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Nr.155 Drittes Blatt Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 7. Zuli 1937

Deutscher Erfindergeist.

Don Werner Lenz.

Jede Nation hat das Recht darauf, sich ab und zu auf die kulturellen Leistungen zu besinnen, die sie in den Dienst der Menschheit gestellt hat. Deutschland hat ein sehr gutes Gewissen bei diesem ständigen Austausch menschlicher Gebrauchswerte; zahllose Erfindungen deutschen Geistes befruchten die Weltkultur. Und zumal die Geschichte der Tech­nik zeigt, daß es sich bet diesen Kulturgaben um grundlegende Bereicherung und weitziclende Weg­weisung handelt, die dem Aufwärts aller Nationen dienen. Die Fülle des Stoffes kann hier natür­lich keineswegs ausgeschöpft werden; um aber ein oberflächliches Bild von der Leistung deutschen Er­findergeistes zu gewinnen, wollen wir einige Blicke auf etliche deutscherseits besonders geförderte Son- dergebiete der Technik und angewandten Wissen­schaft tun.

Möge mit derjenigen Erfindung begonnen sein, die in allererster Reihe die Neuzeit einleitete: der Buchdruck. Die Mitteilung von Mensch zu Mensch durch Sprache und Handschrift führte im­mer nur sehr kleine Gruppen zueinander, oder es bedurfte langer Zeit, bis ein Gemeinschaftsgedanke auf diesen Wegen allen vermittelt war. Die Er­findung Gutenbergs nun Druck mit be­weglichen Lettern und Buchdruckpresse baute eine andere ebenfalls deutsche Erfindung, den tech­nisch noch unzureichenden Holzplattendruck, aus. Und wiederum war ein Deutscher es, der vier­hundert Jahre später Gutenbergs Kulturtat der Wirkung nach vervielfachte: Friedrich König, der Erfinder der S ch n e l l p r c s s e In diesem Zu­sammenhänge muß auch die Erfindung Aloys Se- nefelders, die Lithographie, erwähnt wer­den, deren Bedeutung für Kunstdruck, Noten­druck, Erdkarten- und Plakatdruck unabschätzbar ist.

Das erste Mikroskop erfanden 1590 zwei Niederländer, die Brüder Janssen, also zwei Niederdeutsche. Der Schwabe Kepler hingegen erfand 1609 das astronomische Fernrohr, das Abbe-Zeiß und andere in neuester Zeit so wun­derbar vervollkommneten. Der Himmelskunde er­weiterte den Blick wissenschaftlich und technisch der Glasschleifer Joseph F r a u n h o f e r, der die Instru­mente verbesserte und die Fraunhoferschen Linien im Sonnenspektrum fand. Robert Kirchhoff und Robert Bunsen entwickelten dann die Spek­tralanalyse daraus. Andere Erfindungen phy­sikalischer Natur aus deutschem Geiste mögen kurz

angeschlossen werden. Das erste Glasrohrther­mometer mit Skala erfand 1714 der in Dan­zig gebürtige Glasbläser und Forscher Gabriel Daniel Fahrenheit. Das erste Wasserstand- sowie das Quecksilberbarometer gab uns der Mag­deburger Bürgermeister Otto von Guericke. Die­ser Mann bereicherte die Technik durch die grund­legenden Erfindungen der Luftpumpe, des Manometers und der Elektrisierma­schine. Die Lichtempfindlichkeit der Silbersalze erkannte durch seine Versuche bereits 1727 der Hallesche Arzt Schulze und schuf somit die che­misch-physikalische Grundlage für die photogra­phische Platte und den Film. Von weittragenden Entdeckungen chemischer Art seien noch genannt das aus Steinkohlenteer 1826 von Otto Unver­dorben hergestellte Anilin, der Grundstoff vieler Farben und Heilmittel, das 1827 von Fried­rich Wöhler aufgefundene Aluminium und schließlich die hochwichtige Agrikulturchemie- Kunstdüngung (1840) Justus von Liebigs, der auch den Fleischextrakt erfand.

Nennen wir die X-Strahlen Röntgens, so sind wir gleich bei der medizinischen Technik, und wir erwähnen die Entdeckung des Deutschöster­reichers Semmelweis über Entstehung des Kindbettfiebers und seine seit ca. 1847 durchge­führte Desinfektion der Hände bei ärztlicher Behandlung. Nicht einzeln aufführen kann man die vielen segensreichen Entdeckungen des Bakteriologen Robert Koch; erwähnt sei unter den Betäubungs­methoden die giftlose Infiltrations-Anästhesie Karl Ludwig S ch l e i ch s. Ins Jahr 1850 fällt schon die große Gabe des großen Physikers und Physiologen Hermann v. Helmholtz, der Augenspiegel. 1860 führte Adolf Kußmaul die Magen­pumpe ein.

Begeben wir uns auf das Gebiet der Elektrizi­tät Guericke ist bereits erwähnt, so hat praktisch höchste Bedeutung gewonnen der non Philip Reis 1860 konstruierte Fernsprecher. Nicht mehr fortzudenken aus der Technik ist Wer­ner von S i e m e n s' Dynamomaschine (1867). Die erste praktisch verwendbare elektrische Glühlampe fand Heinrich Goebel bereits 1854. Auf der neuzeitlichen Erfindung von Walter Nernst, der N e r n st l a m p e, fußt das moderne Beleuchtungswesen. Die Hertz sch en Wellen 1888 sind Voraussetzung für das Funkwesen, wie überhaupt die funkttechnische Entwicklung zum guten Teil ein deutsches Werk ist und die Entwick­lung des Fernnachrichtenwesens überhaupt. Erin­nert sei nur kurz an die elektromagnetische

Aus der Stadt Gießen.

Den Zug verpaßt.

In der Hauptreisezeit werden öfter Züge ver­paßt, als sonst. Das gehört zu denjenigen unan­genehmen Zwischenfällen im Leben, die die meisten Menschen in einen Zustand versetzen können, der von Verzweiflung und Raserei nicht weit entfernt ist. Wir alle können da mitreden, und zwar aus Erfahrung. Aber muß es so sein? Oder, vorsich­tiger gefragt: muß es immer so sein? Geht es nicht auch ohne Verzweiflung und Raserei?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir uns einmal die verschiedenen Arten des Zugverpassens ansehen. Genauer: die verschiedenen Arten der Be­gleitumstände, seien sie nun Ursache oder Wirkung. Denn vom Zugoerpassen an sich gibt es selbstver­ständlich nur eine einzige Art: man steht in der Halle einer großen oder auf dem Bahnsteig einer kleinen Station und sieht eben noch in der Ferne den letzten Wagen des Zuges in der Kurve ver­schwinden. Oder es bleibt uns sogar dieser Blick auf den Flüchtling versagt, was indessen eher eine Milderung als eine Verschlimmerung des Zustan­des zur Folge hat, in den wir sogleich geraten.

Bei den Begleitumständen müssen wir Ursache und Wirkung unterscheiden. Manchmal ging unsere Uhr falsch, oder wir haben ganz einfach die Zeit verbummelt. Aber Menschen bringen es fertig, zu schimpfen und zu toben, sich grün, blau und schwarz zu ärgern mag der Anlaß dieses Verbummelns ein noch so netter, liebenswerter und heiterer ge­wesen sein. Was sind das für Menschen? Aller­dings kommt es zuweilen auch vor, daß schon der Anlaß des Zugverpassens ein Aeraer gewesen ist. Irgend etwas ist nicht rechtzeitig fertig geworden, die Kinder folgen nicht, oder allzu plauderfrohe Be­kannte begegnen uns auf dem Wege zum Bahn­hof, wollen das Mögliche und Unmögliche wissen.

Warum können sich oiqle mit dem Verpassen eines Zuges nicht anders abfinden, als durch Schimpfen und schlechte Laune, deren Opfer dann meist andere, oft gänzlich Unbeteiligte werden? Und diese zähneknirschende Wut, diesen abgrundtiefen Zerfall mit der Welt und ihren Einrichtungen nen­nen sie dann womöglich gar noch eine Vergnügungs­und Erholungsreise. Ihr Zustand kann sich bis zu jener schlimmen Unbildung steigern, daß sie dem Bahnpersonal Vorwürfe machen, weil ein Zug pünktlich abfuhr.

Muß das alles wirklich fein? Können wir uns nicht vernünftig mit dem kleinen Malheur abfin­den, auch wenn wir allein oder nur zu wenigen sind? In größerer Gesellschaft erträgt es sich so­wieso leichter. Aber auch sonst ist es in den meisten Fällen nur ein winzig kleines Malheur, ober gar keins. Wie wenige Erledigungen sind so dringlich, daß sie nicht die paar Stunden Aufschub vertrügen, die bis zur Abfahrt des nächsten Zuges vergehen. Wieviel Dinge werden sogar besser erledigt, wenn darüber eine'Nacht verstrichen ist falls es wirk­lich einmal der letzte Abendzug gewesen fein sollte, der ohne uns davonfuhr.

Wie gut läßt sich, wenn wir nur wollen, fast immer der unfreiwillige Aufenthalt anwenden. Wie­viel können wir schauen und erleben, weil wir in einem Ort drei Stunden länger Zeit hatten, als im Reiseplan vorgesehen war. Wir sollten, anstatt uns über dieverlorene" Zeit aufzuregen, mit einem raschen und guten Entschluß im Gegenteil diese Zeit als gewonnen betrachten und nutzen! Probiert es nur einmal, es geht! Ich weiß es aus Erfahrung.

Zum Beispiel diese Plauderei, die hoffentlich man­chen nützen wird, entstand zwischen zwei Zügen, von denen ich eigentlich den ersten hatte benutzen wollen ... W. A.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Ortsgruppe Gießen-Nord: 20.30 Uhr Cafe Leib, Walltorstraße, Schulungsabend. Gloria-Palast, Seltersweg:Und du mein Schatz fährst mit". Große Handarbeiten-Schau: 10 bis 18 Uhr Hotel Prinz Carl", Seltersweg, Ausstellung. Bibel-

Verkehrssünden mit dem Kahrrad.

Em Wort an unsere jungen Radler-Radfahren mit Verstand!

Verkehrsunfälle im Straßenbetrieb sind leider keine Seltenheit. Es sind nicht immer, sondern sogar verhältnismäßig selten die Kraftfahrer, die daran schuld sind. Viel häufiger liegen die Ursachen auf der anderen Seite. Die Fußgänger verhalten sich leider längst nicht so im Verkehr, wie es sein müßte. Aber auch die Radfahrer sind sehr arge Sün­denböcke. Häufig genug kann man in den Straßen olgendes Bild sehen: Ein Menschenauflauf, erregt prechende Leute, ein zertrümmertes oder arg zer- chundenes Fahrrad, dabei der Radfahrersünder oder die radelnde Sünderin, nicht selten die Hilfe leistenden Sanitäter.

Die Häufigkeit und die große Zahl derartiger Unfälle könnte erheblich gemindert werden, wenn alle Radler und Radlerinnen mit der gebotenen Vorsicht und mit achtsamem Verstand fahren würden. Was sieht man aber häufig im Str aßen bild? Aeltere Leute radeln durchweg mit Verstand und in angemessenem Tempo. Aber die Jugend! Sie sieht sehr häufig die Straßen als Radrennbahn an. Für sie heißt es: je rasender, desto schöner! Und dabei gilt es in ihren Alterskreisen noch als besonders schneidig, wenn man ein guterFreihändigfahrer" ist. Straßen­kreuzungen, auch wenn sie gefährlich sind, werden kaum beachtet. Und wenn sich vielleicht gar so schöne Abfahrmöglichkeiten bieten, wie etwa in der oberen Kaiferallee, in der Licher Straße, in der Marbur­ger ober in der Frankfurter Straße, dann ist bei unseren radelnden Buben und Mädels der Teufel los, dann find sie überhaupt nicht'mehr zu halten. Die Eigengeschwindigkeit des Fahrrades genügt ihnen meist nicht. Feste werden die Pedale getreten. Eine wilde Jagd, etwa wie unmittelbar vor dem

Ziel eines Rennens ober am Schluß einer Sechs­tagefahrt, braust die Straße entlang. Anfeuernde Zurufe fehlen natürlich auch nicht. Ueberholt wird unter Hergabe aller Kräfte. Und nicht selten rasen zwei, drei ober vier bieferWilden" nebeneinander auf der Fahrbahn dahin. Kein Gedanke bei ihnen an die Möglichkeit eines Gabelbruches, einer ab= pringenben Kette, eines plötzlich aus einer ©eitern traße auftaudjenben Hindernisses usw., die alle- amt zu schweren Stürzen führen können. Einziger Gedanke ist nur der: Wer i st der Schnellste, wer ist ein Kerl! Auf dem Sportplatz oder im geregelten Wettkampf läßt man sich diesen Ge­danken als vortrefflich gefallen, im Straßenverkehr dagegen ist ein solches Verhalten grober Unfug!

Ein anderes Bild: Zu zweit ober britt rabeln Bu­ben ober Mäbels nebeneinander durch die Straßen. Angeregt wird erzählt. Herzhaft klingt das Lachen froher junger Menschen von dieser radelnden Korona. Aber die Aufmerksamkeit auf die Erforder­nisse des Verkehrs wird dadurch stark beeinträchtigt, vielleicht ganz außer acht gelassen. Uebrigens ist das Nebeneinanderfahren ein übel Ding, ja es ist sogar verboten! Aber auch das ist meist für junge Menschen kein Hindernis.

Oder ein anderes: Am Bordstein steht das Rad. Der jugendliche Radler oder die ebenso junge Rad­lerin sitzen darauf, einen Fuß auf dem Pedal, den anderen auf dem Bordstein. Und eifrig wird mit Ihr" ober mitIhm" poussiert u n b g e - schwätzt, gelacht unb Schabernack getrieben, nur nicht Obacht gegeben auf die Dinge, die auf dem Fahrdamm vor sich gehen und die doch alle Auf­merksamkeit verlangen.

Nicht selten ist es auch, daß junge Menschen schwer bepackt mit La st en aus demFahr- r a d durch die Straßen ziehen und nur mühsam mit einer Hand ihrTretemobil" lenken können. Das ist häufig die Ursache schwerer Unfälle.

Das Ueberholen von anderen Fahr­zeugen durch Radler ist auch so ein Haken, an dem mancher Radler als schuldig hängen bleibt Und am allermeisten ist bisher beim (Einbiegen von Radlern und Radlerinnen nach einer anderen Fahrtrichtung gesündigt worden, denn dabei strecken sie keine Hand nach rechts oder links, um ihren neuen Kurs" anzuzeigen.

Aus diesem kurzem und nur als Beispiel ange­führten Sündenregister ergibt sich von selbst die Schlußfolgerungen, wie der Radler und die Radlerin sich im Straßenverkehr nicht verhalten sollen. Das Gegenteil von dem hier Erwähnten ist immer die richtige Handlung. Also: Die Straße ist keine Rennbahn! Bergab macht das Fahrrad schon von selbst genug Geschwindigkeit, Pedale gehören also in Ruhestand, dagegen freie Bahn dem Frei­lauf! Beim Radfahren nicht das Schwatzstünd- chen machen! Radfahrer dürfen nicht nebenein­ander fahren, sondern nur hintereinander! Neben- einanberfahren gefährbet ben Rabfahrer selbst und auch andere Verkehrsinteressenten! Beim Rad­fahren nicht in der Welt herumgucken, sondern im­mer geradeaus in der Fahrtrichtung sehen! Vor­fahrtsrecht genau beachten, Richtungszeiger recht­zeitig und richtig benutzen. Radfahrer dürfen nicht vor der Straßenbahn als Wettrenner her­fahren. Radfahrer Zeichen geben, nach welcher Richtung an einer Straßenkreuzung gefahren wer­den soll!

und Bekenntnisabend: 20.15 Uhr Johannesfaal. Hausbefitzerverein Gießen: 20.15 Uhr Bezirksver­sammlung.

Handwerkerfeier in Gießen.

Die Hessische Handwerkskammer Darmstadt, die Meisterprüfungskommission für Oberhessen und die Kreishandwerkerschaft Gießen veranstalten am Sonntag, 18. Juli, in Gießen in der Universitäts- Aula eine Einführungs- und Freifprechungsfeier der Lehrlinge, Junggesellen und Jungmeister des Handwerks in Oberhessen.

Wer will zur Schutzpolizei?

LPD. Das Kommando der Schutzpolizei Frank­furt a. M. gibt bekannt, daß für ehemalige Ange­hörige der Wehrmacht die Möglichkeit besteht, bis zum 1.8.1937 für die Wachtmeisterlaufbahn ein­gestellt zu werden.

Bedingungen: Mindestgröße 1,70 Meter (bei be­sonderer sonstiger Eignung 1,68 Meter); einwand­frei abgelegte Militärdienstzeit von mindestens IV2, höchstens 5 Jahren; Alter nicht über 24 Jahre; ledig.

Einstellungsgesuche können umgehend beim Kom­mando der Schutzpolizei Frankfurt a. M., Polizei­präsidium, Zimmer 194, eingereicht werden.

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** Fernsprechauftragsdienst der Deutschen Reichspost. Die Deutsche Reichs­post hat die DienststelleFernsprechkundendienst" auchKD.-Dienst" genannt inFernsprech­auftragsdienst" umbenannt. Der AusdruckFern­sprechkunde" ließ irrigerweise vermuten, daß zwi­schen der Deutschen Reichspost unb ben Fernsprech­teilnehmern ein privatrechtliches Verhältnis bestehe. Der neue Name wirb ben Aufgaben ber Dienststelle bester gerecht und entspricht dem Wesen der Deut­schen Reichspost als Hoheitsverwaltung.

** VDA. -Jungortsgruppe. Am Freitag­abend hielt, wie man uns berichtet, die DDA.-Jung- ortsgruppe ihre letzte Zusammenkunft vor ben Sommerferien ab. Ein Redner bes VDA., Pg. Stu- bienrat Seyb 0 lb , schilderte in eindringlichen Worten die ungeheure Not deutscher Volksgruppen im Ausland. Der Bericht ließ die Zuhörer erken­nen, wie dringend notwendig die Hilfe jedes ein­zelnen ist. Eine Ausstellung zeigte die feit Ostern für die Ausländsdeutschen gearbeiteten und gesam­melten Kleider und Wäschestücke.

** Unfall. Der 15jährige Sohn Eberhard des hiesigen Studienrats C 10 tz erlitt in der (Brünberger Straße einen schweren Unfall. Der junge Mann wurde von durchgehenden Pferden mitgeriffen, kam schwer zu Fall und erlitt dabei einen Kieferbruch, eine Gehirnerschütterung und eine Verletzung an der Schulter. Durch die Sanitätskolonne vom Deut­schen Roten Kreuz mußte er in die Klinik gebracht werden.

Große Strafkammer Gießen.

Gestern hatte sich der Wilhelm Schmidt aus Ober-Erlenbach vor der Großen Strafkammer wegen Sittlichkeitsverbrechens zu verantworten. Der An­klage lag folgender Sachverhalt zugrunde: Der An­geklagte hatte im Frühjahr Ü. I. feine Braut in Bad Hornburg besucht. Als er abends mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, traf er die B. K. aus Nieder-Eschbach, die aus der Turnstunde kam unb ebenfalls bas Fahrrad bei sich hatte, unb schloß sich ihr an. Unterwegs legte er ihr bie Hand um bie Schulter, was sich bas Mäbchen jedoch verbat. An ber Abzweigung nach Ober-Erlenbach bebrütete ihm die Zeugin, daß sie seine weitere Begleitung nicht mehr wünsche, zumal ihr Freund sie abholen käme. Der Angeklagte erwiderte hierauf, es mache ihm gar nichts aus, einen Umweg über Nieder-Eschbach zu machen, und er fuhr in dieser Richtung mit der Zeugin weiter. Etwa 200 Meter hinter der Weg­

gabelung stieß er das Mädchen vom Rad in den Straßengraben und versuchte es zu vergewaltigen. Die Zeugin wehrte sich jedoch heftig uno biß dem Angeklagten, ber ihr den Mund zuhalten wollte, in den Finger. Darauf ließ er von ihr ab, begleitete sie aber trotzdem weiter bis in den Ort. Dor dem Hause versuchte er sie nochmals zu belästigen unb ließ auch jetzt erst roieber von ihr ab, als aus einer nahegelegenen Wirtschaft Leute herbeikamen. Ta ber Angeklagte geftänbig war, billigte bie Kammer ihm mildernde Umstände zu und erkannte wegen

RUHL Seltersweg Nr. 67

adiO Telephon Nr. 3170 M

eparaturen l897 D §

Notzuchtversuchs auf eine Gefängnis st rafs von 1 Jahr.

Weiterhin wurde die Berufung der Eheleute Sch^ aus Gießen gegen ein Urteil des Schöffengerichtes, wodurch beide Angeklagte wegen Kindesmißhand­lung zu je sechs Wochen Gefängnis ver­urteilt worden waren, gestern verhandelt. Der da­mals 14jährige Sohn Heinrich, der von der Ehefrau mit in die Ehe gebracht worden war, sollte im Ja­nuar d. I. für feine Eltern eine Besorgung erledi­gen. Er tat dies jedoch nicht und kehrte auch am Abend nach der Konfirmandenstunde nicht in sein Elternhaus zurück, sondern trieb sich die Nacht in der Nachbarschaft herum. Als er am anderen Mor­gen wieder nach Hause kam, bekam er dort eine derartige Tracht Prügel, daß sein Körper noch län­gere Zeit große, blutunterlaufene Stellen zeigte, die den Anlaß der Eröffnung des Verfahrens gegen die Eheleute bildeten.

In der gestrigen Hauptverhandlung gab der an­geklagte Ehemann den Vorfall im wesentlichen zu unb erklärte, er sei im Rahmen seines elterlichen Züchtigungsrechtes geblieben. Die angeklagte Ehe­

Telegraphie, bie Gauß unb Weber er- fanben, unb an bie Ausgestaltung burch Siemens..

Im Jahre 1253 ließ ein deutscher Fürst, Wilhelm von Holland, den ersten Bau einer Schiffs­schleuse ausführen. Als eine Vervollkommnung der Binnenschiffahrt dürfen wir Deutsche mit Stolz das unweit Berlins gelegene größte und wunder­barste Schiffshebewerk bei Nieder-Finow am Hohenzollernkanal nennen. Die Bedeutung des deutschen Schiffsbaus mit vielen Einzelerfin­dungen können wir hier des Raumes wegen nicht behandeln; wir alle wissen, daß sie unübertroffen ist. Daß bereits 1751 ein Tauchboot von Wil­helm Bauer erfunden wurde, fei nicht verschwie­gen. Dann nennen wir die erste elektrische Bahn (1879) von W. v. Siemens und die erste elektrische Straßenbahn (1881) von Siemens & Halske. Das Fahrrad noch alsLaufma­schine" fand Karl von Drais 1817; das Fahr­rad mit Trittkurbel konstruierte erstmalig P. H. Fischer 1854. Daimler und Benz haben ben entwicklungsfähigen Kraftwagen 1885/86 er- funben. Daimler gab bem Verbrennungsmotor gleich noch andere Aufgaben; er konstruierte das erste Kraftrad und Motorboot. Hohe Zukunftsauf­gaben hat der 1893 erfundene Dieselmotor; und die Luftschiffahrt ist durch Zeppelin, Parseval, Schütte-Lanz u. a. zu einer noch unabsehbaren Bedeutung erhoben worden. Zu den Verkehrsmitteln dürfen wir auch wohl den Aufzug für Personen und Lasten rechnen. Da mag es wenig bekannt fein, daß bereits 1687 der Jenaer Professor Weigel einen solchen her­stellte, während wir den elektrischen Auszug wie­derum W. v. Siemens verdanken. Die Feuer­leiter in der Konstruktion einer Schubleiter hat den Wagnermeister (Stellmacher) Birner aus München zum geistigen und technischen Urheber, unb bie Feuerspritze ist auch beutsche Erfin- bung; Johannes Hautsch ersann sie 1653. Die neuzeitliche Eismaschine hat Karl von Linbe 1876 geschaffen, ber Erfinber unb Hersteller ber flüssigen Luft (1895).

Es muß nicht jebe Erfinbung imposant sein, um einen großen Nutzwert zu haben. Nabeln zum Zu- fammenftecfen kannte schon bie Steinzeit, aber Stecknabeln als Massenware, billig, in Men­gen zur Hanb unb als Stück ohne errechenbaren Gelbwert, um so nützlicher also für Hausfrau und Hanbwerker, stellte man feit 1365 in Nürnberg her. Unb bie Erfinbung ber Postkarte burch unseren Generalpostmeister Heinrich von S t e p b a n ist kaum weniger wichtig als sein großes Werk, bie ©rünbung ber Reichspost, wie des Weltpost­

vereins. Und wer wollte die Bedeutung ber 1836 von Penz 0 Idt erfundenen Zentrifuge als eines vielseitigen Wirtschaftshelfers unterschätzen? Ganz gewiß dürfen wir zu den wichtigsten Ge­brauchsgegenständen des Kulturmenschen die Ta­schenuhr rechnen. Peter Henlein aus Nürn­berglegte" dasNürnberger Ei" anno 1501. Kannte man bereits vor ungezählten Jahrtausenden die Handspindel, so scheint der Braunschweiger Jürgens 1530 das erste Spinnrad erfunden zu haben. Zwar soll es bereits 1298 eine Konstruktion mit Tretrad gegeben haben; aber da dies für Speyer behauptet wird, bliebe auch in diesem Falle die deutsche Urheberschaft bestehen. Die Näh­maschine ist 1840 von dem Tiroler Schneider­meister Josef Madersperger erfunden und an­gewandt worden und ein Landsmann, Peter Mit­terhofer, brachte uns die moderne Schreib, maschine.

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Ein Dreimaster für 25 Dollar.

Die Zeit der Segelschiffe scheint endgültig vor­über zu sein. Wenigstens muß man zu dieser Heber» zeugung kommen, wenn man sieht, daß es fast unmöglich ist, für alte Segelschiffe einen Käufer zu finden. So wird jetzt berichtet, daß ber amerikanische DreimastschonerI. Webster", ber als ein statt­liches Segelschiff geschildert wird, für 25 Dollar ver­kauft worden ist. Dabei weisen englische Zeitungen darauf hin, daß auf die Ausbildung junger Seeleute auf Segelschiffen in* Deutschland noch großes Ge­wicht gelegt wird unb daß eben erst die Hamburg- Amerika-Linie die BarkeLÄvenir" als Schulschiff für Seeoffiziere gekauft hat. Dieses Segelschiff, das dem berühmten finnischen Kapitän Gustaf Erikfon gehörte, hat häufig an der großen alljährlichen Wettfahrt der Weizenschiffte von Australien teil­genommen. Im Mai 1933 hat es die Segelwettfahrt in 120 Tagen gewonnen. B.

öod)fd>ulnacbrid)fen.

Professor Dr. Arnold Langen, Ordinarius für römisches Recht, deutsches bürgerliches Recht, Han­dels- und Wechselrecht an der Universität Greifs­wald, ist wegen Erreichung der Altersgrenze von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.

Professor Dr. Bruno Bauch, Ordinarius für Philosophie an der Universität Jena unb Vor­sitzender der Deutschen Philosophischen Gesellschaft, wurde von der Ungarischen Philosophischen Gesell­schaft zum Ehrenmitglied gewählt.