleiderschrank. Zarter Duft, halb Seide, halb Flieder, schon etwas ent- wirklicht, quoll ihm entgegen. Da hingen sie, diese verführerischen Kleidchen, eins beim anderen, weiße, grüne rote, blaue, und starrten ihn abgefeimt und spöttisch an. Ein Blüschen war vom Bügel gefallen. Engasser hob es auf und preßte sein heißes Gesicht hinein. Viktoria! dachte er, und ein Schluchzen saß ihm in der Kehle. Alles in diesem Zimmer mit den geflammten Birkenmöbeln und der Blümchentapete schrie: Viktoria! Das war nicht zu ertragen. Ein jäh aufschießender Gedanke bedrängte den Professor: Wie, wenn Tutschek sich geirrt hätte? Wenn ich Vicki unrecht getan hätte? Aber weshalb ist sie dann so ohne Verteidigung aus dem Zimmer gelaufen? Und diese Winkelzüge und Lügen?
Am Nachmittag brachte der Hilfspostbote, der den erkrankten Ameiser vertrat, einen Brief, der dem Professor schon vom bloßen Ansehen Herzklopfen chuf. Denn er kam von Viktoria. Engasser konnte ich nicht sogleich entschließen, ihn zu öffnen. Es steht Inheil drin, sagte er sich bang; aber dann griff er doch nach dem Papiermesser.
Viktoria bat ihn, die Scheidung in die Wege zu leiten. So stand es da mit sachlichen und dürren Worten, hinter denen kein Fünkchen Zuneigung lauerte. Der Schluß aber enthielt bas Furchtbarste:
„--Ich möchte schließlich noch ein Mißver-
ftänbnis richtigstellen. Zwischen mir unb Herrn Dr. Fogg bestand, wie ich schwöre, niemals eine verbotene Beziehung. Ich habe ihn seinerzeit auf der Fahrt nach München rein zufällig getroffen; desgleichen auf der Straße nach Büchlkam. Der Mann,
der mich im Hotelzimmer aufsuchte, war Franz, der die Uebersohrt hinter sich hatte unb gerabe aus Bremen kam. Da Du ihm Dein Haus verboten hattest, er aber schließlich trotz allem mein Bruder ist, mußte die Unterredung leider auf neutralem Boden stattfinden. Ich wollte bas erklären, aber Du ließest mich ja nicht zu Worte kommen."
Engasser war niedergedrückt, nein, völlig zerschlagen. Die Hand mit dem Brief zitterte hilflos. „Oh, ich Esel! Oh, ich Esel!" stöhnte er vor sich hin.
Am nächsten Morgen fuhr er mit dem ersten Zug nach München. Mit gesenktem Kopf, wie ein Schuldbeladener, strich er durch die Straßen. Dann stieg er eine vernachlässigte Treppe hoch, die nicht enden wollte. Viktorias Adresse hatte er von ihren Verwandten erfahren. Kurzatmig blieb er vor einer Tür stehen, die mit vielen Visitenkarten bepflastert war. Während er klingelte, dachte er: Eine Aussprache wird alles einrenken. Ich muß sie um Verzeihung bitten, natürlich. Die Zimmervermieterin ließ ihn ein.
Als Engasser in das dürftige Dachzimmer trat, fuhr Viktoria mit einem kleinen spitzen Schrei von der Maschine hoch. Aber sie hatte sich sofort wieder in der Gewalt und fragte drohend:
„Was willst du hier? Ich dachte, ich hätte meinen Brief unmißverständlich abgefaßt —'
„Nicht so, Vicki, nicht so!" bat er zerknirscht. „Ich war ein brutaler, eifersüchtiger Narr. Kannst du mir verzeihen?"
„Der Schein war vielleicht gegen mich. Aber du hättest mich besser kennen sollen", erwiderte sie kalt.
„Sieh mal, Vicki, da waren so viel unglückliche Umstände. Alles traf zusammen. Mein Gott, ich habe dich eben gern! So etwas merkt man immer erst nachher in seinem vollen Umfang. Du wirst mir verzeihen, unb wir werben ein neues Leben zimmern. Du sollst sehen, wie nett es wird. Alles verspreche ich dir!" Er stand noch immer in der Nähe der Tür, bescheiden unb schuldbewußt.
„Es ist zu spät, Gottlieb!" sagte sie leise unb strich eine braune Strähne aus der Stirn. „Ich habe alles reiflich erwogen. Es reicht nicht mehr!"
,Zch verstehe nicht ganz?"
„Wenn zwei so Tag für Tag miteinander leben, muß etwas da sein, was sie zusammenkittet, Liebe 1 eben. Und das ist bei mir weg!"
Enggasser kroch in sich zusammen. Er wollte die Hand zu einer Erwiderung aufflattern lassen, aber sie war viel zu schwer. Er wußte keine neuen Gründe mehr, mit denen diese Frau zu halten war. Viktoria empfand Mitleid mit ihm. Sie kam auf ihn zu. Es war eine unwillkürliche Bewegung der Herzenshöflichkeit. Dann warnte sie eine kleine Stimme: Nicht schwach werden, Vicki! Mitleid ist noch nicht Liebe. Viktoria machte einen Schritt vor ihrem Gatten halt und tröstete:
„Du mußt vernünftig fein, Gottlieb! Nicht wahr? So etwas läßt sich nicht erzwingen. Du wirst damit fertig werden. Du hast ia deine Arbeit, dein Buch. Ist es schon vollendet?^
„Nein, es ist noch nicht vollendet", sagte er abwesend.
„Franz ist im Geschäft. Er hat jetzt eine Stellung."
„So? Das freut mich!" meinte Engasser, obschon ihm Franz in dieser Minute vollkommen gleich- gültig war. „Ach, Vicki!" stöhnte er und vergrub sein Gesicht in ihrer Hand.
Sie wich erschreckt zurück unb sagte: „Du mußt dick jusammennehmen, Gottlieb! Ja? Ich achte dich unb danke dir für alles, aber diesen Irrtum wollen wir nicht sortsetzen. Hast du schon mit einem Rechtsanwalt gesprochen?"
„Nein, Vicki, noch nicht", murmelte er entmutigt.
„Dann tue es möglichst halb, ich bitte dich! Ich will klare Verhältnisse."
„Ja, Vicki!" Er empfand, daß mit diesen zwei Worten alles verspielt war. „Du wirst mir gestatten, daß ich deine Zukunft sicherstelle. Darf ich gleich etwas Geld dalassen? Es geht dir nicht gut, wie ich sehe." Er zog seine Brieftasche hervor.
„Ich danke dir, Gottlieb! Aber tue das Geld weg! Du darfst mir nicht mit Geld kommen, hörst du, jetzt nicht unb später nicht! Wir wollen das ein für allemal festlegen."
„Aber du mußt doch etwas zum Leben haben", „Ich habe, was ich brauche. Und nun lebe wohl, Gottlieb! Wir wollen es uns nicht unnötig schwer machen." Sie streckte ihm die Hand hin.
„Laß es dir aut gehen, Vicki! Ich werde demnächst von Schellenberg fortziehen. Vielleicht eine Reise machen. Leb wohl!" Er drückte ihre Hand und ging rasch aus dem Zimmer. Als er die schmutzige Treppe hinunterschlich, dachte er: Nun habe ich die beste Frau der Welt verloren!
20.
Die Leute tarnen aus der Trauermesse für die Gsodmair-Bäuerin.
Still und ohne viel Aufhebens hatte die Bürgermeisterin sich vor acht Tagen davongemacht, nachdem sie viele Monate lang gekränkelt hatte. Es war etwas mit dem Magen gewesen, und der Doktor sprach von einer Geschwulst. Sie war ein gutes Weib gewesen, fand der Gsodmair und wischte mit dem Ellbogen gerührt über seinen Zylinder. Der Marti schritt mit verschütteten Augen neben dem Vater, ein wenig blaß und verhärmt. Nun stiegen sie die ausgetretenen Kirchenstufen hinunter, beide im Gehrock unb beide gleich groß. Ein Rüchlein Weihrauch haftete an ihren Kleidern und ein wenig von dem Duft verbrannten Wachses.
Unten am Sockel des Kriegerdenkmals stand die Anna und knüpfte ihr aufgegangenes Schutzbändel. Sie stach nicht so sehr durch die Kleidung von den andern Mädchen ab — denn auch in Schellenberg trug man sich mehr und mehr städtisch — als durch die Zierlichkeit und Biegsamkeit ihrer Gestalt. Sie war wie ein flinkes Rennerfohlen unter einem starken und bedächtigen Schlag von Arbeitsgäulen, fand der Martl und grüßte befangen.
„Komm, schleun dich, daß wir heimkommen!" brummte der Bürgermeister und gab seinem Sielte- ften einen Puff.
Nett gegrüßt hat der Martl! dachte die Anna und warf ihm einen freundlichen Blick nach; dann mischte sie sich unter den Zug der anderen Schellen- bergerinnen, die heimwärts strebten. Damals, nach jener Geschichte in der „Sonne", hatte ihr bas weibliche Schellenberg wenig Zuneigung entgegengebracht; aber seit sie keine Unruhe unter den Burschen mehr stiftete, glättete sich das Mißtrauen.
Daheim sagte der Gsodmair zu seinem Sohn: „Hopp, wir wollen in die obere Stube! Ich hab' mit dir was zu reden." Droben begann er: „Deine Mutter war eine brave Frau. So eine kann man weit suchen. Gott hab' sie selig! Aber das Lebende will auch sein Recht, ©in Hof ohne Frau ist wie eine Kirche ohne Pfarrer. Horst mich, Martl? Ich hab' mir's überlegt, hinum unb herum, es mutz wieder eine Bäuerin ins Haus. Sonst verkommt alles und die Ehhalten tun, was sie mögen. Du mußt heiraten, Martl!" So, nun war es heraus.
Fortsetzung folgt


