deutschen Handwerkerstandes ist, sagt der alte Zedier vor 200 Jahren: „Hand-Werck ist eigentlich eine Wissenschaft, so man mit Fleiße erlernet hat, aus einer gewissen Materie allerlei) im menschlichen Leben nöthige und nützliche Dinge durch die Hand M verfertigen. Von solcher Wissenschafft saget man im gemeinen und wahren Sprichworte: Ein Handtwerck hat einen goldenenBoden, das ist: einem Handtwercksrnann kann es nicht am Drode fehlen." Halten wir neben dieses 1735 geschriebene Wort eine Mahnung des Wirtschaftsgeschichtlers W. Stieda für unsere Zeit. Er sagt zutreffend: „Die meisten außerhalb des Handwerkes Stehenden machen sich nicht klar, daß zur gedeihlichen Ausübung eines Handwerkes viel Nachdenken und geistige Ueberlegung, räumliche Vorftellungs-
fähigkeit, plastisches Schauen, feiner künstlerischer Geschmack und Kompositionsgefühl nötig sind."
Solche Worte sind geeignet, eine Generation, die geneigt ist, die „Uebertechnik" zu verherrlichen, auf die stille Grundlage alles Werkschaffens hinzuweisen — auf das Handwerk. Rechte Achtung vor der uralten Werkkunst ist die Grundlage auch weiteren technischen Aufstiegs. Denn, wie überall auf den Gefilden menschlicher Arbeit unsere Altvordern uns das Handwerkszeug und Gedankengut zu weiterem Aufbau vererbten, so ist auch unser weiterer Aufstieg um so sicherer und verheißender, je bewußter wir an die Elemente jener vieltausendjährigen Vorarbeit anknüpfen und uns das zu eigen machen, was Deutschlands Namen in der Welt klingend macht: Treue selbst im Kleinen, Ausblick ins Weite und Selbstbewußtsein ohne Ueberhebung.
Anfang 1936 erhielt die Agrarpolitik Roosevelts, die eine Abkehr von den bisherigen Methoden bedeutete, durch eine Entscheidung des Obersten Bundesgerichts einen schweren Schlag. Das grundlegende Agrargesetz wurde für ungültig erklärt, weil die Bundesregierung die ihr von der Verfassung des Jahres 1789 gezogenen Grenzen über- schritten hatte. Das schon einige Wochen später beschlossene Bodenerhaltungsgesetz, das jetzt die Grundlage der Agrarpolitik bildet, sucht ähnliche Ziele unter Anpassung an die durch die Der» fassungsrechtliche Lage gegebenen Umstände zu erreichen. Die neuen agrarpolitischen Maßnahmen
werden von dem Gedanken der Bodenerhaltung be- herrscht. Die Staubstürme, Ueberschwemmungen und Bodenwegwaschungen haben den Gedanken von der Notwendigkeit einer anderen Bodenpolitik gestärkt. Das Hauptziel ist neuerdings eine auf Dauer eingestellte Bodennutzung, an die man noch vor wenigen Jahren nicht dachte. Damit verbindet sich das Ziel einer Lenkung der Erzeugung im Sinne des volkswirtschaftlichen Bedarfs. Wir erkennen in diesen beiden Zielen, deren Verwirklichung sich wahrscheinlich große Schwierigkeiten entgegenstellen, eine Wandlung der geistigen Grundlagen der amerikanischen Agrarpolittk.
Das Hochwasser in Lonisville.
Hat Amerika wieder Hoffnung?
Von Or. Friedrich Sohn.
XII.
Wandel der Agrarpolitik.
Auf unserem Weg durch 14 amerikanische Staaten und eine kanadische Provinz lernten wir viele Fragen kennen, die in der Agrarpolitik eine Rolle spielen müssen. Meine Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1930/32, als ich dieses Land der Widerspräche eingehend kennenzulernen suchte, und die Erinnerung an meine damaligen Erlebnisse geben mir die Möglichkeit, immer wieder Vergleiche anzustellen. Vollzieht sich in der amerikanischen Agrarpolitik ein innerer Wandel, indem man an die Lösung großer und grundsätzlicher Probleme herangeht? Auf diese Frage wollen wir im folgenden eine Antwort suchen.
Die Agrarpolitik der Vereinigten Staaten hat sich in der Vergangenheit im wesentlichen damit begnügt, das Land z u verteilen. Bei dieser Lanooerteilung, die seit 1862 auf Grund des Heimstättengesetzes erfolgte, war die Gründung von F a • milienwirtschaften das Ziel. Die weitere Entwicklung überließ man dem Schicksal und den Kräften, die sich aus der freien Konkurrenzwirtschaft ergaben. Bei der Fülle des verfügbaren Landes und den gewaltigen, unausgenutz^en Erzeugungsmöglichkeiten wäre es absurd gewesen, sich über das Schicksal der Enkel den Kopf zu zerbrechen. Der uneingeschränkte Konkurrenzkampf zwang dazu, an die Gegenwart zu denken. Man strebte danach und war auch durch das ganze Wirtschaftssystem dazu gezwungen, so billig wie möglich zu erzeugen.
In vielen Fällen ließen es die durch den Wettbewerb herabaedrückten Preise nicht einmal zu, die für die Aufrechterhaltung der Erzeugungsfähigkeit notwendigen Aufwendungen zu machen. Solange noch genügend jungfräulicher Boden zur Verfügung stand, war es möglich, die Grundsätze einer ordentlichen Wirtschaft zu vernachlässigen. Die landwirtschaftliche Erschließung Nordamerikas, die heute im großen und ganzen beendet ist, war eine Epoche, in der man von den Reichtümern der Natur zehrte, ohne an einen Wiederaufbau zu denken. Die gewaltige Arbeit, die im Pionierzettalter geleistet wurde, galt der Erschließung der Quellen. In kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wird man dafür sorgen müssen, daß diese Quellen weiterfließen.
Kein Abschnitt der amerikanischen Agrargeschichte zeigt den Wandel in der Agrarpolitik so deutlich wie die Amtszeit Hoovers und Roosevelts. Unter der Präsidentschaft Hoovers erreichte d i e Weltagrarkrise einen Höhepunkt. Die Wirtschaftslage, die von 1925 bis 1929 vorübergehend einigermaßen zufriedenstellend war, verschlechterte sich von Monat zu Monat und endete am Schluß der Hoover-Periode mit einem Starrkrampf. In der Landwirtschaft herrschte völlige Verzweiflung, die Banken waren geschlossen, ganze Landschaften hätten damals bares Geld draufzahlen müssen, wenn sie ihre Erzeugnisse weiterhin an den Märkten hätten absetzen wollen. Für die entfernten Erzeugergebiete wurden durch die Erlöse die Absatzkosten nicht mehr gedeckt. Die Mittel, mit denen Hoover die Wirtschafts- und Agrarkrise zu bekämp
fen suchte, entsprachen einer Auffassung, die heute auch in USA. als überwunden ober doch wenigstens teilweise überwunden gelten darf.
Die Agrarpolitik Hoovers suchte einen Ausweg aus der immer schwierigeren Lage durch Maßnahmen zur Preis st abilisierung. Mit staatlichen Geldern wurden große Mengen von Nahrungsmitteln aus dem Markt genommen, deren preisdrückender Einfluß dadurch aber keineswegs beseitigt wurde. Die notwendige Anpassung der Erzeugung an den Bedarf wurde dadurch sogar erschwert. Man glaubte, durch eine Förderung der Absatzgenossenschaft die Lage der Landwirtschaft erleichtern zu können. Die Möglichkeiten, auf Öwern Weg weiterzukommen, waren aber nur be- chränkt, da man nur einen Teil der Erzeuger er- afjte und die Außenseiter immer wieder störend wirkten. Die Unterstützung der Genossenschaften mit Staatsgeldern brachte die Gefahr einer ungesunden Aufblähung dieser Selbsthilfeorganisationen mit sich, sie führte außerdem dazu, daß sich der Privathandel immer mehr als ein Störungsfaktor einschaltete.
Hoovers Nachfolger Roosevelt beschritt neue Wege. Ein Hauptziel seiner Agrarpolitik war die Anpassung der Erzeugung an den Bedarf. Man hatte inzwischen eingesehen, daß ohne Erzeugungslenkung ausreichende Preise für die Landwirtschaft nicht erreicht werden konnten. Durch das freie Spiel der Kräfte ließ sich aber die Anpassung nicht erreichen. Die Farmer konkurrierten sich gegenseitig nieder und schädigten in ihrem Streben nach Kostensenkung durch die rücksichtslose Ausplünderung des Bodens das nationale Vermögen. Die Ordnung der Erzeugung sollte daher die Voraussetzung für eine Gesundung der Mächte bilden. Innere Marktreformen, wie wir sie in Deutschland durchführen, hatten bei dem ausgesprochenen Liberalismus der amerikanischen Wirtschaftler nur wenig Aussicht auf Erfolg.
Die Lenkung der Erzeugung geschah durch den Abschluß von Verträgen einer neugeschaffenen Agrarverwaltung und den einzelnen Erzeugern über Ankauf lächenbeschränkung und andere innerbetriebliche Maßnahmen. Die Farmer wurden für ihre Mitarbeit durch Prämien belohnt, für die man die Mittel durch eine Besteuerung der im Inland verbrauchten Agrarerzeugnisse aufbrachte. Durch diese Maßnahmen sind im Jahr 1935 allein 12 Millionen Hektar Land anderen Verwendungszwecken zugeführt worden. In der Zeit von 1933 bis 1935 wurden Prämien im Werte von 1,2 Milliarden Dollar an die Landwirtschaft aus» gezahlt. Verschiedene ergänzende Gesetze führten für Baumwolle, Kartoffeln und Tabak den Gedanken der Anbauflächenbeschränkung noch weiter. Marktablieferungen, die ein bestimmtes Kontingent überschritten, wurden z. B. bei der Baumwolle mit einer besonderen Steuer belegt. Die Maßnahmen Roosevelts trugen dazu bei, die Erzeugung in der Richtung des volkswirtschaftlichen Bedarfs zu lenken. Man darf aber nicht übersehen, daß die ^Beseitigung der preisdrückenden Ueberfchüsse in der Hauptsache durch die Natur hervorgerufen wurde und daß die erhebliche Besserung der Sage der Landwirtschaft auch noch auf Gründe zurückgeht, die nichts mit der Agrarpolitik zu tun haben.
Das Haus des W erf tb ür o s an der Uferstraße nach Cineinnati stand vier Meter unter Wasser. — (Associated-Preß-M.)
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Oie Bodenspekulation schachmatt gesetzt.
Von p. Oramburg.
V. A. Als im Oktober 1933 das Reichserb- hofgefetz verkündet wurde, war ein entscheidender Schlag gegen die Bodenspekulation geführt, denn die nationalsozialistische Forderung nach Beseitigung spekulativer Ausbeute des Bodens und Aufrichtung eines deutschen Bodenrechtes war damit für den Teil des Bodens zur Verwirklichung gekommen, der sich in der Hand des Bauerntums befindet. Indem man den bäuerlichen Grund und Boden dem Kapitalismus entzog und feine Unverkäuflichkeit für alle Zukunft festlegte, machte man ihn frei für feine eigentliche Aufgabe, das tägliche Brot des deutschen Volkes hervorzubringen. Sein kapitalistischer Wert und die vielfachen Möglichkeiten für dessen Veränderung mit Hilfe der kapitalistischen Spielregeln waren von nun an völlig nebensächlich. Aus einem Objekt profitgierigen Schachers war die unantastbare Grundlage für die Sicherung der Ernährung des deutschen Volkes geworden.
Aber nur der Teil des deutschen Bodens, der in der Hand des Bauerntums lag, wurde der kapitalistischen Nutzung völlig entzogen, der andere Teil — er umfaßt weit über die Hälfte der land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen des Reiches — lag nach wie vor dem freien Grund stück- verkeyr offen. Dabei wirkte die Tatsache, daß der Grundstücksmarkt durch das Reichserbhofgesetz stark eingeschränkt worden war, sofort auf die Bodenpreise zurück; denn die Spekulation versuchte,
mit steigenden Bodenpreisen durch erhöhte Profit- gewinne die Einengung ihres Geschäftes nachhaltigst auszugleichen. Diese Erscheinung machte sich vor allem bei den Preisforderungen für einzelne Landstücke und Parzellen bemerkbar. Die Käufer solcher Ländstücke sind zum größten Teil kleine und kleinste landwirtschaftliche Betriebs- inhaber, die durch den Zukauf von Land ihren Betrieb leistungsfähiger und wirtschaftlich unab- hängig zu machen suchen. Diese Zwangslage nutzte die Bodenspekulation, um Preise zu verlangen und meist auch zu erhalten, deren Höhe zu dem Wert des Bodens kein Verhältnis hatte. Diese Tatsache aneben anderen Fällen von grobem Tti-y
h landwirtschaftlicher Grundstücke, daß noch immer ein Teil des deutschen Bodens nach r n kapitalistischen Grundsätzen ausgenutzt wurde, unö daß seine Inhaber sich der Aufgabe in keiner Weise bewußt waren, die sie mit dem Besitz von landwirtschaftlichem Grundeigentum dem deutschen Volk zu erfüllen haben.
Bereits im März 1918 wurde durch eine Bundesratsverordnung eine Beschränkung d e s freien Grundstücksverkehrs vorgenommen. Aber diese Verordnung war nur zu sehr ein Spiegelbild der Halbheit und völligen Haltlosigkeit der damaligen Regierung; sie war nämlich nur anwendbar auf die übelsten Spekulantenkniffe, an dem Grundsatz des freien Grundstücksverkehrs aber wagte sie nicht zu rütteln. Mit dem neuen ® e •
Zwischen Himmel und Hölle.
Von Wilhelm von Scholz.
Haben manche Menschen einen guten Stern? Einen Schutzengel? Sicherlich! Aber es ist oft bitter schmerzhaft, wenn der gute Stern oder der Schutzengel helfen müssen.
Das kleine Landstädtchen, das für den Umkreis der Flecken und Dörfer Markt und Geschäftsmitte ist, in dem die Nebenbahn endet und der alte Gasthof steht — in dem so gut die gelegentlich anwesenden Vertreter höherer Behörden wie die Geschäftsreisenden abfteigen — verdämmert eben im trüben kalten Winterabend. Die Straßen, auf welche schon erhellte Schaufenster und sonst ein paar Fenster Lichtstreifen werfen, sind leer. Ein Bauer, der Dung auf seine Aecker hinausgefahren hat, wendet in eine dunkle Nebenstraße ein. Ein Waldarbeiter mit Rucksack und Pfeife geht quer über den Marktplatz, ein Junge läuft mit Pantinen um ein Hauseck.
Dann kommt auch der Apotheker Mertens durch eine der Straßen, die von Wald und Feld in die zum Städtchen gesammelte abendliche Heimlichkeit hereinführen, mit seinem schweren Schritt auf den Marktplatz gestapft und geht auf seine Apotheke zu. Er hat heute Nachtdienst, deshalb sich am Nachmittag durch seinen Gehilfen vertreten lassen können, und hat einen weiten Spaziergang durch das winterliche Land gemacht.
Er ist traurig und herabgestimmt. Seine Zwillingsschwester — sein einziges noch lebendes Geschwister — ist seit Wochen schwerkrank. Er war zu ihr gereift, konnte aber bei der Langwierigkeit der Krankheit nicht bleiben und ließ seine Frau zur Hilfe bei der Erkrankten. Einen Tag um den anderen erhielt er Nachrichtell; sie verschlechterten sich und waren bedrückend, weil sich keine Spur einer Besserung zeigen wollte. Er litt tief darunter, miet) seinen Stammtisch, grübelte und grübelte, so daß er oft nicht mehr wußte, wo er war, was er zu tun hatte. Selbst auf Spaziergängen, zu denen ihn fein Gehilfe besorgt anhielt, versank er ganz aus der Wirklichkeit.
Als der nach Hause gegangen war, wollte Mertens die späten Abend- und elften Nachtstunden aufbleiben und lesen. Aber Seelenkummer macht müde und spannt die Nerven ab. Es mochte kaum einhalb eti Uhr sein, als er doch das Buch zuklappte unö, zum^l noch keiner die Nachtglocke gezogen hatte, zu Bett ging.
Er wußte nicht, wieviel Uhr es war, als es schellte; aber er wußte erwachend, daß es schon mehrmals in seinen Schlaf geschellt haben mußte.
Er öffnete das Fensterchen in der Tür und nahm ein Rezept entgegen. Eine Morphiumlösung war verlangt, in einer der üblichen Dosierungen. Er las nicht einmal die Unterschrift des Arztes, die ihm mit ihrem verworrenen Schriftzugbild oertraut war, aber nicht in fein Bewußtsein trat.
Am Giftschrank füllte er ein Medizinfläschchen, wickelte das Rezept darum und gab dann beides dem wartenden Manne, dessen mattbrennende Radlaterne er jetzt erst bemerkte. Der Radfahrer schien es eilig zu haben. Noch ehe Mertens das Fensterchen geschlossen hatte, fuhr sein zitternder Lichtschein am Boden schon drüben beim Rathaus.
Mertens tappte zurück, sah, als er die Treppe in den Oberstock hinaufsteigen wollte, daß er den Giftschrank noch nicht zugemacht, an dem sein Schlüsselbund hing. Während er ihn abzog, träumte er schon wieder, ward aber durch das Glas gewahr: die Flaschen standen in anderer Reihenfolge als gewöhnlich. Was war bas? Es überlief ihn heiß und kalt. Er öffnete die Tür — die Flaschen standen anders als sonst. Die unverdünnte Losung stand an der Stelle, wo er stets die übliche Gebrauchsmischung aufzubewahren pflegte. Ums Himmelswillen! Hatte er nicht dem Radfahrer von der unverdünnten Lösung gegeben? Den Tod mitgegeben für den Kranken? Eine Gabe — wie der Patient Drei nehmen sollte — genügte, ihn zu töten. Ums Himmelswillen! Was nur tun?
So sehr sich der Apotheker den Kopf zersann, er wußte nicht den Ort, aus dem der Mann war, noch den Arzt, dessen Unterschrift er eben in der Hand gehalten hatte. Was nur tun?
Fliegenden Herzschlags überdachte er alle Möglichkeiten: Wagen des Gasthofs ja aber wohin damit fahren? Jede Meile in falscher Richtung brachte ihn nur weiter fort von dem Unglück, das er wahrscheinlich anaerichtet, bei dem der Arzt möglicherweise seine Hilfe brauchen würde. Durste er überhaupt die Apotheke allem lassen? Wenn eilig etwas benötigt wurde! Die Fernsprechstellen auf den Dörfern aber, um etwa herumzufragen, hatten jetzt keinen Dienst.
Sinnlos, aussichtslos alles! Der Apotheker läßt die Hände in den Schoß sinken und starrt vor sich hin. Nun ist es aus. Schande, Gefängnis, ewige Selbstvorwürfe, wirtschaftlicher Untergang. Wie soll den seine Frau tragen!
Da läutet das Telephon.
Schon, denkt Mertens, schon! So schnell. Und wie haben die Leute auf dem Dorfe denn nachts die Verbindung bekommen?
Er roaat es kaum — aber bann nimmt er entschlossen oen Hörer ab und meldet sich. Da ver
nimmt er die Stimme seiner Frau: Er solle nicht böse sein, daß sie nachts anrufe, aber sie müsse ihn sprechen —
Er erschrickt wieder, obwohl die Stimme seiner Frau eigentlich nicht traurig klingt, hört —
daß eine Krisis eingetreten sei am späten Abend, daß sie den Arzt noch hätten rufen lassen, und daß der festgestellt, es fei zum erstenmal eine unzweifelhafte Besserung zu erkennen, das Herz arbeite zum erstenmal wieder ruhia und gleichmäßig; es würde jetzt bergauf gehen, Der Heilung entgegen. Das hätte sie ihm gleich sagen müssen.
„Schön, schön!" antwortet Mertens, „das ist schön. Ich danke dir, daß du angerufen hast!" Und er denkt: Entsetzlich! Daß ich nun in dies Glück mit meinem Unglück kommen und alles wieder zerstören muß!
Er hat abgehängt. Er weiß nicht mehr, was er noch gesagt hat, aber er ist nun viel verzweifelter als vorher. Jetzt, bas fühlt er, muß er ein Ende machen, er erträgt es nicht. Er geht an den Gist- schrank, öffnet und muß wieder denken: Aus welcher Flasche hast du genommen? Gleich darauf: Das ist nun nicht mehr zu klären, zu ändern; es kommt darauf an, aus welcher ich jetzt nehme.
Er faßt die Flasche mit der ungemischten Lösung — und im Augenblick des Berührens, als habe er damit einen elektrischen Kontakt geschlossen, schellt die Nachtglocke.
Auch der Mensch, der sich den Revolver schon an die Stirn gesetzt hat, würde sein letztes Tun unterbrechen, wenn das Telephon anschlüge, den Hörer abnehmen und sich melden, als wäre er noch richtig auf der Erde —
So Mertens. Er geht an die Tür, öffnet die Klappe, fragt, was man will und hört eine Stimme, die ihm bekannt vorkommt, sieht hinaus, erkennt den Mann, der das Morphium geholt hat, erwartet das Furchtbare zu vernehmen — und vernimmt Entschuldigungen, daß er nochmals stören müsse. Er sei mit dem Rad auf einen Wagen aufgefahren, der unbeleuchtet auf der Straße gestanden, gefallen und habe das Fläschchen in der Tasche zerbrochen. Ob der Herr Apotheker so gut sein wolle, das Rezept nochmals anzufertigen, obgleich er kein zweites Geld da habe?
Es brauchte lange,, bis Mertens antworten und rufen konnte: „Gern, gern, lieber Mann! Den Unfall sollen Sie nicht entgelten!"
Als er nach der Genesung seiner Schwester seiner heimgekehrten Frau den Vorfall erzählte, schloß er: „Es sind nur ein paar Nachtstunden gewesen. Aber sie haben genügt, mich in Hölle und Himmel zu führen."
Eichelhäher über Ostpreußen.
Ein eigenartiges Naturereignis, ein Tiaffenein- fall von Eichelhähern aus dem Nordosten, wurde im letzten Herbst in Ostpreußen beobachtet. In den ersten Septembertagen zogen einzelne Häher über die Nehrung dahin, bis Mitte September verdichtete sich der Zug immer größeren Schwärmen, und von Mitte September ab konnte man in wenigen Minuten Hunderte von Eichelhähern südwärts ziehen sehen. Tausende und aber Tausende dieser auffallenden Vögel haben seitdem die Nehrung überquert. Die Frage, wie solche Massendurchzüge zu erklären sind, sucht die Leipziger „Jllustrirte Zeitung" zu beantworten. Man hat die Witterungs» Verhältnisse für das Einsetzen solcher MasseneinMe verantwortlich machen wollen, aber nach den Beobachtungen, die auf der Vogelwarte in Rossitten gemacht wurden, scheinen diese doch von geringem Einfluß zu sein. Ferner zieht man die Ernahrungs- verhältnisse zur Erkläung heran. Mqn weiß, daß das Eindringen der Rauhfußbussarde in großer Zahl meist nach Sommern einsetzt, in denen die Lemminge, eine kleine Nagetierart, die die Hauptnahrung der Bussarde darstellen, sich stark vermehrt haben. Dadurch haben auch die Raubvogel größere Gelege hochgebracht, und die Verknappung der Nahrung infolge dieser Vermehrung nötigt die Raubvogel zum Verlassen ihrer Heimat. Beim Eichel' Häher läßt sich jedoch eine solche Erklärung nicht geben; ihre Lieblingsnahrung sind Eicheln, und außerdem ist ihr Speisezettel so vielseitig, daß sie kaum in große Not geraten können. Man nimmt daher an, daß ihre Massenzüge irgendwie physiolo' gisch bedingt sind, aber über die Umwelteinflüsse, die diese Wanderreize auslösen, wissen wir noch nicht Bescheid, und die Vogelwarte Rossitten hat die deutsche Jägerwett und alle Naturfreunde ge' beten, Beobachtungen über Öen Zug öer Eichelhäher mitzuteilen. C K
Zeitschriften.
— Daß es auch in Japan vorzügliche Skigebiete und seit einigen Jahren auch eine „Wintersport- bemegung" gibt, beweist ein Beitrag mit anschaulichen Bildern im neuesten Heft der „Jllustrir- t e n Zeitung Leipzig" (Verlag I-I .Weber, Leipzig). Prächtige Aufnahmen zeigen altstänkische Bauerntrachten die zu den schönsten Trachte» Deutschlands zählen und wenig bekannt sind. Aus Anlaß des 350. Jahrestages Der Hinrichtung der Königin Maria Stuart schildert Dr. Kurt Pfister an Hand neuer Aktenveröffentlichungen die Tragö« die oer Schottenkönigin.


