Kür den Bücheriisch.
Deutsche Soldatenkunde
Mnis eines Amerikaners
Buntes Fahrtenbuch.
— Otto Brües: Zarte Weisen von bunten Reisen. Ein Fahrtenbuch. 120 Seiten. Geb. 1,20 RM. Hesse und Becker, Verlag, Leipzig. — (251) — Brües, der sich nicht nur als Kulturpolitiker und Kunstbetrachter der Kölnischen Zeitung, sondern auch als Erzähler und Dramatiker einen bekannten und geschätzten Namen gemacht hat, vereinigt in diesem hübsch ausgestatteten Bändchen eine Anzahl Geschichten, Erinnerungen und Betrachtungen von seinen Reisen durch allerlei Länder und Landschaften: kleine, anekdotische, meist heitere, wohlpointierte Erzählungen, die einen kultivierten Schriftsteller, nachdenklichen Beobachter und liebenswürdig-gütigen Menschen erkennen lassen, obwohl er selbst fast immer im Schatten oder Hintergrund der zarten und zierlichen Aquarelle bleibt, mit denen man die gepflegte und gerundete Form seiner Aufzeichnungen vergleichen könnte. Hans Thyriot
— Die deutsche Soldaten künde, herausgegeben von Oberst a. D. Dr. phil. h. c. Bernhard Schwertfeger und Oberregierungsrat Major a. D. Erich Otto Volkmann. Band I: Textband, Band II: Bilderatlas, über 600 Abbildungen, sieben Farbtafeln, zwei Faksimilebeilagen. Preis in Leinen gebunden 35 Mark. Verlag Bibliographisches Institut AG., Leipzig. — (190) — Diese Soldatenkunde erscheint als fünfte, in sich abge- chlossene und einzeln käufliche Abteilung des gro- ;en Sammelwerks „Das deutsche Volk, sein Wesen, eine Stände", und dieses Zusammenhanges bewußt, haben die Herausgeber ihre Aufgabe darin gesehen, nicht das herauszuarbeiten, was den Soldaten von den anderen Ständen trennt, sondern was ihn mit dem gesamten Volkstum innerlich und äußerlich verbindet, und damit den Nachweis zu erbringen, daß das deutsche Volk nicht nur infolge äußerer Notwendigkeiten, sondern dank seiner innersten Veranlagung ein Krieger- und Soldatenvolk ist und sein muß. So wird im ersten Teil des Textbandes eine Entwicklungsgeschichte des deutschen Soldatentums gegeben, die nach einem einführenden Hinweis auf die unlösbare Verflechtung des Soldatentums mit dem Gesamtschicksal des Volkes und seinem Leben im einzelnen Wehroerfassung und Kampfweise des deutschen Volkes vom Kriegertum der germanischen Zeit, über das Rittertum, Landsknechts- und Söldnertum des Mittelalters, zum stehenden Heer des Absoluttsmus, zum Volksheer im 19. Jahrhundert zeigt und schließlich über eine Betrachtung des Soldatentums des Weltkrieges und der kurzen Periode des uns in Versailles aufgezwungenen Berufsheeres einmündet in einer Darstellung der Wehrmacht des Dritten Reiches. Nach einer besonders interessanten, durch bewußte Knappheit klar und eindringlich gestalteten Uebersicht der Formen der Kriegssührung im Wandel der Zeiten aus der Feder des Oberregierungsrats Oberst a. D. Th. von Schäfer wird dann im zweiten Teil des Textbandes die Verbindung vom Soldatentum zur Volkskunde im weitesten Sinne geschlagen. Brauch und Glaube der Soldaten, Soldatenerziehung und Disziplin, das Soldatenkleid, die deutsche Soldatensprache, das Soldatenlied und die deutsche Soldatenmusik werden von den besten Sachkennern in großer Ausführlichkeit behandelt. Das im Bilderband vor uns ausaebreitete ungemein reichhaltige und vielseitige Anschauungsmaterial ergänzt die Textbeiträge auf das beste. Hauptmann a. D. Dr. phil. Otto Großmann hat zu dem umfangreichen Thema Bilder zusammengetragen, die in ihrer
glücken der Flucht mit dem Höllenlager in Orenburg beginnt und dann zur qualvollen Fahrt mit dem „Totenschiff" die Lena abwärts in die Verbannung nach Sibirien führt, dort das schwere Los des Verbannten bringt. Endlich nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches gelingt es dem schwer geprüften, in seinem Mut und in seiner Heimatsehnsucht aber ungebrochenen Deutschen, im härtesten Winter Sibiriens auf wochenlanger gefahrenreicher Flucht mtt dem Pferdeschlitten die unendliche Taiga zu durchqueren und schließlich Irkutsk zu erreichen, von wo er mitten durch die fremden- und insbesondere deutschfeindliche russische Welt hindurch sich als „Gedankenleser" und als allgemein beliebter belgischer „Professor John" über Wladiwostok und Schanghai bis nach Japan durchschlägt, um dort endlich die langersehnte Heimkehrmöglichkeit nach Deutschland zu finden. Wie dieser Deutsche auf feiner Flucht gehetzt und verfolgt wird, wie unendlich schwer sein Leben ist, wie er immer wieder durch Unerschrockenheit, Geistesgegenwart und List seinen Verfolgern entgeht, wie er hungert, friert und leidet, dabei verzehrt von brennendem Heimweh, das alles schildert dieser Erlebnisbericht. Es ist ein erschütterndes, aber auch erhebendes Stück deutschen Lebens, das in diesem Buche den Leser packt und ihm stark ans Herz greift. .
Ernst Blumschem.
ein Hindernis fein, denn der für ihn bestimmte Posten als Botschafter in Mexiko war zu dieser Zeit vielleicht der heikelste in der Diplomatie der Vereinigten Staaten, und wenn Morrow hier den psychologisch begreiflichen Widerwillen überwinden konnte, den die Mexikaner, die sich eben der Bevormundung und Ausbeutung der großen amerikanischen Oeltrusts zu entziehen trachteten, gegen ihn als den Mann von Wallstreet empfanden, so ist das einzig und allein.seiner bedeutenden Persönlichkeit zuzuschreiben, der er überhaupt alle seine Erfolge verdankte, weil sie imstande war, sachlich und unvoreingenommen auch schwierige Verhältnisse zu betrachten, und durch ihre vollendete Aufrichtigkeit zu überzeugen wußte. Das Buch ist für uns Deutsche noch besonders interessant, weil es weit offenherziger, als es sonst üblich ist, die überragende, wenn auch für uns höchst unerfreuliche Rolle zeigt, die das Bankhaus Morgan als Finanzier der Ententemächte und als Hauptantreiber für den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Weltkrieg gespielt hat. Auch Morrow hat niemals ein Hehl daraus gemacht, daß er vom ersten Kriegstage an mit beiden Füßen im Lager der Alliierten stand, und er hat Pierpont Morgan nach Kräften darin bestärkt, das Gewicht feiner Milliarden zu Gunsten Englands in die Waagschale zu werfen. Ueberraschen wird uns hierbei wohl nur die Selbstverständlichkeit, mit der hier die großen Bankiers eines neutralen Landes schon am ersten Kriegstage ein Spiel begannen, von dem sie wissen mußten, daß es auch ihr Land je eher in den Krieg hineinziehen würde, je mehr Milliarden sie in dies „Geschäft" hineinsteckten, das ihnen eben so sehr Herzensbedürfnis wie Spekulation war. Später hat Morrow die Enttäuschung kommen sehen, die das Wahnsinnsdiktat von Versailles den Amerikanern bereiten sollte, sobald sie aus ihrer Kriegspsychose erwachen würden. Als kluger Geschäftsmann etkannte er auch die wirt- schaftliche Unmöglichkeit der Reparationspolitik, ohne allerdings sich durchsetzen zu können. Schließlich hat er noch auf der Londoner Flottenkonferenz von 1930 die Rolle des Vermittlers gespielt, ohne den die Konferenz ergebnislos geblieben wäre. So sehen wir in dem Buch Nicolsons vor uns sich ein Leben abrollen, das neben den uns sympathischen Besonderheiten eines lauteren, aufrichtigen und uneigennützigen Eharakters und kultivierten Menschen vielleicht typisch ist für den in Politik und Wirtschaft führenden Amerikaner unserer Zeit.
Friedrich Wilhelm Lange.
poleon von feinem Imperium entwirft, machte die Madame Mere zum gegebenen Mittelpunkt der Familie, der sie blieb auch in der Hoffnung einer Rückkehr ihres Enkels, des Herzogs von Reichsstadt, auf den Kaiserthron, bis sie, eine hohe Achtzigerin, fünfzehn bittere, leidvolle, nur den stolzen Erinnerungen und der Sorge um ihre Kinder geweihte Jahre nach dem Tode ihres großen Sohnes die Augen schließen durfte, die so welterschütternde Wandlungen gesehen hatten. Die Briefe geben von all dem den unmittelbarsten Eindruck. Eine Reihe nicht alltäglicher Bilder bringt uns den Kreis um Lelizia nahe. Dr. Fr. W. Lange.
— Nacht über Sibirien. Don P. C. Et- tighoffer. (Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh. Gebunden 3,25 Mark.) — (227) — In außerordentlich spannungsvoller Erzählung berichtet dieses Buch das furchtbare Schicksal eines jungen Deutschen, der im Juli 1914 nach Rußland fährt, um dort als Vertreter seiner Firma tätig zu sein, der in Petersburg vom Kriegsausbruch überrascht wird, nicht mehr nach Deutschland zurückkehren kann und dann versucht, quer durch ganz Rußland über Sibirien aus dem schrecklichen Lande zu entkommen. Aus der auf einige Monate berechneten abenteuerreichen Flucht vor der berüchtigten Ochrana, dem Geheimdienst des Zaren, wird eine fürchterliche, jahrelange Leidenszeit, die nach dem Mih-
überrafchenden Vielfalt überaus eindrucksvoll den ganzen Lebensbereich des Soldaten und seine tiefe Verwurzelung im Volkstum durch die Jahrhunderte deutscher Geschichte lebendig werden läßt. Hier sehen wir an sorgfältig ausgewählten Beispielen die Entwicklung der Uniform von den frühesten Zeiten bis zum feldgrauen Kleid unserer Tage in zeitgenössischen Darstellungen. Für die neuere Zeit sind auch nichtpreußische Truppenteile berücksichtigt. Ein weiteres Kapitel ist der Waffe gewidmet von Feuersteinen an Speeren und Aexten, von Bronzeschwertern, Streitkolben, Partisanen und Armbrüsten bis zur Entwicklung der modernen Feuerwaffe aller Grade. Besonders hübsch sind einige Faynenbilder. Dann roerben Ausbildung und Gefecht in ihrer ganzen Vielseitigkeit gezeigt. Die große Probe des Soldaten, den Krieg, sehen wir dann in Darstellungen der frühmittelalterlichen Handschriften, in Holzschnitten, Kupferstichen und Lithographien, die vielfach als Bilderbogen von Hand zu Hand gingen, in Zeichnungen und Gemälden mit dem Auge des Künstlers gesehen und schließlich in der sachlich feststellenden desillusionierenden Art der unbestechlichen Photographie. Besonders interessant sind die hier zusammengetragenen vielfältigen Zeugnisse für die Stellung des Soldaten im Volke, Bilder aus dem Soldatenleben dreier Jahrhunderte, in denen auch der unerschöpfliche Humor unseres Volkes zu seinem Recht kommt. Hier sind sogar Neuruppiner Bilderbogen in Originalformat und in den kräftigen Originalfarben des Biedermeier wiederaegeben, ein besonders netter Gedanke, denn gerade diese zeigen ja ebenso wie Erinnerungsbilder der Reservisten, Schützenscheiben, Tabak-Etiketten, Vivatbänder usw. am besten, wie nah der Soldat dem Herzen des Volkes steht. Auch dem interessanten Kapitel „Zinnsoldaten" ist ein besonderes Bilderkapitel gewidmet. Sehr zu begrüßen ist es, daß der Bearbeiter aus seiner großen Sach künde heraus jedem Bild eine erschöpfende Erläuterung beigefügt hat, die den zeitgeschichtlichen und sachlichen Zusammenhang herstellt. So ist das umfangreiche Werk wirklich zu einem hohen Lied deutschen Soldatentums geworden, das heute in einer Zeit wiedererwachten deutschen Wehrgeistes, in einer Zeit, wo die „soldatische Haltung" unser ganzes Volk bestimmt, nicht nur in militärischen Fachkreisen, sondern überall dort des lebhaftesten Interesses gewiß sein darf, wo deutsches Soldatentum in reinstem Sinne als Lebensnerv freier deutscher Nation voll erkannt wird. Dr. Fr. W. Lange.
Mim.
— Sir George Dunbar: Geschichte Indiens von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Mit 16 Karten. Preis in Seinen gebunden 10,50 Mark. Verlag R. Oldenbourg, München. — (170) — Ueber die Geschichte Indiens haben wir eine Reihe brauchbarer Handbücher, aber unseres Wissens keines, das, wie das vorliegende, auf 400 Seiten zusammengedrängt und doch für die Mehrzahl der Leser durchaus erschöpfend die älteren Zeiten der Geschichte Indiens schildert und dabei Religion und Kultur einbezieht, ja seine Darstellung auf diesen Zweigen völkischen Lebens direkt aufbaut, aus denen heraus ja die Entwicklungslinien einer Geschichte Indiens einzig und allein voll begriffen werden können. Wenn ttotzdem diese frühe Zeit nicht einmal die Hälfte des ganzen Buches einnimmt, so wird man sagen dürfen, daß die große Vertrautheit des Verfassers mit seinem Stoff — er war fast eine Menschengeneration lang als Soldat und Beamter in Indien, später Indien-Referent im britischen Kriegsministerium, Sachverständiger der ersten Indien-Konferenz und einer der besten Kenner der Sprachen der immer noch hart um« kämpften Nordwestprovinzen — ihm erlaubt hat, aus dem ungeheuren Material das wirklich Wesentliche herauszustellen und so zu gliedern, daß sowohl die Zusammenhänge innerhalb der recht verwickel« ten Frühgeschichte Indiens klar werden wie die Verbindung zur allgemeinen Geschichte und damit auch die Einflüsse von außen: Brahmanismus und Kastengliederung der Jndoarier, die Kultur des Islam und schließlich die Europäisierung dem Leser stets bewußt bleiben. Der Verfasser ist Engländer und nicht Inder, und selbstverständlich ist seine Schilderung namentlich der neuesten Zeit in der Geschichte Indiens aus dem nationalen Gesichtswinkel seines Volkes gesehen. Das war für die vorausgegangenen großen Monographien von Trevelyan (England) und Seignobos (Frankreich) ein höchst interessanter Standpunkt. Er muß bei der vorliegenden Geschichte Indiens natürlich dahin revidiert werden, daß vermutlich vieles von einem indischen Nationalisten anders gesehen würde, wie von einem englischen Beobachter. Das darf nicht hindern festzustellen, daß Sir George Dunbar sich einer außerordentlichen Sachlichkeit befleißigt hat und sehr wohl auch die großen und schweren Probleme, vor die sich die britische Herrschaft in diesem völkisch, religiös, kulturell und politisch ungeheuer zersplitterten Lande gestellt sieht, ohne Beschönigung zugibt. So ist das Buch, dem eine Reihe ausgezeichneter Karten beigegeben sind, in der lieber- setzung des Heidelberger Indologen Heinrich Zimmer sehr wohl geeignet, aus der Kenntnis der Geschichte Indiens das Verständnis für die Vielseitigkeit der indischen Frage zu fördern.
Dr. Fr. W. Lange.
— R. H. Bruce Lockhart: Wieder in Malaya. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart. Preis in Leinen gebunden 6,75 RM. — (265) — Lockhart, ein junger britischer Divlomat, hat sich einen Namen gemacht durch zwei sehr frisch und aufgelockert geschriebene Erinnerungsbücher über seine Erlebnyse als britischer Konsul in Moskau während der bosiche» wistischen Revolution und als Diplomat, Bankmann und Journalist in den neugebackenen Staaten des Südostens. Lockhart entstammt einer alten schottischen Familie, die beträchtliche Gummiinteressen in Malaya hatte, der britischen Besitzung in Hinterindien, die wir besser unter dem Begriff Singapore oder Straits Settlements kennen. Lockhart ist als junger Springinsfeld auf diesen Gummiplantagen tätig gewesen und hat dort eine Liebschaft mit dem schönen Malayenmädchen Amai gehabt. Das liegt nun ein Vierteljahrhundert zurück, die Welt hat ein anderes Gesicht bekommen, und auch Malaya ist davon nicht unberührt geblieben, als Lockhart, einer alten Sehnsucht folgend, wieder nach Osten fährt. Aber der gereifte Mann, dem ein Leben inmitten ungeheurer politischer Spannungen den Blick geschärft hat für die Realitäten der großen Welt, bleibt nicht in romantischen Erinnerungen stecken, wenn auch die Geschichte des Wiedersehens mit Amai, die inzwischen die matronenhafte Ehefrau eines Muezzin geworden ist, menschlich nicht ohne Eindruck ist. Lockhart gibt ein sehr aufschlußreiches Bild der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in diesem Brennpunkt der Großmachtinteressen innerhalb der pazifischen Welt. Da er seine Reise auch noch auf Jnsulinde ausdehnte, hat er Gelegen- heit, interessante Vergleiche zwischen britischer und holländischer Kolonialverwaltung anzustellen, die für letztere keineswegs schlecht ausfallen. Die Schilderung Singavores, dieses riesigen Umschlagplatzes für den Handel mit Ostasien und der gleichzeitig gewaltigsten, immer noch im Ausbau begriffenen See- feftung des Empire im Osten, ist ebenso fesselnd und anschaulich, wie alles, was er über das seltsame märchenhaft anmutende Leben und Treiben der eingeborenen Sultane auf Java und Bali erzählt. Besonders interessant sind feine Mitteilungen über die nationale Bewegung in Niederländifch-Jndien, die vielleicht einmal die Kolonialpolitik vor ernste Aufgaben stellen wird. Ueberall Kampf und Angleichung zwischen modernen kolonialen Wirtschaftsformen und jahrtausendealter Sitte, zwischen europäischer Zivilisation und asiatischem Volkstum. So rollt das Buch Lockharts Probleme auf, die für die Beurteilung der weltpolitischen Lage im pazifischen Raum von höchstem Interesse sind. Daß alles aus sehr persönlichem und menschlichem Gesichtswinkel gesehen ist, gibt dem Buch seinen besonderen Reiz.
Fr. W. Lange.
— Harald Nicolson: Dwight Mor- row, Finanzmann und Diplomat in USA. Verlag Hans von Hugo und Schlotheim, Berlin, Preis fort. 7.— RM., Leinen geb. 8,50 RM. — (224.) — Der Held dieses Buches, wenn man von einem gänzlich unheldischen Buch so sagen darf, dürfte den meisten unserer Leser überhaupt nicht bekannt sein und einigen wenigen nur als Schwiegervater Charles Lindberghs, des berühmten amerikanischen Ozeanfliegers, der zuletzt bei dem Prozeß gegen die Entführer feines Kindes in aller Mund war. Aber diese sehr amerikanischen Sensationen liegen weit später, als das Ende der Lebensgeschichte, die dieses Buch erzählt. Der Verfasser ist britischer Diplomat, der sich durch politisch-biographische Skizzen über seinen Vater, den Vorkriegsbotschafter Sir Arthur Nicolson, und den britischen Außenminister Lord Curzon wie durch die Veröffentlichung seiner Erlebnisse auf der „Friedens- konferenz" von Versailles einen Namen gemacht hat. Es ist nicht ersichtlich, ob es ein Zufall war, der ihn auf Dwight Morrow stoßen ließ, einen Mann, der nur am Rande der Weltpolitik eine kurze Rolle gespielt hat und auch im öffentlichen Leben seines Londes kaum allen sichtbar hervor- getreten ist. Sei dem wie ihm wolle, Nicolson hat einen guten Griff getan, und was er aus dem ihm von der Familie und Freunden Morrows zur Verfügung gestellten literarischen Material gemacht hat, ist ein mit großem Verständnis für den Amerikaner, das amerikanische Leben und die Eigenart der amerikanischen Politik gezeichnetes, trotz des absoluten Mangels irgendwelcher Sensationen überaus eindrucksvolles und interessantes Porträt eines amerikanischen Geschäftsmannes und Diplomaten großen Stils. Morrow war Selfmademan, er entstammte einer Lehrersfamilie, die sich schlecht und recht durchs Leben schlagen mußte, aber immerhin dem Sohn den Besuch eines berühmten College ermöglichen konnte, wo Morrow Klassenkamerad des späteren Präsidenten Coolidge war, was ihm aber nebenbei gesagt in seiner Laufbahn eher geschadet hat, denn der kühle und überaus zurückhaltende Coolidge konnte sich nur sehr schwer entschließen, dem damals schon als Teilhaber des Bankhauses Morgan hoch angesehenen Finanz- und Wirtschaftspolitiker ein öffentliches Amt zu übertragen. Auch die Verbindung mit Morgan, die er nach Vollendung seiner juristischen Studien und nach erfolgreicher Tätigkeit als Gesellschaftsanwalt knüpfte, sollte ihm für seinen Eintritt in den diplomatischen Dienst nur
Deutsche Erzähler.
— Im Lebensweiser-Derlaa Pfister und Schwab, Gettenbach bei Gelnhausen, sind zwei Prosabücher von Wera Wagenschein herausgekommen, auf die wir unsere Leser Hinweisen möchten: Bereits vor einiger Zeit erschien die „Südliche Insel" (51 Seiten. Kart. 1,80, Seinen 2,50 RM. — 272 —) Dies sind pastellhaft zarte Aufzeichnungen, Betrachtungen und Erinnerungsbilder von einer Reife an übliche Gestade, mit klaren, für Farbe und Atmosphäre geschärften Sinnen und empfindlichem Gefühl aufgenommene Augenblickseindrücke: Meer und Strand, ein altes Fischernest und die Berge bilden die landschaftliche Szenerie, deren eigenes Beben den Besucher und Beschauer so beschwört und gefangen nimmt, daß die Erzählerin jeglicher „Handlung" im alltäglichen Sinne entbehren kann. Ein paar Kinder, Fischer und Hirt, Delphine und Schmetterlinge, eine Ziege, ein Eselchen bilden das ganze Personal, die gesamte Staffage, und dies genügt schon, um den Befer des kleinen Buches Duft und Glanz, die sommerliche Fülle und Einsamkeit einer fernen und beglückenden Band- schaft empfinden zu lassen. — Das zweite Buch ist jetzt erschienen: es heißt „Ein Kind erzählt" (150 Seiten — 271 —) und dürfte hier besonderem Interesse begegnen, da es in Gießen spielt und von zahlreichen Menschen und Oertlichkeiten handelt, die jedem alten Gießener sehr vertraut fein werden. Frau Wagenschein, eine Tochter des verstorbenen Professors Biermer und selbst gebürtige Gießenerin, berichtet hier Erinnerungen und Erlebnisse aus den ersten Bebensjahren: „In 'diesen Bildern aus einer stillen Kindheit war es mein Ziel, nur die Wirklichkeit darzustellen, so genau und einfach wie möglich und in der Sprache des Kindes ..Es ist der Erzählerin in der Tat gelungen, sich völlig zurückzuversetzen in den Zustand der Frühe, des tastenden Bebensbeginns, und keine fälschende Reflexion aus der bewußter zurückschauenden Welt des Erwachsenen in die Schilderung einbringen zu lassen: so entstand das Bild einer kleinen, stillen, engen, sehr befriedeten Welt; Reich und Umkreis und Erlebnis eines sehr jungen Menschen noch vor dem Stadium eigentlicher Menschwerdung: alles ist noch früh und frisch, unschuldig und von Geheimnissen umgeben. Was diese Schilderungen, die sich vieler Namen und Redewendungen aus der kindlichen Phantasie bedienen, über die Sphäre rein privater und familiärer Aufzeichnungen hinaushebt, ist weniger der Umstand, daß vielen Be- fern das meiste von dem, was da berichtet wird, aus eigener Anschauung ober Erinnerung geläufig sein wird, — als vielmehr die Ueberlegung, daß hier in sehr persönlich empfundenen Eindrücken und Beobachtungen doch manches eingefangen und gespiegelt wird, was uns von allgemeinerer Gültigkeit für die Erkenntnis und Würdigung kindlichen Seelenlebens und kindlicher Phantasie zu fein scheint. — Beide Bücher sind von der Verfasserin mit eigenen Zeichnungen und Umschlagentwürfen anziehend ausgestattet. Hans Thyriot.
— Erwin H. Rain alter: Die Botin. Erzählung. Mit Holzschnitten von Fritz Stein und einem autobiographischem Nachwort. (Nr. 7366.) Kart. 35 Pf., Künstlerpappband 75 Pf., Meisterband (Ganzleinen) 1,— RM. Philipp Reclam jun., Verlag, Beipzig. — (171) — Die alte Botenleni aus den teirischen Alpen hat dem Dichter Rainalter ihre änderbare Bebensgeschichte erzählt, nun erzählt er ie weiter in derselben schlichten, treuherzigen Art. Eigentümlich sind Humor und Tragik, guter und schlechter Ausgang in dieser Erzählung verknüpft. Die urwüchsigen Gestalten dieser Dichtung hat der junge Künstler Fritz Stein in seinen Holzschnitten zu lebendigster Anschauung gebracht.
— Gorch Fock: Das schnellste Schiff der Flotte. Seegeschichten. Mit einem Nachwort von Aline Bußmann. (Nr. 7369.) Kart. 35 Pf. Philipp Reclam jun., Verlag, Beipzig. — (172) — Gorch Fock, der Dichter und Seemann, der in der Skagerrak-Schlacht den Heldentod starb, kommt in diesem Bändchen mit einigen seiner schönsten Erzählungen zu Wort. „Seefahrt ist not" — dieser alte Wahl- spruch der Fahrensleute schwingt durch das ganze Werk des Finkenwärders, der aus eigenem, unruhigem Seemannsblut seine knorrigen Gestalten mit Beben füllte. Hier ist alles echt und erlebt, die Lust an Fahrt und Abenteuer, der köstliche, trockene Humor des Hanseaten, die stets gegenwärtige Tragik des Seemannstodes verweben sich zu bunten und erschütternden Schicksalen.
Geschichte.
— Piero Misciatelli: ßetijia Bonaparte, Napoleons Mutter in ihren Briefen. Mit einer Biographie von Octave Aubry und 17 Bildern. Preis in Seinen geb. 7,50 Mark. Verlag Eugen Rentfch, Beipzig C I. — (223). „Nach Napoleon ist feine Mutter die größte Gestalt in der Familie Bonaparte", so beginnt Octave Aubry, der durch Bücher über den Tob Napoleons auf St. Helena und den Sohn des Kaisers bekannte Forscher, seine Biographie der Madame Mere, und man darf nach dem Studium ihrer Briefe unbe- denklich hinzufügen: sie war die menschlich anziehendste Erscheinung im Kreise der Bonaparte, weil sie niemals etwas anderes sein wollte, als ganz sie selbst, eine Frau und Mutter von großem echtem Gefühl für Haltung und Würde, die fehr wohl die Einmaligkeit ihres großen Sohnes erkannt hatte, aber auch die Gefahren, die ihn umlauerten und die ihm auch aus dem Schoß der eigenen Familie drohten. Immer hat sie zur Versöhnung geredet, als es bald Mitzhelligkeiten und Verstimmungen zwischen dem kaiserlichen Bruder und den anspruchsvollen Geschwistern gibt, die wohl ihren Anteil an Reichtum und Würden begehren, aber allermeist zu wenig Ehrgeiz besitzen, um auch die Basten ihrer neuen Stellung auf sich zu nehmen. Im dunklen Gefühl kommenden Unheils gibt Madame Möre ihrer sparsamen haushälterischen Natur nach und legt zurück, was sie erübrigen kann. An sie wird man sich halten, als der Zusammenbruch des Kaiserreichs und das flotte Beben der Bonapartes den mühelosen Einkünften ein schnelles Ende machen. Die Briefe Betizias geben einen sehr unmittelbaren Eindruck der großen Zeit in all ihren erstaunlichen Wandlungen. Ergreifend sind ihre Bemühungen um eine ßinöerung des Boses des (9e- angenen von St. Helena und ihr erfolgloses Ringen um die Auslieferung seines Beichnams. Ihr tarier Charakter, der an die Frauen des alten Roms erinnert und vielleicht als einziger aus dem großen Kreis der Bonapartes wirklich hineinpaßt in das Idealbild altrömischer Renaissance, bas Na-


