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187. Jahrgang
Donnerstag, 7. Januar 1937
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Das neue Syrien.
Von unserem ständigen fr-Berichierstaiier.
(Nachdruck verboten, auch mit Quellenangabe.)
Beirut, 29. Dezember 1936.
Die einstimmig erfolgte Ratifizierung des franko- syrischen Vertrages durch das nach 38 Monaten der Einstellung erstmalig wieder zusammengetretene syrische Parlament in Damaskus ist programmäßig verlaufen, und die nationale Regierung Mardam hat damit ihren Anspruch auf die Macht gerechtfertigt. Somit scheint in einem unruhigen Wetterwinkel Vorderasiens für einige Zeit Ruhe und Ordnung wiederhergestellt und Frankreich wird voraussichtlich nach Ablauf der dreijährigen Uebergangsfrist dem Völkerbund — falls er bis dahin noch besteht — einen Bericht unterbreiten, wonach sein syrisches Mündel für politisch volljährig erklärt werden und für würdig erachtet wird, der Genfer Versammlung als würdiges Mitglied anzugehören. Sowohl Franzosen wie Syrer find offenbar für diese Art Auszeichnung besonders empfänglich, und ein bewegtes Kapitel der vorderasiatischen Nachkriegsgeschichte soll so seinen Abschluß finden und in eine neue Zeit eintreten.
Allerdings wird diese nicht frei von den Vermächtnissen der Vergangenheit bleiben können. Die Franzosen überlassen den Syrern eine Erbschaft, die mit der Alexandrette- Frage belastet ist. Da Ankara in seinem Vertrage mit den Franzosen vom Jahre 1923 das Gebiet des Sandschaks (Kreises) Alexandrette a n Frankreich (nicht an Syrien) abgetreten hat und da die Franzosen den Türken dafür eine S o n- derstellung des Sandschaks verbürgen mußten, die politische und sprachliche Belange betrifft, so ist schwer zu ersehen, wie Frankreich ohne offensichtlichen Rechtsbruch den Sandschak Alexandrette Syrien zuweisen will. Ein gewisses Recht der Türkei besteht außer Zweifel, und die französische Verteidigung der syrischen Ansprüche auf diesem Gebiet dürfte mehr dem Gefühl der Verlegenheit als dem guten Gewissen entsprechen. Vielleicht werden die Franzosen den Türken für das Zugeständnis eines Aufschubs der Sandschak-Frage um weitere drei Jahre gewisse wirtschaftliche Konzessionen bieten, um so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: eine lästige Frage sich abzuwimmeln, die nach Ablauf der Uebergangsfrist und erzielter Selbständigkeit der syrischen Republik allein zur Last fallen wird, und zugleich angesichts der drohenden türkischen Gefahr die „Selbständigen" Syrer sich auf Frankreichs Macht weiterhin angewiesen zu sehen, die allein das schwache Syrien gegen die Türkei zu schützen vermöchte.
In diesem Zusammenhang sind die Ausführungen der angesehenen und einflußreichen englischen Zeitung „Great Britain and the East“, der englische Kolonialkreise nahestehen, bedeutsam, worin die Tendenz zum Ausdruck kömmt, ohne Brüskierung des vorläufig noch wertvollen arabischen Partners die türkischen Ansprüche auf Alexandrette von der formellen Seite zu begründen. Es ist verständlich, daß englische Kolonial- freife es ungern sehen, wenn die französische Kolonialpolitik nicht im Schlepptau der englischen geht: von ihnen wird die Lösung der syrischen Frage, wie sie jetzt eingetreten ist, als französischer Strich durch die englische Rechnung empfunden. Die großarabische Konzeption war und bleibt das Pflegekind der englischen mittelöstlichen Kolonialpolitiker, deren Alpha und Omega seit dem Weltkriege ein großarabisches Kaiserreich unter englischer Führung ist, die alte Idee des Obersten L a w r e n c e und seiner Nachfolger — ein Gedanke übrigens, der heute in London nicht mehr so beherzigt wird wie vor zehn Jahren. Diesen Leuten um die „Great Britain and the East“ herum ist jede französische Initiative im arabischen Raum auf eigene Faust ein Greuel. Viele Ereignisse im Vorderen Orient seit dem Weltkriege sind auf diese Rivalität der Interessen beider Mandatsmächte zu- rückzuführen, und noch die kürzlichen Unruhen im Libanon waren nichts als ein Versuch, in zwölfter Stunde das arabisch-französische Idyll zu stören. Daß trotz dieses Versuches die Ratifizierung des Vertrages zustande gekommen ist, lag nicht am Mangel an „gutem" Willen gewisser Drahtzieher, denen das amtliche England vielleicht nicht so nahe steht als manche annehmen. Immerhin hat der englische Ehrgeiz auf die Führung in der arabischen Welt eine Schlappe erlitten, und es sieht so aus, als ob fick) nunmehr Londoner Politiker, die sich nicht den Blick auf die großen Zusammenhänge in der Weltpolitik trüben lassen, dazu entschlossen hätten, auf eine türkische Orientierung umzustellen, wozu nicht zuletzt der Umstand beigetragen haben mag, daß angesichts der Unruhen in Syrien und Palästina der arabische Bundesgenosse in englischen Augen weniger verläßlich erscheint als der tür- kische.
Der feierlich beschworene syrische Vertrag laßt eine ganze Reihe von Fragen finanzieller und wirtschaftlicher Natur offen. Bereits jetzt rüsten sich die syrischen Nationalisten, durch diese Breschen den Kern des neuen Vertrages auszuhöhlen, bevor er noch recht wirksam wird. In erster Linie handelt es sich um die Bürgschaft für das in Syrien arbeitende französische Großkapital der Banken und gemeinnützigen Unternehmungen wie Wasser- und Elektrizitätswerke, Trambahnen usw. Die Syrer haben sich vertraglich verpflichtet, nichts zu unternehmen, was den französischen Interessen zuwider läuft; aber schon jetzt benutzen die extremen Nationalisten die etwas verschwommene Fassung der betreffenden Klauseln dazu, um dagegen Sturm zu laufen, unter Hinweis auf den übrigens richtigen Umstand, daß die syrische politische Unabhängigkeit ohne eine wirtschaftliche un-
Das amerikanische Ausfuhrverbot für Kriegsmaterial
Roosevelts Botschaft an den Kongreß.-Oie Ergänzung zum Neutralitätsgeseh angenommen. Ein Transportschiff mit Kriegsmaterial für die spanischen Bolschewiken au^der Fahrt.
Washington, 6. Jan. (DNB.) Präsident Roosevelt verlas am Mittwochmittag vor den beiden Häusern des Parlaments feine jährliche Botschaft zur Eröffnung der Parlamentstagung. Der Präsident bezeichnete als dringendste Maßnahme die Verlängerung der ihm vom Kongreß gewährten Ermächtigungen, womit er u. a. die Regelung des Goldgehalts des Dollars, die Verwaltung des Stabilifierungsfonds, den Abschluß von Handelsverttägen und das Neutralitätsgesetz meinte. Ferner verlangte er Ausdehnung der Neutralitätsbestimmungen auf den Krieg in Spanien. Roosevelt glaubte eine Überlegenheit der Demokratie gegenüber anderen Regierungsformen feststellen zu können. Allerdings mußte er zugeben, daß vieles noch unerledigt fei, insbesondere hinsichtlich besserer Wohnungen für die unbemittelte Bevölkerung in Stadt und Land, der Maßnahmen zur Behebung der Arbeitslosigkeit und der Not der Farmer. Das NJRA-Gesetz sei zwar für verfassungswidrig erklärt worden, aber die NJRA-Probleme beständen nach wie vor. Die 48 Einzelstaaten könnten diese Probleme nicht jeder für sich lösen. Auf der Interamerikanischen Friedenssicherungskonfe renz in Buenos Aires fei für 250 Millionen Menschen der westlichen Halbkugel Friede und Sicherheit geschaffen worden, er hoffe, daß dieses Beispiel eine heilsame Wirkung auf die übrige Welt haben werde.
Die Notstandsentschließung, die die Ausfuhr von Kriegsmaterial nach Spanien verbietet, wurde in beiden Häusern des Kongresses gleichzeitig eingereicht. Die Entschließung hebt alle bereits gewährten Lizenzen für Waffensendungen an die spanischen Bolschewisten auf. Sie bezeichnet die Kämpfe in Spanien als einen „Krieg von ungewöhnlicher Brutalität, der sich über d i e Grenzen Spaniens hinaus auszudehnen droh t". „Die Ausfuhr von Waffen, Munition und Kriegsmaterial an eine der beiden kämpfenden Parteien ist", so heißt es in der Entschließung weiter, „gefährlich für die Sicherheit und den Frieden der Vereinigten Staaten und verstößt gegen d i e Politik der Nichteinmischung der amerikanischen Regierung in interne Angelegenheiten eines fremden Staates". Die Entschließung sieht eine Geldstrafe von 10 000 Dollar oder fünf Jahre Gefängnis für denjenigen vor, der „Waffen, Munition oder Kriegsmaterial von den Vereinigten Staaten oder deren Besitzungen nach Spanien oder irgendeinem anderen fremden Lande ausführt zwecks Weiterbeförderung nach Spanien zur Verwendung für eine der sich dort gegenüber» stehenden Parteien". Senat und Repräsentantenhaus nahmen die Entschließung an. Sie wurde darauf sofort dem Weißen Haus zur Unterzeichnung zugeleitet.
Angehatten, aber wieder sreigelaffen.
Die „Mare Cantabrico" außerhalb der amerikanischen Hoheitsgewässer.
Fast zur selben Zeit fuhr der Frachtdampfer „Mare C a n t a b r i c o" nach Cartagena ab. An Bord befand sich zahlreiches Kriegsmaterial, das der jüdische Makler Cuse im Auftrage der spanischen Bolschewisten aufgekauft hat. Die Abfahrt erfolgte so eilig, daß keines der in Kisten verpackten acht Flugzeuge auf dem Deck ordnungsmäßig verstaut werden konnte. Im Laderaum befanden sich riesige Mengen Kriegsmaterial. Lebensrnittel und Medikamente für die spanischen Roten. Der Dampfer
wurde kurz nach seiner Ausfahrt auf der Höhe von Sandy Hook noch innerhalb der Dreimeilenzone von einem Kü st enwachflug- z e u g und einem Wachtschiff angehal - t en und zur Umkehr gezwungen. Der Dampfer ist indessen wieder freigelassen worden. Das Küstenwachtschiff hat die „Mare Cantabrico" bis zur Dreimeilengrenze gebracht. Der Dampfer hat um 22.15 Uhr MEZ. nach Passieren des Ambrose- Leuchtschiffes das offene Meer erreicht und damit die Hoheitsgewässer der Vereinigten Staaten verlassen. Die Anhaltung des Dmpfers und seine schnelle Freilassung hat folgende Vorgeschichte: 15 Minuten vor der Abfahrt der „Mare Cantabrico" vom Brooklyn-Pier war ein Rechtsvertreter der amerikanischen Flieger Bertacosta und Cap- tain Gvrdonberry, die kurze Zeit für die Bolschewisten in Spanien gekämpft hatten, ersckie- nen. Der Neuyorker Bundesrichter hatte diesem Rechtsvertreter einen Beschlagnahme befehl gewährt, da beide Flieger auf je 6100 Dollar Gehalt für ihre Flugdienste in Spa-
Paris, 7. Jan. (DNB. Funkspruch.) Zyromski, als Mitglied des Verwaltungsausschusses der sozialistischen Partei einer der lautesten Hetzer zum Eingreifen Frankreichs zugunsten der Roten in Spanien, fordert im „Populaire", dem Blatt des Ministerpräsidenten, eine Umschaltung der französischen Außenpolitik. Die sogenannte Nichteinmischungspolitik habe nicht die Anerkennung der spanischen Nationalregierung durch Deutschland und Italien verhindert. Die Regierung müsse ihre Handlungsfreiheit wieder gewinnen, damit sie dem „Ausnahmezustand" des Waffen- und Kriegsmaterial-Ausfuhrverbotes nach dem roten Spanien ein Ende machen und den spanisch-französischen Handelsvertrag in Anwendung bringen könne. Die „Kameradin" Simone Kahn, natürlich eine Jüdin, fei in Paris beauftragt worden, sämtliche Bemühungen zusammenzufassen, die darauf abzielten, „Spanien in seinen Rechten und Pflichten wieder herzustellen". Zyromski schließt: Unser Kamerad Leon Blum hat wiederholt in Reden, die feine Treue zu den Grundsätzen der kollektiven Sicherheit und der Unteilbarkeit des Friedens wiederspiegelten, versichert, daß er mit Kraft die Anhänglichkeit des demokratischen Frankreichs an die Grundsätze des Völkerbundes proklamiere. Die Verletzung des Dölkerbundspaktes würde im Falle Spanien noch viel folgenschwerer fein, als im Falle Abessinien oder der Mandschurei; denn zu . jenen Zeiten hatte man in Frankreich noch nicht eine Regierung der Volksfront!
Auf Kosten
der französischen Steuerzahler.
Paris, 7. Jan. (DNB. Funkspruch.) Die französische Rechtspresse beklagt sich erneut über die kostspielige Gastfreundschaft, die die Volksfront- Regierung auf Kosten der Steuerzahler den aus Spanien nach Frankreich geflüchteten Roten angedeihen läßt. Ein neuer Kredit in Höhe von 750 000 Franks ist für die Versorgung und Unterbringung der Roten aus Spanien bereit»
n i en klagten. Die Gerichtsbeamten trafen jedoch am Brooklyn-Pier erst nach Abfahrt der „Mars Cantabrico" ein, da der Beschlagnahmebefehl jedoch gegen d i e Schiffsladung anstatt gegen das Schiff selbst gerichtet war, hob Kommandant Baylis den Befehl, den Dampfer an den Pier zurückzubringen, wieder auf.
$ür über 26,5 Millionen Dollar Kriegsmaterial aus USA. ausgeführt.
Washington, 7. Jan. (DNB. Funspruch.) Der gewalttge Umfang der Kriegsmaterialausfuhr aus den Vereinigten Staaten von Amerika geht aus einem Bericht hervor, den die Bundesbehörde für Munitionskontrolle dem Kongreß zugehen ließ. Danach betrifft der Wert des in der Zeit vom 6. November 1935 bis zum 3 0. November 1 93 6 aus den Vereinigten Staaten ausgeführten Kriegsmaterials 26 569 000 Dollar. Insgesamt wurden in dieser Zeit 4205 Ausfuhrgenehmigungen an 149 Einzelpersonen und Firmen erteilt.
gestellt. Die Blätter erklären, bezeichnenderweise seien von den vielen Roten, die während der Kämpfe um Jrun Spanien verlassen hätten, nicht weniger als 4000 als „Arbeitslose" in Frankreich geblieben und lägen nun den französischen Steuerzahlern auf der Tasche.
„Was England wirklich über Spanien denkt."
Ein Brief an die DAZ.
Berlin, 6. Jan. (DNB.) Der englische Oberstleutnant a. D. Butler, der im Weltkriege in Flandern gefochten und der englischen Besatzungsarmee im Rheinlande angehört hat, Verfasser einer Reihe von Kriegsbüchern, hat an den Hauptschriftleiter der „DAZ." folgenden Brief gerichtet: Sehr geehrter Herr! Darf ich mir erlauben, Sie zu den Worten zu beglückwünschen, die Sie zur Kennzeichnung der verbrecherischen sog. „R e - gierung" des bolschewistischen Spaniens gefunden haben, wie aus dem heutigen Bericht der „Times" hervorgeht? Wenn Sie von Caballeros Helfershelfern als „Untcrmenfd>en" und „Mordbanditen" sprechen, so haben sie damit einen Ausdruck gewählt, der ausgezeichnet auf sie paßt und dem außerdem viele Hunderttausend anständige Leute in England seit langem auf jie angewendet haben. Es ist praktisch unmöglich, ein en Brief in die englische Presse zu bringen, der General Franco und seinen nationalen Armeen gerecht wird, und zwar trotz der Tatsache, daß fast überall in England sowohl bei den aktiven Soldaten wie bei aufrechten Zivilisten die Sympathie auf ihrer Seite ist. Aus manchen Gründen will außerdem kaum eine Zeitung erwähnen, was die Leute überall sagen, nämlich daß die Unter ft üfcung, die F r an k- reich fortwährend den spanischen Roten gewährt, seine Worte über das Thema Nichteinmischung zu einem Witz macht, der von abscheulich schlechtem Geschmack zeugt. Vorwärts Franco!
Französischer Sozialiffensiihrer fordert offenes Eingreifen für die Roten in Spanien.
haltbar sei. So gesehen, kann der neue franfo» syrische Vertrag kaum anders als ein neues Provisorium gewertet werden, das den Zweck verfolgt, dem Blick' der Oeffentlichkeit die Tatsache vorzuenthalten, daß ein neuer wesentlicher Pfeiler des Gebäudes von Versailles, St. Germain, Trianon und Lausanne morsch geworden ist und umfällt.
TiirWe Mmsterkonserenz in Südanatoben.
Besorgnisse in Paris.
Istanbul, 6. Jan. (DNB.) Der türkische Staatspräsident ist im Sonderzug nach der in Südanatolien liegenden Stadt Konya gefahren. Kemal Atatürk'traf in Eskischehir mit dem Ministerpräsidenten, dem Chef des Großen Generalstabes, dem Mini st er des Aeußern und dem Innenminister zusammen und hatte mit ihnen eine vierstündige Unterredung. Der Staatspräsident setzte darauf feine Reise fort, während die Minister nach Ankara zurückkehrten.
In französischen Kreisen bemüht man sich, eine gewisse Erregung zu beschwichtigen, über Gerüchte, die die Reise Kemal Atatürks mit der Frage von Alexandrette in Zusammenhang bringen wollen. Man betont in Paris, daß der Ton der türkischen Zeitungen nicht mit der Atmosphäre übereinstimme, die bei den Verhandlungen zwischen Paris und Ankara vorgeherrscht haben. Im Gegenteil hätten die türkischen Vertreter ihren Willen
betont, zu einer Uebereinftimmung zu gelangen. Man will daher nicht glauben, daß in diesem Augenblick Verwicklungen hervorgerufen werden könnten.
Volkszählung zu propagandazwecken. Was in der Sowjetunion bewiesen werden soll.
Moskau, 6. Jan. (DNB.) Am 6. Januar wird im gesamten Gebiet der Sowjetunion eine Volkszählung durchgeführt. Aus Anordnung der kommunistischen Partei ist diese Zählung von Presse, Rundfunk und anderen Propagandamitteln in wochenlanger Agitationsarbeit vorbereitet worden. Die Zählung soll nach den Wünschen der Moskauer Machchaber den Beweis für die „gewalttge Entwicklung" in Sowjetrußland unter dem kommunistischen Regime erbringen. Daher werden bei der Zählung auch Erhebungen über Muttersprache, Religion und Kenntnisse im Lesen und Schreiben angestellt. Schon jetzt wird deuttich, mit welchen Ergebnissen die Sowjetbehörden rechnen wollen, nämlich mit einer starken Z u - nähme der st äd tischen Bevölkerung auf Kosten der ländlichen, mit weiterem Rückgang der Zahl der Einzelbauern, die nur noch wenige Prozente der gesamten Bauernschaft ausmachen und schließlich mit einem sensationellen Rückgang der Anhäng er christlicherBe- kenntnisse. So verrät die „Prawda" bereits
vor der Durchführung der Zählung, daß die Anzahl der Anhänger eines religiösen Bekenntnisses „sehr unbeträchtlich" sein werde. Dadurch werde erwiesen, daß eines der stärksten Ueberbleibsel des Kapitalismus im Bewußtsein der Menschen in Sowjetrußland ausgerottet sei. Wie wenig dies mit den Tatsachen übereinstimmt, zeige das heute in Moskau begangene orthodoxe W e i h n a ch t s f e st. Diejenigen noch nicht zerstörten oder geschlossenen Kirchen Moskaus waren in geradezu unvorstellbarer Weise überfüllt. Schon Stunden vor dem Beginn des Gottesdienstes stand die Menge in den Kirchen Kopf an Kopf. Hunderte standen vor den Kirchen im Schnee und Frost, um zu versuchen, noch in das Innere zu gelangen. Es gab in Moskau vor der Revolution über 800 Kirchen, während jetzt für die 3% Millionen zählende Bevölkerung nur noch ungefähr 30 Kirchen für Gottesdienstzwecke freigegeben sind. Der gewaltige Andrang in die letzten übriggebliebenen Gotteshäuser steht in bemerkenswertem Gegensatz zu den Behauptungen der Sowjetpresse und der Gottlosenpropaganda.
Moskau baut eine Ausfallstraße nach Westen.
Warschau, 6. Jan. (DNB.) Nach einer Tief- düng der Maly Dziennik aus Moskau soll die große strategisch äußerst wichtige Ausfallstraße von Moskau an die westliche Grenze 6tf Sowjetunion im Jahre 1937 beendet werden. Die Straße wird von politischen Gefangenen gebaut. Auf ihr sollen mehrere Kolonnen nebeneinander fahren können. Eine Abzweigung


