Ur. 260 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Samstag, 6. November 1037
Aus der Stadt Gießen.
Oie gemütliche Zimmerecke.
Noch unsere Eltern hatten bei der Einrichtung >rer Wohnung den Wert der schönen Zimmerecke licht erkannt. Bei ihnen konzentrierte sich alles auf e Mitte des Raumes, wo unter der großen, Hellen ampe der Familieneßtisch stand.
Aber die Zimmermitte ist gar nicht der gemütlichste Platz im Raum — mit einer Ecke kann man rel mehr anfangen, sie erst gibt dem Zimmer die Gemütlichkeit! Eine Ecke läßt sich schon mit ganz wenig Möbelstücken schön Herrichten, ein behag- slcher Sessel mit einem niedrigen Tischchen davor eenügt. In der Ecke soll man dann alles unter- tringen, was man liebt: die besten Stücke der Sammlung, schönes Glas oder Porzellan auf einem Wandbrett oder in der Vitrine, das Bild, das man cm meisten liebt, die Couch oder den Klubsessel, richt fehlen darf der kleine Tisch mit den Rauch- tzensilien, ein kleines Bücherbord, das man als „Ableger" des großen Bücherschrankes betrachten ruß und auf dem die Bücher stehen, die man ge- nde liest oder die man besonders liebt, so daß ran sie immer wieder in die Hand nimmt.
Und dann die Beleuchtung! Am schönsten ist es, renn man für die gemütliche Ecke auch eine ge- rütliche Stehlampe hat, die kein grelles, unbehag- jches oder kaltes Licht wirft, sondern gedämpftes Licht verbreitet. Natürlich darf diese sogenannte schummerige" Beleuchtung nicht in romantischen Litsch ausarten; ein rosenroter Lampenschirm, der frs Zimmer in die Dunkelheit einer Moschee ver- randelt, ist nicht angebracht. Es gibt jetzt so hübsche S-rgamentlampenschirme, die ein gedämpftes, ober stündliches Licht verbreiten, bei dem man sich nicht Di? Augen verdirbt.
!Die Zimmmerecke soll beim Betreten des Zim- N?rs gleich den Blick auf sich ziehen, so daß jeder frn Wunsch hat: da möchte ich sitzen. Die nach- rrttagliche Kaffeestunde sollte man auch hier ab- h.lten — und nicht an dem großen Eßtisch. Es lczt sich viel besser plaudern in der gemütlichen Eke. Es ist gar nicht nötig, daß feierlich aufgedeckt chrd. Die Tassen können gut auf einem kleinen Ärviertischchen nebenan stehen. Auch das erste Frühstück schmeckt hier in den Morgenstunden am beten, und der Mann nimmt ein Erinnern an eine gemütliche. Viertelstunde mit zum Arbeitsplatz.
Man kann sich eine gemütliche Ecke in jeder Arhnung einrichten, ganz gleichgültig, ob man fachlich modern" oder „antik" eingerichtet ist. Mit er paar grünen Blattpflanzen, einem Strauß ffrbenprächtiger Sommerblumen kann man auch di sachlichste Wohnung behaglich machen, und zur gemütlichen Zimmerecke gehört meistens auch das Aimenfenster.
I^ehr hübsch ist es, wenn die Hausfrau sich auch in der Küche eine kleine gemütliche Ecke einrichtet, ivl sie sich einen Augenblick hinsetzen kann. Bei Miet Raumausnutzung ist das überall gut zu mcchen, und je kleiner die Wohnung ist, desto Oöirjtiger ist diese Wohnecke in der Küche. Mit em r kleinen Bank und einem hübschen Küchentisch, iu dem eine bunte Decke liegt, ist für die Klein- twewnung hier der Raum geschaffen, wo die Fant e morgens Kaffee trinkt. Das ist viel gemüt- ich.r als im Zimmer, wo auf der Couch noch die Bitten von der Nacht liegen. Man kann ja nicht Wangen, daß die Heinzelmännchen die Wohnung nölgens schon aufgeräumt haben, aber die Küche :ani man abends schon fertig aufräumen, so daß ie morgens den behaglichen Raum bietet.
gibt Schönheitsfehler im Zimmer, die man chrsll beseitigen kann. Die meisten Menschen denken nicht daran, sich ihre Heizkörper in der Farbe >er Tapeten streichen zu lassen, sie wundern sich tarn, warum die Röhren der Zentralheizung so stf ich aussehen. Auch die Steckdosen und Licht- chc ter gibt es in allen Farben, so daß man sie töt der Tapete auswählen kann. Diese kleinen väönheitsfehler sind schnell zu beseitigen! D. K.
Oer 9. November in Gießen.
Oie Feiern stehen unter dem Gedanken: Tod und Auferstehung.
Die Durchführung des 9. N o v e m b e r liegt allein in den Händen der Partei.
Jede Ortsgruppe der NSDAP, feiert den 9. November örtlich unter Hinzuziehung von Abordnungen sämtlicher Gliederungen und angeschlossenen Verbände. Die Größe der Abordnungen richtet sich nach den jeweiligen Raumverhältnissen. In Gießen findet die Feier des 9. November pünktlich um 2 0.3 0 Uhr a u f dem Brandplatz bzw. Landgraf-Philipp-Platz statt. Ueber die Aufstellung des SA.-Musikzuges ist bereits mit dem Obersturmbannführer Pg. M ü n k e r die Verabredung getroffen.
Die Feiern stehen unter dem Grundgedanken: „Tod und Auferstehung". Wir gedenken an diesem Tage nicht nur des Opferganges unserer Toten, sondern auch ihrer Auferstehung, welche symbolisch am 9. November 1935 auf dem Königlichen Platz in München ihren Ausdruck fand.
Die Feier wird durch einen Fahnenein- marsch eingeleitet. Die Fahnengruppe wird geführt durch Sturmbannführer Bender.
Die Namen der Toten werden von dem SA.- Brigadeführer Pg. Schwarz in folgender Form verlesen:
„Senkt die Fahnen vor der Unsterblichkeit!
Am 9. November 1923 starben für Deutschlands Ehre und Freiheit vor der Feldherrnhalle: (es fol
gen die Namen der ersten nationalsozialistischen Freiheitskämpfer).
Aus dem Gau Hessen-Nassau fielen als Blutzeugen der nationalsozialistischen Idee: Wilhelm Wilhelmi, Singhofen, am 6. 3. 1927 in Nastätten; Karl Ludwig, Wiesbaden, am 10. 4. 1927; Heinrich Kottmann, Darmstadt, am 13. 5. 1928 in Pfungstadt; Katharina Grünewald, Lampertheim, am 2. 8. 1929 in Nürnberg; Erich Jost, Lorsch, am 5. 8. 1929 in Nürnberg; Hans Hobelsberger, Biblis, am 17. 11. 1931 in Worms; Hans Handwerk, Frankfurt a. M., am 5. 7. 1932; Heinrich Gras- meher, Steeden, am 11. 7. 1932; Christian Cröß- mann, Pfungstadt, am 26. 2. 1933 in Lindenfels; Josef Bleser, Frankfurt a. M.-Höchst, am 28. 3. 1933; Andreas Weidt, Höchst i. Odenw., am 3. 3. 1933; Peter Fries, Darmstadt, am 17. 3. 1933 in Lindenfels.
Sie marschieren im Geist in unseren Reihen mit.
Hebt die Fahnen!"
Nach der Verlesung der Toten der Bewegung wird der Kreisleiter Pg. Backhaus sprechen. Anschließend wird Brigadeführer Pg. Schwarz, der zum engeren Mitkämpferkreis des Pg. Horst Wessel gehörte, noch kurz das Wort ergreifen.
Die Gesamtdauer der Veranstaltung beträgt 50 bis 60 Minuten.
Die Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden sind in diese Einladung selbstverständlich ebenfalls einbezogen.
Oie Rekrutenvereidigung in Gießen.
Anordnungen für die Feier am 13. November.
Der Standortälteste der Garnison Gießen teilt uns mit:
Am Samstag, 13. November, 11 Uhr, 'findet auf dem Trieb zwischen Artilleriekaserne und Volkshalle die Rekrutenvereidigung der Gießener Truppenteile statt. Die Feier wird dadurch eine besondere Weihe erhalten, daß die jungen Soldaten zum erstenmal auf die am 26. Oktober 1937 den Truppenteilen in Wiesbaden verliehenen neuen Fahnen und die Standarte vereidigt werden. Die Veranstaltung wird folgenden Verlauf nehmen:
Zur Abholung der Fahnen und der Standarte aus dem Dienstgebäude des Divisions-Kommandeurs rückt die Fahnenkompanie mit Musikkorps und Spielleuten so aus der Bergkaserne ab, daß sie um 10.15 Uhr mit den Feldzeichen von der Zeughauskaserne abmarschieren kann.
Marschweg hin: Licher Straße, Moltkestraße, Senckenbergstraße, Landgraf-Philipp-Platz, Zeughauskaserne.
Marschweg zurück: Zeughauskaserne, Landgrafenstraße, Hitlerwall, Moltkestraße, Kaiserallee, Trieb.
10.40 Uhr wird die Aufstellung der Truppenteile auf dem Trieb beendet sein.
10.50 Uhr marschiert die Fahnenkompanie mit den entrollten Fahnen und der Standarte ein.
Die gesamte Aufstellung wird dem Standortältesten, Generalleutnant O ß w a l d , durch den Kommandeur JR. 116 gemeldet.
Der Standortälteste schreitet die Front ab.
Sodann werden die Fahnen und die Standarte zu ihren Truppenteilen überbracht.
Nach kurzen Ansprachen der Geistlichen beider Konfessionen und des Standortältesten wird die eigentliche Vereidigung in feierlicher Form vorgenommen.
Der feierliche Akt wird darauf mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer und das Deutsche Reich und Volk abgeschlossen.
Das Musikkorps spielt die Nationalhymnen.
Danach rücken die Fahnen und die Standarte wieder an den rechten Flügel der Fahnenkompanie und diese formiert sich zum Vorbeimarsch.
Die Truppenteile, Ehrenabordnungen und Gäste bleiben während des Vorbeimarsches der Fahnenkompanie an dem Standortältesten auf ihren Plätzen stehen.
Nach dem Vorbeimarsch rückt die Fahnenkompanie sofort weiter zur Abbrinaung der Fahnen in die Zeughauskaserne ab.
Marschweg hin: Kaiserallee, Ludwigsplatz, Neuen Bäue, Schulstraße, Kirchenplatz, Lindenplatz, Brandgasse, Landgraf-Philipp-Platz.
Marschweg zurück zur Bergkaserne: Senckenbergstraße, Hitlerwall, Ludwigsplatz, Kaiserallee, Licher Straße.
Die Truppenteile marschieren in ihre Kasernen.
Der Bevölkerung ist die Möglichkeit gegeben, an der militärischen Feier als Zuschauer teilzunehmen. Sie wird gebeten, die für die Zuschauer vorgesehenen Plätze längs der Grünberger Straße rechtzeitig, d. h. bis 10.45 Uhr, einzunehmen, den Anordnungen der Absperrkommandos von Polizei und Wehrmacht Folge zu leisten und besonders den feierlichen Akt der Vereidigung nicht durch lautes Sprechen und Rufen zu stören.'
Wehrpässe
nicht mit ins Ausland nehmen.
DNB. Das Reichskriegsministerium weist darauf hin, daß Wehrpässe nicht mit ins Ausland genommen werden dürfen. Wehrpflichtige deutsche Staatsangehörige mit dauerndem Aufenthalt im Ausland geben den Werhrpaß vor der Wiederausreise in das Ausland an das Wehrbezirkskommando Ausland m Berlin ab.
Von den übrigen Wehrpflichtigen, die sich in das Ausland begeben, haben die in Wehrüberwachung
Stehenden bei Reifen bis zu 60 Tagen den Wehrpaß gesichert aufzubewahren, bei Reifen über 60 Tagen den Wehrpaß bei ihrer zuständigen Wehrersatzdienststelle abzugeben; die nicht in Wehrüberwachung Stehenden bei jeder Reise den Wehrpaß gesichert aufzubewahren.
Äornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater: 20 bis 22.15 Uhr, „Uta von Naumburg". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Husaren heraus". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Landstreicher"; 14 Uhr, Jugendoeranftaltung „Fröhliches Kunterbunt". — Oberhessischer Gebirgsverein: Monatsoersammlung im Hopfeld. — Schlosserinnung: ab 16 Uhr im „Aquarium" Ausgabe von Bedarfsscheinen für Eisen.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater. 11.30 bis 12.45 Uhr, Kammermusik von Brahms; 19 bis 21.30 Uhr, „Drei alte Schachteln". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Husaren heraus". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Landstreicher"; 14 Uhr Jugendoeranftaltung „Früh-
SCHERE
liches Kynterbunt". — Gesangverein „Heiterkeit": 16 Uhr, in der Neuen Aula der Universität, Konzert. — Kaninchen-Ausstellung im „Burghof", von 9 bis 18 Uhr. — Oberhessischer Verein für Innere Mission: 18 Uhr, Festgottesdienst in der Stadtkirche
Wiederholung „Uta von Naumburg" im Stadttheater.
Heute abend findet eine Wiederholung von „Uta von Naumburg", Schauspiel von F. Dhünen, statt. Spielleitung Dr. Erich Schumacher. Die Rolle der Uta spielt Else Monnard. Die Vorstellung findet gleichzeitig als „KdF.-Miete", Gruppe 1 (3. Vorstellung) statt. Anfang 20, Ende 22.15 Uhr.
Spielplan des Stadltheaters Gießen vom 7. bis 14. November.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Arn Sonntag, 7. November, findet die 4. Morgenveranstaltung der Spielzeit statt. Sie bringt Kammermusik von Johannes Brahms" aus Anlaß der 40. Wiederkehr seines Todesjahres. Musikalische Leitung Kapellmeister Heinz Markwardt; Ausführende: Keller, Lassen, Markwardt. Platzmieter auf allen Plätzen 0,25 Pf. Beginn der Morgenveranstaltung Punkt 11.30 Uhr, Ende 12.45 Uhr. — Am Abend sindet zum letztenmal am Sonntag eine Wiederholung des großen Erfolges „Drei alte Schachteln", Operette von Walter Kollo, statt. Musikalische Leitung Kapellmeister Joachim P o p e l k a , Spiel- leitung Karl-Ludwig Lindt. Choreographie Ballettmeisterin Irmgard Zenner. Die Vorstellung beginnt 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr. Außer Miete!
Mittwoch, 10. November, Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.15 Uhr. 1. Opernaufführung der Spielzeit „Die Boheme", Oper von Puccini. Musikalische Leitung Paul Walter. Spielleitung Dr. Erich Schumacher. Mittwoch-Miete, 7. Vorstellung.
Donnerstag, 11. November, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. „Die kluge Närrin", Lustspiel von Lope de Vega. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim. Dienstag-Miete, 7. Vorstellung.
Freitag, 12. November, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. Zum letztenmal „Mein Sohn, der Herr Minister", Lustspiel von Birabeau. Spielleitung Dr. Erich Schumacher. Freitag-Miete, 8. Vorstellung.
Samstag, 13. November Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. KdF.-Miete, Gruppe II (3. Vorstellung). Zum letztenmal „Drei alte Schachteln", Operette von Walter Kollo. Musikalische Leitung Joachim Popelka. Spielleitung Karl-Ludwig Lindt. Freier
üpe deVega: „Die klugeMmn" Uraufführung am Gießener Stadttheater.
e3br zwei Jahren haben wir hier, zunz Gedächt- ck des 300. Todestages von Lope de Vega, !>it Uraufführung feines Schauspiels „Der Stern >M Sevilla" erlebt. Heute, zum 375. Geburtstage i)e$ spanischen Nationaldichters — er wurde am "5 November 1562 in Madrid geboren —, sehen zum ersten Male eines der heiteren Stücke aus ten riesenhaften Vermächtnis feines Werkes: „Die Närrin", Lustspiel in drei Aufzügen, aus dem Spnischen übersetzte und für die deutsche Bühne be- cxbe tete Nachdichtung von Hans Schlegel, dem m nuch die Uebertragung des „Sterns" verdanken.
K'ir erwähnten vor zwei Jahren das bewegte nn) wahrhaft abenteuerliche Leben Lopes und die
sist unvorstellbar große Zahl von Stücken, die zu s fjre ben ihm ein solches Leben Zeit ließ. (Die Zahl Htifit unglaublich, auch wenn sie schwankend ange- obei wird, und selbst dann, wenn eine neuere, vor- si'chizere Forschung geneigt sein sollte, Lope nicht ollkg zuzuschreiben, was bisher unter seinem Namen ciigö An beides, Leben und Werk, fei heute nicht ohne Absicht erinnert: das Leben hat Lope de Vega sist sruh und so gründlich mit der Literatur wie mit Ml Liebe bekannt gemacht, von der „Die kluge »rcn" ausschließlich handelt; und seinem Werke nia:n die Grenzen so weit gezogen, daß zwei so nsLf-mmen andersartige Stücke wie der „Stern" und Die „Närrin" darin Raum fanden.
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Ns Lustspiel ereignet sich in Jllescas und in Mcfr id um das Jahr 1600: dieser ferne Schauplatz umd Diefe ferne Zeit sind auf den ersten Blick das NirzZe, was beide Werke miteinander verbindet. (Später entdeckt man die gemeinsamen romantischen ZHe die hier wie dort wirkende Lust ihres Schöp- fehrs am Spiel auf der Bühne, an der Verwandlung und Vertauschung, Verwirrung und Lösung Ms Knotens, die Kunst des Theaters und die
e am dramatischen Konflikt, die Lope in hun- biki:r von Stücken bewährte und zum Schöpfer bd-s nationalen Schauspiels in Spanien gemacht hat.
5scr der „Stern" das klassische Schauspiel mit und Degen, Jntrigenstück und Schicksals- bi'Oi:, ritterliche Verklärung altspanischer Königs- totiibt und eines romantischen Ehrbegriffs, erbar- MAcslos in der tödlichen Verstrickung der Han- bd'fn-n, — so ist die „Närrin" ein völlig heiteres, unNiAiches, improvisatorisch lockeres Spiel um bi!? 3iübe, eine Komödie der Irrungen und Wirrun
gen, deren Fäden freilich nicht minder kunstvoll und vorbedacht ineinander verschlungen sind als dort am Hofe zu Sevilla. Bei aller Heiterkeit aber und aller Lebensferne, die zuweilen an die zartesten und beschwingtesten Lustspielszenen Shakespeares erinnert, bei aller Leichtigkeit, die das Ganze mit Grazie zum guten Ende wendet und den Vorhang nach uraltem Brauch «über glücklich vereinten Paaren fallen läßt, wird man doch empfinden, daß hier nicht nur ein in Herzensdingen Erfahrener, sondern auch ein echter Dichter spricht:
„Hoch über allem Hader thront die Liebe!
Wen sie mit ihrem Zauberstab berührt, den trägt sie über Irdisches ernpfc und schenkt ihm höchstes Glück mit leisen Händen ... Denn nur durch Liebe pflanzt die Welt sich fort..
Drei Akte lang wird das seit undenklichen Zeiten nicht erschöpfte Thema abgewandelt, drei Akte lang die Paare und Beziehungen, die Liebenden und die Liebhaber untereinander vertauscht und miteinander getäuscht, bis am Ende jeder an dem Platz steht, den der Dichter ihm im voraus zugewiesen hat, ... als ob er nur einmal habe erproben wollen, wie- viele Möglichkeiten es gebe im Figurenspiel auf dem Schachbrett der Bühne. Octavio zu Madrid hat zwei Töchter, Nisa und Finea, beide lieblich von Angesicht und Wuchs, sonst aber sehr ungleich: Nisa iit klug, Finea blöd und einfältigen Geistes, eine Närrin, jedoch mit einer reichen Mitgift aus gestattet. Um Nisa bewerben sich drei Freier, Lau- rencio, Duardo und Feniso; Finea ist dem Liseo versprochen. Nisas Neigung gilt Laurencio, aber der ist arm und beschließt im Laufe des Spiels, um Finea zu werben, deren Geld ihn lockt. Liseo wiederum, von Fineas Narrheit enttäuscht, fühlt sich im Ehehandel betrogen und wirbt nun seinerseits um Nisa.
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Man sieht, wie locker und wie bewußt der Knoten geschürzt wird, wie alles auf Spiel und komödiantische Verwirrung angelegt ist. Nur in einer so romantisch-unwirklichen Sphäre konnte es Lope gelingen, alle Stadien, Steigerungen und Ueber- raschungen eines amourösen Abenteuers zu durchlaufen und auskosten zu lassen, phne plump und ab- geschmackt zu wirken; nur so den Liseo Laurencios Werbung um Finea, Laurencio später umgekehrt Liseos Werbung um Nisa belauschen zu lassen. Die beiden Freier geraten zwar aneinander, erkennen aber, da sie mit dem Degen ihren Ehrenhandel aus- tragen, daß jeder ja die andere Schwester meint, nicht beide dieselbe, versöhnen sich also schnell und
werden Freunde, was wiederum den Vater Octavio, der von der Doppelschwenkung nichts ahnt, in Erstaunen versetzt.
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Oder: während Laurencio Nisa mit Liseo belauscht, ist er so versteckt, daß nur das Mädchen ihn sehen kann, nicht Liseo: so daß dieser Nisas Worte an Laurencio auf sich beziehen muß. Finea wiederum ist von der Liebe zu Laurencio völlig verwandelt, denn „der weiseste der Lehrer ist die Liebe"; am Ende bleibt ihr nichts übrig, als sich zurückzuverwandeln und die Närrin nur zu spielen, die sie war, als Liseo, seinerseits verwandelt, reumütig zu ihr zurückkehren möchte, die plötzlich so ganz anders erscheint, als er sie zuerst erblickte. Aber zu spät: die „kluge Närrin", die ihr Herz entdeckte, bekennt sich offen zu Laurencio und entzieht mit weiblicher List ben Geliebten der Verbannung aus Madrid und sich selbst den Nachstellungen der Männer, vor denen der besorgte Vater sie verstecken möchte. —
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Die Uebertragung des Textes durch Hans Schlegel besticht nicht allein durch ihre handwerkliche Sauberkeit, sondern vor allem auch durch die dichterisch-empfindsame Einfühlung in Zeitgeist, Stil und Umwelt des spanischen Originals: ihr wurde die vom Intendanten Hermann Schultze-Griesheim in Szene gesetzte Aufführung durch eine angenehm spürbare sprachliche Durchdringung und Ausarbeitung des Lustspiels, eine gepflegte und geglättete Dialogführung gerecht. Die Inszenierung verwirklichte im ganzen in der Tat jenes Programm eines dichterischen Theaters, das uns früher versprochen worden war: sie war auf eine graziös schwebende Heiterkeit, auf spielerische Beschwingtheit im Sinne der klassischen Stegreifkomödie gestimmt; ihr locker beweglicher und gleichsam musikalischer Geist wurde am ausgeprägtesten in der reizenden kleinen, von Geige und Kastagnetten begleiteten Tansszene der beiden ungleichen Schwestern versinn-
Liselotte E r I e r , die neu verpflichtete technische Assistentin, hatte das Bühnenbild (und mit Herrn Endrich zusammen auch die Kostüme) entworfen: ein leichter, hoher Bogen, feststehend durch alle sechs Bilder, faßte im Sinne eines weitgespannten Rahmens die Schauplätze zusammen und eröffnete den Ausblick auf die südlichen Landschaften von Jllescas und Madrid; so entsprach auch die szenische Einkleidung, heiter und licht, dem Stil der Aufführung. —
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In der Mitte des Lustspiels durch alle drei Akte hindurch hielt sich die Finea von Anneliese Garde.
Die kluge Närrin ist für eine junge muntere Naive eine ideale, vielfach verlockende Rolle. Frl. Garbe gab das Mädchen, der steifen Tracht,einer Velas- quez-Prinzessin zum Trotz, mit einer bezwingenden Kindlichkeit des Gemütes und einer entwaffnenden Einfalt des Geistes, die nie verletzend wirkte, weil sie anmutig blieb. Sie hatte auch den ungemeinen komödiantischen Reiz der Doppelverwandlung begriffen, welche dieses Geschöpf durchmacht, und so gelang ihr überzeugend die Erleuchtung nicht nur durch die verzaubernde Gewalt der Liebe, sondern auch die darstellerisch nicht minder schwierige, vorgetäuschte und täuschende Rückverwandlung in den alten beklagenswerten Zustand eines „schwachbegabten" Mädchens.
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Else Monnard war die kluge Schwester Nisa: elegant und damenhaft, spielerisch kühl und ein wenig kokett, überlegen scheinend, dennoch überwunden von der Herzenskraft und weiblichen List der kleinen Schwester. Als Nisas Freier bildeten die Herren Schorn, v. Gschmeidler und Ditt- mar ein lustspielmäßig ergötzlich gestuftes Terzett; Herr v. Gschmeidler (Duardo) traf recht witzig den Stil des bombastischen Schöngeistes, der in der spanischen und allgemeineuropäischen Literatur einige bemerkenswerte, wenn auch fast vergessene Spuren hinterlassen hat. Herr Schorn (Laurencio) konnte als erwählter Liebhaber von echtem Temperament am meisten in eine menschlich bewegte Sphäre vorstoßen. In guter Haltung entwickelte Herr Weiland die Figur des Liseo.
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Ein hübsches Domestikenquartett lieferten die Damen Stirl und Eckermann zusammen mit den Herren Frickhoeffer und Geißler. Insbesondere Frau Stirl (Clara) mit der luftigen Schilderung des Katzen-Wochenbettchens und der von Herrn Frickhoeffer mit trockenem Humor begabte Turin belebten die Szene mit individuellen Zugen. Herr Kühne, ein hagerer Grande von Madrid in feierlichem Schwarz, spielte den verstörten und empörten Vater Octavio. —
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Sehr freundlicher Beifall des stark besuchten Hauses rief zuletzt mit den Darstellern auch den Intendanten heraus. Hans Thyriot.
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Professor Dr. Karl S ü p f l e, Direktor des Hygienischen Instituts der Technischen Hochschule Dresden, ist zum Direktor des Hygienischen Staatsinstituts in Hamburg ernannt worden.


